Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Stephan U. Neumann

Kontinent der Chancen

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 44/2009 S. 491 f.

 

    Selbstbewusst und selbstkritisch hat sich die katholische Kirche Afrikas auf ihrer dreiwöchigen Synode im Vatikan gezeigt. Dass Afrika nicht als Kontinent der Chancen wahrgenommen wird, liegt vor allem an der mangelnden Führungsqualität in Politik, Gesellschaft - aber auch Kirche.

 

Drei Wochen lang haben mehr als zweihundert afrikanische Bischöfe mit Kurienvertretern im Vatikan getagt. Das Thema: "Die Kirche in Afrika im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden". Die Ergebnisse wurden in 57 Thesen verabschiedet. Die Bischöfe wollen - so heißt es unter anderem - die Demokratie stärken und Korruption bekämpfen, den Dialog mit dem Islam und den traditionellen afrikanischen Religionen vertiefen und die Seelsorge Aids-Kranker professioneller gestalten. Auf der Grundlage dieser Arbeitsergebnisse wird Papst Benedikt XVI. mit dem Synodensekretariat das Abschlussdokument erarbeiten.

Im Vatikan scheint man derzeit gern nach Afrika zu blicken, wächst doch hier die Zahl der Katholiken im weltweiten Vergleich beträchtlich. Gehörten 1900 gerade einmal 1,9 Millionen Afrikaner der katholischen Kirche an, waren es 1994 bereits 102,8 Millionen (14,6 Prozent) und 2007 nach vatikanischen Angaben 164,9 Millionen, damit 17,5 Prozent der Einwohner des Kontinents. Die Steigerung der absoluten Zahl ist zu großen Teilen mit dem Bevölkerungswachstum zu erklären. Der prozentuale Anstieg zeigt aber, dass die Kirche zumindest in manchen Teilen des Kontinents auch für Nichtchristen attraktiv ist.

 

Bibeln für das Volk

Die Situation der Kirche in den 48 Ländern Afrikas stellt sich höchst unterschiedlich dar. Nördlich der Sahara gab es seit dem ersten Jahrhundert christliche Gemeinden. Mit dem Aufkommen des Islam ab dem 8. Jahrhundert wurde das Christentum stark zurückgedrängt, so dass Christen heute dort eine Minderheit bilden. In Somalia bekennen sich gerade einmal 0,1 Promille zum christlichen Glauben. Im Süden kam es erst ab dem 16. Jahrhundert zu - allerdings wenig erfolgreichen - Missionierungsversuchen durch die Europäer. Eine zweite - erfolgreichere - Welle folgte im 19. Jahrhundert. Vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen ist die Kirche mit mehr als 16.000 Gesundheitszentren und nahezu 10.000 Schulen engagiert.

Der anhaltende Trend hin zu evangelikalen und freikirchlichen Gemeinschaften könnte das Wachstum der katholischen Kirche jedoch in Zukunft verlangsamen, befürchtet der mosambikanische Bischof Adriano Langa. Die Attraktivität der pfingstlerischen Bewegungen und sogenannten unabhängigen Kirchen sieht er vor allem in den Versäumnissen der katholischen Kirche auf dem Gebiet der Inkulturation und Evangelisierung begründet. So sei das Lesen der Bibel selbst in jüngster Vergangenheit dem Volk verboten worden. Es gebe zu wenige Bibelübersetzungen in einheimische Sprachen, und den Menschen würden ihren Wurzeln entsprechende Ausdruckmöglichkeiten in Liturgie und Gebeten vorenthalten. Weil sogar viele Christen nach wie vor traditionellen Riten folgen, ist nach Ansicht des Bischofs von Sansibar, Augustine Shao, ein ernsthafter Dialog mit den traditionellen afrikanischen Religionen notwendig. Bleibt der Austausch mit den ursprünglichen kulturellen Wurzeln aus, würden die Christen abgeschreckt, über ihren tatsächlichen Glauben zu sprechen. Das Ergebnis: Menschen, die sonntags als Christen auftreten, praktizieren die übrigen sechs Tage ihre traditionellen Religionen.

In Europa wird Afrika zumeist nicht als christlicher Kontinent, sondern vielmehr als Erdteil der Naturkatastrophen, des Hungers, korrupter Despoten sowie der Stammes- und Bürgerkriege wahrgenommen. Afrika ist in der Tat eine Weltgegend voller Armut, Not und Kriege, wie der ghanaische Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson als Berichterstatter der Afrika-Synode bereits in seinem Eröffnungsreferat einräumte. Afrika sei aber auch ein Kontinent der Chancen. Wer nicht den pauschalen, in den Medien häufig verbreiteten Vorurteilen erliegt, könne feststellen, dass die Demokratie stärker werde und die kulturelle und politische Sensibilität zunehme.

 

Eine politische Synode

Ein Beispiel dafür ist Tansania. Innerhalb einer stabilen Demokratie mit regelmäßigen Wahlen hat die Regierung in Bildung und Infrastruktur investiert und das Entstehen unabhängiger Medien unterstützt An dieser Entwicklung hat die selbstbewusste Kirche ihren Anteil, obwohl unter den vierzig Millionen Tansaniern die Christen nach den Anhängern traditioneller afrikanischer Religionen und des Islam lediglich die drittgrößte Religionsgemeinschaft bilden. Dass die Bischöfe nach der ersten Afrika-Synode 1994 die kirchliche Soziallehre in die politische Debatte eingebracht haben, sei "ein regelrechter Schock" gewesen, berichtete Erzbischof Norbert Mtega von Songea. Doch mittlerweile sei selbst in der Regierung verstanden worden: "Die Soziallehre der Kirche gibt Licht für die Zukunft des Landes und für die Politik selbst."

Eine Kirche, deren Botschaft politisch wirkt, ohne dass sie sich als ein Akteur unter vielen in den Wirren des politischen Alltags verstrickt - dieses Ideal wird auch in den abschließenden 57 Thesen der zweiten Afrika-Synode deutlich. Überhaupt lag - gemessen an dem, was aus den Arbeitsgruppen bislang nach außen gedrungen ist - der Schwerpunkt dieser Synode weniger auf liturgischen und pastoralen Fragen. Vielmehr standen die gesellschaftlichen und politischen Aufgaben der Kirche auf dem Kontinent im Mittelpunkt der Beratungen. Entsprechend will die Kirche die Demokratie auf dem Kontinent stärken und Politiker mit den Prinzipien eines fairen und transparenten Urnengangs vertraut machen. Das Synodenthema "Versöhnung, Gerechtigkeit, Frieden" ist so eine Vision, die konkret im Kleinen gelebt werden muss, um Wirklichkeit zu werden. Unterschiedliche Ansichten gab es darüber, wo man in diesem Prozess steht. Synoden-Berichterstatter Turkson verwies darauf, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen abgenommen hätten, so dass sich derzeit nur vier der 48 Staaten im Krieg befinden.

Dagegen zeichnete Erzbischof Laurent Monsengwo Pasinya von Kinshasa ein düsteres Bild. Im Vergleich zur ersten Synode gebe es heute mehr mörderische Kriege. "Im Moment haben wir viele Kindersoldaten und entsetzliche Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe - Dinge, die man vor

 


492

fünfzehn Jahren nicht sah... Wenn uns das große Vorhaben Versöhnung nicht gelingt, sieht Afrika seinem Untergang entgegen", prophezeite der Erzbischof der Hauptstadt der sogenannten Demokratischen Republik Kongo.

Ähnlich dramatisch stellt sich die Lage im Sudan dar, wo einige Bischöfe eine Spaltung des Landes in einen islamischen Norden und einen überwiegend christlichen Süden befürchten. Aber auch hier hat sich die Art der Gewalt verändert, wie Kardinal Gabriel Zubeir Wako betonte. Hatten früher die von der Politik ausgenutzten Konflikte zwischen verschiedenen Stämmen meist ein Ziel, etwa Zugang zu Wasser und Weiden, würden heute kriegerische Banden wahllos Menschen abschlachten. "Es sind Massaker, es ist ein Töten ohne Ziel. Und die Opfer sind eher Kinder und Frauen als Männer", sagte der Erzbischof des Hauptstadtbistums Khartum.

Ist Versöhnung angesichts solcher Brutalität überhaupt möglich? Was Versöhnung heißt, was Opfern und Tätern abverlangt wird, damit sie sich in die Augen schauen können, machte der Bericht von Schwester Genevive Uwamariya aus Ruanda deutlich. Ihre Eltern gehörten zu den 800.000 Menschen, deren Leben 1994 innerhalb von nur hundert Tagen ausgelöscht wurde. "Ich bin dem Völkermord in Ruanda entkommen", berichtete die Ordensfrau. "Was mich danach im Inneren antrieb, waren Rache und Hass gegen jene, die meine Eltern getötet und andere Familienmitglieder entführt hatten." Doch Schwester Genevive überwand ihren Hass und folgte einer Einladung zur Versöhnung in ruandische Gefängnisse. "So traf ich auch jene, die meine Eltern getötet hatten. Sie erzählten mir Einzelheiten, etwa, wie mein Vater gekleidet war, als sie ihn töteten. Und auf einmal habe ich gespürt, wie diese ganze Last von mir abfiel." Als der Mann schrie: "Vergeben sie mir", seien sie sich weinend in die Arme gefallen. Die Ordensfrau forderte die Gefangenen auf, in Briefen den Angehörigen ihrer Opfer die Wahrheit zu schreiben. "Nach und nach bekam ich mehr als 600 Briefe. Und abermals überraschte mich etwas: Gewaltopfer antworteten den Mördern. Viele haben sich dann auch getroffen. Das war fantastisch."

 

Machtmissbrauch in der Kirche

Auch Kirchenvertreter waren an Morden beteiligt. Zuletzt wurde in Florenz ein ruandischer Priester festgenommen. Er soll 1994 bei einem Massaker an achtzig Schülern mitgemacht haben. Der Beschuldigte, gegen den ein internationaler Haftbefehl vorliegt, hatte bereits im Mai ähnliche Anschuldigungen einer afrikanischen Menschenrechtsorganisation zurückgewiesen. Kardinal Polycarp Pengo, der Vorsitzende der Vereinigung aller afrikanischen Bischofskonferenzen (SECAM), zeigte sich erschüttert, dass etliche katholische Geistliche der Beteiligung an gewaltsamen Konflikten angeklagt und überführt sind. Machtmissbrauch, Stammesdenken und Ethnozentrismus müssten in der Kirche offen benannt werden, so der Erzbischof des tansanischen Daressalam.

Dass es in Südafrika nach wie vor zu Spannungen selbst unter weißen und schwarzen Priesteramtskandidaten kommt, zeigt, wie schwierig es innerhalb der Kirche ist, Versöhnung zu leben. Selbst gerechte Entlohnung in der Kirche sowie das Teilen mit den Armen scheinen allzu oft verweigert zu werden. "Es ist ein Skandal, wenn Bedienstete der Pfarrgemeinden, die demütig ihren Dienst versehen, am Ende des Monats nur Weihwasser mit nach Hause bringen", sagte Kardinal Francis Arinze. Der ehemalige Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation forderte, dass die Kollekte nicht nur dem Priester, sondern auch den Armen zugutekommt.

Außerdem soll der Anteil der Frauen in kirchlichen Gremien auch auf übergeordneten Ebenen steigen. In vielen Beiträgen wurde deutlich, dass Frauen nach wie vor am Rand der Gesellschaft stehen, in Kriegen, aber auch in der Ehe sexueller Gewalt ausgesetzt sind, der Hexerei verdächtigt und brutal ermordet oder zwangsverheiratet werden. Nicht selten müssen Frauen in Vielehen leben. Bischof Matthew Kwasi Gyamfi aus Ghana schlug vor, Frauen, die unverschuldet in polygame Verhältnisse geraten sind, unter bestimmten Voraussetzungen zu den Sakramenten zuzulassen.

Die Offenheit und selbstkritische Haltung in diesen Aussagen können, ja müssen als erster Schritt gewertet werden, eines der größten Hindernisse für eine unabhängige Entwicklung aus dem Weg zu räumen: den Mangel an Führungsverantwortung. Auf dieses Grundproblem hatte Wolfgang Schonecke, der Jahrzehnte für seinen Orden der Afrikamissionare (Weiße Väter) in Afrika tätig war, vor Beginn der Synode in der "Herder Korrespondenz" (September) hingewiesen. Um etwas zu ändern, spricht er sich mit Verweis auf die ehemaligen katholischen Schüler und heute korrupten Despoten Laurent-Désiré Kabila (Kongo) und Robert Mugabe (Simbabwe) für eine Neuorientierung katholischer Bildungseinrichtungen aus. Denn "katholische Schulen erzielen zwar quer durch Afrika die besten akademischen Resultate, haben aber anscheinend versagt, der jungen Generation einen Sinn für soziale Verantwortung einzupflanzen, der stark genug ist, sich dem Druck des eigenen Clans und der herrschenden Korruptionskultur zu widersetzen". Eine selbstkritische und selbstbewusste Kirche könnte eine Vision von gutem Machtgebrauch entwickeln. "Kreative, zukunftsweisende Führung hieße, ... aus den Werten der afrikanischen Tradition, den Errungenschaften der westlichen Kultur und der Botschaft des Evangeliums moderne, afrikanische, christliche Lebens- und Gesellschaftsformen zu entwickeln", so Schonecke.

Notwendig ist dafür ein vertiefter Dialog mit dem Islam und anderen Religionen, wie es die afrikanischen Bischöfe in ihrem Abschlussbericht festgeschrieben haben. Denn Konflikte zwischen Stämmen und Religionen werden oft von den Mächtigen geschürt und missbraucht, um deren eigene - meist politische und wirtschaftliche - Ziele durchzusetzen. Das betonte der nigerianische Erzbischof Matthew Manoso Ndagoso bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch. Deshalb müsse eine "Atmosphäre der Versöhnung und des Dialogs" geschaffen werden, in der sich die Vertreter der Religionen treffen könnten und ein friedliches Miteinander möglich werde.

Im Sudan oder in Somalia mag ein solcher Ansatz derzeit vollkommen utopisch anmuten. Doch die Afrika-Synode zeigte, wie unterschiedlich die Situation der Menschen ist und wie verschieden sich die einzelnen Religionen darstellen. Der Gewalt im Sudan etwa stehen Erfahrungen der christlich-islamischen Zusammenarbeit bei der Caritas Mauretanien entgegen. Der aus Westfalen stammende Bischof des einzigen mauretanischen Bistums, Martin Happe, berichtete, dass von den 120 Caritas-Mitarbeitern 110 Moslems sind. Sie hätten wie alle Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks schriftlich erklärt, alle Hilfsbedürftigen gleich zu achten, ohne Ansehen ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. In einem Bistum, das dreimal so groß ist wie Deutschland und in dem gerade einmal 4000 Menschen - in der großen Mehrzahl Ausländer - Christen sind, wäre die Alternative zur Kooperation mit den Moslems die Aufgabe der caritativen Sendung der Kirche.

 

Arroganz der Festung Europa

Die Probleme der Länder und der Kirche wurden auf der Synode deutlich angesprochen, genauso wurde aber der Wille zum Aufbruch deutlich. Damit sich der Kontinent der Not weiter zu einem Kontinent der Hoffnung und der Chancen entwickelt, brauchen die Menschen in Afrika die Solidarität der Weltkirche, aber auch die Hilfe der reichen Länder. Denn die Einsicht, dass mangelnde Führungsverantwortung afrikanischer Machthaber ein Kernproblem darstellt, darf nicht "als Deckblatt dienen für die Verantwortung der Industrieländer, die mit unfairer Handelspolitik, brutaler Ressourcenausbeutung, Klimaverschmutzung, Waffenhandel und Unterstützung korrupter Regime eine unbezahlbare Mitschuld an der Unterentwicklung des Kontinents haben", wie Wolfgang Schonecke feststellte.

Nicht wenige afrikanische Bischöfe haben die Flüchtlings- und Handelspolitik einer sich abschottenden Festung Europa, aber auch die europäische Arroganz gegenüber Afrika und den fehlenden Respekt gegenüber seinen Menschen kritisiert. Der nahezu vollständige Ausfall der Berichterstattung über die Synode in europäischen Medien scheint diese europäische Ignoranz zu bestätigen. Die selbstkritische Analyse der gesellschaftlichen und auch kirchlichen Strukturen in Afrika sollte hierzulande Anlass für eine ebenso kritische Reflexion wirtschaftlicher wie politischer Machtstrukturen sowie einer Kirche geben, die zwar allerlei europäische Einflüsse fördert, die sich aber nach wie vor schwertut, die kulturellen Wurzeln anderer ernst zu nehmen.

Synoden-Berichterstatter Peter Kodwo Appiah Turkson, der vom Papst zum künftigen Präsidenten des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden berufen wurde, kann seinen neuen - weltweiten - Einfluss nutzen, um neue Führungsqualität in Staat und Kirche anzumahnen. Papst Benedikt XVI. sagte in seiner Abschlussbotschaft: "Steh wieder auf, Kirche in Afrika, Familie Gottes, und setz dich ein für die Neu-Evangelisierung, für die Versöhnung, für den Frieden über alle religiösen, ethnischen, sprachlichen, kulturellen, sozialen Grenzen hinweg. Bei dieser schwierigen Mission bist du nicht allein - die ganze katholische Kirche ist dir nahe."

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'