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Michael Schrom

Orthodoxie wohin?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 1/2009 S. 5-9

 

    Auch im östlichen Christentum gibt es einen Widerspruch zwischen dem modernen Lebensgefühl und dem Reformstau in Glaube und Kirche. Eine Begegnung mit der Orthodoxie von Griechenland.

Die Gewalt kam über Nacht, und sie kam mit einer Wucht, die niemand für möglich gehalten hätte. Am Donnerstag ließ sich kein Taxi auftreiben, weil Demonstranten eine große Verkehrsachse blockiert hatten. Das ist in Athen, einer der streikfreudigsten Städte Europas, nicht ungewöhnlich. Am Freitag hatte sich ein Häuflein Studenten in der Nähe der Universität mit Spruchbändern und Parolen versammelt. Sie protestierten gegen die geplante Einführung privater Universitäten. Die Furcht ist groß, dass das ohnehin schlecht beleumundete staatliche Bildungswesen weiter abgewertet werden könnte. Die Polizei beobachtete die Szene aus gepanzerten Bussen. Seit dem blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand von 1973 gibt es ein Gesetz, dass die Polizei das Universitätsgelände nicht betreten darf. Am Samstag reiste unsere Journalistengruppe, die durch Vermittlung des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Österreich, Michael Staikos, des Grazer Theologen Grigorios Larentzakis und der Nachrichtenagentur Kathpress fünf Tage mit Politikern und Kirchenführern zu Gesprächen zusammenkam, zurück. In der Nacht zum Sonntag stand Athen in Flammen.

Über 400 Geschäfte und Banken wurden angegriffen, die Auslagen geplündert oder angezündet. Nächtelang durchlitt die Stadt eine Orgie der Gewalt. Auslöser der Krawalle war der Tod eines Fünfzehnjährigen, der - absichtlich oder unabsichtlich - von einer Polizeikugel getroffen wurde. Doch die tieferen Gründe für die Wut, die Raserei, die rasch auf andere griechische Städte übersprang, bleiben nach wie vor rätselhaft.

Nirgendwo in Europa ist die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen so hoch wie in Griechenland. Kein Land schneidet europaweit schlechter beim Pisa-Test ab. Für Berufsanfänger sind die Einstiegslöhne so niedrig, dass es kaum für die Miete reicht, geschweige denn für eine Familiengründung. Sarkastisch spricht man von der "Generation 700". So viele Euro beträgt im Schnitt der Anfangslohn eines Universitätsabsolventen. Der Wandel von einem klassischen Auswanderungsland zu einem Einwanderungsland - vor allem Albaner, Polen, Philippinos und Flüchtlinge aus afrikanischen Staaten erhoffen sich in Griechenland ein besseres Leben - schafft nicht nur Probleme auf dem Arbeitsmarkt, sondern bereitet auch den Boden für nationalistische Populisten.

Am meisten leidet das Land an seiner inneren Stagnation und seiner Reformunfähigkeit. Selbstherrliche Vetternwirtschaft und parteitaktische Winkelzüge sind an der Tagesordnung. Die Politikverdrossenheit wächst angesichts von Skandalen und Korruption dramatisch. "Wir bieten ihnen täglich Fernsehshows, in denen von einer rechtswidrigen Bereicherung namhafter Politiker die Rede ist, von Geistlichen, die sich des Geldes wegen in die Haare geraten, von einer Justiz, die in der Regel den Reichen dient, und von Politikern, welche die Willkür zur Normalität erklärt haben. Wir können ihnen aber keine Zuversicht und keinen Optimismus einflössen, weil wir selber beides längst verloren haben", schrieb die Zeitung "Kathimerini" nach den Krawallen.

In einer solchen Stunde der nationalen Ratlosigkeit und Not ist es eigentlich Tradition, dass die orthodoxe Kirche in Griechenland das Wort ergreift. Sie ist in den Augen etlicher Griechen immer noch eine moralische Autorität, eine Bewahrerin und Beschützerin des Volkes, des Griechentums. Doch es bleibt auffallend still. Während so viele Gruppen mit dem Staat unzufrieden sind, scheint es kirchlicherseits keinen Grund zur Klage zu geben. Vielleicht möchte man sich auch nicht allzu laut vorwagen, weil das Ansehen der orthodoxen Nationalkirche durch dubiose Grundstücksgeschäfte einiger Athos-Klöster mit dem Staat auf einem historischen Tiefpunkt angekommen ist. Ein Minister musste bereits zurücktreten, und die Kollekten in den Kirchen sind um die

 


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Hälfte eingebrochen. In der Hierarchie gibt man sich dennoch gelassen. Dies sei eine Geschichte, die linke Medien aufbauschten, um eine Trennung von Staat und Kirche zu befördern, was nicht im Interesse des Volkes, des Staates und der Kirche sein könne, heißt es. Dass sich viele Gläubige auch in Griechenland innerlich längst vom Glaubensleben verabschiedet haben und die orthodoxen Riten an Hochfesten nur noch als angenehmes Brauchtum oder dazugehörende "Begleitmusik" wahrnehmen, scheint die Hierarchie bisher kaum zu beunruhigen. Ist man sich der festen Verankerung im Volk durch die Tradition zu sicher?

Die besondere Rolle der orthodoxen Kirche in Griechenland hat geschichtliche Gründe, die bis in die osmanische Herrschaft zurückgehen. Der Patriarch von Konstantinopel war für den Sultan das Oberhaupt der christlichen Einwohner in seinem Reich. So erhielt das kirchliche Führungsamt neue Funktionen, die weit über seine religiösen Aufgaben hinausgingen. Die Kirche wurde zu einem Staat im Staate, zur Hüterin und Patronin der christlichen und griechisch-völkischen Identität.

Als 1821 der Befreiungskampf gegen die Türken schließlich das moderne Griechenland hervorbrachte, war die Kirche ein wesentlicher Geburtshelfer, auch wenn man den Aufstand nicht, wie Andreas Michael Wittig in dem Buch "Die orthodoxe Kirche in Griechenland" herausgearbeitet hat, als einen "Kampf des Kreuzes gegen den Halbmond" bezeichnen kann. Schließlich war die Hierarchie fast geschlossen gegen die Erhebung. Sie kam sogar dem Wunsch der Türken nach, die aufständischen Christen zu exkommunizieren, und noch 1821 schrieb der in Konstantinopel residierende Patriarch von Jerusalem in einer "Väterlichen Ermahnung", dass dem Sultan seine Macht von der Vorsehung gegeben sei, um die Orthodoxie vor der Korruption durch den Westen zu bewahren.

Aber die einfachen Geistlichen und die Priestermönche mit ihrer engen Beziehung zum Volk, besonders zu jenen, die unter dem Joch der Türkenherrschaft am meisten zu leiden hatten, dachten anders. Sie waren es, die Geheimschulen unterhielten und die griechische Kultur weitergaben. Sie lebten mit den einfachen Leuten und konnten die Gemeinde prägen. Wo das Dorf eine ausschließlich christliche Bevölkerung hatte, verschmolz die Religion mit der nationalen Freiheitsbewegung. Es war eine Revolution von unten, die erst später von der Oberschicht aufgegriffen wurde. Seit dieser Zeit ist in Griechenland das Nationale mit dem Orthodoxen eng verbunden.

1850 bestätigte Konstantinopel der griechischen Kirche ihre Autokephalie (Selbstständigkeit), nachdem diese bereits 1833 einseitig ausgerufen worden war. Durch ihre Verdienste im Freiheitskampf und ihren enormen Grundbesitz - etwa ein Viertel der Landesfläche des neuen Staates gehörte den Klöstern - war die Kirche die entscheidende Wegbereiterin für den neuen Staat. "Was hat dieser Staat, was er nicht von der Kirche hat?", fragt Metropolit Michael Staikos selbstbewusst. Synallilie heißt das Fachwort für das besondere Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Darunter versteht man die aufrichtige und treue gegenseitige Zusammenarbeit. Es ist vom Standpunkt der orthodoxen Kirche aus die einzig richtige Form der Beziehung zwischen diesen beiden von Gott gestifteten Organisationen, die sich in jeweiliger Selbstständigkeit gegenseitig unterstützen und helfen sollen.

Die Präambel der griechischen Verfassung beginnt mit einer Anrufung an die "heilige, wesensgleiche und unteilbare Dreieinigkeit". Religiöse und nationale Feiertage fallen oft zusammen. Ausdrücklich hält die Verfassung fest: "Vorherrschende Religion in Griechenland ist die der östlich-orthodoxen Kirche Christi". Daraus werden weitreichende Privilegien abgeleitet. Doch die enge Verknüpfung von Nation und Kirche kann sich auch als Fluch erweisen, insbesondere dann, wenn sich engstirniger, nationalistischer Provinzialismus breit macht. Dies sei "eine Wunde und eine Plage", seufzt Staikos.

 

Wie Schildkröten unter Giraffen

Athen, einst ein Dorf von etwa 20 000 Einwohnern, wurde zur Hauptstadt. Heute wohnen in der Fünf-Millionen-Metropole fast die Hälfte aller griechischen Bürger. Das kleine Kirchlein Hagia Dynamis aus dem 17. Jahrhundert im Herzen der Stadt erinnert noch an die Zeit des Freiheitskampfes. Das Gotteshaus war damals eine Art Munitionsfabrik: Tagsüber musste für die Türken gearbeitet werden, nachts wurden Patronen für griechische Rebellen gefertigt, die man im Morgengrauen, verborgen unter dem Abfall, hinausschmuggelte. Heute ist die winzige Kirche von einem sechsstöckigen, gesichtslosen Hochhaus mit Stelzen überbaut, und es wirkt so, als hätte die moderne Geschäftswelt dem Gotteshaus einen kleinen Unterschlupf zur Verfügung gestellt, aus Nostalgiegründen.

Auch die Universitätskirche erscheint, umgeben von Hochhäusern in der zentralen Einkaufsstrasse, wie eine kleine Schildkröte unter Giraffen. Die kleinen, aber zahlreichen Gotteshäuser - es gibt über 600 Kirchen in Athen - wirken bescheiden und sympathisch. Sie sind sozusagen auf Augenhöhe mit den Menschen. Immer wieder zünden Besucher eine Kerze an, es duftet nach Weihrauch, und Großmütter halten ihre kleinen Enkelkinder hoch, damit sie die Ikonen küssen können. Andererseits ist der Gottesdienstbesuch selbst an Festtagen nicht besonders hoch. In der orthodoxen Kathedrale, die der Verkündigung Mariens geweiht ist, nahmen an der Liturgie zum Nikolausfest an einem Samstagmorgen nicht mehr als fünfzehn Personen teil. Früher, noch vor zwanzig Jahren, erklärt der Dompfarrer, seien an Sonn- und Feiertagen die Menschen bis auf den Vorplatz hinaus gestanden. Heute kommen noch zweihundert bis vierhundert Gläubige am Sonntag zum Gottesdienst. Und das liege nicht nur daran, dass viele Menschen aus der Innenstadt fortziehen in die billigeren Quartiere der Vorstädte. Allenfalls noch zwölf Prozent der Gläubigen besuchen in Athen den sonntäglichen Gottesdienst, auf dem Land sind es etwas mehr. Aber: 97 Prozent der Griechen sind orthodox getauft, 98 Prozent der Ehen werden kirchlich geschlossen. Allerdings beträgt die Scheidungsrate annähernd fünfzig Prozent. Die griechisch-orthodoxe Kirche kennt im Unterschied zur römischen die Möglichkeit einer "kirchlichen Scheidung" ebenso wie die Erlaubnis einer zweiten und dritten Eheschließung. Den späteren Ehen geht zwar in der Liturgie ein Bußakt voraus und sie fallen nicht so feierlich aus wie die erste Hochzeit, gelten jedoch als vollgültiges Sakrament.

Der österreichische Botschafter Michael Linhart hat zu einem Empfang in seine Residenz im vornehmen Botschaftsviertel geladen. Gleich hinter der Eingangstür ist ein großes Foto zu sehen, das ihn mit Papst Johannes Paul II. zeigt. Dieser hatte 2001 auf Einladung des damaligen Erzbischofs Christodoulos Athen besucht. Mit diplomatischem Takt und großer Herzlichkeit begrüßt Linhart die orthodoxen Würdenträger ebenso wie den katholischen Erzbischof von Athen, Nikolaos Foskolos. Jeder weiß, dass die Situation für religiöse Minderheiten in Griechenland nicht leicht ist. So möge, wünscht der Botschafter, dieser Abend bei Wein und Plätzchen dazu beitragen, die "ökumenischen Kontakte zu vertiefen und Bekanntschaften zu knüpfen".

Ökumenische oder gar interreligiöse Gespräche gibt es in Griechenland auf offizieller Ebene nicht. In der Praxis kann die Situation jedoch sehr unterschiedlich sein,

 


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erzählt Foskolos. Durch Zuwanderung und Flüchtlinge ist die Zahl der Katholiken in Griechenland in den letzten Jahren stark gestiegen, auf etwa 300 000. Doch eine Verbesserung der rechtlichen Situation der katholischen Kirche lässt trotz vieler Versprechungen noch auf sich warten. Immerhin hat die Europäische Union ein Gesetz kassiert, das für den Bau nichtorthodoxer christlicher Gotteshäuser die Zustimmung des örtlichen orthodoxen Metropoliten verlangte. Dennoch bleibe es schwierig, eine katholische Kirche zu bauen. Katholische Jugendliche müssten Hänseleien und Benachteiligungen erdulden, bis in die Armee hinein. Umgangssprachlich werden die Katholiken bisweilen "Franken" genannt, in Anspielung auf die Zerstörung Konstantinopels durch die Franken im Jahr 1204.

Dann erzählt Bischof Foskolos vom Andreasfest auf Patras. Dort gibt es zwei Andreas-Gemeinden, eine orthodoxe und eine katholische. Jedes Jahr lädt der Bürgermeister beim Patrozinium zu einem Empfang mit Essen. Doch letztes Jahr weigerten sich die orthodoxen Würdenträger demonstrativ, mit dem katholischen Bischof an einem Tisch zu sitzen. Dieses Jahr wurde er von vorneherein an einen anderen Tisch gebracht. Er möchte die Situation der Katholiken zwar nicht mit der Lage der Christen in der Türkei vergleichen, sagt Foskolos, aber wenn man die Mechanismen der nationalistisch-ausgrenzenden Denkweise betrachte, gebe es durchaus strukturelle Ähnlichkeiten. Ob ein neues Kirchengesetz, das derzeit von einer gemischten Kommission erarbeitet wird, Abhilfe schaffen kann? "Abwarten", meint Foskolos.

 

Nur ein Phänomen des Westens?

Unterhalb der Akropolis liegt in einer gartenähnlichen Anlage der Areopag mit seinen beeindruckenden Ruinen. Hier hatte der Apostel Paulus einst den Athenern das Evangelium verkündet und manche Abweisung erfahren. "Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören", beschieden ihm die Athener, als er auf die Auferstehung der Toten und die Offenbarung Gottes zu sprechen kam (Apg 17,16-34). Im hektischen Treiben der Millionenstadt strahlt der Areopag eine faszinierende Ruhe aus. Nur ein paar Touristen schlendern durch die Säulen, den Fotoapparat in der Hand.

Vom Areopag zum Palais des orthodoxen Erzbischofs braucht man nur wenige Minuten. Dort empfängt uns Hieronymos, das Oberhaupt der autokephalen griechischen Kirche. Er genießt durch seinen ausgleichenden Charakter und seine tiefe Frömmigkeit großes Ansehen. Eine Entfremdung zwischen Kirche und Volk sieht er nicht, weder durch die offenkundige Säkularisierung noch durch die Skandale der letzten Zeit. Der Abfall vom christlichen Glauben infolge von Aufklärung, Modernisierung und Emanzipation sei kein östliches, sondern ein westliches Phänomen. In Zentraleuropa sei ein Stein ins Wasser geworfen worden, die Wellen erreichten leider allmählich auch Griechenland. Aber: Der Mensch schade sich selbst, wenn er sich von der Kirche abwende. Diese könne auch dann überleben, wenn nur noch zwei aufrechte, heilige Menschen ihr angehörten. Vom Atheismus jedoch werde niemand satt. Die Börsenkrise vergleicht Hieronymos mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Der Zusammenbruch der Finanzwelt könne dazu dienen, dass sich die Menschen wieder auf Gott besinnen.

 

Soll die Türkei in die EU?

Zwei Fragen sind es vor allem, die den Erzbischof bewegen. Zum einen: Wie gelingt es der orthodoxen Kirche, neu ein spiritueller Ort zu werden und nicht als Ministerium für religiöse Angelegenheiten wahrgenommen zu werden? Zum zweiten: Wie kann die asketische und caritative Dimension des Glaubens kirchlich gestärkt werden? In diesen Wünschen mag man eine gewisse Kurskorrektur zu der stark politisierenden und polarisierenden Ära seines impulsiven Vorgängers Christodoulos sehen. Auch möchte Hieronymos die Beziehungen zum Patriarchat von Konstantinopel verbessern, die unter Christodoulos wegen verschiedener Streitigkeiten sehr gelitten hatten. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ist ja auf besondere Weise auf die Unterstützung und die Solidarität der zahlenmäßig starken autokephalen orthodoxen Kirchen in Russland und Griechenland angewiesen. Diese haben sich aber in der Vergangenheit nicht selten auf Kosten von Konstantinopel profiliert. Auch aus diesem Grund hebt Hieronymos die altkirchliche Rangordnung hervor, in der Konstantinopel als Mutterkirche aller orthodoxen Kirchen ein besonderer Vorrang gebührt.

 


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Die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, die sich Patriarch Bartholomaios wünscht, weil er sich davon eine Verbesserung der Situation der Christen in der Türkei verspricht, sieht Erzbischof Hieronymos unter zwei Gesichtspunkten. "Als Grieche muss ich bedenken, welche Konsequenzen diese Aufnahme für Griechenland hat und welche Probleme sie für uns mit sich bringt." Aufgrund der kriegerisch belasteten griechisch-türkischen Vergangenheit gibt es zwischen Athen und Ankara viel Misstrauen und Distanz, und nicht wenige Griechen bezweifeln, ob die Türkei innerlich bereit ist, sich der europäischen Kultur wirklich zu öffnen. Als Geistlicher würde Hieronymos die Aufnahme der Türkei lieber heute als morgen erleben, "denn damit bekämen wir zurück, was wir durch die gewaltsame Trennung vom Ökumenischen Patriarchat verloren haben. Die Wunde der Trennung könnte heilen."

Und wie sieht es mit den Beziehungen nach Rom aus? Immerhin hatte sein Vorgänger Christodoulos gegen massiven Widerstand aus den eigenen Reihen den Papst empfangen. Allerdings verfügte die Synode von Griechenland, dass er ihn nicht als Oberhaupt der griechischen Kirche, sondern nur als Erzbischof von Athen begrüßen durfte. Einen großen Nachhall hat der Papstbesuch in Griechenland allerdings wohl nicht gefunden. "Der Papst ist in Griechenland kaum bekannter als der Dalai Lama", vermutet der österreichische Metropolit Staikos.

 

Wir waren schon weiter

Hieronymos kennt Benedikt XVI. noch aus der Studienzeit in Regensburg, als er bei Joseph Ratzinger Vorlesungen hörte. Bei dessen Einführung als Erzbischof von München war Hieronymos ebenso dabei wie bei der ökumenischen Vesper im Regensburger Dom anlässlich des Papstbesuchs in Bayern. "Tief bewegt" sei er und "voller Hochachtung" für das Oberhaupt der römischen Kirche. Doch dann kommt er auf ein Problem zu sprechen, das sich wie ein roter Faden durch alle Klagen der Orthodoxie zieht: Die unierte, mit Rom verbundene Kirche des byzantinischen Ritus. Zwar gibt es in Griechenland nur etwa zweitausend unierte Gläubige, die erst durch den "Völkertausch" von 1923 ins Land gekommen sind und weder Proselytismus (Abwerbung von Gläubigen) betreiben noch sonst irgendwie auffällig sind. Aber dass Benedikt XVI. nun einen neuen Bischof für diese Gruppe ernannt hat - und nicht "nur" einen Apostolischen Administrator, wie von den Orthodoxen gefordert - sei eine "schmerzende Wunde" und ein "quälender Dorn", auch wenn der unierte Bischof Demetrios sich große Verdienste um die Orthodoxie erworben habe und ein persönlicher Freund des Erzbischofs ist. "Die Unierten sind der Beweis, dass Rom bereit ist, in Liturgie, Kirchendisziplin und Kirchenrecht alle denkbaren Zugeständnisse zu machen, wenn man sich nur dem römischen Jurisdiktionsprimat unterordnet", sagt Staikos. Die juristische Entscheidung des Papstes schwäche seine Position gegenüber den antiökumenischen Kräften in der griechischen Orthodoxie, versucht Hieronymos seine eigene, zwiespältige Haltung verständlich zu machen. Und fragt: "Wie ehrlich sind die katholisch-orthodoxen Dialoge gemeint?"

Da war man tatsächlich schon einmal weiter. Wie offen und großherzig erscheint im dämmrigen Licht von heute das begeisterte und begeisternde ökumenische Klima in der Konzilszeit und den unmittelbaren Jahren danach. Welcher Ernst, welcher Wille, die große Kirchenspaltung von 1054 zu überwinden! Am 7. Dezember 1965, in der letzten öffentlichen Sitzung, erklärten das Konzil und das Patriarchat von Konstantinopel zeitgleich in Rom und Istanbul, "dass sie die beleidigenden Worte, grundlosen Vorwürfe und verwerflichen Handlungen bedauern, die die traurigen Ereignisse dieser Epoche auf beiden Seiten geprägt und begleitet haben, dass sie die Exkommunikationssentenzen ... aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche tilgen und dem Vergessen anheim fallen lassen". Damit war der gegenseitige Kirchenbann von über 900 Jahren aufgehoben. 1967 erfolgten gegenseitige Besuche von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras. In der Kirche erscholl der begeisterte Ruf "Axios" ("Recht und billig") als Ausdruck der Zustimmung des Volkes. Am 25. Juli schrieb Paul VI., es gelte, die "bereits bestehende, wenn auch noch unvollkommene Gemeinschaft zu fördern und in die Tat umzusetzen", wobei die biblische Mahnung zu gelten habe, dass man "keine weitere Last auferlegt ... als die notwendigen Dinge". Und Patriarch Athenagoras bekräftigte in einem Telegramm an den Papst: "Jetzt werden wir gerufen, vorwärts zu schreiten. Es ist die Stunde christlichen Mutes."

 

Als der Papst die Füße küsste

Zehn Jahre später feierte man das kleine Jubiläum der Bannaufhebung ebenfalls parallel in der Sixtinischen Kapelle und in der Georgskirche im Phanar, dem Amtssitz des ökumenischen Patriarchen. Dabei küsste der Papst in Rom dem Abgesandten des Patriarchen, Metropolit Meliton, spontan die Füße. Ein unerhörter Akt von größter symbolischer Bedeutung angesichts der Tatsache, dass der Fußkuss in der Geschichte Zeichen der Anerkennung der päpstlichen Würde und der Unterwerfung unter sie war. Papst Paul VI. betonte in seiner Ansprache, "dass die katholische und die orthodoxe Kirche durch eine so tiefe Gemeinschaft vereint sind, dass nur wenig

 


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fehlt, um die Fülle zu erreichen, die eine gemeinsame Feier der Eucharistie erlaubt". Es scheint, schreibt der Münchner Theologe Peter Neuner in dem Buch "Das Schisma zwischen Ost- und Westkirche", dass der Papst überzeugt war, dass die theologischen Unterschiede nicht kirchentrennend waren. "Und hinsichtlich des Primatsanspruchs scheint es, dass er bereit war, sich damit zufriedenzugeben, wenn der Osten die westliche Entwicklung bis hin zum Ersten Vatikanum nicht als Glaubensabfall interpretieren würde, selbst wenn er daraus keine kanonischen Konsequenzen für sich übernehmen würde." Eine Position, die noch Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation teilte: "Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern, als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde."

 

Klöster gegen Ökumene

Wie kleinmütig klingen heute dagegen die abgrenzenden Reden von den inneren Angelegenheiten der Kirche, das ständige Reden von Profilierung und Differenz. Keine starken Gesten, keine zukunftsweisenden mutigen Worte mehr. Als Papst hat Benedikt XVI. seine früheren Überlegungen zu einer stärker synodalen Verfassung der Kirche nicht öffentlich bestätigend wiederholt. Noch größer ist die Reserviertheit auf orthodoxer Seite. "Einige sagen: Der Kniefall von Papst Paul VI. war die Tat eines Heiligen. Andere sagen, es war die Tat eines Heuchlers", meint Staikos eher ausweichend.

Athen war allerdings schon damals eine Hochburg des Widerstands gegen den ökumenischen Kurs von Patriarch Athenagoras. Er wurde in einer Synode scharf dafür kritisiert. Die Athos-Klöster strichen den Namen des Patriarchen aus den Fürbittlisten und beendeten damit symbolisch die Kirchengemeinschaft mit Konstantinopel. Zwei Professoren der Athener theologischen Fakultät veröffentlichten Bücher, in denen sie darlegten, warum ihrer Meinung nach Ökumenismus eine Häresie sei.

Heute ist Bischof Kyrollos Dekan der Athener Fakultät. Er empfängt uns im Moni Petraki Kloster, an jenem Ort, an dem 1965 die Mönche eine Gebetsnachtwache hielten, um in letzter Minute noch die gegenseitige Aufhebung der Exkommunikation zu verhindern. Bischof Kyrollos hat in Straßburg studiert und in Freiburg im Breisgau promoviert. Als langjähriger Pfarrer der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Stuttgart kennt er die Situation des Glaubens im Westen sehr genau. Die anti-ökumenischen Tiraden von damals spielen heute keine Rolle mehr, sagt er. Die Studenten seien ökumenisch aufgeschlossen, die antiökumenischen Kräfte sind eher in den Klöstern zu finden, die jedoch eine wichtige, einflussreiche Rolle in der Kirche von Griechenland spielen. Der junge Bischof spürt, dass die Säkularisierung auch Griechenland immer stärker erfasst. Zwar gibt es Aufgrund der Heiratserlaubnis für Priester noch keinen dramatischen Priestermangel, zumindest nicht in den Städten, aber die modernen Frauen finden es nicht zeitgemäß, wenn ihre Männer in Talaren herumlaufen, berichtet er.

Die Zahl von dreihundert Studenten, die jedes Semester in Athen mit dem Theologiestudium beginnen, ist zwar beeindruckend. Doch muss man das griechische Bildungssystem mitbedenken. Nach Beendigung des Abiturs wird eine Prüfung verlangt, die nur wenige bestehen. Sie ist wie eine Art Numerus clausus. Von ihrem Ergebnis hängt - zusammen mit den bereits vorher gesammelten Leistungspunkten - die Wahl des Studienfaches ab. Für viele, die eigentlich Jura, Philosophie oder Medizin studieren möchten, reicht es dann allenfalls zur Theologie. So studieren sie dieses Fach, jedoch ohne Begeisterung, innere Überzeugung oder persönliche Nähe zur Kirche. Nach dem Abschluss kann man dann leichter jenes Fach studieren, das man ursprünglich wollte. Auch die Jobsuche ist einfacher als nur mit Abitur. Da der Religionsunterricht von Pfarrern erteilt wird, werden nur wenige Laien dafür angestellt, bloß etwa vierzig jedes Jahr.

 

Liturgie und Parfümerie?

"In der Jugendarbeit könnte der Osten viel vom Westen lernen", bemerkt Bischof Kyrollos. Gottesdienste für Studenten, Jugendgruppen, Wallfahrten sieht er als Bereicherung, um die Jugendlichen in Kontakt mit der Kirche zu bringen. Vorschläge, die in Kirchengriechisch gefeierte Liturgie ins Neugriechische zu übersetzen, sieht er allerdings skeptisch. Manche Bischöfe experimentierten damit, was beim Volk jedoch nicht gut ankomme. Es gehe auch nicht in erster Linie darum, die Liturgie zu verstehen, sondern vielmehr darum, in sie einzutauchen. Metropolit Staikos gebraucht das Bild einer Parfümerie, um die aktivpassive Teilnahme am Gottesdienst zu beschreiben. Wer da hineingehe, komme wohlriechend wieder heraus. Eine Liturgiereform brauche es demnach nicht. Was aber ist, wenn man diese "Parfümerie" nicht mehr aufsucht, weil sich der Geruchssinn verändert hat?

Bischof Kyrollos ist noch jung. Aber dass er die Einheit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche erleben werde, daran glaubt er nicht. Das verbindet ihn mit dem katholischen Erzbischof von Athen, Nikolaos Foskolos. Vielleicht wäre es gut, sich heute wieder an Patriarch Athenagoras zu erinnern. Er schrieb 1966 zum ersten Jahrestag der Bann-Aufhebung: "Der zeitgenössische Mensch und die Welt ertragen nicht mehr den Luxus der Trennung aus Gründen weltlicher Kalkulationen und Zurückhaltungen und der bequemen und endlosen akademischen Diskussionen. Sie haben das Bedürfnis nach einer Antwort. Und diese lautet: Schnelle Erscheinung des einen Christus durch die eine Kirche."

 

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