Josef Fuchs SJ

P. Josef Fuchs SJ
* 05.07.1912     09.03.2005
Ordenseintritt 1938 - Priesterweihe 1937 - Letzte Gelübde 1949

Der letzte Besuch in Köln-Mülheim verlief wie immer in freudlich-heiterer Stimmung. Schwerer fiel es dieses Mal allerdings, ein gemeinsam interessierendes Gesprächsthema zu finden, über das ein längerer Austausch möglich gewesen wäre. Die Erinnerung an Rom, die Moraltheologie, die gemeinsamen Freunde und Bekannten war verblasst. Worüber sollte man also sprechen? Der Besucher verfiel auf die herausfordernde Frage: "Josef, wie denkst Du jetzt über den Tod?" Und er fügte - keineswegs allein um der Konversation willen - hinzu: "Meinerseits habe ich bisweilen Angst vor dem Sterben." Der Lehrer, der inzwischen das gesegnete Alter von 92 Jahren erreicht hatte, schaute überrascht und erwiderte lächelnd: "Du hast ja gar keine andere Wahl!" Die nüchterne und bemerkenswert schnörkellose Antwort eines Mannes, der in seiner Eigenschaft als Professor der Moraltheologie in den letzten Jahren seines Lebens nicht müde geworden war, über Freiheit, Selbstbestimmung, Wahl und Entscheidung nachzusinnen! War entgegen der Lehre doch alles im Leben vorbestimmt?

Das Leben von Josef Fuchs begann am 5. Juli 1912 in Bergisch Gladbach. Mit seiner Familie behielt er lebenslang intensive Kontakte. Josef muss in der Grundschule wegen seiner besonderen Begabung aufgefallen sein, denn trotz der begrenzten Mittel der Familie wurde es ihm durch ein Stipendium ermöglicht, im nahen Köln-Mülheim das Hölderlin-Gymnasium zu besuchen. Nach dem Abitur meldete er sich im Priesterseminar der Erzdiözese Köln an, von wo aus er bereits nach einem Jahr nach Rom ans Germanikum geschickt wurde, wo er bis zum Ende der Studien blieb und daselbst am 31. Oktober 1937 zum Priester geweiht wurde. Überraschend sehen wir ihn schon am 20. September 1938 in Hochelten, dem damaligen Noviziat der Jesuiten. Ein verständnisvoller Kölner Erzbischof, Kardinal Schulte, hatte ihm - nach der Befreiung von dem für die Germaniker typischen Gelöbnis, nicht Jesuit zu werden - die Erlaubnis gegeben, in den Orden seiner römischen Lehrer einzutreten.

Auch in der niederdeutschen Provinz der Gesellschaft erkennt man schnell die Begabung des jungen Mitbruders. Man bestimmt ihn für den Lehrberuf. Zur Vorbereitung beginnt er 1940 mit dem Studium der Moraltheologie in Valkenburg; er beendet es 1946 mit einer Promotion in Münster. Dem jungen Theologen bleibt allerdings nicht nur Raum für akademische Betätigung. Es ist Krieg- und Nachkriegszeit, 1945 ist er Pfarrvikar in Hemsen (Emsland), 1945 Dozent im Seminar in Osnabrück. Seine eigentliche Lehrtätigkeit beginnt er 1950 an der Hochschule St. Georgen. 1954 erfolgt seine Berufung nach Rom. Die offenbar positive Einschätzung seiner wissenschaftlichen Begabung verhinderte nicht, dass es zwischen ihm und Franz Hürth, dem Doyen der Moraltheologie an der Gregoriana, von Anfang an in Bezug auf die Lehre Meinungsverschiedenheiten gab. Der an der römischen Kurie hochangesehene Hürth zögerte nicht, den Freiraum, den man im Spannungsfeld zwischen persönlicher Überzeugung und vorgegebener kirchlicher Lehre noch für statthaft halten konnte, eher eng zu interpretieren. Der jüngere Mitbruder , ab 1965 selbst Experte (Peritus) der damals noch Hl. Offizium genannten höchsten Glaubenskongregation (und damit verbunden der Kongregation für die katholische Bildung), fühlte sich in einem bestimmten Moment gedrängt, auf kritische Einwände hin seine Vorlesung der Sexualmoral zunächst einmal in andere Hände zu geben. Doch gottlob blieb diese indirekte "Zensur" eine Episode. Ein Makel verband sich mit dem so Gemaßregelten nicht. Ab Mitte der 60er Jahre war er sogar Mitglied der von Papst Paul VI. eingesetzten Kommission zur Geburtenregelung.

Die Kommission hat nicht nur universalkirchlich eine enorme Wirkung. Für das Denken von Josef Fuchs bedeutet sie eine Zäsur: Bis zu dem Zeitpunkt der Ernennung dieses Gremiums (1966) hatte Josef Fuchs weithin die Voraussetzungen der scholastischen Manualien geteilt: große Sicherheit in der Bestimmung universaler Normen, eine unverkennbare Skepsis gegenüber der menschlichen Vernunft bei der Normfindung, Orientierung an einem deduktiv ausgelegten Naturgesetz. Während seiner Mitgliedschaft in der Kommission, die in dem Zeitraum von 1963 bis 1966 tagte, entwickelt sich im Denken von Josef Fuchs nunmehr eine stärker auf das Subjekt gerichtete Methode. Er entwickelt eine neue Anthropologie der Nachfolge, eine Erkenntniskritik des Individuums, dessen moralischer Kompetenz, dessen Rolle in der Geschichte. Das ist der Grund, warum er nun nicht mehr müde wird, über Freiheit, Selbstbestimmung, Wahl und Entscheidung nachzusinnen. War noch irgendetwas im Leben vorbestimmt?

Die Einsichten in den Jahren nach 1966 erschließen sich in einer umfassenden schriftstellerischen Tätigkeit. In mehr als 400 Artikeln und Büchern kehrt J. Fuchs zu vielen grundlegenden Fragen der Fundamentalmoral, die er einst anders angegangen war, mit großen Offenheit zurück. Als Lehrer an der Gregoriana war er zwar immer schon auf die Welt und Universalkirche ausgerichtet, nun aber wird er ein noch mehr international gefragter Theologe. Er hält Gastvorlesungen in Europa und den USA, er nützt den Aufbruch, den ihm das Konzil bietet. Selbst nach seiner Emeritierung 1982 ist er weiter im gleichen Maßstab aktiv. Seine grundlegende Frage ist und bleibt: Wie können Christen als einzelne heute nicht nur glauben, sondern auch prägend auf das Ethos der Zeit einwirken?

P. Fuchs unterhält wie zu seiner Familie, auch zu seinen Schülern gute Beziehungen. Sein Interesse bedeutet Anregung im intellektuellen Diskurs, aber für sehr viele ist er einfach ein guter Freund und Mitbruder. Die Gefahr einer bei Wissenschaftlern nicht selten anzutreffenden Neigung zur Selbstreferenz wird bei ihm durch Freundlichkeit und Zuwendung ausgeglichen. Der anerkannte Wissenschaftler wird vielfach geehrt: in Festschrift, Bibliografien, staatlichen Ehrungen (Bundesverdienstkreuz 1983, vorher bereits 1973 das Verdienstkreuz erster Klasse).

Obwohl diese Ehrungen vor allem aus Deutschland kommen, bleibt sein Blick auf die große Welt gerichtet. Als er am 7. Oktober 1997 ins Altenheim nach Münster zieht, fällt es ihm nicht leicht, seinen Horizont auf seine enger gewordene Welt zu reduzieren. Im Jahre 2002 findet er, der die Welt bereist hat, seine letzte vorläufige Station im Caritas-Altenheim in Köln-Mülheim. Hier trifft man ihn, gar nicht melancholisch - wie manch einer zu beobachten meinte -, sondern als altersweisen 90-Jährigen, immer freundlich, nun auch immer mehr interessiert am Schicksal anderer. In wenigen Worten vermag er zu vermitteln, dass Freiheit immer noch der Kern seiner Moraltheologie ist, es aber ebenso keine andere Wahl gibt, als die, welche Gott bereits entschieden hat. Das Leben von Josef Fuchs findet den Ausgleich mit seiner Lehre: "Du hast ja keine andere Wahl! Aber eine Wahl ist es immer noch."

P. Josef Fuchs wurde auf dem Kölner Friedhof Melaten beigesetzt

R.i.p.

P. Philipp Schmitz SJ

Jesuiten/Nachrufe 2005, S. 10 f.

Link zu "Für eine menschliche Moral"
Zum 100. Geburtstag des Moraltheologen Josef Fuchs SJ