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Victor Conzemius

Johannes Paul II.

Global Player der Gerechtigkeit

 

Aus: Stimmen der Zeit, 2005/6, S.363-376

 

    Der Pontifikat des am 2. April 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. war einer der längsten in der Geschichte der katholischen Kirche. VICTOR CONZEMIUS, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, blickt auf seine Amtszeit zurück und würdigt besonders das Eintreten Johannes Pauls II. für Gerechtigkeit und Menschenrechte.

 

Das Pontifikat Johannes Pauls II. sprengt in seiner weltweiten Ausstrahlung alle bisherigen Maßstäbe {1}. Daß an seiner Beerdigung über 200 Staatsmänner, Präsidenten, Könige, Regierungschefs und Vertreter anderer christlicher Gemeinschaften sowie anderer Religionen teilnehmen würden, ist auch nachträglich für einen nüchternen Beobachter kaum zu fassen. Man muß sich die Augen reiben: Der amerikanische Präsident mit seiner Außenministerin und zwei seiner Vorgänger erweisen dem Papst die letzte Ehre. Das wäre vor 30 Jahren niemandem in den Sinn gekommen. Volle diplomatische Beziehungen zwischen dem Vatikan und den Vereinigten Staaten gibt es erst seit 1984. Überhaupt, daß das römische Papsttum innerhalb des letzten Jahrhunderts zu einer moralischen Instanz im Weltformat heranwachsen würde, damit hätte kein Staatsmann der Neuzeit gerechnet.

Das Papsttum des 19. Jahrhunderts schien dem Untergang, zumindest der politischen Belanglosigkeit geweiht. Als 1878 Papst Pius IX. beerdigt wurde, versuchten gegen den Papst aufgebrachte Römer den Sarg in den Tiber zu werfen. Bei ihrem Kriegseintritt 1915 ließ die italienische Regierung den Vatikan von den künftigen Friedensverhandlungen aussperren. Und als Papst Benedikt XV. 1917 Friedensfühler ausstreckte und einen Friedensvorschlag machte, hieß es im italienischen Hauptquartier: aufknüpfen müßte man den Kerl, ihn an den ersten Baum hängen - so wenig wollte man von einem Verständigungsfrieden wissen. 2005 ist es die Friedenspolitik, die Staatsmänner aus aller Welt am Sarg des sechsten Nachfolgers Benedikts XV. zusammenführt.

Man muß diese größeren Perspektiven einmal zur Kenntnis nehmen, um den ungeheuren Zuwachs von Autorität für das Papsttum erfassen zu können. Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI. haben je ihren Anteil daran, Johannes Paul II. wohl den stärksten und umfassendsten.

Blenden wir zurück in das Jahr 1978, das Jahr der drei Päpste, das Jahr, in dem Paul VI. starb, der lächelnde Johannes Paul I. bereits nach 33 Tagen abberufen wurde und Karol Wojtyla aus Krakau als Johannes Paul II. den Petrusdienst übernahm. Vor der Papstwahl zirkulierte in der großen Presse ein Profilpapier, als ob der "brain-trust" eines multinationalen Konzerns einen effizienten Manager suchte. Das Profilpapier, von deutschen Theologieprofessoren entworfen, projizierte die eigenen Wünsche und Vorstellungen schulmeisterlich auf den künftigen Inhaber des Petrusamtes. Französische Mitunterzeichner, darunter der Konzilstheologe Yves Congar, versicherten mir wenige Wochen später, dieses Papier sei sehr deutsch

 


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und ungehobelt gewesen und hätte den Franzosen mißfallen; aus Solidarität mit den Initiatoren hätten sie dennoch unterzeichnet. Der neue Papst, so hieß es im Profilpapier, sollte weltoffen sein, ein geistiger Führer, ein echter Seelsorger, ein kollegialer Mit-Bischof, ein ökomenischer Vermittler, ein wirklicher Christ - wie die üblichen Klischees hießen.

Bereits ein Jahr nach der Wahl des Papstes setzte einer der Initiatoren kräftige Fragezeichen hinter jedes dieser Postulate. Das Bemühen sei anzuerkennen, gemessen jedoch an den Erwartungen, die man an ihn herantrage und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kirche, sei die Zwischenbilanz des Pontifikates enttäuschend. Johannes Paul II. - bereits nach einem Jahr gewogen und zu leicht befunden!

Von der idealisierten Wunschvorstellung eines Profilpapiers gehen wir hier bei unserem Versuch einer Würdigung dieses Pontifikates nicht aus. Ihm könnte kein auch noch so vollkommener Sterblicher entsprechen. Gewählt wird im Konklave immer ein Mensch, kein Programm. Ein Mensch, der in einem bestimmten biographisch-geschichtlichen Kontext steht, von einer bestimmten Erfahrung geprägt wird, einen bestimmten theologischen Horizont und einer bestimmten Frömmigkeit - in diesem Fall einer starken, aber keineswegs unproblematischen Volksfrömmigkeit - verpflichtet ist.

 

Der Papst, der aus der Kälte kam

Karol Wojtyla war Pole. Er kam aus einem Land, in dem Nationalismus und Katholizismus eine eigentümliche Verbindung eingegangen waren. In Krisenzeiten, als die polnische Nation ausgelöscht war oder von Besetzern aus Ost und West geschunden wurde, hat der Katholizismus - mit romantischem Unterton formuliert - die Seele Polens gerettet. Die geographische Randposition des Landes trug dazu bei, daß es auch in seiner Kultur von den europäischen Kernlanden aus als peripher und zweitrangig angesehen wurde. Dennoch, und vielleicht deshalb klammerte Polen, klammerten seine Dichter, Künstler und Wissenschaftler, sich eng an Europe. Es bildete sich so etwas wie ein polnischer Messianismus heraus, eine schwärmerische Auffassung, daß Polen dazu berufen sei, einmal mit seinem Blut das ermattete, am Boden liegende Europa zu retten.

In einem solchen Land, in dem Religion und nationale Identität nahezu verschmolzen, war die Kirche die einzige gesellschaftliche Institution, die unter totalitärer Herrschaft gewisse gesellschaftlich-politische Freiheitsräume wahren konnte. Ihren patriotischen Kredit besaß sie nicht zuletzt auf Grund des hohen Blutzolls, den sie unter nationalsozialistischer Besatzung erbracht hatte: Etwa ein Fünftel ihrer Priester - keineswegs alle Helden wie der in Auschwitz gemarterte Franziskanerpater Maximilian Kolbe - kehrte nicht mehr aus deutschen Konzentrationslagern zurück.

 


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So war Polens Kirche auch unter kommunistischer Herrschaft zugleich privilegiert und eine Bastion des Widerstandes gegen den staatlich verordneten Atheismus. An die Kirche als Widerstandskatalysator schlossen sich auch diejenigen an, die sonst nichts mit ihr im Sinn hatten, ja mit ihrer Botschaft kaum etwas anfangen konnten. Unter den vorgegebenen Verhältnissen konnte diese Kirche nur dann ihre Schlagkraft behalten, wenn sie zusammenhielt, sich auch in ihrem theologischen Denken keine die Einheit der Lehre gefährdenden Spielräume und Extratouren leistete. Die Weihe verheirateter Männer zu Priestern und die Frauenordination waren Themen, die während des Krakauer Episkopats nicht einmal am Horizont auftauchten, obwohl bereits dem jungen Weihbischof Karol Wojtyla die Ambivalenzen des Zölibatsgesetzes nicht unbekannt waren. Protestanten gabe es in Polen nur als kleine Minderheit, mit deren Konfession und nationaler Orientierung sich keineswegs positive Assoziationen einstellten.

In diese Kirche mit ihren lebendigen Traditionen, inneren und äußeren Zwängen wurde Karol Wojtyla am 18. Mai 1920 geboren. Wenn das Diktum stimmt, daß für jeden Papst die Welt so bleibt, wie er sie vor seiner Amtszeit erlebt hat, so gilt das auch und besonders für Johannes Paul II. {2}. Karol Wojtyla wuchs unter außergewöhnlichen Belastungen auf. Er lernte die Welt ganz anders als der Durchschnittstheologiestudent der westlichen Welt kennen. Er erfuhr aber auch unter den schlimmsten Verhältnissen stets die Zuwendung hilfreicher Menschen. Nach dem Besuch der Grundschulen seines Heimatdorfes Wadowice wechselte er auf ein staatliches Gymnasium.

Eine Allround-Begabung zeichnete ihn aus. Seine intellektuellen Leistungen hielten mit den sportlichen Leistungen durchaus Schritt. Er war ein begeisterter Fußballer, Schwimmer und Kanufahrer; später kam Skifahren in den Karpaten hinzu. Seine erste Liebe galt der polnischen Sprache und Literatur; für ihr Studium immatrikulierte er sich 1939 an der Jagellonischen Universität Krakau. Er schrieb Gedichte und Theaterstücke, war Amateurregisseur und Schauspieler. Die literarisch-musische Seite zeigt Grundzüge und Breite seiner Interessen. Die deutsche Besatzung vertrieb ihn von seiner Universität; als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch und in einer Kläranlage verdiente er ein hartes Brot.

Zu diesem Zeitpunkt - die Eltern waren inzwischen gestorben, auch sein Bruder, der Arzt - entschloß er sich zum Theologiestudium. Kardinal Adam Sapieha von Krakau nahm ihn in sein Priesterseminar im Untergrund auf und weihte ihn nach der Befreiung 1946 zum Priester. Der Kardinal erkannte die Begabung des jungen Mannes und ließ ihm jegliche Förderung angedeihen. Trotz der bestehenden Einschränkungen erwirkte er ihm die Ausreisebewilligung zum Studium am "Angelicum", der Ordensschule der Dominikaner in Rom. Hier promovierte der junge Priester über den spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz. Im belgischen Priesterseminar, in dem er als Gast wohnte, traf er ein geistiges Klima an, das nicht so eng wie dasjenige in den anderen römischen Großseminarien war. Wojtyla hatte

 


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ein außerordentliches Gedächtnis für gute menschliche Begegnungen; noch nach Jahrzehnten erinnerte er sich an sie. So berief er zum Beispiel Godfried Danneels zum Erzbischof von Mechelen-Brüssel oder ernannte den schlichten belgischen Landpfarrer Gustaaf Joos zum Kardinal, der sich seines Kardinalates allerdings nur kurze Zeit erfreuen konnte. Wenn er als Papst in einer sehr spontanen Art auf einzelne dieser Menschen für seine Personalpolitik zurückgriff, so konnte das manchmal gut gehen. Es war aber auch mit großen Risiken und Enttäuschungen verbunden, wie beispielsweise die Ernennungen von Hans Hermann Groer zum Erzbischof von Wien und Kurt Krenn zum Bischof von St. Pölten gezeigt haben.

Nach einigen Jahren in der Pfarrseelsorge kehrte Wojtyla an die Universität Krakau zurück, um Philosophie zu studieren und eine Arbeit über den deutschen Philosophen Max Scheler vorzubereiten. Die Wiederaufnahme des Studiums bedeutet keinen Bruch mit der Seelsorge und keine exklusive Hinwendung zur theologischen Wissenschaft. Die Öffnung auf die Seelsorge und den konkreten Menschen sollte in seinem Wirken absolute Priorität behalten. Das war es, was schon damals junge Menschen zu ihm hinzog und in den Bannkreis seiner charismatischen Persönlichkeit schlug. Als er sich mit Studenten auf einer Kanufahrt durch Polen befand, erreichte den 38jährigen am 4. Juli 1958 die Ernennung zum Weihbischof von Krakau, sechs Jahre später wurde er am 13. Januar 1964 Erzbischof dieser Diözese, der reichsten Polens und flächenmäßig einer der größten in Europa. Im Nebenamt - 1956 wurde er Professor an der Philosophischen Fakultät der Katholischen Universität Lublin - hatte er sich inzwischen einen Namen als führender Sozialethiker Polens gemacht.

Typisch für seine Amtsführung als Erzbischof war seine Volksnähe. Für diese erhielt er sich Freiräume, indem er Verwaltungsangelegenheiten seinen Mitarbeitern, den Weihbischöfen und dem Generalvikar überließ. Er besuchte die Pfarreien bis in die letzten Bergdörfer der Tatra und nahm sich im erzbischöflichen Palais in Krakau Zeit für alle, die ihm ihre Anliegen vortragen wollten. Hier zeichnet sich jene Prioritätensetzung ab, die er später in Rom beibehalten sollte.

1962 berief Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil ein. Karol Wojtyla hielt eine beachtliche Rede zur Religionsfreiheit und arbeitete mit an der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes". Die Kontakte, die er zu Bischöfen anderer Länder und Kontinente knüpfte und zahlreiche Auslandsreisen trugen dazu bei, daß sein Name bisweilen auch in die westliche Presse drang.

 

Sensationelle Papstwahl

Dennoch war seine Wahl zum Papst am 16. Oktober 1978 - zufallsbedingt nach dem überraschenden Tod des herzkranken Johannes Paul I. - eine Sensation. Zum ersten Mal seit 450 Jahren wurde ein Nichtitaliener zum Papst gewählt; schlichte

 


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Gemüter bemerkten triumphierend, daß die quasi ewige Dominanz der Italiener nun endlich zu Ende sei. Einige Wochen später war aber bereits zu hören, man sei doch besser mit den Italienern gefahren. Nachdem die erste Aufregung abgeebbt war, war man sich im Klaren: Hier steht ein Mann, der Vitalität, Herzenswärme und Glaubenszuversicht ausstrahlte. Ihm konnte man glauben, wenn er in der Predigt zu seiner Amteinsetzung ausrief: "Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Seiner rettenden Macht öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts."

Das war ein kraftvoller Aufruf, deutlich genug, um sich selber für die große Aufgabe Mut zu machen und die Menschen zu überzeugen. Da war nicht die geringste Spur von Schwarzseherei und keine Klage über die Widrigkeiten der Zeit. Der Papst selber weist als Hoffnungsträger den Weg: nicht mit der Zuchtrute, sondern als einer, dessen inneres Auge das Unsichtbare geschaut hat und der die Menschen für seine Vision gewinnen möchte.

Stärker als seine Vorgänger entwickelte er eine dynamische Auffassung der Menschenrechte. Sie waren für ihn kein Katalog bürgerlicher Rechte, sondern drängten auf Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben und in der Gesellschaft. Seine erste Auslandsreise führte ihn 1979 nach Mexiko, wo er für die unterdrückten Campesinos und Landarbeiter Partei ergriff. Im Vatikan setzte er sich mit seiner spontanen Herzlichkeit über alle protokollarischen Vorschriften und Barrieren hinweg, pflegte mit Kindern ebenso ungezwungen Umgang wie mit Journalisten oder Staatsoberhäuptern. Bald hieß es: Das ist ein Papst zum Anfassen. Bei seinen Pastoralbesuchen streckten sich ihm Tausende von Händen entgegen. Mit Superlativen geizte man nicht: Man nannte ihn die "faszinierendste Erscheinung auf unserer Weltbühne", den "neuen Messias für unsere Zeit", den Papst, der den "religiösen Hunger der Massen stillt". Der Mann in Weiß scharte bei seinen Besuchen Hunderttausende um sich. Besorgte Kirchenleute wie Kardinal Michele Pellegrino von Turin begannen an diesen Massenspektakeln Anstoß zu nehmen und äußerten ihre Vorbehalte. Der Papst regiere die Weltkirch wie eine volkskirchlich stabile polnische Diözese. Er drängte die Bischöfe an den Rand und fördere rein emotional religiöse Gefühle.

Kritisches gab es überall zu vermerken. In der Rückschau ist es jedoch erstaunlich, wie dieser Mann, der aus der Kälte kam, bei Zeitgenossen, die für Korrekturen ihrer ersten Eindrücke empfänglich waren, Ängste und Vorbehalte gegenüber seiner Amtsführung weitgehend entkräftete. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern besaß er keinerlei kuriale Erfahrung, keinen "Clan", auf den er sich stützen konnte. Und doch gelang es ihm weitgehend, kirchliche Verwaltungsgeschäfte zu delegieren, um freie Hand für seine Visionen zu erhalten. Bei der Wahl seiner engsten Mitarbeiter hatte er eine gute Hand. Kardinal Agostino Casaroli, ein verläßlicher Diplomat alter vatikanischer Schule, wurde Staatssekretär; Achille Silvestrini päpstlicher

 


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"Außenminister". Mit Joseph Ratzinger, dem früheren Erzbischof von München und Freising, war endlich ein Mann an die Spitze der Glaubenskongregation berufen worden, der etwas von Theologie verstand, woran Wolfhart Pannenberg einmal etwas spitz erinnerte.

Erstaunlich rasch lebte sich der Nichtitaliener in Italien ein und genoß bald eine weitreichende Popularität. Kaum jemand hat versucht - und diese Versuchung lag nahe - ihn in weit zurückliegende Finanzskandale des Vatikans zu verstricken. Gerade an der römischen Kurie hielt sich die Begeisterung für Johannes Paul II. in engen Grenzen. Wenige Wochen nach seiner Amtseinsetzung berichtete ein befreundeter Kuriale nicht ohne Schadenfreude, der Papst besuche an den Sonntagen römische Stadtpfarreien, aber es kämen von Mal zu Mal weniger Gläubige. Das ist nur eines der zahlreichen Beispiele klerikalen Schlechtredens, mit dem sein Wirken bedacht wurde. Später warf man ihm vor, er habe ganze Waggonladungen von Polen in den Vatikan geschleust, als ob ihm nicht das Recht zugestanden hätte, das vatikanische Personalreservoir mit slawischen Mitarbeitern aufzustocken, die proportional keineswegs übermäßig vertreten waren.

 

Verkündigung im Weltformat

Der ersten Auslandsreise nach Mexiko schlossen sich weitere 103 in Länder aller Kontinente an. Die Auslandsreisen verliefen nach einem bestimmten Schema: Zunächst küßte der Papst, wenn er zum ersten Mal ein Land betrat, den Boden, genau so wie er es schon als Kaplan in seiner ersten polnischen Landpfarrei getan hatte. Dann wurde er vom Staatsoberhaupt, von den Bischöfen und von Diplomaten begrüßt. Nach der Fahrt vom Flughafen zur Hauptstadt des Landes wiederholten sich die Szenen rituell-symbolischer Begrüßung beim Besuch kirchlicher, sozialer und kultureller Einrichtungen, Treffen mit Kirchenführern anderer Konfessionen und nichtchristlichen Religionen.

Die Massengottesdienste wurden meist unter freiem Himmel gehalten. Die Reisen sollten in der Hauptsache dazu beitragen, den Glauben der Katholiken zu stärken und sie zur Mitarbeit am Aufbau einer gerechten Gesellschaft in ihren Ländern zu ermutigen. Bei aller Anknüpfung an emotionale Elemente der Volksfrömmigkeit, insbesondere an die für ihn persönlich so zentrale Marienfrömmigkeit, versäumte er nicht, die sozialen Forderungen des Evangeliums eindringlich ins Gedächtnis zu rufen. Gewiß gab es Warnungen vor der Gefahr der Säkularisierung, des Werteverlusts und der "Kultur des Todes". Doch stets blieb zentral der Blick auf eine Zukunftsperspektive, die das Evangelium als Botschaft der Freiheit und der Befreiung verkündet. Zum Vorwurf wird ihm besonders gemacht, daß 1984 die Glaubenskongregation die Theologie der Befreiung wegen Anleihen bei der marxistischen Begrifflichkeit verwarf. Dabei wird gern übersehen, daß Johannes Paul II. zwei

 


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Grundbegriffe der Theologie der Befreiung in die Enzyklika "Sollicitudo Rei Socialis" (1987) aufnahm: die Rede von den sozialen Strukturen der Sünde und die Option für die Armen.

Auf Grund seiner besonderen geistigen Voraussetzungen als Ethiker und Philosoph besaß Johannes Paul II. ein weites Reservoir für die lehrmäßigen Grundlagen seiner Verkündigung. Seine grundsätzliche lehramtliche Position legte er in seinen 14 Enzykliken nieder, von denen hier nur diejenigen mit sozialem Einschlag genannt seien: "Redemptor hominis" (1979), "Laborem exercens" (1981) und "Centesimus annus" (1991). Statistisch gesehen reiste der Papst am häufigsten nach Polen, wo seine Botschaft von Millionen Menschen begeistert aufgenomme wurde. Er hat nur wenige Einladungen von Diktatoren ausgeschlagen, nicht zuletzt deshalb, weil die Fernsehübertragungen es ermöglichten, auch diejenigen Menschen eines Landes zu erreichen, die nur die systemkonforme Sprache des Fernsehens kannten. So kam es vor, daß ein Papstbesuch mittelamerikanischen Diktatoren direkt und indirekt ins Gewissen redete. Auch der Papst selber lernte auf solchen Reisen dazu. Besonders gilt das für Nordamerika, dessen liberalistische Gesellschaftsordnung seinen eigenen Vorstellungen zuwiderlief und ihm unverständlich war. Seit dem Weltjugendtag in Denver 1993 entdeckte er aber auch das große positive Potential in der amerikanischen Gesellschaft. So konnte er in späteren Begegnungen mit amerikanischen Präsidenten diese dazu drängen, die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung des Lands als Verpflichtung zu ethischem Handeln zu sehen.

Johannes Paul II. hat durch seine Reisen, aber auch durch die Art seines Umgangs mit Menschen die Institution des Papstamtes selber beweglicher und zugleich menschlicher gemacht. Er tat das gewissermaßen mit der Emotionalität seines slawischen Temperaments und auf Grund einer außergewöhnlichen Arbeitskraft. Die Glaubensgewißheit, mit der er auftrat, erschütterte und skandalisierte eine glaubensskeptische Welt. Einige meinten, sein Auftreten als "Ayatollaphänomen" abtun zu können. Doch der Nichtgläubige Soziologe Niklas Luhmann fand es sogar tröstlich, daß die Massen diesem Mann in Weiß zujubelten, anstatt einem beliebigen Hollywood-Star.

Karol Wojtyla zeigte Flagge. Er setzte sich und sein Amt stärker als seine Vorgänger der Kritik aus und exponierte sich im wahrsten Sinn des Wortes. Das Attentat des kommunistischen Türken Mehmet Ali Agca auf Johannes Paul II. auf dem Petersplatz am 13. Mai 1981 ist in seinen traumatischen Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Papstes nicht hoch genug zu veranschlagen. Es bestärkte ihn in der Auffassung, daß Gott ihn in seinem Amt schützte und für besondere Aufgaben bereithielt. Johannes Paul II. nahm die Autorität für sich in Anspruch, die er selbst seinem Amt neu vermittelt hatte. Sie strahlte nun von dem in seinem Ansehen gesteigerten Amt auf ihn zurück.

 


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Ein Weltsystem im freien Fall

Am unmittelbarsten drückt sich dieser Autoritätszuwachs im Bereich des Politischen aus. In seiner polnischen Heimat zunächst, dann indirekt im ganzen Ostblock. Das Bild, das diese politische Dimension des Charismatikers Johannes Paul II. überzeugend zum Ausdruck brachte, war der Einzug der Wagenkolonne von Michail Gorbatschow 1989 in die Via della Conciliazione und in den Vatikan. Der Erbe und Sachwalter des zusammengebrochenen imperial-kommunistischen Rußland kam nach Rom, um dem slawischen Papst seine Reverenz zu erzeigen. Oberflächlich mag man darin einen Triumph sehen und diesen auskosten. Damit bleibt man aber an der Oberfläche. Das Ereignis hat jedoch eine viel tiefere Dimension. Es markiert den Zusammenbruch einer Weltbeglückungsideologie, die Ströme von Blut vergossen und Millionen von Menschenleben ausgelöscht hat. Der materialistische Atheismus gab sich als eine wissenschaftliche, mit Vernunftgründen angeblich unschlagbare Zukunftsvision. Ihr gegenüber, so wurde argumentiert, gäbe es keine Alternative, wäre kein Einspruch zu erheben. Stalin hatte spöttisch gefragt: Wie viele Divisionen hat der Papst? Wie war es möglich, daß die Menschheitsvision ohne militärische Divisionen jene angeblich wissenschaftlich unschlagbar verankerte kommunistische Idee bezwingen, zumindest überleben konnte {3}?

Johannes Paul II. schrieb sich den Untergang des Kommunismus nicht als eigenes Verdienst zu. Nüchtern stellte er fest:

"Es wäre zu einfach zu sagen, daß die göttliche Vorsehung den Kommunismus hat untergehen lassen. Der Kommunismus ist als System in gewissem Sinn von allein untergegangen. Er hat bewiesen, daß er eine gefährlichere Medizin als die Krankheit selbst war. Er hat keine wirkliche Sozialreform zuwege gebracht, obwohl er für die ganze Welt zu einer mächtigen Bedrohung und einer Herausforderung geworden ist. Doch ist er von alleine untergegangen - aufgrund seiner eigenen, ihm innewohnenden Schwäche."

Spätestens jetzt hätte die Welt den Atem anhalten müssen. Die Idee des Christentums, dessen Untergang mit tausend Paukenschlägen neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse den Menschen im 19. Jahrhundert immer wieder eingehämmert wurde, sollte sich als zukunftsfähiger erweisen als diejenigen Ideologien, welchen so viele europäische Intellektuelle in unglaublicher Kurzsicht von 1920 bis 1950 und was den Kommunismus anlangt, noch lange darüber hinaus auf den Leim gegangen waren.

Polen, das ohnehin im Ostblock auf Grund seiner Geschichte und seiner katholischen Identität einen gesonderten Status innehatte, hat bei der Auflösung des Kommunismus eine Vorreiterrolle gespielt. Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau, war in der Abwehr des kommunistischen Würgegriffs auf seine Nation indirekt eine der aktivsten Persönlichkeiten gewesen. Er und sein Freundeskreis haben der freiheitlichen Bewegung in den Gewerkschaften und unter den Intellektuellen jene logistische Hilfe gegeben, die sie brauchte, um sich durchsetzen zu können.

 


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Unter dem Schutzmantel der Kirche sammelten sich jene Kräfte, die keinen gewaltsamen Umsturz anstrebten, aber durch ihre Beharrlichkeit die illusionären Grundfesten des Systems weichspülten. Als Polen im Spätsommer 1989 mit Tadeusz Mazowiecki, einem alten Bekannten des Papstes, einen nichtkommunistischen Premier bekam, gab es kein Halten mehr. Auch die anderen mitteleuropäischen Länder gerieten in den Freiheitsstrudel. Der englische Politologe Timothy Garton Ash bringt diese Zusammenhänge auf den Punkt:

"Ohne den polnischen Papst keine Solidarsc Revolution in Polen, ohne Solidarnosc kein dramatischer Wechsel der Sowjetpolitik unter Gorbatschow gegenüber den osteuropäischen Staaten, ohne jenen Wechsel keine weiteren Nelkenrevolutionen 1989." {4}

Eine so fundamentale Rolle, die zu einem friedlichen politischen Umsturz und zu einem Zugewinn an demokratisch politischen Freiheiten führte, hatte die Kirche bisher in keinem Land gespielt. Die Kirchen - auch die protestantischen - mögen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg treibende Kräfte beim Wiederaufbau gewesen sein; in Italien hat die Kirche über die Democrazia Cristiana für die Festschreibung christlicher Grundwerte gekämpft; was sie für Polen geleistet hat, war ungleich mehr. Die Kirche Polens hat dazu beigetragen, die nationale Identität des Landes zu retten. Das war ihr bleibendes historisches Verdienst. Johannes Paul II. genügte das nicht. Im Gespräch mit Gorbatschow ließ er sein Lieblingsmotiv des ungeteilten Europa anklingen: vom Atlantik bis zum Ural, ein Gegenentwurf zum Friedensdiktat von Jalta 1945. Im August 1989 trug er dieses Konzept den Hunderttausenden von Pilgern vor, die in den spanischen Wallfahrtsort Santiago de Compostela gekommen waren. Er trug ihnen auf, den wieder zusammenwachsenden Kontinent neu zu evangelisieren.

Neuevangelisierung: für manche eine Schreckensvision, Rückführung ins Mittelalter, Rekatholisierung, Austricksung der Aufklärung. Die Schwarzseher und Miesmacher hatten ihre Stunde. Sie täuschten sich. Denn der polnische Papst hatte keine theokratischen Ambitionen eines Gottesstaatlers. Bei ihm ging es eher um den als illusionär zu bezeichnenden Versuch, auf Europa ein Modell zu übertragen, das sich in Polen bewährt hatte {5}. In Polen hatte die Kirche zur Zeit des Kommunismus die Funktion einer Arche gehabt. Eine Arche zerstört niemand, der die Wasser der Sintflut kennt und weiß, wie leicht einer in den reißenden Wellen umkommt. Die Wahl eines Polen zum Papst hatte dazu beigetragen, daß die Kirche Polens zu einer rettenden Arche wurde. Und zwar nicht nur für eine Handvoll Guter und Gerechter, sondern für ein ganzes Land, für Millionen von Menschen, die sich enttäuscht von den Verheißungen abwandten, die ihnen vorgegaukelt worden waren. Der polnische Papst hat den Christen im Osten ein neues Selbstgefühl gegeben. Er hatte gehofft, das auch im Westen vermitteln zu können. Diese Hoffnung jedoch ging nicht in Erfüllung. Hier stieß seine Verkündigung an jene Grenzen, die er selbst als Säkularisierung, Materialismus und Hedonismus bezeichnete.

 


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Wirkung nach außen und innen

Der Zusammenbruch des Kommunismus trug zur Mythologisierung seiner Person bei. Es kam die Redensart auf, dieser Papst habe eine größere politische Wirkung nach außen als nach innen. Damit war auch die Wertung verbunden, er sei zwar ein Athlet im Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenwürde, bringe das aber mit seiner innerkirchlichen Politik nicht in Einklang. Die Feststellung dieses Widerspruchs mag zutreffen. Sie läßt jedoch außer Acht, was es bedeutet, daß gerade in ihrer Bezeugung des Kirchlich-Religiösen die Person des Papstes einen ungeheuren Zuwachs an Glaubwürdigkeit erhielt.

Erstaunlich bleibt, daß gerade entgegen allen Prognosen seine Botschaft bei einem großen Teil der Jugend Gehör und Bewunderung gefunden hat. Nicht, daß diese jungen Leute nach der Begegnung mit dem Papst radikal ihre Lebensweise änderten, aber daß sie ihm überhaupt zuhörten und sich von ihm in Frage stellen ließen, das ist ein Phänomen, das quer zur Zeit liegt. Die Weltjugendtage von Paris 1997 und andernorts mit ihren Millionen Teilnehmern lassen bei einem Großteil der Jugend zumindest die unverminderte Sehnsucht nach bleibenden, wert- und sinnstiftenden Zukunftsperspektiven erkennen. Das ist um so bemerkenswerter, weil die meisten dieser jungen Leute den Papst nur von seiner letzten Lebensphase als zittrigen alten Mann kannten, den kraftvollen Karol Wojtyla der ersten Jahrzehnte bloß vom Hörensagen. Die gewinnende Art seines Auftretens und die Konsequenz seiner Überzeugungen machten ihn zu einem Verbündeten der Jugend. Johannes Paul II. war ein Fackelträger, der den Weg in eine ungewisse Zukunft heller machte, ein Leuchtturm.

Geschlossenheit in der Auseinandersetzung mit dem atheistischen Kommunismus war die Voraussetzung für das Überleben der Kirche hinter dem Eisernen Vorhang gewesen. Der polnische Papst sah dies auch als Voraussetzung für das Überleben der Kirche in einer offenen Gesellschaft nach dem Fall aller Berliner Mauern. Eine stromlinienförmige Kirche im Einklang mit dem Zeitgeist hätte ihn nicht befähigt zu jenen großen symbolischen Gesten der Friedensstiftung unter den Religionen und der Bitte um Vergebung für das, was die Menschen der Kirche in ihrer Geschichte gefehlt hatten. Im Oktober 1986 versammelten sich in Assisi 130 leitende Vertreter von Religionen dieser Welt um den Papst, um mit ihm - jeder in seiner eigenen religiösen Sprache - zu beten. Zu einem weiteren Friedenstreffen kam es 2002 in Assisi, als der Kampf der Kulturen bedrohliche Formen annahm. In den Räumen des historischen Franziskanerklosters trafen sich Muftis, Rabbiner, Patriarchen, Bischöfe und Kirchenpräsidenten aller christlichen Konfessionen, buddhistische Mönche, Hindus und Zoroaster und beteten für den Frieden. Der Papst schloß die gemeinsame Selbstverpflichtung der Religionsführer mit den Worten: "Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus! Im Namen Gottes möge jede Religion auf der Erde Gerechtigkeit und Frieden, Vergebung und Leben und Liebe bringen."

 


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Das Problem Christen und religiöse Gewalt hat den Papst seit den Anfängen seines Pontifikats beschäftigt. Unter dem Stichwort der Reinigung des Gedächtnisses hat er Initiativen ergriffen, die keine Parallele in der Geschichte der Kirche haben. Schon 1980 sprach er von der Notwendigkeit, die Schuld zu bekennen, die evangeliumsvergessene Christen - natürlich auch Päpste - durch die Ausübung religiöser Gewalt auf sich geladen haben. 1994 rief er die Christen dazu auf, die kommende Jahrtausendwende als Herausforderung und Chance zu sehen und sie mit einer geschichtlichen Gewissenserforschung zu verbinden. Zu diesem Zweck setzte er zwei Kommissionen ein: eine theologische und eine historisch-kritische, die zwei besonders sensible Bereiche abklären sollen, nämlich die Beziehungen von Christen und Juden, sowie die Verstrickung der Kirche mit der Inquisition.

Ausgerechnet ein Pole regt ein solches Forschungsprogramm an. Das erzeugt Verwunderung. Es mag sein, daß der polnische Papst von seiner Herkunft her eine größere Unbefangenheit gegenüber dieser Thematik hat als ein italienischer Papst, der gegen Ende des Jahrtausends Bilanz ziehen möchte. Polens Kirchengeschichte hat ihre eigenen dunklen Seiten. Aber Polen war nicht oder nur wenig belastet von den Vorkommnissen, in die die Kirchen anderer europäischer Länder verstrickt waren: die Kreuzzüge, die großen Inquisitionen, die Verfolgung der Indianer in Südamerika, der Sklavenhandel. Auf seinen zahlreichen Reisen ist er selbstkritisch auf Vorkommnisse eingegangen, die zum Geist des Evangeliums in eklatantem Widerspruch standen. Etwa hundert solcher Bekenntnisse lassen sich nachweisen; bei zahlreichen verbindet er damit die Bitte um Vergebung. Am 12. März 2000 legte er im Petersdom ein umfassendes Schuldbekenntnis für die Verfehlungen in der Geschichte ab. Die spektakuläre Geste war so gestaltet, daß auch die Kurienkardinäle aktiv in die Feier einbezogen wurden. Für jede der sieben Vergebungsbitten trat ein Kardinal vor und entzündete einen Docht an einem siebenarmigen Leuchter {6}.

Doch die wohl erschütterndste Begegnung war diejenige mit dem Judentum: sein Schuldbekenntnis, sein Gebet an der Klagemauer und sein Besuch in Yad Vashem im März 2000. Es war eine Stunde, in der ein Christ den Atem anhalten konnte. Freunde, die Johannes Paul II. durchaus positiv gegenüberstanden, sagten mir, sie hätten gewünscht, ein Engel käme und entführe den von Parkinson gezeichneten, niedergebeugt ins Gebet versunkenen Papst in jenes Reich, dessen Hoffnungsträger er war. So packend war die religiöse Dichte dieser Stunde auf dem Hintergrund der leidvollen Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden.

 

Vom Athleten zum Schmerzensmann

Aber Johannes Paul II. blieb auf dieser Erde. Trotz fortschreitender Lähmung nahm er seine Amtsaufgaben wahr und verzichtete auch nicht auf Reisen, soweit sie ihm wichtig erschienen, zum Beispiel 1998 nach Kuba. Das Auge sah jetzt einen ande-

 


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ren Menschen, aber welch einen Menschen! Vom sportlichen, siegreichen Helden, der sich 1978 an der Loggia von St. Peter gezeigt hatte, war nichts mehr zu merken. Zu sehen war vielmehr ein Schmerzensmann, der gegen seine Krankheit ankämpfte. Mit bewundernswerter Energie lieferte er den Beweis, daß auch einem schwachen Körper ein starker Geist innewohnen kann. Obwohl er dem Märtyrertod nicht wie ein Petrus entgegenging, bewahrheiteten sich an ihm die Worte, die Jesus an Petrus gerichtet hat: "Amen, Amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst" (Joh 21, 18).

Zugegeben sei, daß der zittrige, erbarmungswürdige Greis - sogar in seiner polnischen Muttersprache schwer verständlich - zu einer Jammergestalt wurde, die die Welt provozieren mußte. Die moderne Welt hatte Körperkult und ewige Jugend als ihre Zukunftsverheißung verkündet. Nun forderte eine Jammergestalt sie in ihrem Credo heraus. Der Mann, dem in seinen gesunden Zeiten Millionen zugejubelt hatten, blieb bis in die letzten Tage seiner Krankheit ein Muntermacher für Alte, Kranke, Gebrechliche, Behinderte. Auch sein Sterben war öffentlich. Das paßte zu ihm. So konnte die Welt, die er zu einer einzigen Pfarrei gemacht hatte, an seinem Kalvaria teilnehmen.

Einer, der das "memento mori" von Karol Wojtyla verstand, war Martin Walser, der vermerkte: "Der Papst hat mich noch nie so für sich eingenommen wie jetzt. Die bescheidene Theatralik früherer Jahre, die mich eher gerührt als fasziniert hat, ist weg. Übriggeblieben ist der pure Kampf um noch und noch eine Stunde Leben. Da kämpft man ganz von selbst mit."

Der Charismatiker Johannes Paul II. ist in seinen letzten Lebensjahren zur Christusikone geworden, Größe und Vergänglichkeit des Menschen, Macht und Ohnmacht des Papsttums spiegelnd. In den letzten Jahren darauf angesprochen, ob er angesichts seiner körperlichen Beschwerden nicht von seinem Amt zurücktreten wolle, soll er geantwortet haben: "Christus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen." So stand er bis zuletzt in jener messianischen polnischen Tradition, die den Schmerzensmann auf den Auferstandenen blicken läßt und jedes Leiden, auch dasjenige des Karol Wojtyla, mit der Hoffnung des Aufgehobenseins bei Gott verbindet.

 

Die Vision: Versöhnung der Menschen untereinander und mit Gott

Blenden wir zurück zu den Bildern seiner Beerdigung. Auch wenn wir das unverhergesehene Stelldichein von Politikern und Staatsmännern nicht zu einem säkularen Event stilisieren wollen, so stimmt dieser Aufmarsch doch sehr nachdenklich. Timothy Garton Ash behauptet, daß nicht Präsident George W. Bush, sondern Johannes Paul II. die eigentliche Führungspersönlichkeit, der geheime Herrscher der

 


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Menschen dieser Welt war. Es ist ein posthumer Triumph für Johannes Paul II., mit Hingabe an seinen Verkündigungsauftrag und im Einfordern von Gerechtigkeit die Menschen wachgerüttelt zu haben. Daß Millionen von Menschen diesem Papst ihren Dank bezeugten und sich mit ihm verbunden fühlten, geht über die übliche Trauer bei solchen Anlässen hinaus. Wie weit sind christliche Verantwortungsträger bereit, das Vertrauen, das ihnen auf Grund des Zeugnisses Johannes Paul II. entgegengebracht wird, weiterzuentwickeln, anstatt vor dem Mut des Papstes Angst zu haben?

Es kann ja nicht darum gehen, den Nachfolger Johannes Paul II. auf dessen Format festzulegen. Der Papst, der aus der Kälte kam, entzieht sich den landläufigen Etikettierungen und bleibt einmalig. "Nach außen groß, nach innen klein", lautete eine der Formeln auf die man ihn festlegen wollte. "Menschennah - weltweit - kircheneng", hieß eine andere. Keine dieser Formeln wird Karol Wojtyla gerecht; erst recht nicht der Titel eines Papstes der Widersprüche. Er wollte ein Missionar der Botschaft Christi sein und so zu einer mit Gott und untereinander versöhnten Menschheit beitragen. Dafür wollte er die Kirche bereithalten, suchte und fand er Mitarbeiter, stieß aber auch an die eigenen Grenzen {7}.

Es verhält sich aber nicht so, daß er seinem Nachfolger eine problemlose Kirche hinterlassen hätte. Eine Reihe von Problemen hat er von seinen Vorgängern geerbt, so etwa das verordnete Charisma des Priesterzölibates. Daran hat er nicht gerüttelt, obwohl anthropologische und andere Erkenntnisse eine Revision nahelegten. Mit dem ungeschickten Verbot der Diskussion über die Frauenordination war die Frage selber nicht gelöst, wenn auch bei ihm im Problemkreis Kirche und Frau ein gewisses Umdenken nicht in Abrede zu stellen ist {8}. Angesichts der Prioritäten, die er sich gesetzt hatte, wurde zwangsläufig die Macht kurialer Instanzen gestärkt; der kollegiale Anteil der Bischofssynoden an der Kirchenleitung, auf den das Zweite Vatikanische Konzil große Hoffnungen gesetzt hatte, blieb vage und unbestimmt. In ihren pastoralen Bedürfnissen verhallte die Stimme der Ortskirchen öfter ungehört. Wo ein Nuntius oder päpstliche Ratgeber versagten, kam es zu seriellen Mißgriffen bei Bischofsernennungen. Das traf zum Beispiel Österreich besonders hart {9}. Auch in der Schweiz bei der Besetzung des Churer Bischofssitzes durch Wolfgang Haas kam es zu einem sinnlosen Kirchenstreit, der mit einem argen kirchlichen Autoritätsverlust seinen Abschluß fand. Dem starken Papst gegenüber fehlten starke Bischöfe, die in der Konsequenz ihres Gewissens abweichende Auffassungen durchgetragen hätten, wie Bischof Franz Kamphaus von Limburg in der Angelegenheit der kirchlichen Beratungsstellen. Sich hinter den breiten Schultern des Papstes zu verstecken ist zu einer episkopalen Untugend geworden, auch wenn man sich keinen so sehr auseinanderdriftenden episkopalen Pluralismus wie in der anglikanischen Kirche wünschte.

Das Schlußwort geben wir Thomas J. Reese, dem Herausgeber der Zeitschrift "America":

 


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"Millionen von Menschen suchten die Begegnung mit dem Papst und hörten seine Predigt. 'Was wollten sie sehen? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?' Sie kamen, um einen heiligmäßigen Mann zu sehen, einen Mann, der Überzeugungen und Grundsätze besaß, einen Mann, der sich um sie sorgte, einen Mann, der den Lauf der Geschichte verändert hat. In unseren Tagen sagen politische Führer nur dasjenige, von dem ihre Berater meinen, daß es die Menschen hören wollen ... Da war Johannes Paul ganz anders. Er sprach aus Überzeugung, er besaß Grundsätze, er forderte heraus und sagte auch harte Dinge. Sogar diejenigen, die mit ihm nicht übereinstimmten, bewunderten seine Geradlinigkeit und seine Überzeugungskraft. Man wird ihn sehr vermissen. Sein Nachfolger wird keine leichte Aufgabe haben. Er möge ruhen in Frieden."

 

Anmerkungen

{1} Aus der Überfülle der Biographien seien zitiert: G. Weigel, Zeuge der Hoffnung. Johannes Paul II. (Paderborn ²2003); J. Ross, Der Papst. Johannes Paul II. Drama u. Geheimnis (Berlin 2000); L. Ring-Eifel, Johannes Paul II. Der Mensch - der Papst - das Vermächtnis (Freiburg 2005). - Von den Würdigungen, die beim Tod Johannes Pauls II. erschienen, seien erwähnt: T. Garton Ash, The First World Leader. The greatest political actor of our time leaves us the challenge of moral globalisation, in: The Guardian, 4.4.2005; H.-J. Fischer, Ein Werkzeug Gottes. An den Grundfesten der Kirche ließ der Papst nicht rütteln, in: FAZ, 4.4.2005; L. Ferry, in Le Soir, 6.4.2005; - Die Neue Zürcher Zeitung brachte eine Reihe von informativen Aufsätzen zur Persönlichkeit und zum Pontifikat Johannes Pauls II., die im Text zitiert werden.

{2} H. Helbling, der Papst, der aus der Kälte kam, in: NZZ, 4.4.2005.

{3} H. Maier, Wie viele Divisionen? Diplomatie u. Öffnung - das Papsttum in der Gegenwart, in: NZZ, 9./10.4.2005. Vgl. ders., Braucht Rom eine Regierung?, in dieser Zs. 219 (2001) 147-160.

{4} Garton Ash (Vgl. A. 1).

{5} O. Kallscheuer, Antikommunismus u. Antikapitalismus. Politische Aspekte des Pontifikats Johannes Pauls II., in: NZZ 9./10.4.2005.

{6} V. Conzemius, Historie und Schuld. Johannes Paul II. auf den Spuren von Lord Acton?, in: RQ 95 (2000) 94-109.

{7} Vgl. dazu: J. Grootaers Vorlesungsreihe (Manuskript) zum Thema: Trois décennies de l'Eglise catholicque: stagnation ou renouveau? Université catholique de Louvain 2001; G. Zizola, L'ultimo trono. Papa Wojtyla e il futuro della chiesa (Milano 2001); M. Deneken, Die Kirche nach Papst Johannes Paul II. - Anforderungen für die Zukunft: Vortrag in der Katholischen Akademie in Bayern am 14.4.2005.

{8} E. Gössmann, Interreligiöser Friede, Genius der Frau. Hat Johannes Paul II. Hoffnung keimen lassen?, in: NZZ, 9./10.4.2005.

{9} G. Greshake, Nach dem Fall Krenn. Streiflichter zur jüngsten österreichischen Kirchengeschichte, in: HerKorr 58 (2004) 589ff.

 

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