Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Stefan Silber

Theologie der Befreiung im Religionsdialog

Eine neue Entwicklung in Lateinamerika

 

Aus: Stimmen der Zeit, Heft 7, Juli 2005, p. 484-488

Die Befreiung der Armen ist in der Gegenwart ohne den Dialog mit den Angehörigen aller Religionen nicht mehr vorstellbar. Denn die Religionen tragen nicht nur große Verantwortung für die Entstehung von Armut, sondern bergen auch wesentliches Potential für ihre Überwindung. Aus dieser Einsicht beginnt sich seit wenigen Jahren in der Theologie der Befreiung eine neue Stimme zu erheben, die nach der Auseinandersetzung mit der Religionstheologie, speziell deren pluralistischer Ausrichtung, ruft.

Auch wenn diese Entwicklung erst seit etwa fünf Jahren konkret greifbar ist, können ihre Wurzeln bis in die Anfänge der Theologie der Befreiung verfolgt werden. Denn diese Theologie lebte zwar immer von einer starken, von barthscher und marxscher Religionskritik genährten Skepsis gegenüber religiösen Ausdrucksformen und ihren entfremdenden Wirkungen, besonders auf die Armen. Zugleich bewirkte aber die Option für die Armen von Anfang an eine große Aufmerksamkeit und ein zunehmendes Wohlwollen für die religiösen Erfahrungen der Armen. Besonders in den Basisgemeinden und in ähnlichen Formen kirchlicher Neuschöpfung wuchs bald ein neues Selbstbewußtsein heran, welches indigene, afroamerikanische und synkretistische Formen der Religiosität nicht nur tolerierte, sondern als Ausdruck der religiösen Selbstbestimmung der Armen ernst nahm und förderte. Die von Anfang an geltende Offenheit der Theologie der Befreiung für das, was das Konzil die Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens nannte (vgl. GS 52), machte den Dialog mit Atheisten ebenso selbstverständlich wie den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Menschen guten Willens, die zu anderen Religionen gehörten. Seit den 1990er Jahren nennt man diese Offenheit "Makroökumenismus" {1} - ein Ökumenismus, der über die Zusammenarbeit zwischen den christlichen Kirchen hinausgeht.

Aus der Offenheit für die religiösen Erfahrungen der Armen erwuchs in den 80er und 90er Jahren darüber hinaus das theologische Paradigma der Inkulturation. Parallel dazu und in vieler Hinsicht radikaler und klarer entstand die theologische Bewegung der "Theología India" (indigene Theologie) {2} mit ihren zahlreichen lokalen und regionalen Kontextualisierungen. Im Gegensatz zu den meisten Theologien der Inkulturation betreibt die Theología India den Dialog mit den indigenen Religionen und bereitet damit die Auseinandersetzung der Theologie der Befreiung mit der pluralistische Religionstheologie vor.

Diese Auseinandersetzung war von asiatischen und nordamerkanischen Theologen wie Aloysius Pieris und Paul Knitter bereits seit längerem gefordert worden. Als ihr erster Meilenstein kann der Kongreß der brasilianischen Gesellschaft für Theologie und Religionswissenschaften SOTER im Juli 2000 genannt werden. Die Publikation der Beiträge zu diesem Kongreß {3} dokumentiert den Aufbruch in der Theologie der Befreiung zu der Auseinandersetzung mit dem religiösen Pluralismus. Es folgten zahlreiche weitere Publikationen in der nicaraguanischen Zeitschrift "Alternativas" {4}, in der im

 


484

Internet erscheinenden "Revista electrónica Latinoamericana de Teología" (RELaT) {5}, in Concilium {6} sowie in weiteren Zeitschriften.

Die V. Generalversammlung der Ökumenischen Vereinigung der Theologinnen und Theologen der Dritten Welt (EATWOT), die unter dem Eindruck der Attentate vom 11. September vom 24. September bis 1. Oktober 2001 in Quito stattfand, gab den Anstoß für ein ambitioniertes Publikationsprojekt, das die theologische Auseinandersetzung um Pluralismus und Befreiung nicht nur dokumentieren, sondern auch vorantreiben soll. Die beiden ersten Titel {7} einer auf fünf Bände angelegten Serie, in der diese Auseinandersetzung bis hin zu einer neuen Sythese betrieben werden soll, sind bereits erschienen. Auch auf dem "Weltforum Theologie und Befreiung", das vom 20. bis 25. Januar 2005 in Porto Alegre unmittelbar vor dem Weltsozialforum stattfand und an dem 200 Theologen und Theologinnen aus allen Kontinenten teilnahmen, spielte die Frage des interreligiösen Dialogs eine wichtige Rolle.

Viele der genannten Publikationen zeugen davon, daß die Begegnung mit der Welt der Religonen als neu empfunden wird. Denn auf dem lateinamerkanischen Kontinent, der nach eigenem Selbstverständnis immer noch katholisch ist, schien für die Theologie der Befreiung lange Jahre hinweg nicht die Notwendigkeit zu bestehen, sich mit den nichtchristlichen Religionen zu befassen. Die wachsende Offenheit für die indigenen und afroamerikanischen Religionen bereitete die Theologie aber darauf vor, zu Beginn des neuen Jahrtausends unter dem Eindruck religiöser Motive, die für Terroranschläge und Kriege in Anspruch genommen werden, die Dringlichkeit einer Auseinandersetzung mit dem religiösen Pluralismus zu erkennen. Diese wird daher meist als neu, notwendig und spannend charakterisiert, und gelegentlich schimmert die Frage durch: Warum haben wir uns diesem Thema nicht schon längst gestellt?

Notwendig ist die Auseinandersetzung aber nicht nur wegen der wachsenden politischen Bedeutung der Religionen, sondern auch, weil die Theologie der Befreiung, um der Option für die Armen treu zu bleiben, sich den religiösen Erfahrungen der Armen stellen muß. Außerhalb Lateinamerikas sind diese Armen aber in ihrer Mehrheit Nichtchristen, und der Dialog mit ihnen führt notwendigerweise zum interreligiösen Dialog. Angesichts globaler Strukturen von Unterdrückung und Verarmung kann die Option für die Armen sich ja nicht auf die Armen nur eines Kontinentes beziehen, sondern muß auch globale Strategien der Befreiung anzielen.

Der Dialog mit der Theologie des religiösen Pluralismus wird aber von den Vertretern und Vertreterinnen der Theologie der Befreiung nicht nur als ein Mittel zu effizienteren Strategien der Befreiung betrachtet, sondern vor allem als ein Zeichen der Zeit, das sie in Gestalt wachsender Armut und eines zunehmenden Bewußtseins für die Religionen der Welt herausfordert, die eigene Theologie neu auszurichten.

Die bereits vorliegende Literatur macht deutlich, daß es sich nicht darum handelt, daß die Theologie der Befreiung ein vergessenes Thema aufarbeitet. Die Herausforderung durch den religiösen Pluralismus führt vielmehr zu einer Auseinandersetzung über alle zentralen theologischen Themen und über die Frage nach der Theologie selbst. An dieser Auseinandersetzung sind darüber hinaus wichtige Strömungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Theologie der Befreiung entwickelt haben, beteiligt: Positionen aus der klassischen Theologie der Befreiung, aus der feministischen Theologie, aus den indigenen und den afroamerikanischen Theologien und der Theologie der Inkulturation treten in einen Dialog mit Überlegun-

 


485

gen aus der althergebrachten Theologie der Religionen und den Entwicklungen in der pluralistischen Religionstheologie. Die Beteiligung dieser verschiedenen Perspektiven und die Bezugnahme auf die zentralen theologischen Themen lassen erwarten, daß diese Auseinandersetzung tatsächlich zu einer grundlegenden Neuorientierung der Theologie führen wird.

Für die Theologie des religiösen Pluralismus entstehen die Religionen der Welt, nicht nur das Christentum, aus dem Dialog des offenbarenden Gottes mit dem hörenden und antwortenden Menschen. Die Religionen sind für die Vertreterinnen und Vertreter dieser theologischen Strömung Teil des Offenbarungs- und Heilsplanes Gottes. Die Theologinnen und Theologen der Befreiung, die den Dialog mit der pluralistischen Religionstheologie suchen, gehen meist von einer ähnlich positiven Bedeutung der Religionen aus, ohne dabei einer Relativierung oder einem Relativismus der Religionen zu verfallen. Die Anerkennung der Religionen ist für sie nicht eine taktische Maßnahme zu Beginn des Dialogs, so daß sie nur ihrer Existenz de facto gelten würde. Die Religionen werden vielmehr de iure anerkannt - als je unterschiedliche Offenbarung Gottes an die Menschen verschiedener Regionen und Epochen. Die Eigenart der christlichen Offenbarung wird hierbei nicht geschmälert, aber auch nicht einseitig absolut gesetzt. Denn - und hier scheint das Erbe der barthschen Religionskritik durch - Gott ist größer als jede Religion, auch größer als das Christentum.

Die Anerkennung der Religionen hat für die Theologie der Befreiung vor allem in zweierlei Hinsicht Konsequenzen: Zum einen steht die Anerkennung der religiösen Erfahrung der Armen im Mittelpunkt des Interesses. Deswegen nimmt auch die Auseinandersetzung mit den indigenen und afroamerikanischen Religionen einen prominenten Platz in dieser Diskussion ein. Zum anderen ist man sich aber auch bewußt, daß die Anerkennung der Religionen im fundamentalen Gegensatz zur Politik der Vereinigten Staaten und der westlichen Welt insgesamt steht. Auch fehlt nicht der Hinweis auf den Widerstand gegen die Abgrenzungspolitik des Vatikans und fundamentalistischer Tendenzen in anderen Religionen. Die Anerkennung der Religionen und die Suche nach Dialog und Zusammenarbeit mit ihnen leisten in der gegenwärtigen Lage der Welt einen Beitrag zur Befreiung der Armen.

Die Anerkennung der religiösen Erfahrungen der Armen schließt natürlich ein, daß auch synkretistische Religionsformen und doppelte Religionszugehörigkeit, wie sie unter Armen häufig vorkommen, bejaht werden. Gerade die indigenen und afroamerikanischen Theologien der Befreiung haben die Bedeutung dieser Anerkennung in den letzten Jahren eindrucksvoll herausgestellt. So ergeben sich weitere interessante Berührungspunkte in diesem Bereich mit Überlegungen aus der pluralistischen Religionstheologie Asiens.

Über die uneingeschränkte Anerkennung der Religionen als Teil des Heilsplans Gottes vergißt die Theologie der Befreiung aber nicht ihre traditionelle Religionskritik, besonders dann nicht, wenn die Verantwortung der Religionen für Gewalt, für die Entstehung von Armut und die Verhinderung von Befreiung thematisiert werden muß. Die klassische innerkirchliche Kritik an ekklesialen Strukturen und theologischen Vorwänden, die zu Lasten der Armen gehen, weitet sich auf eine quasi "innerreligiöse" Kritik hin. Bei allem Wohlwollen gegenüber den nichtchristlichen Religionen und trotz ihrer fundamentalen Anerkennung, die dadurch nicht entwertet wird, kann es für die Theologie der Befreiung keinen interreligiösen Dialog auf dem Rücken der Armen geben. Die Religionen werden vielmehr mit

 


486

demselben Maß gemessen, mit dem die Theologie der Befreiung auch die christliche Religion und die westliche Welt mißt: Menschenwürde, Gerechtigkeit und Befreiung.

Hierin ist der wichtigste Beitrag der Theologie der Befreiung in ihrem Dialog mit der pluralistischen Religionstheologie zu sehen. Der interreligiöse Dialog ist für diese Autoren und Autorinnen kein Wert an sich, sondern steht im Dienst der Gerechtigkeit und der Befreiung. Die Religionskritik im Namen der Armen ist integraler Bestandteil des interreligiösen Dialogs. Dabei geht es nicht um eine fundamentale Kritik jeder religiösen Ausdrucksform, sondern um eine gezielte Kritik an einzelnen religiösen Verhältnissen, Lehren und Institutionen, die Ungerechtigkeit schaffen und Befreiung behindern. Die grundsätzliche Anerkennung aller Religionen bleibt deshalb unangetastet. Vielmehr werden gerade die Religionen selbst als Garanten von Menschenwürde und Solidarität angerufen. Angesichts der notwendigen Religionskritik setzt die Theologie der Befreiung nicht auf die Überwindung der Religionen, sondern auf ihre Bekehrung zu den Armen.

Diese Bekehrung wird nicht als eine Bekehrung aller zum Christentum oder zum christlichen Gottesbild verstanden. Vielmehr wird von den Religionen gerade die Treue zur eigenen Tradition und die Abkehr von fundamentalistischen Tendenzen erwartet. Die Option für die Armen, die sich bei der innerchristlichen Religionskritik bereits bewährt hat, kann dabei als Meßlatte dienen, um unmenschliche und ungerechte religiöse Strukturen zu identifizieren und zu denunzieren. Diese Option gehört wesentlich zum Beitrag von Christinnen und Christen zum interreligiösen Dialog.

Die Begegnung der Theologie der Befreiung mit der Theologie des religiösen Pluralismus zeitigt zahlreiche Konsequenzen in den wichtigsten Themen der Theologie. Während in der Gottesfrage bislang der Monotheismus als Garant der Befreiung von Götzendienst und Unterdrückung betrachtet wurde, treten nun auch die Aspekte der Einseitigkeit und historischen Intoleranz des Monotheismus in den Blick. Durch die Offenheit für den religiösen Pluralismus erlangen jetzt auch andere Namen und Erscheinungsformen des Göttlichen Bedeutung in der Theologie der Befreiung, weil anerkannt wird, daß ein monotheistisches Gottesbild, das einseitig männlich, weiß und dominant geprägt ist, sich zur Unterdrückung von Frauen und Menschen indigener und afroamerikanischer Abstammung mißbrauchen läßt. Die prophetische Kritik der menschenverachtenden Götzen der neoliberalen westlichen Welt dennoch aufrechtzuerhalten, stellt eine neue Herausforderung an die Formulierung des monothesistischen christlichen Gottesbildes dar. Es wird nötig sein zu zeigen, daß Gott, der größer ist als alle Religionen, sich aber unter vielen Namen offenbart hat, in dieser Pluralität als der Anwalt der Armen identifiziert werden kann.

Eine ähnliche Herausforderung besteht auch in der Christologie. Denn diese nimmt eine höchst prominente Stellung in der klassischen Theologie der Befreiung ein. Muß sie - in der Tradition John Hicks - gewissermaßen heruntergestuft werden, um den anderen Religionen entgegenzukommen, oder kann das Christentum einen universalen Befreier proklamieren, ohne die Möglichkeiten der Befreiung, die in anderen Religionen existieren, abzuwerten? Angesichts des Dialogs mit den anderen Religionen wird die Theologie der Befreiung ihre Christologie neu diskutieren müssen.

Die Konsequenzen für die Ekklesiologie scheinen leichter zu ziehen sein. Denn die vom Konzil festgestellte Differenz zwischen Kirche und Reich Gottes ermöglicht es, der Kirche auch im interreligiösen Dialog eine

 


487

dienende Funktion zuzuweisen. Die Angehörigen der anderen Religionen sind auf die Kirche hingeordnet, nicht weil es ihre Berufung ist, sich zu ihr zu bekehren, sondern weil alle Menschen guten Willens gemeinsam mit den Armen an ihrer Befreiung arbeiten sollen. Die Lehre von der Kirche der Armen in der Theologie der Befreiung kann sich also in der Begegnung mit dem religiösen Pluralismus weiterentwickeln.

Wie bei diesen zentralen theologischen Themen wird die Theologie der Befreiung in vielen Fällen neu reflektieren, welche Konsequenzen die Begegnung mit dem religiösen Pluralismus für sie hat. Auch das Thema der Offenbarung, die Stellung der Bibel und der Tradition, die Bedeutung des Amtes und der Sakramente fordern eine vertiefte Auseinandersetzung unter den Augen nicht nur der Armen, sondern auch der Religionen der Welt.

Die Begegnung der Theologie der Befreiung mit dem Pluralismus der Religionen ist - wie in dieser kurzen Reflexion nur angedeutet werden konnte - ein spannendes und zukunftsweisendes Projekt. Im Angesicht der Armen und im Dialog mit den Religionen entstehen neue Wege in eine menschenfreundlichere und gerechtere Zukunft. Es ist den Theologinnen und Theologen Lateinamerikas zu wünschen, daß viele Menschen guten Willens von allen Kontinenten und aus allen Religionen an diesem Projekt mitarbeiten.

 

Anmerkungen

{1} J.M. Vigil, Macroecumenismo: teología de las religiones latinoamericana, in: Alternativas 11 (2004) 27, 109-126.

{2} Vgl. v.a. E.H. López, Teología Indía. Antología (Cochabamba 2000).

{3} Vgl. Sarça Ardente. Teología na América Latina. Prospectivas, hg. v. L.C. Susin (São Paulo 2000); vgl. auch die Nr. 20/21 (2001) der Zeitschrift Alternativas unter dem Titel "Pluralismo y teologías en díalogo".

{4} Vgl. besonders die Nr. 27 (2004) unter dem Titel: "La teología ante el pluralismo religioso".

{5} www.servicioskoinonia.org/relat/; vgl. auch die anderen Publikationen der Servicios Koinonia sowie die letzten Ausgaben (2002-2005) des von J. M. Vigil und P. Casaldáliga herausgegebenen Jahrbuchs Agenda Latino-Americana-Mundial (www.latinoamericana.org).

{6} Vgl. bes. die von J. O. Beozzo u. L. C. Susin herausgegebene Nr. 3/2002 unter dem Titel "Brasilien: Volk und Kirche(n)".

{7} Por los muchos cominos de Dios. Desafíos del pluralismo religioso a la teología de la liberación, hg. v. der Asociación Ecuménica de Teólogos y Teólogas del Tercer Mundo (Quito 2003); Por los muchos caminos de Dios II. Hacia una teología cristiana y latinoamericana del pluralismo religioso, hg. v. der Asociación Ecuménica de Teólogos y Teólogas del Tercer Mundo (Zaragoza 2004).