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Johannes Röser

Feministisch islamisch

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 8/2009 S. 83 f.

 

    Die Frauenrechtsbewegung erfasst Schritt für Schritt auch den Islam - von innen. Wenn nicht alles täuscht, werden die entscheidenden Reformen zur Modernisierung auch dieser Zivilisationen von Frauen ausgehen.

 

Krieg befriedet nichts. Das ist die wiederholte Lehre nach den alliierten militärischen Interventionen in Afghanistan wie im Irak. Selbst die Terrorismus-Bekämpfung scheitert an den Fallstricken der Gewalt. Unter dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama geht es jetzt darum, sich aus dem militärischen Abenteuer des Vorgängers zu lösen, ohne noch gewaltigere Katastrophen heraufzubeschwören. Die Schlagwörter heißen, wie die jüngste Münchner Sicherheitskonferenz zeigte: Aufbau einer Zivilgesellschaft, Stärkung von Bildung und Rechtsstaatlichkeit, Entwicklungshilfe, soziale Förderung.

Das sind allerdings keine Aufgaben für Armeen oder für internationale Verteidigungsbündnisse. Soldaten sind keine Entwicklungshelfer, keine Lehrer, keine Politiker. Sie taugen im zivilen Bereich allenfalls vorübergehend für akuten Katastrophenschutz. Es ist und bleibt daher zweifelhaft, wie realistisch eine "zivile", international friedenstiftende Umorientierung und Umprogrammierung der Nato-Strategien ist. Wenn das Militärische eine nur noch recht geringe Bedeutung für einen solchen Verband hat, der zur Abschreckung im Kalten Krieg gegründet worden war, müsste man ihn dann nicht sinnvollerweise auflösen, wenn er inner-europäisch faktisch obsolet geworden ist?

 

Männerbündisch, traditionell

Um einem Zusammenprall der Zivilisationen vorzubeugen, sind jedenfalls andere Institutionen notwendig, die insbesondere zivile Aufbauprozesse vor allem im Nahen und Mittleren Osten, den gegenwärtigen Hauptkrisengebieten, unterstützen können. Vielleicht sollte sich der Westen da überhaupt besser in Bescheidenheit und Geduld üben, weil die Reformvorhaben islamischer Regionen von diesen selbst ausgehen müssen. Die Geschichte lehrt, dass die meisten zivilisatorischen Zwangs-Beglückungsversuche von außen auf den Widerwillen der ansässigen Bevölkerung stießen und scheiterten. Das scheint sich in Afghanistan ebenso zu bestätigen wie im Irak. Und das gilt nicht nur auf politisch-sozialem Feld, sondern ebenso für Reformen in der Religion, die ebenfalls von innen kommen müssen, im Christentum wie nun dringend auch im Islam. Die dortigen Reform-Aktivitäten sind augenblicklich recht schwach, aber keineswegs chancenlos. Die vitalsten Anstrengungen zur Erneuerung des Islam wie der islamischen Gesellschaften kommen - wie so oft - nicht von Männern, die zusammen mit dem religiösen Establishment fast immer mit Vorliebe starr-traditionalistisch denken, sondern von neugierigen, innovativen, experimentierfreudigen Frauen. Das war ja auch im Christentum von Anfang an so. Es waren Frauen, die als Erste die Auferstehungsbotschaft Christi annahmen und verbreiteten, bis sie die Männer nach langem Zaudern dazu bewegen konnten, das Neue anzuerkennen, das in den Augen des "starken" Geschlechts zunächst nichts anderes war als "dummes Frauengeschwätz".

Tatsächlich macht sich mehr und mehr eine islamische Frauenbewegung dezentral, aber wirksam in etlichen islamisch geprägten Regionen Asiens und Afrikas bemerkbar, in der sunnitischen Tradition ebenso wie in der schiitischen. Entscheidend für die ersten zaghaften Erfolge dieser Gruppierungen war und ist, dass sie sich nicht gegen die Religion stellen, sondern für emanzipatorische Reformen mit und aus dem Glauben argumentieren. Massouma Al-Mubarak, Professorin für politische Wissenschaft in Kuwait und Menschenrechtsaktivistin, erklärte: "Es ist nicht wichtig, was der Westen will, wichtig ist, dass die Menschen in der Region mehr Demokratie und Freiheiten haben wollen." Mittlerweile haben Frauenorganisationen aus dreizehn arabischen Ländern einen symbolischen "Ständigen Gerichtshof zur Abschaffung der Gewalt gegen Frauen" eingerichtet. Das ist keineswegs nur Kosmetik, wie das jüngste "Amnesty Journal" (2/2009) belegt, das sich schwerpunktmäßig mit Frauenbewegungen "zwischen Religion und Revolte" in islamischen Ländern befasst.

 

Einehe, Sexualität und Bildung

Die Einfallsschneise für Erneuerung liegt auf zwei benachbarten Feldern: Ehe und Sexualität sowie Bildung. Praktisch überall kämpft die islamische Frauenbewegung gegen den überlieferten Patriarchalismus, der im Kontext traditioneller Auffassungen den Männern weitgehende Besitzansprüche auf die Frau und Bestimmungsrechte über die Frau - wie insbesondere ihre Sexualität - einräumt. Alle Gleichberechtigungs- und Selbstbestimmungsbestrebungen des weiblichen Geschlechts unterliegen dem Generalverdacht, sexuelle Unmoral zu befördern. Gerade die in den islamischen Kulturen fast schon neurotische Fixierung auf Reinheitsideen, die ausschließlich mit der Sexualität der Frau verbunden sind, belegt, wie sexversessen im Umkehrschluss die Haltung der Männer ist und welches Männerbild dahintersteht. Denn letzten Endes handelt es sich ja um männliche Zwangsvorstellungen von der Sexualität der Frau, die männlich permanent kontrolliert werden muss, damit nichts Unkeusches geschieht. Die Frau ist in gewisser Weise die "Negativfolie" männlichen Verhaltens, oder genauer: männlicher Unmoral. Offenbar kann Mann Mann nicht über den Weg trauen, wenn er kollektiv meint, "seine" Frauen derart vor seinen Geschlechtsgenossen mit Bevormundung, Schikanen und Unterdrückung "schützen" zu müssen. Das Frauenproblem, wie es sich im Islam zeigt, ist in Wahrheit ein gravierendes Männerproblem. Die Frauenbewegung innerhalb des Islam hat das längst erkannt, während die meisten Männer jener im öffentlichen weltlichen wie religiösen Leben männerbündisch organisierten Zivilisationen das nicht wahrhaben wollen. Daher setzen die Frauenrechtlerinnen auch meistens im Bereich des Sexuellen an, genauer: auf dem Gebiet der Ehe. Sie treten für Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung ein.

Die islamischen Frauenrechtsbewegungen verlangen fast einmütig und überall zuerst eine Abschaffung der Polygamie

 


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und eine Hinwendung zur strikten Einehe, wobei Zwangsverheiratung bekämpft wird. Dass die Akzeptanz der Monogamie der Dreh- und Angelpunkt der Frauenemanzipation im Islam ist, mag aus westlichem Blickwinkel seltsam erscheinen, weil hier das Selbstbestimmungsrecht der Frau auch sexuell freizügig gedacht wird und als Ausweis von Emanzipation gilt. Islamische Frauenrechtlerinnen sind dagegen davon überzeugt, dass die Einehe am besten ein partnerschaftliches Verhalten zwischen Mann und Frau fördert, innerfamiliärer Gewalt entgegenwirkt und weitere Befreiungsprozesse auch im öffentlichen Leben in Gang setzt. Es ist schon eigenartig, dass im feministischen Islam die Weisheit Jesu, der gegenüber seinen jüdischen Streitgenossen für die Monogamie eintrat, spätes Gehör findet, während christliche Kulturkreise diese Errungenschaft weitgehend preisgegeben haben zugunsten einer ausgeweiteten seriellen Monogamie, also faktischer Polygamie.

Das Amnesty-Magazin verweist auf Erfolge der Frauenrechtsbewegung im Iran. Dort war 2007 vom Ministerrat eine Gesetzesvorlage verabschiedet und dann ein Jahr lang erregt vom Parlament diskutiert worden, wonach "Ehemänner zur Heirat mit der zweiten Ehefrau nicht mehr länger die Erlaubnis der ersten Ehefrau benötigen". Das Vorhaben scheiterte, weil Frauen dagegen aufbegehrten und schiitische Gelehrte ein Einsehen hatten. Die Journalistin Mahboubeh Karami weist darauf hin, dass die Frauenrechtlerinnen von zwei angesehenen Männern unterstützt wurden, von Ayatollah Sane´i und Ayatollah Bojnurdi. "Dieses Vorgehen erstaunt: Die islamischen Feministinnen gingen bislang davon aus, dass Männer die Koran-Auslegung dominieren, was zu frauenfeindlichen Interpretationen führte. Daher wollte man der männlichen eine weibliche Interpretation entgegenstellen. Mittlerweile scheinen sie sich auch auf männliche Autoritäten zu berufen, um eine größere Legitimation zu erhalten. Deren Rechtsgutachten können helfen, den Vorwurf, eine Forderung sei 'unislamisch', zu entkräften." Zitiert wird Yusuf Sane´i "Wir müssen abwägen und schauen, ob die Gesetze sich mit der islamischen Gerechtigkeit vereinbaren lassen oder nicht ... Wenn sie ungerecht sind, müssen wir neu über sie nachdenken." Das scheint auch im sunnitischen Islam Korrekturen nach sich zu ziehen.

Die Frauen wollen sich zudem nicht länger einfach nur als passive Opfer fühlen. Das belegt der tragische Fall von Mukhtaran Mai in Pakistan. Sie war dreißig Jahre alt, als sie 2002 vom Ältestenrat ihres Dorfes dazu verurteilt wurde, von vier Männern vergewaltigt zu werden. Sie wurde damit ersatzweise bestraft für ihren zwöljährigen Bruder, der angeblich die Ehre einer sozial höherstehenden, einflussreichen Familie verletzt hatte. Solche Gruppenvergewaltigungen von Frauen als "Buße" für Unrecht von Männern aus deren Familien sind in Pakistan nicht selten. Mukhtaran Mai nahm ihr Schicksal jedoch nicht hin. Obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammte, weder lesen noch schreiben konnte, weigerte sie sich, die soziale Ächtung zu ertragen oder der Schande durch Selbsttötung zu entfliehen, wie es oft üblich ist. Vielmehr brachte sie die Vergewaltiger vor Gericht. Trotz Morddrohungen blieb sie in ihrem Dorf wohnen, baute von dem Geld, das sie vom Staat als Entschädigung für den sexuellen Gewaltakt erhielt, zwei Schulen und gründete eine Frauenhilfsorganisation.

 

Frauenhäuser gegen Ehrenmord

In Jordanien wiederum ist vor zwei Jahren eines der ersten Frauenhäuser der islamischen Welt errichtet worden. Betroffene sexueller oder anderer innerfamiliärer Gewalt finden dort Unterschlupf und Hilfe. Inzwischen wird in Jordanien über "Mord im Namen der Familienehre" öffentlich diskutiert, vor wenigen Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen. Es gibt zwar immer noch einen Strafrechtsparagrafen, der verletzte Ehre als Grund für einen Mord strafmildernd berücksichtigt. Doch ist es Frauenrechtlerinnen gelungen, leichte Verbesserungen zu erzielen: Es wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Opfern immerhin eine Entschädigung zugesteht, wenn auch die innerfamiliäre Gewalttat noch nicht als kriminelle Handlung bewertet wird.

Auch weibliche Islam-Gelehrte haben an Autorität gewonnen. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Staat der Welt, wo sich die Auslegung des Koran seit einigen Jahren merklich radikalisiert, sucht Musdah Mulia von den Universität Jakarta emanzipatorische Gegenakzente zu setzen. Sie kritisierte ein im letzten Jahr erlassenes Pornografie-Gesetz, das den weiblichen Körper als in sich "böse" bewertet und einseitig nur von den Frauen verlangt, "Rückgrat der Moral" zu sein. Was aber ist mit den Männern? Warum kommen diese, etwa bei Vergewaltigungen, fast immer ungestraft davon? Musdah Mulia unterstützt die Frauenorganisation Rahima im Kampf ebenfalls vor allem gegen Polygamie und gegen familiäre Gewalt. Es geht bei diesem Protest nicht gegen den Islam als Religion, sagt sie, vielmehr darum, "dass Fundamentalisten den Koran falsch auslegen und instrumentalisieren". Die Mitglieder der Rahima-Initiative haben in den vernachlässigten ländlichen Regionen ein Netz von Islamschulen aufgebaut, in denen Gleichberechtigung und demokratische Ideen gelehrt werden.

Im Norden Nigerias hat sich Hauwa Ibrahim, die strenggläubige Tochter eines Mullahs, Respekt verschafft, indem sie Frauen vor Gericht verteidigt, die etwa wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zum Tode verurteilt werden. Auch gegen Auspeitschen, Steinigungen oder Amputationen von Gliedmaßen zieht die Rechtsanwältin zu Felde. Bei ihrem ersten Gerichtsverfahren verboten ihr die Richter noch, selbst zu sprechen. Sie ließ sich daraufhin von männlichen Kollegen vertreten, denen sie während des Prozesses Anweisungen auf Zetteln weiterreichte. Die vielen kleinen Initiativen wie die von Hauwa Ibrahim mögen noch ungenügend erscheinen, aber sie sind wirksam. Sie verändern Schritt für Schritt Bewusstsein und Verhalten. Hauwa Ibrahim beurteilt die Entwicklung so: "Wir leben nicht mehr in einer Welt wie vor 2000 Jahren. Wir als Frauen, als Rechtsanwältinnen und als Bürgerinnen, wollen innerhalb unserer Kultur eine bessere Welt schaffen. Und das erreicht man, indem man Menschenleben respektiert und wertschätzt. Und auch dadurch, dass wir das Recht respektieren."

Im islamischen Zivilisationskreis am weitesten fortgeschritten ist Marokko. Seit vier Jahren gibt es dort ein neues Personenstandsgesetz, das die Rechte der Frauen denen der Männer schon recht weit annähert. Im "Amnesty Journal" heißt es: "Damit gehören die marokkanischen Frauen zu den emanzipiertesten der arabischen Welt. Die Gehorsamspflicht der Frau gegenüber dem Mann wurde abgeschafft und die Verantwortung für Haushalt und Familie gleichberechtigt auf die Elternteile übertragen. Das Heiratsalter wurde auf achtzehn Jahre festgesetzt, und Männer und Frauen haben gleichermaßen das Recht auf Scheidung. Interessanterweise wurden diese Änderungen mit dem Islam begründet, so dass selbst die islamischen Konservativen diesem Gesetz zustimmten. Es waren Organisationen wie das 'Komitee der Berber-Frauen' oder die 'Vereinigung Amal für Frauen und Entwicklung', die durch ihre jahrelange Arbeit diese Gesetzesänderung möglich gemacht haben."

 

Frauensolidarität durchs Internet

Die kleinen Zeichen des Fortschritts für islamische Frauen sind auch Zeichen der Hoffnung auf globaler Ebene dafür, dass der gewalttätige Zusammenprall der Zivilisationen keineswegs vorprogrammiert ist. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten über Satellit und Internet machen es möglich, dass sich auch in den entferntesten Weltgegenden Frauen bilden, solidarisieren. Über den Frauenfortschritt entscheidet sich wesentlich der Fortschritt der Völker und Kulturen - und, wie man im Christentum sehen kann, auch der Fortschritt der Religion. Selbst wenn die Kirchen, insbesondere die katholische und die orthodoxen, in ihrem Lehramt immer noch erhebliche Schwierigkeiten mit einer wirklichen Gleichberechtigung der Frauen haben, können gerade die Laien-Christen mitten in der Welt doch stolz darauf sein, dass sie die wesentlichen Lektionen der Frauenemanzipation gelernt haben. Die Anhänger des Islam werden ebenfalls auf Dauer nicht daran vorbeikommen, sich diesen unabänderlichen Weiterentwicklungen von Zivilisation und Kultur durch Frauenrechte zu stellen.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'