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Muna Tatari {*}

Mann und Frau im Spiegel des Qur´an

ein islamisch-theologischer Gedankengang

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 7/2007, S. 29-31

 

Einleitende Bemerkungen

Mann und Frau im Spiegel des Qur´an - so lautet die Überschrift meines Beitrages und deutet an, dass ich mich vor Allem auf die Darstellung theologischer Argumentationslinien und Positionen konzentrieren möchte. Das bedeutet aber nicht, dass meine Ausführungen ohne Verbindung zum Leben im Alltag und zur Debattenlandschaft in Deutschland im Hinblick auf den Islam und das Leben von Muslimen in ihrer Vielfalt auskommen werden. Vielmehr ist es mir ein Anliegen, auf die jeweiligen Kontexte von Haltungen und Handlungen hinzuweisen.

Eine Schwierigkeit, so scheint es mir, ist, dass sowohl Muslime selbst als auch Menschen aus anderen religiösen oder weltanschaulichen Kontexten, wenn sie sich mit Themen rund um den Islam beschäftigen, ihre Position in einer Art darstellen, die absolut anmutet. Muslime präsentieren dann oftmals ihre Ausführungen als den Islam, den Islam, wie er eigentlich ist und übersehen selbst oft die immense innerislamische Vielfalt an Denkschulen und kulturellem Reichtum. In ihren Ausführungen konzentrieren sie sich dann zum einen in einer eher anklagenden Weise auf die nicht zu leugnenden Schattenseiten der gelehrten und gelebten Religion oder blenden zum anderen gerade die im Bemühen um Verteidigung aus. In beiden Fällen werden sie oft der Komplexität der Realität nicht gerecht und scheinen den Forderungen einer immer schneller werdenden Informationsgesellschaft nach griffigen Thesen nachzugeben.

Auch aus einer Außenperspektive lassen sich ähnliche Phänomene beobachten. Hier kommt meines Erachtens erschwerend hinzu, dass es eine Haltung zu geben scheint, die den Blick von außen gleichsetzt mit einem Blick der Neutralität und mit ihm eine besondere Kraft der Analyse und Richtigkeit verbindet. Im Umgang mit diesen Haltungen scheint weniger berücksichtigt zu werden, dass es so etwas wie eine neutrale Metaebene der Analyse eigentlich in keinem Fall geben kann, da jeder Mensch in Kontexten lebt, die ihn prägen und seine Sichtweise und Perspektive bestimmen. Zum Gelingen einer interreligiösen oder interkulturellen Begegnung gehört es sicherlich, wenn die Gesprächspartner die jeweilige Subjektivität der eigenen Sichtweise bewusst reflektiert haben.

Vor diesem Hintergrund ist im innerislamischen Kontext auf der Ebene der Wissenschaftlichkeit die Gefahr der Beliebigkeit angesichts der möglichen und legitimen Vielfalt an Meinungen und Standpunkten dann eingeschränkt, wenn der eigene Kontext klar benannt ist und die jeweiligen hermeneutischen Methoden, mit deren Hilfe man zu seinen jeweiligen Ergebnissen kommt, transparent gemacht werden.

Zu dem hermeneutischen Handwerkszeug, das meine Arbeit prägt, gehören zum einen die vier klassischen Quellen, und zwar in folgender Zusammenstellung: Der Qur´an als der Niederschlag der religiös-spirituellen Erfahrung Muhammads mit Gott. Nimmt man dieses Buch als Ausdruck Gottes ernst und dies auch in sprachlicher Hinsicht, so eröffnet sich nach meiner Erfahrung ein Meer an Reichtum, Inspiration und Orientierung. Gerade weil es sich bei dieser Heiligen Schrift nach islamischem Verständnis um ein Wort Gottes handelt, ist für mich die respektvolle und sorgfältige Interpretation {1} verbunden mit der Bescheidenheit um das Wissen der menschlichen Begrenztheit wichtig {2}. Das erhellende Beispiel des Propheten Muhammad, der in seiner Person für mich die größtmögliche Gottesnähe verkörpert, ist die zweite Quelle und er weist für mich auf den Mut, sich in das Spannungsfeld von geschautem Ideal und praktischen Möglichkeiten zu begeben und die oftmals vorhandene Diskrepanz zwischen beiden auszuhalten. Und damit wäre ich bei der dritten klassischen Quelle: der Vernunft, die zum Verständnis der beiden ersten Quellen zum einen unerlässlich ist und darüber hinaus sinngemäße Übertragungen in andere Zeiten mit anderen Herausforderungen erschließt. Wichtig ist für mich auch die vierte Quelle, der Konsens der Gelehrten, da er die unterschiedlichen Positionen von Lehrmeinungen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten dokumentiert und so auch auf den Konsens über den Dissens verweist {3}.

Als Grundlage einer Gesamtschau steht für mich der Schlüsselbegriff Islam nicht nur als Bezeichnung meiner Religion sondern als durchaus programmatischer Begriff. Der Qur´an als vorwissenschaftliches Buch hat meines

 


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Erachtens durch den Gebrauch bestimmter Schlüsselbegriffe in bestimmten Kontexten zahlreiche Ansatzpunkte zur Entwicklung verschiedener Wissenschaften gelegt {4} und Denkwege und Inspirationen bereitgestellt. In einer Analyse der Sprachwurzel und des Wortfeldes des Islam komme ich mit der Hilfe von Belegwörterlexika {5} zu folgenden Bedeutungen des Grundverbs: ganz, heil, gesund und frei von Bedrängung sein. Eine Theologie, die sich dieser Bedeutung verpflichtet fühlt, soll sich demnach daran messen lassen, in wieweit sie dem Menschen, Mann und Frau, Hilfestellung bietet, ganz, frei, heil und gesund zu werden {6}.

 

Exemplarische Analyse eines Verses, der im öffentlichen Diskurs mehrheitlich frauendiskriminierend wahrgenommen wird

Einer der bekanntesten Verse des Qur´an, der sich auf das Verhältnis von Mann und Frau bezieht, findet sich in Sure 4:35 und lautet in einer gängigen deutschen Übersetzung folgendermaßen:

    Die Männer sind die Verantwortlichen über die Frauen, weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und solche, die [Ihrer Gatten] Geheimnisse mit Gottes Hilfe wahren. Und jene, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, lasst sie allein in ihren Betten und schlagt sie. Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht keine Ausrede gegen sie. Gott ist erhaben, groß.

Nun ist es zum einen eine allgemeine Erkenntnis, dass schon die Übersetzung eines Texte eine Interpretation birgt und bisweilen mehr über den Übersetzer aussagt als über die betroffene Textstelle an sich. Stimmt die in der Übersetzung getroffene Wahl als Gesamtbild aber mit einer bereits vorhandenen Meinung überein oder bestätigt sie in ihrer Aussage eine vermutete Grundhaltung, dann wird der Leser oft nicht weiter nach Übersetzungsungenauigkeiten, Variationsmöglichkeiten oder Fehlern suchen. Dieser Vers im Besonderen hat eine unglaublich vielseitige Rezeptionsgeschichte, in deren Spannbreite an Übersetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten das Ringen um eine Positionsbestimmung von Mann und Frau im gesellschaftlichen Kontext aus muslimischer Perspektive abzulesen ist und in denen auch frauenbenachteiligende Lesarten zu finden sind. Es wäre unstatthaft, die Argumentationsvielfalt an dieser Stelle zugunsten welcher Position auch immer verkürzt darzustellen und ich bemühe mich hier um eine zu mindestens exemplarische Darstellung {7}.

Muslimische Gelehrte der Frühzeit wie Tabari (gest. 923) oder etwas später Baydawi (gest. 1280) verstehen den Vers dahingehend, dass sich die Frau in einer Ehe dem Ehemann aufgrund seiner finanziellen Versorgungspflicht (quasi als Ausgleich) unterordnet und ihm gehorchen soll, bzw. diese Haltung aus einer natürlichen und erworbenen Überlegenheit des Mannes resultiere. Begründet wird die sich daraus ergebende Konsequenz der Unterordnung der Frau damit, dass nur so der häusliche Frieden gewährleistet werden könne. Eine gleichwertige bzw. gleichberechtigte Position von Mann und Frau wird man in diesem Ansatz sicher nicht finden.

Muhammad Abduh, ein Gelehrter der islamischen Reformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, sieht die oben in der Interpretation des Qur´anverses entworfene Familienstruktur ähnlich und begründet sie mit einer unterschiedlichen Aufgabenverteilung von Mann und Frau in der Familie, die er zum einen durch biologische Unterschiede und zum anderen aufgrund jeweils verschiedener sozialer Kompetenzen begründet sieht {8}. Auch hier kann man sich eine partnerschaftliche Verbindung von Mann und Frau schwer vorstellen {9}, besonders vor dem Hintergrund, dass in vielen der beschriebenen Fälle das arabische daraba mit "schlagen" übersetzt ist und dem Mann nach Verständnis vieler Qur´aninterpreten, ein Recht auf erzieherisches, wenn auch leichtes Schlagen {10} seiner Ehefrau gestattet wird.

Fazlur Rahman, ein Gelehrter Mitte des 20. Jahrhunderts, kann aufgrund der allgemeinen qur´anischen Textlage keine wie auch immer geartete Überlegenheit des Mannes über die Frau legitimiert finden und versteht den Beginn des Verses dahingehend, dass finanzielle Potenz eine Verpflichtung in sich birgt und auch von einer Frau erfüllt werden kann.

In dessen Denktradition bewegt sich auch al-Faruqi (20. Jh.), der auf der Basis einer innerqur´anischen gesetzten Wertehierarchie einen möglicherweise aus dem Vers abgeleiteten Überlegenheitsanspruch des Mannes auf patriarchale Strukturen zurückführt und angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen für überholt erklärt, vor allem im Hinblick auf die zahlreichen qur´anischen Verse, die eine ethisch-religiös-gesellschaftliche und ontologische Gleichstellung von Mann und Frau dokumentieren.

El-Fadl gehört zu den zeitgenössischen muslimischen Rechtsgelehrten, die sich mit Hilfe traditioneller Methoden kritisch mit den Rezeptionsgeschichten qur´anischer Verse und überliefertem biographischen Material zum Propheten Muhammad auseinandersetzen. Er verfolgt einen eher weniger verbreiteten Ansatz und stellt zum einen fest, dass im ganzen Vers weder die arabischen Begriffe für Ehemann noch Ehefrau (jeweils: zaug) fallen und die Assoziation einer ehelichen Konfliktsituation bzw. eines Ehestreits deshalb mehr als fragwürdig sei. Darüber hinaus definieren die verwendeten Begriffe auch nicht Mann (ragul) und Frau (imra`a) im biologisch geschlechtlichen Sinn {11}, sondern in ihrer sozialgesellschaftlichen Stellung. So konnten durchaus Frauen als ragul bezeichnet werden, wenn sie auf eigenen Beinen stehende Personen waren, während unter dem hier verwendeten Begriff für Frauen auch abhängige, unselbständige Männer gezählt werden können {12}. In diesem Kontext scheint es daher eher um eine verpflichtende Unterstützung der Schwachen durch die Starken zu gehen, da der arabische Begriff für "Verantwortliche" qawwamun wörtlich "jemanden zum Stehen verhelfen, jemanden stützen" bedeutet.

Für el-Fadl handelt es sich in diesem Vers um eine Gleichstellung der Frau in strafrechtlicher Hinsicht. Während es in vorislamischer Zeit der Willkür eines Stammes überlassen war, asoziales und/oder kriminelles Verhalten von Frauen {13} zu ahnden oder nicht, werden sie mit Beginn des Islam unter das gleiche Recht gestellt wie die Männer, das je nach Schwere des Verbrechens, Ermahnung, zeitweilige Isolation oder Strafmaßnahmen vorsah.

In diese Überlegungen reihen sich folgende kritische Wortanalysen ein: - daraba allein mit "schlagen" zu übersetzen, vernachlässigt weitere Wortbedeutungen wie "etwas mit Nachdruck einprägen", daraba mathalan heißt z.B. "ein Gleichnis prägen" und ist eine qur´anische Redewendung. Das hier verwendete Verb daraba kann also genauso als 'erzieherische Maßnahme' verstanden werden, die eingesetzt wird und die ein unethisches, kriminelles Verhalten außer Kraft setzen soll. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch, dass der verwendete Gehorsamsbegriff qunut ausschließlich "Gott gehorsam" bedeutet. Im weiteren Verlauf der Sure, im Abschnitt, "wenn sie euch dann gehorchen" wird ein anderer Gehorsamsbegriff, ta`a {14}, eingesetzt und dieser meint dem arabischen Urtext zufolge keine Unterordnung, sondern ta`a bezeichnet hier die Fähigkeit, aufgrund von Einsicht und Freiwilligkeit sich dem Konsens der religiös-ethischen Lebensweise der Gemeinschaft anzuschließen und sie mitzutragen. Angesprochen ist in diesem Vers demnach die frühislamische Gemeinde (Männer und Frauen) und nicht Ehemänner, die in Selbstjustiz ihre Frauen für ein bestimmtes Verhalten anklagen, beurteilen und bestrafen können {15}.

Unerwähnt bleiben aus Zeitgründen die Ansätze feministischer Lesarten dieser Textstelle und können nur in der Literaturliste andeutungsweise Erwähnung finden. Diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie sich alle auch auf historisches Material stützen und einer eigenen Interpretationsmethodik folgen. In Kenntnis der Interpretationsvielfalt mag der Leser vielleicht ermutigt sein, selbst Forschungen anzustellen, um zu einer begründeten eigenen Haltung zu kommen.

 

Verse, die eine grundsätzliche ontologische Gleichstellung der Geschlechter dokumentieren

Einleitend zu diesem Abschnitt möchte ich einige weitere erklärende Bemerkungen zum hermeneutischen Handwerkszeug im Umgang mit dem Qur´an machen und auf Kategorien, die in der klassischen Exegese eine Rolle spielen und den Umgang mit einzelnen Versen und Versgruppen beschreiben, verweisen. Die Kategorien sind unter anderem folgende:

Verse können als nasih oder mansuh (aufhebend/aufgehoben) verstanden werden, als muhkam oder mutasabih (eindeutig/mehrdeutig), als amm oder hass (allgemein/speziell), als mutlaq oder muqayyad absolut (frei von Bedingungen und Umständen)/relativ (gebunden an bestimmte Bedingungen und Umstände), als mantuq oder mafhum (gemäß der unmittelbaren Bedeutung aufzufassen / gemäß der üblicherweise verstandenen Bedeutung und vermittelt durch zusätzliche Faktoren aufzufassen){16} usw.

Durch die Wissenschaft, die sich mit den jeweiligen Anlässen der Offenbarung einzelner Verse und Versgruppen beschäftigt (asbab an-nuzul), wurden und werden die Verse weiter kontextualisiert. Über die Zeit des Propheten Muhammad hinausgehend bedeutete dies für die Erschließung des qur´anischen Textes die Berücksichtigung des jeweiligen historischen, gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und geographischen Kontextes {17}.

Wichtiges hermeneutisches Mittel ist auch die Anwendung des Prinzips tafsir al-qurán bi-l-qur´an: die Interpretation des Qur´an durch den Qur´an. Dieser Ansatz - ernst genommen - kann eine willkürliche, eklektische Herangehensweise an den qur´anischen Text verhindern, eine Lesart, in der Verse, aus ihrem Kontext genommen werden und zur Untermauerung einer bereits vorhandenen Meinung dienen.

In vielen Ansätzen wird darüber hinaus eine Einteilung der Verse in die Kategorien gottesdienstliche Handlungen (ibadat), die überzeitlich sind, und zwischenmenschliche Handlungen (mu`amalat), die im jeweiligen historischen Kontext zu verstehen sind und wandelbar, für sinnvoll erachtet, da sich so im zweiten Feld interpretatorischer Freiraum ergibt.

Während nun eine Reihe von islamischen Wissenschaftlern darin übereinstimmt, die zwei folgenden Verse als allgemein und überzeitlich einzustufen, kann man nicht immer erkennen, dass sie auch als hermeneutische Brille benutzt werden, Verse spezieller Natur zu erschließen, so wie viele zeitgenössische Wissenschaftler dies für sinnvoll erachten und dies in Ansätzen auch schon in der Frühzeit Anwendung fand, in der Hinsicht, dass eine verbreitete atomistische Vers-für-Vers-Analyse aufgrund allgemeiner überzeitlicher Werte und Prinzipien favorisiert wurde {18}.

Einer der Verse allgemeiner Natur, der Mann und Frau in ihren ethischen und spirituellen Fähigkeiten und damit verbundenen Verantwortungen beschreibt ist dieser:

    Wahrlich, die gottergebenen Männer und die gottergebenen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die [Gott] gehorsamen Männer und die [Gott] gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die standhaften Männer und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Männer, die Almosen geben und die Frauen, die Almosen geben, die Männer, die fasten und die Frauen, die fasten, die Männer, die ihre Keuschheit wahren und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren, die Männer, die Gottes häufig gedenken und die Frauen, gedenken - Gott hat ihnen Vergebung und herrlichen Lohn bereitet. (33:36)

Aus diesem Vers wird grundsätzlich deutlich, dass Männer und Frauen die gleiche ontologische Stellung haben. Für beide gelten dieselben ethischen Werte und dieselben religiösen Verpflichtungen. Dementsprechend ist nach einer mehrfach überlieferten Aussage des Propheten das Streben nach Wissen für beide eine Pflicht. Schließlich haben die Handlungen beider vor Gott den gleichen Wert, wobei jeder, ob Mann oder Frau, individuell für Verhalten, Charakterbildung und Haltung verantwortlich ist und dementsprechend belohnt oder bestraft wird.

Ein weiterer Vers (Sure 9:71) gehört nach Ansicht der meisten Qur´angelehrten zu den späten Texten, dass heißt, er ist nach allgemeiner Datierung vier bis zwei Jahre vor dem Tod des Propheten {19} offenbart und in den bis dahin bestehenden qur´anischen Textkorpus eingeordnet worden:

    Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des anderen Freund. Sie gebieten das Gute und verbieten das Böse und verrichten das Gebet und zahlen die Armenabgabe und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Sie sind es, derer Gott sich erbarmen wird. Wahrlich, Gott ist allmächtig, allweise.

 


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Im Qur´ankommentar von Ibn Katir {20} wird eher unspektakulär erläutert, dass dieser Vers von der gegenseitigen Unterstützung und Beratschlagung von Männern und Frauen spricht und er veranschaulicht dies durch das Bild eines Gebäudes, in dem jeder Stein dem anderen Stütze bietet und mit dem Bild von den Zwischenräumen der Finger einer Hand {21}. Im weiteren Verlauf des Verses sieht Ibn Katir den Entwurf einer idealen Gemeinschaft in der die Gläubigen gemeinsam Gottes Offenbarung folgen und der Schöpfung und den Geschöpfen auf schöne Art und Weise Gutes erweisen. Interessanterweise benutzt Ibn Katir in seinen Erklärungen die inklusiv verwendbare Form des Maskulinum Plural und thematisiert die Brisanz, die man in der Formulierung, "Männer und Frauen sind einander Freunde" nicht. Dies mag ein Indiz dafür sein, dass jeder Interpret den Text auch vor dem Hintergrund der Fragen seiner Zeit und seiner persönlichen Fragen liest und entsprechende Tiefen ausloten kann und andere möglicherweise übersieht.

Ich möchte diesen Vers noch einmal unter der Berücksichtigung verwendeter Schlüsselbegriffe und entsprechend überlieferter Praxis beleuchten.

Der arabische Begriff für Gläubige ist mu´min und stammt von der Sprachwurzel amuna. Er umschließt die Bedeutung von: sich sicher fühlen, vertrauen, bestätigen. Der daraus abgeleitete Glaubensbegriff iman bezeichnet demnach Glauben aufgrund von Erfahrung und Gewissheit. Herausforderung für die Gestaltung von Theologie ist es deshalb unter anderem, Gott erfahrbar zu machen. Prophet Muhammad erläuterte in diesem Zusammenhang: "Glaube ist Erkenntnis im Herzen. Bekenntnis mit der Zunge und Verwirklichung mit allen Fähigkeiten." Einer der 99 Schönsten Namen Gottes ist Al-Mu´min, Derjenige, Dem man vertrauen kann und Der dem Menschen vertraut und auf sein positives Potential setzt.

Der arabische Begriff für Freund (Wali) geht auf die Wurzel waliya zurück, die folgendes bedeutet: unmittelbar sein, benachbart sein, Freund sein, nahe bringen. Ein Wali ist demnach Freund, Unterstützer, Helfer, jemand, der sein gegenüber kennt und ihm den Rücken frei hält. Al-Wali ist auch einer der 99 Schönsten Namen Gottes. Im Vers heißt es jetzt, dass auf Gott vertrauende Männer und Frauen in dieser Art von Freundschaft miteinander verbunden sind {22}. Zusammen "gebieten sie das Gute", d.h. sie machen den Einsatz für das Gute zu ihrer Angelegenheit und "verbieten das Böse", d.h. sie wehren dem Bösen den Einfluss ab.

Abstrahiert verweisen Formulierungen auf die gemeinsame Partizipation beider an der Gestaltung von Gemeinschaft, sie machen Politik. Die vorislamische Organisation von Gemeinschaft (Stammesdemokratie) wurde im islamischen Kontext aufgegriffen und vor dem Hintergrund des Prinzips der gegenseitigen Beratung (sura, siehe Sure 42:39) dahingehend modifiziert, dass auch Frauen an politischen Entscheidungsprozessen partizipierten {23}. Wenn Politik im Allgemeinen das Bestreben beschreibt, Gemeinschaften sinnvoll zu gestalten, so geht es im islamischen Kontext konkret darum, Formen zu finden, die eine gerechte Gestaltung der fünf Beziehungen ermöglicht. Diese umfassen die Beziehung zu sich, seinen Mitmenschen, zu Pflanzen und Tieren, zur Schöpfung an sich und zu Gott und wird qur´anisch mit dem Begriff din wiedergegeben: eine religiös-ethisch-rechtliche Lebensweise, die oft verkürzt mit Religion übersetzt wird.

Im Vers werden die Männer und Frauen weiter beschrieben: sie "verrichten das Gebet" heißt am arabischen Text orientiert: sie richten das Gebet auf, geben ihm Raum und Wirklichkeit durch die eigene Praxis und schaffen eine Atmosphäre, in denen auch andere einen Zugang zur religiös-spirituellen Welt erlangen können. Sie "zahlen die Armenabgabe" bedeutet, dass sie einen Teil ihres Vermögens den Bedürftigen in ihrer Gemeinschaft zukommen lassen und setzen sich darüber hinaus für soziale Gerechtigkeit ein.

Männer und Frauen sind durch diesen Vers also aufgefordert, soziale, wirtschaftliche, politische und religiös-spirituelle Wirklichkeit zu gestalten. Sie übernehmen Verantwortung und werden zur Verantwortung gerufen. Dies funktioniert nur, wenn beide eine "Stimme" in der Gesellschaft haben {24}.

Der Vers schließt ab mit dem Versprechen Gottes, Sich der Menschen zu erbarmen, und nicht erst wie die deutsche Übersetzung nahelegt in einer (fernen) Zukunft. Die gewählte Verbform (Vorsilbenkonjugation) weist darauf hin, dass Menschen immer wieder in ihrem Leben die Erfahrung von einem liebevollen und fürsorglichen Gott machen werden.

Nun ist es nicht zu übersehen, dass Verse unterschiedlich, bisweilen sogar widersprüchlich interpretiert werden und sich auch jeweils entsprechend stützendes Material in den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten finden lässt. Die Wissenschaft, welche sich mit der Frage der Authentizität der Überlieferungen beschäftigt (ilm al-hadit), hat schon früh eine Reihe von Gründen zur Fälschung von Hadithmaterial zusammengestellt, was eine Hilfestellung in der Sichtung des vorhandenen Materials sein kann. Letztendlich ist es die Verantwortung eines jeden einzelnen, die eigene Redlichkeit im Umgang mit qur´anischen Texten zu überprüfen und wird als Fähigkeit in der klassischen Ausbildung von Theologen thematisiert. Es wird hier als wichtig gesehen, dass jeder Gelehrte in der Lage ist, seine Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und die Beeinflussung durch die Struktur der eigenen Persönlichkeit zu erkennen. Dieser Weg der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung wird im islamischen Kontext als großer gihad (Anstrengung) bezeichnet.

Rumi, ein Gelehrter und Mystiker des 13. Jahrhunderts formulierte in poetischer Form eine Art Hermeneutik für die Suche nach dem Sinn qur´anischer Verse:

      "Einfach sind des Qur´an Worte,
      doch zu ihren Tiefen hin
      führt durch der Erkenntnis Pforte
      anderer, geheimer Sinn.
      Nun, auch dies nicht ist der letzte,
      der des Wissens Drang erfüllt;
      noch ein dritter Sinn, ein vierter
      liegt darin, nur Gott enthüllt.
      Siebenfacher Sinn, verborgen
      ruht in Gottes hehrem Wort,
      einer baut sich auf dem andren
      bis zur Endbedeutung fort.
      Hafte nicht am äuß'ren Wesen:
      Adam ist kein Erdenkloß.
      Nein, im Innern musst du lesen, -
      du entdeckst der Seele Schoß.
      So, die äußere Erscheinung
      des Qur´an liegt auf der Hand,
      aber seine wahre Meinung
      birgt der menschliche Verstand." {25}

 

Den Qur´an einmal quergelesen

Qur´anische Texte unter die Lupe genommen können dazu beitragen, eingeschliffene Überzeugungen zum Verhältnis von Frauen und Männern zueinander zu hinterfragen und dort, wo vorhanden, etablierte Ungleichgewichte zu Ungunsten von Frauen, die de facto in muslimischen Lebenswelten auch zu beobachten sind, ins Lot zu rücken.

Wichtig ist es hier, einen Perspektivwechsel nicht nur formal in sprachlicher Hinsicht zu leisten, sondern sich auch auf eine andere Sprachstruktur und Sprachphilosophie einzulassen. In dieser Hinsicht fällt die charakteristische qur´anische Verwendung der grammatikalisch femininer und maskuliner Formen auf: beide werden hier nicht deckungsgleich mit biologisch maskulin und feminin verwendet. Dies ist u.a. wichtig, wenn es um das Ansprechen von Frauen und Männern in der grammatikalischen Form des Maskulinums geht. In dieser Perspektive lässt sich dann auch die Schöpfung der Menschheit mit einem anderen Akzent lesen.

    O ihr Menschen, fürchtet euren Herren, Der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen und aus ihm erschuf Er ihm die Gefährtin und aus beiden ließ er viele Männer und Frauen sich vermehren (...). (4:2)

Hier kann man mit Hilfe der sprachlichen Analyse wahrnehmen, dass in der qur´anischen Ausdrucksweise im arabischen Urtext die erste Wesenheit aus der dann ihr Partnerwesen entstanden ist, grammatikalisch weiblich ist und demnach ihr Partnerwesen (geht man von einem sich ergänzenden Paar aus) männlich wäre. Damit ist eine wirkungsvolle Gegenassoziation gegen die von Übersetzern üblicherweise gewählte Reihenfolge (vielleicht in Anlehnung an den zweiten Schöpfungsbericht im 1. Buch Mose) gegeben, auch wenn der Sinn der qur´anischen Formulierung sicher verfehlt wäre, würde man sie (ebenfalls) im biologischen Sinne verstehen.

Es ist hilfreich, festzustellen, dass in der qur´anischen Erzähltradition modellhaftes Verhalten, das der Veranschaulichung von überzeitlichen Prinzipien und Werten dient, nicht auf ein männliches Paradigma als maßgebend beschränkt ist. Vielmehr treten im Qur´an Frauengestalten auf, die zum einen warnende und zum anderen vorbildliche Funktionen für Frauen und Männer erfüllen, wie die Verse 11-13 in der Sure 66 zeigen. Dort verkörpern die Frauen von Noah und Lot als warnendes Beispiel für Männer und Frauen, einen Menschentypus, der nicht für sich selbst die Verantwortung übernehmen mag, "vom Ruhm anderer" leben möchte und innerlich erstarrt ist.

Asiah hingegen, in der islamischen Tradition die Frau von Pharao, ist hier alles andere als eine gehorsame Ehefrau und ergreift entschieden Partei gegen ihren tyrannischen Ehemann und erbittet Gottes Unterstützung für ihre Vision von Gerechtigkeit und Freiheit. In der Überlieferung hat sie sich Mose und den Kindern Israel angeschlossen und ist mit ihnen ausgewandert. Sie verkörpert vor Allem den politischen Mut, sich unter ungerechten Umständen für Gerechtigkeit einzusetzen.

Mariam, die Mutter von Jesus verkörpert die auf sich gestellte, unabhängige Frau (in dem Maße, wie dies in den damaligen Verhältnissen möglich war). Sie steht mit ihrer Gottverbindung für charakterliche Integrität und Würde, indem sie sich selbst nicht bloßstellen lässt und andere nicht bloßstellt. Sie wird damit in der qur´anischen Erzählung als vorbildhaftes Beispiel für Männer und Frauen genannt.

Miriam und ihre Mutter tauchen in qur´anischen Erzählungen als Menschen auf, zu denen Gott direkt spricht (wahy) und Er ihnen Perspektiven und Worte des Trostes gibt in ihrer Sorge um ihren Bruder bzw. Sohn Mose. Später in der Entwicklung von Glaubensdoktrin wurde in der islamischen Theologie diese Art der Kommunikation durch Offenbarung mehrheitlich als Privileg (männlicher) Propheten verstanden und für andere (Frauen und Männer) eher ausgeschlossen.

Ein wichtiger Denkanstoß ergibt sich auch aus dem Querlesen vermeintlich bekannter Geschichten. Da zeigt sich dann zum Beispiel, dass unter den Gestalten im Qur´an, die politische und wirtschaftliche Macht besitzen, nur eine Gestalt positiv aus dem Rahmen fällt, dadurch dass sie sich den Impulsen zum Nachdenken und zur Neuorientierung hin zu einer ethisch verantwortbaren Politik öffnet. Es ist Bilqis, die Königin von Saba. Sie wird im Qur´an als mächtige, weise und einsichtsvolle Frau gezeichnet.

Eines der Kernanliegen von theologischen Bemühungen, die es zum Ziel haben, Frauen und Männer gleichermaßen gerecht zu werden, ist eine bewusste Reflexion zum einen des eigenen Gottesverständnisses und zum anderen des Gottesverständnisses, das bewusst oder unbewusst hinter der Ausgestaltung theologischer Systeme und Rechtsvorstellungen steht.

Die Fülle an Vorstellungen und möglichen Erfahrungen, die in der islamischen Tradition durch die "99 Schönsten Namen Gottes" gegeben sind, weisen in ihrer Betonung auf rahma, der zentralen Eigenschaft Gottes {26}. In diesem Begriff schwingen folgende Bedeutungen mit: vergebend, langmütig sein, geneigt sein, jemand nutzen zu wollen, bergend, behütend und zärtlich sein. Gott transzendiert sicherlich zum einen jede menschliche Vorstellung von Ihm, aber Menschen sind zum anderen darauf angewiesen, Ihn in menschlichen Kategorien und Begrenzungen zu denken. Sie erleben Ihn entsprechend ihrer menschlichen Kapazitäten. Die Gottesvorstellung, die durch den Begriff rahma getragen ist, wäre mit der Vorstellung eines männlichen Gottes sicherlich zu eng gefasst und auch einfach nur das Gegenteil würde der Größe Gottes nicht gerecht werden.

Lehrgeschichten, wie die folgende machen auf die Spannung aufmerksam, die zwischen Gott und der menschlichen Vorstellung von Ihm, entstehen kann.

Man sagt, dass Jesus viel lachte und Johannes der Täufer viel weinte, und dabei waren sie doch Vettern und führten dasselbe enthaltsame Leben. Johannes sagte zu Jesus: "Du bist dir wohl der Barmherzigkeit Gottes sehr sicher, dass du soviel lachst, und denkst nicht daran, dass Er dich auch mit Schwierigkeiten heimsuchen kann und Rechenschaft von dir verlangt!" Jesus erwiderte: "Du übersiehst wohl die feinen Gnadenerweise Gottes und die Herrlichkeit, die

 


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Er offenbart, dass du soviel weinst!" Einer der Gottesfreunde jener Zeit hörte das Gespräch und fragte: "Wer von den beiden steht Gott wohl näher?" Gott sprach: "Derjenige steht Mir am nächsten, der am besten von Mir denkt. Meine Diener machen sich eine Vorstellung von Mir, und Ich begegne ihnen entsprechend ihrer Vorstellung." {27}

 

Muslimische Frauen auf ihrem Weg das frauenbefreiende Potenzial des Qur´an für sich zu entdecken und in gesellschaftliche Realität umzusetzen

In der Diskussion über den Islam wird oft in Bezug auf die Geschlechterfrage eher einseitig die Praxis wahrgenommen, die Frauen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt. Dass es diese Realität gibt, soll nicht in apologetischer Weise geleugnet werden. Vielmehr wünsche ich mir, eine Ausgewogenheit in der Wahrnehmung und der medialen Spiegelung der vielfältigen Lebenswelten von muslimischen Frauen und den dahinter stehenden theologischen Debatten. An Engagement muslimischer Frauen seien hier zum Abschluss folgende Personen, Initiativen und Vereinigungen genannt:

In Deutschland:
Die "Interreligiöse Konferenz Europäischer Theologinnen" (Iketh), an der auch Musliminnen beteiligt sind. Gemeinsam ist ihnen ihr Anliegen für eine geschlechtergerechtere Sichtweise auf Heilige Texte und sie sind dabei getragen von der Überzeugung, dass nicht die Religionen an sich frauenfeindlich seien, sondern es vielmehr frauenfeindliche Arten des Verständnisses gibt.
Als Theologin und Rechtsgelehrte arbeitet Halima Krausen als Leiterin der deutschsprachigen muslimischen Gemeinde in Hamburg. Sie ist dabei Ansprechpartnerin für Frauen und Männer und setzt mit ihrer Arbeit für viele ein Zeichen für die Verantwortung, die qualifizierte Frauen ebenso wie qualifizierte Männer innerhalb eines muslimischen Kontextes erfüllen können {28}.

In Indonesien:
Die praxisorientierte Organisation Rashima, von Frauen für Frauen gegründet, lässt sich leiten von den Idealen der Demokratie und positioniert sich entschieden gegen eine zuweilen bei muslimischen Frauen anzutreffende "Haremsbefindlichkeit" und für ein neu inspiriertes Selbstbewusstsein und damit verbundener Handlungsfähigkeit. In ihrer Arbeitsweise ist der qur´anische Text ihr wirksamstes Argument. Sie setzen in ihrem Engagement unmittelbar in der Praxis an und unterstützen Frauen in ihrem Bemühen, ihre gesellschaftlichen Umstände zu verbessern.

In Malaysia:
Dort existiert seit 1988 die Organisation 'Sisters in Islam'. Ihr Engagement ist geleitet von den Schlüsselbegriffen: Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Würde. Sie arbeiten auf dem Gebiet der Rechtssprechung, in der Ausbildung von Anwälten im Hinblick auf islamisch fundierte gerechtere Rechtsentwicklungen und Auslegungen. Für sie ist der hermeneutische Ansatz des kontextbezogenen Lesens des Qur´an zentrales Anliegen.

In der Türkei und in Marokko:
Dort wird wieder an eine alte Tradition angeknüpft und Predigerinnen für Frauen ausgebildet. Fatima Mernissi aus Marokko ist eine der bekannteren Frauen aus der muslimischen theologischen Frauenbewegung und hat sich vor allem für eine kritische Überprüfung des normativ wirkenden Überlieferungsmaterials zur Lebenspraxis des Propheten (Sunna) eingesetzt, da besonders hier Texte zur Rechtfertigung der Benachteiligung von Frauen zu finden sind und nach Mernissis Ansicht im Widerspruch zur Intention des Qur´an stehen.

In Ägypten:
Dort prüft und beurteilt seit einigen Jahren neben Männern auch eine Frau im Prüfungskomitee der Al-Azhar Universität Studenten auf ihrem Weg der Imamausbildung, während sie selbst diesen praktischen Aspekt ihrer Qualifikation in Ägypten nicht ausüben kann.

In Südafrika:
Dort sind in einigen muslimischen Gemeinden inzwischen Frauen als Predigerinnen im Freitagsgebet anzutreffen und damit außer im Lehrbetrieb auch in der praktischen Ausübung auf diesem Gebiet tätig.

In Spanien:
Hier tagte 2005 eine internationale muslimische Frauenkonferenz mit dem programmatischen Titel: gender gihad. In den Ambitionen der Teilnehmerinnen ging es vor allem auch darum, die zumeist patriarchale Lesart des Qur´an ins Bewusstsein zu rücken und Gegenentwürfe zu initiieren.

Im Iran:
Die große Spannbreite zahlreicher Frauenbewegungen dort sieht sich in vielen Fällen in dem Bestreben einig, Wege zurück zu einem egalitären und emanzipatorischen Islam zu entwickeln.

In Amerika:
   Dort lehrt die aus Süd-Ost-Asien stammende Theologin Amina Wadud. Nach ihrer Einschätzung gibt es drei Arten, den Qur´an zu interpretieren: traditionell, reaktionär oder holistisch. Letztere ist ihr Ansatz, also den Qur´an als eine dynamische Einheit zu sehen und zu interpretieren.
   Die MWL (Muslim women's leage) ist ein Zusammenschluss muslimischer Frauen, die Frauen als "free, equal und vital contributors to society" definieren und sich für die allgemeine Umsetzung dieses Ideals einsetzt.
   KARAMAH, eine Vereinigung muslimischer Anwältinnen (seit 1993) verfolgt den Ansatz, die Konzeption "der muslimischen Frau", da wo sie frauenbenachteiligend definiert ist, bedingt durch Ignoranz und Vorurteile, von Grund auf innerhalb der jeweiligen muslimischen Gemeinden zu transformieren, auf dem Wege des Dialogs und mit den Mitteln friedlicher Konfliktlösungsstrategien.
   In Amerika lehren darüber hinaus:
Leila Ahmad, geb. in Kairo als Professorin für Frauenstudien,
Riffat Hassan, geb. in Pakistan, die dafür plädiert, den Qur´an nicht durch die Brille der Hadithe zu lesen und
Sa´diya Schaikh, geb. in Südafrika, deren wissenschaftlicher Ansatz im Bereich gender-Studien von den Schlüsselwörtern "equality, diversity, and justice" geprägt ist.

Dieser kleine Ausschnitt aus den, von Frauen initiierten theologischen Aufbruchs- und Rückbesinnungsbewegungen soll nicht vergessen lassen, dass es auch das Anliegen einer Reihe von männlichen muslimischen Wissenschaftlern {29} ist, die Quellen dahingehend zu lesen, dass sie einen Beitrag leisten, das islamische Ideal von Gerechtigkeit und Befreiung für Musliminnen und Muslime Wirklichkeit werden zu lassen. Eine geschlechtergerechte Lesart des qur´anischen Textes ist somit von Frauen und Männern initiiert.

 

Anmerkungen

{1} Dass dieses Buch der menschlichen Interpretation bedarf, um seine Dynamik zu entfalten, zeigt für mich eine überlieferte Begebenheit aus dem Leben Alis. In einer angespannten Konfliktsituation wurde ihm vorgeworfen als Lösung nicht das Buch Gottes herangezogen zu habe und er entgegnete, dass der Qur´an ein Buch zwischen zwei Buchdeckeln sei und nicht aus sich selbst heraus rede, sonders es vielmehr die Aufgabe des Menschen sei, dieses Buch durch Interpretation zum Sprechen zu bringen. Vgl. Esack, Farid: Wem sollen wir den Zugang zu unseren Wasserstellen gestatten? Gesellschaftliche, religiöse und politische Dimensionen des Vorurteils. Überlegungen eines Muslims, in: R.Kirste, P. Schwarzenau, U. Tworuschka (Hg.): Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne. Religionen im Gespräch. Bd. 3 (RIG 3), S. 243-255.

{2} Gleichzeitig ermutigt eine dem Propheten Muhammad zugeschriebene Überlieferung die Menschen, ihrer Vernunft zu benutzen. Dort heißt es sinngemäß, dass der Mensch von Gott für seine Anstrengung gesegnet wird, einfach, wenn das Ergebnis falsch ist und eine doppelt, wenn es richtig ist.

{3} Die Grundlage hierfür ist u.a. eine Überlieferung, die Muhammad zugeschrieben wird und die besagt, dass die Meinungsverschiedenheit der Wissenden seiner Gemeinde ein Ausdruck von Gottes Segen ist.

{4} Als die vier klassischen islamischen Wissenschaften gelten gemeinhin: Ethik bzw. Recht, Theologie, Philosophie und Mystik.

{5} Auf dem Feld der Sprachanalyse kommt als grundlegende Arbeit der Rekonstruktion des damaligen vor- und frühislamischen Sprachgebrauchs eine große Bedeutung zu. Mit der Entstehung erster Grammatiken zur arabischen Sprache aus persischer und später griechischer Perspektive wurde ein Teil der genuin arabisch-semitischen Sprachphilosophie in den Hintergrund gedrängt bzw. nicht mehr genügend berücksichtigt. Da mit jeder Sprache auch Denkstrukturen verbunden sind und diese widerspiegeln (also eine wechselseitige Beeinflussung von Sprache und Anschauung vorhanden ist), bedeutete dieser Schritt eine erste Beeinflussung zu eher hierarchischen Gesellschaftsmodellen, weniger organisch gewachsenen Strukturen, Hierarchien, die sich u.a. auch Frauen-benachteiligend auswirkten. Hinter diese Zeit gelangt man unter anderem mit der Hilfe von Belegwörterlexika, die den damaligen vor- und frühislamischen Sprachgebrauch dokumentieren. Klassische und hier benutzte Belegwörterlexika sind: Ibn Manzur: Lisan al-`Arab. Bairut 1955 und az-Zabidi: Tag al-`Arus. Ägypten 1306 (h). Eine Übertragung ins Englische hat der Orientalist Lane geleistet: Lane, Edward William: Arabic-English-Lexicon. Bairut 1997. (Dieser Punkt wird noch mal relevant im Abschnitt: den Qur´an quergelesen.)

{6} Die Begriffe Islam, Salam und Muslim gehören zu einer Wortfamilie und leiten sich von der Wurzel salima ab.

{7} Dabei stütze ich mich u.a. auf die Ausführungen von Stowasser. Vgl. Stowasser, Barbara: Gender Issues and Contemporary Quran Interpretation, in: Yvonne Haddad & John Esposito (Hg.): Islam, Gender and Social Change. New York 1998, S. 30-44.

{8} Diese Ausführungen müssen nun nicht unbedingt Abduhs Intensionen entsprechen, da allgemein zu beobachten ist, dass Abduhs liberaler Ansatz von späteren Generationen durch eine restriktivere Interpretationlinie gefärbt wurden und mir der Originaltext zur eigenen Überprüfung nicht vorliegt. Vgl. dazu: Fadel, Mohammed: Two Women, one Man: Knowledge, Power and Gender in Medieval Sunni Legal Thought, in: International Journal of Middle East Studies, 29 (1997), S. 185-205.

{9} Interessant ist aber, dass aus Muhammads Leben gerade eine partnerschaftliche, gleichwertige und gleichberechtigte Beziehung zu den Frauen, mit denen er in einer Ehe verbunden war, überliefert ist, angefangen bei der Dokumentation theologischer Streitgespräche mit seiner Frau Aischa und der politischen Kompetenz seiner Frau Umm Salama, die mit ihrer Einschätzung einer schwierigen Situation und entsprechendem Ratschlag eine konstruktiven Lösungsweg bereitete, den Muhammad und die muslimische Gemeinschaft dann auch befolgte.

{10} Erste Irritationen sollten sich hier unter anderem daraus ergeben, dass mehrfach glaubhaft überliefert ist, dass der Prophet und viele seiner männlichen Gefährten nie ihre Hände gegen ihre Ehefrauen erhoben hatten und dies somit im Widerspruch zu überlieferten Texten steht, in denen dies gerechtfertigt werden sollte. Vgl. Abou el-Fadl, Khaled: Conference oft the Books. The Search for Beauty in Islam. Oxford 2001, S. 177-188

{11} Wenn in der qur´anischen Ausdrucksweise der biologische Unterschied von Mann und Frau gemeint ist, werden die Begriffe dakar (männlich) und unta (weiblich) verwandt.

{12} Sieh hierzu die Begriffsverwendung im Wissenschaftszweig ilm al-rigal. Es ist aber auch anzumerken, dass in frühislamischer Zeit die soziologischen Begriffe von Mann und Frau als Folge der Gesellschaftordung aus der vorislamischen Zeit mit biologisch Mann und Frau fast deckungsgleich war.

{13} In der deutschen Übersetzung wird der arabische Begriff nušuz mit 'Widerspenstigkeit' übersetzt, einige Verse weiter in derselben Sure auf das Verhalten eines Mannes bezogen aber mit 'unethischem Verhalten'. Ich halte die Übersetzung von nušuz mit 'asozialem, kriminellem Verhalten' in beiden Fällen für die angemessenste Lösung.

{14} Hinter dem arabischen Begriff steht in seiner Verbform die Bedeutung von: gehorchen, freiwillig tun, fähig sein, etwas tun zu können. Ein abgeleitetes Adverb bezeichnet: freiwillig, aus freien Stücken, aus eigenem Antrieb. T`a´a meint demnach: Gehorsam aufgrund von Einsicht und in Freiwilligkeit. Gestützt wird diese Übersetzung auch durch den qur´anischen Gegenbegriff, auf den man im Vergleich aller Parallelstellen stößt. Ikrah heißt Zwang und ist von einer Wurzel abgeleitet, die auch Hass bedeutet. Dahinter steht die Vorstellung, dass das, wozu man gezwungen wird, irgendwann Hassgefühle auslösen kann. Daher begründet sich auch der zentrale qur´anische Satz: "Es gibt keinen Zwang in der Religion (din)".

{15} Historisch belegt ist in diesem Zusammenhang, dass sich aus frauenbenachteiligten Lesarten des Qur´an einerseits und der Umsetzung prophetischer Praxis andererseits schon früh Spannungen und Diskrepanzen in der gesellschaftlichen Realität ergeben haben. So waren Frauen im normativen Diskurs (Entwicklung von Recht und Theologie, im Lehrbetrieb und als gerichtlich anerkannte Gutachterinnen) immer als gleichberechtigte Personen in Erscheinung getreten, während sie im politisch-gesellschaftlichen Diskurs in der Regel Benachteiligungen erfahren hatten (so z.B. als Zeugin vor Gericht, Sure 2:283). Diese Diskussion kann aus Zeitgründen hier leider nicht erfolgen. Vgl. hierzu: Fadel, Mohammed: Two Women, one Man: Knowledge, Power and Gender in Medieval Sunni Legal Thought, in: International Journal of Middle East Studies, 29 (1997), S. 185-205.

{16} Vgl. Köppel, Pia: unveröffentlichten Artikel. O.O und o.J.

{17} Die Anwendung dieser Einsicht ist schon in der islamischen Frühzeit in den verschiedenen Modifizierungen von Recht zu beobachten, so unterschied sich z.B. die Rechtsentwicklung in den Zentren um Madina, Kufa und Mis`r in methodischen Fragen und konkreten Umsetzungen voneinander.

{18} Abu H`anifa, ein Rechtsgelehrter des 8. Jahrhundert hat seine Rechtsentwicklungsmethode von einer Fall-zu-Fall-Systematik in späteren Jahren zugunsten einer Methode modifiziert, die nach allgemeinen Prinzipien Recht entwickelte. Schon zu seiner Zeit gab es die Tendenz, Texte in frauenbenachteiligender Art zu interpretieren, so dass er die Forderung aufstellte, in jeder Stadt eine Extra-Richterin einzusetzen, die über die Wahrung der Rechte der Frauen wachen und sie - gegebenenfalls auch gegen einen gesellschaftlichen Trend - durchsetzen sollte.

{19} Der Vers wurde nach allgemeiner Ansicht in der Periode von 628-630 geoffenbart. Historischer Hintergrund ist der Friedensvertrag von Hudaibiyya (628), den die Muslime aus Madina und die Araber aus Mekka geschlossen hatten und dessen Bedingungen zu Lasten der Muslime gingen. Umm Salama, ein Frau des Propheten, hat, so berichtet die Überlieferung, entscheidend dazu beigetragen, dass es zu dieser Übereinkunft kam, welche trotz der Unausgewogenheit konstruktive Perspektiven eröffnete.

{20} Ein eher als konservativ geltender Gelehrter des 14. Jahrhundert.

{21} Zur Partizipation muslimischer Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft vgl. Krausen, Halima: Frauen in der islamischen Geschichte. Fünf Kapitel. Texte über ihre Homepage erreichbar: www.halimakrausen.com).

{22} Dies ist ein starkes Argument gegen eine religiös begründete Geschlechtertrennung: einen Menschen, auf den man sich in der oben beschriebene Art verlassen kann, hat man gut kennengelernt und Erfahrungen mit ihm gemacht, die dies Vertrauen rechtfertigen.

{23} Zur Diskussion über die Beteiligung von Frauen im Bereich der Politik und der Einordung entsprechender Traditionen vgl. Abou El-Fadl, Khaled: Speaking in God´s Name. Islamic Law, Authority and Women. Oxford 2001, S. 229ff.

{24} Die hatten Frauen in vorislamischer Zeit eher nicht, so waren sie z.B. keine Rechtspersonen, d.h. sie konnten selbst keine Verträge schließen und waren bis auf wenige Ausnahmen von dem öffentlichen gesellschafts-und wirtschaftspolitischen Leben ausgeschlossen. Sie haben den Rückstand aber schnell aufgeholt. Geholfen hat dabei das Vorbild der Frauen des Propheten, die nicht umsonst 'Mütter der Gläubigen' (Sure 33:7) genannt wurden, die von dem dritten Kalifen `Umar (Regierungszeit: 634-644) eingeführte Schulpflicht für Jungs und Mädchen und die immer stärker gewachsene gesellschaftliche Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, Frauen in öffentlichen Ämtern und Positionen zu sehen und zu respektieren. Dass Umar noch zu seiner Regierungszeit eine Frau zur Marktinspektorin ernannt hat, ist ein weiterer Hinweis auf die historische Gebundenheit bestimmter Verse (z.B. der über die Zeugenaussage 2:283), die, wenn die Rechtsgrundlage (`illa) sich ändert (von einer eher benachteiligten Ausgangssituation zur Entwicklung, dass Frauen sich wissenschaftlich genauso qualifizieren konnten wie Männer), die entsprechende Rechtswirksamkeit (h`ukm) auch eine andere sein muss.

{25} Siehe: Jockel, Rudolf: Islamische Geisteswelt. Von Mohammed bis zur Gegenwart. Darmstadt 1954, S. 229.

{26} Eine ebenfalls verbreitete Gottesvorstellung in der islamischen Theologie hat Seine 99 Attribute auf 7 Hauptattribute gekürzt: Wille Macht, Leben, Wissen, Rede, Hören, Sehen und damit damals wie heute eher andere Assoziationen über Gott geweckt.

{27} Nach Rumi: Fihi ma Fihi, in: Krausen, Halima: Grundstudium Islam. Ethisch-rechtlicher Teil. Fasten und Selbsterziehung. Texte zur Veranschaulichung. Unveröffentlichtes Manuskript. Siehe auch: Annemarie Schimmel (Übersetz.): Rumi: Von Allem und vom Einen. Fihi ma Fihi. München 1995, S. 113.

{28} Siehe dazu auch den Artikel von Khaled Abou el-Fadl: In Anerkennung der Frauen. Abzurufen unter: http://www.islamische-zeitung.de/versenden.cgi?nr=3571.

{29} Unter ihnen sein beispielhaft zu nennen: Khaled Abou el-Fadl, Farid Esack und Mehdi Razvi.

 

    {*} Muna Tatari, Islamwissenschaftlerin und muslimische Theologin, Hamburg

 

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