P. Karl Erlinghagen SJ
* 13. Mai 1913    12. Januar 2003
Eintritt 1934 - Priesterweihe 1942 - Letzte Gelübde 1955

Am 13. Mai 1913 wurde P. Karl Erlinghagen in Hagen-Haspe geboren. Seinen Vater Ernst Erlinghagen hat Karl nicht mehr bewusst kennen lernen dürfen. Denn der Vater starb 1916 in Russland als Soldat an der Front. Seiner Mutter Berta, geb. Brochhagen, war dagegen ein langes Leben beschieden. Sie starb 1956. Karl war das dritte von vier Kindern der Erlinghagens. Das erste, ein Mädchen, war schon bald nach seiner Geburt gestorben. Das zweite, sein Bruder Ernst, erlernte später - wie der Vater - das Bauhandwerk. Und auch darin folgte er seinem Vater, dass er später im Krieg gestorben ist - 1945 an der Ostfront. Nach Karl wurde als viertes Kind noch Helmut geboren, der seinerseits seinem älteren Bruder Karl in manchem folgte: 1935, ein Jahr später als Karl, trat auch er in die Gesellschaft Jesu ein. 1985 ist er gestorben.

Die Mutter Erlinghagen hatte ihre liebe Not, in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg allein ihre drei Jungen zu versorgen und zu erziehen. Es herrschte bitterste Armut. Man lebte in einem Dorf in der Nähe von Hagen, in Marienheide. Dort gingen die Jungen in die Volksschule, die Mutter verdiente den notwendigen Lebensunterhalt als Tagelöhnerin, als Fabrikarbeiterin, als Putzfrau. 1922 zog die Familie nach Hagen-Haspe zurück. Trotz aller Not ermöglichte es die Mutter ihren Söhnen Karl und Helmut, das Reform-Realgymnasium zu besuchen. Karl kam in der Schule immer gut zurecht. Er erhielt im Zeugnis gute Noten. Nach dem Abitur 1932 setzte sich Karl noch einmal auf eine Schulbank - in der Höheren Handelsschule in Hagen. Ein Jahr später nahm er eine Kaufmannslehre auf. Er hatte sich dabei mit einem Spottlohn zufrieden zu geben.

Im Rückblick auf die Kinder- und Jugendjahre hat Karl Erlinghagen herausgestellt, dass er sich damals einerseits häufig als ungerechterweise benachteiligt und geringgeschätzt fühlte und andererseits das katholische Denken und Fühlen tief verinnerlichte. Welche Erfahrungen und Überlegungen dazu führten, dass er sich schließlich dazu entschied, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, hat er so sehr als das Innerste und Persönlichste empfunden, dass er darüber nie zu sprechen bereit war.

Am 26. April 1934 rückte er jedenfalls ins Noviziat in s'Heerenberg ein. So begann ein langer Weg in der Gesellschaft Jesu, der nicht einfach und geradlinig verlaufen sollte, aber gleichwohl bis ins hohe Alter niemals eigentlich in Frage gestellt wurde. Im hohen Alter hat P. Erlinghagen einmal formuliert: "Ich habe es sehr schwer gehabt, aber ich habe auch viel Beglückung und Glück ... erfahren und nie bei der berechtigten Frage, ob es sinnvoll war, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, die Versuchung gehabt, wieder aus ihr auszutreten."

Der Scholastiker Karl Erlinghagen absolvierte die philosophischen Studien in Pullach (1937-1939). Die Studienjahre verliefen unruhig, der Krieg kündigte sich an. Die Examina waren bisweilen eine Qual, auch wenn die Ergebnisse dann doch nicht schlecht waren. Sogleich nach dem Schlussexamen wurde Karl Erlinghagen zum Militärdienst eingezogen (am 26. August 1939). Er hatte an der Kriegsfront im Osten zu kämpfen, bis dass er am 9. September 1941 vor Leningrad als "n. z. v." aus dem Heer entlassen wurde. Er kehrte nach Frankfurt zurück, um dort zusammen mit den anderen Heimkehrern das Theologiestudium aufzunehmen. Auch diese Studienjahre waren kriegsbedingt ständig von Störungen durchsetzt. Er gehörte zu den Jesuiten, die frühzeitig in Mainz zu Priestern geweiht wurden (November 1942).

Während der folgenden Kriegsjahre arbeitete P. Erlinghagen in einigen Pfarreien (in Frankfurt - Allerheiligen, in Viernheim, in Dortmund), danach (1946-1948) rundete er in Büren seine theologische Ausbildung ab. Anschließend leitete er im Internat des Aloisiuskollegs in Bad Godesberg zwei Jahre hindurch die Oberabteilung. Er war dankbar für die Erfahrungen, die er, der anschließend ein Pädagogikstudium absolvieren sollte, dort machen konnte. Er nahm dieses Studium an der Bonner Universität auf, wechselte dann aber an die Universität Hamburg, wo er schon 1953 sein Studium mit dem Doktorat abschließen konnte. Der Titel seiner unter der Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Flitner erstellten Arbeit lautete "Bildungsideal und Lebensweise in der katholischen Pädagogik".

Es folgte das Tertiat in Münster, bevor P. Erlinghagen im Herbst 1954 in Sankt Georgen in Frankfurt seine Lehrtätigkeit aufnahm - offiziell im Fach Pädagogik und Religionspädagogik, in Wirklichkeit aber vorwiegend in Homiletik und Katechetik, was ihm gar nicht zusagte. Als Lehrbeauftragter war er gleichzeitig regelmäßig an unserer Hochschule in Pullach tätig. Er hat die Sankt Georgener (und Pullacher) Jahre als Last erlebt, nicht zuletzt, weil er sich zu wenig anerkannt fühlte und umgekehrt die interne Studienwelt als kleinkariert empfand.

Als ihm zehn Jahre später angeboten wurde, an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Br. Nachfolger des verstorbenen Gustav Siewerth zu werden, griff er gern und sofort zu. Und so war P. Erlinghagen vom 1. April 1965 bis zum 31. März 1968 Ordinarius für Erziehungswissenschaft in Freiburg, bevor er zum 1. April 1968 als Ordentlicher Professor den Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Regensburg annahm. Diese Aufgabe hatte er bis zu seiner Emeritierung am 1. Oktober 1980 inne. In diesen Jahren und noch darüber hinaus - soweit es seine gesundheitliche Situation zuließ - hat er noch viele zusätzliche Aufgaben in den verschiedensten kirchlichen und öffentlichen Institutionen und Kommissionen übernommen. Gleichzeitig hat P. Erlinghagen regelmäßig in der Pfarrei Kneiting-Winzer mitgearbeitet - fast 25 Jahre lang an jedem Sonn- und Feiertag. Er hat die Regensburger Jahre, zumal die Jahre bis zu seiner Emeritierung, als die wichtigsten und fruchtbarsten seines Lebens empfunden.

Nach seiner Emeritierung blieb P. Erlinghagen in Regensburg wohnen. Er ließ nie einen Zweifel daran aufkommen, dass er Jesuit und Priester war - auch wenn er nicht in der Regensburger Kommunität lebte. Doch besuchte er die Mitbrüder in der Residenz regelmäßig, und diese kümmerten sich um ihn, zumal wenn er Hilfe brauchte, was vor allem in Zeiten der Krankheit wichtig war. Und diese Zeiten gab es: P. Erlinghagen war in den 80er und in den frühen 90er Jahren mehrfach ernsthaft herzkrank, und immer wieder plagten ihn schwere Migräneanfälle. Am 17. April 1999 zog P. Erlinghagen in unser Altenheim in Münster um. Als dieses im April 2002 aufgelöst wurde, ging er mit nach Köln-Mülheim, wo er dann am 12. Januar 2003 gestorben ist. Am 23. Januar ist er auf dem Friedhof Melaten zu Grabe getragen worden.

P. Karl Erlinghagen hat in zahlreichen Büchern, Zeitschriftenaufsätzen, Lexikonartikeln, universitären Lehrveranstaltungen und öffentlichen Vorträgen unermüdlich untersucht und dargelegt, was Erziehung und Bildung in unserer modernen säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft bedeuten und welche spezifische Verantwortung in diesem Bereich den Kirchen und insbesondere der katholischen Kirche zukommt. Große Aufmerksamkeit fand 1965 sein Buch "Katholisches Bildungsdefizit in Deutschland" (Freiburg: Herder). Es wurde auf allen Ebenen - vom Kindergarten bis zur Hochschule - zum Impuls für eine neue Anstrengung der katholischen Bildungseinrichtungen.

P. Erlinghagen war Mitglied in sehr vielen kirchlichen und politischen Gremien, in denen er seinen Einfluss als wissenschaftlich qualifizierter Berater in Fragen der Bildung geltend machen konnte. So hinterließ er im deutschen Schul- und Universitätssystem manch eine nachhaltige Spur.

P. Erlinghagen hat in seinen späten Lebensjahren einmal von sich gesagt, er sei zwar nicht "übermäßig fromm, aber bis in die Knochen katholisch" gewesen. Er hatte freilich die Kirche, der er zugehörte und die ihn so tief bestimmt hatte, schon früh als zu eng und zu ängstlich erlebt und darunter persönlich gelitten. Das hatte sich auch nicht geändert, als er sie aus der Perspektive seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu wahrnahm. Er hat das immer wieder zum Ausdruck gebracht und dabei auch mit einer aus einer gewissen Bitterkeit stammenden Kritik nicht gespart. Er hat es aber mit der Kritik nicht genug sein lassen, er hat vielmehr alle seine Zeit und Kraft eingesetzt, an wenigstens einer Stelle, derjenigen des kirchlichen Bildungsauftrags, zu einer Besserung wirksam beizutragen. Dass es ihm, der aus überaus einfachen Verhältnissen stammte und der sich, wie er selbst einmal sagte, "nach Herkunft, Vermögen, ... Welterfahrung benachteiligt" erlebt hatte, schließlich vergönnt gewesen war, zu einem ordentlichen Professor an einer staatlichen Universität berufen worden zu sein, erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung.

Kurz vor der Vollendung seines 90. Lebensjahres hat Gott, sein Schöpfer und Herr, P. Erlinghagen nach einem nicht leichten, aber doch, wie wir annehmen dürfen, schließlich versöhnten Leben zu sich gerufen.

P. Karl Erlinghagen wurde auf dem Kölner Friedhof Melaten beigesetzt.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Jesuiten-Nachrufe 2003, S. 3ff