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Ludger Honnefelder

Phänomen "Neuer Atheismus"

Statement zu Beginn des ersten Podiumsgesprächs

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 5/2008, S. 21 f.

 

"Atheismus" ist ein Wort mit vielen Bedeutungen; es lässt viele Bezüge wach werden und ist in hohem Maß mit existenziellen und emotionalen Aspekten verbunden. Ich beschränke mich in meinem kurzen Statement auf die Frage, die in der Sicht der Philosophie vorrangig ist, nämlich die nach der Wahrheit des Atheismus. Dabei möchte ich zu klären versuchen, was an dem neuerlich artikulierten Atheismus, eigentlich neu ist. Der Kürze halber versuche ich dies durch fünf Thesen zu erläutern:

 

1. Atheismus ist der Titel für eine Proposition, um deren Wahrheit gestritten wird.

"Atheismus" ist in der Sicht der Philosophie der Ausdruck für die Annahme, dass die Aussage "Gott existiert nicht" wahr ist. Nun muss nach dem üblichen Verständnis der Philosophie eine Aussage, die Anspruch auf Wahrheit oder Gültigkeit erhebt, deren Wahrheit aber nicht unmittelbar durch eine eigene Wahrnehmung oder nicht allein aufgrund der in der Aussage enthaltenen Begriffe als wahr einleuchtet, zum Ausweis ihrer Wahrheit begründet werden. Seit Beginn der Philosophie hält eine große Zahl der Philosophen die Annahme, dass ein göttliches Wesen oder Prinzip existiert, für zumindest gut begründbar.

Diese Annahme wird - vor allem seit Beginn der Neuzeit - bestritten, und zwar in verschiedener Form: Man hat entweder bestritten, dass (1) unser Erkenntnisvermögen ausreicht, um ein welttranszendentes immaterielles göttliches Prinzip zu erkennen (Agnostizismus), oder, dass (2) die vorgetragenen Gründe für die Annahme eines göttlichen Prinzips den Charakter zwingender Beweise haben oder, dass es (3) gute, ja zwingende Gründe gibt, die theistische Annahme zu verwerfen (Atheismus).

Die Verteidiger eines Theismus haben dem zu Recht entgegnet, dass der Theismus zwar nicht im Sinn mathematischer bzw. naturwissenschaftlicher Beweise bewiesen werden, wohl aber rational gerechtfertigt werden kann. Keinesfalls aber könne umgekehrt die Wahrheit des Atheismus im Sinn naturwissenschaftlicher Beweise bewiesen werden, ohne sich in einen Gegensatz zur Kritik an der Beweisbarkeit des Theismus zu verwickeln.

 

2. Der christliche Glaube impliziert einen rechtfertigbaren Theismus

Der christliche Glaube vertritt in seinen maßgeblichen Formen die Meinung, dass der Akt des Glaubens an Gott vor der Vernunft zu rechtfertigen ist (vgl. 1 Petr 3, 15). Glaube ist "vernünftiger Gehorsam (obsequium rationabile)", d.h. ein vor der Vernunft verantwortbarer Akt. Deshalb hat man sich seitens der Theologie - spätestens seit Eintritt in die durch die griechische Philosophie geprägte Kultur - bemüht, zu zeigen, dass der in der Sprache des Glaubens gebrauchte Ausdruck "Gott" sich nicht auf ein mythisches Wesen bezieht der gar leer ist, sondern dass er auf etwas referiert, für dessen Annahme auch die natürliche Vernunft rechtfertigende Gründe angeben kann. Der im Glauben enthaltene Theismus wäre daher völlig unterbestimmt, wenn man ihn als eine bloß subjektive Meinung, als ein irrationales Gefühl oder gar als eine bloße Dezision betrachtet.

 

3. Der Atheismus der Gegenwart stützt sich auf einen rigiden Naturalismus der sich mit einem rigiden Verständnis der Evolution verbindet.

Die Mehrzahl der Autoren, die heute einen dezidierten Atheismus vertreten, tun dies im Zusammenhang mit einem rigiden oder extremen Naturalismus oder Szientismus. Damit ist nicht gemeint, dass die Naturwissenschaften nicht einer Methode folgen müssten, die per definitionem nur das annimmt, was mit naturwissenschaftlichen Methoden erkennbar und behandelbar ist (methodischer Naturalismus). Gemeint ist mit einem rigiden "Naturalismus" vielmehr die Position, die als rational erkennbar ausschließlich dasjenige zulässt, was mit naturwissenschaftlichen Methoden erfassbar ist (epistemologischer Naturalismus) oder die Position, die als wirklich nur betrachtet, was Gegenstand der naturwissenschaftlichen Methode ist (ontologischer Naturalismus).

 

4. Der rigide Naturalismus hält der philosophischen Kritik nicht stand ebenso wenig wie ein fundamentalistischer Theismus.

Die Position des erkenntnistheoretischen oder ontologischen Naturalismus ist ohne Zweifel keine naturwissenschaftliche, sondern eine extrem epistemologische bzw. metaphysische Annahme. Sie ist - wie alle Alles-ist-Aussagen dieses Typs - selbstwidersprüchlich. Sie widerspricht darüber hinaus dem wissenschaftstheoretischen Selbstverständnis der Naturwissenschaften, das auf methodischer Selbstbeschränkung beruht, und sie bestreitet, dass es eine Sicht der Wirklichkeit jenseits der - als solche ja hoch konditionierten - naturwissenschaftlichen Methode gibt, eine Sicht, von der wir ständig Gebrauch machen und die für unser Selbstverständnis als vernünftige Wesen unverzichtbar ist.

Denn die Naturwissenschaften beschränken sich darauf, Ereignisketten durch einen ihnen zugrunde liegenden gesetzmäßigen Zusammenhang kausal zu erklären (event causality). Sie bleiben daher in ihren Urteilen an den Horizont unserer empirischen Erfahrung gebunden. Für den Menschen ist aber darüber hinaus ein Verständnis von Kausalität konstitutiv und unverzichtbar, das man als Handlungskausalität (agent causality) bezeichnet, wie sie sich in der Perspektive des in der 1. Person Singular handelnden Subjekts zeigt. Erst in diesem Raum der Handlungskausalität konstituiert sich das, was wir Intention und Absicht, Sinn und Bedeutung, Gründe und Ziele nennen, also dass wir Absichten verfolgen, uns als Akteure unserer Handlungen empfinden und uns deshalb für sie verantwortlich halten, dass wir von Sachverhalten sagen, dass sie wahr sind und auf Deutungen der Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt des Sinns nicht verzichten können. In der Wissenschaftstheorie wird daher zwischen dem "Raum der Ursachen" und dem "Raum der Gründe" (W. Sellars) unterschieden. Handlungskausalität kann ohne Zweifel auch aus der Perspektive der Ereigniskausalität betrachtet werden (wie dies in der Hirnforschung geschieht), doch kann sie nicht auf letztere reduziert werden. Für unser Orientierungswissen ist der "Raum der Gründe" konstitutiv, der dem "Raum der Ursachen" nicht widersprechen darf, aber auch nicht durch ihn ersetzt werden kann. Auch die Naturwissenschaften selbst erhalten ihren Sinn und ihre Bedeutung erst in der Perspektive der Handlungskausalität.

Eine Bestreitung der Sinnhaftigkeit von Fragen wie die nach Sinn und Bedeutung, Intention und Ziel ist daher philosophisch ebenso illegitim, wie die Behauptung, das Wirken Gottes zeige sich unmittelbar im Raum der Ursachen bzw. die Annahme seines Wirkens im Raum der Ursachen sei die bessere Erklärung als die mit Hilfe der Evolutionstheorie (Kreationismus; Intelligent Design). Die letztere Annahme übersieht die Differenz, die zwischen einer naturwissenschaftlich verstandenen Ursache und dem ontologisch angenommenen Ursprung, zwischen Erst- und Zweitursache besteht und stellt daher einen Kategorienfehler dar. "Das menschliche Verständnis von Werten und von der Sinnhaftigkeit des Lebens liegt außerhalb der Reichweite der Naturwissenschaften", heißt es in einer Erklärung von 66 Akademien der Wissenschaften weltweit.

 


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5. Die naturwissenschaftliche Weltdeutung lässt Fragen jenseits ihrer Fragestellung unbeantwortet, Fragen, die sich aber dem nachdenklichen Menschen stellen müssen und die den Theismus als 'best explanation' erscheinen lassen.

Wenn es zutrifft, dass zwischen dem "Raum der Ursachen" und dem "Raum der Gründe" zu unterscheiden ist, dann ist es unzulässig aus der Tatsache, dass die Evolution des Lebendigen durch die von Darwin aufgezeigten Ursachen ohne Zuhilfenahme einer göttlichen Ursache erklärt werden kann und dass dabei neben der Notwendigkeit der seit dem Urknall zu beobachtenden Gesetze auch der Zufall eine Rolle spielt, zu schließen, das Ganze verdanke sich dem Zufall und schließe die Annahme eines göttlichen Ursprungs positiv aus (Ultradarwinismus; Evolutionismus). Dies wäre nicht minder ein Kategorienfehler wie der oben skizzierte Kreationismus.

Jenseits der naturwissenschaftlichen Erklärung, ergeben sich jedoch unleugbar Fragen, die der nachdenkliche Mensch sich stellen muss und auf die Theismus und Schöpfungsglaube eine Antwort zu geben versuchen: Warum kommt es überhaupt zu einem Anfang in Form des Urknalls oder warum ist etwas und vielmehr nicht nichts? Warum ist die Wirklichkeit in so hohem Maß rational erklärbar? Warum führen die Randbedingungen und die darwinschen Gesetze der Evolution zu einer Konvergenz der Entwicklung hin auf intelligente Wesen? Alle diese Fragen beziehen sich auf den Grund der von den Naturwissenschaften eruierten Ursachen. Sie sind mit Hilfe der Naturwissenschaften weder zu beantworten noch eliminierbar, verlangen aber vom Sinn suchenden Menschen eine vernünftige Antwort. Denn von dieser Antwort ist das Selbst- und Weltverständnis des Menschen in wichtigen Dimensionen abhängig.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'