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Oliver Müller {*}

Volle Tanks und leere Teller

Dürfen Biotreibstoffe die Lösung
unserer Energieprobleme sein?

 

Aus: Herder Korrespondenz, 2/2008, S. 89-93

 

    Steigende Energiepreise und schwindende Ölreserven stellen die Industrieländer vor eine Existenzfrage. Der Anbau so genannter Biotreibstoffe gilt vielen Politikern als goldener und zudem klimafreundlicher Lösungsweg. Aber in den südlichen Regionen der Welt führen neue Monokulturen zu Abholzung, Armut und Vertreibung.

 

Erdöl, das schwarze Gold, ist der Schmierstoff unserer Industriegesellschaft und wird doch in wenigen Generationen Geschichte sein. Die Zukunft soll dem grünen Gold gehören: Biomasse. Die Industriegesellschaften Europas und Nordamerikas versprechen sich durch die Nutzung von Pflanzen zur Energiegewinnung mehr Sicherheit und gleichzeitig eine umweltfreundlichere Energieversorgung mit weniger Kohlendioxidemissionen. Die Propheten eines neuen Energiezeitalters rechnen vor, dass die Erde ohne weiteres in der Lage wäre, unseren Hunger nach Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu stillen. Ebenso verheißungsvoll erscheint die daraus resultierende schwindende Abhängigkeit von wenig vertrauenswürdigen Ölstaaten.

Zwei der größten gegenwärtigen Problem, der Klimawandel und die sich abzeichnende Energieknappheit könnten damit gelöst werden, ein neues Zeitalter bräche an. Sogar unseren ressourcenaufwändigen Lebensstil dürften wir behalten, so die Versprechungen. "Biotreibstoffe" sollen es möglich machen. Und das grüne Gold soll nach dem Willen zahlreicher Politiker und Lobbyisten schon sehr bald kräftig sprudeln. Die Europäische Union möchte bis ins Jahr 2020 den Anteil von Agrotreibstoffen auf zehn Prozent erhöhen und Deutschland ist ganz vorne dabei.

 

Gute Idee mit fatalen Folgen

Derartige Visionen einer neuen Bioenergie sind nicht ohne Grund attraktive Szenarien. Auch der Begriff "Bio" suggeriert Nachhaltigkeit und Natürlichkeit, ist doch diese Vorsilbe geradezu zum Symbol für eine verantwortliche Lebensweise geworden. Doch die Wirklichkeit ist weit komplexer. "Biotreibstoffe" sind ein Musterbeispiel dafür, dass gute Ideen in einem globalen Kontext durchaus fatale Folgen haben können. Aus diesem Grund sprechen zahlreiche Wissenschaftler und Orga-

 


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nisationen inzwischen nur noch von nachwachsenden Rohstoffen oder Agrotreibstoffen.

Jahrtausendelang haben Bauern Nahrungsmittel, Tierfutter und Textilfasern hergestellt. Jetzt kommt als neues Produkt der Treibstoff dazu. Da sich praktisch alles, was wir essen, auch in Treibstoff umwandeln lässt, entsteht eine neue, verhängnisvolle Konstellation. Je höher die Ölpreise steigen, umso attraktiver werden die Marktchancen für Agrotreibstoffe - und umso höher steigen die Preise für Lebensmittel.

Das bekamen im vergangenen Sommer auch die deutschen Verbraucher zu spüren. Erstmals nach Jahren erhöhten sich die Preise für Grundnahrungsmittel wie Butter und Milch. In Entwicklungsländern ist die Lage noch weit dramatischer. In Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt, haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mehl oder Speiseöl laut Angaben des nationalen Verbraucherverbandes in nur einem Jahr um bis zu 45 Prozent erhöht. Seit der Jahrtausendwende sind in der Dritten Welt die Lebensmittel-Importkosten um 90 Prozent angestiegen.

Damit wird der Agrotreibstoff-Boom zu einem Thema auch für humanitäre Hilfswerke wie Caritas international. Denn Menschen in Entwicklungsländern erleben, wie die Früchte der Ernten auf ihren Feldern nach Europa und in die USA exportiert werden. Sie selbst profitieren jedoch kaum, oft genug haben sie noch nicht einmal Zugang zu elementaren Energieformen wie Elektrizität. Schlimmer noch: Durch die gestiegenen Lebensmittelpreise können sich die armen Bevölkerungsschichten vielfach elementare Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.

Ein Verdacht drängt sich auf: Damit in den Industrienationen der aufwändige, die Umwelt schädigende Lebensstil beibehalten werden kann, wird vielen Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika die Lebensgrundlage entzogen. Das Thema Agrotreibstoffe darf also nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit diskutiert werden, sondern muss auch den Aspekt der Gerechtigkeit gegenüber den Opfern unseres Wohlstandes beleuchten.

 

Auch die Arbeit der Hilfswerke leidet unter dem Boom der Agrotreibstoffe

Für die ärmsten Länder, die bis zu 50 Prozent ihres Nahrungsmittelbedarfs mit Importen decken, sind die steigenden Lebensmittelpreise katastrophal. Wer mit weniger als 30 Euro im Monat auskommen muss, wie Hunderttausende von Rikschafahrern in Bangladesh, ist damit akut vom Hunger bedroht. Laut Welternährungsorganisation FAO leiden derzeit 854 Millionen Menschen chronisch an Hunger, vor allem in Afrika, aber auch im Nahen Osten, Zentralamerika und Teilen Südasiens wächst ihre Zahl. Die FAO warnt, dass 2,1 Millionen Menschen dringend Nahrungsmittelhilfe benötigen.

Dabei könnte weltweit theoretisch jeder Mensch mit einer täglichen Ration von 2800 Kalorien versorgt werden. Dies gelingt heute unter anderem deshalb nicht, weil ein großer Teil der landwirtschaftlichen Fläche nicht für die Nahrungsmittelproduktion verwandt wird. Der Agrotreibstoff-Boom wird dazu führen, dass künftig die Konkurrenz zwischen Nahrungsmittel-, Tierfutter- und Energiepflanzenanbau um knappe Flächen noch weiter wachsen wird.

Betroffen von der "Agflation" sind mittlerweile auch die Hilfsorganisationen. So kämpft der größte Lebensmittelverteiler der Welt, das World Food Programme (WFP), das rund zehn Prozent der Hungernden weltweit versorgt, mit knapper werdenden Mitteln. In Namibia sah sich die UN-Organisation gezwungen, die Nahrungsrationen von 90.000 Waisen zu kürzen. In Burundi versorgt Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, heute das Zentrum "Neue Hoffnung" in der Hauptstadt Bujumbura mit monatlich 70 Tonnen Lebensmitteln. Sie werden an HIV-Infizierte und aidskranke Menschen verteilt. Das Welternährungsprogramm hatte sich Ende 2006 über Nacht aus dem Programm zurückgezogen. Schon zuvor hatte es geheißen, man könne die Hilfe nur "nach verfügbarem" Vorrat leisten.

Ein wesentlicher Grund für die rückläufigen Vorräte waren gestiegene Lebensmittelpreise infolge der wachsenden Nachfrage nach Agrotreibstoffen. Die Direktorin des WEP, Jossette Sheerean, räumte denn auch in einer Rede im Juli 2007 in aller Deutlichkeit ein, dass der Klimawandel und die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel die Organisation vor ganz neue Aufgaben stellten, für die es noch keine Lösungen gebe.

Spürbar sind die steigenden Preise aber nicht nur in Afrika, sondern auch in Mittelamerika. Dort ist Mais ein gesundes, vollwertiges Nahrungsmittel, das für Millionen Menschen in Form von Tortillas das tägliche Brot bildet. Die Hälfte der Bevölkerung Mexikos beispielsweise lebt unter der Armutsgrenze, rund ein Fünftel ist chronisch unterernährt, 20 Millionen Mexikaner haben täglich weniger als eineinhalb Euro zur Verfügung.

Deshalb war es besonders fatal, als Ende 2006 in Mexiko die Tortillapreise explodierten, weil sich die Preise in den USA für den gelben Mais, der unter anderem für die Ethanolproduktion verwendet wird, nahezu verdoppelt haben, nachdem der "new-energy-act" massive staatliche Zuschüsse für die Etha-

 


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nolproduktion aus Mais vorsieht. Danach stiegen die Preise in einigen Regionen Mexikos um das Vierfache auf 30 Pesos pro Kilo (rund zwei Euro). Der so genannte Tortilla-Aufstand im Januar 2007 mit zehntausenden Demonstranten in Mexiko-Stadt zwang die Regierung zum Handeln, zollfreie Maiseinfuhren entschärften die Situation.

Vor allem die Europäische Union und die Vereinigten Staaten treiben die steigende Nachfrage nach Agrotreibstoffen mit politischen Maßnahmen voran. Die Europäische Union möchte in der nächsten Dekade den Anteil von Agrotreibstoffen auf zehn Prozent erhöhen. Deutschland ist dabei der Vorreiter. Bereits jetzt sind 1,13 Millionen Hektar Rapsflächen für die Gewinnung von Agrodiesel im Anbau. Die seit Anfang 2007 geltende Pflicht zur Beimischung von 4,4 Prozent Agrodiesel hat zu einem Anstieg des Verbrauchs auf 856.000 Tonnen im ersten Halbjahr 2007 geführt.

In den Vereinigten Staaten boomt derweil dank massiver staatlicher Förderung Ethanol, das aus Mais gewonnen wird. So wird reines Agroethanol bis 2010 mit 51 US-Cents pro Gallone (3,785 Liter) gefördert. Mit finanzieller Unterstützung der Regierung soll die Ethanolherstellung in den kommenden zehn Jahren um 600 Prozent wachsen. Bis ins Jahr 2017 sollen 15 Prozent des zu erwartenden Verbrauchs von Treibstoffen mit Ethanol und Agrodiesel gedeckt werden.

Mit dieser Politik werden die reichen Industriestaaten die Abhängigkeit von den Rohstoffen Erdöl und Erdgas reduzieren. Doch die Europäische Union verfolgt zusätzlich auch noch agrarpolitische Ziele. Den Bauern sollen neue Einkommensquellen verschafft werden. Dies lässt sich, wenn überhaupt, nur mit einer radikalen Umstellung der Landwirtschaft erreichen. Die gesamte Fläche für Agrokraftstoffe in der EU nahm 2006 drei Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Anspruch. Damit wurde aber nur 1,2 Prozent des EU-Treibstoffverbrauchs gedeckt.

Mit anderen Worten: Die Europäische Union braucht beim heutigen Stand der technischen Entwicklung mehr als doppelt so viel landwirtschaftliche Nutzfläche als überhaupt verfügbar ist, wenn sie Benzin und Diesel durch Agrotreibstoffe ersetzen wollte. Tatsächlich ist der Anbau der Energiepflanzen in hiesigen Gefilden höchst ineffizient. Mit dem Ethanol, das aus 200 Kilogramm Mais gewonnen wird, kommt ein Kleinwagen gerade mal 1000 Kilometer weit. Dabei reichen die in dieser Maismenge gespeicherten rund 700.000 Kalorien aus, einem Erwachsenen die Nahrungsbasis für ein ganzes Jahr zu liefern. Etwas besser sieht diese Bilanz in äquatornahen Gebieten aus. Das gilt vor allem für Zuckerrohr und Palmöl, die wesentlich höhere Hektarerträge liefern als Raps oder Mais. Doch auch damit werden die Agrotreibstoffbäume nicht in den Himmel wachsen. Im Schwellenland Brasilien, das schon seit den siebziger Jahren aus Zuckerrohr Ethanol gewinnt, liegt der Ethanol-Anteil am gesamten Teibstoffverbrauch heute bei 13 Prozent. Er dürfte, schätzt die Internationale Energie-Agentur, bis 2030 auf rund 30 Prozent wachsen.

Indonesien und Malaysia setzen derweil auf Palmöl. Die Pläne der indonesischen Regierung sehen die Ausweitung der Anbauflächen um 200.000 Quadratkilometer bis ins Jahr 2020 vor. Dabei wird nicht nur auf den heimischen Absatzmarkt, sondern auch nach Europa, in die Vereinigten Staaten, nach Indien und China geschielt, die sich selber ehrgeizige Agrotreibstoffziele gesetzt haben. Der weltweite Agrodieselmarkt verspricht in den kommenden Jahren jährliche Wachstumsraten von märchenhaften 30 Prozent. Und selbst in Afrika gilt schon das geflügelte Wort von der "grünen Opec", zusammengesetzt aus Staaten wie Äthiopien, Mali oder Kamerun, die künftig auf dem Weltenergiemarkt eine dominierende Rolle spielen sollen.

 

Zu den Verlierern gehören die armen Länder, die Lebensmittel importieren

Es winkt das große Geschäft, auch für die europäischen Agrodiesel- und Agroethanol-Raffinerien. Überall in den Ländern des Südens suchen sie nach verfügbarem Land und schließen Verträge ab. In Äthiopien erachtet die Regierung eine Fläche von nicht weniger als 17,2 Millionen Hektar, 6,5 Prozent der Landesfläche, als geeignet für den Anbau von Energiepflanzen. Knapp 200.000 Hektar sind bereits vertraglich zugesichert, über weitere 900.000 wird verhandelt. Dabei wird auch vor Gebieten wie den Distrikten Fedis und Midaga im Osten des Landes nicht Halt gemacht, die als potentiell hungergefährdet gelten. Das deutsche Unternehmen FloraEcoPower hat eine entsprechende Lizenz erhalten und hat mit Kleinbauern aus der Region Vereinbarungen zum Anbau von Rizinus communis, auch Christpalme genannt, getroffen.

Die Landwirte erhalten, abhängig vom Ernteertrag, eine Entschädigung, die sich im Rahmen dessen bewegt, was sie bisher an Einkommen erwirtschaftet haben - zuwenig zum Leben, zuviel zum Sterben. Dafür geben sie ihre Ernährungssouveränität preis, denn aus eigenen Ressourcen können sie sich nun nicht mehr ernähren. Das Unternehmen streicht derweil satte Gewinne ein: Die Hektarerträge betragen nach Schätzungen rund das Sechsfache dessen, was den Bauern ausgeschüttet wird.

Die Welternährungsorganisation FAO befürchtet in ihrem jüngsten, halbjährlich publizierten Ernährungsbericht "Food Outlook", dass "die traditionelle Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln zurückgehen könnte zugunsten der Agrartreibstoffe, aus dem einfachen Grund, dass deren Marktpotential weit höher eingeschätzt wird". Zu den Verlierern würden vor allem die armen Länder gehören, die Lebensmittel importieren.

Was diese Prognosen für die Ernährung der Armen auf der Welt bedeuten könnten, veranschaulichen die beiden US-amerikanischen Ökonomen C. Ford Runge und Benjamin Senauer. Sie waren in einer 2003 veröffentlichten Studie zum Schluss ge-

 


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kommen, dass unter Voraussetzung konstanten wirtschaftlichen und ökonomischen Wachstums und weiterer Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft, die Zahl der Hungernden bis 2025 um 23 Prozent auf 625 Millionen sinken werde. Vier Jahre später hat sich diese Prognose wegen der steigenden Nachfrage für Agrotreibstoffe dramatisch verändert. "Die Zahl der Hungernden erhöht sich mit jedem Prozent Preissteigerung für Grundnahrungsmittel um 16 Millionen. Das bedeutet, dass im Jahr 2025 1,2 Milliarden Menschen hungern könnten 600 Millionen mehr als wir 2003 prognostizierten", so Runge und Senauer.

 

Eine kaum zu berechnende Bedrohung der Artenvielfalt

Für den Treibstoffhunger in der reichen Welt verlieren Arme auch ihr Land. Oft können sie die Pachtzinse für die im Wert stark gestiegenen Böden nicht mehr bezahlen. Manchmal werden einfache Bauern aber auch einfach vertrieben. Ein malaysischer Ureinwohner brachte die Situation auf den Punkt: "Die Holzfirmen zerstörten den Urwald und gingen wieder, die Plantageninvestoren zerstören den Urwald und bleiben auch noch." Dies führt auch zum Verlust der kulturellen Identität, besonders wenn es kleine indigene Völker trifft.

Nach Ansicht der Alianza Social Continental, einer Organisation von Bürgerbewegungen auf dem amerikanischen Kontinent, ist die massive Landflucht in ganz Lateinamerika die Folge der sich ausbreitenden Landnahme durch Investoren und Konzerne, die Großprojekte im Bereich des Tourismus, der Wasserkraftnutzung und des Abbaus von Rohstoffen realisieren wollen; vor allem aber für die landwirtschaftliche Produktion. Dieser Landhunger treibt viele Menschen in die Slums der großen Städte Lateinamerikas. Noch heute besitzen drei Prozent der Großgrundbesitzer Brasiliens 50 Prozent des fruchtbaren Landes; es gibt rund 20.000 Betriebe, die über mehr als 2000 Hektar Land verfügen, während 2,5 Millionen Bauern von weniger als zehn Hektar Land leben müssen.

Die Agrarindustrie schielt auch auf bislang ungenutzte Flächen. Das ist in den Tropen vor allem der Regenwald. Am schlimmsten ist die Lage in Indonesien, wo jährlich rund 20.000 Quadratkilometer, das entspricht etwa der Fläche von Hessen, gerodet werden - sehr oft illegal. Die dabei freigesetzten Treibhausgase machen das Land heute zum drittgrößten Kohlendioxid-Emittenten der Welt.

Kaum zu beziffern sind die Verluste an Artenvielfalt. Zehn Prozent aller Pflanzen der Welt sind in Indonesien beheimatet, dazu kommen zwölf Prozent der Säugetiere und 17 Prozent der Vögel. Die CO²-Bilanz einer Palmölplantage ist demgegenüber ernüchternd. Nach ungefähr 100 Jahren oder vier Anbauzyklen ist das Land so ausgelaugt, dass es nicht mehr für die

 


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landwirtschaftliche Produktion verwendet werden kann. Dass sich dort einst üppiger Regenwald ausgebreitet hatte, daran werden sich dann allenfalls noch die Großeltern erinnern.

Nicht besser sieht es in Brasilien aus. Offiziell verschwinden dort jährlich 16.700 Quadratkilometer Urwald. Die katholische Bischofskonferenz forderte Präsident Lula da Silva bereits auf, den Kahlschlag zu stoppen. Regenwald werde "für Zuckerrohr gefällt, und auch die grauenhafte Ausbeutung wird verschwiegen, beklagen die Bischöfe. Kleinbauern und Eingeborene würden vertrieben, Zuckerrohrarbeiter zugunsten des Profits unmenschlich behandelt. Nur aus diesem Grund könne der brasilianische Agrotreibstoff so billig sein. Caritas-Mitarbeiter in den Hochburgen der Ethanol-Gewinnung sprechen von "sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen". 17 Tote durch Erschöpfung hat die katholische Kirche allein auf den Plantagen in der Region São Paulo bereits gezählt, Agrotreibstoffe verschärfen in der Regel soziale Ungerechtigkeit und Hunger.

Auch das Versprechen eines besseren Schutzes der Umwelt wird nicht eingelöst. Vor allem die ökologischen Auswirkungen zeigen deutlich, dass Agrotreibstoffe den Zusatz Bio nicht verdienen. Abholzungen führen zu einem Verlust der Biodiversität und verstärken den Klimawandel. Kahl geschlagene und von nachwachsenden Rohstoffen ausgelaugte Böden erodieren viel schneller, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind die Folge. Nothilfeorganisationen rechnen mit einem Anstieg von Opfern in den Ländern des Südens. Zudem ist beim Anbau auch der notwendige Einsatz von Maschinen, Pestiziden und Düngemitteln energieaufwändig und führt zu Emissionen. Der Nobelpreisträger Paul Crutzen hat nachgewiesen, dass der Treibhauseffekt von einem Liter Rapsdiesel 1,7 Mal höher ist als der von herkömmlichen Diesel, Ethanol aus Mais schneidet um 50 Prozent schlechter ab als normales Benzin.

Das hängt in erster Linie mit Stickstoffdüngern zusammen, die für die Produktion benötigt werden. Im Gegensatz dazu erzielt Zuckerrohr als Rohstoff wesentlich bessere Werte und ist durchaus eine Alternative zu fossilen Brennstoffen. Dies zeigt, dass die Diskussion um Agrotreibstoffe differenziert geführt werden muss. Die massiven Umweltschäden treten durch die Schaffung von Monokulturen in ökologisch sensiblen Regionen auf. Dem steht nicht entgegen, dass Agrotreibstoffe unter bestimmten Bedingungen auf nachhaltige Weise einen (kleinen) Teil am Energiebedarf abdecken können. Es gibt sehr sinnvolle Anwendungen, etwa in Biogasanlagen, die sich durch hohe Energieeffizienz auszeichnen. Für die Lösung unserer globalen Energieprobleme ist ihr Potenzial aber zu klein.

Noch in den Kinderschuhen steckt die Nutzung von Agrorohstoffen der so genannten zweiten Generation, die nicht essbare Biomasse wie zum Beispiel Holz und Stroh umfasst. Die technischen Möglichkeiten zu deren rentabler Verwertung sind noch nicht ausgereift. Und selbst wenn dies einmal der Fall sein sollte, verfügt Europa gemäß einer Studie der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen nicht über genügend Biomaterial, um seinen Bedarf zu decken. Europa ist schlichtweg zu klein für seinen großen Energiehunger.

 

Der westliche Lebensstil stößt an seine Grenzen

Was ist in der gegenwärtigen Situation ethisch geboten? Die unbequeme Wahrheit lautet: wir stoßen mit unserem Lebensstil kollektiv an Grenzen. Es sind nicht mehr nur die Grenzen des Wachstums, wie es der Club of Rome in den siebziger Jahren formulierte, es sind Grenzen, die uns letztlich die Natur setzt. So wird es unausweichlich sein, über eine Reduzierung des Individualverkehrs zu sprechen, Energieeinsparung und den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Darüber hinaus muss die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung der marginalisierten Bevölkerungsteile in den Entwicklungsländern Vorrang vor dem Bedarf an billigem Agrosprit in den Industrieländern genießen. Nachwachsende Rohstoffe sollten auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit hin überprüft und sogar zertifiziert werden.

Der durch den wachsenden Energiebedarf mitverursachte globale Klimawandel - sei es durch fossile Brennstoffe oder "Bioenergie" - erweist sich als umfassendste Herausforderung für die Schöpfungsverantwortung, für Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen. Beim Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen liegt Deutschland um das 2,5-fache über dem globalen Durchschnitt.

Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, ist in der 2006 von der Expertengruppe der Deutschen Bischofskonferenz publizierten Studie zum globalen Klimawandel ausgezeichnet beschrieben. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, sagte bei der Vorstellung des Textes: "Die nationale und internationale Politik ist ebenso in der Pflicht wie die internationalen Organisationen, Entwicklungseinrichtungen und die Wirtschaft. Schließlich ist jeder Einzelne angefragt, seinen persönlichen Lebensstil klimaverträglich zu gestalten." Die Industriestaaten sind die Hauptverantwortlichen für eine Entwicklung, bei der im Interesse kurzfristiger materieller Gewinne und einer ressourcenintensiven Lebensweise die ökologischen Grenzen missachtet wurden.

Die deutsche Klima-Allianz, zu der auch zahlreiche kirchliche Organisationen wie Misereor, Caritas international oder der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gehören, hat deshalb darauf hingewiesen, dass nach dem Verursacherprinzip die für den Klimawandel verantwortlichen Länder, Unternehmen und Konsumenten für die Klimaschäden und die Kosten der Anpassung in den besonders betroffenen Entwicklungsländern aufkommen müssen. Diese sollten zudem Anspruch auf Unterstützung beim Aufbau einer eigenen klimaverträglichen Energieversorgung erhalten. Das alles mag schwierig sein, aber es ist über kurz oder lang der einzige Weg.

 

    {*} Der promovierte Theologe Oliver Müller (geb. 1965) leitet Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, nachdem er zuvor dort mehrere Jahre dem Osteuropa-Referat vorgestanden hat. Ende letzten Jahres erschien im Freiburger Lambertus Verlag der vom Autor zusammen mit Wolfgang Hees und Matthias Schüth herausgegebene Band: Volle Tanks - leere Teller. Der Preis für Agrotreibstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung.

 

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