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Johannes Röser

Darf ein Christ
(nicht) fortschritts-optimistisch sein?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 17/2008, S. 179 f

 

    Nach der Wiederkehr der Religion spricht man von der Wiederkehr des Atheismus. Sind Christen, Moslems ... Feinde einer freiheitlichen, offenen, fortschrittlichen Gesellschaft? Und was sind Atheisten?

 

Zeitgleich zum "Megatrend Religion" erleben wir momentan einen "Megatrend Atheismus". Nicht nur im englischsprachigen Raum stürmen Werke wie "Der Gotteswahn" oder "Gott ist nicht groß" an die Spitze der Bestsellerlisten. Wie immer in der postmodern-modernen Welt gibt es zu jedem Trend den Gegentrend. Kaum haben Zeitbeobachter den einen gesichtet, wird er von einem anderen ergänzt oder abgelöst. Und man kann zweifeln, welchen Sinn die ewigen Trendprognosen in rascher Folge überhaupt noch haben.

Jedenfalls ist zu beobachten: Nachdem der kämpferische Atheismus eine "Auszeit" genommen oder auch nur ein "Nickerchen" gemacht hatte, kehrt er mit Heftigkeit in die öffentliche Debatten zurück. Das journalistische Echo darauf findet man in erster Linie in säkularen Medien, in Talkshows wie Zeitungen und Zeitschriften.

Die "Frankfurter Allgemeine" veröffentlichte (29. März) einen Aufsatz des an der London School of Economics lehrenden Philosophen John Gray: "Was führen die Atheisten im Schilde?" In einem großen Durchgang durch jüngste Werke verschiedener atheistischer Theoretiker versucht er nachzuweisen, dass diese im Grunde - nur mit umgekehrtem Vorzeichen - denselben missionarisch-messianischen Eifer an den Tag legen, wie er sich auch im Gottesglauben findet. Ohne eine Art eigene Religion kämen die aktuellen Kritiker der Religion offenbar nicht aus. Ihren Fanatismus kennzeichnet Gray als "säkularen Fundamentalismus". Die Vertreter des neuen Atheismus hingen selber einem durch nichts zu beirrenden irrationalen Glauben, einem Aberglauben an: als ließe sich die Welt allein durch eine Welt ohne Gott retten, aufklärerisch, rational, wissenschaftlich, durch Fortschrittsglauben und nichts anderes. Diese Leute seien geradezu besessen von einem Fortschrittswahn.

 

Neue Eiferer, säkulare Utopisten

Die Annahme, dass die Menschheit nur durch ein Absterben der Religion zum Heil gelangen könne, entlarvt Gray als Illusion - vom Leninismus über Nazitum, Stalinismus und Maoismus bis hin zu einem Islamismus, den der Verfasser weniger als religiös denn als säkular-totalitär verfasst sieht. Man müsse da eher von Islamo-Leninisten sprechen. Unter das neue Eifertum ordnet Gray in seiner großen Abrechnung unterschiedslos alle ein, die irgendwie fortschrittsbewegt sind, Wissenschaftler wie Literaten, Politiker wie Terroristen. Fast, so scheint es, ist in seiner heftigen Ablehnung jedwedes Fortschrittsoptimismus' und jedes Bekehrungseifers der Schritt zwischen einem George W. Bush und einem Osama bin Laden allenfalls winzig.

Am härtesten aber geht Gray mit den kämpferischen Atheisten ins Gericht. Sie litten unter einem gefährlichen Fehlschluss. Sie meinten, Freiheit sei eine säkulare Erfindung. Nur: "Die Vorstellung vom freien Willen, die der modernen Auffassung von persönlicher Autonomie zugrunde liegt, ist biblischen Ursprungs (man denke an die Schöpfungsgeschichte). Die Ansicht, die Ausübung des freien Willens gehöre zum Menschsein, ist ein religiöses Erbe." Und bei genauer Betrachtung gehen laut Gray zahlreiche Formen des Atheismus auf das im Christentum entdeckte Bewusstsein von der individuellen Würde des Menschen zurück. "Für fanatische Atheisten steht außer Frage, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn nur jeder Mensch ihre Sicht der Dinge akzeptiert, und dass eine bestimmte Lebensweise - ihre eigene, entsprechend ausgeschmückt - für jedermann das Beste ist." Zwar müsse der Atheismus nicht in jedem Fall missionarisch sein. Man könne durchaus ungläubig sein und Religionen freundlich tolerieren. Nur sei es "ein seltsamer Humanismus, der ein zutiefst menschliches Bedürfnis verdammt. Aber genau das tun die militanten Atheisten, wenn sie den Glauben dämonisieren".

Gray verzichtet allerdings darauf, näher zu kennzeichnen, was für ihn denn nun eigentlich das Positive der Religion und insbesondere des Christentums ausmacht. Das scheint ihn weniger zu interessieren. Er schmiedet die atheistische Kritik am Christentum um und benutzt sie wiederum als Speerspitze, um gegen den Fortschrittsglauben zu Felde zu ziehen. Dabei beschränkt er sich keineswegs auf Atheisten, sondern bezieht unterschiedslos auch fromme Politiker wie den neulich in die katholische Kirche übergetretenen Tony Blair mit ein: "Manche Neokonservative verbinden militante Fortschrittlichkeit mit religiösem Glauben. Die meisten Neokonservativen sind säkulare Utopisten, die Präventivkriege rechtfertigen und Folter entschuldigen (gemeint sind hier die alliierten Angriffe auf Afghanistan und den Irak, d. Red.), weil sie zu einer strahlenden Zukunft führen, in der die ganze Welt zur Demokratie bekehrt wird. Selbst im Westen, der sich so überlegen fühlt, hat messianische Politik nichts von ihrer gefährlichen Anziehungskraft verloren."

 

Zurück in die Mythen?

Seine Schlussfolgerung: "Die Religion ist nicht verschwunden. Sie zu unterdrücken ist, als wollte man die Sexualität unterdrücken - ein sinnloses Unterfangen ... Der Versuch, die Religion abzuschaffen, führt nur dazu, dass sie in grotesker und entstellter Form wieder auftaucht. Ein unkritischer Glaube an die Weltrevolution, an universale Demokratie beleidigt die Vernunft weit mehr als die Mysterien der Religion."

Welche Art von Religion aber ist für Gray dann eigentlich wertvoll, sinnvoll? Offenbar einzig eine solche, die sich unmessianisch, unprophetisch, unpoli-

 


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tisch gibt. Fast scheint es, als wolle er die Religion wieder in den Käfig alter beschaulicher Mythen einsperren, die niemandem wehtun, wo jeder für sich träumen und spekulieren kann, ohne Anspruch auf Weltveränderung. Für Gray ist solche Religion eine Art "Partner" der Wissenschaft, allerdings ein wohl doch eher schwacher Partner. Denn von der Wissenschaft erwartet Gray - in seltsamem Widerspruch zu seiner Kritik am westlich dominierten säkularen Fortschrittsoptimismus - die Führungsrolle: dass sie Wahrheit offenbart, "die die Religion in Träumen verhüllt". Wissenschaft und Religion seien Zeichensysteme, die menschlichen Bedürfnissen dienen - "im Falle der Wissenschaft dem Wunsch nach Vorhersage und Kontrolle. Religionen dienen vielerlei Zwecken, aber im Kern entsprechen sie dem Streben nach Sinn, dem Mythen sehr viel eher gerecht werden als wissenschaftliche Erklärungen."

Ist also nur das eine wahre und gute, vor den bösen Atheisten zu schützende Religion, die sich möglichst öffentlicher Einmischung enthält, die dem Fortschrittsoptimismus permanent Fortschrittspessimismus entgegenhält? Ein Christentum, das sich derart in neomythologischen Traumwelten einrichtet, das sich hygienisch keimfrei verpackt, würde sich selber sein Grab schaufeln. Auf eine derart rückwärts gewandte, ambivalente Ehrenrettung und Verteidigung der Religion gegenüber Atheisten, wie Gray sie versucht, möchte man als Gläubiger des 21. Jahrhunderts lieber verzichten. Denn dem messianischen Kern des Christentums wird das nicht gerecht: Hier geht es im Kontext des Christusereignisses sehr wohl um Fortschritt, Umkehr, Entwicklung des menschlichen - auch des spirituellen wie politischen, wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen - Bewusstseins. Wie wird Geschichte Heilsgeschichte? Was heißt Erlösung? Das ist der Dreh- und Angelpunkt christlichen Gottes- und Selbstverständnisses. Das letzte Wort darüber hat Gott. Doch das weltrevolutionäre Christusereignis ist nicht unhistorisch in den Kellern mehr oder weniger unverbindlicher Mythenspekulationen zu entsorgen.

 

Europas Erfolge retten

In einem Beitrag der Zeitschrift "Merkur" (April) setzt sich die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Ackermann wiederum kritisch mit den Kritikern des neuzeitlichen Fortschrittsgedanken auseinander. In unserer westlichen Kultur hätten Selbstzweifel Konjunktur. Die "Gewissheiten über die Errungenschaften der Aufklärung und Moderne" würden zunehmend infrage gestellt. Sogar der Papst prangere die "kalte Rationalität" an, die uns die Moderne beschert habe. Schon beginne man, den Versuch, Demokratie, Wohlstand und Freiheit anderen Völkern zu bringen, als bösen Kolonialismus verdächtig zu machen. Damit einher gingen Tendenzen, die Welt religiös wiederverzaubern zu wollen. Ein Versuch, die Emanzipation des Menschen von kirchlicher Autorität zu beschneiden? Ausdrücklich weist der Aufsatz das Ansinnen von Gray zurück. Die Welt erscheine bei ihm - so ein Originalzitat Gray - als "mäandernder Fluss ohne Zweck oder Richtung". Damit aber, meint Ulrike Ackermann, seien wir wieder bei den alten Griechen angelangt. Wir frönten erneut, "dem Wunsch nach dem ewigen Kreislauf".

Europa solle jedoch seine geistigen wie materiellen Erfolge ehren und diese nicht preisgeben, auch einem Multikulturalismus nicht, der die eigenen Sichtweisen abwertet und überholte Perspektiven anderer Kulturen aufwertet. Die Autorin hält nichts von einer naiven "Verherrlichung des Fremden", des vermeintlich Ursprünglichen, das von der neuzeitlich-aufklärerischen westlichen Vernunft noch nicht glatt geschliffen sei. Solche Schwärmerei sei nur ein weiterer falscher Paternalismus, geboren aus dem schlechten Gewissen angesichts der europäischen Kolonialgeschichte. In dieser Haltung werde der Fremde, der Ausländer ständig zum Opfer gemacht und auf diese Opferrolle festgelegt. Stattdessen verlangt die Soziologin ein offensives Eintreten für unsere Kultur, die - das räumt sie ein - durchaus den messianischen Ideen des Christentums mitzuverdanken ist. Eigenartigerweise würden bei den - gerade das Christentum verteidigenden - Kritikern des Fortschrittsglaubens, des Säkularismus und des Atheismus die westlichen Freiheiten und ihre mühsame Erringung kaum positiv erwähnt. "Wobei doch die Herausbildung gerade des Wertes der individuellen Freiheit ohne das Christentum, das römische Recht, die Renaissance und Aufklärung mit der Folge der demokratischen Revolutionen in Europa und Amerika gar nicht hätte statthaben können." In scharfem Gegensatz unter anderem zu Gray plädiert sie dafür, den säkularen Ertrag der Erlösungsvorstellungen zu verteidigen - freilich auch gegen neue religiöse Bevormundung.

Ulrike Ackermann macht sich dabei keineswegs für einen europäischen Heroismus stark, der die Leiden und Verbrechen der Geschichte ausblendet. "Das Paradoxe in der Geschichte Europas liegt ... gerade in der Verbindung von Fortschritt und Grausamkeit. Wie der Phönix aus der Asche erhob sich aus der mittelalterlichen Ordnung die Renaissance, aus dem Schoß des Feudalismus wurde unter Schmerzen die Demokratie geboren. Als Reaktion auf die blutige Unterdrückung durch die Kirche siegte unter schweren und leidvollen Kämpfen die Aufklärung. Und die Religionskriege ebneten à la longue die Wege für die Idee des Laizismus. Die europäische Kolonialpolitik und ihre Eroberungen in Übersee riefen antikoloniale Bewegungen hervor. Den kommunistischen, nationalsozialistischen und faschistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts folgten antitotalitäre Bewegungen.

Die Geschichte Europas hat ein grausames und ein fortschrittliches Gesicht; Europa bescherte der Welt Despotismus und zugleich Freiheit und Menschenrechte ... Dem Kulturpessimismus kann man eigentlich nur mit einem neuen Selbstbewusstsein begegnen, das sich der Abgründe unserer Zivilisation gewahr ist und zugleich die westlichen Freiheitstraditionen feiern kann."

 

Glaube gegen Gefangenschaft

Was Ulrike Ackermann leider allerdings nicht erwähnt, ist: dass auch die Freiheit des Glaubens und die Freiheit zum Glauben zu Europas größten und bedeutendsten Einsichten gehört. Der Christusglaube wurde als Freiheitsglaube gegen die Gefangenschaft im Kreislauf ewiger Mythen angenommen - und produktiv weiterentwickelt. Geschichte wird als Heilsgeschichte mit einem endzeitlichen Ziel - Rettung, Erlösung durch Gott aus ewiger Schuldverstrickung - ernst genommen. Dabei sollte man den bahnbrechend freiheitsprogressiven Satz aus dem Galaterbrief nicht vergessen: "Zur Freiheit hat uns Christus freigemacht." Der Fortschrittsoptimismus eines transzendent hoffenden Glaubens ist dem Christentum wesentlich, immanent.

 

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