English Version

Erwin Bücken SJ
"Schmeißt sie raus, wir brauchen sie nicht!"
Gedenken an die "Entlassung" der Jesuiten-Soldaten

Während man sich zum 60. Jahrestag nach Ende des Krieges und der NS-Diktatur allseits um ein ausgewogen umfassendes Gedenken bemühte, gibt es noch immer keine gemeinsame Überlieferung über die "Entlassung" Hunderter von Jesuiten-Soldaten. Zwei Aussagen stehen einander gegenüber:

Dokumentarisch nachweisbar erging im Mai 1941 ein Geheimbefehl Hitlers, dass alle zum Militär eingezogenen Jesuiten aus dem aktiven Wehrdienst zu entlassen und als "n.z.v." (nicht zu verwenden) in den Beurlaubtenstand zu überweisen seien, d.h. - wo der Unterschied beachtet wurde - je nach Alter in die Landwehr II oder in die Ersatzreserve II.

Ungeachtet dessen kann man nach wie vor lesen und hören, die Jesuiten seien auf Geheimbefehl Hitlers "wegen Wehrunwürdigkeit aus der Wehrmacht entlassen worden", also nicht nur als "n.z.v." und nicht nur aus dem aktiven Wehrdienst.

Für die einen ist die Auseinandersetzung mit dieser "Wehrunwürdigkeits-These" ein belangloser Streit um Worte. Für andere geht es nur um eine längst widerlegte historische und juristische Legende, die man vergessen könne und die außerdem den Jesuiten nicht zur Ehre gereiche. Für die unbeirrten Vertreter der Wehrunwürdigkeits-These geht es um die Interpretation, was der eigentliche Beweggrund Hitlers und die gefahrvolle Folge seines Geheimbefehls gewesen sei, um die Einschätzung, dass es den Jesuiten geradezu zur Ehre gereicht habe, von solch verbrecherischen Machthabern für wehrunwürdig gehalten zu werden.

Es ist bedauerlich, dass diesbezüglich noch keine einheitliche Überlieferung und Sprachregelung gefunden wurde. Deshalb soll versucht werden, die scheinbar unvereinbaren Auffassungen einer möglichst für alle einseh- und annehmbaren Überlieferung näherzubringen und deutlich zu machen, welche Bedeutung der Geheimbefehl Hitlers für die moralische Rechtfertigung der entlassenen Jesuiten in Wirklichkeit hatte.

 

Zu den Tatsachen

Von den 537 deutschen und 114 österreichischen einberufenen Jesuiten wurden im Laufe der Kriegsjahre 343 deutsche und 62 österreichische in den Beurlaubtenstand überwiesen; nicht überall kannte bzw. beachtete man den Geheimbefehl und/oder die Ordenszugehörigkeit der Jesuiten.

Der Geheimbefehl Hitlers erfolgte im Rahmen des damaligen Wehrgesetzes:

  • Die befohlene Überweisung in den Beurlaubtenstand und die Überweisungsbegründung "n.z.v." waren im geltenden Wehrgesetz ausdrücklich als möglich vorgesehen und galten nicht als entehrend.
  • Eine solche Überweisung in den Beurlaubtenstand war keine Entlassung "aus der Wehrmacht (=aus dem Militär)", sondern nur "aus dem aktiven Wehrdienst", so dass die "entlassenen" Jesuiten weiterhin Mitglieder der Wehrmacht, also Soldaten blieben, nur eben im Beurlaubtenstand!

Das Wort "Wehrunwürdigkeit" gab es bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und des neuen Wehrgesetzes 1935 im Deutschen nicht und gibt es seit Kriegsende wiederum nicht mehr. "Wehrunwürdigkeit" wurde erstmals 1935 für das Wehrgesetz geprägt, nicht als direkter Wertbegriff, sondern als strafrechtlicher Begriff für den Ausschluss von der Wehrpflicht aufgrund schwerwiegender Verbrechen, vor allem wegen staatsfeindlicher Betätigungen, mit entsprechend drakonischen strafrechtlichen Folgen, z.B. Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und der Wehrwürdigkeit sowie völliger Ausschluss aus der Wehrmacht (=aus dem Militär) und anschließend wehrunwürdigkeitsgemäße Maßnahmen.

Dem Wehrgesetz entsprach allgemein die Durchführungspraxis:

  • Die wegen Wehrunwürdigkeit militärgerichtlich Verurteilten wurden niemals in den Beurlaubtenstand überwiesen, sondern immer entehrend von der Erfüllung der Wehrpflicht, d.h. von der Wehrmacht (=vom Militär) total ausgeschlossen - also ganz im Unterschied zur Überweisung der Jesuiten!
  • Die Wehrunwürdigen erhielten bei Ausschluss vom Militär nur einen Ausschließungsschein, niemals aber den Wehrpass zurück - im Unterschied zu den Jesuiten, die ihn mit der Eintragung "n.v.z." zurückerhielten!
  • Die Wehrunwürdigen wurden wegen der unehrenhaften Entlassung unter anderem vom Universitätsstudium ausgeschlossen - wiederum im Unterschied zu den Jesuiten!

In einem offiziellen Schreiben vom Oberkommando des Heeres/Berlin an P. Georg Deichstetter (19.5.1942) heißt es: "Ihre Entlassung, die auf einer Entscheidung des Führers beruht, hat weder eine Ehrminderung noch eine Beeinträchtigung Ihrer Wehrwürdigkeit zur Folge." - Eine noch ausdrücklichere Widerlegung der Wehrunwürdigkeits-These von höchster Stelle ist nicht denkbar.

 

Zur Interpretation

Wenn man "Wehrunwürdigkeit" als Grund für die Entlassung der Jesuiten "aus der Wehrmacht" ausgibt, dann muss jeder, der die Worte in ihrer authentischen wehrrechtlichen Bedeutung kennt, das so verstehen, als seien die Jesuiten wegen schwerster Verbrechen zur Wehrunwürdigkeit verurteilt und gänzlich aus der Wehrmacht ausgeschlossen worden.

Man darf unterstellen, dass die Vertreter des NS-Regimes den zum Militär eingezogenen Jesuiten nur zu gerne Wehrunwürdigkeit im authentischen Sinn, also aufgrund schwerer staatsfeindlicher Betätigungen mit entsprechenden strafrechtlichen Konsequenzen angelastet hätten. Konnten - oder wollten sie es nicht? Dass sie eine Verfolgung der Jesuiten-Soldaten nur aufschieben wollten bis nach dem "Endsieg" ist nicht anzunehmen, da die Jesuiten außerhalb des Militärs schon vielfältig Opfer der rechtswidrigen NS-Diktatur geworden waren. Vielmehr stießen die braunen Machthaber beim Militär - als Gefangene ihres eigenen Wehrgesetzes - offensichtlich an ihre Grenzen. Sie vermochten keinen einzigen der über 650 Jesuiten-Soldaten wegen schwerer Verbrechen, z.B. wegen staatsfeindlicher Betätigungen, zur Wehrunwürdigkeit zu verurteilen und gänzlich aus dem Militär zu entlassen. Wehrgesetzmäßig konnten sie die Jesuiten nur aus dem aktiven Wehrdienst entlassen und als "n.z.v." in den Beurlaubtenstand überweisen, wie auch Hitler das Wehrgesetz nicht missachtet und sich nicht darüber hinweggesetzt hat.

Was aber war Hitlers Beweggrund für den Geheimbefehl? Der Befehl traf die Jesuiten nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er war lediglich eine Eskalation in der Verfolgung des gefürchteten und gehassten Jesuitenordens, wie Hitler alles fürchtete und hasste, was in internationale Beziehungen verquickt war. Das genügte, um die Jesuiten auf Dauer als politisch unzuverlässig und deshalb "nicht wert, das Vaterland zu verteidigen", einzuschätzen, auch ohne nachweisbare staatsgefährdende Betätigungen, die Voraussetzung gewesen wären für die Verurteilung zur Wehrunwürdigkeit und zur völligen Entlassung aus der Wehrmacht.

Es klingt glaubwürdig, was Bruder Wellner (damals im Provinzialat Köln) mündlich zugetragen wurde, dass nämlich Hitler in Reaktion auf die schriftliche Beschwerde P. Bests über die Vertreibung der Mitbrüder aus den heimatlichen Ordenshäusern angesichts des Einsatzes Hunderter Jesuiten beim Militär gesagt haben soll: "Schmeißt sie raus, wir brauchen sie nicht!" Dann mussten die zuständigen Stellen zusehen, wie das im Rahmen des Wehrgesetzes umzusetzen war.

 

Zur Entstehung der "Wehrunwürdigkeits-These"

Wenn man die historischen und juristischen Tatsachen nicht genügend kennt, beachtet oder interpretiert und nur die Kirchenfeindlichkeit des Regimes vor Augen hat, wird verständlich, dass von vielen Jesuiten die "Entlassung" als Entlassung "aus der Wehrmacht (=aus dem Militär) wegen Wehrunwürdigkeit" gedeutet wurde.

Die Grenze zwischen Wahrheit und Fehldeutung verschwimmt leicht, wenn man bei der Frage nach dem Beweggrund Hitlers unbedacht das Wort "wehrunwürdig" entgegen seiner authentischen Bedeutung als "nicht wert, das Vaterland zu verteidigen" versteht. In diesem unjuristischen, übertragenen Sinn darf man zwar, wie erwähnt, das Motiv Hitlers deuten. Aber dann sollte man es auch mit diesen Worten und nicht unauthentisch mit "Wehrunwürdigkeit" überliefern, weil das ganz andere Voraussetzungen, Verfahren und Konsequenzen gehabt hätte.

Ein Trugschluss ist es, wenn man Ursache und Wirkung verwechselt oder sogar gleichsetzt: Nach der urspünglich wehrgesetzgemäß ehrenhaften(!) Überweisung der Jesuiten in den Beurlaubtenstand war zweifellos in der Folge mit einer rechtswidrig "wehrunwürdigkeitsgemäßen" Drangsalierung der entlassenen Jesuiten zu rechnen. Aber das rechtfertigt nicht die Legende von einer von vornherein "unehrenhaften Entlassung aus dem Militär wegen Wehrunwürdigkeit."

 

Zur Bedeutsamkeit des Ganzen

Es ist m.E. belangvoll, dass die Wehrunwürdigkeits-These Wesentliches verdunkelt statt zu erhellen, nämlich die moralische Rechtfertigung der Jesuiten-Soldaten gegenüber dem Regime und dessen Rechtsperversion gegenüber den Jesuiten.

Es ist zwar niemandem die Interpretation verwehrt, dass die Jesuiten in den Augen Hitlers wegen ihres überzeugten Christseins im naziideologischen Sinn "nicht wert" waren, das Vaterland zu verteidigen, womöglich sogar Auszeichnungen zu bekommen und überdies ggf. wehrkraftzersetzend zu wirken. Wenn aber keinem einzigen Jesuiten irgendein Schwerverbrechen beim Militär nachgewiesen werden und daher kein einziger von ihnen wehrgesetzgemäß wegen Wehrunwürdigkeit im authentischen Sinn aus der Wehrmacht ausgestoßen werden konnte, dann

  • rechtfertigt genau das die Jesuiten moralisch gegenüber dem Regime und dem Staat und gereicht eben dieses ihnen zur Ehre und
  • wird die Rechtsperversion des NS-Regimes dadurch offenbar, dass ungeachtet der ehrenhaften Überweisung in den Beurlaubtenstand anschließend die Gefahr einer "wehrunwürdigkeitsgemäßen" Verfolgung der Jesuiten drohte.

 

Fazit

Im Interesse einer für alle akzeptablen einheitlichen Überlieferung kann man also festhalten:

  1. Auf Geheimbefehl Hitlers vom Mai 1941 sollten die Jesuiten aus dem aktiven Wehrdienst entlassen und als "n.z.v." (=nicht zu verwenden) in den Beurlaubtenstand (=Landwehr II oder Ersatzreserve II) überwiesen werden.
  2. Der Grund dafür war vermutlich, dass Hitler die Jesuiten für politisch unzuverlässig und deshalb für nicht wert hielt, das Vaterland zu verteidigen.
  3. Anschließend an die Erfüllung des Geheimbefehls war allerdings eine wehrunwürdigkeitmäßige Drangsalierung der Jesuiten zu befürchten wie bei denen, die rechtens wegen Wehrunwürdigkeit aus der Wehrmacht entlassen wurden.
  4. Das wäre also eine wehrgesetz-widrige Folge im Gegensatz zur wehrgesetz-gemäßen Ursache und Durchführung des Geheimbefehls gewesen.

 

Historische Dokumente zur "Entlassung" von Jesuiten aus der Wehrmacht

Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht sowie des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, auf die der Leiter des Archivs der Deutschen Provinz, Dr. Clemens Brodkorb, im Bundesarchiv Berlin gestoßen ist, bestätigen die Arbeiten von Pater Erwin Bücken SJ zur Frage der "Entlassung" der Jesuiten-Soldaten aus der Wehrmacht.
Aus beiden Dokumenten geht eindeutig hervor, dass die Entlassung nicht aus Gründen der "Wehrunwürdigkeit" erfolgte, sondern dass die Jesuiten als "n.z.v." ("nicht zu verwenden") zur Landwehr bzw. Ersatzreserve versetzt werden sollten.
aus: 'Jesuiten intern 3/2006

Abschrift
Geheim

Oberkommando der Wehrmacht                      31. Mai 1941

z. 12 1 10.20 J (Ia)
    Nr. 924/41 geh

Betr.: Entlassung von Jesuiten
aus der Wehrmacht

OKH
OKM
RdL. u. ObdL.

Auf Anordnung des Führers sind beschleunigt sämtliche
in der Wehrmacht befindliche Ordensangehörige der Gesell-
schaft Jesu (Jesuiten) zu entlassen und zur Landwehr II
mit dem Zusatz "n.z.v." zu versetzen.

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
            gez. Keitel

Für die Richtigkeit
- Namenszug -
Oberstleutnant

Abschrift für das Reichskirchenministerium

Der Reichsminister
für Wissenschaft, Erziehung
und Volksbildung

Geheim.

Berlin W 8, den 19. November 1943
Unter den Linden 69
Fernsprecher: 11003(?)0
Postscheckkonto: Berlin 14402
Reichsbank-Giro-Konto: 1/154
Postfach

    Zum Bericht vom 15. Juli 1943 - TH/Si 3411 -, betr. Weiterstu-
    dium der aus der Wehrmacht entlassenen Jesuiten
    eine Anlage.

- - -

Die Anordnung des Führers besagt lediglich, daß sämtliche in
der Wehrmacht befindlichen Ordensangehörigen der Gesellschaft Jesu
(Jesuiten) zu entlassen und künftig nicht mehr zum Wehrdienst heran-
zuziehen sind. In dieser Anordnung liegt nicht die Erklärung der
Wehrunwürdigkeit ( 13 des Wehrgesetzes vom 21. Mai 1935 - RGBl. I
S.609 -).

Im Auftrage
gez. K o c k

Einschreiben!
An
den Reichsstudentenführer
Amt: Stabsführer
-oder Vertreter im Amt-
       München 33
Karlsstraße 12-16

aus: Bundesarchiv Berlin R/5101 -- 23316, Bl. 79 und 97

 

 

Link zur Vertonung des Exsultet von Erwin Bücken SJ

Eine ausführliche Darlegung mit Belegen ist in der vom Katholischen Militärbischofsamt Berlin herausgegebenen Zeitschrift MILITÄRSEELSORGE in dem Heft Dokumentation 2004 erschienen: "Wehrunwürdigkeit" der Jesuiten im Zweiten Weltkrieg - eine zeitgeschichtlich bedeutsame Legende, von Erwin Bücken SJ, S. 165-182.

Erwin Bücken SJ
Berlin - Mai 2005

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