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Lieven Boeve {*}

"Forschung unterstützen"

Ein Gespräch mit Lieven Boeve über Theologie in Europa

 

Aus: Herder Korrespondenz, 1/2009, S. 15-19

 

    Vor 20 Jahren wurde die "Kölner Erklärung" veröffentlicht, in deren Folge sich die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie (ET) gegründet hat. Wo steht die Theologie in Europa heute? Wie positioniert sie sich angesichts vielfältiger Herausforderungen? Darüber sprachen wir mit dem ET-Präsidenten Lieven Boeve. Die Fragen stellte Stefan Orth.

 

HK: Herr Professor Boeve, Theologen haben heute in vielfacher Hinsicht keinen leichten Stand. Was treibt Europas Theologen derzeit um, wenn sie sich nicht um Forschung und Lehre innerhalb ihrer eigenen Disziplin kümmern?

Boeve: Die Theologie sieht sich momentan dreifach herausgefordert: sowohl mit Blick auf die Kirche, als auch die Universität und nicht zuletzt die Gesellschaft. Jeweils sind die eigentliche Rolle der Theologie sowie ihre primären Aufgaben zu klären - wobei gerade die Beziehungen dieser Felder untereinander weitere Probleme mit sich bringen.

HK: So unterschiedlich die Situation in den einzelnen Ländern Europas sein mag: Was ist gesellschaftlich gesehen der entscheidende Punkt, mit dem sich Theologen heute auseinanderzusetzen haben?

Boeve: In Europas Gesellschaften heute gibt es einen Traditionsabbruch, der nicht nur das Christentum betrifft, sondern auch andere kulturelle Überlieferungen. Alle Religionen müssen in der gegenwärtigen, säkularisierten Welt ihre Rolle neu bestimmen, weil das Tradierte nicht mehr selbstverständlich ist. Entscheidend hierbei ist der neue religiöse Pluralismus, der zwei Effekte mit sich bringt. Auf der einen Seite verstärkt er die Prozesse der Detraditionalisierung, weil die Menschen wissen, dass alles auch anders sein könnte - und deshalb gelegentlich auch glauben, dass am Ende alles gleichgültig ist. Auf der anderen Seite lässt die Vielfalt einen aber auch besser gewahr werden, was es eigentlich heißt, als Christ zu leben.

HK: Das drohende Ende kultureller Überlieferungen treibt manche in der Gesellschaft um. Aber wird die dezidiert theologische Beschäftigung mit den Ursachen und Konsequenzen überhaupt gewünscht, geschätzt und dann auch hinreichend unterstützt?

Boeve: Da liegt noch ein weiter Weg vor uns. In einigen Ländern Europas, etwa in Frankreich und Belgien, gibt es immer noch ein laizistisches Bewusstsein, das die bisherigen Ansätze auf der Ebene der Politik noch nicht recht wirksam werden lässt. Immerhin gibt es hier und da den ausdrücklich vorgetragenen Auftrag an Theologen durch Politiker oder staatliche Institutionen, den interreligiösen Dialog zu untersuchen, um aufgrund der Ergebnisse gesellschaftlichen Schwierigkeiten besser begegnen zu können. Im Übrigen liegt insgesamt zwischen der Gesellschaft und der akademischen Welt vieles im Argen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden, vermittelt durch die Medien, oft genug nur sehr selektiv zur Kenntnis genommen.

HK: Was sind die Argumente für eine stärkere Förderung der Theologie durch die Gesellschaft, wenn man einmal die - zumin-

 


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dest in einigen Ländern auch vom Staat anerkannten - kirchlichen Interessen außen vor lässt?

Boeve: In den Diskussionen über Klimawandel, wirtschaftliche Globalisierung und weltweite Armut, Stammzellenforschung, Abtreibung und andere ethisch-politische Fragen beispielsweise geht es maßgeblich um die anthropologischen Grundüberzeugungen, die hinter den einzelnen Lösungsvorschlägen stehen. Da haben Theologen sehr viel zur Klärung beizutragen. Politiker sollten sich auch grundsätzlich stärker bewusst werden, dass theologische Fakultäten, die zur Reflexion des eigenen Glaubens anregen, die jeweilige Religion davon abhalten, fundamentalistisch zu werden. Die europäische Gesellschaft muss also um ihres eigenen Projektes willen ein Interesse daran haben, in theologische Forschung zu investieren. Dies gilt natürlich nicht nur für Christen, sondern auch für Juden und Muslime, bis hin zu anderen religiösen Phänomenen. Immerhin gibt es ein neues Interesse an religiösen Fragestellungen, das dazu führt, dass ein säkularistisches Verständnis der europäischen Gesellschaft zunehmend in den Hintergrund rückt.

 

"Nicht akademischen Standards und den Kriterien guter Forschung ausweichen"

HK: Was heißt das für die Finanzierung theologischer Forschung? Auch für die Theologie gilt schließlich im Großen und Ganzen, dass aufwändigere Forschungsvorhaben und ein entsprechender Mitarbeiterstab nur über Drittmittel zu finanzieren sind.

Boeve: Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich und hängt auch von der einzelnen Universität ab, inwieweit dort die Theologie ernst genommen wird. Allerdings: Im Rahmenprogramm für Forschung und technologische Entwicklung der Europäischen Union ist die Theologie nicht einmal vorgesehen. Das muss sich ändern. Im European Reference Index für die Geisteswissenschaften gibt es die Theologie immerhin als Disziplin, auch wenn die Auswahl der Zeitschriften stark verbesserungswürdig ist. Die guten Beziehungen, die hier existieren, sollten jetzt auch zu den anderen für die Forschung wichtigen Institutionen aufgebaut werden, um mehr für die Theologie zu erreichen. Zugegeben ist dies momentan nicht mehr als der Keim neuer Möglichkeiten - und in jedem Fall wird es sich um einen langsamen Prozess handeln.

HK: Was müssen Theologen in dieser Situation tun? Worin besteht ihre Bringschuld und wie verhält sich diese zur Eigenart des Faches, das ja gerne auch auf seine Sonderrolle im Konzert der Wissenschaften verweist?

Boeve: Es ist für Theologen sehr wichtig, zu zeigen, dass das Fach eine eigene Identität und ein unverwechselbares Profil hat. Die Berufung darauf darf freilich nicht dazu führen, dass man den akademischen Standards und insbesondere den Kriterien guter Forschung ausweicht. Vielleicht hat man das in der Vergangenheit hier und da toleriert. Heute ist das - mit gutem Recht - nicht mehr so. Man muss sich um die Veröffentlichung in guten Zeitschriften bemühen, das Peer-Review-System akzeptieren, Bücher publizieren, Tagungen organisieren und Forschungsanträge schreiben und sich dem Wettbewerb mit anderen Geisteswissenschaftlern stellen. Interdisziplinarität ist ganz zentral. Grundsätzlich haben wir den Eindruck, dass Theologen dort, wo sie den Standards der Geisteswissenschaften entsprechen, auch gehört werden.

HK: Hat der Bologna-Prozess, der die Hochschulen des Kontinents seit Jahren in Atem hält, aus Sicht der Theologie hier Fortschritte gebracht?

Boeve: Das sehe ich mit gemischten Gefühlen. Theologen sind hier ja doppelt betroffen: Zum einen geht es um die kirchlichen Interessen, zum anderen um die nationale Ebene, der die jeweiligen Fakultäten gerecht werden müssen, um akkreditiert zu werden. Faktisch hat dies nicht immer zu einer Harmonisierung geführt, weil auch die Staat-Kirche-Beziehungen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich sind. Die Vielfalt und Komplexität ist geblieben.

HK: Es wurde zumindest versprochen, dass es einfacher wird, von einer Universität zur anderen zu wechseln. Gerade den Theologen, die immer schon vergleichsweise selbstverständlich an mehreren Fakultäten, oft genug auch im Ausland, ihr Studium absolviert haben, müsste dies doch entgegenkommen.

Boeve: Ich habe immerhin nicht den Eindruck, dass es schlimmer geworden ist ... Aber beispielsweise hier in Löwen müssen wir ausländischen Studierenden ausgehend von ihren Bedürfnissen eigene Kurse anbieten. Da hat sich nichts geändert, das haben wir auch schon vor Beginn des Bologna-Prozesses so gemacht. Die Harmonisierung wurde sicher nicht in dem Grad erreicht, dass das theologische Studium in europäischen Ländern vergleichbar ist. Aber das ist vielleicht auch gar nicht notwendig. Die Vielfalt der Ansätze erlaubt es den einzelnen Ländern und nicht zuletzt auch den verschiedenen Hochschulen, sich besser zu profilieren.

 

"Unter veränderten Bedingungen für unsere Überzeugungen eintreten"

HK: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Theologen an katholischen Universitäten, über die derzeit sowohl in Belgien wie in Deutschland intensiv diskutiert wird? Haben sie es einfacher als an staatlichen Fakultäten, weil ihnen der Wind nicht ganz so stark entgegenbläst?

Boeve: Wir arbeiten hier an einer katholischen Universität. Diese Universität wurde 1425 gegründet, die Bulle wurde vom Papst erlassen. Aber auch eine kirchliche Universität ist nicht

 


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unabhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungen und muss sich mit Schlagworten wie Pluralisierung und Detraditionalisierung auseinandersetzen. Das gilt insbesondere bei einer großen Einrichtung wie der unseren: Zwei Fünftel aller Flamen studieren hier. Viele von ihnen sind getauft, aber manchmal handelt es sich um einen Kulturkatholizismus, der keine gelebte religiöse Praxis bedeutet. Muslime studieren hier, ebenso Atheisten und Agnostiker. Auch sie müssen sich mit der christlichen Identität auseinandersetzen. Das heißt, dass die gesellschaftlichen Diskussionen innerhalb dieser Universität geführt werden und es dadurch keinesfalls leichter wird, hier zu lehren. Allerdings sind Theologen innerhalb einer kirchlichen Hochschule weniger isoliert: Sie spielen eine wichtige Rolle, wenn über das Profil der Einrichtung nachgedacht wird.

HK: Besteht, umgekehrt gefragt, der Vorteil an staatlichen Universitäten nicht darin, dass Theologen weniger mit der Kirche als Institution identifiziert, und deshalb in der Gesellschaft eher gehört werden?

Boeve: Einmal abgesehen davon, dass Theologen an staatlichen Fakultäten ja auch einen kirchlichen Auftrag haben, ist es als Vertreter einer katholischen Universität - zumindest in Belgien - gelegentlich schwieriger, in einer pluralisierten Gesellschaft christliche Werte in den Diskurs einzubringen. Man wird heute auch deshalb in der öffentlichen Diskussion weniger ernst genommen, weil die Theologie früher ein Monopol hatte, dessen negative Aspekte heute noch nachwirken. Aber es gehört zu unseren Aufgaben, auch unter veränderten Bedingungen für unsere Überzeugungen einzutreten.

HK: Was ist angesichts dieser Situation die größere Gefahr für die Theologie: Aufgrund gelegentlicher Selbstsäkularisierung droht sie zur Kulturwissenschaft zu werden, andere wollen ihre Aufgabe auf die Darlegung und - eventuell noch - Interpretation der kirchlichen Lehre beschränken?

Boeve: Zu beidem darf es nicht kommen. Die Theologie ist eine fundamental kirchliche Angelegenheit. Aber es ist genauso wichtig, dass sich die Kirche nicht von der akademischen Welt abschottet. Wie wir in den Niederlanden gesehen haben, handelt es sich tatsächlich um eine ernst zu nehmende Gefahr, dass die Theologie mit Religionswissenschaft identifiziert und damit zu einer bloßen Kulturwissenschaft wird. Auf der anderen Seite ist der Dialog mit den anderen Wissenschaften essenziell und darf nicht aufgegeben werden. Theologie kann nicht darauf reduziert werden, nur die Aussagen des Lehramtes zu erläutern. Es gibt die Pflicht, diese in breitere, auch historische Kontexte zu stellen. Ansonsten ist die Theologie verloren.

HK: Reicht es dafür aus, gegenüber Staat und Gesellschaft auf die Eigengesetzlichkeiten der Ausbildung kirchlicher Mitarbeiter zu verweisen? Inwieweit kann man heute im Raum der Universität die Gottesfrage stellen und Wahrheitsansprüche diskutieren?

Boeve: Wenn wir dies nicht zumindest versuchen, würden wir unserer Aufgabe nicht gerecht. Natürlich gibt es eine notwendige Vielfalt der theologischen Disziplinen mit den ihnen eigenen Aufgaben. Aber inwieweit Gott heute in unseren Gesellschaften präsent ist, gehört zu den wichtigsten Fragen, die Theologen immer gestellt haben und weiter stellen sollten. Wir dürfen nicht nur darüber nachdenken, wie wir heute in der säkularisierten Gesellschaft als Christen leben können. Es muss vielmehr auch um die Frage gehen, inwieweit sich Gott in dieser Gesellschaft selbst offenbart. Die Zeichen der Zeit zu erkennen, wie die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils es genannt hat, ist weiterhin eine zentrale und höchst aktuelle Aufgabe. Und dabei geht es genau wie in Gaudium et Spes darum, ausgehend von diesen Zeichen theologisch zu denken - und nicht erst eine Theologie zu entwickeln, mit der man dann die Gesellschaft konfrontiert. Heute geht es dabei nicht wie früher nur um den Dialog zwischen Christen und Atheisten. Neben den Verfechtern einer säkularen Weltsicht gehören auch in Europa die Muslime zu den Gesprächspartnern von Christen.

 

"Es ist unsere Aufgabe, den Muslimen zu helfen"

HK: In Deutschland wird gegenwärtig der Fall des Münsteraner Professors für muslimische Theologie, Muhammad Kalisch, diskutiert. Kritiker einer Ausbildung islamischer Gelehrter an der Universität haben die Sorge, dass aufgrund der Kooperation mit den streng konservativen muslimischen Verbänden akademisch selbstverständliche Freiheiten beschnitten werden.

Boeve: Kardinal Godfried Danneels weist gerne darauf hin, dass der Islam erst noch eine Phase der Aufklärung durchleben müsse, damit sich eine Reihe von Schwierigkeiten lösen lassen. Ein Weg wäre es da, muslimische Gelehrte innerhalb der Universitäten forschen und die Ergebnisse dort im Kontext der anderen Wissenschaften von der Philosophie bis zu den Naturwissenschaften befragen zu lassen. So müssen etwa auch die Muslime diskutieren, wie sich der Glaube an den Schöpfer mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Solange muslimische Theologen nicht vermehrt an Universitäten arbeiten, wird diese Frage nicht das Gewicht haben, das ihr zukommt. Simplifizierend wird dann gesagt, dass die Evolutionstheorie Teil der westlichen Welt sei und deshalb von Muslimen nicht behandelt werden brauche.

HK: Muss man aber nicht davon ausgehen, dass hier über einen größeren Zeitraum Kompromisse einzugehen sind, die die Grundüberzeugungen universitärer Forschung und Lehre konterkarieren?

Boeve: Auch wenn es nicht einfach wird, was es bei uns Christen schließlich auch nicht war: Es gibt keinen anderen Weg. Gerne vergessen wir hier unsere eigene Geschichte. Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, wie schwierig es war, innerhalb der Theologie die Ergebnisse einer historisch-kritischen Exe-

 


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gese im 19. und 20. Jahrhundert zu rezipieren. Die katholische Kirche, aber auch die evangelische, hatte ihre Probleme damit. Dieser Prozess hat Zeit gebraucht. Warum sollten wir von einer anderen Religion, die erst seit wenigen Jahrzehnten in Europa präsent ist, erwarten, dass sie diesen Schritt mit einem Mal tun? Es ist dabei sogar unsere Aufgabe, ihr bei dieser Entwicklung zu helfen. Wir sollten diese Diskussionen jedenfalls sehr ernst nehmen und uns zu eigen machen.

 

"Die Mechanismen der Selbstkorrektur werden durch voreilige Interventionen gestört"

HK: Was sind denn die Mindestanforderungen an eine zu etablierende muslimische Theologie im Kontext der europäischen Hochschullandschaft?

Boeve: In Belgien wird derzeit debattiert, ob es eine Iman-Ausbildung an der Universität geben soll. Dabei ist völlig klar: Wenn Muslime akademische Abschlüsse vergeben wollen, müssen sie die wissenschaftlichen Regeln akzeptieren. Die Arbeit an theologischen Fakultäten kann hier durchaus als Vorbild dienen. Auch uns stellen sich schließlich immer wieder neue Probleme. Der Umgang mit dem Phänomen des Relativismus oder der Vielfalt der Religionen und die daraus resultierenden Fragen des interreligiösen Dialogs sowie der Religionstheologie sind ja noch keinesfalls hinreichend in Theologie und Kirche geklärt.

HK: Gerade zu diesen Themen hat sich Benedikt XVI. sowohl als Theologe als auch als Papst bereits mehrfach geäußert. Ist angesichts der Konfliktgeschichte zwischen der Theologie und dem katholischen Lehramt eigentlich ein Vorteil, dass der gegenwärtige Papst ein renommierter Theologe ist?

Boeve: Ja und Nein. Dass wir einen Theologen als Papst haben, ist einerseits ein großer Gewinn. Man sieht deutlich, dass die Theologie in seinen Äußerungen eine sehr wichtige Rolle spielt. Auf der anderen Seite gibt es das Risiko, dass ein bestimmter theologischer Ansatz normativ wird. Natürlich ist sein eher augustinischer Ansatz, Theologie zu treiben, als solcher völlig legitim. Aber er bleibt dennoch einer unter vielen. Unsere Kirche war immer sehr zurückhaltend, bestimmte theologische Schulen zu kanonisieren. Der Papst selbst weiß sehr wohl, dass es hier eine Gefahr gibt. Deshalb lädt er bei seinen theologischen Veröffentlichungen dazu ein, diese auch kontrovers zu diskutieren, wie er es bei seinem Jesus-Buch zuletzt getan hat.

HK: Es mag ja sein, dass der Papst selbst auf die Unterscheidung zwischen seiner theologischen Arbeit und seiner Rolle als oberstem Vertreter des Lehramts bedacht ist. Bleibt aber nicht doch zu befürchten, dass im kirchlichen Normalbewusstsein, bis hinauf in die Kurie, die Ebenen schnell verwechselt werden?

Boeve: Tatsächlich gibt es gelegentlich Studierende, die sich auf einen theologischen Artikel von Joseph Ratzinger beziehen und sagen: Der Papst habe dies oder jenes gesagt. Dabei war es nur Joseph Ratzinger, der selbst als Kardinal darauf geachtet hat, seine theologische Arbeit von der in der Glaubenskongregation zu trennen.

HK: Die Glaubenskongregation wurde zuletzt heftig für die mangelnde Wissenschaftlichkeit ihrer Arbeit kritisiert, nicht zuletzt von Peter Hünermann, dem Ehrenpräsidenten der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Hat sich seit der von ihm monierten Notifikation über das Werk des lateinamerikanischen Theologen Jon Sobrino die Situation verbessert?

Boeve: In dieser Hinsicht hat sich bisher nicht viel geändert. Das war aber wohl auch nicht zu erwarten.

HK: Wie stellt sich das Problem aus Ihrer Sicht dar? Was müsste sich im seit langem angespannten Verhältnis von Theologie und kirchlichem Lehramt ändern?

Boeve: Die Hauptschwierigkeit ist doch: Wenn eine Notifikation kommt, wird die theologische Diskussion einer bestimmten Frage unterbrochen. Manchmal sehen ja auch Theologen selbst die Probleme einer bestimmten Position. Es ist ja nicht zuletzt die Aufgabe der Theologie, neue Thesen zu diskutieren. Wenn jedoch erst einmal das Lehramt gesprochen hat, werden bestimmte, weiterhin drängende Fragen nicht mehr traktiert. Die Mechanismen der Selbstkorrektur innerhalb der akademischen Theologie werden durch voreilige Interventionen gestört oder gar blockiert. Das ist schädlich für die Theologie, aber auch für die Kirche.

HK: Vor genau 20 Jahren hat eine große Zahl katholischer Theologen aus dem deutschen Sprachraum in der so genannten Kölner Erklärung auf diese Probleme hingewiesen. In der Folge wurde die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie gegründet ...

Boeve: Als die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie 1989 gegründet wurde, haben viele Theologen die Situation als beängstigend empfunden. In der Zwischenzeit hat sich die Lage etwas beruhigt. Im Fokus sind jetzt mehr konstruktive Beziehungen. Aber das heißt natürlich nicht, dass diese nicht auch noch verbessert werden könnten. Die Fragen bleiben ohnehin aktuell: Wie kann die Theologie zum kirchlichen Leben fruchtbar beitragen? Wie geht die Kirche mit ihren eigenen Traditionen um? Und wie will sie die Zeitgenossen ansprechen?

HK: Was haben die Theologen da ihrer Kirche heute anzubieten?

Boeve: In der Theologie geht es maßgeblich darum, künftige Priester und Laienmitarbeiter auszubilden, indem diese reflektierende Glaubende werden. Sie müssen über ihren Glauben ins Nachdenken kommen und die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft bewerten können. Theologen werden

 


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auch von ihren Bischöfen und kirchlichen Institutionen um Rat gefragt. Auf der einen Seite ist diese eine Herausforderung für die Theologie, der sie sich stellen muss. Auf der anderen Seite muss sie freilich von der Kirche auch die Gelegenheit dazu bekommen. Angebot und Nachfrage sollten sich hier die Waage halten.

HK: Und welche Erwartungen haben dabei die Theologen an ihre Kirchen?

Boeve: Es besteht die Gefahr zu vergessen, dass für eine gute Ausbildung von Theologen die kontinuierliche Forschung unverzichtbar ist. Die Kirche muss sich selbst immer wieder fragen, auf welche Weise sie diese Forschung unterstützen kann. Umgekehrt professionalisieren wir die Arbeit unserer Gesellschaft: So werden die Kongresse in engeren Abständen veranstaltet werden. Auch wollen wir Einzelmitgliedschaften in der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie ermöglichen. Es muss nicht zwangsläufig in jedem Land oder jeder Region eine Sektion existieren. Immerhin gibt es auch hier Aufbrüche, etwa in Portugal. Junge Wissenschaftler machen da großen Druck.

HK: Wie intensiv können Sie als Vereinigung europäischer Theologen überhaupt mit den Verantwortlichen im Vatikan über die Aufgaben des Fachs heute reden?

Boeve: Wir sind in einem guten Kontakt mit dem Vatikan. Alle zwei oder drei Jahre haben meine Vorgänger und ich unter anderem die Bildungs- und die Glaubenskongregation besucht. Dabei wollen wir auch informieren über die Anliegen von Theologen. Unsere Gespräche sind stets informativ und finden in einer freundlichen, konstruktiven Atmosphäre statt. Gelegentlich wird auch nachgefragt, was Theologen zu einem bestimmten Thema beizutragen haben: so beispielsweise zuletzt mit Blick auf das katholisch-orthodoxe Gespräch. Auf Anregung des früheren Sekretärs der Glaubenskongregation bereiten wir im Moment eine Ausgabe des ET-Bulletins zu diesem Thema vor.

 

    {*} Lieven Boeve (geb. 1966) ist seit 2005 Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Boeve ist Professor für Fundamentaltheologie und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Löwen in Belgien. Jüngste Veröffentlichung: God Interrupts History. Theology in a Time of Upheaval, New York 2007.

 

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