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GESCHICHTE

der

Ostdeutschen Provinz

der Gesellschaft Jesu

seit ihren Anfängen bis zum Ende des

Zweiten Weltkrieges












von
Alfred Rothe S.J.

Link zum Teil 2:
Vom Ende des Zweiten Weltkrieges
bis zum Beginn der 31. Generalkongregation
im Mai 1965


Link zum Namensregister

 


ii

Zur Einführung

Jetzt schon eine Geschichte der Ostdeutschen Provinz zu schreiben, mag manchem verfrüht erscheinen. Bedenkt man jedoch, was sich in den wenigen Jahrzehnten des Bestehens der Provinz alles zugetragen hat, das wir nicht vergessen wollen und dürfen, dann ist unser Vorhaben sicher gerechtfertigt.

Es war der damalige Provinzial, P. Paul Boegner, der den Verfasser anregte, die wichtigsten Tatsachen aus der Geschichte der Gesellschaft in unserem Provinzgebiet schriftlich festzuhalten und vielleicht einmal eine kleine Geschichte der Provinz zu schreiben. Als Vorarbeiten entstanden zunächst eine Reihe Aufsätze, die seit 1955 in den 'Mitteilungen aus den deutschen Provinzen' erschienen sind.

Die geplante kleine Geschichte wuchs sich weiter aus, als es ursprünglich beabsichtigt war. Dennoch wird mancher diese oder jene Begebenheit vermissen, die vielleicht wert gewesen wäre, hier behandelt zu werden. Es ließ sich nicht bloß nicht alles niederschreiben, der Verfasser war auch abhängig von den ihm zur Verfügung stehenden Quellen, auf die stets hingewiesen wird und die im allgemeinen auch zugänglich sein werden, wenn jemand weitergehende Studien betreiben will.

Schließlich sei allen gedankt, die zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben, besonders dem verstorbenen P. Bernhard Bley, der ihr wärmstes Interesse entgegenbrachte und der bei der Abfassung wertvolle Hilfe leistete. Gedankt sei auch P. Provinzial Soballa, auf dessen Anregung hin die Arbeit nun erscheinen konnte.

ABKÜRZUNGEN

AdPr

=

Aus der Provinz. Nachrichten aus den deutschen Provinzen

ARSJ

=

Acta Romana Societatis Jesu.

Hist.dom.

=

Historia domus. Hausgeschichte.

Hist.gen.Prov.Germ.Orient.

=

Historia generalis Provinciae Germaniae Orientalis.

JesLex

=

Koch, Jesuiten-Lexikon, Paderborn 1934.

Mttlg.

=

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu.

 


iii

Inhaltsverzeichnis

I.

VORGESCHICHTE

1-2

II.

Die ANFÄNGE 3-5

III.

Die GRÜNDUNGEN 6-12
 

Berlin: St. Clemens - Bln-Biesdorf - Bln-Charlottenburg

6
 

Schlesien: Zobten - Breslau - Franz-Ludwig-Konvikt - Oppeln - Mittelsteine - Beuthen

8
 

Ostpreußen: Königsberg - Heiligelinde -Schneidemühl

9
 

Sachsen: Hoheneichen - Dresden-Strehlen

10
 

Litauen und Estland

11
 

Troppau

12
 

Kartenskizze: Die Niederlassungen der Ostdeutschen Provinz vor 1945 - und nach 20 Jahren Wiederaufbau

12a

IV.

Die ENTWICKLUNG bis zum Zweiten Weltkrieg

13-56
 

Ostdeutsche Vizeprovinz und Provinz

13
 

Berlin-Charlottenburg

17
 

St. Clemens

22
 

Berlin-Biesdorf

26
 

Breslau: Caroluskapelle - Ignatius-Kirche - Kuratie - I.G. - Internat - Zobten

28
 

Mittelsteine

 

Oppeln

38
 

Beuthen

41
 

Dresden: Hoheneichen - Residenz - Kuratie Dresden-Strehlen

42
 

Heiligelinde

47
 

Königsberg

50
 

Schneidemühl

53
 

Litauen

54
 

Estland

55
 

Troppau

56

 


iv

V.

Die PROVINZ IN KRIEG und ZUSAMMENBRUCH

57-78
 

1. Einberufungen zur Wehrmacht

57
 

2. Ausbildung und Studien während des Krieges

59
 

3. Das Schicksal der einzelnen Häuser:

61
 

Berlin-Charlottenburg - St. Clemens - Biesdorf

61
 

Breslau und Zobten - Mittelsteine - Oppeln - Beuthen

67
 

Dresden und Hoheneichen

74
 

Heiligelinde - Königsberg

75
 

Troppau

77
 

4. Zusammenfassung
    a. Verluste an Sachwerten
    b. Personelle Verluste

78
 

Anhang:

 

25 Jahre Ostdeutsche Provinz S.J. von P. Bernhard Bley

81
 

Kriegsverluste der Ostdeutschen Provinz (Rundbrief 1958/Nr. 1)

84

 


1

I. Vorgeschichte

Die Ostdeutsche Provinz wurde am 2. Februar 1931 errichtet. Als Provinzgebiet wurden ihr zugewiesen die Erzdiözese Breslau (ohne den böhmischen Anteil), die Diözesen Berlin, Ermland und Meißen, die Freie Prälatur Schneidemühl, das Kommissariat Magdeburg und die Generalvikariate Glatz und Leobschütz (1).

In der alten Gesellschaft gehörte dieses Gebiet zu verschiedenen Provinzen (2). Die Häuser in Schlesien unterstanden der Böhmischen Provinz und bildeten seit dem 1. Januar 1755 eine eigene Schlesische Provinz; diese zählte bei ihrer Errichtung 223 Mitglieder (122 Priester) in 8 Kollegien, 3 Residenzen und 2 Missionen (3).
Die fünf ostpreußischen Häuser gehörten zur Litauischen und seit 1756 zur Masowischen Provinz.
Die sächsische Mission in Dresden und Leipzig war wie die schlesischen Kollegien von der Böhmischen Provinz abhängig. Berlin wurde von den alten Jesuiten nur auf Reisen und bei Besuchen berührt. Wohl haben Jesuiten in Brandenburg und Pommern lange eine geheime Seelsorge an den wenigen dort lebenden Katholiken ausgeübt (4), aber eine Niederlassung besaß die alte Gesellschaft weder in Berlin noch in Brandenburg oder Pommern. Hoffnungen, die sich an die Konversion des Markgrafen Christian Wilhelm von Brandenburg (1587-1665) knüpften, erfüllten sich nicht (5). Ebenso scheiterte der Versuch einiger Exjesuiten, um 1800 in Berlin eine höhere Knabenschule zu eröffnen (6).

Bald nach der Wiederherstellung der Gesellschaft am 7.August1814 erhielten - noch im selben Monat - zwei in Dresden (7) lebende Männer die Aufnahme in den Orden: der Italiener P. Bartholomäus Gracchi und der Deutschböhme Br. Wenzel Wächter. Während aber Br.Wächter bald in die Schweiz abberufen wurde, verblieb P. Gracchi bis zu seinem Tode im Jahre 1845 in Dresden. Dort wirkte er als Kaplan an der Hofkirche, als Italienerseelsorger, als Verwalter und Seelsorger des katholischen Spitals und später auch als Hofkaplan und Beichtvater des Königs.

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1) Decr. v. 18. Januar 1931; ARSJ VI, 812ss. - 2) Vgl. Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. - 3) JesLex. 1605f. - 4) L. Jablonski, Geschichte des fürstbischöflichen Delegaturbezirkes Brandenburg und Pommern, Breslau 1929, Bd.I. S.77 u.a.; Bd.II. S. 306 ff. Mttlg. XVII, 277-282. - 5) Ph. Hiltebrandt, Preußen und die römische Kurie, Berlin 1910, Bd. I, 25ff. Wichmann-Jahrbuch XIII/XIV (Berlin 1959/60), 5-11. Dort weitere Literatur zu diesem Thema. - 6) Jablonski, a.a.O. I, 180f; II, 292f. M. Lehmann, Preußen und die katholische Kirche seit 1640, Leipzig 1887 u.f. Bd. VIII, 733ff, 742f. Mttlg. XVII, 280-282. Wichmann-Jahrbuch IX/X (Berlin 1955/56), 5-9. - 7) O. Pfülf, Die Anfänge der Deutschen Provinz, Freiburg 1922, 113ff. JesLex 719f. Sommervogel, Bibliothèque de la Compagnie de Jésus (9 Bde, 1890/1909).

 


2

Nach P. Gracchis Tod war die Stadt Köthen (8) im Herzogtum Anhalt-Dessau der einzige Ort auf deutschem Boden, an dem sich noch Jesuiten befanden. 1825 war Herzog Friedrich Ferdinand von Anhalt-Dessau in Paris katholisch geworden; er erbat sich vom Ordensgeneral einen Pater als Beichtvater und Seelsorger für seine Residenz. Bestimmt wurde dafür P. Petrus Beckx, der spätere General, der damals in Hildesheim weilte. Da die Jesuiten auch die Seelsorge der in der Umgebung zerstreut wohnenden Katholiken übernahmen, kam noch der eine oder andere Pater nach Köthen. Auf diese Weise entstand eine förmliche Niederlassung der Gesellschaft im protestantischen Mitteldeutschland, die bis zum Jahre 1848 bestand.

Nach 1848 wurden namentlich in Westfalen und im Rheinland auf Grund der preußischen Verfassung von 1850 mehrere Häuser der Gesellschaft eröffnet. Der deutsche Osten, der ordensrechtlich zur Galizischen Provinz gehörte, hatte davon nur einen mittelbaren Nutzen. Wohl besaß die Galizische Provinz im deutschen Schlesien zwei kleine Residenzen, Neiße und Schweidnitz, aber diese blieben ohne größere Bedeutung.

Dagegen wirkte sich die Tätigkeit der Gesellschaft durch die Volksmissionen (9) in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts sehr segensreich aus. Diese wurden in der Regel von den Patres der Galizischen und der Österreichischen Provinz gehalten. Doch auch die Volksmissionare der Deutschen Provinz kamen nach dem Osten. So predigten z.B. die PP. Anderledy, Hasslacher und Pottgeißer im Sommer 1852 in Danzig und Braunsberg und die PP. Roh, Waldburg-Zeil und Pottgeißer im Herbst 1852 in St. Matthias in Breslau. Im Mai 1858 wurde von den PP. Hasslacher und Pottgeißer auch in Berlin (10) eine Volksmission gegeben. Es war dies das erste Auftreten der neuen Gesellschaft Jesu in der Stadt. In Form von Maiandachten wurden die sonst bei Missionen behandelten Wahrheiten vorgetragen. Die Mission war ein Ereignis für ganz Berlin. Auch von nichtkatholischer Seite wurde ihr die größte Beachtung geschenkt.

Das Jesuitengesetz vom 4.Juli 1872 bereitete der verheißungsvoll begonnenen Tätigkeit ein grausames Ende. Nur zu kurzen Besuchen oder verborgen gehaltenen seelsorglichen Arbeiten konnten die Jesuiten in die Heimat kommen.

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8) Pfülf, a.a.O. 132ff; 494ff. JesLex 1037f. Mttlg.VIII, 356ff. - 9) B. Duhr, Aktenstücke zur Geschichte der Jesuitenmissionen in Deutschland, Freiburg 1903. Mttlg.XVI, 284-298. 10) Duhr, a.a.O. 267f. Hertkens, Pater Hasslacher, Münster 1879, S.65ff. Briefe von P. Pottgeißer in Mttlg.III, 380f. Wichmann-Jahrbuch IX/X (Berlin 1955/56) 106 -110.

 


3

II. Die Anfänge

Ganz ist die Tätigkeit der Gesellschaft Jesu auch in Ostdeutschland durch den Kulturkampf nicht unterbrochen worden. Zuerst konnte man zwar nur Exerzitien in Nonnenklöstern geben oder verborgen gehaltene Aushilfen leisten, später aber wurde es mit dem Abflauen des Kulturkampfes möglich, sogar Volksmissionen zu halten oder andere größere Arbeiten zu übernehmen.

Nach Schlesien kamen vor allem Patres der Galizischen Provinz aus den Häusern in Österreich-Schlesien. Es scheint, daß einzelne Patres sich auch längere Zeit in Schlesien, vor allem in Breslau, aufhielten. Sicher war dies seit der Jahrhundertwende der Fall. 1894 übernahm P. Augustin Arndt (1) die Schriftleitung des Breslauer Kirchenblattes. Nach der Aufhebung des §2 des Jesuitengesetzes (8.3.1904) wurde P. Theophil Mertz (2) Spiritual im Breslauer Theologenkonvikt, und um die gleiche Zeit finden wir P. Johannes Tauer im Mutterhaus der Grauen Schwestern, wo er die Stelle eines Hausgeistlichen versieht und die Novizinnen unterrichtet.

So entstand zu Beginn des Jahrhunderts auch in Breslau, ähnlich wie in manchen westdeutschen Städten, eine Statio (3), deren Obere P. Arndt, P. Mertz und P. Paul Klein waren. Im Jahre 1907 errichtete P. Arndt im Süden der Stadt auf einem Grundstück, das von der Stolbergschen Stiftung Maria Hilf gekauft worden war, ein Exerzitienhaus, das sog. Paulushaus (4). Leider gab es bald mit Gräfin Eleonore Stolberg, der Vorsteherin von Maria Hilf und Schwester des P. Bernhard Stolberg S.J., große Schwierigkeiten, sodaß die Jesuiten sich wieder zurückzogen, das Haus verpachteten und später der Stiftung Maria Hilf zurückgaben.

Auch nach Ostpreußen zogen Patres der Deutschen und der Galizischen Provinz zu Exerzitien und Missionen. Sachsen dagegen blieb der Gesellschaft verschlossen. Dort mußten noch unter Friedrich August III., dem letzten König und Vater des Pater Georg von Sachsen S.J., die Priester bei ihrer Anstellung folgende eidesstattliche Erklärung abgeben: "Ich erkläre hiermit an Eides Statt, daß ich weder dem Jesuitenorden noch einem verwandten Orden jemals als Mitglied angehört habe noch in einer von solchen Personen geleiteten Schule oder Erziehungsanstalt Unterricht und Erziehung genossen habe" (5). Nach Berlin kamen schon während des Kulturkampfes vereinzelt Jesuiten zu kleineren seelsorglichen Arbeiten. So ist die mehrfache Anwesenheit des P. von Radziwill (6) verbürgt, und im Jahre 1882 z.B. gab P. Wilhelm Eberschweiler den Borromäerinnen in Potsdam die Exerzitien (7).

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1) Mttlg. XVII, 520. - 2) Mttlg. XVIII, 497ff. - 3) Mttlg. (VII, 322f; XVIII, 497f. - 4) J. Schweter, Eleonore Gräfin zu Stolberg-Stolberg (1843-1928), Kevelaer 1934; Ders., Aposto.isches Heldentum. Bernhard Graf zu Stolberg-Stolberg, Breslau 1933, S. 194f. Mttlg. XIX, 318-321. - 5) Mttlg. IV, 414. Nach Aussage von Herrn Propst Sprentzel/Dresden, der darum befragt wurde, ist diese Erklärung bis 1918 verlangt worden. - 6) Mttlg. XVII, 519. 100 Jahre Ursulinen in Berlin, Festschrift zum 29.4.1954, S.23f; Auszug aus der Chronik des Ursulinenlosters Berlin (Archiv). - 7) W. Sierp, P. Wilh. Eberschweiler, S. 160 Anm.

 


4

Als die Kulturkampfgesetze in den achtziger Jahren allmählich wieder abgebaut wurden und im Jahre 1887 den meisten der vertriebenen Orden die Rückkehr nach Preußen gestattet wurde, blieb das Jesuitengesetz weiterhin bestehen. Dennoch wurden im Jahre 1889 zwei Patres nach Berlin (8) gesandt, die dort versuchen sollten, seelsorglich tätig zu sein. Vielleicht hoffte man, daß das Ausnahmegesetz gegen den Orden auch bald fallen werde. Die beiden Patres waren der bisherige Feldkircher Rektor und Leiter der "Stimmen aus Maria Laach" und spätere Missionsobere in Brasilien, der Schweizer P. Jakob Fäh (9) und der damals noch zur Gesellschaft gehörende Graf von Hoensbroech (10). P. Fäh hatte die eben entstehende Pfarrei Herz Jesu im Norden der Stadt und P. Paul Hoensbroech die Kuratie in Rixdorf (heute Neukölln) zu betreuen. Für Hoensbroech "konzentrierte sich das Hauptinteresse des Berliner Aufenthaltes auf Universität und Bibliothek, d.h. auf das Studium". Trotzdem kehrte er bereits im Herbst 1889 nach Exaeten zurück. P. Fäh dagegen war noch bis Oktober 1890 als Seelsorger und Prediger in Berlin tätig (11). Um diese Zeit wirkte auch der Theologe P. Viktor Frins (12) in Berlin, vor allem als Beichtvater. Er soll der theologische Berater Windthorsts gewesen sein; seine Tätigkeit in Berlin ging 1891 zu Ende. Es scheint, daß hier eine gewisse 'invidia clericalis' mithineinspielte. Man sah an einer bestimmten Stelle die Wirksamkeit der Patres höchst ungern und glaubte, vor allem des P. Fäh nicht mehr zu bedürfen (13).

Darum erhielt P. Josef Dahlmann (14), der 1893 zu Studien nach Berlin kam, von P. Provinzial Rathgeb die Weisung, sich jeder Nebentätigkeit in der Seelsorge zu enthalten. Wesentlich gewandelt hatte sich die Stimmung, als P. Dahlmann 1900 die Stadt verließ. Propst Neuber wollte P. Dahlmann unbedingt zurückhalten. Dieser legte darum dem Propst nahe, P. Provinzial Haan um die Entsendung von ein oder zwei Patres für die Seelsorge zu bitten. Diesen Gedanken griff der Propst sofort auf, zumal er auch von anderer Seite dazu gedrängt wurde. So kamen die Patres Franz Xav. Brors und Johannes Zorell im Herbst 1900 nach Berlin (15), wo sie im St. Hedwigskrankenhaus Wohnung bezogen.

Dies ist der Beginn der Statio Berolinensis. P. Brors und P. Zorell haben durch ihre Hilfsbereitschaft, ihr selbstloses Arbeiten und durch die Übernahme auch jeglicher Kleinarbeit den Boden für das weitere Wirken und Arbeiten der Gesellschaft in Berlin bereitet.

Noch bestand das Jesuitengesetz. Es war darum geraten, daß der Aufenthalt und die Tätigkeit der beiden Patres nicht auffiel und allzu bekannt wurde. Wie P. Zorell erzählte, mußten

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8) Mttlg. XVII, 513-517. - 9) Mttlg. XI, 646ff. JesLex 196; 539. - 10) 14 Jahre Jesuit, Leipzig 1910, Bd. II, 548ff. H. irrt sich in der Jahresangabe; er kann erst 1889 nach Berlin gekommen sein. Dann stimmen auch seine anderen Angaben. - 11) E. Budnowski, Maria Theresia Tauscher, Berlin 1954, S.26ff. In der Selbstbiographie von M. Ther. Tauscher (vervielfältigt) wird auf S.63- 70 P. Fäh mehrfach erwähnt. - 12) Mttlg. VI, 115f. JesLex 196; 620. Budnowski, a.a.O. 32. M. Ther. Tauscher, a.a.O. 85. - 13) P. Dahlmann in Mttlg. XI, 87. - 14) Mttlg. XI, 87; XIII, 451. - 15) Mttlg. XI, 90. 108; XV, 66ff; XVII, 515f.

 


5

sie das eine oder andere Mal einen Wohnungswechsel vornehmen, um die Behörden zufrieden zu stellen. Vor allem war es der Apostat Hoensbroech, der "alles, was er über uns erfahren konnte, in die Berliner Zeitungen brachte, in der Hoffnung dadurch unsere Vertreibung zu bewirken".

An Arbeit fehlte es den beiden Patres nicht: Exerzitien und Vorträge in Schwesternklöstern, Standesvorträge für Männer und Frauen, Vertretungen und Aushilfen in den Pfarreien usw.. Bereits der Jahresbericht des fürstbischöflichen Delegaturbezirkes für 1901 besagt, daß die Patres ein Segen seien für die Delegatur und eine große Hilfe für den Delegaturklerus. Auch in den folgenden Berichten wird ihrer gedacht; in Berlin und Umgebung seien nur wenige Seelsorgssbellen, wo die Patres nicht bereits gearbeitet hätten (16). Die vielen Anfragen führten dazu, daß bald noch weitere Jesuiten nach Berlin berufen wurden - und zwar ausschließlich für die Seelsorge, und daß auch die studierenden Patres wenigstens Sonntags in der Seelsorge mithalfen.

Bisher war P. Zorell "Stationsvorsteher" gewesen. Am 23. Januar 1907 trat P. Karl Schaeffer (17), der bisherige Provinzial, das Amt des Superior stationis an. Leider starb er schon am 23. November desselben Jahres. Sein Nachfolger wurde P. Franz von Hummelauer (18). Ihn löste am 1. Oktober 1911 P. Franz Rauterkus (19) ab. Dieser war 1904 zu Studienzwecken nach Berlin geschickt worden, war aber dann ganz und gar in der Seelsorge aufgegangen. Weihnachten 1911 kam auch P. Franz Rensing (20) als erster Jesuit zu Graf Galen nach St. Clemens.

Die immer ständig wachsende Zahl von Jesuiten in Berlin mußte auffallen. Schon gelegentlich (21) hatte sich die Presse gegen die Anwesenheit und das öffentliche Auftreten der Patres gewandt. Besonders im Jahre 1908 setzte eine heftige Zeitungsfehde gegen den Orden ein. Um auch den Schein einer wirklichen Niederlassung zu vermeiden, verteilten sich die Patres möglichst in Einzelwohnungen über die Stadt verstreut. Die Sache kam dennoch nicht zur Ruhe. Immer wieder wurde die Regierung zum Einschreiten gegen die Jesuiten aufgefordert. Im Jahre 1913 spitzte sich die Lage noch einmal in gefährlichem Maße zu. Da wurde Pfarrer Sprünken von St. Matthias energisch beim Reichskanzler vorstellig, was nicht vergebens war (22).

Im Kriege beruhigten sich die Gemüter. Das Jahr 1917 brachte am 19. April die Aufhebung des Jesuitengesetzes, und die Nachkriegszeit räumte mit allen Sonderbestimmungen für Ordensniederlassungen usw. auf.

Im Jahre 1919 entstand, noch mit vorausgegangener staatlicher Genehmigung (23), die erste Jesuitenniederlassung in Berlin: St. Clemens.

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16) Jablonski, Geschichte des fürstbischöflichen Delegaturbezirkes Brandenburg u Pommern, Breslau 1929, Bd. II, 308. - 17) Mttlg. IV, 382ff. 432ff. 614ff. - 18) Mttlg. VII, 76ff. - 19) Mttlg. XVII, 187f. 525ff. - 20) Mttlg. XVII, 564f. - 21) Mttlg.VII, 477; V, 64. 174. - 22) Jablonski, a.a.O. - 23) AdPr.II, 7. Mttlg. XVII, 516f.

 


6

III. Die Gründungen

Berlin

St. Clemens: In der Wilhelmstraße 122 bestand schon länger ein katholisches Gesellenheim mit einer Kapelle. Im Jahre 1908 wurde der Hausblock bei diesem Heim bis zur Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße) erworben und 1910 der Bau einer dem hl. Clemens Maria Hofbauer geweihten Kirche begonnen, deren feierliche Konsekration durch Kardinal Kopp von Breslau am 25. Juni 1911 erfolgte. Die Gemeinde trat mit etwa 3.000 Seelen ins Leben (1). Erster Kuratus wurde der Gesellenpräses Clemens August Graf Galen, der spätere Kardinal und Bischof von Münster (2). Kapläne waren von Anfang an Jesuiten: P. Franz Rensing 1911/14, P. Willibald Lauck 1912, P. Anton Schmitt 1912/23, P. Gerhard Siebers 1915/28. Vorübergehend wohnten auch andere Patres, die sich studienhalber in Berlin aufhielten, bei Graf Galen in St. Clemens. Nachdem schon früher die vorläufige Leitung der Kuratie übernommen worden war, wurde diese am 1. September 1919 endgültig der Gesellschaft Jesu übertragen. Kuratus wurde P. Franz Rauterkus, Gesellenpräses P. Gerhard Siebers (3). Bereits am 11. Juni hatte der Berliner Polizeipräsident die Niederlassung der Deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu im Bezirk der Clemensgemeinde in Berlin, Königgrätzer Straße 106, genehmigt (4).

Im folgenden Jahr wurde das zweite Haus der Gesellschaft in Berlin eröffnet: das Exerzitienhaus in Berlin-Biesdorf. Unter den Patres, die vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin arbeiteten, war öfters der Gedanke laut geworden, daß für Berlin ein Exerzitienhaus dringend nötig sei. Aber noch bestand das Jesuitengesetz, und der Orden konnte mit solchen Plänen nicht an die Öffentlichkeit treten. Da war es Kuratus Graf Galen, der diesen Plan aufgriff. Auf seine Anregung hin und im Einverständnis mit P. Superior Rauterkus gründeten am 4. und 13. September 1912 folgende Herren die "Gesellschaft Erholung m.b.H.": Reichstagsabgeordneter Friedrich Graf Galen, der Bruder des Kuratus von St. Clemens, Reichstagsabgeordneter Matthias Erzberger und Strafanstaltspfarrer Alfred Saltzgeber, ein Germaniker. Die Gesellschaft Erholung kaufte am 26. September 1912 zwei benachbarte Grundstücke in Biesdorf/Kaulsdorf. 1916 und 1920 wurden noch weitere Parzellen hinzuerworben. Die nötigen Gelder wurden der Gesellschaft Erholung von der Deutschen Provinz S.J. zur Verfügung gestellt (5).

Als dann der Bau des Exerzitienhauses beginnen sollte, verweigerte der zuständige Landrat des Kreises Niederbarnim die Baugenehmigung. Erzberger bedeutete daraufhin dem Herrn, wenn er die Erlaubnis weiterhin hinausschiebe, werde er die Sache öffentlich im Reichstag zur Sprache bringen. Dies half. Nach drei Tagen war die Bauerlaubnis erteilt. Ende 1913 begann der Bau, der bald durch den Weltkrieg unterbrochen

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1) Jablonski, Geschichte des fürstbischöflichen Delegaturbezirkes, Bd.I, 281. St. Clemens Berlin 1911 -1961. - 2) Mttlg, XVIII, 412f. - 3) Mttlg. XVIII, 94f. - 4) Mttlg. XV, 208. AdPr.II, 2. 7. 9. 5) Grundbuchakten Biesdorf.

 


7

wurde (6). Unter größten Schwierigkeiten wurde er dann nach dem Krieg von P. Josef Haggeney und Br. Gropper zu Ende geführt. Jetzt trat auch die Gesellschaft Jesu als Eigentümerin auf und übernahm die Leitung des Hauses. Die Hauswirtschaft, die bisher Trierer Borromäerinnen geführt hatten, wurde im Herbst 1920 von Nonnenwerther Franziskanerinnen übernommen. Vom 4. bis 8. Oktober 1920 fand der erste öffentliche Exerzitienkurs statt, den P. Lippert für 47 Priester gab (7).

Und wiederum ein Jahr später wurde in Berlin-Charlottenburg begonnen. Am 16. November 1921 feierte der erste Kuratus der neuen St. Canisiusgemeinde, P. Rembert Richard (8), im Hause Neue Kantstraße 2 zum ersten Mal die hl. Messe, und am 24. August 1924 wurde die aus einem Fabrikgebäude erstellte Notkirche benediziert. Die Kuratie St. Canisius war in der ausgesprochenen Absicht dem Orden übertragen und von ihm auch angenommen worden, damit die Gründung eines katholischen Gymnasiums in Berlin zu verbinden. Die Anregungen dazu kamen besonders von zwei Alt-Innsbruckern, dem fürstbischöflichen Delegaten und späteren Weihbischof Josef Deitmer und dem Charlottenburger Erzpriester und späteren Dompropst Bernhard Lichtenberg. Seitens des Ordens war man zunächst sehr zurückhaltend. Die Obern trugen Bedenken, das Angebot anzunehmen, weil man Zweifel hegte, ob man neben dem Aloisiuskolleg in Godesberg und der geplanten Schule in Hamburg hinreichend Lehrkräfte für ein drittes Gymnasium zur Verfügung haben werde. Andererseits erschien die Gründung eines katholischen Gymnasiums nirgends so nötig und auch vielversprechend wie gerade in Berlin. So wurde zunächst mit Bischof Berning von Osnabrück verhandelt, um von ihm die Zusage zu erhalten, daß die Berliner Gründung vor der Übernahme der Hamburger Schule den Vorrang haben sollte. Es fiel Bischof Berning nicht leicht zuzustimmen, aber schließlich kam eine entsprechende Vereinbarung zustande.

P. Richard, der ehemalige Rektor von Sittard und Feldkirch, sollte die Gründung der Schule vorbereiten und um die staatliche Genehmigung einkommen. Letzteres geschah am 22. August 1923. "Zunächst erging keine Antwort. P. Richard mußte manchen bitteren Gang machen, abwarten, bitten, drängen. Die Sache war, wie man ihn sehr fühlen ließ, res ingratissima". Die für Ostern 1924 erwartete Genehmigung blieb aus. Trotzdem wurde mit lateinischem Privatunterricht begonnen, den P. Clemens Drüding erteilte. Immer klarer wurde, daß der Urheber aller Schwierigkeiten und Verzögerungen der Kultusminister Boelitz selbst war. Die tatsächliche Genehmigung erfolgte nach einer Umbildung der Regierung am 19. Februar 1925 durch den neuen Kultusminister Becker. In dem Genehmigungsbescheid heißt es: der Herr Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sehe "es als gerechtfertigt an, ausnahmsweise für Berlin das Bedürfnis für eine katholische private höhere Lehranstalt für die männliche Jugend anzuerkennen". Es wird dann "im Interesse des konfessionellen Friedens ... als erwünscht bezeichnet, daß bei der Wahl des Namens für die neue Schule auf die Empfindungen der evangelischen Bevölkerung Rücksicht genommen" werde.

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6) Mitteilung von P. Franz Rensing. - 7) Hist.dom. 1920. AdPr. II, 5. 13. 14. 19. 22. - 8) Mttlg. XVII, 210ff.

 


8

Damit waren die Voraussetzungen für das "Gymnasium am Lietzensee" geschaffen, das Ostern 1925 seine Tore öffnete (9). Die ersten Lehrer waren P. Georg Hahn (10), zugleich Direktor, und P. Clemens Drüding (11).

 

Schlesien

In Schlesien, das ordensrechtlich noch bis zum 2. Februar 1921 zur Galizischen bzw. Polnischen Provinz gehörte, bestand um diese Zeit nur die Statio Wratislawiensis, die bereits das Haus in Zobten in Benutzung hatte. Ursprünglich ein Restaurant, war dieses von der Unio Apostolica erworben worden und sollte als Exerzitienhaus und Erholungsheim für Priester eingerichtet werden. Da die Unio das Haus unter den schwierigen Nachkriegsverhältnissen nicht halten konnte, wurde es vom Orden übernommen und am 24. Juli 1922 auch rechtlich erworben (12). Das Haus wurde später auf etwa 50 Zimmer erweitert und eine geräumige Kapelle gebaut. Der erste Exerzitienmeister und Leiter des neuen Ignatiushauses war P. Paul Klein (13). Die Hauswirtschaft führten von Anfang an die Armen Fräulein vom Heiligsten Herzen Jesu.

Nach Breslau waren auch schon vor dem 2. Februar 1921 einzelne Patres der Deutschen Provinz gekommen: so P. Julius Lohmeyer, 1916/17 als Spiritual im Priesterseminar tätig; P. Rudolf Stiegele 1917/20; P. Otto Cohauß 1918/20; P. Anton Haag seit 1920; sowie P. Stanislaus von Dunin-Borkowski, der seit Herbst 1920 als Spiritual des Theologenkonvikts wirkte.

Bald folgten P. Kuno Hahn, P. Peter Zahnen, P. Wilhelm Leblanc, P. Bernhard Jansen u.a.. Sie arbeiteten zusammen mit den von der Galizischen Provinz übergetretenen Patres Josef Kartte, Paul Klein, Alois Polke und Felix Wiercinski unter Vizesuperior Klein. Am 13. Juni 1923 wurde P. Egidius Keuchen (14) Superior der Breslauer Residenz, die immer noch kein eigenes Heim besaß. Die Mehrzahl der Unsrigen wohnte wohl im Hause Gabitzstraße 16, aber erst am 6. März 1929 wurde dieses Haus nebst Kapelle von den Trebnitzer Borromäerinnen gekauft, nachdem es sich als unmöglich herausgestellt hatte, ein geeigneteres Anwesen zu erwerben. Br. Gropper hatte bei einer Besichtigung das Haus als "abbruchreif" bezeichnet; dennoch überstand es 1945 die Schlacht von Breslau. Das Haus wurde umgebaut und für unsere Zwecke eingerichtet, die Kapelle bedeutend vergrößert und nunmehr Ignatiuskirche genannt (15).

Schließlich war in Breslau am 25. März 1924 das Franz-Ludwig-Konvikt übernommen worden. Franz Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein, Kurfürst von Mainz und Trier, Bischof von Breslau usw., hatte zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Heim für adelige Waisenkinder das Kurfürstliche Orphanotropheum, für gewöhnlich 'Adliges Stift' genannt, gegründet. Als nach dem Kriege die Stifts-

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9) Mttlg. X, 118f; XX, 194 - 203. AdPr.III, 21. 65. 10l. - 10) Mttlg. XVII, 395ff. - 11) Mttlg. XVIII, 487ff. - 12) Grundbuchakten Zobten. - 13) Mttlg. XVII, 322f. - 14) Mttlg. XXI, 95ff. - 15) Grundbuchakten Breslau. Hist.dom. 1923. 21. 23. 26. 28. 38. 46.; IV, 23.

 


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gelder verfallen waren, richtete zuerst der Verein schlesischer Edelleute in dem Hause ein Konvikt ein, das jedoch nicht lebensfähig war. 1924 wurde das Haus der Gesellschaft angetragen, die es unter P. Hermann Leenen (16) als Internat 'Kurfürst Franz Ludwig' weiterführte (17).

Oppeln: Die ersten Jesuiten, die in diese Stadt kamen (18), waren die Patres Alois Polke, Felix Wiercinski und Leopold Willimsky (19). Letzterer wurde auch der erte Obere der neuen Residenz. Zunächst wohnten die Patres privat in der Nähe der Kreuzkirche, bis am 12. Juli 1924 die Villa Sedanstraße 11 unter günstigen Bedingungen gekauft werden konnte. Die ersten, die sie bezogen und einrichteten, waren die Brüder Bernhard Hagemann und Josef Hoffe. Im Oktober 1927 wurde der zur Rosenberger Straße hin gelegene Acker hinzuerworben und so ein großer Garten geschaffen. Am Christkönigsfest 1930 konnte die von P. Saedler erbaute Kirche eingeweiht werden (20).

Mittelsteine: war die nächste Gründung in Schlesien. Schon länger bestand der Plan, in Ostdeutschland ein Noviziat zu errichten. Es gab auch mancherlei Angebote, die aber alle scheiterten. Am 30. März 1925 endlich konnte der sog. Lüttwitzhof in Mittelsteine (21) gekauft werden, der einmal zum Fundationsvermögen des Glatzer Kollegs gehört hatte und der nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu in den Besitz der Freiherren von Lüttwitz gekommen war. Die dazu gehörige Landwirtschaft war verpachtet und wurde von der Gesellschaft am 1. Juli 1930 übernommen. Da die Gebäude erst renoviert und das Haupthaus um zwei Stockwerke erhöht wurde, konnte der Umzug des ostdeutschen Noviziates aus Exaeten unter P. Constantin Kempf (22) nicht vor Mitte Mai 1926 erfolgen. Erster Rektor des neuen Hauses wurde P. Alfons Wolf (23), der schon seit drei Jahren in der Grafschaft Glatz tätig war.

Beuthen wurde als letztes Haus in Schlesien eröffnet. Um in dieser Stadt bzw. im oberschlesischen Industriegebiet überhaupt Fuß fassen zu können, mußte die Gesellschaft eine Kuratie übernehmen. Eine Turnhalle wurde als Notkirche eingerichtet und am 1. April 1928 der Provinz übertragen (24). Erster Oberer der Residenz und Kuratus wurde P. Alois Starker.

 

Ostpreußen

Auch Ostpreußen wurde schon seit der Jahrhundertwende regelmäßig von Patres aus der Deutschen Provinz aufgesucht. Hier war es vor allem Dompropst Sander von Frauenburg, der sehr

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16) Mttlg. VII, 60lff. - 17) AdPr.III, 16. Herm. Hoffmann, Die Peter-Paul-Kirche in Breslau, Breslau 1934. - 18) Nach Auskunft von P. Alfons Schinke soll es am 6. Januar 1922 gewesen sein (oder 1923?) - 19) Mttlg. XVII, 141f. - 20) Grundbuchakten Oppeln. Vorheriger Besitzer war aber nicht die Oppelner Handwerkskammer; diese hatte das Haus nur gepachtet. - 21) Grundbuchakten Mittelsteine. Mttlg.XIII, 104ff. AdPr. III, 130. 179. 188f - 22) Mttlg. XVI, 459ff. - 23) Mttlg. XVI, 210ff. - 24) Kaufvertrag.

 


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drängte, "doch deutsche Patres ins deutsche Land zu schicke (25). Eine Schenkung in Bischofsburg schien eine Niederlassung im Ermland vorzubereiten. P. Heinrich Werling und P. Werner Dietrich suchten dort Fuß zu fassen, aber die Sache zerschlug sich wieder. Der unmittelbare Wegbereiter für die Arbeit in Ostpreußen wurde P. Michael Gierens (26), der 1921-1925 in Königsberg als Studenten- und Jugendseelsorger arbeitete. Am 7. September 1923 wurde das Haus in der Theaterstrasse 8 erworben. Erst fünf Jahre später allerdings entstand eine förmliche Residenz, als deren erster Oberer am 26. August 1928 P. Heinrich Diebels (27) verkündet wurde (28).

Zu Beginn des Jahres 1932 überließ das Domkapitel von Frauenburg der Ostdeutschen Provinz zur Nutznießung das Stift Heiligelinde, das einst zum Kolleg in Rössel gehört hatte. Bischof Kaller übertrug am 11. November 1932 der Gesellschaft die Seelsorge der Pfarrei "zunächst für 50 Jahre". Erster Obere und Pfarrer wurde der bisherige Oppelner Superior, P. Leopold Willimsky (29).

Zwei Jahre vorher hatte Prälat Kaller die Gesellschaft nach Schneidemühl berufen und ihr am 1. Juli 1930 die Seelsorge an der Johanneskirche übertragen. Ein zweiter Pater sollte noch für Rekollektionen, Exerzitien, Aushilfen usw. zur Verfügung stehen. Die Kuratie übernahm P. Friedrich Schulte (30) die Rekollektionen P. Johannes Machhaus (31).

 

Sachsen

Das Land Sachsen war bei der Teilung der Deutschen Provinz im Jahre 1921 der Oberdeutschen Provinz und bei der Errichtung der Ostdeutschen Vizeprovinz am 8. Dezember 1927 dieser zugeschrieben worden. Die erste Gründung war das Haus Hoheneichen in Hosterwitz bei Dresden. Es ist eine persönliche Stiftung von Prinzessin Maria Immaculata, Herzogin von Sachsen, einer Tante des P. Georg von Sachsen (32). Aus dem Erlös von Privatschmuck kaufte sie im Oktober 1921 das genannte Grundstück und schenkte es der Gesellschaft Jesu unter der Bedingung, daß diese ihre Wirksamkeit in Sachsen wieder aufnehme; gleichzeitig wollte sie damit der Kirche in ihrer sächsischen Wahlheimat einen Dienst erweisen (33).

Aus kirchenpolitischen und anderen Gründen wählte man die Form einer milden Stiftung, die dem Bischof von Meißen mit der Auflage übertragen wurde, Haus und Grundstück den Jesuiten zu voller Nutznießung zu überlassen. Am 13. Dezember 1921 kam P. Karl Kah in Dresden an und ließ sich als erster Jesuit

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25) Mttlg. XVIII, 49; XIV, 249. Sanders ist in Frankfurt/M. geb. nicht in Koblenz. - 26) Mttlg, XIV, 391. - 27) Mttlg. XVIII, 65ff. - 28) Grundbuchakten Königsberg. Mttlg. XIV, 240. 391. XX, 12ff. - 29) AdPr.V, 15; Akten im ProvArchiv. - 30) Mttgl. XVII, 570ff. - 31) AdPr.IV, 38; Akten im ProvArchiv. - 32) Schönau, E. von, Eine königliche Frau und ihr Werk, Freiburg 1951. - 33) Akten im ProvArchiv.

 


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seit 75 Jahren in Sachsen nieder. Ihm folgten im Februar 1922 P. Anton Drütschel und im Juni desselben Jahres P. Johannes Zorell, der volle 15 Jahre bis zu seinem Tode dort wirken sollte (34).

Im Jahre 1930 wurde dann die Pfarrei Dresden-Strehlen übernommen und damit der Grundstock zur Residenz Dresden gelegt. Am 5. Okt.1930 wurde P. Hermann Christmann (35) als Pfarrer eingeführt. Auch der neue Superior, P. Egidius Keuchen, bezog dort seine Wohnung (36).

 

Litauen und Estland

Kurz gedacht sei auch der Litauischen Provinz, die bis zu ihrer Verselbständigung im Jahre 1936 der Niederdeutschen bzw. der Ostdeutschen Provinz angegliedert war. Am Ignatiusfest 1922 erhielt P. Provinzial Bley von P. General Ledochowski den Auftrag, die litauischen Bischöfe zu besuchen und Beziehungen anzuknüpfen. Diesen Auftrag führte P. Bley vom 21. bis 24. September 1922 aus. Die Aufnahme und die Angebote in Litauen waren günstig, sodaß bereits am 1. November 1922 von P. General die Anweisung erging, die Arbeit in Litauen sofort aufzunehmen. Litauen sollte aber mit der Niederdeutschen Provinz nicht einfachhin vereint werden, sondern ihr "tamquam Missio Lithuana" angegliedert werden, da es hoffentlich bald eigene Provinz werde. Es war also von Anfang an an eine selbständige und unabhängige Litauische Provinz gedacht; dennoch wurde der Ausdruck 'Missio' von den Bischöfen und der Regierung in Litauen mißverstanden, als ob es Missionsland sei und den Heidenländern gleichgestellt werde. Gegenteilige Vorstellungen wurden nicht recht geglaubt, darum der Name 'Missio Lithuana' in der Öffentlichkeit vermieden (37).

Am 6. Juni 1923 wurde unsere alte Kirche und ein Teil des Kollegs in Kaunas P. Andruska übergeben; die endgültige Übergabe als Eigentum erfolgte am 11. Februar 1924. Im Juli 1923 war als erster deutscher Jesuit P. Johannes Kipp (33) in Kaunas angekommen. Am 1. September 1924 wurde ein Gymnasium nach litauischen Lehrplänen eröffnet, und am 2. Februar 1925 P. Kipp als erster Rektor des Kollegs von Kaunas verkündet (39).

Da die litauische Regierung ein Konkordat anstrebte, in dem auch die Selbständigkeit der Orden kirchenrechtlich festgelegt werden sollte, wurde schon am 25. März 1930 eine Litauische Provinz im kirchenrechtlichen Sinne (Can.488,6) errichtet und R. P. Kipp zum Superior Provincialis ernannt. P. General empfahl aber am 18. Januar 1931 im Dekret über die Errichtung der Ostdeutschen Provinz die Litauische Provinz weiterhin nachdrücklich der Obsorge der Ostdeutschen Provinz, bis darüber anders im Herrn entschieden wird. Dies geschah am 12. März 1936, als Litauen zur unabhängigen Vizeprovinz erhoben wurde (40).

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34) Mttlg, XV, 66-78. - 35) Mttlg, XVIII, 101f. - 36) AdPr. IV, 41. - 37) Mttlg. XX, 153ff. AdPr.II, 47f. - 38) Mttlg, XVIII, 492ff. - 39) Mttlg. X, 39ff; XX, 153ff. AdPr.III, 9. 15. 22. - 40) Mttlg. XII, 85f; 333ff; XX, 165f. AdPr. IV, 35; V, 3; VII, 4.

 


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Mit der Litauischen Mission wurde 1930 Estland vereinigt. Dort waren bereits im Jahre 1923 auf Veranlassung des dortigen Nuntius, Erzbischof Zecchini S.J., die beiden Pfarreien in Dorpat und Reval von der Niederdeutschen Provinz besetzt worden. P. Heinrich Werling war zuerst Pfarrer beider Gemeinden, bis ihn im Sommer 1924 P. Josef Kartte in Reval ablöste (41).

Es sei wenigstens der Vollständigkeit halber erwähnt, daß das Haus Troppau 1938-1945 vorübergehend zur Ostdeutschen Provinz gehört hat.

Die Schwierigkeiten der Gründung waren mancherorts bedeutend größer und langwieriger, als aus den vorstehenden Zeilen erhellt, aber diese Neugründungen waren nach einigen Jahren schon so gefestigt, daß am 8. Dezember 1927 der Osten ein eigener Verwaltungsbezirk und am 2. Februar 1931 eine selbständige Provinz mit Berlin als Mittelpunkt werden konnte.

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41) AdPr.III, 11. 14. 20.

 


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IV. Die Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg

Nachdem 1921 die Deutsche Provinz in eine Niederdeutsche und ein Oberdeutsche Provinz geteilt worden war, wurde vom Provinzial der Niederdeutschen Provinz, P. Bernhard Bley, sehr bald die Schaffung auch einer eigenen Ostdeutschen Provinz betrieben. Unter dieser Rücksicht sind die Gründungen zu sehen, die in dem Jahrzehnt zwischen den beiden Teilungen (1921 und 1931) geschahen und über die im vorigen Kapitel berichtet wurde. Wohl arbeiteten schon vor 1921 in Berlin und Breslau Jesuiten aus der Deutschen Provinz, aber der Ausbau, der zur Schaffung einer eigenen Provinz führte, wurde erst nach 1921 energisch in Angriff genommen.

So wird 1921 in Charlottenburg und Königsberg begonnen, 1922 die Residenz Breslau formell errichtet, 1923 das Haus in Königsberg gekauft und in Litauen angefangen. 1924 werden die Residenz Oppeln und das Internat in Breslau übernommen, 1925 Mittelsteine gekauft und 1926 dorthin das 'Ostnoviziat' verlegt. 1927 kommt die Diözese Meißen und damit das Haus Hoheneichen zur Provinz. 1928 schließlich wird die Residenz Beuthen begründet und 1930 die Arbeit in Dresden-Strehlen und in Schneidemühl aufgenommen.

In demselben Zuge lag auch die Eröffnung eines Ostdeutschen Noviziates, das zunächst in Holland eingerichtet wurde, weil sich in Ostdeutschland noch kein geeignetes Anwesen hatte finden lassen. Ende Mai 1924 schon hatte P. Constantin Kempf die geistliche Leitung eines Teiles der 's-Heerenberger Novizen übernommen, und am 4. August zogen die 'Ostnovizen' nach Exaeten, wo sie bis zur Übersiedlung nach Mittelsteine im Jahre 1926 blieben. Novizenmeister wurde P. Kempf, Socius P. Walter Straßer und 'magister scholae latinae et graecae' Fr. Karl Wennemer (1).

Am 8. Dezember 1927 wurden die ostdeutschen Häuser zu einem eigenen Verwaltungsbezirk zusammengefaßt, der bis zur Errichtung der Provinz als abhängige Vizeprovinz im Verbande der Niederdeutschen Provinz verblieb (2).
Dem Vizeprovinzial, P. Bernhard Bley, wurde von P. General Ledochowski aufgetragen, dafür Sorge zu tragen, daß die Gesellschaft im Osten mehr und mehr bekannt werde und die Unsrigen zu geeigneten apostolischen Arbeiten eingeladen würden, daß allmählich mehr Residenzen eingerichtet würden und das Berliner Kolleg weiter ausgebaut würde.

Da sich die Häuser sehr gut entwickelten und da vor allem ein zahlreicher Nachwuchs vorhanden war - im Jahre 1930 waren insgesamt 55 Kandidaten, 29 Deutsche und 26 Litauer, eingetreten, wurde der Osten bereits am 2. Februar 1931 selbständige Provinz. Nach dem Errichtungsdekret sollten zur neuen Provinz gehören: die Erzdiözese Breslau, die Diözesen Berlin, Ermland und Meißen, die Freie Prälatur Schneidemühl, die preußischen Anteile der Erzdiözesen Prag und Olmütz sowie das zur Diözese Paderborn gehörende Kommissariat Magdeburg. Litauen, das nach kano-

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1) AdPr.III, 77. - 2) ARSJ V, 731ss. AdPr.IV, 33f.

 


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nischem Recht 1930 zwar schon zur Provinz erhoben worden sei, das aber noch nicht so stark sei, daß es sich selbst genüge und sich selbst überlassen werden könne, wird nachdrücklich der Sorge der Ostdeutschen Provinz empfohlen (3). Es machten also die Häuser in Berlin, Schlesien, Sachsen, Ostpreußen und Litauen die neue Provinz aus.

Das Gebiet der Provinz umfaßte einschließlich Litauens und Estlands 280.000 qkm; das ist mehr als die Hälfte des Deutschen Reiches, wie es vor 1914 bestand. Innerhalb des damaligen Deutschen Reiches sind es zwei Fünftel, die zur Ostdeutschen Provinz gehören. Außer dem Ermland, Oberschlesien, einzelnen Teilen Mittelschlesiens und Litauen war das ganze Gebiet starke Diaspora. Während auf das Gebiet der West- und der Südprovinz je 10 Millionen Katholiken kamen, waren es für die Ostprovinz nur 5 1/2, von denen noch 1,8 Millionen in Litauen lebten. Auf den deutschen Anteil der Provinz trafen keine 4 Millionen (4).

Trotz der geringeren Anzahl von Katholiken war der Nachwuchs zahlreicher als in deh beiden anderen deutschen Provinzen. Vor allem als das Noviziat in Mittelsteine eröffnet und bekannt geworden war, stieg die Zahl der ostdeutschen Kandidaten sehr bald an. Bei der Errichtung am 2.2.1931 zählte die Provinz 281 Mitglieder (PP. 100, Sch. 102, BBr. 79); am Ende des Jahres waren es bereits 312 (105, 113, 94), was einen Zuwachs von 31 bedeutete (5). Von den 312 Mitgliedern gehörten 87 zur Litauischen 'Provinz', aber nur 64 (PP. 7, Sch. 27, BBr. 30) waren Litauer. Die Zahl der Mitglieder stieg auch in der nächsten Zeit jährlich um 20 und mehr. Ende 1935 waren es schon 396 (123, 164, 109); davon wurden 88 - 12 Priester, 33 Scholastiker und 43 Brüder - am 25. März 1936 endgültig als Litauische Provinz zusammengefaßt.

Die Ostdeutsche Provinz zählte nunmehr 308 Mitglieder (111, 131, 66), eine Zahl, die in den letzten Jahren vor dem Krieg nur noch geringfügig anstieg und Anfang 1939 einen Höchststand von 320 (135, 124, 61) erreichte.

Die Kandidaten, die eintraten, machten ihr Noviziat in Mittelsteine bzw. Pagryzuvis, ihre philosophischen und theologischen Studien zusammen mit den Fratres der anderen deutschen Provinzen in Valkenburg, Pullach und Frankfurt. 1934 waren die Scholastiker der Ostprovinz bis auf wenige Ausnahmen alle Ostdeutsche oder Litauer. Von den Patres dagegen stammte ungefähr die Hälfte aus Westdeutschland; sie waren bei der Trennung der Provinzen zur neuen Provinz überschrieben worden. Die Brüder waren wiederum fast ausschließlich Ostdeutsche und Litauer.

Über die Arbeiten in Seelsorge und Schule wird anschließend ausführlich die Rede sein. Hier sei indes auch darauf hingewiesen, daß die Provinz von Anfang an einzelne Mitglieder in die auswärtigen Missionen schickte. Wie im Errichtungsdekret gesagt wurde, sollte die Universität Tokyo und die

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3) ARSJ VI, 812ss. AdPr. V, 21ff. 29. - 4) AdPr. VI, 198. 5) Hist.prov.1931. Die Niederdeutsche, Oberdeutsche und Österreichische Provinz hatten 1930 zusammen den gleichen Zuwachs von 31 Mitgliedern, den die Ostdeutsche Provinz allein hatte. Vgl. ferner hierzu und zum Folgenden die Provinzkataloge.

 


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Mission von Hiroshima beiden Provinzen gemeinsam sein, jedoch so, daß die Verwaltung in den Händen des Niederdeutschen Provinzials liege. Im ganzen sind Aus der Ostdeutschen Provinz bis zum Ausbruch des Krieges nur sechs Fratres bzw. Patres in die Japanische Mission gereist. Denn schon bald war das Bestreben vorhanden, ein eigenes Missionsgebiet zu erhalten. Dabei dachte man vor allem an Afrika, wo seit Jahrzehnten deutsche Patres und Brüder unter den englischen Mitbrüdern am Sambesi arbeiteten. Die dort lebenden deutschen Patres und Brüder sollten mit den nachrückenden Missionaren vereinigt und ihnen dann ein eigenes Gebiet anvertraut werden (6). Am 27. September 1935 konnte P. Provinzial Bley P. Karl Brosig und die Brüder Heim, Jaschke und Lisson verabschieden und an den Sambesi senden. Ihnen folgten bis Kriegsausbruch noch 3 Priester, 2 Scholastiker und 2 Brüder, 2 Patres aus der Niederdeutschen Provinz und 3 litauische Brüder (7). Dann wurde das hoffnungsvolle Beginnen durch den Ausbruch des Krieges jäh unterbrochen.

Schon bald nach der Errichtung der Provinz waren dem Berliner Provinzial von verschiedenen Bischöfen Bitten um Übernahme größerer Aufgaben ausgesprochen worden, die aber zu einem großen Teil wegen Mangels an geeigneten Kräften abgelehnt werden mußten. So wurde nicht entsprochen der Bitte des Meißener Bischofs, das St. Benno-Gymnasium in Dresden zu übernehmen, und jener eines rumänischen Prälaten, der gern für seine Heimat deutsche Jesuiten erhalten hätte (8).

Eine Sorge, welche die Provinz und viele Häuser von Anfang an schwer bedrückte, war die große Schuldenlast, die erst in den Jahren des Krieges merklich abgetragen werden konnte. Mit dieser geldlichen Not hängt es zusammen, daß verschiedene Häuser, vor allem das Berliner Kolleg, in sehr bescheidenen Räumen untergebracht waren und nicht weiter ausgebaut werden konnten. Was an Geldern einkam und erbettelt wurde, mußte fast ausschließlich auf die Ausbildung der vielen Scholastiker verwandt werden (9).

Die Gründung und erste Geschichte der Provinz ist unlösbar mit P. Provinzial Bernhard Bley verknüpft. Als er 1921 die Leitung der Niederdeutschen Provinz übernahm, sah er es bald als eine seiner Hauptaufgaben an, der Gesellschaft die Wege weiter nach Osten zu bahnen. Während der XXVII. Generalkongregation 1923 in Rom betreibt er die baldige Gründung eines eigenen ostdeutschen Noviziates und berichtet dort über seinen ersten Besuch und die Aufnahme in Litauen (10). Acht Jahre hat er dann als Vizeprovinzial und Provinzial die Ostdeutsche Provinz geleitet, sie innerlich und äußerlich ausgebaut und gefestigt und ihr ein bestimmtes Gepräge gegeben (11).

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6) AdPr.VI, 381. Mttlg. XVIII, 390. - 7) AdPr.VII, 115. 132. - 8) Hist.prov. 1931/32. - 9) ebd. - 10) Vgl. dazu "25 Jahre Ostdeutsche Provinz S.J., Erinnerungen von P. Bernhard Bley", Beilage zu Rundbrief 1956/I, (siehe Anhang). - 11) Mttlg. XXI, 468-482. Canisius I, 11.

 


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Sein Nachfolger wurde P. Karl Wehner, bisher Superior in Königsberg. Zu Beginn seines Provinzialates wurde am 25. März 1936 die Litauische Provinz endgültig von der Ostdeutschen Provinz getrennt (12). Die Amtszeit P. Wehners ist weithin bestimmt durch die Schwierigkeiten und Behinderungen, welche die Nazizeit und der Krieg mit sich brachten, durch die Schließung und Beschlagnahme mancher Häuser, durch die zahlreichen Einberufungen zur Wehrmacht und die 1941 einsetzenden Entlassungen usw., alles Dinge, über die an anderer Stelle noch ausführlich berichtet werden muß (13).

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12) ARSJ VIII, 504s. AdPr.VII, 13f. - 13) Amtsfolge der Provinziäle bis zum Krieg: Bernhard Bley, 8. Dezember 1927 Vizeprovinzial; 2. Februar 1931 Provinzial. Karl Wehner, 29. September 1935 Vizeprovinzial; 1. März 1936 Provinzial.

 


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Berlin-Charlottenburg

war die jüngste der drei Berliner Gründungen, entwickelte sich aber bald zur ersten und größten. Wie schon gesagt wurde, war diese Niederlassung mit der Kuratie übernommen worden, um daselbst ein Gymnasium zu eröffnen.

Die Kuratie St. Canisius (1) wurde am 16. November 1921 errichtet. Sie erhielt als Pfarrbezirk einen Teil im Süden der Herz-Jesu-Pfarrei, in deren Verband sie auch weiterhin verblieb. Erster Kuratus wurde P. Rembert Richard, der vorher Rektor in Sittard und Feldkirch und Provinzial der Oberdeutschen Provinz gewesen war.

Als Gottesdienstraum dienten zuerst einige Zimmer im Erdgeschoß des Hauses Neue Kantstraße 2, bis am 24. August 1924 die Kapelle an der Witzlebenstraße eingeweiht wurde (2). Das Gebäude war ursprünglich eine Fabrik gewesen und beherbergte später eine katholische Volksschule. Als diese zum 1. April 1924 auszog, wurde das untere Stockwerk (Erdgeschoß) in eine Kapelle umgebaut. Und um die entsprechende Höhe zu erzielen, wurde der Fußboden durchgebrochen und der Keller in die Kapelle einbezogen. Wenn man also die Kapelle von der Straße betrat, stand man zunächst auf der Empore und stieg von da in die Kirche hinab. Der neue Raum war 33 Meter lang und 14 Meter breit, entsprach also etwa der Größe einer mittleren Kirche. Altarbild war das "Abendmahl" von Gebhard Fugel, ein 3 1/2 x 2 Meter großes Gemälde, das bis dahin im Speisesaal des Biesdorfer Exerzitienhauses gehangen hatte. Die "Notkirche" wurde in ihrer Einfachheit den Gläubigen sehr bald eine liebe und gern aufgesuchte Stätte der Andacht.

Die Gemeinde zählte ungefähr 6.000 Gläubige; es waren überwiegend Leute aus dem Arbeiter- und Mittelstand, kleine Beamte und Kaufleute. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten im Hause Neue Kantstraße 2 kamen zuletzt durchschnittlich etwa 1.500 Besucher, in der neuen Kapelle wurden es bald 2 bis 2 1/2 Tausend. Jahr für Jahr stieg die Zahl der ausgeteilten hl. Kommunionen; 1927 wurden 64.000 hl. Kommunionen gespendet. 1935 zählte die Gemeinde 7.000 Katholiken unter 70.000 Nichtkatholiken. Sonntags wurden sieben hl. Messen gelesen, die erste um 5.30 Uhr, die letzte um 11.30 Uhr (3).

Seit 1924 bestand eine Männerkongregation (MC), die etwa 50 ausgewählte Mitglieder hatte; letzte Vorbedingung für die Aufnahme war die Teilnahme an geschlossenen Exerzitien. Ebenso entfaltete der Mütterverein eine rege Tätigkeit. Das gleiche gilt von der Jugend, die sich in ND und Sturmschar, in Heliand und MC zusammengeschlossen hatte.

Pfarrhaus und gleichzeitig Wohnung für die Lehrer des Canisiuskollegs war das Haus Neue Kantstraße 2. Es war ein sehr solid gebautes Haus mit je zwei Wohnungen in vier Stockwerken. Aber erst allmählich wurden die einzelnen Wohnungen frei.

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1) AdPr. II, 34.35.37. - 2) Hist.dom. 1924/25. AdPr.III, 84. 3) AdPr.VI, 11. Amtlicher Führer durch das Bistum Berlin, Berlin 1935, S.71ff.

 


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So konnte Raum für die immer größer werdende Zahl von Patres und Brüdern geschaffen werden. Die Hauskapelle, die anfangs im 4. Stock untergebracht war, wurde 1938 in den 2. Stock verlegt. Eigens für diesen neu eingerichteten Raum schuf Prof. Plontke das Bild "Mittlerin der Gnaden" (4).

Die Eröffnung des Gymnasiums kam nicht so rasch zustande, wie man es erwartet hatte. Erst am 16. April 1925 konnte in zwei Sexten mit 69 Schülern begonnen werden. Schon am 5. Mai war die erste Revision der Schulbehörde, die sich alles sehr genau ansah, sich angelegentlich nach der Herkunft der Gelder für den Betrieb erkundigte, die sich aber auch mit der Schule und den aufgewiesenen Leistungen zufrieden zeigte (5). Drei Jahre später waren es schon 233 Schüler in 7 Klassen.

Da es an Anmeldungen nicht fehlte, hätte man ohne weiteres neue Klassen einrichten können. Aber um den Ausbau des Gymnasiums nicht durch einen zu starken Bedarf an Lehrkräften, Schulräumen usw. zu erschweren, wurde die Zahl der Schüler und der Klassen bewußt niedrig gehalten. Denn von den 213 wöchentlichen Unterrichtsstunden wurden 59 von drei Patres, alle übrigen von weltlichen Lehrern gegeben.

Unter den Schülern waren alle Schichten der Bevölkerung vertreten, Söhne von Reichs- und Staatsministern wie solche von kleinen Kaufleuten und Arbeitern. Von den 233 Schülern kamen nach dem Unterricht 124 ins 'Studium' oder Tagesinternat, um hier die Schulaufgaben zu machen und sich am gemeinsamen Spiel zu beteiligen (6). Ostern 1930 war das Gymnasium mit 400 Schülern bereits das größte rein humanistische Gymnasium Berlins, obgleich es erst bis zur Untersecunda ging (7).

Im Jahre 1928 wurde die Residenz zum Kolleg erhoben und P. Theo Hoffmann (8) als erster Rektor verkündet. Eine besondere Aufgabe, die dem neuen Rektor gestellt war, bestand in der Beschaffung geeigneter Räumlichkeiten für die nur behelfsmäßig untergebrachte Schule. Hochfliegend waren seine Pläne. Er wollte außerhalb der Stadt an der Havel bei Pichelsberg den Neubau errichten. Aber im Frühjahr 1931 muß er berichten:

"Der Gedanke, am Rande der Stadt am Wasser und im Grünen des Waldes einen Schulbau zu errichten, wird zunächst nur ein Gedanke bleiben. Die schwere wirtschaftliche Not zwingt uns, davon Abstand zu nehmen". Es wurden daraufhin einige Architekten gebeten, in Skizzen zu zeigen, was auf dem Platz an der Witzlebenstraße möglich sei; außer der Schule mit ihren Klassen, Sälen usw. mußte ja auch eine große Kirche mit Pfarrsaal usw. untergebracht werden. Abschließend sagte P. Hoffmann: "Wie gebaut wird, ist noch nicht definitiv bestimmt. Aber daß alles zum Bau drängt, ist klar" (9). Daß trotzdem nicht gebaut wurde - und wegen der sich bald verändernden politischen Lage nicht gebaut werden konnte, ist bekannt.

Ostern 1931 beginnt das Schuljahr mit mehr als 500 Schülern; das Kolleg war damit die zweitgrößte private Knabenschule Deutschlands. Unter 21 Lehrern sind 7 Patres. Etwa 300 Jungen, also 3/5 der ganzen Schule, sind Neudeutsche (10). 1934 wurde das erste Abitur abgenommen. Nicht nur alle 17

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4) AdPr.V, 3. 146; VII, 148. Das Bild hängt heute im Refektor des Ignatiushauses, Neue Kantstr. 1.- 5) Hist.dom. 1925. AdPr.III, 117f. 17o. - 6) AdPr. VI, 672. - 7) AdPr.IV, 231. 253. - 8) Mttlg. XVII, 367ff. - 9) AdPr. IV, 259. 268. Unsere Schule, 5. Jahrg.1931, Heft 1, 25f, - 10) AdPr. V, 40ff, 68f, 122. 147. 17o. 179. 196. 214.

 


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Abiturienten bestanden, sondern 14 erhielten auch, was damals eigens verlangt wurde, die Berechtigung zum Hochschulstudium. Das Gymnasium erhielt jetzt die endgültige Anerkennung als Vollanstalt. Mit diesen ersten Abiturienten machte P. Rektor Hoffmann eine Romfahrt (11). - Zwei Jahre später, im Jahre 1936, waren es 24 Abiturienten; von diesen bestanden drei mit Auszeichnung, acht mit gut; 11 entschieden sich für das Studium der Theologie (12).

Obgleich die Leistungen der Schule und desgleichen die Sammlungen, die das Gymnasium besaß, von der Schulbehörde immer wieder anerkannt wurden, kamen von derselben Behörde bald die ersten Verordnungen, die nichts anderes als den Abbau und die Schließung der Schule bezweckten. Durch Ministerialerlaß vom 16. Juli 1936 wurde bestimmt, daß die "Anstalt von Ostern 1937 stufenweise abgebaut wird", weil ein "Bedürfnis für die von Ihnen geleitete Schule nicht mehr anerkannt werden kann". Danach durften Ostern 1937 keine Sextaner mehr aufgenommen werden und die Untersekundaner, die zur Obersekunda aufstiegen, mußten auf eine andere Schule geschickt werden. Damit sank die Schülerzahl schon auf 400. Proteste gegen diesen Erlaß sowie alle Bemühungen, die Schule zu erhalten, blieben erfolglos (13).

Der Abbau des Gymnasiums ging noch schneller vor sich, als es der ursprüngliche Erlaß verlangt hatte. Da nämlich 1937 allgemein die Schulzeit an allen höheren Lehranstalten von neun auf acht Jahre herabgesetzt wurde, gingen Ostern 1938 nicht nur die Oberprimaner, sondern auch die Unterprimaner ins Abitur; es war zugleich die letzte Reifeprüfung des Gymnasiums am Lietzensee. Ferner wurde die bisherige Obertertia sofort in die Obersekunda überführt; es mußten darum alle als Obersekundaner auf andere Schulen geschickt werden. Damit blieben nur noch je zwei Klassen Quarta bis Obertertia mit 194 Schülern übrig (14). - Ein kleines Schülerheim, das Ostern 1938 eingerichtet wurde, bestand nur ein reichliches Jahr (15).

Normalerweise hätte die letzte Klasse Ostern 1941 das Canisiuskolleg verlassen müssen. Da wurde durch Runderlaß vom 2. Oktober 1939 angeordnet, daß alle privaten konfessionellen Schulen Ostern 1940 zu schließen hätten (16). So war am 16. März 1940 der letzte Schultag. Bischof Preysing zelebrierte selbst die letzte Schulmesse (17). 15 Jahre hatte das 'Gymnasium am Lietzensee' bestanden. Während dieser Zeit unterrichteten an ihm 16 Patres und 52 weltliche Lehrer; rund 1330 Jungen waren seine Schüler (18).

Als das letzte Heft 'Unsere Schule' erscheinen sollte, erschien die Gestapo und beschlagnahmte die Nummer, gab sie aber nach zwei Tagen wieder frei, wobei am Telefon die Bemerkung fiel, die Nummer sei ausgezeichnet. Im Herbst 1940 erschien die Gestapo erneut, vor allem um P. Friedrichs wegen seines Briefverkehrs mit früheren Schülern zu verhören.

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11) AdPr. VI. 227. 252f. 344. - 12) Hist.dom. 1936. Unsere Schule, Pfingsten 1936, S. 28. - 13) Friedrichs, Aus dem Kampf um die Schule, Freiburg 1951, S.12ff. AdPr. VII, 73 - 168. - 14) Hist.dom. 1938. Friedrichs, a.a.O. 91f. - 15) Hist.dom. 1938/39. AdPr. VII, 102. 184.- 16) Friedrichs, a.a.O. 93f. - 17) Hist.dom. 1940. Unsere Schule, Schlußheft, 1940. Friedrichs, a.a.O. 94ff. - 18) Unsere Schule, Schlußheft, 1940, 25. AdPr. VII, 1940, 17f.

 


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Die Rundbriefe, die er an ehemalige Schüler verschickt hatte, sowie eine Sammlung von Soldatenanschriften erschienen verdächtig, Weil der Versand solcher Rundbriefe nach einem Verbot eingestellt worden war und die Kartei nur die Namen früherer Schüler enthielt und die Haussuchung auch nichts ergab, geschah nichts weiter; nur die Anschriftenliste wurde beschlagnahmt. Kurz danach erschien die Gestapo noch einmal und durchsuchte vor allem die Zimmer von R. P. Provinzial und von P. Georg von Sachsen; beschlagnahmt wurden die Listen der angemeldeten und aufgenommenen Schüler. Ein Besuch, um die Briefsammlung ehemaliger Schüler mitzunehmen, war ergebnislos, da sich die Sammlung nicht mehr im Haus befand (19).

Die nächste größere Haussuchung erfolgte am 25. März 1942. Abends zwischen 8 und 9 Uhr erschienen ungefähr 15 bis 20 Mann der Gestapo, besetzten sofort das ganze Haus und begannen es zu durchsuchen. P. Bruno Schmidt, einer der Kapläne, hielt gerade Gruppenstunde für die männliche Jugend. Er wurde sofort verhaftet, weil er in diesen Jugendstunden Fragen religiös-weltanschaulicher Art behandelt hatte. Gleichzeitig wurden die Zimmer der Patres, besonders deren Schreibtische durchsucht. Einige Patres, so vor allem P. Rektor Hoffmann, wurden auch verhört. Nirgends aber wurde belastendes Material gefunden. Gegen Mitternacht war die Haussuchung beendet; die Zimmer wurden wieder freigegeben, nur das Provinzarchiv versiegelt.

Am nächsten Tage erschienen gegen 11 Uhr drei Gestapobeamte, um das Provinzarchiv zu durchsuchen. Zugegen waren bei dieser Untersuchung P. Provinzial Wehner, P. Sozius Weinsziehr und P. A. Rothe, oder doch wenigstens jeweils der eine oder andere. Schon am Abend zuvor war aufgefallen, daß sich die Beamten die Marke und Nummer der Schreibmaschine, die im Büro gebraucht wurde, genau notierten. Jetzt wies bei der Durchsuchung der Schränke einer der Beamten plötzlich auf die berühmten Predigten des Bischofs Galen von Münster hin, die damals viel gelesen und weitergegeben wurden, deren Besitz oder Weitergabe aber für gewöhnlich schwer geahndet wurden. Der Beamte behauptete, die Predigten in einem Regal gefunden zu haben. In diesem Augenblick war P. Provinzial allein mit den Beamten im Zimmer. Einer fragte ihn: Wer hat die Predigten hier abgelegt? - Ich nicht. - Was wollen Sie damit sagen? Wer hat sie hierher gelegt? - Wiederum antwortete P. Provinzial: Ich nicht. Es sind noch andere Herren im Haus. Darauf gingen die Beamten ins Büro und erklärten, die Predigten seien mit einer Maschine dieser Art und Marke geschrieben, wie sie hier stehe. Auf diese Anschuldigung bemerkte P. Rothe, daß die Predigten nicht auf dieser Büromaschine geschrieben worden sein könnten; diese Maschine habe nämlich einen kleinen, aber offenkundigen Fehler, der kleine Buchstabe 'r' stehe etwas schief, Gestapo und Jesuiten schauten sich gegenseitig an, und ein Beamter steckte die Blätter in seine Mappe. Von den Predigten war keine Rede mehr, und die Haussuchung wurde bald beendet (20).

P. Bruno Schmidt, der an jenem Abend verhaftet worden war, wurde am 22. Mai des folgenden Jahres wegen "fortgesetzten Kanzelmißbrauchs in Tateinheit mit Vergehen gegen das Heimtückege-

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19) Hist.dom. 1940. - 20) Hist.dom, 1941.

 


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setz" zu zwei Jahren drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Abbüßung der Strafe kam er nicht frei, sondern wurde in "Schutzhaft" genommen und in das KZ Dachau gebracht. In dem Schutzhaftbefehl wurde als Grund außer der Gefängnisstrafe aussdrücklich die Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu angegeben. Er kam erst 1945 beim Zusammenbruch frei (21). - Im Jahre 1944 war P. Josef Riethmeister, der bis März 1944 Minister des Canisius-Kollegs gewesen war, für zwei Monate (28. August - 21. Okt.) in Haft. Er wurde festgenommen, weil die Gestapo annahm, daß er den Aufenthaltsort des P. Lothar König aus der Oberdeutschen Provinz kenne, der oft nach Berlin gekommen war und der damals von der Gestapo gesucht wurde (22).

Schon zu Beginn des Krieges gab es die ersten Einberufungen, denen in den nächsten Monaten weitere folgten. Weil fast alle Brüder zur Wehrmacht einberufen wurden, übernahmen die Armen Fräulein vom Heiligsten Herzen Jesu, Mutterhaus Breslau, Küche und Wirtschaftsführung. Im Januar 1941 wurden die vier Kriegspfarrer PP. Heinrich Klein, Alfred Rothe, Johannes Wellen und Ignatius Werth entlassen, weil nach einem Führerbefehl Ordensleute nicht in der Wehrmachtsseelsorge tätig sein durften. Und als im Laufe des Jahres 1941 alle Jesuiten für wehrunwürdig erklärt wurden, kamen nach und nach die meisten wieder zurück, während gleichzeitig andere noch einberufen wurden. Die Priester unter den Heimkehrern wurden fast ausnahmslos den Bischöfen als Kapläne zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1944 waren allein in der Diözese Berlin etwa ein Dutzend Jesuiten als Kapläne tätig (23). Und als das Haus Neue Kantstr. 2 bei einem Fliegerangriff zerstört wurde, war die 'dispersio' so vollständig, daß kaum einmal zwei oder drei zusammenwohnten (24).

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21) vgl. Mttlg. XVI, 136. 139; 347-362. - 22) Hist.dom. 1943/ 1944, - 23) Hist.dom. 1939-44. - 24) Obere des Hauses: Rembert Richard, 30. Dezember 1921; Theo Hoffmann, 10. Oktober 1928; Lambert Claßen, 3. Mai 1936; Heinrich Klein, März 1939; Rembert Richard, 1. September 1939; Paul Gocke, 5. Mai 1940; Theo Hoffmann, November 1941; Karl Wehner, 3. September 1943; Bernhard Riedl, 6. November 1944. - Direktoren des Gymnasiums: Georg Hahn, 1925-1936 (bzw. 1940); Heinrich Klein, 1936-1939 Stellvertreter. - Kuraten: Rembert Richard, 16. November 1921; Paul Gocke, 10. April 1940.

 


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St. Clemens

Als St. Clemens (1) 1919 übernommen wurde, brauchte nicht erst eine Pfarrei aufgebaut zu werden, sondern die Gesellschaft erhielt eine Kuratie, die schon ein bestimmtes Gepräge trug. Ihr Gebiet umfaßte große Teile der Friedrichstadt, des Hauptgeschäfts- und Büroviertels der Reichshauptstadt. Wichtige Straßen wie die Friedrich-, Leipziger, Potsdamer, Stresemann- und Wilhelmstraße begrenzten oder durchschnitten die Pfarrei. Auf ihrem Gebiet lagen der Anhalter und der Potsdamer Bahnhof, zu ihr gehörten mehrere Ministerien, das preußische Herren- und Abgeordnetenhaus, bedeutende Hotels, große Banken, wissenschaftliche Institute, Museen, Theater und andere Kulturstätten. Diese Tatsachen zeigen die Bedeutung des Pfarrgebietes, weisen aber auch auf die Schwierigkeiten hin, denen die Seelsorge hier begegnen mußte.

Der Vielgestaltigkeit des Gebietes entsprachen auch die sehr unterschiedlich gearteten und gebildeten Kirchenbesucher. Neben Ministern, Staatsmännern, Politikern, höheren Beamten, Wissenschaftlern und Künstlern standen die Dienstboten und Hotelangestellten und die vielen anderen kleinen Leute, die zahlenmäßig einen sehr großen Teil der Pfarrei ausmachten.

Kuratus war P. Franz Rauterkus (2), ein sehr guter Kenner der Berliner Verhältnisse, der ein feines Empfinden für die Fragen und Nöte der Zeit besaß und der als ungemein kluger Berater, auch in schwierigsten Fragen und Situationen, galt. Er war Beichtvater und Berater von Bischöfen und Ministern, konnte aber ebenso leutselig umgehen mit kleinen und armen Leuten, So hob er z.B. die Verpachtung der Kirchenbänke mit der Begründung auf, daß auch die Armen ein Recht auf einen Platz in der Kirche hätten. Sein Sprechzimmer war von früh bis spät belagert, aber es kamen zu ihm nicht bloß treue Kirchenbesucher, sondern auch nicht wenige Abständige oder Ungläubige haben durch ihn zum Glauben und zur Kirche gefunden.

P. Rauterkus selbst war ein gern gehörter Prediger, aber er lud auch oft andere Prediger ein, besonders für die letzte Messe am Sonntag. In dieser Messe hat sehr oft Dr. Carl Sonnenschein gesprochen. Die Fastenpredigten hielt 1926 P. Friedrieh Muckermann und in der Karwoche 1927 P. Peter Lippert. Bei P. Lippert steigerte sich die Zahl der Besucher derart, daß sie schließlich in der Kirche keinen Platz mehr fanden und im Treppenhaus neben der Kirche standen. Am Fronleichnamsfest 1926 veranstaltete P. Rauterkus die erste öffentliche Prozession (3) durch die benachbarten Straßen. 1927 wurde das neue Altarbild in Mosaik angebracht, das nach einer Anregung Kardinal Bertrams von Prof. Plontke geschaffen worden war. Zu den Kirchenbesuchern jener Jahre gehörte u.a. Reichskanzler Marx, der auch werktäglich die hl. Messe besuchte und gelegentlich ministriert hat. Die Clemenskirche hieß auch, nicht nur weil sie im zweiten Hof lag, sondern wegen der vielen Besucher aus Regierungskreisen, im Volksmund 'die Hofkirche'.

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1) St. Clemens Berlin 1911-1961 (Festschrift). - 2) Mttlg. XVII 525ff. Dort auch Näheres zu den folgenden Ausführungen. - 3) AdPr.III, 196.

 


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Mit St. Clemens war von Anfang an das Gesellenhaus und die Arbeit unter den Kolpingsmännern verbunden. Schon Graf Galen war ja Gesellenpräses gewesen. Seine Nachfolge trat P. Gerhard Siebers (4) an. Das Gesellenhaus war jedoch nicht nur Heim für wandernde oder zeitweise in Berlin arbeitende Gesellen, sondern auch Zentrale der Gesellenvereine und Mittelpunkt der Berliner Gesellenarbeit, und damit eines wichtigen Zweiges der katholischen Männerarbeit überhaupt. Als das Gesellenhaus in der Wilhelmstraße nicht mehr ausreichte, wurde 1927 vom Gesellenverein ein Grundstück in der Mühlenstraße, unweit des Schlesischen Bahnhofs gekauft und dort ein zweites Gesellenheim errichtet, das den Namen Eduard-Müller-Haus erhielt (5).

Eine andere Arbeit, die wenigstens anfangs auch von St. Clemens aus durch P. Heinrich Diebels (6) geleistet wurde, war die Betreuung der Frauen- und Müttervereine. P. Diebels begnügte sich aber nicht mit Predigten und Vorträgen, sondern entfaltete bald mit seinen Helferinnen aus den Pfarrgruppen eine sehr segensreiche karitative Tätigkeit; er bettelte Geld, sammelte Kleider, Wäsche, Lebensmittel usw., um so den jungen und werdenden Müttern zu helfen.

Als dritte Gruppe, die in St. Clemens Mittelpunkt und Heimat hatte, muß ND (7) genannt werden. In Berlin bestand schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Gymnasiastenzirkel, den lange Zeit P. Franz Rensing betreut hat und aus dem nicht wenige Priesterberufe hervorgegangen sind. Nach dem Kriege übernahm P. Clemens Sträter diese Arbeit, der den Zirkel in den damals gegründeten Verband Neudeutschland überführte. Mehr als ein Jahrzehnt bemühte sich P. Sträter um die Berliner Neudeutschen; 1932 übergab er diese Sorge an P. Wilhelm Föhrer.

Es darf auch nicht übergangen werden, daß die Betreuung der weiblichen Jugend, die damals fast ausschließlich in den Marianischen Jungfrauenkongregationen (8) zusammengeschlossen war, lange Zeit in den Händen der Jesuiten von St. Clemens lag. P. Anton Schmitt und später P. Johannes Wellen waren Geschäftsführer des Diözesanverbandes der katholischen Jungfrauen-Kongregationen der Delegatur.

So spielte die verhältnismäßig kleine Kirche und Residenz im kirchlichen Leben Berlins eine Rolle, die nicht übersehen werden konnte. Verschiedene Umstände mögen dafür maßgebend gewesen sein. Begünstigt war St. Clemens ohne Zweifel durch seine zentrale Lage, aber diese allein hätte nie ein solches seelsorgliches Zentrum geschaffen, wenn nicht die richtigen Männer an der richtigen Stelle gestanden hätten und sich restlos für ihre Aufgaben eingesetzt hätten. Nicht nur ein P. Rauterkus oder ein P. Siebers, auch die Patres Diebels, Anton Schmitt, Wellen u.a. sind bis heute nicht vergessen und leben im Bewußtsein der älteren Generation der Berliner Katholiken weiter.

Die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis in die dreißiger Jahre hinein darf darum mit Recht als die Glanzzeit des alten St. Clemens angesehen werden, Bis heute kommen viele Leute, die einmal mit St. Clemens zu tun hatten, gern wieder einmal zurück, um an einer Feierlichkeit teilzunehmen oder vielleicht auch nur um zu beichten.

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4) Mttlg. XVIII, 94f, - 5) AdPr. IV, 85f, - 6) Mttlg. XVIII, 65ff, AdPr. II, 20. 47. - 7) AdPr. VII. 7, - 8) AdPr. II, 43.

 


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Als im Jahre 1936 Kirche und Gesellenhaus das 25-jährige Bestehen (9) feiern konnten, war dies noch einmal ein Glanzpunkt. Beim Pontifikalamt standen zwei Bischöfe am Altar, Bischof Preysing und Bischof Galen. Nachmittags wurde eine Feierstunde veranstaltet, in der ein von P. Rommerskirch verfaßtes Weihespiel (10) "Haus Gottes" aufgeführt wurde. "Das schöne Fest war", wie es in einem Bericht heißt (11), "für unsere Gläubigen Bekenntnis und Stärkung; für uns aber waren Opferfreude, Liebe, Treue und Dank, die uns auch als Mitgliedern der S.J. von vielen Seiten zuteil wurden, ein besonderer Trost".

Aber es hatte sich, nicht zuletzt durch die veränderten politischen Verhältnisse, schon vieles gewandelt, und es sollten bald noch größere Veränderungen vor sich gehen. Die Seelenzahl war schon länger Jahr für Jahr zurückgegangen und betrug 1935 nur noch 3.300 Katholiken (12). Nicht wunder nimmt es uns, daß die Arbeit unter der Jugend und den Gesellen von den Nazis scharf beobachtet und mehr und mehr behindert wurde. Am 26. Juli 1938 wird der Gesellenverein aufgelöst und seine Güter werden eingezogen (13). Ein Jahr später wird auch ND verboten. Der Hauptschlag gegen St. Clemens (14) aber wurde am 17. Juni 1941 geführt; Veranlassung dazu war folgendes:

P. Otto Futterer leitete als Kaplan einen kleinen Zirkel, dem eine Reihe junger Leute im Alter von 20-30 Jahren angehörten. Nach dem Zirkelabend blieb man öfter noch etwas beisammen, unterhielt sich und besprach Tagesfragen. Selbstverständlich kam dabei auch die Antipathie gegen das Nazitum zum Ausdruck. Seit Februar 1941 beteiligte sich an diesem Zirkel ein ehemaliger Kolpingsmann, der in Wirklichkeit ein Spitzel war. Dieser notierte sich zu Hause die Äußerungen und Witze, die man gemacht hatte. Kurz nach Ostern 1941 wurde dieser Zirkel aufgelöst.

Am 17. Juni erschienen nun früh um 7 Uhr zwanzig Gestapobeamte, besetzten alle Ausgänge von Haus und Kirche und veranstalteten eine Haussuchung. P. Futterer wurde sofort verhaftet. Gegen 10 Uhr wurden auch P. Superior Lünenborg und die PP. Johannes Kipp und Herbert Roth zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht, ohne daß sie zunächst etwas Näheres über den Stand und Verlauf der Angelegenheit erfuhren. Erst nachmittags um 4 Uhr wurde ihnen gesagt, daß sie ebenfalls verhaftet seien. Schon vorher, in den Mittagsstunden, war Prälat Lichtenberg, der Pfarrer der St. Hedwigsgemeinde, der Grundstück, Kirche und Gesellenhaus gehörten, herbeigeholt worden. Ihm wurde eröffnet, daß wegen "staatsfeindlicher Umtriebe der Geistlichkeit" das gesamte Grundstück beschlagnahmt sei und von den Geistlichen geräumt werden müsse. - Die Patres Föhrer und Rensing, die nicht zu Hause waren, entgingen der Verhaftung.

Die Festgenommenen wurden ins Polizeigefängnis gebracht. Dem Kuratus P. Lüneborg wurde vorgeworfen, daß er seine Aufsichtspflicht gegenüber dem Kaplan P. Futterer nicht erfüllt habe; außerdem wurde er gefragt, ob man gemeinsam im Hause ausländische Sender gehört habe, was er selbstredend verneinte.

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9) AdPr. VII, 45, - 10) Das Weihespiel erschien 1937 im St. Georg-Verlag in Frankfurt/Main und erlebte 1948 noch eine 2. Auflage in München. - 11) AdPr. VII, 45. - 12) 1925/26 wohnten dagegen 5.000 Katholiken dort; vgl. Mttlg. XVII, 526. 13) Hist.dom. 1938. - 14) Hist.dom. 1941.

 


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Im übrigen wurden die Patres in Ruhe gelassen und den Umständen entsprechend gut behandelt. Das Verfahren gegen P. Futterer war von Anfang an abgetrennt worden.

Am 17. Juli, also genau nach einem Monat, wurden die PP. Kipp und Roth entlassen; das Grundstück Stresemannstraße 66 durften sie aber nicht betreten. Am 21. August wurde auch P. Lünenborg freigelassen; ihm wurde dabei mitgeteilt, er sei aus Berlin und der Provinz Brandenburg ausgewiesen und müsse bis zum folgenden Tage um 12 Uhr abgereist sein.

Die Seelsorge in der Kuratie übernahm P. Heinrich Klein; er durfte aber nicht im Pfarrhaus wohnen, sondern bezog ein Privatquartier. Tagsüber hielt er sich im Pfarrbüro auf, damit die Gläubigen ihn sprechen konnten. Der Gottesdienst in der Kirche konnte ungestört gehalten werden, ebenso ging die gewöhnliche Pfarrseelsorge weiter. Ins Pfarrhaus zog im Herbst eine SS-Dienststelle, die bis zum Zusammenbruch blieb.

1942 wurde das Kirchengrundstück und das Gesellenhaus zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Das Gesellenhaus wurde Kameradschaftsheim der SS.
Im selben Jahr wurde P. Futterer wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; nach Verbüßen der Strafe wurde er in ein KZ gesteckt und kam erst beim Zusammenbruch 1945 frei.

Mehr als 30 Jahre hatten Jesuiten in St. Clemens gewirkt und glanzvolle und schwere Zeiten durchlebt. Übriggeblieben waren jetzt nur noch der Kuratus und ein Kaplan, die die immer kleiner gewordene Pfarrei besorgten (15).

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15) Obere bis 1945: Franz Rauterkus, 1. Okt. 1911; Gerhard Siebers, 28. August 1928; Josef Lünenborg, 16. April 1939; Heinrich Klein, 15. Juli 1941. - Kuraten: Clemens August Graf Galen, 21. März 1911; Franz Rauterkus, 27. September 1919; Gerhard Siebers, 15. August 1928; Josef Lünenborg, 1. April 1939; Heinrich Klein, 1. Okt. 1941.

 


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Biesdorf

Nachdem das Haus fertig eingerichtet war, begann auch sehr bald der Exerzitienbetrieb (1). Der erste öffentliche Kurs fand vom 4. bis 8. Oktober 1920 statt. Im Jahre 1921 wurden bereits 44 Kurse gegeben; unter den 1243 Teilnehmern waren 176 Priester und 234 Ordensschwestern. 1922 war unter den Exerzitanten Kardinal Bertram. 1923 wurde ein Kurs für Nichtkatholiken gehalten, an dem auch ein protestantischer Pastor mit seiner Frau teilnahmen.

In den folgenden Jahren allerdings wurde über einen Rückgang der Beteiligung geklagt. So kamen in den beiden Jahren 1924 und 1927 nur 944 bzw. 937 Exerzitanten nach Biesdorf.

Ein merklicher Aufschwung setzte 1928 ein (2), nachdem P. Erich Bollonia 1927 die Leitung des Hauses übernommen und sofort eifrig Propaganda zu machen begonnen hatte. Das Jahr 1928 wurde dank dieser Werbetätigkeit mit 57 Kursen und 1553 Teilnehmern das beste seit Bestehen des Hauses. Auffallend war die hohe Beteiligung der Männer und Jungmänner mit 583 Teilnehmern, darunter 102 Reichswehrsoldaten und 136 höhere Schüler, meistens Neudeutsche. Guten Anklang fanden die sog. Ehevorbereitungsexerzitien. - Gleichfalls im Jahre 1928 nahm der Besuch der Gottesdienste sehr zu; an manchen Sonntagen waren bis 150 Auswärtige da; 12.000 Kommunionen wurden ausgeteilt. Daraus entwickelte sich allmählich ein Quasi-Seelsorgsbezirk, der vom Exerzitienhaus aus betreut wurde.

1930 wurden 1993 Exerzitanten gezählt: 126 Priester, 807 Männer und Jungmänner, 63 Ordensschwestern und 997 Frauen und Jungfrauen. Gegenüber dem Jahre 1927 sind es mehr als doppel soviel Teilnehmer (3). Außer den Exerzitien fanden gelegentlich auch Tagungen und andere Kurse im Hause statt. 1931 wird zum ersten Mal die Zahl 2.000 überschritten. Und trotz der großen Not werden es 1932 scgar 2.926, die in Biesdorf an Exerzitien teilnehmen. In den Jahren 1931 und 1932 waren unter den Exerzitanten rund 1000 Arbeitslose, Männer und Frauen, für die die Diözese Berlin die Unkosten bestritt. 1933 sank die Zahl der Teilnehmer wegen der großen Berliner Stadtmission auf 1721; 1934 wurde dann zum letzten Mal die Zahl von 2.000 Exerzitanten überschritten (4).

Am 1. Januar 1939 wurde die Kuratie Biesdorf-Süd errichtet. Erster Kuratus wurde P. Friedrich Schulte; ihm folgte 1942 P. Gebhard Stillfried. Die Kuratie zählte zwar nur 700 Katholiken, aber diese wohnten weit zerstreut, sodaß ihre Betreuung eine ganze Kraft beanspruchte.

Am 20. Mai 1940 wurde das Haus von der Wehrmacht als Reservelazarett übernommen. Da es aber nicht voll belegt war, konnten noch einige Exerzitienkurse gehalten werden. Im September

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1) Hist.dom. 1920 ff. - 2) Mttlg. XI, 427f. - 3) AdPr. VI, 241; V, 17. - 4) Exerzitienmeister, die hauptamtlich wenigstens ein Jahr in Biesdorf arbeiteten: August Holtschneider (1921/25), Erich Bollonia (1927/34), Walter Hruza (1929/32), Johannes von Dalwigk (1932/35), Ignatius Werth (1934/36), Wilhelm Kohlen (1936/39), Alfons Berner (1936/44), Rudolf Stromberg (1939/43).

 


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wurde es dann von der Stadt Berlin als Infektionskrankenhaus eingerichtet. Dafür trennte man den größten Teil des Hauses ab (Erdgeschoß und erster Stock). Die Pflege übernahmen Marienschwestern aus dem Karlshorster Antonius-Krankenhaus; die Sorge für Küche und Ökonomie behielten die Franziskanerinnen. Exerzitienkurse konnten nicht mehr gegeben werden, es sei denn für einen sehr kleinen Kreis. Die beiden Patres Berner und Stromberg blieben im Haus und waren von Biesdorf aus in der überpfarrlichen Seelsorge tätig. Vor allem P. Stromberg gab viele halbgeschlossene Exerzitien in Berliner Pfarreien. Das Haus blieb Krankenhaus bis nach dem Krieg und entging so einer Beschlagnahme durch die Partei oder die Gestapo (5).

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5) Hist.dom. 1939 ff.

 


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Breslau

Die Residenz Breslau war eine ausgesprochene Seelsorgsniederlassung. Von Anfang an wurde Wert gelegt auf einen würdigen Gottesdienst in der St. Caroluskapelle. Obgleich nach der Übernahme der Kapelle durch die Gesellschaft die Zahl der sonn- und werktäglichen Gottesdienste vermehrt worden war, waren diese an den Sonntagen schon bald so zahlreich besucht, daß die kleine Kapelle die Gläubigen kaum zu fassen vermochte (1). Solange aber die Absicht bestand, das Anwesen Gabitzstrasse 14/16 nicht zu kaufen, sondern lieber anderswohin zu gehen, kam eine Erweiterung der Kapelle nicht in Frage. Erst als es sich wegen der in Breslau herrschenden Wohnungsnot als unmöglich herausstellte, ein geeignetes und gut gelegenes Haus zu erwerben, wurde schließlich am 6. März 1929 das Haus Gabitzstraße 16 mit der angrenzenden St. Caroluskapelle von der Genossenschaft der Trebnitzer Borromäerinnen gekauft, obgleich die Gebäude nicht in bestem Zustand waren und der Garten von allen Seiten eingesehen werden konnte.

Jetzt schien auch der Augenblick gekommen, die Kapelle zu erweitern bzw. völlig neu zu errichten. Im Juli wurde mit dem Neubau begonnen und der Gottesdienst in einer Baracke abgehalten, die im Garten aufgestellt worden war. Die neue Ignatiuskirche wurde von Architekt Trumpke innerhalb weniger Monate erbaut und konnte schon am 21. Dezember, am 4. Adventssonntag, von Weihbischof Wojciech eingeweiht werden. Sie war doppelt so groß wie die alte Kapelle, umfaßte 500 Sitzplätze und bot im Bedarfsfalle bis zu 800 Stehplätze (2).

Die Zahl der Kirchenbesucher nahm jetzt sehr stark zu. In den fünf Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen zählte man durchschnittlich 3.000 Besucher, an Werktagen ungefähr 300. Jeden Sonntagabend war sakramentale Andacht, in der auch eine kurze Predigt gehalten wurde. Selbstverständlich wurden die der Gesellschaft eigenen Feste und Andachten besonders begangen, wie die Gnadennovene zum hl. Franz Xaver, die Weltgebetsoktav, die Mai- und Rosenkranzandachten usw.. Die Feste unserer Heiligen wurden früh mit einem besonderen Gottesdienst und abends mit einer Andacht gefeiert. Im Jahre 1932 wurden fast 100.000 und 1934 zum ersten Mal mehr als 100.000 hl. Kommunionen in der Kirche ausgeteilt. Diese Zahl hat sich freilich nicht immer gehalten, sondern war vielerlei Schwankungen unterworfen. Dafür wurden im Jahre 1938 etwa 125.000 und 1939 sogar 128.000 Kommunionen gespendet (3).

Während des Krieges, am 17. April 1941, wurde mit der Ignatiuskirche eine Kuratie verbunden, die im Pfarrverband von Carolus verblieb und der etwa 3.500 Seelen zugeteilt wurden. Die Pfarrkinder gehörten meist mittleren und unteren Volksschichten an. P. Anton Albert (4) wurde Kuratus und die PP. Theo Richardt und Erich Rommerskirch Kapläne; beide wurden später durch die PP. Georg Conrad und Stephan Jordan abgelöst (5).

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1) Hist.dom. 1923. - 2) Hist.dom. 1929. - 3) Hist.dom. 1930 ff. - 4) Mttlg. XX, 131 ff. 5) Hist.dom. 1941.

 


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An der Kirche bestand eine altehrwürdige Männerkongregation (6), die 1638 von den alten Jesuiten gegründet worden war und die die Aufhebung der Gesellschaft und andere Stürme überstanden hatte. Praesides waren nacheinander die PP. Keuchen, Drüding und Richardt. - Eine andere Eigentümlichkeit der Breslauer Jesuitenkirche waren tägliche Kindergottesdienste während der Großen Ferien (7). Angeregt und das erste Mal gehalten wurden diese Kinderpredigten 1932 von P. Georg Beyer. Es waren durchschnittlich 80-90 Kinder da, denen sich bald fast ebenso viele Erwachsenen beigesellten. Die Ferien-Gottesdienste für Kinder wurden mehrere Jahre gehalten. Die Beteiligung hing freilich sehr von dem Prediger ab, wieweit er es verstand, die Kinder anzusprechen und zu fesseln.

Mit der Residenz war von Anfang an die Konvertitenseelsorge des P. Wilhelm Leblanc (8) verbunden. Kardinal Bertram hatte sich, wohl auf Veranlassung von P. Cohauß, an P. Provinzial Bley mit der Bitte um einen Pater für Konvertitenunterricht und -seelsorge gewandt. So wurde P. Leblanc nach Breslau geschickt, wo er im März 1922 ankam und volle 23 Jahre in der Konvertitenarbeit stehen sollte. "Klein fing ich an", sagte er selbst, "mit sechs Teilnehmerinnen im Pfarrsaal von St. Vinzenz; aber nach und nach wurden es mehr; ich mußte mehrere Kurse einrichten, schließlich 4 oder 5 in verschiedenen Stadtteilen; daneben viel Einzelunterricht, auch sonntags." Die Arbeit entwickelte sich wider Erwarten gut. Schon im Jahre 1922 konnten 59 Andersgläubige in die Kirche aufgenommen werden. In den folgenden Jahren waren es 100 und mehr. Am 16. Dezember 1930 wurde der 1000. Konvertit von P. Leblanc in die Kirche aufgenommen. Von diesen 1000 waren 314 männliche und 686 weibliche Personen, und zwar 170 ledige, 133 verheiratete Männer und 11 Witwer, 366 ledige Frauen, 274 Ehefrauen und 46 Witwen. Ihrer früheren Religion nach waren 891 Protestanten, 3 Dissidenten und 17 Juden; 89 wurden wieder in die Kirche aufgenommen, von der sie abgefallen waren. Grund und Veranlassung zur Konversion waren in den weitaus meisten Fällen das katholische Bekenntnis des Mannes oder der Frau bzw. des Bräutigams oder der Braut. Von den 1000 Konvertiten waren Ende 1930 bereits 27 verstorben und 22 wiederum vom Glauben abgefallen. Im ganzen wurden es bis 1945 mehr als 2.500 Personen, die P. Leblanc in die Kirche aufnehmen konnte. Ein eifriger Helfer in dieser Arbeit war Herr Josef Lessel, der Vater des P. Joh. Bapt. Lessel. Herr Lessel verwaltete die Konvertitenbücherei und erledigte die nötigen Büroarbeiten usw.. Später als die Arbeit immer umfangreicher wurde, halfen auch andere Mitbrüder mit, vor allem P. Theo Richardt, der namentlich die jüdischen Konvertiten betreute. Mit besonderer Feierlichkeit wurde stets die Firmung der Neuaufgenommenen in der Ignatiuskirche begangen.

"Ignatius Gabitz" - oder oft auch nur I.G. bezeichnet - war im Laufe der Jahre auch ein Mittelpunkt für die Breslauer Jugendarbeit geworden, Im Sommer 1926 war P. Bernhard Hapig (9) mit dem Auftrag nach Breslau versetzt worden, sich der neudeutschen Gruppen in Breslau und Niederschlesien anzunehmen, aber ehe seine Arbeit richtig in Gang kam, erkrankte er schwer und mußte längere Zeit aussetzen. 1928 erhielt er in P. Rudolf Muschalek eine Hilfe. Die Jugendarbeit weitete

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6) Hist.dom. 1923. AdPr.VII, 133f. - 7) AdPr. V, 224.- 8) Mttlg. XVII, 140 f. AdPr. V, 3 f. 33. - 9) Hist.dom. 1926.

 


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sich bald immer mehr aus, besonders unter dem Nachfolger P. Hapigs, unter P. Bruno Borucki, der 1929 bis 1937 diese Arbeit leitete. Zur Betreuung der neudeutschen Gruppen war nämlich 1929 die Leitung der Breslauer Jungscharen hinzugekommen (10). Auch P. Borucki hatte stets einen Scholastiker als Helfer, der in der Regel die Sorge für die Jungschar hatte. Im linken Seitenflügel des Hinterhauses waren bereits früher mehrere Heime eingerichtet worden. Dort wohnte auch der Jugendpater, 1937 wurde P. Borucki von P. Alfons Tanner (Tandetzki) abgelöst. Gleichzeitig setzte aber auch schon eine stärkere Behinderung der Jugendarbeit durch die Gestapo ein. Dennoch konnte diese Arbeit innerhalb gewisser Grenzen bis in den Krieg hinein, ja bis zum Zusammenbruch von den Nachfolgern P. Tanners fortgeführt werden. Für ungezählte Jugendliche war I.G, die geistige Heimat. Dies beweist nicht zuletzt die Anhänglichkeit, die sich immer wieder bis heute in verschiedener Form zeigt (11).

Andere ständige seelsorgliche Arbeiten, die von den Breslauer Jesuiten geleistet wurden, waren die Priesterrekollektionen, die zuerst von P. Anton Haag und von 1927 bis 1941 von P. Paul Rondholz fast in ganz Schlesien gegeben wurden, ferner in einem bestimmten Turnus, abwechselnd mit einem Domherrn, die Predigten im Dom. Von den 'Dompredigern' seien genannt die PP. Otto Cohauß, Bernhard Jansen, Egidius Keuchen, Georg Beyer und Karl Schmitz.

Schließlich stellte die Gesellschaft längere Zeit den Spiritual im fürstbischöflichen Theologenkonvikt und im Alumnat. Im Konvikt versahen dieses Amt die PP. Theophil Mertz (1903-1919), Alfons Wolf (1919-1920) und Stanislaus von Dunin-Borkowski (1920- 1930); im Alumnat die PP. Peter Zahnen (1921-1928) und Clemens Bonnenberg (1928-1935). Beide Posten wurden später durch Weltpriester besetzt.

Zum Breslauer Haus gehörte stets auch eine Turme Volksmissionare, deren langjährige und in Schlesien bekannteste Mitglieder die PP. Georg Beyer, Johannes Blümel und Anton Wessendorf waren. Naturgemäß wurden diese Missionen hauptsächlich in Schlesien gehalten, aber nicht selten nahmen die Breslauer Patres auch an anderen großen Missionen teil. Im allgemeinen schwankt die Zahl der Volksmissionen, die von den Breslauer Patres jährlich gehalten wurden, zwischen 30 und 50, wobei freilich in manchen Jahren auch die religiösen Wochen mitgezählt wurden (12). In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, daß die Gesellschaft stark an den beiden Breslauer Stadtmissionen in den Jahren 1932 und 1938 beteiligt war. Während der Mission von 1932 brach P. Georg Beyer zusammen und starb ein paar Tage später. 1938 hatte P. Johannes Drüding die Gesamtleitung der Mission (13).

Im Internat Kurfürst Franz Ludwig (14), dem ehemaligen Adligen Stift, arbeitete sei 1924 P. Hermann Leenen (15) mit drei oder vier Scholastikern. Zunächst mußte das Haus, das sich in

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10) AdPr. IV, 253f, - 11) I.G. Kleine Chronik einer Gemeinschaft, Gesellschaft für Buchdruckerei und Verlag, Düsseldorf o.J., 38 S., - 12) Hist.dom. - 13) AdPr. V, 238f. VII, 156 f. - 14) Hist.dom. 1924-26. AdPr. III, 151. VI, 14. 128. VII, 1940, 6f. - 15) Mttlg.XVII, 601 ff. - Zu Anm. 13) AdPr. VI, 12.

 


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in einem sehr schlechten Zustand befand, baulich gründlich überholt werden. Es erhielt ein neues Dach, das Treppenhaus und der innere Hof wurden neu hergerichtet, eine Sakristei angebaut usw. Ebenso war es um Zucht und Ordnung nicht gerade aufs beste bestellt, sodaß P. Leenen bei seinem Antritt vor keine leichte Aufgabe gestellt war. Es verließen denn auch nicht wenige Schüler, die sich in die neuen Verhältnisse nicht hineinfinden wollten, das Haus. Dafür konnten hinreichend andere aufgenommen werden, mit denen ein guter neuer Stamm herangezogen wurde. Der Geist des Hauses besserte sich so zusehends. Der Anmeldungen waren es in den ersten Jahren eher zu viele als zu wenige; denn mit 80 oder mehr Jungen war das Haus überbelegt. Später sank die Zahl und ging in Zeiten wirtschaftlicher Not sogar unter 60 zurück, stieg aber später wieder etwas an. Die Zöglinge besuchten in der Hauptsache das Katholische Matthiasgymnasium, aber auch andere Lehranstalten der Stadt. Es sind 400 bis 500 Zöglinge von 1924-1941 durch das Haus gegangen, 15 von ihnen wurden Priester: 9 Jesuiten, 5 Weltpriester und 1 Benediktiner. Zwei Jesuitenfratres und ein Weltpriestertheologe starben in der Vorbereitung auf das Priestertum. Im Juli 1941 wurde das Internat geschlossen und das Haus als Wehrmachtslazarett eingerichtet (16).

In Zobten (17) war schon im August 1919 die Exerzitienarbeit aufgenommen worden. Bis Ende 1922 sah das alte, recht beengte Haus 839 männliche und 904 weibliche Exerzitanten, insgesamt also 1743 Teilnehmer. Darunter waren 335 Priester, 100 Lehrer, 188 Beamte und Kaufleute, 153 Lehrerinnen usw. Im Jahre 1924 nahm Kardinal Bertram zum ersten Mal in Zobten an einem Priesterkurs teil. Da die Zahl der Teilnehmer immer mehr stieg, war ein Erweiterungsbau des Hauses eine dringende Notwendigkeit geworden. Er wurde 1926 durchgeführt; dabei wurde eine geräumige Kapelle und 50 Einzelzimmer geschaffen. So konnten im Jahre 1927 bereits 540 Männer und 1100 Frauen im Ignatiushaus Exerzitien machen, Im selben Jahr kamen 480 Männer und Frauen zu den Einkehrsonntagen, die im Hause gehalten wurden. 1929 kamen zum ersten Mal fast 2000 (1996) Exerzitanten nach Zobten. In den folgenden Jahren ging die Zahl der Teilnehmer wieder zurück, überstieg aber 1937 noch einmal die Zahl 2000. Damit war aber auch der Höhepunkt erreicht. Denn schon zu Beginn des Krieges wurde das Haus als Wehrmachtlazarett eingerichtet (18).

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16) Direktoren des Internats: Hermann Leenen (1924-1936), Paul Gocke (1936-1940), Gerhard Mertz (1940-1941 bzw. 1945). - 17) AdPr. III, 9. 102. 171. Hist.dom, 1924 ff. -- 18) Exerzitienmeister, die wenigstens ein Jahr in Zobten hauptamtlich tätig waren: Paul Klein ( -1925), Alois Polke (1926-1927), Georg Groeger (1926-1928), Franz Arnold von Brackel (1927-1929), Johannes von Dalwigk (1929-1932), Ignatius Werth (1931-1934), Erich Bollonia (1934-1940), Ferdinand Steenaerts (1934-1940).

 


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Die Breslauer Jesuiten mußten wohl von allen Häusern die meisten Haussuchungen und Vorladungen zur Gestapo über sich ergehen lassen (19). So fanden 1937 allein zwei größere Haussuchungen statt. Am 9. September desselben Jahres wurde die Arbeit unter der werktätigen Jugend untersagt. Einzelne Patres wurden in den folgenden Jahren verschiedentlich vorgeladen. 1941 erhielt P. Rondholz Sprechverbot für ganz Deutschland und wurde aus Schlesien ausgewiesen. 1942 wurde ein Teil der Jugendbücherei und die Jugendkartei beschlagnahmt. Schon vorher, am 7. September 1940, war das Exerzitienhaus in Zobten, das von September bis Dezember 1939 schon einmal Wehrmachtlazarett gewesen war, von der Volksdeutschen Mittelstelle für Umsiedler aus Bessarabien beschlagnahmt. P. Bollonia und die im Haus tätigen Schwestern, die zunächst hatten bleiben dürfen, mußten am 10. November das Haus verlassen. 1941 wurde das Ignatiushaus nochmals Wehrmachtlazarett und schließlich von der Gestapo für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) beschlagnahmt. Während die Wehrmacht monatlich eine Miete von etwa 2.000 RM zahlte, erhielt die Residenz von der NSV keinen Pfennig, ja diese benahm sich, als ob sie Eigentümerin des Hauses sei. Nur die Kapelle blieb frei; dort durfte an zwei Sonntagen im Monat Gottesdienst gehalten werden, Dieser Zustand blieb bis Kriegsende.

Am 2. Februar 1943 war in der Ignatiuskirche in Breslau von der Jugend ein religiöses Spiel aufgeführt worden, das P. Rommerskirch geschrieben hatte. Am folgenden Tag erschien die Gestapo und untersagte derartige Aufführungen für die Zukunft. P. Conrad, der das Stück mit der Jugend eingeübt hatte, wurde zum Verhör mitgenommen. Die Theaterkostüme wurden beschlagnahmt. P. Conrad selbst mußte eine Strafe von 300 Mark zahlen. - Im November besichtigte eine Kommission des Wohnungsamtes das Haus und beschlagnahmte im linken Seitenflügel des Hinterhauses, wo die Jugendheime waren, einige Räume für die Nationalsozialistische Ortsgruppe. Diese Beschlagnahme wurde glücklicherweise nicht in der geplanten Weise durchgeführt. Es mußten nur einige Räume für die Luftschutzpolizei zur Verfügung gestellt werden, mit deren Männern die Jesuiten nicht nur in Frieden, sondern fast in Freundschaft zusammenlebten.

Noch 1944 gab es eine Reihe Schikanen seitens der Gestapo. Am 25. Januar wurde die bereits geschlossene Borromäusbibliothek beschlagnahmt. - P. Erich Rommerskirch hatte 1934 eine kleine Erzählung geschrieben: Der Brunnen im Herzen, Weg einer Jugend. Im Jahre 1943 ließ er sich die letzten Exemplare, die noch beim Verlag lagen, schicken und verteilte sie. Die kleinen grünen Büchlein gingen von Hand zu Hand, auch in Kasernen und Lagern. P. Rommerskirch wurde vor die Gestapo geladen, das Büchlein beschlagnahmt und verboten, dem Pater das KZ angedroht (20). Um nicht unnötig gefährdet zu werden, wurde er nach Dresden versetzt. - Im November wurde schließlich P. Anton Albert zur Gestapo zitiert, weil er an die Kinder der Pfarrei die evakuiert worden waren, einen Rundbrief geschrieben hatte.

Trotz dieser Schikanen konnten die seelsorglichen Arbeiten de Residenz im großen und ganzen fortgesetzt werden. Wohl waren

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19) Hist.dom. 1937-1944. - 20) E. Rommerskirch, Der Brunnen im Herze. Weg einer Jugend. 2. Auflage, Gangolf Rost Verlag, Westheim bei Augsburg 1948. Vgl. S. 5.

 


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die Brüder und jüngeren Patres zur Wehrmacht einberufen (21), aber 1941 wegen Wehrunwürdigkeit größtenteils auch wieder entlassen worden. So konnten sogar in den Jahren des Krieges mehr Missionen, religiöse Wochen und Exerzitiengehalten werden als in früheren Jahren. Dies war nicht zuletzt dadurch möglich geworden, daß infolge der Auflösung und Zerstörung anderer Häuser im Laufe der Zeit immer mehr Patres nach Breslau versetzt wurden. Die Entlassung aus der Wehrmacht brachte es ferner mit sich, daß der Orden eine größere Anzahl jüngerer Patres für die ordentliche Seelsorge als Kapläne zur Verfügung stellen konnte. Ferner kamen manche ältere oder kränkliche Patres in das bis dahin vom Bombenkrieg verschonte Schlesien und versahen hier in Krankenhäusern oder ähnlichen Anstalten den Posten des Hausgeistlichen. In ähnlicher Weise wurden manche jungen Patres nach Schlesien versetzt, die nach ihrer Entlassung aus der Wehrmacht leichtere Seelsorgstellen erhielten und zugleich ihre theologischen Studien beenden konnten, die sie infolge der Kriegsverhältnisse in den Studienhäusern des Ordens nicht absolvieren konnten. Gegen Ende des Krieges war sogar eine Reihe Fratres unter Leitung von P. Schoemann und eine zweite Gruppe unter P. Schierse im Neißer Priesterseminar zusammengezogen, um die theologischen Studien soweit voranzubringen, daß sie die Priesterweihe empfangen konnten. Auf diese Weise gehörten Ende 1944 zur Breslauer Residenz 40 Patres, 12 Scholastiker und 5 Brüder, zusammen 57 Jesuiten, von denen allerdings nur 13 Patres, 7 Scholastiker und 2 Brüder in der Gabitzstraße 16 wohnten (22).

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21) Hist.dom. 1944; Archiv für schlesische Kirchengeschichte XVI (Hildesheim 1958) S. 307; Mttlg. XVIII, 237. - 22) Obere: Paul Klein, 11. März 1921 (Vizesup.); Egidius Keuchen, 13. Juni 1923; Johannes Drüding, lo. Oktober 1930; Bernhard Hapig, 15. Februar 1937; Paul Boegner, 31. Mai 1942.

 


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Mittelsteine

Das Josefshaus in Mittelsteine diente naturgemäß vor allem der Ausbildung der neu eintretenden Kandidaten. Das Noviziat mit seiner Ordnung gab auch dem Haus das bestimmte Gepräge. Doch muß man auch auf drei Einrichtungen hinweisen, die eine von den Novizen sehr ersehnte Abwechslung in das Einerlei des Mittelsteiner Noviziatslebens brachten: die Pilgerreise, auf die 1926 die ersten Novizen geschickt wurden, die Katechesen in der Außenkapelle und einigen benachbarten Filialorten und die kleinen Marienpredigten (exempla Mariana) während des Monats Mai, die wiederum in unserer Außenkapelle, in dem Filialdorf Seifersdorf und gelegentlich auch anderswo gehalten wurden (1).

Eine andere Mittelsteiner Einrichtung, die einmal im Jahr für ein paar Tage die gesamte Noviziatsordnung auf den Kopf stellte, waren die Exerzitien für Schüler in den Herbstferien (2). Ursprünglich war geplant gewesen, einen eigenen Exerzitienflügel anzubauen, was aber aüs finanziellen Gründen unterblieben war. So mußte man sich anders behelfen. Es wurden darum in der Regel nur Kurse für Jungmänner und Schüler höherer Lehranstalten gegeben, weil man bei diesem Personenkreis voraussetzen konnte, daß sie den Verzicht auf ein eigenes Zimmer nicht sehr empfinden würden. In der Presse und durch Benachrichtigung der Religionslehrer wurden die Exerzitien bekannt gegeben. Dabei wurden alle Erwartungen übertroffen; es kamen so starke Kurse daß die größte Verlegenheit bestand, alle Teilnehmer unterzubringen. 1928 war der Speicher über den Werkstätten zu einem großen Schlafsaal mit 45 Betten ausgebaut worden, um auf diese Weise für die Exerzitienteilnehmer eine hinreichende Schlafgelegenheit zu schaffen und während der Ferienmonate auch wandernden Schülern katholischer Verbände eine Unterkunft zu bieten (3).

Aber schon im Herbst desselben Jahres kamen so viele Exerzitanten, daß alle Räume zu klein waren. Angesetzt waren je ein Kurs für Gymnasiasten und für Neudeutsche, die beide P. Ludwig Esch gab. Für den ersten Kurs hatten sich 100, für den anderen knapp 100 Jungen angemeldet. Obgleich vielen abgeschrieben wurde, nahmen doch 97 und 79 an diesen beiden Kursen teil (4). Da auf dem Exerzitantenschlafsaal nur die Hälfte Platz fand, mußten alle Winkel ausgenutzt werden, um Schlafstellen zu schaffen. Die Novizen zogen aus, rückten zusammen, schliefen zu mehreren in der Bibliothek, auf dem Provinzialszimmer usw. (unter Umständen drei auf zwei Matratzen bzw. Strohsäcken). Da die Stühle nicht reichten, mußten sie nach jedem Vortrag und nach jeder Mahlzeit mitgeschleppt werden; auch zwei Kniebänke, in Form eines lateinischen T aufgestellt, gaben eine gute Sitzgelegenheit. Im Herbst 1929 waren die beiden Kurse sogar von 120 bzw. 119 Schülern besucht (5). Dies bedeutete, daß im Hause doppelt soviel Leute untergebracht werden mußten, als normalerweise dort wohnten. Daß solche Kurse für das Haus, vor allem für P. Minister, viele Unannehmlichkeiten mit sich brachten, versteht jeder. Ohne solche Massenkurse empfehlen zu wollen, darf nicht übersehen werden, daß diese Kurse einem tatsächlichen

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1) Mttlg. XIII, 113. AdPr. III, 207. - 2) Mttlg. XIII, 113f. - 3) AdPr. IV, 99. - 4) Ebd. - 5) AdPr. IV, 175f.

 


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Bedürfnis abhalfen und praktisch nur die kurze Zeit der Herbstferien dafür in Frage kam. Die große Beteiligung, die mehrere Jahre anhielt, zeigt, daß die Jungens trotz mancher Unannehmlichkeiten, die sie in Kauf nehmen mußten, sehr gerne nach Mittelsteine kamen. Am 18. September 1930 schrieb ein Religionslehrer an P. Magister Kempf: "(Jetzt) ist mein Vorrat an 'Unexerzierten' von UII bis OI erschöpft. Ich freue mich, daß es soweit ist. Ich schulde Ihnen für Ihre Arbeit großen Dank. Sie glauben gar nicht, was Sie den Jungen alles bieten. Für die S.J. gehen alle durchs Feuer. Mein größter Kritikus ließ sich sogar herbei zu behaupten: 'Ich hätte nie gedacht, daß die Jesuiten so brauchbare Menschen sind'" (6). 1932 waren es trotz der einsetzenden wirtschaftlichen Notlage immer noch 184 Jungens, die an drei Kursen teilnahmen (7). 1934 wird dann das letzte Mal von solchen Massenkursen berichtet; die beiden Kurse für Neudeutsche waren von 74 bzw. 97 Jungen besucht (8).

Daß diese Exerzitien gehalten wurden und sich so erfolgreich auswirkten, ebenso daß alle entgegenstehenden Schwierigkeiten überwunden wurden, ist das Verdienst des Novizenmeisters P. K. Kempf und des P. Ludwig Esch, der fast jedes Jahr diese Kurse gab. Daß der Novizenmeister dabei auch an sein Noviziat dachte, wird ihm niemand verübeln. "Es soll aber nicht gesagt sein", schreibt er selbst (9), "daß dies der einzige und Hauptzweck der Exerzitien war. Unser Blick geht weiter. Aber es ist eine erfreuliche Zugabe. Unsere ersten Väter haben übrigens sich auch gerade durch die Exerzitien neue Mitarbeiter geworben: Faber und Canisius!"

Ähnliches wie von den Exerzitien gilt auch von der Gastfreundschaft (10), die das Haus und insbesondere P. Kempf gewährten. Auf dem Exerzitantenschlafsaal fanden während der Ferienmonate Jungens, die in die Glatzer Berge auf Fahrt gingen oder alte Freunde im Noviziat besuchten, für kürzere oder längere Zeit ein Quartier. Schon im Sommer 1928 haben "nicht weniger als 115 Schüler hier länger oder kürzer geherbergt. Es waren nicht bloß Schlesier, sondern auch Kölner, Aachener, Münsteraner, Leipziger, Danziger, Böhmen usw.". Auch dies legte dem Hause manche Opfer auf, aber Opfer, die nicht vergeblich waren. Auf diese Weise wurde das Haus und die Gesellschaft bekannt, und es ist begreiflich, wenn in diesen Jahren, wie schon gezeigt, die Eintrittszahlen besonders hoch lagen und das Haus für die große Schar der Novizen zu eng wurde.

Kurz wenigstens soll auch darauf hingewiesen sein, daß die wenigen Patres, die zum Mittelsteiner Haus gehörten, in der Grafschaft Glatz und darüber hinaus eifrig in der außerordentlichen Seelsorge tätig waren. In der Wallfahrtszeit von Mai bis Oktober leisteten ständig ein oder zwei Patres in dem benachbarten Wallfahrtsort Albendorf regelmäßige Predigt- und Beichtaushilfe. Und mehrere Jahre hindurch betreute P. Paul Urmitzer von Mittelsteine aus die neudeutschen Gruppen in der Grafschaft Glatz.

Bevor das Josefshaus im Jahre 1926 von den Novizen bezogen wurde, war es gründlich ausgebessert und für unsere Verhältnisse ausgebaut worden. Bei der starken Besetzung und Inanspruchnahme war

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6) AdPr. IV, 259, - 7) AdPr. V, 240f. - 8) AdPr. VI, 274. - 9) Mttlg. XIII, 114. - 10) Ebd.; AdPr. IV, 99.

 


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es nicht zu verwundern, daß es schon nach 10 Jahren reichlich verwohnt war und eine gründliche Renovierung nötig wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Noviziatskapelle, die bisher aus zwei Räumen bestand, umgestaltet und nach den Plänen von Prof. Meyer-Speer ausgemalt. Ferner wurde der bisherige große Exerzitantenschlafsaal in Brüderzimmer, Schlafsäle und Einzelzimmer aufgeteilt und dafür eine Scheune (das sog. Bananenhaus) für den Exerzitienbetrieb ausgebaut (11).

Zum Hause gehörte ein 420 Morgen großes Gut, dessen Bewirtschaftung nach Ablauf des alten Pachtvertrages am 1. Juli 1930 übernommen wurde (12). Den Stall besorgten von Anfang an die Brüder allein, auf den Feldern arbeiteten neben ihnen auch einige Knechte. P. Minister Heinrich Arndts, der von einem großen sauerländischen Bauernhof stammte, und sein Nachfolger P. Hermann Bauermann haben, unterstützt von tüchtigen Brüdern, den 'Klosterhof Mittelsteine' in kurzer Zeit zu einer Musterwirtschaft der ganzen Grafschaft Glatz gemacht. Das gleiche gilt auch von dem großen Nutzgarten, der unter Mithilfe anderer Brüder von Br. Julius Kox angelegt wurde. Die Erträge von Garten und Landwirtschaft waren so ergiebig, daß nicht nur der eigene Bedarf in vielen Stücken gedeckt, sondern auch manche Erzeugnisse verkauft werden konnten. Die Bewirtschaftung eines solchen Gutes war aber nur möglich, weil eine genügend große Anzahl Brüder zur Verfügung stand. Die Erfahrung zeigte jedoch auch, daß ein solcher Wirtschaftsbetrieb, der mit einem Ordenshaus verbunden ist, nicht nur Vorteile mit sich bringt.

Im März 1940 wurden in Mittelsteine die aus St. Andrä vertriebenen Novizen der Österreichischen Provinz aufgenommen; sie setzten zusammen mit den Ostdeutschen ihr Noviziat fort.

Das Noviziat wurde naturgemäß von den Einberufungen, zuerst zum Reichsarbeitsdienst und später zur Wehrmacht, am meisten betroffen, sodaß schon zu Beginn des Krieges das Haus recht entvölkert war. Dies mag vielleicht mit dazu beigetragen haben daß der größte Teil des Hauses am 3. September 1940 für die aus Rußland umgesiedelten Volksdeutschen beschlagnahmt wurde. Das Restnoviziat wurde daraufhin in das Exerzitienhaus Hoheneichen bei Dresden verlegt. In Mittelsteine blieben nur P. Minister Leo Behlau und etwa 10 Brüder zurück, die die Ökonomie besorgten (13).

Ein viel schwererer Schlag erfolgte einige Monate später. Am 15. April, dem Osterdienstag, erschienen 7 Beamte der Geheimen Staatspolizei und überbrachten ein Schreiben der Staatspolizeistelle Breslau vom 10. April. Darin heißt es:

    "Auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933 wird die Jesuitenniederlassung in Mittelsteine, Kreis Glatz, mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Das Vermögen der aufgelösten Niederlassung wird beschlagnahmt.
    Gründe: Die Angehörigen der genannten Niederlassung haben wegen ihrer staatsfeindlichen Einstellung und Betätigung wiederholt zu staatspolizeilichem Einschreiten und auch zur Einleitung von Strafverfahren gegen die Insassen Anlass gegeben. Um einer Wiederholung vorzubeugen, war die Auflösung der genannten Niederlassung erforderlich" (14).

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11) AdPr. VII, 110. - 12) AdPr. IV, 242; VI, 144, - 13) Hist.dom. 1940; Mttlg. XIII, 133, AdPr. VII, 1940.

 


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Darauf richtete P. Provinzial Wehner an die Breslauer Staatspolizeistelle am 23. April 1941 folgendes Protestschreiben (15):

    "Am Dienstag, dem 15.4.1941, erschienen im Josefshaus zu Mittelsteine, Grafschaft Glatz, Beamte der Geheimen Staatspolizei auf dem Zimmer des stellvertretenden Obern P. Leo Behlau. Sie eröffneten ihm, daß das Haus beschlagnahmt sei und daß die Bewohner es innerhalb von drei Tagen unter Mitnahme ihrer persönlichen Sachen zu verlassen hätten. Die Konten wurden gesperrt, sämtliche Mobilien und Immobilien sichergestellt.
    Als Provinzial der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu erhebe ich im Namen der Betroffenen Einspruch gegen diese Sicherstellung. Die Maßnahme ist besonders dadurch so hart und kränkend, daß durch sie ca 20 unserer Soldaten ihr Heimathaus verloren haben, daß man die gottesdienstlichen Räume und das Kirchengerät bislang noch nicht aus der Beschlagnahme herausnahm, und daß die Insassen bis auf zwei, die man für die Fortführung des landwirtschaftlichen Betriebes benötigte, kreisvertrieben wurden.
    Insbesondere ist die in dem überreichten Schriftstück angegebene Begründung (Berufung auf § 1 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.2.1933) als unzutreffend abzulehnen. Der einzige bekannte Verstoß eines Hausinsassen wurde vor dem Sondergericht in Breslau behandelt und abgeurteilt. Es ist juristisch nicht verständlich, wie er noch darüberhinaus die Begründung für eine Maßnahme abgeben konnte, die eine ganze Gemeinschaft materiell und geistig so schwer schädigt, (16).
    Als Ordensoberer bin ich nach kirchenrechtlicher Bestimmung nicht in letzter Instanz für derartig umfangreiche Eigentumsverschiebungen zuständig und muß daher die weitere Stellungnahme der kirchlichen Behörde vorbehalten."

Der Protest blieb erfolglos, und die letzten Jesuiten mußten Mittelsteine verlassen. Nur die beiden Brüder Alois Elsner, der Ökonom, und Josef Gelissen, der Gärtner, wurden dienstverpflichtet und mußten bleiben (17).

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14) Hist.dom. 1941. - 15) Ebd. - 16) Gemeint ist damit Br. Wilhelm Knörich, der wegen 'Verunglimpfung des Hitlergrußes' vom katholischen Hauptlehrer des Dorfes angezeigt und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Er fiel später in Rußland. Vgl. Mttlg. XVII, 56. - 17) Obere: Alfons Wolf, 6. Juni 1926; Otto Pies, 15. März 1934 (Vize-Rektor); Anton Wessendorf, 7. Februar 1935; Otto Pies, 16. Juli 1938. Novizenmeister: Constantin Kempf und seit dem 12. März 1933 Otto Pies.

 


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Oppeln

war wie Breslau eine Seelsorgsresidenz, nur kleiner und schwächer besetzt. Vor dem Kriege waren dort kaum mehr als ein halbes Dutzend Patres, die vor allem in Oberschlesien meist zweisprachige Missionen hielten, den Gottesdienst an der Kirche versahen und den Beichtstuhl besorgten. Die Oppelner Kirche wurde im Laufe der Jahre wie keine andere unserer Kirchen eine ausgesprochene Beichtkirche; besonders an Markttagen und vor großen Festen kamen viele Leute aus den Dörfern, um hier zu beichten (1).

Zwei Berichten (2) aus dem Jahre 1933 sei noch folgendes über Seelsorgsarbeiten entnommen: Außer den regelmäßigen Gottesdiensten wurden die Weltgebetsoktav, halbgeschlossene Exerzitien in polnischer Sprache und eine Religiöse Woche in deutscher Sprache gehalten. Eine andere Arbeit war die Betreuung der Hausangestellten, die sich aus Exerzitienkursen entwickelte. Die Mädchen hatten einmal im Monat am späten Abend Beichtgelegenheit und am nächsten Morgen früh um 5 Uhr eine hl. Messe mit kurzer Predigt. Aus Dankbarkeit für diese Betreuung stifteten sie den Marienaltar, was dann für die Männer der Anstoß wurde, einen Josefsaltar zu spenden. Für den Hochaltar lagen bereits Pläne und Entwürfe vor, konnten aber in der Nazi- und Kriegszeit nicht ausgeführt werden (3). - Das Oppelner Haus war jedoch in der Hauptsache eine Basis für auswärtige Arbeiten, wie Predigten zu verschiedenen Anlässen, Exerzitien, Religiöse Wochen, Triduen und besonders Volksmissionen. -

Die Kirche hielt die Mitte zwischen einer großen Kapelle und einer mittleren Kirche und war im Barockstil gehalten. Sie hatte ein breites Mittelschiff und ein ausgebautes sowie ein angedeutetes Seitenschiff. An der inneren Einrichtung fehlte noch manches. Mit besonderer Feierlichkeit wurde stets das Herz-Jesu-Fest, das Patronatsfest der Kirche und des Hauses begangen. Die festlichen Gottesdienste und die feierlichen Andachten waren es, die die Leute so zahlreich in unsere Kirche führten.

Im Jahre 1937 wurde von der Firma Berschdorf-Neiße eine neue Orgel aufgestellt, die 17.000 Mark kostete. Sie war in der Hauptsache ein Geschenk des früheren Jesuiten Oscar Rudzki. Er hatte der Galizischen Provinz angehört und war während des Ersten Weltkrieges aus der Gesellschaft entlassen worden. Später war er Pfarrer in Krzanowitz (Langlieben), Kreis Cosel. Eines Tages kam er zu P. Superior und erklärte, er müsse sich einer schweren Operation unterziehen und wolle darum das Geld, das er seit seiner Entlassung gespart habe, den Oppelner Jesuiten vermachen. Tatsächlich ist Pfarrer Rudzki bald danach gestorben. Er war vorher schon von P. General Ledochowski wieder in die Gesellschaft aufgenommen worden und durfte auf dem Sterbebett erneut die feierlichen Profeßgelübde ablegen. Beerdigt wurde er in der Begräbnisstätte der Beuthener Jesuiten auf dem Friedhof Mater Dolorosa I in Beuthen/OS (4).

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1) Archiv für schlesische Kirchengeschichte XVI (1958), 310. AdPr. II, 48; III, 25. 97. - 2) AdPr. VI, 63ff. 148. - 3) Erst die polnischen Jesuiten haben in neuester Zeit einen neuen Hochaltar aufgestellt. - 4) Mttlg, XVII, 513. Hist.dom. 1937.

 


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Im Früjahr 1941 wurde mit der Residenz eine kleine Kuratie verbunden, die etwa 2.000 Gläubige zählte. Kuratus wurde P. Superior Bruno Spors, Kaplan P. Wilhelm Aust; beide blieben in ihren Ämtern bis zur Ausweisung im Jahre 1945. Auch als die Kirche Pfarrkirche geworden, wurde in ihr die überpfarrliche Arbeit nicht vernachlässigt; vor allem blieb sie auch weiterhin die große 'Beichtkirche' für das Oppelner Land. Viele baichteten polnisch, auch noch zu einer Zeit, als es von den Nazis schon unter schwerer Strafe verboten war, polnisch zu sprechen (5).

Ende 1943 verlegte R. P. Provinzial Hapig das Provinzialat, das in Berlin ausgebombt war, nach Oppeln. Ebenso kamen dorthin einige Patres und Fratres, die aus der Wehrmacht entlassen worden waren und die anderswo keine Unterkunft fanden. Aber nicht alle konnten im Hause wohnen; denn Ende des Jahres 1944 zählte die Residenz zusammen mit den Mitgliedern des Provinzialates 10 Patres, 2 Scholastiker und 5 Brüder. Dazu kamen noch die PP. Beckmann, Kroll und Maniera, die in Oppeln als Kapläne wirkten (6).

Am 10. Dezember 1944 starb P. Konstantin Kempf, der sich nicht nur um das Oppelner Haus und unsere Provinz, sondern um die deutschen Provinzen überhaupt hochverdient gemacht hat. Er war 1918-1924 Rektor des Ignatiuskollegs von Valkenburg, 1924-1933 Novizenmeister in Exaten und Mittelsteine und schließlich seit 1934 Superior in Oppeln. Weiten Kreisen ist er durch seine beiden Werke "Die Heiligkeit der Kirche im 19. Jahrhundert" und "Die Heiligkeit der Gesellschaft Jesu" bekannt geworden (7).

Auch in Oppeln gab es einige Behinderungen durch die Gestapo. Im Juni 1938 erhielt P. Bruno Spors 'Redeverbot', d.h. er durfte öffentlich weder in kirchlichen noch in weltlichen Räumen auftreten und sprechen. Der Anlaß war eine Predigt gewesen, die er im März 1937 gehalten hatte und die sich eng an die Enzyklika Papst Pius' XI. über die christliche Erziehung anschloß. Ebenso wurde ihm vorgeworfen, daß er die Enzyklika Pius' XI. "Mit brennender Sorge" mit großem Affekt vorgelesen habe. P. Spors, der nunmehr aus der Missionsarbeit ausscheiden mußte, hielt jetzt in geschlossenen Räumen Einkehrtage und gab viele Schwesternexerzitien. Als er 1941 Kuratus wurde, predigte er trotz des Redeverbotes in der Kirche, ohne daß die Gestapo einschritt. Seine Post wurde, wie er vom Postboten erfuhr, regelmäßig von der Gestapo überwacht; ja einmal waren sogar unter den ankommenden Briefen Notizen, die die Gestapo sich gemacht hatte, liegen geblieben (8).

Im Jahre 1941 tauchte das Gerücht auf, die Regierung wolle unsere Kirche den Altkatholiken übergeben, die bisher ihre Versammlungen in einer Schulaula gehabt hatten. Noch mehr war zu befürchten, daß die Gestapo die gesamte Residenz auflösen werde, wie es in anderen Gegenden Deutschlands vielfach schon geschehen war. Die Gefahr, daß das Haus beschlagnahmt würde,

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5) Hist.dom. 1941/42. - 6) Ebd. 1943/44. - 7) Mttlg. XVI, 459-47o. - 8) Hist.dom. 1938. 1941. 1943.

 


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bestand den ganzen Krieg über. So sollten einmal auch Luftwaffenhelferinnen, also junge Mädchen, in das Haus gelegt werden.

Solche Maßnahmen mögen geplant gewesen sein, jedoch kam es nie zu ihrer Ausführung. Die Oppelner Patres konnten darum ihre seelsorglichen Arbeiten unmittelbar bis zum Zusammenbruch im Januar 1945 ungestört fortsetzen. Auch in der Nazizeit saßen auf den Oppelner Ämtern immer noch eine Reihe zuverlässiger Katholiken, die uns in jener Zeit nicht wenig geholfen haben, So sorgte der maßgebende Mann auf dem Arbeitsamt, Herr Welzell dafür, daß Brüder, die nach Oppeln versetzt wurden, durch das Arbeitsamt nicht belästigt, sondern vielmehr in unser Haus eingewiesen wurden (9).

Eine Folge des Krieges und der durch den Krieg bedingten Geldflüssigkeit war es auch, daß die Schulden, die in den ersten Jahren die Residenz schwer bedrückt hatten, abgezahlt werden konnten. Die Patres erhielten in jener Zeit nicht nur größere Seelsorgsalmosen, nicht wenige Wohltäter haben in jenen Jahren der Oppelner Residenz und Kirche größere Zuwendungen gemacht. Besonders sei hier der Geschwister Kensy gedacht, die der Kirche etwa 30.000 Mark vermachten, wofür die vier Kirchenglocken angeschafft werden konnten, von denen freilich drei bald wieder für militärische Zwecke herausgegeben werden mußten (10).

Der Einfluß, der von der Oppelner Jesuitenresidenz ins Oppelner Land und darüber hinaus nach ganz Oberschlesien sich auswirkte, ist nicht gering anzuschlagen. Durch die Volksmissionen, Religiöse Wochen usw., aber auch durch die aufopfernde Tätigkeit im Beichtstuhl ist von dem Hause viel Segen ausgegangen. Umso härter und schwerer traf es darum die beteiligten Patres und Brüder, als das mühsam aufgebaute Werk 1945 gewaltsam zerschlagen wurde (11).

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9) Hist.dom. 1941 -1943. - 10) Hist.dom. 1943/44. - 11) Obere: Leopold Willimsky, 31. Juli 1923; Paul Klein, 12. September 1932 (Vicesup.); Constantin Kempf, 28. Oktober 1934; Bruno Spors, 8. Juni 1941.

 


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Beuthen

In Beuthen (1) lag das Schwergewicht der seelsorglichen Tätigkeit auf der Pfarrarbeit. Dazu kamen noch die seelsorgliche Betreuung des Knappschaftslazarettes und die Arbeit unter der studierenden Jugend (ND) und in den Marianischen Männerkongregationen (2), die sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen hatten, deren Leitung zuerst in den Händen von P. Winkelmann C.SS.R. und später von P. Friedrich Schulte S.J. lag. Im Herbst 1931 kam P. Matthias Dietz nach Beuthen und übernahm diese Aufgabe. Er hat in den folgenden Jahren die Kongregationsarbeit soweit ausgebaut, daß die Vereinigung oberschlesischer Männerkongregationen 1938 in 45 Kongregationen etwa 2.800 Sodalen zählte. Diese Arbeit konnte auch trotz Nazizeit und Krieg weitergeführt werden.

Im Jahre 1942 wird berichtet (3), daß in der Herz-Jesu-Kirche an Sonntagen 5, an Werktagen 3 hl. Messen gefeiert werden, die auch an Werktagen gut besucht seien. Der Beichtstuhl der Patres wird von Gläubigen nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus benachbarten Orten aufgesucht. Mit besonderer Feierlichkeit wird alljährlich das Fest der hl. Barbara begangen. An diesem Tage ziehen die Knappen in ihrer malerischen Tracht feierlich in unsere Kirche ein, in der ein besonderer Festgottesdienst gehalten wird.

Auch nach Beuthen kamen während des Krieges eine Reihe jüngerer Patres, die in Beuthen oder in benachbarten Pfarreien eine Kaplansstelle übernahmen. Einer von ihnen, P. Konrad Lerch, Kaplan an St. Maria in Beuthen, wurde am 28. Januar 1945 von einem plündernden Russen erschossen. Während die Beuthener Residenz vor dem Kriege gewöhnlich 5 oder 6 Patres zählte, vervielfachte sich auch hier die Zahl in den Kriegsjahren. Ende 1944 gehörten zur Residenz 16 Patres, 2 Scholastiker und 4 Brüder. Im Hause selbst wohnten jedoch außer den Scholastikern und Brüdern nur 6 Patres, Die anderen waren als Kapläne oder Hausgeistliche in der Umgegend tätig (4).

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1) Archiv für schlesische Kirchengeschichte XVI (1958), 311. AdPr. VI, 71; V, 130; VI, 364; VII, 172. - 2) AdPr. IV, 243f; VII, 59f. - Conspectus brevis de operibus, officiis, vita Congregationum virorum... 1931-1945 (Provinz-Archiv). - 3) Hist.dom. 1942. - 4) Obere: Alois Starker, 27. April 1928; Alfons Wolf, 16. März 1934; Max Müller, 1. Oktober 1938; Josef Lünenborg, 10. Oktober 1944. - Kuraten: dieselben, außer P. Lünenborg.

 


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Dresden

Als P. Karl Kah im Dezember 1921 als erster Jesuit in Hoheneichen eintraf, fand er das Haus fast leer. Wohl sorgten Wohltäter für die nötige Einrichtung des Hauses, aber es wurde doch Ostern 1922, bis wenigstens die Hauskapelle so weit ausgestattet war, daß das Allerheiligste aufbewahrt werden konnte. Und erst im weiteren Verlauf des Jahres konnte man beginnen, geschlossene Exerzitienkurse zu halten. Es waren im ganzen 32 Priester und 15 Schüler, die 1922 in Hoheneichen Exerzitien machten. Daneben fehlte es aber keineswegs an Angeboten für andere seelsorgliche Arbeiten. Bald wurden die Patres aus ganz Sachsen angefordert, und es war unmöglich, allen Anfragen nachzukommen und alle Wünsche zu erfüllen. Bischof Schreiber hätte es gern gesehen, wenn noch mehr Patres nach Sachsen gekommen wären und die Gesellschaft vor allem das geplante katholische Gymnasium in Dresden übernommen hätte (1).

Die erste und vornehmste Arbeit aber blieb die Exerzitienarbeit. Im Hause selbst wurden nur Kurse für Männer gegeben; für Frauen und Mädchen wurden diese im Josefinenstift in Dresden oder im Kloster Mariental gehalten. 1923 waren es in Hoheneichen selbst schon 197 Teilnehmer: 34 Priester und 163 Männer und Jungmänner. Diese hohe Zahl wurde in den nächsten Jahren nicht mehr erreicht. Die Zahl der Priesterexerzitanten stieg wohl noch etwas an und lag in den folgenden Jahren durchschnittlich bei 45. Dagegen ging die Beteiligung der Männer und Jungmänner zurück und erreichte in den kommenden Jahren nicht viel mehr als 100 Teilnehmer (2). Aufschlußreich ist auch der Plan für das Jahr 1924 (3). Für Hoheneichen sind vorgesehen 6 Priesterkurse, 21 für Männer und Jungmänner verschiedener Stände, darunter drei für Konvertiten und Suchende. Aus der Tatsache aber, daß nur 101 Männer und Jungmänner in Hoheneichen Exerzitien machten, muß man schließen, daß die einzelnen Kurse nicht sehr besetzt gewesen sein können. An den 6 Priesterkursen beteiligten sich 69 Priester. Außerdem waren 13 Kurse für Frauen usw. in Mariental und 8 im Josefinenstift angesetzt, darunter je ein Kurs für Konvertitinnen und Suchende.

Auch die übrigen seelsorglichen Arbeiten weiteten sich bald sehr aus. So hielten die drei Patres im Jahre 1923 neben anderen Arbeiten 6 Missionen, 50 Kurse Exerzitien und 7 Triduen. "Das Vogtland" heißt es in einem Bericht (4), "ist bis Ostern 1924 durchmissioniert; der Erfolg war die Errichtung von zwei neuen Pfarreien.... In allen Städten mit Mittelschulen besteht eine ND-Gruppe, mit Ausnahme von Chemnitz, wo der Quickborn die Mehrzahl der katholischen Mittelschüler betreut; in Leipzig sind es zwei, in Dresden drei ND-Gruppen. In Plauen sind alle katholischen Mittelschüler (17) in ND. Dasselbe wird auch bald in Zwickau und Zittau erreicht sein." Betreut wurden diese ND-Gruppen von P. Kah und nach dessen Weggang von Hoheneichen im Sommer 1924 von P. Joh. Gruber.

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1) Akten Hoheneichen (Provinzarchiv). AdPr. II, 37. 42. 45; V, 212. - 2) Mttlg. XI, 428. - 3) AdPr. III, 60. - 4) Ebd. III, 59f.

 


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Im September 1924 kam P. Kronseder als Studentenseelsorger nach Leipzig. Ähnlich wie in Dresden hatten auch in Leipzig bis 1773 Jesuiten die Pfarrseelsorge ausgeübt, sodaß noch bis zum Jahre 1923 der Pfarrer der Propsteikirche den Titel 'Superior' führte. An diese alte Tradition sollte P. Kronseder anknüpfen. Wie er selbst schreibt (5), standen auf seinem Programm regelmäßige wöchentliche Bibelstunden und Predigten sowohl in der Propstei- wie in der Liebfrauenkirche, wöchentliche Vorträge über den Aufbau der katholischen Weltanschauung, ein neutestamentlicher Zirkel für Alt- und Jungakademiker u.a.m.

Im Herbst 1925 zog P. Gruber in die Stadt Dresden, weil von dort aus die Arbeit im ND usw. leichter zu leisten war. Als im folgenden Jahr noch P. Julius Seiler nach Hoheneichen kam, waren es bereits 6 Patres und drei Brüder, die in Sachsen arbeiteten. Und doch drängte Bischof Schreiber immer wieder, doch wenigstens noch einen Pater nach Chemnitz zu schicken. Am liebsten hätte er es gehabt, wenn der Orden regelrechte Residenzen in Dresden, Leipzig und Chemnitz errichtet hätte, Wünsche, die die Oberdeutsche Provinz, zu der Sachsen bis zum 8. Dezember 1927 gehörte, unmöglich erfüllen konnte. Als zu diesem Zeitpunkt die Diözese Meißen der Ostdeutschen Vizeprovinz zugeteilt wurde, wurden die Patres und Brüder der Oberdeutschen Provinz nach und nach abgelöst. Nur P. Johannes Zorell blieb zurück und widmete seine Kräfte bis zum Tode den sächsischen Katholiken. Nach genau 15-jähriger Tätigkeit in der sächsischen Diaspora starb er am 13. Juni 1937 (6), hochverehrt von Priestern und Laien und sehr verdient um Diözese und Provinz. - Die Studentenseelsorge in Leipzig übernahm P. Lehmann, die Jugendarbeit in Dresden zuerst P. Hermann Christmann und bald danach P. Sladeczek. Andere Patres, die nach Hoheneichen kamen, waren die PP. Kroppenberg und Theo Richardt (7).

Allmählich verlagerte sich auch der Schwerpunkt der Arbeiten in die Stadt Dresden. Dorthin wurde 1930 auch die Residenz verlegt und Haus Hoheneichen ihr angegliedert.

Im Herbst 1930 wurde nach längeren Verhandlungen die Pfarrei Dresden-Strehlen (8), die bis dahin von einem Oblatenpater versorgt worden war, übernommen. Als erster Pfarrer wurde am 5. Oktober P. Hermann Christmann eingeführt. Das Pfarrgebiet umfaßte außer dem Stadtteil Dresden-Strehlen noch eine Reihe Dörfer und hatte einen Durchmesser von ca 25 km. Unter 50.000 Andersgläubigen wohnten etwa 2.500 Katholiken. Als Gottesdienstraum für Sonn- und Feiertage stand eine Turnhalle zur Verfügung. Wie schwierig die religiösen Verhältnisse in der Pfarrei waren, geht sehr anschaulich aus dem Jahresbericht von 1931 hervor (9): Unter 7 Trauungen war nur eine einzige rein katholische, die anderen waren Mischehen; von 23 getauften Kindern stammten nur vier von katholischen Eltern, 15 waren aus einer Mischehe, 4 von ledigen Müttern, darunter waren außerdem 12 Kinder, die schon älter als ein Jahr waren; von 25 verstorbenen Katholiken wurden nur 12 katholisch beerdigt, 4 protestantisch beerdigt und 9 eingeäschert. Nur einer

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5) AdPr. III, 91 f. - 6) Ebd. V, 85. Mttlg. XV, 66 ff. - 7) AdPr. IV, 21. 73. 101. - 8) AdPr. IV, 257. 263. - 9) AdPr. V, 162; vgl. Mttlg. XII, 357 ff.

 


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dieser Verstorbenen hatte die Sterbesakramente empfangen. Osterkommunionen waren 220 (darunter 44 Schwestern aus dem Mutterhaus der Nazarethschwestern in Goppeln). Übertritte zur Kirche waren 4, Rücktritte 1 und Austritte 23. Wenn man von den Schülern des Bennogymnasiums, das im Pfarrbezirk liegt, absieht, desgleichen von den Nazarethschwestern, dann wurden am Stichtag 170 Kirchenbesucher gezählt.

Um die gleiche Zeit meldete Hoheneichen, daß in den ersten 10 Jahren des Bestehens 2000 "Jungmänner, höhere Schüler und Studenten, Soldaten, Männer und vor allem Priester" im Haus Exerzitien gemacht haben (10).

Ein großes Anliegen für die Pfarrei war der Bau einer Kirche. Aher erst am 30. März 1937 wurde der Kaufvertrag über ein 1-2 Minuten von der Residenz entferntes Grundstück, Ecke Gerhard-Hauptmann- und Franz-Liszt-Strasse, unterzeichnet (11). Es begannen nun endlose Verhandlungen mit den Behörden und dem Architekten Dominikus Böhm wegen des Baues von Kirche und Pfarrhaus. Die Baugenehmigung wurde angeblich wegen Materialmangels immer wieder hinausgeschoben und schließlich nie erteilt, obgleich die Regierung zur selben Zeit ungeheure Bauten aufführte. Unterdessen brach der Krieg aus, und der Bau unterblieb (12). Im Jahre 1938 wurde auch der Gottesdienst in der Turnhalle, in der er jahrelang gehalten worden war, verboten. Die Gemeinde, die schon mehr als 3.000 Gläubige zählte, war nunmehr auf die Hauskapelle der Residenz angewiesen. Im Jahre 1940 kaufte Frau Franziska Sunder, die Mutter des P. Georg Sunder, eine geräumige Villa in der Tiergartenstraße 6, in die im Juni 1941 Pfarrei und Residenz als Mieter einzogen. In diesem Hause wurden dann mehrere aneinander grenzende Zimmer zu einer Kapelle eingerichtet (13). - Kurz erwähnt werden muß in diesem Zusammenhang auch, daß am 21. April 1940 beim Exerzitienhaus in Hoheneichen eine Pfarrvikarie Hosterwitz-Pillnitz errichtet wurde, die P. Saft übernahm (14).

Im selben Jahr 1940 wurde auch das Noviziat, das aus Mittelsteine hatte weichen müssen, nach Hoheneichen verlegt. Doch auch hier sollte es keine Heimat finden. Im Februar 1941 wurde das Haus vom Landrat aufgrund des Reichsleistungsgesetzes zu Gunsten der erweiterten Kinderlandverschickung der NSV beschlagnahmt. Am 8. März kam eine Kommission das Haus besichtigen. Dabei war man augenscheinlich enttäuscht, so wenige freie und geeignete Räume zu finden. Nach dieser Besichtigung wandte sich P. Otto Pies, der Obere und Novizenmeister, in einem Schreiben von gleichen Tage an die Gauamtsleitung der NSV und stellte darin fest, daß § 5 des Reichsleistungsgesetzes mit seiner Bestimmung über die Wohnrechte usw. des Unterkunftsgebers zweifellos auf die bisherigen Bewohner von Haus Hoheneichen Anwendung finde. Denn das Haus diene 1) als Kirche und Pfarrstelle für die katholische Gemeinde Pillnitz-Hosterwitz und sei 2) stiftungsgemäß Erholungsheim für katholische Geistliche. Zu den Wohnungsinhabern gehörten u.a. 21 Soldaten, die nach der Beschlagnahme von Mittelsteine hier ein Heim hätten. Außerdem diene es für 110 unter den Waffen stehende Ordensangehörige als Urlaubsheim, nachdem die anderen Häuser nicht mehr zugänglich seien.

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10) AdPr. V, 212. - 11) Ebd. VII, 72. - 12) Hist.dom. 1938. - 13) Hist.dom. 1941.- 14) AdPr. VII (1940), 26.

 


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Danach blieb es zunächst ruhig. Anfang Mai kam nochmals eine Kommission, dieses Mal vom Innenministerium, die aber gleich der ersten ohne Bescheid wieder ging. Auf Vorstellungen des P. Pies beim Landrat wurde ihm mitgeteilt, daß die Beschlagnahme vom sächsischen Staatsministerium angeordnet worden sei, daß aber eine Ausweisung oder eine Behinderung der beruflichen Tätigkeit nicht erfolgen werde. Am Mittwoch, dem 21. Mai, erschien dann die Gestapo unter Führung eines Majors der Waffen-SS und erklärte Haus und Grundstück für enteignet. Bis Freitag, den 23. Mai um 13.00 Uhr müsse es geräumt sein. Auf die Frage des Rektors nach den Gründen wurde allgemein nur Staatsfeindlichkeit angegeben, aber jede weitere Auskunft verweigert. Jeder durfte sein persönliches Eigentum mitnehmen, aber der Besitz des Hauses mußte zurückgelassen werden. Auch das Pfarramt wurde zum Auszug gezwungen. Ein scharfer Protest mit der Frage, wo der Pfarrgottesdienst gehalten werden solle, wie auch der Hinweis, daß über 30 Frontsoldaten im Hause ihre Heimat hätten, blieben wirkungslos.

Am 23. Mai las P. Saft als Pfarrvikar die letzte hl. Messe und übertrug das Allerheiligste in die 'Rote Kapelle'. Nach dem letzten gemeinsamen Mittagessen am 23. Mai, 12.00 Uhr verließen alle das Haus mit Ausnahme von P. Minister VanVolxem, der auf Befahl der Gestapo im Haus bleiben mußte. Die Patres und Brüder begaben sich zunächst zu Privatleuten. Die Novizen, soweit sie nicht in der letzten Zeit einberufen worden waren, fanden Aufnahme im Nazarethheim in Goppeln. Am Freitag, dem 30. Mai, mußten die PP. Pies und Saft zur Übergabe nochmals nach Hoheneichen kommen. Am selben Abend schickte R. P. Pies an die Gestapo einen Protest gegen die Beschlagnahme und vor allem gegen deren Begründung wegen 'Staatsfeindlichkeit'. Er schloß ungefähr mit folgenden Worten: "Es ist mir nicht unbekannt, daß die wirklichen Gründe religiöser Natur sind, deshalb werde ich und meine Mitbrüder den Schlag mit Würde zu tragen wissen".

Dieser Protest war offenbar der Anlaß zur Verhaftung von P. Pies am folgenden Morgen. Gegen 9.00 Uhr wurde er, angeblich zu einer Befragung, zur Gestapo geholt, von der er nicht mehr zurückkehrte. R. P. Pies wurde ins Dresdener Polizeigefängnis gebracht und dann am 2. August in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert, aus dem er erst am 27. März 1945 entlassen wurde (15). Die Novizen wurden bis auf zwei, die für wehruntauglich erklärt worden waren, einberufen. Mit den beiden Übrigbleibenden fand P. Socius Schmutte in Offenbach bei den Karmelitinnen eine Unterkunft. Aber bald wurde der eine einberufen und der andere aus gesundheitlichen Gründen vorläufig nach Hause geschickt. Damit hatte das Noviziat der Provinz zu bestehen aufgehört (16).

Haus und Grundstück Hoheneichen wurden am 12. Januar 1942 "auf Grund des § 1 des Gesetzes über die Einziehung kommunistischen Vermögens" beschlagnahmt und als "Vermögen von Reichsfeinden" dem Deutschen Reich zur Verfügung gestellt (17). Nach der Enteignung erhielt die Hitler-Jugend das Haus als Heimschule. Später diente es evakuierten Familien als Unterkunft. Schon früher war der Jugendseelsorger P. Sladeczek verschiedene Male von der Gestapo vorgeladen und verhört worden.

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15) Mttlg. XVI, 133ff. - 16) Chronik des Hauses Hoheneichen 1941-46, Maschinenschrift im Prov.Archiv; Hist.dom. 1940/41. - 17) Bericht Residenz Dresden - Krieg und Gestapo, Maschinenschrift im Prov.Archiv; Hist.dom. 1942.

 


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Als einmal die Gestapo vom zuständigen Polizeirevier ein Leumundszeugnis über ihn verlangte, wußte der diensttuende Beamte nicht, wie er es abfassen sollte. Er wandte sich deshalb an Pfarrer Christmann, der bereitwillig das Zeugnis ausstellen half. - Erstaunlicherweise erhob die Gestapo keine Einwendungen, als P. Borucki zum Stellvertreter des katholischen Gefängnisgeistlichen vorgeschlagen wurde. Zwei Jahre konnte P. Borucki diese Tätigkeit ausüben und viele Verurteilte vor der Hinrichtung auf den Tod vorbereiten (18).

Durch die Schließung von Hoheneichen ging die Zahl der Jesuiten in Dresden sehr zurück. In der Residenz blieben 5 Patres; außerhalb wohnten zwei. Und als im folgenden Jahr P. Van Volxem nach Breslau versetzt wurde, waren es noch sechs Jesuiten, die in Sachsen in der Seelsorge wirkten. Die seelsorglichen Arbeiten, vor allem in der Pfarrei, wurden in Zukunft kaum behindert und konnten ruhig weitergeführt werden (19).

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18) Ebd. - 19) Obere: P. Karl Kah, 3. November 1922 (Vice-Sup.); P. Johannes Zorell, 18. Juli 1924; P. Egidius Keuchen, 8. September 1930; P. Hermann Christmann, 1. Januar 1937; P. Bruno Borucki, 1. Januar 1941.

 


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Heiligelinde

In Heiligelinde (1), das 1932 übernommen wurde, standen stets die Pfarr- und in den Sommermonaten auch die Wallfahrtsseelsorge im Vordergrund. Andere Arbeiten wurden nur gelegentlich angenommen. Darum gehörten zum Hause in der Regel auch nur zwei oder drei Patres und ebensoviele Brüder. Der erste Jesuit, der am 15. Februar 1932 (2) in Heiligelinde eintraf, war P. Max Müller. Er wurde dem damaligen Propst als Kaplan beigegeben und sollte die Übernahme der Pfarrei durch den Orden vorbereiten. Formell erfolgte diese im Herbst. Am 14. September wurde P. Leopold Willimsky als erster Oberer und Pfarrer verkündet.

Zur Pfarrei Heiligelinde gehörten damals rund 30 Ortschaften mit nicht viel mehr als 1.400 Gläubigen. P. Willimsky, der vorher Volksmissionar gewesen war, ließ in Heiligelinde im Januar 1934 eine Familienwoche und um Pfingsten eine Volksmission halten. In den vorausgehenden Wintermonaten waren schon in sechs vom Kirchort weit entfernten Dörfern Stationsgottesdienste eingerichtet, religiöse Wochen gepredigt und Familienwochen gehalten worden. Außerdem führte P. Willimsky Männerapostolat und Mütterverein ein und gründete je eine Kongregation für die männliche und die weibliche Jugend (3).

Ebenso bemühte sich P. Willimsky von Anfang an, in der ausgedehnten Pfarrei noch die eine oder andere Kirche zu bauen und sie möglichst auch mit einem Priester zu besetzen. So wurde bereits 1935 in dem 7 km entfernten Wilkendorf eine Herz-Jesu-Kirche erbaut. Die Kosten trug zum Teil der Bonifatiusverein, zum Teil hatte sie P. Willimsky durch eine rege Sammeltätigkeit aufgebracht. Am 3. Juli legte Dompropst Sander den Grundstein und schon am 4. November konnte Bischof Kaller die Kirche feierlich konsekrieren (4). Die Stelle wurde mit einem Weltpriester besetzt. Zwei Jahre später konnte in dem 8 km entfernten Widrinnen eine Kapelle erbaut und benediziert werden. Der Ort erhielt aber keinen eigenen Geistlichen, sondern wurde weiterhin von Heiligelinde versorgt (5).

Große Tage für Heiligelinde waren stets die Wallfahrtstage (6), besonders das Fest der Heimsuchung Mariens bzw. der darauffolgende Sonntag. Bei solchen Gelegenheiten konnten bis zu 25.000 Wallfahrer in den sonst so stillen und abgelegenen Ort kommen. Am 1. Juli 1934 waren es 20-25.000, darunter schätzungsweise 15.000 Männer und Jungmänner, die hier vor Bischof Kaller das Gelöbnis der Treue zu Kirche und Glaube ablegten. Über die Wallfahrt vom Jahre 1936 wird berichtet: "Am 5. Juli hatten wir großen Wallfahrtstag. Über 25.000 fanden sich um ihren Oberhirten zusammen. 46 Priester und 6 Kleriker halfen im Beichtstuhl, an der Kommunionbank und bei dem unter bischöflicher Assistenz abgehaltenen Pontifikalamt auf dem Marktplatz. Es wurden 3.000 Beichten ge-

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1) Mttlg. XIII, 616-621. - 2) AdPr. V, 166, - 3) AdPr.VI, 127. 374; VII, 4. 11. - 4) Ebd. VII, 4, - 5) Hist.dom. 1937. - 6) AdPr. VI, 143. 305. 314f.

 


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hört, 6.500 Kommunionen ausgeteilt. Am Morgen und am Nachmittag war je eine große Festpredigt" (7). Trotz mancher Behinderungen konnten auch während des Krieges die Wallfahrten stattfinden, wobei freilich die Beteiligung geringer war als in den Jahren zuvor.

Mit der Übertragung der Pfarrei war auch die Verwaltung des etwa 600 Morgen großen Stiftsgutes und des Stiftseigentums verbunden, eine Aufgabe, die den Obern und Ökonomen oft nicht geringe Sorgen machte. Die Häuser des kleinen Ortes Heiligelinde gehörten dem Stift, befanden sich aber damals in einem recht reparaturbedürftigen Zustande. Die spärlichen Mieten, die eingingen, reichten nicht hin, um die notwendigsten Reparaturen vornehmen lassen. Das Gut, das von einem Verwalter bewirtschaftet wurde, war ausgesprochen schlechtes Ackerland oder minderwertiger Waldbestand und brachte kaum etwas ein. Alle Versuche, den Ertrag zu heben und die Wirtschaftlichkeit zu bessern, die vor allem in den ersten Jahren angestellt wurden, blieben erfolglos. Die Provinz hat darum von dem Gut nie einen Nutzen gehabt, außer daß es im Sommer ein sehr beliebter Ferienplatz war, wo man im nahen See ungesehen und ungestört baden konnte.

Die Kirche, die 1690 eingeweiht worden war und die von den Patres der alten Gesellschaft Jesu betreut worden war, besaß auch in unserer Zeit noch eine Reihe wertvoller Kunstwerke. Wie aus einem Schreiben (8) der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. Hamburg vom 6. November 1957 hervorgeht, waren es vor allem die große silbervergoldete Monstranz in Gestalt eines Lindenbaumes, 1722 von Meister Samuel Grewe geschaffen, die silberne Tabernakelverkleidung mit Darstellung des Abendmahles und des Mahles zu Emmaus, 1722 geschaffen von demselben Meister, ein silbervergoldetes Andachtsbild, 1640 von Bartholomäus Pens gemalt, 1719 mit silbervergoldeten Plättchen belegt von Samuel Grewe, eine Pyxis, 1692 geschaffen von Meister Johann Schwarz, und eine herzförmige Krankenpatene von Meister Samuel Grewe, auf die der Crucifixus und das Osterlamm graviert waren. In diesem Zusammenhang sei auch ein uraltes Holzkreuz (9) erwähnt, das sich auf dem Altar der Schmerzhaften Mutter in einem Glasschrein befindet und das 1634 von dem Kgl. Sekretär Stephan Sadorski, dem Eigentümer von Heiligelinde, den Jesuiten von Rössel geschenkt worden war und schon damals ein hohes Alter besaß.

Die Wirksamkeit in Heiligelinde fiel fast ausschließlich in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Als um 1938 der Kampf gegen die Kirche überall offener und schärfer geführt wurde, kam es auch in Heiligelinde zum ersten größeren Zusammenstoß. Am Samstag nach Ostern 1938 fand, wie die Hausgeschichte berichtet (10), eine große Haussuchung durch die Gestapo statt. Gegen 12.30 Uhr erschienen 30 Beamte der Geheimen Staatspolizei und durchsuchten acht Stunden lang Haus und Kirche. P. Superior Willimsky, der vom Fischereipächter böswillig beschuldigt und angezeigt worden war, wurde mitgenommen und blieb bis Samstag vor Pfingsten, also volle sechs

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7) AdPr. VII, 36. - 8) Im Provinzarchiv. Wieweit die Kunstgegenstände sich noch in der Kirche befinden, läßt sich nicht sagen. - 9) Unsere Ermländische Heimat 5(1959), 4; Mttlg. XVIII, 244f. - 10) Hist.dom. 1938.

 


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Wochen, im nahen Rastenburg in Haft. Ein Urteil wurde nicht gefällt, da trotz eifrigster Nachforschungen nichts Strafwürdiges festgestellt werden konnte. Obgleich ihm dringend abgeraten wurde, bestieg P. Willimsky am Dreifaltigkeitsfest die Kanzel, um Rechenschaft zu geben und seinen Fall darzulegen. Daraufhin wurde er am folgenden Tage erneut verhaftet, aber bald wieder freigelassen und von den Obern nach Oppeln versetzt.

Auch später gab es dort noch kleinere Belästigungen und Behinderungen. So wurde z.B. bei der Diözesanwallfahrt am Feet Mariä Heimsuchung 1938 das Anbringen einer Lautsprecheranlage außerhalb der Kirche wegen Ruhestörung untersagt (11), oder im folgenden Jahr lehnte der Konservator für Denkmalspflege die Renovation der Kirchenfassade ab mit der Begründung, andere Restaurierungen seien vordringlicher (12). Ebenso wurde P. Wessendorf einmal wegen einer Prozession längere Zeit verhört, wobei er sich mit solcher Lautstärke verteidigte, daß man ihn im Dorfe hören konnte und es selbst den Gestapobeamten unangenehm wurde. Im ganzen aber konnten Pfarrarbeit und Wallfahrtsbetrieb aufrecht erhalten und weitergeführt werden (13).

Die Tätigkeit in Heiligelinde war zu kurz als daß sie weitreichende Erfolge hätte zeigen können; zudem wurde 1945 alles, was geschaffen worden war, durch den Krieg zunichte gemacht. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, was Bischof Kaller einmal in einer Priesterversammlung hervorhob: P. Willimsky habe Heiliglinde zu einer Musterpfarrei der Diözese gemacht.

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11) Hist.dom. 1938. - 12) Hist.dom. 1939. - 13) Obere: Leopold Willimsky, 14. September 1932; Alfons Wolf, 23. November 1938; Anton Fenger, Juni 1941. - Pfarrer: Leopold Willimsky, 1932-38; Alfons Wolf, 1938-1940 (1941); Anton Wessendorf, (1940) 1941-1942; Friedrich Schulte, 1942-45 (1947).

 


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Königsberg

Nach Ostpreußen kamen zunächst einzelne Patres, die für kürzere oder längere Zeit zu Seelsorgsarbeiten hingeschickt und zur Verfügung gestellt wurden. So weilte von September 1916 bis Anfang Dezember 1917 P. Heinrich Diebels in Stift Crossen bei Wormditt, um als Prediger und Beichtvater bei den Wallfahrten auszuhelfen und von dort aus Exerzitien zu geben. 1918 kam nach Crossen P. Anton Tresp, der jedoch bald starb; ihm folgte P. von Dalwigk, der am 20. Februar 1920 berichtet: "Ich bin gleich nach dem Kriege hierher gesandt worden, um Exerzitien zu geben, und werde wohl noch einige Monate bleiben". Im Herbst 1920 wurde er nach Bonn versetzt (1).

Wie schon erwähnt, schien sich in Bischofsburg (2) die Gründung einer Residenz anzubahnen; dort waren vor allem die PP. Heinrich Werling (1921-1923) und Werner Dietrich (1923-1926) einige Jahre seelsorglioh tätig. Ebenso wurde vom November 1922 bis November 1924 das Waisenhaus in Königsberg-Ponarth und die dortige kleine Vorstadtgemeinde betreut. Am 31. Oktober 1922 war P. Heinrich Tillmann nach Ponarth gekommen; ihn löste Anfang 1924 P. Wilhelm Behme ab, der aber schon am 21. November 1924 starb.

In Königsberg selbst arbeitete seit Anfang 1921 P. Michael Gierens als Studentenseelsorger. Neben der Akademikerseelsorge hatte er bald auch andere Arbeiten aufgegriffen; so hielt er regelmäßig Vorträge für die Männer in den Hauptkirchen der größeren Orte. Und nachdem dann 1923 das Haus Theaterstraße 8 gekauft worden war, wurde es nach und nach der Ausgangs- und Mittelpunkt für die Arbeit der Gesellschaft in Ostpreußen (4).

Die Hauptaufgabe der Königsberger Patres in den ersten Jahren blieb die Studenten- und Jugendseelsorge. Im Haus Theaterstr. Nr. 8, das unmittelbar neben der Universität lag, wurde zu Beginn des Wintersemesters 1923/24 ein Studentenheim (5) eingerichtet. Es bot zwar keine Schlafgelegenheit, war aber von früh bis spät geöffnet; Licht und Heizung waren frei. Dort konnten sich die Studenten tagsüber aufhalten und ungestört arbeiten. Gleichzeitig bemühte sich P. Gierens um Freitische für seine Studenten und sammelte für sie Lebensmittel in den ermländischen Landgemeinden. Bei einem katholischen Bäcker z.B. wurde der erbettelte Roggen verarbeitet und das Brot gegen Karten an bedürftige Studenten ausgegeben. Viel wichtiger aber war es, daß die jungen Leute sich in einer katholischen Umgebung befanden und daß dadurch ihr katholisches Bewußtsein und Ehrgefühl gestärkt wurden. Es gab selbstverständlich auch eine kleine Bibliothek; viele katholische Zeitungen und Zeitschriften konnten hier eingesehen und gelesen werden (6). Es zeigte sich denn auch bald, welchen Segen das kleine Studentenheim stiftete.

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1) AdPr. II, 15. 23. - 2) Ebd. II, 35. - 3) Ebd. II, 47; III, 53. - 4) Ebd. III, 206. - 5) Ebd,III, 79. - 6) Akademische Bonifatiuskorrespondenz 1924, Nr. 213; AdPr. III, 79; IV, 128f; VII, 3.

 


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Im Sommer 1925 wurde P. Gierens abberufen und die Studentenseelsorge von P. Matthias Dietz übernommen, den wiederum im Sommer 1931 P. Karl Wehner ablöste. Dessen Nachfolger schließlich wurde P. Gerhard Koch, der fast 10 Jahre bis zum Zusammenbruch die Königsberger Studentengemeinde leiten sollte. In den ersten Jahren nahm sich der Studentenseelsorger gleichzeitig auch der studierenden und der kaufmännischen Jugend an, bis 1927 in P. Wilhelm Föhrer ein eigener Jugendpater nach Königsberg kam. Dessen Aufgabe beschränkte sich aber keineswegs auf die Stadt Königsberg, sondern als neudeutscher Gaupater hatte er auch die Sorge für die Gruppen in Braunsberg, Elbing, Guttstadt, Marienwerder, Rössel usw. und besuchte sie auch regelmäßig. Im Herbst 1930 übernahm P. Josef Benoit die Jugendarbeit; ihm folgte 1934 P. Paul Urmitzer, und diesen löste schließlich im Herbst 1937 P. Bernhard Riedl ab, der diese Arbeit trotz vieler Schwierigkeiten mit Eifer und Geschick bis Ende 1944 weiterführte.

Da 1928 schon vier Patres in Königsberg arbeiteten, wurde die bisherige 'Statio Warmiensis' zur 'Residentia Regiomontana' erhoben.

Die Zahl der Patres ging allerdings bald wieder zurück. Und als P. Diebels 1931 in das Braunsberger Priesterseminar über- siedelte, waren es ihrer wiederum nur zwei. So haben in diesen Jahren die in Königsberg arbeitenden Patres öfters gewechselt, aber das Arbeitsfeld blieb dasselbe: Studenten- und Jugendseelsorge, wozu im Laufe der Zeit neben manchen Gelegenheitsarbeiten auch regelmäßige Priesterrekollektionen in einigen größeren Städten hinzukamen.

Eine Erweiterung erfuhr dieses Arbeitsfeld erst in den letzten Jahren vor dem Krieg. Der ehemalige Königsberger Obere und derzeitige Provinzial P. Karl Wehner schickte einige junge tüchtige Patres nach Königsberg, die im Ermland bald ein fruchtbares Arbeitsfeld fanden. Vorher aber war es erst nötig, für die Neuen den entsprechenden Wohnraum zu schaffen. Trotz großer Schwierigkeiten und trotz aller einengenden wirtschaftlichen Bestimmungen brachte es P. Bernhard Riedl fertig, das Haus um eine Etage aufzustocken und dort oben den Operarii eine schöne helle Wohnung zu schaffen. Als erster Neuling kam im August 1937 P. Leo Dymek. Ursprünglich war er für die Männerseelsorge hinberufen worden, um in den Pfarreien regelmäßige Standesvorträge zu halten, was er auch lange getan hat. Allmählich jedoch verschob sich der Hauptakzent seiner Arbeit auf die religiösen Wochen. Im Sommer 1939 folgte P. Paul Mianecki, der P. Dymek helfen sollte. Denn nach und nach waren es etwa 20 Pfarreien geworden, in denen regelmäßig monatlich je drei Standespredigten (Männer, Frauen, Jugend) zu halten waren; daneben gab es noch ein paar Pfarreien, die nur in größeren Abständen besucht wurden, Als dann P. Dymek und P. Mianecki immer öfter religiöse Wochen gaben, wurde diese Arbeit zeitweise von P. Max Reiter, der 1940 nach Königsberg versetzt worden war, geleistet (7).

Diese religiösen Wochen waren, wie P. Mianecki (8) es schildert, eigentlich zufällig "aus einer Predigtreihe des P. Dymek erwachsen, bis wir dann bewußt einen Stil herausarbeiteten, der diese Wochen klar von einer Mission unterschied.

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7) Mttlg. XVI, 144 ff. - 8) Ebd.

 


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Sie sollten weder Missionsersatz noch Missionserneuerung sein, sie dienten nicht primär der Bekehrung, sondern der Vertiefung des religiösen Lebens... Einmal waren es Christuswochen, die das Dogma der Inkarnation zum Inhalt hatten, dann stand im Anschluß an die Enzyklika die Kirche als Leib Christi im Mittelpunkt... Es folgten Wochen über das Sakrament der Ehe und der Priesterweihe, über Sünde und Buße und immer wieder und immer neu die Reichgotteswoche, die P. Dymek hielt". Da Bischof Kaller solche Wochen für alle Pfarreien verpflichtend gemacht hatte, wurden später auch die PP. Hubert Klose und Karl Krause in diese Arbeit eingeschaltet. Und da die Königsberger Jesuiten vor einer Einberufung zur Wehrmacht bewahrt blieben, konnten diese religiösen Wochen bis tief in den Krieg hinein fortgesetzt werden.

Nicht vergessen sei, daß in der Kantstadt Königsberg auch einmal ein Tertiat (9) bestanden hat. Überall waren die Ausbildungsstätten des Ordens geschlossen oder beschlagnahmt worden, aber in Königsberg war es möglich, daß vom 1. November 1943 bis Ende Juni 1944 die PP. Mianecki, Michalke, Rothe, Schulz und Stipa dort ihr Tertiat machten. Die Tertiarier wohnten in einem den Grauen Schwestern gehörenden und mit dem St. Elisabethkrankenhaus verbundenen Haus in der Prinzenstraße, das eigentlich ein Alters- und Damenheim war, aber im Kriege nicht voll besetzt war. Oberer und Instruktor war P. Anton Wessendorf, der die Großen Exerzitien und einen Teil der Instruktionen gab. Den größten Teil der Instruktionen aber hielt P. Josef Miller aus der Österreichischen Provinz, der eigens dafür von Wien nach Königsberg gekommen war.

Wie anderswo blieben auch die Königsberger Jesuiten nicht von den Schikanen der Gestapo verschont. So fand Anfang Juli 1939 eine längere Haussuchung statt (10), bei der alles, was ND gehörte oder mit ND zusammenhing, beschlagnahmt wurde. Der leitende Kommissar, ein abgefallener Benediktiner aus Süddeutschland, durchsuchte 8 Stunden lang das Zimmer des Superiors, las alle Briefe, notierte sich die Absender und unterhielt sich über religiöse Dinge; u.a. fragte er, was die Jesuiten wohl tun würden, wenn sie aus Deutschland ausgewiesen würden. Es blieb bei dieser einen Haussuchung. Wohl gab es später noch manche Verhöre und Vorladungen: Einmal wurde sogar die ganze Kommunitat zur Gestapo zitiert und jeder einzelne mußte seinen Lebenslauf diktieren. Auch wurden gelegentlich Redeverbot oder Verschickung in ein Konzentrationslager angedroht. Aber bei diesen Drohungen blieb es, und die Königsberger Patres konnten bis Kriegsende ihre seelsorglichen Arbeiten fortsetzen (11).

Das Königsberger Haus diente von Anfang an ganz und gar der Seelsorge und stand für sie stets offen. Viel Segen ging in den 20 Jahren von dem alten Mietshaus in der Theaterstraße aus: durch die Studenten- und Jugendseelsorge, durch die Religiösen Wochen und die Standesvorträge. Und es lag wohl auch in der Absicht Gottes, die braven ermländischen Katholiken auf diese Weise für de schweren Kreuzweg zu stärken, den das ostpreußische Volk bald gehen mußte (12).

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9) Hist.dom. 1943/44. - 10) Hist.dom. 1939. Mttlg. XVI, 145. - 11) Obere: Heinrich Diebels, 26. August 1928; Karl Wehner, 12. August 1931; Joh. Machhaus, 7. Oktober 1935; Bernhard Riedl, 20. September 1939 (V. Sup,); Gerhard Koch, 1. Okt. 1940, - 12) A. Rothe, Die Jesuiten im Ermland in neuester Zeit, in: Zeitschrift für die Geschichte u. Altertumskunde Ermlands, Bd. 30, 407-419; Mttlg. XX, 12-24.

 


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Schneidemühl

blieb eine kleine Statio (1). Am 5. Januar 1928 kam P. Johannes Machhaus, der schon von Berlin aus in der Freien Prälatur gearbeitet hatte, nach Schneidemühl, um vor allem die Konferenzen für Priester, Lehrer und Ordensschwestern zu übernehmen. Ihm folgte am 9. Okt. 1930 P. Friedrich Schulte, der zum Kuratus an St. Johannes ernannt wurde und sich außerdem der studierenden Jugend Schneidemühls annehmen sollte. Die Seelsorge an der Johanneskirche, die Priester- und Jugendseelsorge blieben auch in Zukunft die Hauptaufgabe der Patres in Schneidemühl. An Einzelheiten wird berichtet, daß P. Schulte im Jahre 1932 auch Konvertiten in die Kirche aufgenommen habe, daß die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher zwischen 2.000 und 2.500 liege, daß im Jahre 1934 in der Johanneskirche 20.000 Beichten gehört und 75.000 hl. Kommunionen ausgeteilt wurden. Zahlen, die sich in den anderen Jahren nur wenig änderten.

Am 7. Januar 1935 schied P. Machhaus und am 14. Dezember 1938 auch P. Schulte von Schneidemühl. Besonders letzterer hatte sich in hohem Maße die Sympathie und Freundschaft der Schneidemühler Priester erworben. Die Statio wurde zunächst noch kurze Zeit weitergeführt und dann Anfang 1939 endgültig aufgegeben. Die Priesterrekollektionen wurden von P. Wellen (Berlin) übernommen und weiter gegeben. Die Seelsorge an der Johanneskirche übernahm ein Weltpriester, Vikar Heinrich M. Janssen, der spätere Bischof von Hildesheim.

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1) AdPr. IV, 117. 257; VII, 159, - Hauschronik geführt von P. Schulte. - Hist.dom. 1938/39.

 


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Litauen

war ein überwiegend katholisches Land. Als dort 1923 die Arbeit von der Gesellschaft aufgenommen wurde, geschah es in der Absicht, die einst so blühende Litauische Provinz wieder zum Leben zu erwecken. Der Anfang berechtigte auch zu großen Hoffnungen. Das Kolleg in Kaunas entwickelte sich gut. Es meldeten sich zahlreiche Kandidaten und die Patres wurden oft und gern zu seelsorglichen Arbeiten eingeladen (1).

Da schien im Jahre 1926 alles in Frage gestellt (2). Bei den Wahlen im Mai waren die katholischen Parteien, die bisher die absolute Mehrheit besessen hatten, unterlegen, und es folgte eine in der Hauptsache sehr links orientierte Regierung. Offen wurde die Hetze gegen Kirche und Orden betrieben, und die Ausweisung der Jesuiten wie die Schließung der katholischen Schulen verlangt. Aber die Maßnahmen der neuen Regierung schufen gleichzeitig auch große Unruhe und Unzufriedenheit unter der Bevölkerung und nicht zuletzt in Militärkreisen. Da vollzog sich kurz vor Weihnachten in sich fast überstürzenden Ereignissen eine völlig unblutige Revolution. An die Spitze des Staates trat wiederum Antanas Smetona, ein Freund des Kollegs und der Jesuiten.

Die schwerste Krise, die die Litauische Mission bis dahin durchzustehen hatte, war damit überwunden, und die Arbeit konnte fortgesetzt werden (3). So wurde 1929 unter P. Paul Boegner das litauische Noviziat eröffnet. Das Gymnasium zählte im Schuljahr 1929/30, als es Vollanstalt wurde, 300 Schüler und konnte im Juni 1930 seine ersten Abiturienten entlassen. Da der Sohn des Staatspräsidenten Smetona darunter war, nahmen die Eltern an der Abschiedsfeier teil, und der Präsident selbst verteilte die Zeugnisse. In diesem Jahr konnten auch die Kollegsgebäude weiter ausgebaut werden. Die Zahl der Schüler stieg nun von Jahr zu Jahr und erreichte im Schuljahr 1933/34 die Rekordzahl von 520. Bis auf die PP. Kipp, Fenger, Fulst und Josef Riethmeister und die FF. Aust und Andricki waren die Lehrer alle Litauer. Immer mehr litauische Patres und Fratres rückten nach, und als die Litauische Provinz im Jahre 1936 unabhängig wurde, zählte sie 12 Priester, 33 Scholastiker und 43 Brüder. Aus der Ostdeutschen Provinz waren nur noch 5 Patres und 2 Brüder in Litauen tätig. Die Brüder kehrten noch vor Kriegsausbruch in die Provinz zurück, die Patres erst bei der Aussiedlung im Jahre 1941 (4).

Das angestrebte Ziel einer unabhängigen Litauischen Provinz war erreicht, aber schon zeichneten sich jene Ereignisse ab, die bald zur gewaltsamen Zerstreuung und zur Vernichtung der Provinz führen sollten.

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1) AdPr. III, 155 f . 163 f. 248. - 2) AdPr. III, 190 ff. 221 ff. - 3) Mttlg. XII, 333 ff; AdPr. IV, 121 f. 155 f. 172. 180 ff. 232 f. 242. 255. 262f. 270 f; V, 42 ff. 163 f. 179 f. 240; VI, 73 ff. 312ff. - 4) Catal. Prov.

 


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Estland

gehörte bis 1918 zur Diözese Mohilew und 1919-1924 zur lettischen Diözese Riga. Die Katholiken waren früher meist polnisches oder litauisches Militär oder nach ihrer Dienstzeit ansässig gewordene Soldaten. Ihre Zahl schwankte zwischen 4.000 und 6.000, ging aber nach dem Ersten Weltkrieg auf kaum mehr als 2.000 zurück. Die Hälfte davon lebte in Talinn (Reval), die andere Hälfte verteilte sich auf die Kirchen Narwa, Tartu (Dorpat), Walk und einige kleinere Stationen (1).

Im Jahre 1924 lebten in ganz Estland nur drei katholische Priester, die beiden PP. Kartte und Werling und ein invalider Weltpriester (2). Dieser Zustand dauerte bis 1931 an. Im Sommer dieses Jahres wurde Estland als Apostolische Administratur der Commissio pro Russia unterstellt und P. Eduard Profittlich, der P. Kartte abgelöst hatte, zum Apostolischen Administrator ernannt. Im selben Jahre kamen bayerische Kapuziner und polnische Ordensschwestern ins Land. 1934 zählte die Administratur schon 10 Priester, darunter 4 Jesuiten: außer R. R. Profittlich noch die PP. Bourgeois, Werling und Wiercinski.

Die Seelsorge (3) war durch die geringe Zahl der Katholiken, ihre Armut, ihre Vielsprachigkeit und ihre Zerstreuung über das ganze Land ungemein erschwert. Aber es ging voran, nicht bloß im innerkirchlichen Leben. Auch die Öffentlichkeit begann, sich für die katholische Kirche zu interessieren. Die Predigten wurden auch von Andersgläubigen gern besucht, und das katholische Monatsblatt, das Jesuiten und Kapuziner gemeinsam herausgaben, wurde von den Gebildeten viel gelesen. Es meldeten sich auch manche zum Übertritt, aber nicht wenige zogen sich bald wieder zurück, als sie merkten, was es bedeutet, katholisch zu werden.

Im Jahre 1936 wurde P. Profittlich zum Titular-Erzbischof (4) ernannt und in der Pfarrkirche von Talinn am 27. Dezember konsekriert. Im März desselben Jahres war die Mission von der Ostdeutschen Provinz getrennt und der neugebildeten Litauischen Provinz zugeschrieben worden. Anfang 1939 arbeiteten in Estland bereits 10 Jesuiten, die 7 verschiedenen Provinzen angehörten (5). Aus der Ostdeutschen Provinz kamen die PP. Borucki, Kartte und Werling sowie F. Nikl. Die Jesuiten waren auf die Stationen Talinn, Nomme, Rakvere und Esna verteilt. Dazu kamen noch einige Kapuziner, die Tartu und Narwa betreuten.

Damit war aber auch der Höhepunkt erreicht. 1940 wurde Estland von den Russen besetzt. Die deutschen Priester wurden ausgewiesen. Der Erzbischof, der zurückblieb, ging in Verbannung und Gefangenschaft.

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1) AdPr. VI, 59 f. - 2) AdPr. III, 99 f ; VI, 59. 277. - 3) AdPr. III, 40. 54f. 78 f. VI, 59 ff. 89 f. 298 ff ; VII, 89f. 100 f. 117. - 4) AdPr. VII, 60 f. - 5) Catal. Prov. Lithuaniae 1939.

 


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Troppau

Nachdem im September 1938 Nordböhmen, das sog. Sudetenland, von Hitler besetzt worden war, kam Ende Oktober von Rom der Bescheid, dass die Residenz Troppau nunmehr der Ostdeutschen Provinz angegliedert sei. Daraufhin machte P. Provinzial Karl Wehner am 8. und 9. November dort seinen ersten Besuch, bei dem er drei Patres und zwei Brüder antraf, die den Dienst an der alten Jesuitenkirche versahen. Die Patres wohnten in einem ziemlich geräumigen Haus, das von der Kirche nur durch die Straße getrennt war (1). Oberer der kleinen Kommunität wurde am 10. November P. Eduard Heidrich.

Die Troppauer Patres waren durch die Arbeit an der Kirche voll und ganz in Anspruch genommen. Werktags waren regelmäßig drei, an Sonntagen und Festen fünf hl. Messen. Gepredigt wurde deutsch und tschechisch. Tschechischer Prediger und Seelsorger war P. Josef Bittner. An Sonntagen zählte man fast 3.000 Kirchenbesucher. Aufgrund einer alten Gewohnheit wurde in der Kirche das ganze Jahr hindurch zweimal täglich eine sakramentale Andacht, je eine für die Deutschen und die Tschechen, gehalten, die beide immer gut besucht waren.

Die Kirche war eine ausgesprochene Beichtkirche, in die Gläubige aus dem ganzen Troppauer Ländchen zur Beicht kamen. Die Hälfte der Beichten waren tschechisch. Außerdem bestanden an der Kirche Kongregationen verschiedener Art. Mit besonderer Feierlichkeit wurden stets die Maiandachten mit täglicher Predigt begangen. Für die Tschechen wurden sie jedes Jahr, für die Deutschen abwechselnd mit einer anderen Kirche nur jedes zweite Jahr gehalten. 1941 z.B. hielt die deutschen Predigten P. Greefrath aus Breslau (2).

Im April 1944 wurde Br. Fritz Moschner, der seit Oktober 1941 in Troppau tätig war, zur Organisation Todt (O.T.) einberufen. Irrtümlicherweise wurde er für einen Halbjuden gehalten und deshalb in eine Strafkompanie gesteckt, in der er viel durchmachen, schwer arbeiten und bitter hungern mußte. Erst im April 1945, kurz vor Kriegsende, gelang es, ihn frei zu bekommen (3). Im übrigen konnten die Arbeiten an der Kirche den ganzen Krieg hindurch unbehindert weitergeführt werden.

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1) AdPr. VII, 147f. - 2) Hist.dom. 1940/41. - 3) Hist.dom. 1944

 


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V. Die Provinz in Krieg und Zusammenbruch

Die Ostdeutsche Provinz ist durch den Krieg besonders hart getroffen worden, Er hat in einem Maße ihre Geschicke bestimmt, ihr Aussehen von Grund aus verändert und die Ausbildung ihrer Scholastiker behindert, wie dies in der Geschichte der deutschen Provinzen schon lange nicht mehr der Fall war.

1. Einberufungen zur Wehrmacht

Es begann damit schon im Herbst 1936, als die ersten Mittelsteiner Novizen zum Arbeitsdienst (1) geholt wurden. Ein Jahr später folgten die ersten Einberufungen zum Wehrdienst. Bis auf zwei junge Brüder, die zu vollständiger militärischer Ausbildung eingezogen wurden, ging es anfangs nur um mehrwöchige Übungen. Die Lage änderte sich aber sehr rasch, als 1939 der Krieg ausbrach. Anfang 1940 führt der Katalog bereits 6 Patres, 39 Fratres und 13 Brüder als Soldaten auf; die sechs Patres waren Kriegspfarrer.

Da setzte Anfang 1941 die Entlassungsaktion ein. Zuerst kehrten die Kriegspfarrer heim; denn aufgrund eines Führerbefehls mußten die Ordensleute aus der Wehrmachtseelsorge ausscheiden. Im Sommer folgten ihnen einige Angehörige der Luftwaffe und schließlich im Herbst und Winter 1941/42 die große Mehrzahl aus dem Heer. Die Tatsache, daß die Jesuiten zusammen mit den Angehörigen ehemals regierender Häuser, mit Juden und Kriminellen als 'wehrunwürdig' erklärt und aus der Wehrmacht ausgeschieden wurden, hinderte aber die Wehrbezirksämter nicht, gleichzeitig andere Jesuiten neu einzuziehen. Die Namen der Ordenspriester in der Wehrmachtseelsorge waren über das Feldbischofsamt ermittelt worden, die Namen der Jesuiten-Soldaten verschaffte sich die Gestapo dadurch, daß sie die Liste der Wehrmachtangehörigen im Provinzialat mit der Begründung beschlagnahmte, die Liste prüfen und billigen zu wollen. Wer also nicht auf der Liste stand oder wessen Anschrift sich so geändert hatte, daß man ihn nicht ausfindig machen konnte, entging der Entlassung.

Aus der Ostdeutschen Provinz wurden im ganzen für kürzere oder längere Zeit einberufen: 77 Patres, 59 Scholastiker und 36 Brüder, zusammen 172 Jesuiten; das war mehr als die Hälfte der Provinz (2). Von diesen 172 wurden als 'wehrunwürdig' entlassen: 67 Patres, 30 Scholastiker und 22 Brüder, zusammen 119. Im Kriege gefallen sind 1 Pater, 9 Scholastiker und 4 Brüder, zusammen 14. Dazu kommen die PP. Joachim Rollenbach und Josef Hoffmann, F. Bruno Dimke und Br. Josef Höcker, von denen wir bis heute keine Nachricht haben und die wohl als tot anzusehen sind. Von den übrigen blieben einige Soldaten und gerieten z.T. noch in Gefangenschaft wie z.B. P. Eugen Bergmann, der erst im Oktober 1949 aus russischer Gefangenschaft heimkehrte. Andere traten noch als Soldaten aus der Gesellschaft aus; der eine oder andere wohl in der Absicht,

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1) AdPr. VII, 39, - 2) Rundbrief 1958/Nr. 1, 6. Januar 1958.

 


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dadurch der Entlassung aus der Wehrmacht zu entgehen und die militärische Laufbahn nicht zu gefährden.

Der erste Tote, den die Provinz zu beklagen hatte, war F. Alfons Andricki (3), der am 21. Mai 1940 bei Tournai am Scheldekanal fiel; ihm folgte ein Jahr später F. Paul Marciniak (4), der im heißen Klima Griechenlands an der Ruhr starb. Im selben Jahr, in den ersten Monaten des Krieges gegen Rußland, fielen kurz nacheinander die FF. Franz Paletta (5), Uli Settnik (6), Reinhold Blach (7) und Br. Bruno Faulde (8). 1942 starben in Rußland die FF. Kurt Richter, Stefan Salanczyk (10) und P. Leo Behlau (11). Der einzige Kriegstote des Jahres 1943 war Br. Wilhelm Knörich (12). Als letzte fielen 1944 die beiden Brüder Julius Zimolong (13) und Josef Behrend (14) sowie die beiden Scholastikernovizen Alfons Dürlich (15) und Kurt Müller. Bei der großen Zahl der Eingezogenen ist die Zahl der Gefallenen sehr niedrig; dies ist nur dem Umstand zu verdanken, daß die Mehrzahl schon 1941 entlassen wurde, also ehe es zu den Verlusten der letzten Kriegsjahre kam.

Als Kriegsopfer müssen hier noch genannt werden P. Max Reiter (16) und Br. Tarcisius Fantin (17), die bei Luftangriffen in Berlin umkamen, die PP. Josef Dubis (18) und Kurt Lerch (19), die 1945 von den Russen erschossen wurden, und P. Heribert Schulz (20), der auf dem Wege in russische Zivilgefangenschaft starb.

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3) Mttlg. XVII, 33f. AdPr.VII (1940), 34. Pullacher Briefe Nr. 10, 31. Mai 1940. - 4) Mttlg. XVII, 43 f. Pullacher Briefe, 15. Juli 1941. - 5) Mttlg. XVII, 45 ff. Joh. Drüding, Erinnerungsblätter an Fr. Franz Paletta S.J. Handschriftlich. Pullacher Briefe, ohne Datum. - 6) Pullacher Briefe, o.D. - 7) Mttlg. XVII, 48 ff. - 8) Ebd. 47 f. - 9) Ebd. 51 f. - 10) Ebd. 52 f. - 11) Ebd. 54 ff. - 12) Ebd. 56. - 13) Ebd. 56 f. - 14) Ebd. 81. - 15) Ebd. 80 f. - 16) Ebd. 92f. - 17) Mttlg. XVI, 440 ff. - 18) Mttlg. XVII, 93 ff. - 19) Ebd. 88 f. - 20) Mttlg. XVI, 59 ff.

 


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2. Ausbildung und Studien während des Krieges

Das Noviziat (1), das von Mittelsteine nach Hoheneichen verlegt werden mußte und das schließlich in Offenbach (Main) eine Unterkunft fand, hörte von selbst auf, als es im Verlauf des Krieges keine Eintritte mehr gab. Wohl wurden von P. Provinzial Hapig ein paar Kandidaten aufgenommen und auch in Berlin-Charlottenburg eingekleidet, obgleich sie Soldaten waren und darum ihr Noviziat nicht sofort beginnen konnten. Einer von ihnen, Kurt Müller, ist gegen Ende des Krieges gefallen; drei andere kamen nach dem Kriege ins Noviziat, wurden aber alle wieder entlassen (2).

Die Philosophen, deren Zahl sich ständig verringerte, konnten im Berchmanskolleg in Pullach (3) bis Januar 1945 studieren, obgleich ein großer Teil des Hauses für ein Hilfskrankenhaus beschlagnahmt war.

Ärger war es um das Studium der Theologen bestellt. Das Kolleg ins Innsbruck, wo einige unserer Fratres waren, wurde im Oktober 1939 von der Gestapo aufgehoben; die Fratres setzten ihr Studium in Wien fort. In St. Georgen/Frankfurt (4), wo ebenfalls ein Hilfskrankenhaus eingerichtet war, konnten fast den ganzen Krieg hindurch noch ein paar Fratres bleiben. Als wegen der Entlassungen aus der Wehrmacht die Zahl der Theologen immer größer wurde, ergaben sich ernste Schwierigkeiten, alle unterzubringen. Die Mehrzahl studierte weiterhin in Wien. 1942 wurde auch in Breslau (5) ein Studium eingerichtet. Die Fratres besuchten die Vorlesungen an der Universität und hörten zu Hause noch Dogma bei P. Schoemann und Moral und Kirchenrecht bei P. Schinke. Aber auch an anderen Orten, wo sich eine Möglichkeit bot, wurde ein kleines theologisches Studium eingerichtet, so in Pullach, im Priester-Emeritenhause in Neiße, in St. Georgen am Längssee (Kärnten). Die Fratres wurden in der Regel, wenn sie ihr Jurisdiktionsexamen hinter sich gebracht hatten, geweiht und kamen in die Seelsorge. Diese Patres haben ihre Studien meist erst nach dem Kriege abgeschlossen. Manche erhielten auch eine leichte Seelsorgsstelle, wo sie privat ihre Studien fortsetzten. Im ganzen sind vom September 1939 bis zum Mai 1945 an verschiedenen Orten in Deutschland 42 Fratres aus unserer Provinz geweiht worden; dabei sind jene nicht mitgerechnet, die im Ausland studierten und dort geweiht wurden. Kaum einer konnte ruhig und ohne Unterbrechung seine Studien an derselben Stelle machen. Nicht wenige haben in einem sog. Studienurlaub das eine oder andere Semester untergebracht. Auch sonst wurde öfter aus äußeren Gründen ein Wechsel des Studienortes oder eine Unterbrechung nötig. Daß solcherlei Umstände für ein gediegenes Theologiestudium nicht gerade förderlich waren, wird jeder leicht begreifen.

Die Tertiate waren auch bald geschlossen worden, im März 1940 St. Andrä (6) und im Juli 1941 Münster (7). Im Winter 1940/41 machten noch einmal 7 Patres aus unserer Provinz in

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1) Rundbrief 1957/Nr.9, 6. Dezember 1957 - 2) Catal. 1946. - 3) Mttlg. XVI, 14 ff. - 4) Ebd. 154ff. - 5) Hist.dom. Wratislaw. 1942-45. - 6) Nachr.Österr.Prov., Juni 1959. - 7) Mttlg. XVI, 164 f.

 


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Wien-Lainz ein Kurztertiat von vier Monaten; denn auch dieses Haus wurde am 27. Januar 1941 beschlagnahmt (8). Damit war keine Möglichkeit mehr gegeben, in Deutschland das Tertiat in der üblichen Weise zu machen. Da traf P. Provinzial Hapig im Jahre 1943 folgende Notlösung: er ließ, wie schon berichtet, fünf Patres im Mutterhaus der Grauen Schwestern in Königsberg (9) ihr Tertiat unter P. Anton Wessendorf machen; es dauerte von Anfang November 1943 bis Juni 1944. Dieser Versuch sollte im folgenden Jahr wiederholt werden. Doch da kamen im August 1944 die schweren Luftangriffe auf Königsberg, die die Stadt größtenteils in Asche legten.

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8) Nachr.Österr.Provinz, Juni 1960. - 9) Hist.dom.Königsberg 1943/44.

 


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3. Das Schicksal der einzelnen Häuser

Berlin-Charlottenburg

Das Canisius-Kolleg in Berlin-Charlottenburg bekam den Krieg sehr bald zu spüren. Schon einige der ersten Bomben, die überhaupt auf Berlin abgeworfen wurden, fielen 1940 ganz in seiner Nähe, auf die Häuser Neue Kantstraße 5-7. Seit dem Jahre 1940 war öfter Fliegeralarm, und nicht selten mußten die Berliner mehrere Stunden der Nacht im Keller zubringen. 1941 wird von der Regierung verordnet, daß Gottesdienste nicht vor 10 Uhr gehalten werden dürften, wenn in der vorausgehenden Nacht nach Mitternacht Alarm gewesen war. Auch in diesem und dem folgenden Jahr gingen einige Bomben in der Nähe nieder, ohne daß freilich am Hause größerer Schaden entstand (1).

Die Angriffe, die von Jahr zu Jahr schwerer und gefährlicher wurden, verursachten 1943 die ersten größeren Schäden. In der Nacht vom 1. zum 2. März war der erste heftige englische Fliegerangriff. Dabei wurde das Dach des Hauses Neue Kantstraße 2 teilweise abgedeckt, ungefähr 500 Fensterscheiben zersprangen und mehrere Türfüllungen und Fensterrahmen wurden herausgerissen. In den kurzen Sommernächten war es ruhiger. In der Nacht vom 3. zum 4. September fiel eine Brandbombe auf das Dach der Kirche. Da der Brand sofort bemerkt wurde und Br. Wunderlich auf das Kirchendach stieg und die eingeklemmte Bombe herausschlugt obgleich die feindlichen Flieger noch über der Stadt kreisten, wurde die Kirche gerettet. Eine weitere Bombe fiel in jener Nacht auf das Wohnhaus. Dachstuhl und vierter Stock gerieten in Brand. Obgleich man sofort zu löschen anfing, konnten die Hausbewohner allein des Feuers nicht Herr werden. Die westliche Hälfte des vierten Stockes brannte aus, und das Feuer hätte wohl auch auf den dritten Stock übergegriffen, wenn nicht ein Löschzug der Feuerwehr geholfen hätte. Die Schäden konnten von Br. Fantin und seinen Helfern noch einmal in der Hauptsache ausgebessert werden.

Die bisher furchtbarsten Angriffe gab es in den Nächten vom 22. zum 23., vom 24. zum 25. und vom 26. zum 27. November 1943. Bei einem dieser Angriffe entstehen zwei Zimmerbrände über der Kapelle, die noch während des Angriffs gelöscht werden können. Auf dem Dach der Kapelle liegen 5 Brandbomben, die nicht sofort zündeten, auf dem ehemaligen Schulhof etwa 40. Der Holzschuppen brennt ab, ebenso die sog. Seeschule. Da bei jenen Angriffen die Zahl der Obdachlosen allein in Charlottenburg 80.000 betragen haben soll, wird die Kapelle als Notquartier für die Nacht beschlagnahmt und Stroh auf den Emporen gestapelt. Es kamen aber zum Übernachten tatsächlich nur 4 ausländische Arbeiter (Belgier) und 5 Hitlerjungen. Der Gottesdienst wurde dadurch wenig gestört, aber das Stroh bedeutete für die Kirche eine große Gefahr.

Der nächste Angriff traf St. Canisius am 16. Dezember. Zunächst waren nur einige Brandbomben auf den ehemaligen Schulhof gefallen, der mit Möbelwagen vollgestellt war. P. Rektor Wehner

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1) Hist.dom. 1940-42.

 


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und die Brüder Fantin und Muschiol suchen einen Wagen zu löschen, dessen Brand die Kapelle gefährdet. P. Rektor und Br. Muschiol gehen danach zum Kapelleneingang bei der Sakristei, um dort nach Brandbomben zu sehen; Br. Fantin bleibt noch auf dem großen Hof. Obgleich der Angriff beendet zu sein schien, und die Flieger schon zurückflogen, geht plötzlich mitten auf dem Hof eine große Luftmine, die auf 4 oder 5 Tonnen geschätzt wurde, nieder. Br. Fantin wurde vollständig zerrissen. P. Wehner wurde am Kopf leicht verletzt; sein Stahlhelm, der ein großes Loch erhielt, hatte den Schlag wesentlich gemildert. Br. Muschiol traf ein Splitter am Oberschenkel und verletzte ihn so schwer, daß das Bein abgenommen werden mußte. Der Luftdruck der Mine hatte die Wand der Kapelle auf der Schulhofseite aufgerissen, sodaß diese Kapellenseite einstürzte. Das Altarbild, ein Originalgemälde von Gebhard Fugel, wurde zerfetzt, die Orgel völlig zerstört und auch sonst großer Schaden angerichtet. Das Wohnhaus war übel mitgenommen, Wände eingedrückt, Türen und Fensterrahmen herausgeschleudert usw. Schließlich brach in der Turnhalle und in den darüberliegenden Räumen ein Brand aus, der diesen Teil des Kirchen- und Schulgebäudes zerstörte (2).

Der Pfarrgottesdienst wurde jetzt im großen Saal des Frauenbundhauses gehalten und am 10. Februar in den Pfarrsaal im Hause Neue Kantstraße 2 verlegt, der als Kapelle eingerichtet war. Auch das Wohnhaus war wieder einigermaßen bewohnbar gemacht worden. Da kam ein neuer Schlag am 15. Februar 1944 abends. Zuerst gingen in der Nähe zwei Sprengbomben nieder, die das Haus furchtbar zurichteten. Dann fiel noch ein Phosphorkanister auf das Haus und steckte es in Brand. Wegen Wassermangels war an ein Löschen nicht zu denken, deshalb versuchte man, aus dem Haus noch zu retten und herauszuschleppen, bis es wegen des immer stärker werdenden Brandes nicht mehr möglich war, in das Haus einzudringen. Der größte Teil der Bibliothek und fast alle Möbel verbrannten. Betten, Wäsche und Kleider, Kircheninventar und Küchengeschirr, sowie die meisten personlichen Sachen konnten gerettet werden.

Bei diesem und den folgenden Angriffen wurden auch die meisten Patres, die in der Stadt zerstreut lebten, ausgebombt und erlitten größeren oder geringeren Schaden. Die Zerstreuung wurde immer größer, und an ein Zusammenwohnen oder Gemeinschaftsleben war nicht mehr zu denken. So wurden jene, die in Berlin nicht nötig waren, vor allem die Brüder, in die schlesischen Häuser geschickt, wohin das Provinzialat schon im Herbst 1943 gezogen war (3).

Als sich 1945 der Krieg mehr und mehr der Reichshauptstadt näherte, schrieb P. Rektor Bernhard Riedl am 24. März an alle in Berlin lebenden Jesuiten: "Es ist der ausdrückliche Wunsch sowohl des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Berlin als auch von R. P. Provinzial Hapig, daß wir die Diözese Berlin nur dann verlassen, wenn durch die staatliche Behörde die völlige Evakuierung befohlen und durchgeführt wird. Im andern Falle ist es unsere Pflicht, an unserem seelsorglichen Arbeitsplatz, in der Stadt Berlin oder im Bistum Berlin, zu bleiben und weiterzuarbeiten, d.h. die Gläubigen religiös zu führen, zu stärken und zu trösten" (4).

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2) Hist.dom. 1943. Rundbriefe v. 23. September und 18. Dezember 1943. 3) Hist.dom. 1944. Berichte 'Fliegerangriffe', Prov.Archiv. - 4) Den vollen Wortlaut vgl. im Anhang.

 


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So blieben alle in der Stadt und erlebten aus nächster Nähe die 'Schlacht um Berlin'. Am 24. April kommt P. Max Reiter, der im Januar aus Schlesien geflüchtet war und in St. Elisabeth in Berlin-Schöneberg aushalf, bei einem Fliegerangriff um; es soll der letzte anglo-amerikanische Angriff auf Berlin gewesen sein. Am 27. April wird P. Dubis, Kaplan bei St. Christophorus in Berlin-Neukölln, von den Russen erschossen (5).

Nach dem Waffenstillstand versuchten die Jesuiten, soweit es möglich war, wieder zusammenzuziehen. Bald kamen auch die ersten Vertriebenen aus Schlesien und Ostpreußen. Der Wiederaufbau unserer Arbeiten konnte beginnen.

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5) Hist.dom. 1945. Mttlg. XVII, 92-95.

 


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St. Clemens

Die ersten schweren Luftangriffe werden 1943 und 1944 berichtet (1), ohne daß aber auf dem Kirchengrundstück ein Schaden entstand. 1943 wurde die Kirche von den städtischen Behörden geschlossen, um darin Hausrat, Möbel usw. abzustellen. P. Kuratus Klein erreichte indes, daß sie nach einigen Wochen wieder freigegeben wurde.

Der schwerste Luftangriff des Krieges, der das ganze Viertel um St. Clemens zerstörte, ereignete sich am Vormittag des 3. Februar 1945. Da bald fast alle benachbarten Häuser brannten, war höchste Gefahr, daß das Feuer auch auf Kirche und Haus übergreifen werde. Es wurde daher versucht, aus der Kirche zu retten, was nur möglich war. Unterdessen stürzte das brennende, südlich benachbarte Haus mit seinen Trümmern in den ersten Hof, und nur unter großer Lebensgefahr gelang es, durch den brennenden Hof auf die freie Straße zu gelangen. Die Pfarräume im ersten Hof mit der wertvollen, von der Gestapo versiegelten Pfarrbücherei wurden ein Raub der Flammen, und die Gefahr für die Kirche im zweiten Hof wurde immer größer. Als das Feuer im ersten Hof niedergebrannt war, wurde es wieder möglich, an die Kirche heranzukommen, die nach wie vor in großer Gefahr war. Da gelang es P. Klein, einen Löschzug der Feuerwehr zu bewegen, die Brände neben der Kirche zu löschen. Nach einer Stunde Arbeit war das Feuer soweit eingedämmt, daß Kirche und anstoßende Gebäude als gerettet angesehen werden konnten. Am folgenden Tage, einem Sonntag, konnte vormittags keine hl. Messe gefeiert werden. Erst nachmittags um 14.30 Uhr kamen eine Reihe Gemeindemitglieder zusammen und in der Nische des St. Clemens-Altares hinter der noch stehenden Weihnachtskrippe wurde eine hl. Messe gefeiert, bei der der Priester nur mit Talar und Stola bekleidet am Altare stand.

Unterdessen ging der Krieg weiter und drängte immer stärker an die Hauptstadt heran. Sonnabend, den 21. April, schlugen nachmittags während der Beichtzeit die ersten russischen Granaten in der Innenstadt ein. Schnell gingen alle Kirchenbesucher in den Keller, wo sie die Generalabsolution erhielten. Am folgenden Tage konnte keine hl. Messe mehr in der Kirche gefeiert werden, denn die Beschießung wurde immer stärker und gefährlicher und die Bevölkerung mußte in die Keller ziehen. Die Schlacht um Berlin hatte begonnen, Da die Waffen-SS auf dem Kirchengrundstück einen Verteidigungsstab einrichtete, mußten alle Zivilpersonen das Grundstück verlassen. P. Klein und P. Bernardt wurden in der Nähe von katholischen Familien aufgenommen und überstanden hier die Schlacht um Berlin.

Am 1. Mai entschloß sich die Kellergemeinschaft des Hauses Wilhelmstraße 21, wo P. Bernardt sich aufhielt, die Russen, die schon so weit vorgedrungen waren, zu bitten, nach Süden über das Hallesche Tor ausziehen zu dürfen, weil dort schon Kampfruhe war. Die 50 Menschen zogen zum Pfarramt Bonifatius, wo sie gastfreundlich aufgenommen wurden. Hier trafen auch P. Klein und P. Bernardt wieder zusammen, die sich in den letzten Tagen nicht gesehen hatten und die keiner vom andern etwas wußten. Am 2. Mai wird P. Bernardt bei dem Versuch, das Kirchengrundstück zu betreten, von den Russen festgenommen und nach Karls-

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1) Hist.dom., 1943/44.

 


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horst gebracht. Am 8. Mai konnten endlich die Kirche und das angrenzende Grundstück besichtigt werden. Etwa 10 Granaten waren an der Südseite eingeschlagen und hatten die Kirehe schwer mitgenommen. Der Altarraum war unbeschädigt, die Orgel völlig zerstört, die Sakristei barbarisch durchwühlt, viele Meßgewänder zerrissen oder zerschnitten usw. Das Gesellenhaus, in dem bis 1941 auch Residenz und Pfarramt in einem Flügel untergebracht waren, war bis auf die scheibenlosen Fenster und eingeschlagenen Türen verhältnismäßig gut erhalten.

Am 10. Mai, am Feste Christi Himmelfahrt, richtete sich P. Bernardt als erster wieder in St. Clemens ein, um durch seine Anwesenheit Kirche und Haus vor weiteren Plünderungen zu schützen. Ins Gesellenhaus holte er alle jene Katholiken, die noch in Kellern hausten oder noch obdachlos waren, und verschaffte ihnen so ein Obdach. Der große Saal des Gesellenhauses wurde einigermaßen instand gesetzt und so konnte am Pfingstfest, am 20. Mai, darin mit rund 180 Teilnehmern der erste Gottesdienst gehalten werden.

P. Klein richtete im ersten Stock wiederum das Pfarramt ein und eröffnete hier am 15. Juni die Schule, das Canisiuskolleg, das bis zur Erstellung eigener Gebäude in den Räumen von St. Clemens verblieb.

Nicht vergessen werden soll die Caritas, die 1945 in St. Clemens geübt wurde. Nach dem Waffenstillstand im Mai 1945 kam täglich, meist abends gegen 22.00 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof ein Zug mit Flüchtlingen, Vertriebenen, Heimkehrern usw. an. Da sich nach 23.00 Uhr niemand mehr auf der Straße sehen lassen durfte und auch auf dem Bahnhof zu bleiben verboten war, war die einzige Unterkunftsmöglichkeit weit und breit das ehemalige Gesellenhaus bei St. Clemens, das nicht selten 200-300 Menschen auf einmal aufnahm. P. Bernardt mit seinen Helfern sorgte und half, wo er nur konnte. Da die Wasserleitung zerstört war, herrschte nicht selten großer Wassermangel; das Wasser mußte von einer Pumpe in der Bernburger Straße, einige hundert Meter weit entfernt, herbeigeschafft werden. In aller Frühe brachen die Menschen wieder auf, zogen weiter und schafften Platz für die andern, die am Abend kommen würden. So ging es Tag für Tag bis in den Oktober hinein. Insgesamt sind etwa 90.000 Menschen damals durch St. Clemens gegangen und haben dort für einige Stunden Ruhe gefunden (2).

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2) Hist.dom. 1945. - St. Clemens Berlin 1911-1961.

 


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Biesdorf

erlebte die ersten Fliegerangriffe im Jahre 1943. Am 30. März wurde das Haus durch eine Bombe, die in der Nähe niederging, 'durchgepustet' d.h. viele Fenster und einige Wände wurden durch den Luftdruck der Explosion eingedrückt. Die Schäden konnten aber bald ausgebessert werden, weil für ein Krankenhaus das nötige Material zur Verfügung gestellt wurde. Großer Schaden entstand am 3. Januar 1944. Das Haus mußte vorübergehend von den Kranken geräumt werden. Aber auch da konnte es bald wieder instand gesetzt werden und ab dem 1. Mai wieder Kranke aufnehmen. In den letzten Kriegsmonaten blieb das Haus trotz der ständigen Fliegerangriffe im großen und ganzen verschont.

Am 20. April 1945 kam dann der Krieg in unmittelbare Nähe, so daß die Hausbewohner in den Keller ziehen mußten. Am 23. April drangen die ersten Russen in das Haus. Es folgten nun Tage und Nächte der Angst und des Schreckens, besonders für die Ordensschwestern, für die Frauen und die Mädchen. Dabei hatte das Haus noch dadurch einen gewissen Schutz, daß es ein Seuchenlazarett beherbergte, das zu betreten viele Russen sich fürchteten.

Am 11. Mai wurden unerwartet 85 alte Leute ins Haus gebracht, die von den Russen aus ihrem Heim in Wuhigarten vertrieben worden waren. Einige starben bald, andere kamen anderswohin, aber ungefähr 40 blieben zurück, und so entstand neben dem Krankenhaus noch ein Altersheim. Ferner fanden nicht wenige Flüchtlinge aus Schlesien oder Ostpreußen für kürzere oder längere Zeit dort eine Unterkunft. Da es als einziges Haus der Gesellschaft in Berlin erhalten geblieben war, wurde es vor allem für viele Patres und Brüder, die aus Schlesien vertrieben worden waren oder die aus dem Kriege heimkehrten, die erste Zufluchtstätte (1).

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1) Hist.dom. 1943-45.

 


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Breslau

Wie die Hausgeschichte (1) berichtet, begann das Jahr 1945 relativ glücklich. Am 6. Januar wurde noch in gewohnter Weise die renovatio votorum gehalten. Als aber gegen Ende Januar der Krieg immer näher an die Stadt heranrückte und die Evakuierung begann, wurden in den Tagen vom 24.-26. Januar die Scholastiker mit ihrem Studienpräfekten P. Schoemann nach Süddeutschland geschickt, wo sie ihre Studien zu beenden hofften und wo einige von ihnen auch im Frühjahr zu Priestern geweiht werden konnten. Als kurz darauf die Gestapo verlangte, daß ungefähr 100 Priester evakuiert werden müßten, durften von den Jesuiten nur zurückbleiben: in der Gabitzstraße Nr. 16 P. Kuratus Albert mit den Brüdern Kahl und Kiwus, P. Karl VanVolxem im Mutterhaus der Grauen Schwestern und P. Karl Richstätter im Klemensheim der Schwestern vom göttlichen Herzen.

P. Superior Boegner, der für den Fall der Trennung von Berlin zum Vizeprovinzial für die in Schlesien zurückbleibenden Jesuiten bestellt war, begab sich nach Albendorf. Die anderen Patres gingen meistens in die Grafschaft Glatz, in die südlichen Kreise Schlesiens oder nach Sachsen, wo sie überall bald in der Seelsorge eingesetzt wurden. Mitte Februar war der Ring um Breslau geschlossen. An Sonntagen kamen in unsere Kirche immer noch ungefähr 800 Leute. Vom 24. Februar ab wurde der Gottesdienst aus Sicherheitsgründen in den Keller unter der Kirche verlegt. Die Zahl der Kirchenbesucher ging jetzt schnell zurück. Der linke Seitenflügel des Hinterhauses (Aloisiushaus), wo die Jugendheime waren, wurde schwer beschädigt.

Am 4. März müssen auch P. Albert und die beiden Brüder die Gabitzstraße verlassen. P. Albert ging nach Carlowitz, wo ihn Frau Schmitz, die Organistin der Ignatiuskirche aufnahm. Die beiden Brüder fanden Unterkunft bei den Grauen Schwestern, wo auch P. VanVolxem weilte, Als P. Albert am 16. März erneut das Haus in der Gabitzstraße aufsuchte, mußte er feststellen, daß die Kirche durch Bomben abgedeckt worden war. Eine Fünf-Zentner-Bombe war im Gemäuer der Kirche hängen geblieben, ohne zu explodieren. Eine andere hatte den Zugang zum Keller mit Schutt und Gerümpel verdeckt, sodaß Plünderer das Vorhandensein des Kellers kaum vermuten konnten. Auf diese Weise sind Paramente, Kirchenwäsche und Kircheninventar, das dort untergebracht war, gerettet worden. P. Albert besuchte noch einige Male die Gabitzstraße, das letzte Mal Mitte April. Im Haus und in der Kirche sah es trostlos aus. Alles war durchwühlt und ausgeplündert.

Unterdessen nützte R. P. Boegner die Zeit, um die im südlichen Schlesien und in der Grafschaft Glatz zerstreuten Mitbrüder aufzusuchen. In Neiße befanden sich noch vier Theologen; für die FF. Robert Frater, Bernhard Hauptmann und Josef Menzel stellte er die Litterae dimissoriales aus und Kardinal Bertram erteilte ihnen bereits am 25. Februar 1945 in Jauernig die hl. Priesterweihe. Es war die letzte Weihehandlung des greisen Kardinals.

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1) Hist.dom. 1945/46; A. Albert, Die St. Ignatiuskuratie Breslau. Maschinenschriftlich im Prov.Archiv.

 


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Die drei Neupriester konnten noch ihre Primiz feiern, fielen aber bald den Russen in die Hände, die sie nach Grottkau und Löwen verschleppten. Von dort kehrten sie nach Beendigung der Kampfhandlungen nach Neiße zurück und leisteten da ihre erste priesterliche Arbeit.

Nach dem Waffenstillstand kamen die Brüder Kahl und Kiwus als erste zur Ignatiuskirche in der Gabitzstraße zurück. Die ganze Umgebung war zerstört und ausgebrannt. Auch Residenz und Kirche hatten schwer gelitten, aber es hatte keinen Brand gegeben. So standen Kirche, Residenz und das benachbarte Haus der Borromäerinnen mitten unter Trümmern. Sogleich machten sich die beiden Brüder mit anderen Leuten, die sich zur Verfügung stellten, an die Arbeit, um das Haus zu säubern und einigermaßen wieder instand zu setzen. Zum Ignatiusfest war die Kirche soweit hergerichtet, daß Weihbischof Ferche an diesem Tage dort eine Pontifikalmesse feiern konnte.

In der Folge zeigte sich große Not. Es fehlte an allem, besonders an Geld und Lebensmitteln. Das Trinkwasser mußte längere Zeit hindurch in einer Tonne auf der Gräbschener Straße (1 bis 1 1/2 km entfernt) geholt, Kartoffeln und Gemüse auf einem Handwagen bis zu 35 km weit herbeigeschafft werden. Auf einer solchen Fahrt wurden P. Conrad und Br. Kiwus grausam geschlagen, mißhandelt und für einige Zeit eingesperrt. Was aus dem Hause erübrigt werden konnte, wurde gegen Lebensmittel eingetauscht, wenn sich dazu eine Gelegenheit bot.

Im August kam P. Prokulski aus der Kleinpolnischen Provinz nach Breslau, im September auch P. Provinzial Lohn, um sich über die Lage in Schlesien zu orientieren. Soweit es möglich war, wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Es wurden nunmehr in der Kirche an Sonntagen zwei deutsche und ein polnischer Gottesdienst gehalten, den Kindern Unterricht gegeben und auch die Jugendarbeit erneut begonnen. Ende 1945 befanden sich in Breslau noch die PP. Boegner, Conrad und Klose in der Gabitzstraße und die PP. Richstätter, Leppich und VanVolxem an anderen Stellen.

1946 setzten die Ausweisungen in größerem Umfang ein. Die deutschen Patres und Brüder werden ausgesiedelt und ihre Stellen zumeist von polnischen Jesuiten übernommen. In der Gabitzstraße waren außer P. Superior Boegner die beiden Patres Conrad und Pietsch und die zwei Brüder Kahl und Kiwus. Am 25. November erschien ein polnischer Kommissar mit 5 Soldaten, um die letzten deutschen Jesuiten gewaltsam wegzuschaffen, Da die drei Patres nicht zu Hause waren, drohte der Kommissar mit Verhaftung und Gefängnis, wenn sie nicht sofort erschienen. Sobald P. Superior davon erfuhr, ging er zum Apostolischen Administrator Dr. Milik und erreichte durch dessen Vermittlung einen Aufschub der Evakuierung um eine Woche. Am 2. Dezember 1946 verließen dann die letzten Jesuiten das Haus in der Gabitzstraße 16, das nunmehr ganz den polnischen Patres übergeben wurde.

 


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Nach Zobten (2) waren Ende Mai 1945 fast zu gleicher Zeit die PP. Blümel und Rudolf Leder gekommen. Das Exerzitienhaus war verlassen, völlig ausgeplündert und unbeschreiblich verschmutzt. Die Fenster waren alle zerschlagen, auch das Dach hatte schweren Schaden genommen. Völlig unversehrt dagegen war die Kapelle. P. Leder ließ sich vom russischen Kommandanten das Besitzrecht auf Grundstück und Haus bestätigen und begann mit freiwilligen Helfern das Haus einigermaßen aufzuräumen. Am 16. September wurde es jedoch von der polnischen Miliz noch einmal gründlich geplündert und ausgeraubt. Kurz zuvor, am 11. September, war P. Kopec aus der Kleinpolnischen Provinz angekommen. Wäre er nicht anwesend gewesen, dann wäre wohl das Haus weggenommen worden.

Trotz der Unsicherheit der Lage und der furchtbaren Bedrückung, die auf der deutschen Bevölkerung lastete, konnten die seelsorglichen Arbeiten wieder aufgenommen werden. P. Blümel hielt noch eine Reihe Missionen und konnte selbst im Jahre 1946 noch 17 Exerzitienkurse mit durchschnittlich 20-30 Teilnehmern halten. Zu den polnischen Behörden gelang es, ein zufriedenstellendes Verhältnis zu finden. Die Zusammenarbeit mit den polnischen Mitbrüdern war gut.

Da wurde am 18. Juli 1946 P. Leder ausgewiesen. P. Blümel entging diesem Schicksal, da er vorher abgereist war. Er blieb in Schlesien, um die zurückgebliebenen deutschen Katholiken, vor allem im Waldenburger Bezirk, zu betreuen. Dort ist er am 1. Januar 1951 gestorben (3). Das Exerzitienhaus übernahmen die polnischen Jesuiten, denen es allerdings am 30. Juli 1952 von den polnischen Behörden weggenommen wurde.

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2) Bericht von P. Rudolf Leder. Maschinenschriftlich im Prov. Archiv. - 3) Kowalsky, Im Dienste der Liebe. Vom Leben, Wirken und Sterben des P. Joh. Blümel S.J. in Schlesien, Oberursel 1952; Mttlg. XVII, 215ff.

 


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Mittelsteine

Haus und Gut Mittelsteine wurden 1945 dem Orden zurückgegeben; aber ohne allen Bestand an Einrichtung, Vieh und landwirtschaftlichen Maschinen.

Als erster war im April Br. Josef Weinert ins Josefshaus zurückgekommen; ihm folgte im Juni P. Bernhard Hauptmann, der aber schon im Oktober nach Süddeutschland abreistet um seine Studien abzuschließen. Am 20. September 1945 wurde P. Erich Bollonia, der bisher in Neurode sich aufgehalten hatte, als Vizesuperior eingesetzt. Um die gleiche Zeit hatte sich auch Br. Bernhard Hesse eingefunden, der während des Krieges auf dem väterlichen Hof dienstverpflichtet war.

Im Sommer 1945 kamen die ersten polnischen Jesuiten nach Mittelsteine. Ihnen wurde, als am 24. März 1946 die deutschen Patres und Brüder ausgesiedelt wurden, Haus und Gut Mittelsteine treuhänderisch übergeben. Nur Br. Josef Weinert mußte zunächst noch bleiben und kam erst im Frühjahr 1947 nach Berlin.

Am 19. März 1951 wurde Mittelsteine auch den polnischen Jesuiten weggenommen und ging so erneut dem Orden verloren (1).

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1) Hist.dom. 1945; vgl. auch Provinzkataloge.

 


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Oppeln

Außer gelegentlichen Fliegeralarmen erlebte Oppeln (1) den Krieg erst im Januar 1945, der dann aber schnell und plötzlich über die Stadt hereinbrach. Als die Kriegsgefahr Mitte Januar immer größer wurde, bereitete P. Spors die Kinder noch auf die erste hl. Kommunion vor. Eine öffentliche Feier mußte unterbleiben, weil sie als "Beunruhigung der Bevölkerung" angesehen worden wäre. Bis zum letzten Augenblick hatte der Kreisleiter der NSDAP mehrfach versichert, es bestehe für die Stadt absolut keine Gefahr, als plötzlich Sonnabend, den 21. Januar, die Evakuierung befohlen wurde. Trotz Kälte, Eis und Schnee setzte eine überstürzte und völlig planlose Flucht ein, auf der nicht wenige, vor allem viele Kinder, vor Kälte umkamen. Von den 53.000 Einwohnern blieben nur 2.500 in der Stadt zurück.

P. Superior Spors überließ es jedem einzelnen, die Stadt zu verlassen oder zu bleiben. Nur die beiden Scholastiker, die in Oppeln waren, wurden nach Süddeutschland geschickt. Zurückblieben 8 Patres, 5 Brüder und die 3 als Kapläne tätigen Patres. Am 23. Januar drangen die Russen in Oppeln ein. Etwa 100 Leute, vor allem die Franziskanerinnen und die Armen Schulschwestern, suchten in unserem Hause Schutz. Nur weil es möglich war, aus den verlassenen Lazaretten Lebensmittel herbeizuschaffen, konnte die große Menge Menschen ernährt werden. Unter dem Vorwand nach deutschen Soldaten zu fahnden, kamen täglich, oft mehrmals, russische Soldaten ins Haus, um zu plündern und vor allem, um nach Frauen zu suchen. Nicht immer war es den Patres möglich, das Schlimmste abzuwenden, obgleich der russische Kommandant, mit dem eine Verständigung in polnischer Sprache möglich war, sich mehrfach sehr wirksam für die Jesuiten und ihre Schützlinge einsetzte.

Am 13. Februar kam ein russischer Befehl heraus, nach dem sich alle Männer bis zum 60. Lebensjahr für Aufbauarbeiten zur Verfügung zu stellen hätten; tatsächlich aber war es der Anfang einer allgemeinen Deportation der zurückgebliebenen Zivilbevölkerung. Die Unsrigen wurden als Priester und Ordensleute wieder freigelassen, wie es ja auch in den meisten anderen Orten Oberschlesiens der Fall war. Viele von den Männern, die damals verschleppt wurden, sind nie mehr zurückgekehrt. Die Jesuiten erhielten dafür den Auftrag, die Leichen der Verstorbenen, Erschossenen, Gefallenen, die in den Häusern und auf den Straßen herumlagen, zusammenzutragen und zu beerdigen. Da man zum Friedhof nicht kommen konnte - dazwischen lag noch die Kampflinie, - wurden diese Toten in Gärten, vor allem in einem großen Massengrab neben dem Bergelkirchlein bestattet.

Am 27. Februar verfügte der russische Kommandant, daß alle Bewohner der Stadt unter Todesstrafe bis zum 28. Februar 16 Uhr die Stadt zu verlassen hätten. In einem Geleitzug, geführt von P. Spors, zogen die Jesuiten, die Ordensschwestern und andere Leute, die sich angeschlossen hatten, nach dem 10 km entfernten Kranst, wo Pfarrer Lebok die Flüchtlinge aufnahm. Dort blieben die Oppelner Jesuiten etwa einen Monat. Obgleich es auch da Plünderungen gab, war es doch ruhiger als in Oppeln.

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1) Hist.dom. 1945; Archiv für schles.Kirchengeschichte, XVI (1958), 310 f; Aufzeichnungen P. Schinke (Prov.Archiv).

 


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Als der Kampf um Oppeln zu Ende war, suchten am 28. März einige Patres und Brüder zum ersten Mal wieder das Haus Sedanstraße 11 auf. Es war nicht niedergebrannt, aber völlig ausgeplündert und verwüstet. Da die Plünderer einige Flaschen Meßwein nicht gefunden hatten, konnte am Gründonnerstag zum ersten Mal wieder die hl. Messe gefeiert und von Ostern ab in der Kirche wieder regelmäßig Gottesdienst gehalten werden. Weil die deutsche Sprache aber von der jetzt eingesetzten polnischen Verwaltung verboten worden war, wurde bei den öffentlichen Gottesdiensten polnisch und sehr oft lateinisch gebetet und gesungen.

Die Stadt wurde bald durch polnische Ankömmlinge bevölkert, sodaß zurückkehrende Oppelner Bürger ihre Wohnungen, wenn sie nicht zerstört waren, vielfach besetzt vorfanden. Da unter den Heimkehrenden große Not und Armut herrschte, sammelten die Unsrigen in den benachbarten Dörfern bei den Bauern Lebensmittel und gaben täglich an zahlreiche Menschen ein einfaches Essen aus. Dies weckte freilich bald das Mißtrauen der Polen, die den Jesuiten vorwarfen, daß sie die deutsche Bevölkerung unterstützten, (was ja tatsächlich der Fall war).

Die Stellung der deutschen Patres und Brüder gegenüber den polnischen Behörden wurde immer schwieriger und schließlich untragbar. Im Juni waren bereits die PP. Kroll und Maniera in einer abenteuerlichen Fahrt ein erstes Mal nach Berlin gefahren, um R. P. Hapig über die Lage in Oppeln Bericht zu erstatten. P. Provinzial überließ es den Oppelner Mitbrüdern, selbst zu entscheiden, ob sie bleiben oder ob sie nach Berlin kommen wollten. Als dann durch die Potsdamer Beschlüsse Schlesien unter polnische Verwaltung kam und mit ostpolnischer Bevölkerung besiedelt wurde, entschlossen sich auch die Oppelner Jesuiten zur Ausreise nach Deutschland. P. Superior Spors hatte bereits vorher Verbindung mit dem Kleinpolnischen Provinzial P. Lohn in Krakau aufgenommen, So kamen schon im Juli einige polnische Patres nach Oppeln, um sich zu informieren. Und als dann am 7. August zwei polnische Patres eintrafen, um die Residenz zu übernehmen, verließen die Oppelner Jesuiten, die nicht für Polen optieren konnten und wollten, im Laufe des Monats August in vier Gruppen (2) ihr Haus und ihre Kirche und übergaben sie den polnischen Mitbrüdern. Alle begaben sich zunächst nach Berlin, wohin sie P. Provinzial Hapig im Falle einer Ausweisung eingeladen hatte.

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2) 1. Gruppe am 8. August: die Patres Kroll und Maniera mit ihren Müttern und Geschwistern sowie P. Schmutte.
2. Gruppe am 8. August: PP. Rothe, Aust und Beckmann sowie die Brüder Larisch und Tautz.
3. Gruppe am 24. August: erneut die PP. Kroll und Maniera, die zurückgekommen waren, um einige Sachen zu holen, und die PP. Andricki und Banaschik.
4. Gruppe am 27. August: PP. Spors, Drost und Schinke, die BBr. Bieniek, Gabriel und Kunisch.
Nur die 3. Gruppe gelangte, ohne ausgeplündert zu werden, gut nach Berlin; die anderen wurden wenigstens teilweise ihres Gepäckes beraubt.

 


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Beuthen

Da hier die Pfarrarbeit im Vordergrund stand, hatten die Beuthener Jesuiten in der Nazizeit auch keine nennenswerten Schwierigkeiten. Und der Krieg brach erst im Januar 1945 über die Stadt herein (1).

Als sich im Januar 1945 die Russen Schlesien näherten, blieben alle Patres auf ihren Posten. Nur die beiden Scholastiker wurden nach Süddeutschland geschickt. Ende Januar wurde die Stadt fast kampflos von den Russen eingenommen. Wie anderswo haben die Patres und Brüder auch hier viel erlebt und durchmachen müssen. P. Lerch wurde von einem plündernden Russen erschossen. Am Karfreitag erlebte die Residenz eine gründliche Durchsuchung und völlige Ausplünderung.

Auch hier zwangen die veränderten politischen Verhältnisse die deutschen Patres und Brüder zur Abreise. Da ein seelsorgliches Arbeiten nur noch in polnischer Sprache erlaubt war, verließen schon Mitte Juli der bisherige Superior P. Lünenborg und P. Franz Radau sowie die Brüder Lamers und Moschall, die alle kein Polnisch verstanden, die Stadt Beuthen und reisten über Posen nach Berlin. Die anderen folgten im Laufe desselben oder des folgenden Jahres. Nur P. Max Müller, der Kuratus der Herz-Jesu-Gemeinde, und Br. Konrad Nowak, die beide die polnische Sprache beherrschten, blieben zurück. Sie erhielten am 15. Dezember 1945 eine vorläufige Einbürgerung. Erst nach mehr als 10 Jahren, Ende 1956, kamen auch sie in die Bundesrepublik. Mit ihnen verließen die letzten deutschen Jesuiten Schlesien.

Ende 1945 kam nach Beuthen P. Leopold Willimsky, der zuletzt Pfarrer und Superior in Teschen gewesen war, das er jetzt hatte verlassen müssen. Er blieb in Beuthen und starb dort am 1. März 1948. Ebenfalls in Beuthen starb schon am 22. November 1945 P. Hubert Skowronnek aus der Österreichischen Provinz. Er war Lehrer in Mariaschein gewesen und hatte nach Auflösung dieses Hauses Zuflucht bei seinem Bruder, einem Beuthener Rechtsanwalt, gefunden.

Auch in Beuthen wurden Haus und Kirche den polnischen Mitbrüdern übergeben. Die offizielle Übernahme erfolgte am 25. November 1945, als ein polnischer Superior und Kuratus eingesetzt wurden.

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1) Archiv für schles. Kirchengeschichte XVI (1958), 313f. - Hist.dom. 1945.

 


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Dresden

Daß die Stadt Dresden im Februar 1945 besonders schwere Luftangriffe erlebte, ist bekannt. Bei einem dieser Angriffe wurde auch die Residenz zerstört. Darüber heißt es in einem Bericht: "Da kam der Aschermittwoch 1945. Am Vorabend, am 13. Februar, hielt P. Karp im Josefinenstift die Schlußpredigt des vierzigstündigen Gebetes. Propst Beier faßte die Gedanken der Predigt in einem ergreifenden Gebet zusammen, in welchem er sich selbst und alle Gläubigen Gott zum Opfer anbot. Und Gott nahm dieses Opfer an. In der darauffolgenden Nacht wurde Dresden in einem zweimaligen furchtbaren Luftangriff vollkommen zerstört; nur einige Außenbezirke blieben erhalten. Bei dem ersten Angriff von 1/2 10 - 10 Uhr blieben wir noch gnädig verschont. Nur Fenster und Türen wurden aufgesprengt, eine Wand umgestürzt, das Haus 'durchgepustet'. Drei Stunden lang halfen wir in der Nachbarschaft löschen und räumten bei uns selbst etwas auf. Da kam der zweite Angriff um 1.30 Uhr. Diesem zweiten, halbstündigen Regen von Spreng- und Brandbomben entging auch unser Haus nicht mehr. Ausgepumpt und abgestumpft, ohne Wasser, Werkzeug, Spritzen, konnten wir nur wenig persönliche Habe durch den Funken- und Feuersturm hindurchretten. Von dem gegenüberliegenden Großen Garten aus, der von Bomben umgepflügt und mit toten Menschen angefüllt war, sahen wir unsere schöne Residenz in Asche sinken. Die gesamte Kapellen- und Wohnungseinrichtung ging verloren".

Die PP. Karp und Rommerskirch begaben sich nach dieser Katastrophe nach Bayern und P. Keuchen nach Heiligenstadt. In Dresden blieben nur P. Superior Borucki und der Pfarrer P. Christmann zurück. Sie konnten beisammen bleiben und wohnten und schliefen acht Wochen lang mit dem geretteten Sanctissimum in einem Zimmer. Außerdem waren noch P. Nauke als Pfarrvikar in Hosterwitz und P. Saft als Kaplan in Freital. Diese vier waren die einzigen Jesuiten in Dresden, als die Russen einzogen.

Das Haus Hoheneichen, das damals Führernachwuchslager der Hitlerjugend war, wurde bei einem Bombenangriff schwer beschädigt. Das Portal wurde getroffen und das ganze Haus stark mitgenommen. Doch blieb es bewohnbar und wurde noch von der HJ an Türen und Fenstern einigermaßen repariert (2).

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1) Bericht Dresden - Krieg und Gestapo, Ms. im Prov.Archiv; Hist.dom. 1945. - 2) Chronik Hoheneichen 1941-1946, im Prov.Archiv.

 


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Heiligelinde

Der Ort wurde am Sonntag, dem 28. Januar, nachmittags von den Russen besetzt. Sofort begannen wüste Plündereien. Alles wurde durchwühlt, Uhren, Füllhalter usw. wurden weggenommen, anderes auf den Boden geworfen und zertrampelt. Immer wieder kamen neue Gruppen von Russen, um zu plündern. Mehrfach wurden die Patres und Brüder schwer bedroht. Von einem betrunkenen Soldaten erhielt P. Schulz einen schweren Schlag vor die Brust und einen Faustschlag ins Gesicht und P. Schulte einen Kolbenschlag über den Kopf, sodaß er stark blutete. Um sich gegenseitig besser helfen und schützen zu können, zogen die Patres und Brüder in ein gemeinsames Zimmer, in dem sie die nächste Zeit wohnten und schliefen. In dieser Situation legte P. Heribert Schulz am 2. Februar seine letzten Gelübde in die Hände von P. Superior Fenger ab. P. Schulz kniete vor einem gewöhnlichen Tisch, auf dem ein Kreuz und zwei Kerzen standen. Die Feier der hl. Messen war wegen der ständigen Belästigungen und wegen Mangels an Meßwein unmöglich. Erst als kurz darauf Ordensschwestern aus Rössel eintrafen, die das dortige Krankenhaus hatten räumen müssen, und etwas Meßwein mitbrachten, konnte P. Schulte eine hl. Messe lesen.

Mitte Februar mußte Heiligelinde geräumt werden; die Unsrigen begaben sich nach Ottoswalde, wo sie bei einer katholischen Familie Aufnahme fanden. Am 20. Februar mußten sich P. Schulz und Br. Harwardt angeblich zum Arbeitseinsatz stellen, wurden aber in Wirklichkeit nach Rußland verschleppt. P. Schulz starb schon unterwegs am 2. März in der Nähe von Smolensk (1), Br. Harwardt kam mit anderen Gefangenen in die Gegend von Swerdlowsk (Nordural), von wo er im Dezember nach Berlin zurückkehren konnte. Ende Februar wurde auch P. Superior Fenger abgeholt und nach Rußland verschleppt. Er wurde 1947 schwerkrank in seine elsäßische Heimat entlassen. Anfang März wurden schließlich auch P. Schulte und Br. Behr abgeholt und ins benachbarte Rastenburg gebracht. So blieb in Ottoswalde nur Br. Hoffe zurück, der sich kurz zuvor ein Bein gebrochen hatte. P. Schulte wurde bald wieder entlassen. Mit Br. Hoffe kehrte er im Juni nach Heiligelinde zurück. Kirche und Haus standen noch, waren aber vollkommen ausgeplündert und verwüstet. Am 24. Juni konnte zum ersten Male wieder die hl. Messe gefeiert werden. Am 9. Dezember kehrte auch Br. Behr nach Heiligelinde zurück (2).

Unterdessen waren Patres aus der Großpolnischen Provinz gekommen, die Kirche und Haus übernahmen. P. Schulte und die beiden Brüder Behr und Hoffe blieben zunächst noch in Heiligelinde und verließen es erst am 28. Juni 1947, um nach Deutschland zu reisen (3).

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1) Mttlg. XVI,59 ff. - 2) vgl. Notiz über Heiligelinde in Rundbrief 1958/Nr. 6, 2. Okt. 1958. - 3) Hist.dom. 1945.

 


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Königsberg

Die Stadt erlebte Ende August 1944 die ersten schweren Luftangriffe. Bei einem solchen Angriff wurde am Abend des 30. August auch das Haus in der Theaterstraße 8 völlig zerstört. Es waren zwar nur zwei Brandstäbe auf das Haus gefallen und hatten das Dach durchschlagen. Der entstehende kleine Brand konnte von den Patres Mianecki und Riedl, die allein zu Hause waren, gelöscht werden, "aber der schnell aufkommende Sturm trug aus dem Nebenhaus, der großen Buchhandlung von Graefe und Unzer, brennende Bücherpakete durch alle zersprungenen Fenster herein. Mit Mühe und Not gelang es uns noch, durch den Sturm den freien Paradeplatz zu erreichen, auf dem wir dann zwei Stunden lang, rings von Feuersäulen umgeben, die Innenstadt niederbrennen sahen, bis es der Feuerwehr gelang, eine Straße ins Freie hinaus passierbar zu machen. Unser Haus brannte wie alle andern bis auf den Keller nieder" (1).

Die Patres fanden zunächst auswärts gastliche Aufnahme, bis eine Familie, die evakuiert war, ihre Wohnung zur Verfügung stellte. Dort konnte dann P. Superior Koch mit zwei anderen Mitbrüdern wohnen.

Als dann Mitte Januar 1945 die Russen in Ostpreußen einbrachen, waren fast alle Patres zu seelsorglichen Arbeiten unterwegs. In Königsberg, das schnell von den Russen eingeschlossen wurde, weilten nur noch die PP. Klose und Wessendorf. Aber auch diese verließen im März die Stadt, als der Zugang nach Pillau noch einmal freigekämpft worden war, und gingen nach Danzig. Dorthin waren vorher aus Braunsberg schon die PP. Diebels und Mianecki gekommen; außerdem war P. Kohlen in Danzig zurückgeblieben. Die andern Königsberger waren noch rechtzeiti über die Oder nach Mittel- und Westdeutschland gelangt (2).

In Danzig erlebten die fünf Jesuiten das Ende des Krieges. P. Mianecki wurde am 25. März verhaftet und fünf Monate in einem Gefangenenlager festgehalten, bis er am 20. August, dem Tode durch Hunger und Typhus knapp entronnen, freigelassen wurde (3). P. Wessendorf (4) starb am 19. Juli in Danzig. Die PP. Diebels und Kohlen fuhren mit einem Flüchtlingszug nach Berlin und P. Klose nach Breslau.
Damit hatte die Residenz Königsberg zu bestehen aufgehört.

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1) Mttlg. XVI, 146. - 2) Hist.dom. 1945. - 3) Mttlg. XVI, 147, - 4) Mttlg. XVI, 64ff.

 


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Troppau

erlebte den Krieg aus der Nähe erst im Jahre 1945. Bei einem Bombenangriff im Februar 1945 wurde das uns benachbarte Landeshaus, der Sitz der Regierung,, ein ehemaliges Jesuitenkolleg, von Bomben getroffen. Dabei erlitt auch das Dach der Residenz beträchtlichen Schaden.

Am 29. März, Gründonnerstag, nachmittags begann die Beschießung der Stadt. P. Superior Heidrich und P. Länger verließen noch am späten Abend mit einem kleinen Handwagen, auf dem sie ihre Habseligkeiten mit sich führten, die Stadt. P. Bittner und die beiden Brüder Matys und Steinhauf wollten zurückbleiben. In der Nacht zum Karfreitag wurde dann unsere Kirche, eine schöne alte Barockkirche, von Brand- und Sprengbomben schwer getroffen. Das Gewölbe stürzte ein, die Kirche brannte aus, auch das Gnadenbild wurde ein Raub der Flammen. Nach dieser Zerstörung verließen auch P. Bittner und die beiden Brüder die Stadt und suchten Zuflucht in der Umgegend.

Nach Kriegsschluß kamen zuerst P. Bittner und die beiden Brüder, Ende Mai auch die PP. Heidrich und Länger zurück und begannen, das Haus von den Kriegsschäden zu säubern und wieder einigermaßen herzurichten. Da die Kirche zerstört war, wurde die hl. Messe im Hause in der Kongregationskapelle gefeiert. P. Bittner machte sich auch bald an den Aufbau der Kirche.

Da die noch in Troppau weilenden Deutschen nach und nach gefangengesetzt oder ausgewiesen wurden, und nur mehr die tschechische Sprache beim Gottesdienst gestattet war, begaben sich die PP. Heidrich und Länger nach Österreich. P. Bittner und die beiden Brüder blieben zurück. Im August 1946 kehrte dann auch Br. Steinhauf nach Deutschland zurück.

Die Residenz selbst war bereits 1945 wieder zur Böhmischen Provinz überschrieben worden und scheidet damit für uns hier wieder aus (1).

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1) Hist.dom. 1945.

 


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4. Zusammenfassung

Die vorausgehenden Abschnitte zeigten deutlich, welches Ausmaß an Verlusten und Zerstörung die Nazizeit und der Krieg der Ostdeutschen Provinz gebracht haben. Die schlesischen und ostpreußischen Residenzen gingen der Provinz verloren, die Berliner und die sächsischen wurden bis auf Biesdorf weggenommen oder zerbombt. Wohin der Krieg und der Zusammenbruch 1945 die einzelnen geführt hat, darzustellen, würde zu weit führen, aber die Hauptsachen sollen noch einmal kurz zusammengefaßt werden (1):

 

a. Verluste an Sachwerten:

Beschlagnahmt und formell enteignet wurden die drei Häuser St. Clemens, Hoheneichen und Mittelsteine;
Beschlagnahmt, aber nicht formell enteignet war das Exerzitienhaus in Zobten;
Total zerstört wurden die drei Häuser Canisius-Kolleg/Charlottenburg, Dresden und Königsberg;
Schwer beschädigt die vier Häuser St. Clemens, Residenz-Breslau, Hoheneichen und Troppau;
Leichter beschädigt wurden Biesdorf, Internat-Breslau, Zobten.
Dem Orden völlig verloren ging Königsberg.
Der Provinz gingen verloren, wurden aber den polnischen Provinzen übergeben: Beuthen, Breslau, Heiligelinde, Mittelsteine, Oppeln und Zobten.

b. Personelle Verluste:

Die Ostdeutsche Provinz zählte
zu Beginn des Krieges:

140 PP.

114 Sch.

62 Br.

= 316

Es traten noch ein oder wurden
zur Prov. überschrieben:

1

4

1

= 6

Personalstand:

141 PP.

118 Sch.

63 Br.

= 322

Bis zum Sommer 1945 starben:

-16

-9

-8

= -33

Bis zum Sommer 1945 wurden
entlassen:

- 4

-16

-17

= -37

Bis zum Sommer 1945 wurden zu
Priestern geweiht:

+64

-64

-.-

= -.-

Im Sommer 1945 zählte die
Ostdeutsche Provinz:

185 PP.

29 Sch.

38 Br.

= 252

Die personellen Verluste während des Krieges betrugen bei Patres und Scholastikern 45, bei den Brüdern 25, zusammen 70 Mitglieder der Provinz.

Wie groß die Verluste waren und wieweit die Zerstörung ging, zeigt recht anschaulich der Katalog von 1946, den damals jemand als ein "erschreckendes Dokument der Zeit" bezeichnete.

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1) Rundbrief 1958/Nr.1, 6. Januar 1958; vgl. dazu im Anhang.

 


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Anhang

22 Jahre Ostdeutsche Provinz S.J.
Erinnerungen von P. Bernhard Bley S.J.

Es war an einem schönen Oktobernachmittag 1923 während der 27. Generalkongregation, als unser P. Assistent van Oppenraaij mich zu einem Spaziergang in die Villa Borghese einlud; wir besprachen auch ostdeutsche Arbeiten und Möglichkeiten. Als vordringlich bezeichnete ich die Errichtung eines ostdeutschen Noviziates für spätere Verselbständigung.

"Und wie denken Sie über Litauen? Sie haben die Bischöfe dort besucht." - "Diese wünschen uns, versprechen alle Hilfe und erwarten bald Verselbständigung," - "Hm, hm. Und was gibt's sonst noch?" - "Dazu kommt die uns übertragene Sorge für die Universität Tokio und die Mission von Hiroshima." Pater Assistent blieb stehen und fragte: "Ist das nun genug?" Ich antwortete: "Vorläufig ja." Er strahlte und sagte lachend: "Das nennt man Jugend!" - - Ja, das war vor gut 32 Jahren.

Sehr vieles sollte durch Gottes gütige Fügung verwirklicht werden. Am 8. Dezember 1927 wurde die Ostdeutsche Vizeprovinz errichtet und am 2. Februar 1931 zur selbständigen Provinz erklärt. Am 25. März 1936 wurde auch Litauen praktisch selbständige Provinz, nachdem es zwar schon am 25. März 1930 zu einer solchen erklärt, aber technisch noch weiter im Verband der Niederdeutschen bzw. Ostdeutschen Provinz geblieben war.

Freilich besaß die Niederdeutsche Provinz 1923 östlich der Elbe erst ein einziges Haus, nämlich das "Erholungsheim - Biesdorf" bei Berlin als Exerzitienhaus. Zu der St. Clemens Kuratie in Berlin, deren Übergäbe wir weitgehend dem Wohlwollen des Kuratus Clemens August von Galen und des Propstes Leitmer verdanken, übernahm ich gleich nach dem Amtsantritt am 8. September 1921 in Köln die Sorge für die einzurichtende Canisius-Kuratie in Berlin-Charlottenburg, um die Möglichkeit einer dortigen späteren Kollegsgründung zu gewinnen. Da nun Kräfte und Mittel für den deutschen Osten bereitgestellt werden mußten, wurden sie natürlich anderswo vermißt, so für den Aufbau in Godesberg und unseren Einsatz in Hamburg. Ähnliche Schwierigkeiten ergaben sich bei der gleichzeitigen Gründung von St. Georgen Frankfurt und des ostdeutschen Noviziates Mittelsteine. Es ging damals darum, aus der unserer Gesellschaft Jesu zum ersten Hal auf deutschem Boden geschenkten Freiheit sogleich soviel wie möglich für unser ordenseigenes Wirken und Wachsen zu gewinnen. Wenig später wäre manches schon zu spät gewesen. Leider waren wir auch durch die Inflation von 1919 bis 1923 wirtschaftlich arg eingeschränkt; dazu fehlten noch manche ausgebildete Kräfte. Aber sichtlich und fühlbar wurde mit Gottes Hilfe eine Schwierigkeit nach der andern überwunden. Es war ein frohes Schaffen "in exitu Israel ex Aegypto", bei der Rückkehr der Provinz aus der Verbannung. Alle arbeiteten mit ganzer Hingabe und alle freuten sich über jeden Fortschritt diesseits und jenseits der Elbe.

 


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Hier sahen die hochwürdigsten Herren Bischöfe uns erwartungsvoll kommen und empfingen uns mit großem Wohlwollen. Der Bischof von Meißen Christian Schreiber freute sich schon über die Hilfe unserer süddeutschen Patres in Hoheneichen, das die edle Prinzessin Johann Georg aus dem Verkaufserlös von Privatschmuck erworben hatte und zur Verfügung stellte. Er wünschte weitere Niederlassungen in Dresden selbst, in Leipzig und Chemnitz und schenkte alle Freiheit; mehr Hilfe konnte er leider nicht bieten. Mit P. Georg bedauerten wir später, daß die bestimmte Zusage einer Stiftung für Kirche und Haus aus seinem früheren Erbe in Dresden-Strehlen nicht in Erfüllung ging. So wurde die Petrus-Kuratie 1930 wohl gegründet, blieb aber ein Sorgenkind. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde mit der tatkräftigen Hilfe des damaligen Propstes Spülbeck auch die Niederlassung für Redner in Leipzig eingerichtet. Ganz im Osten hatte P. Gierens schon 1920 die Studentenseelsorge in Königsberg übernommen, erwarb dafür am 7. September 1923 das frühere Restaurant Theaterstraße 8 und baute darin Kapelle, Lese- und Vortragssaal für die Studenten ein, was für sie in der strengen Diaspora besonders segensvoll war. Für das Ermland wurden Seelsorgshilfen gewünscht. Das Angebot eines Hauses in Bischofsburg führte zum vorübergehenden Besetzen dieses Stützpunktes; 1932 ließ uns das Wohlwollen des zuständigen Dompropstes Sander und des hochwürdigsten Herrn Bischof Kaller wieder das schöne Heiligelinde, einen Besitz der alten Gesellschaft, übernehmen. Schon vorher hatte der hochwürdigste Herr Kaller, sobald er Prälat von Schneidemühl wurde, sogleich dorthin einige Patres für Stadt und Prälatur gewünscht und auch zwei erhalten.

Weithin dehnte sich die Diözese Breslau aus, seit vielen Jahren das Hauptgebiet für die Arbeit unserer schlesischen Patres der galizischen Provinz. Kardinal Bertram schloß unsere grundlegende Besprechung mit dem Wunsche: "Jedesmal wenn Sie nach Breslau kommen, muß Ihr erster und letzter Gang zu mir sein; ich stehe jederzeit zur Verfügung". Das war Bereitschaft, auch zum Mitwissen und Mitlenken. Sein Vorgänger Kardinal Kopp hatte unseren galizischen Patres eine Kirche im Stadtinnern in Aussicht gestellt. Nach Ansicht Kardinal Bertrams war aber dort keine zusätzliche Seelsorgshilfe mehr nötig und deshalb eine Niederlassung nicht erwünscht. Seine einzige positive Anregung bezweckte die Gründung einer Kuratie weit draußen bei Grüneiche. So richteten wir uns einstweilen bescheiden in der Gabitzstraße ein, wo P. Paul Klein als Rektor bei den Borromäerinnen wohnte und für die Caroluskapelle sorgte. Bei einem weiteren Besuche sagte mir dann Kardinal Bertram:

"Ich bin den Weg von Gabitzstraße 16 zu den umliegenden Pfarrkirchen gegangen und habe mit der Uhr festgestellt, daß die Caroluskapelle weit genug von diesen entfernt ist; Sie können sich dort niederlassen". So kam es zum Ankauf. Später bot uns der Kardinal das zur Last gewordene "Spittel" zur Pacht an und gab ihm den Namen "Internat Kurfürst-Franz-Ludwig". Wir gingen darauf ein. Dabei leitete uns auch der Wunsch, praktisch zu erkunden, inwieweit in Schlesien noch ein Bedürfnis für ein weiteres großes Internat vorliege und die Möglichkeit einer späteren Kollegsgründung bestehe. Das Ergebnis war entmutigend. Den Erwerb und weiteren Ausbau des Exerzitienhauses Zobten, wohin er sowohl für eigene Exerzitien wie auch zur ruhigen Arbeit gerne fuhr, begrüßte der Kardinal sehr, weniger die Gründung unseres Noviziates. Grundsätzlich stimmte er zu, aber praktisch mißfiel die eine oder die andere Möglichkeit.

 


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So wurde es denn 1925/26 in Mittelsteine in der Grafschaft Glatz eingerichtet, die zum Erzbistum Prag gehörte. Für die Errichtung von Residenzen in Oberschlesien gab der Kardinal alle Freiheit; er begrüßte sehr die Wahl von Oppeln 1924 und die Übernahme einer Kuratie in Beuthen 1928, wie er eine solche auch schon bald für die Gabitzstraße in Breslau wünschte.

Zur Gründung des Gymnasiums in Berlin hat Eminenz niemals ermutigt und unsere Bitte, das Genehmigungsgesuch im preußischen Kultusministerium zu befürworten, mit einem dilatorischen "Ja, bei günstiger Gelegenheit" erledigt.

Als die Niederlassungen entstanden und ihre Arbeiten sich überall in brüderlichem Zusammen nach Wunsch glücklich entwickelten, zeichneten sich mehr und mehr die Umrisse einer Vizeprovinz ab, welche gemäß der bisherigen Tradition Kardinal Bertram und seine Umgebung sowie unsere östlichen Patres als werdende "Schlesische Provinz" mit Amtssitz Breslau ansahen. Sie waren nicht angenehm überrascht, als ich dafür Berlin und "Ostdeutsche Provinz" vorschlug, was Pater General Ledóchowski verständnisvoll guthieß.

Die freie und glückliche Entfaltung aller Kräfte, von der reicher Segen ausströmte, und der gute Ordensnachwuchs sollten leider nur wenige Jahre dauern. Erst schränkte das Hitlerregime beides ein; es vernichtete das blühende "Gymnasium am Lietzensee" und vertrieb das Noviziat aus Mittelsteine, und dann brach das große Verhängnis des zweiten Weltkrieges herein mit seiner Katastrophe für den deutschen Osten, unter der wir alle noch leiden.

Zurückschauend dürfen wir wohl feststellen: In dem Werden und Wachsen der Ostdeutschen Provinz hat viel Liebe gewaltet; die Niederdeutsche Provinz ist ihr gegenüber sehr hochherzig gewesen, so sehr, daß die von Galizien herübergekommenen Patres immer wieder freudig staunten. Auch haben diese und die deutschen Mitbrüder von Anfang an brüderlich zueinander gefunden. Nach gemeinsamer, einträchtiger Arbeit haben alle in und nach den Tagen des Zusammenbruchs die gewalttätige Ausweisung mit all ihren Härten erduldet und einander soweit möglich erleichtert. Gemeinsam haben alle Patres und Brüder der Provinz ohne Atempause den Neuaufbau begonnen und mit Gottes sichtlicher Hilfe überraschend schnell gefördert.

So ist unsere Ostdeutsche Provinz wie keine andere deutsche Provinz je zuvor zu einer wahren Diasporaprovinz im Vollsinn des Wortes geworden und zwar in besonders schwierigen Verhältnissen für ihre Arbeiten, für ihren Nachwuchs und selbst für ihren Unterhalt. Schon die Lage der Niederlassungen in den Diözesen Berlin und Meißen und in den Bischöflichen Kommissariaten von Erfurt, Magdeburg und Mecklenburg sagt genug, so günstig sie auch für unsere Gesamtaufgabe und die einzelnen Arbeiten gewählt sein mögen. Das kommt auch in dem anerkennenden Urteil unseres hochwürdigsten P. Generals Johannes Bapt. Janssens zum Ausdruck, der sich bei der Prokuratorenkongregation 1950 mir gegenüber so äußerte: "Mit besonderer Freude schaue ich auf die Ostdeutsche Provinz, die über ihre großen Opfer nicht klagt, sondern sich unverzüglich umgestellt hat und mit starkem Gottvertrauen weiter arbeitet, wo und wie sie kann zum Heil der Seelen!" - Möge der hiermit von höchster Stelle anerkannte hingebende Einsatz sowie der Geist des Gottvertrauens und der Bruderliebe auch weiterhin die Provinz beseelen: vivat, floreat, crescat ad maiorem Dei gloriam.

 


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Kriegsverluste der Ostdeutschen Provinz

1) Beschlagnahmt und formell enteignet wurden die Häuser: Mittelsteine, Hosterwitz bei Dresden, St. Clemens-Berlin (letzteres nicht im Besitz des Ordens).
Beschlagnahmt, aber nicht eingezogen: Exerzitienhaus Zobten.
Als Lazarette fanden Verwendung: Berlin-Biesdorf, Internat-Breslau.
Total zerstört: die Häuser in Berlin Charlottenburg, Dresden und Königsberg.
Schwer beschädigt: St. Clemens-Berlin, Breslau, Hosterwitz, Troppau.
Leichter beschädigt: Berlin-Biesdorf, Internat-Breslau, Zobten.
Der Frovinz gingen verloren: Breslau-Gabitz, Breslau-Internat, Beuthen, Heiligelinde, Mittelsteine, Oppeln, Troppau, Zobten.
Dem Orden ging verloren: Königsberg.

2) Aus ihren Häusern wurden vertrieben:
Mittelsteine: (lt. Katalog 1940) 7 PP, 17 Schol, 35 BBr, insgesamt 59 Mitbrüder.
Hosterwitz: (lt. Katalog 1941) 8 PP, 36 Schol, 8 BBr, insgesamt 52 Mitbrüder.
(NB. Ein großer Teil wurde zuerst aus Mittelsteine, dann aus Hosterwitz ausgewiesen. Ein Teil war damals bei der Wehrmacht, gehörte aber zu Mittelsteine bzw. Hosterwitz). Berlin - St. Clemens: 7 PP.
Zobten: 1 P.
Ausgewiesen:
aus Berlin und später aus Ostpreußen: P. Lünenborg;
aus Schlesien: P. Rondholz;
aus Sachsen: P. Hruza;
aus der Grafschaft Glatz: P. Behlau.

3) Im KZ waren die PP. Pies, Bruno Schmidt und Futterer.
Mehrjährige Gefängnisstrafen erhielten: PP. Futterer und Bruno Schmidt.
Zu kürzerer Strafe war verurteilt: Br. Knörich.
Ohne Verurteilung waren (für kürzere Zeit) verhaftet: PP. Hechelmann, Klein, Kipp, Lünenborg, Riethmeister, Rondholz, Roth, Willimsky.
Verhört von der Gestapo: sämtliche Patres in Breslau (1937) und in Berlin-Charlottenburg (1942) gelegentlich allgemeiner Durchsuchung des Hauses, - Zahlreiche Einzelverhöre als Obere, wegen Jugendarbeit, seelsorgl. Arbeiten usw.: etwa 20 Patres.

 


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Redeverbot erhielten die PP. Hechelmann, Hruza, Rondholz, Spors.
Dienstverpflichtet waren: BBr. Elsner, Gelissen, Szdzuj, Weinert.
In eine Strafkompanie wurde gesteckt: Br. Moschner.
Durch Luftangriffe und sonstige Kriegseinwirkungen kamen um: PP. Dubis, Lerch, Reiter und Br. Fantin. Br. Muschiol verlor ein Bein.
Verschleppt wurden: PP. Fenger, Mianecki, Schulz (in Rußland gestorben) und die BBr. Harwardt und Szdzuj.

 

Patres

Scholastiker

Brüder

Zusammen

4. Als Jesuiten wurden einberufen:

77

59

36

172

Im Krieg fielen:

1

9

4

14

Als 'wehrunwürdig' wurden entlassen:

67

30

22

119

Vermißt sind:

2

1

1

4

Keine Nachricht über den Verbleib von RR. DD. Profittlich und P. Werling, beide bis 1941 in Estland tätig.

5) In den Missionen waren interniert: P. Benoit in Indien und P. Welzel in England und Kanada.

 

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