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Eberhard von Gemmingen SJ

Radio Vatican

Vorwort des deutschsprachigen Programmheftes 2003

English Version

 

Liebe HörerInnen,

die Welt ist bewegt von den Spannungen zwischen den Religionen und Kulturen. Sie diskutiert über einen "Präventivkrieg" gegen den Irak. Die arabische und islamische Welt hat immer mehr den Eindruck, dass es dem "Westen" nur um Öl geht.

Viele Muslime von Indonesien bis Marokko fürchten aber noch viel mehr, dass ihnen der "westliche Lebensstil" aufgedrängt werden soll und damit ihre traditionelle Lebensordnung umgeworfen wird. Konkret heißt das z.B., dass Frauen sich in der Öffentlichkeit wenig bekleidet zeigen dürfen, dass der Vater die Autorität über seine Kinder verliert, dass die Gebets-, Fasten- und Almosenordnung über den Haufen geworfen wird, dass ein westlicher Liberalismus kommt, in dem es keine Moral mehr gibt.

Wie berechtigt sind solche Befürchtungen? Und darf der Westen - aus Rücksicht vor muslimischen Lebensgewohnheiten - seine Prinzipien aufgeben oder relativieren? Z.B. die Überzeugung, dass die Ehe ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Mann und Frau ist, dass Kinder ab einem gewissen Alter ihr Leben selbst verantworten dürfen?

Nein, der Westen darf keine seiner grundlegenden Prinzipien über Freiheit, Gerechtigkeit, Humanität aufgeben, aber er darf den Muslimen seine Lebensvorstellungen nicht aufdrängen. Das allerdings tut er durch Fernsehen, Zeitschriften, Filme. Ich kann Muslime verstehen, wenn sie sich gegen diese heimliche Unterwanderung wehren. Sie werden ihre traditionelle Lebensordnung im Lauf der kommenden Jahrzehnte teilweise ändern. Aber dies ist ein schmerzlicher Prozess. Wenn er von außen erzwungen wird, wird dies zu gegenteiligen Reaktionen verführen.

Es ist ja auch bekannt, dass es in den arabischen Ländern kaum Demokratie gibt. Der Prozess der Demokratisierung hat auch in Europa Jahrhunderte gebraucht, und er war schmerzlich. Die Modernisierungsprozesse werden heute aufgrund der globalen Vernetzung schneller gehen. Aber Änderungen im Bereich der Lebensführung, der Familienethik, der Kindererziehung, der religiösen Normen und Bräuche greifen tief in das Leben jedes einzelnen Menschen ein. Daher brauchen sie besonders viel Zeit.

Noch ein Wort zur globalisierten Wirtschaft. Wohl alle Völker der Erde möchten heute am "großen Kuchen" teilhaben. Mit der wirtschaftlichen Verflechtung kommt die kulturelle Invasion des Westens. Die Führungen der islamisch geprägten Staaten und die arabische Welt werden immer wieder entscheiden müssen, wieviel westlichen Einfluss sie aufgrund der ökonomischen Verflechtung zulassen. Der Westen aber muss sich darüber Rechenschaft geben, dass seine Partner mit anderen kulturellen Vorstellungen vor enormen Herausforderungen stehen.

Wenn der Westen weiterhin so unsensibel vorgeht wie in den letzten Jahrzehnten, dann wird es noch viel mehr "Clash of Civilisation" geben. Es ist ja doch bemerkenswert, dass im Moment alle arabischen Staaten die Partei von Saddam Hussein ergreifen, obwohl sie ihn persönlich und sein Regime ablehnen. Aber wenn die "Familie" von außen angegriffen wird, dann stellt man sich eben auf die Seite des ungeliebten Familienmitglieds. Ich würde allen westlichen Politikern gerne zurufen: Wenn ihr nur an Verteidigung gegen Terroristen denkt, dann denkt ihr wirklich viel zu kurz. Fragt Euch lieber, auf welchem Nährboden die Terroristen gewachsen sind. Das sind nicht nur die Taliban, sondern es sind Kulturen, die sich bedroht fühlen und jetzt zurückschlagen.

Vielleicht brauchen unsere westlichen Führer Nachhilfe in Religion und Psychologie.

 

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