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Helge Stadelmann {*}

Was Evangelikale gerne
in den gesamtkirchlichen Dialog einbringen

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 5/2007, S. 8-10

 

I. Die Evangelikalen sind eine breite und keineswegs homogene Bewegung

Was Kirchenzugehörigkeit betrifft, hat man es bei den Evangelikalen (laut einer Analyse meines Gießener Kollegen Stephan Holthaus) mit folgenden Dimensionen zu tun: "250 Millionen Christen zählen [...] zu klassischen evangelikalen Kirchen, 100 Millionen Evangelikale findet man in nicht (mehr) evangelikalen Gemeindeeinrichtungen, 10 Millionen in der römisch-katholischen und in den orthodoxen Kirchen, 100 Millionen in unabhängigen evangelikalen Kreisen." Die insgesamt rund 460 Millionen evangelikale Christen weltweit sind konfessionell also nicht homogen. Auch ihre Wurzeln sind vielfältig. Laut einer 1988 für das Straßburger Institut für Ökumenische Forschungen erstellten Studie von Mark Ellingsen haben sich die Evangelikalen im angelsächsisch-nordamerikanischen Raum vor dem Hintergrund des radikalen Flügels der Reformation, des Puritanismus und Pietismus, der Erweckungs- und Heiligungsbewegung und des Fundamentalismus des frühen 20. Jahrhunderts entwickelt, sich jedoch bereits 1942 von der immer separatistischer werdenden fundamentalistischen Bewegung getrennt und die 'National Association of Evangelicals' gegründet. In Deutschland haben die Evangelikalen - trotz gewisser Querverbindungen zum angelsächsischen Bereich über vier Jahrhunderte hinweg - ihre eigenen Wurzeln im Pietismus, im Neupietismus, Neokonfessionalismus, in der Heiligungs- und der freikirchlichen Restitutionsbewegung und arbeiten seit 1846 in der Evangelischen Allianz (als der ältesten protestantischen Einheitsbewegung) nicht nur national, sondern international mit Evangelischen Allianzen in inzwischen 127 Ländern zusammen.

Sie teilen - so Ellingsen - unbeschadet vieler sonstiger Unterschiede mehr oder weniger eine Reihe von Merkmalen: eine eher zurückhaltende Einstellung zur zwischenkirchlichen Ökumene; eine Hochschätzung der Bibel als wahres Wort Gottes; eine Betonung ethischer Maßstäbe für das christliche Leben; eine Tendenz zur Erfahrungstheologie unter Betonung von Bekehrung und Heiligung bei gleichzeitige Unterbetonung von Faktoren wie Amt, Sakrament und Kirchenstrukturen; dafür aber eine Schwerpunktsetzung auf Evangelisation und Weltmission; ein Verständnis von Ethik als Ordnungsethik statt Situationsethik; und sie haben eine hohe Bereitschaft zu kirchenübergreifenden Kontakten mit Christen von ähnlicher Glaubensausprägung. Friedhelm Jung unterscheidet in seiner Dissertation Allianzevangelikale, Bekenntnisevangelikale und Pfingstevangelikale. Doch auch diese Kategorien mischen sich heute in unterschiedlichen Schattierungen. Über alle Einzelunterschiede hinweg wird gelten, dass evangelikale Christen in der Sache bis heute überzeugte Vertreter der particula exclusiva der Reformation sind: allein Christus (bringt Heil); allein die Schrift (ist Norm des Glaubens); allein der Glaube (rettet); allein Gott die Ehre (ist das Ziel alles göttlichen und - hoffentlich! - alles menschlichen Handelns).

Der Überblick zeigt: Es ist wichtig sich angesichts der Unterschiede zwischen den Evangelikalen vor Pauschalisierungen zu hüten. Trotzdem gibt es gewisse typische Merkmale.

 

II. Die Evangelikalen sind eine Herausforderung als Bibelbewegung

John Stott, einer der weltweit anerkanntesten evangelikalen Leiter, sieht die Bibelbetonung der Evangelikalen als ihr hervorstechendstes Merkmal. Er schreibt: "Wir Evangelikalen sind Bibelleute. Wir glauben, dass Gott voll und abschließend in seinem Sohn Jesus Christus gesprochen hat und in dem biblischen Zeugnis über Christus. Wir glauben, dass die Schrift präzise das geschriebene Reden Gottes ist, und weil sie Gottes Wort ist, hat die höchste Autorität über die Kirche. Die Vorrangigkeit der Schrift war immer das erste Kennzeichen eines Evangelikalen und wird es immer sein." Entsprechend bekennt sich die "Glaubensbasis der Evangelischen Allianz" (1972) "zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung" (Art. 2). Ähnliche Bekenntnisse ließen sich im evangelikalen Raum - bei graduellen Unterschieden im Einzelnen - in großer Zahl nachweisen.

Evangelikale Theologie geht davon aus, dass Gegenstand der Theologie Gott in seiner Offenbarung ist, wie er sich in seiner Schöpfung, in seinem heilsgeschichtlichen Reden und Handeln - zuletzt in seinem Sohn Jesus Christus - und in der von seinem Geist eingegebenen Heiligen Schrift offenbart hat. Evangelikale verstehen das Selbstverständnis der Schrift dahingehend, dass es einen dem Menschen schlechthin übergeordneten Wahrheits- und Geltungsanspruch erhebt, dass es zugleich aber eine von Gott durch Menschen in historischen Situationen und unterschiedlichen Literaturgattungen gegebene Schriftensammlung ist, deren jeweiliger Literalsinn erkannt werden

 


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soll und kann. Selbstverständlich begrüßen Evangelikale die Gabe der Vernunft zur Erforschung des biblischen Wortes in seiner kreatürlichen Sprachlichkeit und Geschichtlichkeit. Sie halten es aber für unangemessen, die menschliche Vernunft absolut zu setzen, sie der Heiligen Schrift überzuordnen und in der Folge das Offenbarungswort zu relativieren.

In diesem Zusammenhang haben sich Evangelikale im innerprotestantischen Diskurs immer wieder als Kritiker 'der' historisch-kritischen Methode und ihrer Hypothesen geäußert. Nicht, dass Evangelikale einer gründlich wissenschaftlichen Arbeit an der Bibel skeptisch gegenüber stünden! Sie Teilen vielmehr mit den verschiedenen historisch-kritischen Theologien das Interesse an der 'menschlichen' Seite der Heiligen Schrift und anerkennen, dass deren Erforschung zu unzähligen wertvollen Erkenntnissen im historisch-philologischen Bereich geführt hat. An der Erarbeitung dieser Erkenntnisse waren allerdings nicht nur 'liberale', sondern ebenso 'konservative' Theologen beteiligt. Der Dissens besteht auch nicht darin, dass etwa die eine Seite mit wohl begründeter Methodik saubere Exegese leistet, während die andere Seite ein naiv-subjektives Bibelverständnis praktizierte, das wissenschaftlichen Maßstäben nicht standhielte. Nein, auch evangelikale Theologen verstehen es, ihre Prämissen und Methoden offen zu legen und auf ihre Gegenstandsgemäßheit überprüfen zu lassen; auch sie arbeiten mit Evidenzen und Hypothesen und werden diese immer wieder am Gegenstand ihrer Forschung überprüfen und der intersubjektiven Nachprüfbarkeit aussetzen. Der Dissens liegt woanders. Das Schlussdokument eines drei Jahre dauernden Konsultationsprozesses zwischen Vertretern der evangelischen Kirchenleitungen sowie Theologischer Fakultäten und Vertretern der evangelikalen Bewegung in den Jahren 1988 bis 1990 formulierte den Dissens aus evangelikaler Sicht so: "[Die historisch-kritische Theologie, wie sie von Ernst Troeltsch herkommt,] hat das inhaltliche Verständnis der Bibel 'tausendfach zersetzt, berichtigt, verändert, und das immer mit dem Ergebnis einer nur wahrscheinlichen Richtigkeit.' (Ernst Troeltsch) Im Laufe ihrer Geschichte hat sich die historische Kritik immer neu am geoffenbarten Wort Gottes versündigt, indem sie dieses den wechselnden weltanschaulich-philosophischen Prämissen und den von daher erstellten menschen-, Welt- und Geschichtsbildern sowie dem methodischen Zweifel unterworfen hat. Durch literarische bzw. historische Hypothesen werden biblische Aussagen vielfach relativiert. Es wird zwischen hinterfragbarem Menschenwort und gültigem Gotteswort unterschieden, so dass in Folge davon immer neue 'Kanones' im Kanon definiert werde [...]. Der einzelne Forscher bestimmt dann, was an den biblischen Aussagen historisch und theologisch noch gelten soll."

Was hier kritisiert wurde, war nicht das vernünftige wissenschaftliche Arbeiten an und mit der Bibel als solches, sondern eine subjektive Sachkritik, deren weltanschauliche Prämissen, Hypothesenfreudigkeit und Gegenstandsgemäßheit infrage gestellt wurden.

Vermutlich könnten die meisten Evangelikalen sehr gut mit dem Schriftverständnis und dem daraus resultierenden Jesus-Verständnis leben, das Benedikt XVI. in seinem neuesten Jesus-Buch formuliert und in Abgrenzung zu vielen kritischen Zugängen der letzten 150 Jahre herausgearbeitet hat. Allerdings trifft solche, die so denken, gegenwärtig allzu leicht der wohlfeile Vorwurf des 'Fundamentalismus'. Ich halte diesen Vorwurf für unsachlich. Man mag im Einzelnen geistesgeschichtlich explizieren, was den wissenschaftlichen Fundamentalismus des frühen 20. Jahrhunderts ausmachte. Wer aber heute jeden, der theologisch konservativer denkt als er, des 'Fundamentalismus' bezichtigt, wo doch 30 Jahre nach der Revolution Khomeinis, 'Fundamentalismus' regelmäßig als Bezeichnung für das gewaltsame Durchsetzen religiöser Überzeugungen auch im Sinne terrorbereiter Islamisten benutzt wird und bestenfalls als Schimpfwort für dumpfes Ignorantentum dient, der verlässt den Boden der Sachlichkeit.

Für evangelikale Christen hat ihr Eintreten für biblischen Glauben und biblische Werte so wenig mit intolerantem Aufzwängen religiöser Überzeugungen zu tun wie für friedliche G8-Demonstranten ihr Eintreten für bessere Verhältnisse in Afrika mit gewalttätiger Randale. Tatsächlich steht für Evangelikale als Bibelbewegung etwas ganz anderes im Vordergrund: Zum einen sehen sie ihre Hochachtung gegenüber der Bibel und ihren intensiven Umgang mit ihr als Funktion ihrer Liebe zu Gott, der seiner Kirche sein Wort als Gabe gegeben hat. Sie sind überzeugt, dass die Gabe des Wortes Gottes Kirche schafft und aufbaut. Wer wissen will, warum evangelikale Gemeinden wachsen, wird nicht umhin kommen, die Rolle des biblischen Wortes Gottes in der evangelikalen Bewegung in den Blick zu nehmen. Und umgekehrt: Wer wissen will, warum mancherorts auch evangelikale Gemeinden nicht mehr wachsen, wird ebenfalls gut daran tun, unter anderem danach zu fragen, wie es dort um das Schriftverständnis und den Stellenwert bzw. die Qualität der Verkündigung steht. Die Gemeindewachstumsforschung hat gezeigt, dass dies zwar nicht hinreichende, aber doch notwendige und wesentliche Faktoren von Wachstum sind.

Gerade in der südlichen Hemisphäre, wohin das Christentum zu unseren Lebzeiten in einem Wandel von religionsgeschichtlichem Ausmaß auswandert, setzt sich nicht ein auf die Grenzen innerweltlicher Vernünftigkeit reduziertes Christentum durch, auch nicht ein bloß politisch interpretiertes Evangelium, sondern - bei allen Kinderkrankheiten, die sich gerade in den Kirchen der Zweidrittelwelt zweifellos auch finden! - ein bibelbezogenes, zur Transzendenz hin offenes Christentum, das die Bedürfnisse der Menschen ernst nimmt, ihnen Orientierung durch von außen auf den Menschen zukommende Maßstäbe gibt und für sie den Glauben erfahrbar macht.

In einer Zeit globalen Wandels könnte es für die globale Kirche hilfreich sein, von den Evangelikalen als Bibelbewegung zu lernen. - Das zweite, was ich als (möglicherweise) beachtenswert vorstellen möchte ist dies.

 

Die Evangelikalen sind eine Herausforderung als evangelistische Bewegung

Für evangelikale Christen steht die Frage nach dem Heil und der Heilszueignung durch den persönlichen Glauben an Jesus Christus, wie er im Evangelium verkündet wird, ganz oben auf der Prioritätenliste. Nicht, dass die Frage nach dem irdischen Wohl der Menschen vergessen würde. Die auf den Pietismus des 18. und verschiedene Erweckungen des 19. und 20. Jahrhunderts zurückgehende Weltmissionsbewegung des Evangelikalismus war immer auch mit intensiven karitativen Bemühungen verbunden. Die Zusammengehörigkeit von Evangelimsverkündigung und ganzheitlicher Bemühung um das irdische Wohl der Menschen wurde nicht zuletzt in der "Lausanner Verpflichtung" von 1974 neu bekräftigt. Aber erste Priorität hatte für Evangelikale immer die Evangelisation, verstanden als Evangeliumsverkündigung und Ruf zum Glauben. Als es ihnen Ende der 1960er Jahre erschien, innerhalb der Ökumenischen Bewegung Weltmission durch politische Theologien sowie Humanisierungs- und Dialogprogramme abgelöst zu werden drohte, stellten sie sich dieser Entwicklung mit ihrer Frankfurter "Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission" vom 4. März 1970 entgegen. Wenn innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland heute Evangelisation langsam wieder entdeckt wird (vgl. die Neubetonung von Evangelisation seit der EKD-Synode 1999), haben Evangelikale hier nicht nur einen Vorsprung von 30 Jahren, sondern weisen von ihrem Kernanliegen her eine vergleichsweise stärkere Affinität zum Thema Evangelisation auf. Sie müssen 'Evangelisation' nicht erst wiederentdecken.

Typischerweise begreifen Evangelikale Christsein nicht in erster Linie sakramental als ein zugeschriebenes Merkmal, sondern im Rahmen einer Bekehrungstheologie als erworbene Eigenschaft (natürlich nicht im Sinne eines selbst bewirkten Heils!). Das allein durch Christus eröffnete Heil wird dem Menschen allein aufgrund der Gnade durch das Evangelium so gesagt, dass dieser in einem pneumatischen Geschehen zum Glaubensgehorsam gerufen und zur Antwort des Glaubens befreit wird mit der Folge, dass es zur Heilsaneignung kommen kann und soll. Evangelikale scheuen sich von daher nicht, in ihrer Evangeliumsverkündigung deutlich zum Glauben und zur Umkehr des Menschen aufzurufen - nicht, weil sie meinten, der sündige Mensch könne Glauben und Umkehr aus sich heraus leisten; sondern weil sie überzeugt sind, dass Gott den Menschen durch seinen Geist mittels des Wortes des Evangeliums in die Entscheidung des Glaubens stellt.

Natürlich ist es wahr, dass nicht alle Evangelikalen evangelistisch tätig sind. Natürlich ließen sich Beispiele finden für geradezu sektiererische 'Menschenfischer-Methoden mit 'Health & Wealth'-Lockangeboten - die ihre schärfsten Kritiker allerdings gerade unter den Evangelikalen selbst finden werden. Und natürlich gibt es unter Evangelikalen reichlich Diskussionen um angemessene Wege der Evangelisation. Aber es dürfte zugleich unbestritten sein, dass in den letzten 50 Jahren im Rahmen der Weltmission nichts die Evangelisation so vorangetrieben hat wie die evangelikale Gemeindewachstumsbewegung mit ihren vielfältigen Ausprägungen und Modellen.

Evangelikale verstehen sich nicht als Hüter der christlichen Tradition und eines langsam abnehmenden Bestands an kulturell vermittelter Kirchlichkeit. Sie sind in ihrem missionarischen Denken expansiv und kreativ. Als Beispiel nenne ich das Projekt dreier Absolventen unserer Gießener Akademie, wie sie dies vor wenigen Tagen der aktuellen Studenten- und Dozentenschaft vorgetragen haben. In ihrem Studium schon entstand die Motivation, im Innenstadtbereich von Großstädten unter entkirchlichten Menschen Gemeinden zu gründen. Nach dem Ende ihres Studiums 2002/2003 machten sie vorbereitende Jahrespraktika in New York (Manhattan) und Toronto. Dann gingen sie nach Berlin - laut "Spiegel" die 'Welthauptstadt des Atheismus'. Im östlichen Teil der Innenstadt, am Prenzlauer Berg, begannen sie mit ihrer evangelistischen Arbeit, lernten das Leben der Leute dort kennen, schlossen Kontakte. Anfang 2005 begannen sie mit "Sofa-Gottesdiensten" im eigenen Apartment. Als dieser nach einem halben Jahr von 25 auf 40 Teilnehmer angewachsen waren, mieteten sie im Oktober 2005 in der Kulturbrauerei einen geeigneten größeren Raum und luden unter der City-Bevölkerung zur Eröffnung ein. 60 Besucher kamen zum ersten Gottesdienst; ein halbes Jahr später an Ostern 2006 waren es schon 100 Teilnehmer; heute sind es rund 200 Besucher pro Gottesdienst. Etwa die Hälfte der Teilnehmer kommt beruflich aus dem künstlerisch-gestalterischen Bereich, aber auch Journalisten und andere ambitionierte junge Leute sind dabei, die größtenteils aus einem entkirchlichten Hintergrund kommen (nur wenige allerdings aus einer wirklich atheistischen Prägung). Zwei Drittel von ihnen sind zwischen 25 und 40 Jahre alt; die Mehrheit ist Single. Die Gottesdienste des Berlin-Projekts sind geprägt von zeitgemäßem Ambiente, lebensnaher Predigt, gepflegten neueren Musikstilen. Die Liebe und Gnade Gottes wird stark betont als Ermöglichung und Motivation für Glaube und Ethik. In Kürze soll ein zweites City-Church-Projekt in der Hamburger Innenstadt starten, das einer aus dem Dreierteam beginnen wird. Solche evangelistischen Gemeindegründungen sind kein Einzelfall in Deutschland. Wie die vorletzte Ausgabe von "ideaSpektrum" unter Berufung auf meinen Mitreferenten Dr. Reinhard Hempelmann meldet, "versammeln sich inzwischen in unabhängigen evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Gemeinden in Deutschland etwa 250.000 Christen. Vor 10 Jahren gab es die Angabe: rund 100.000".

Konzentrierten und beschränkten sich Evangelikale bis in die 1970er Jahre weitgehend auf Veranstaltungs-Evangelisation, wurde unter dem Einfluss der Gemeindewachstumsbewegung Evangelisation stärker mit Gemeinde verbunden: Evangelisation als Kommunikation des Evangeliums soll zur Entstehung von (bzw. Integration in) Gemeinden führen; und Gemeinden sollen ihrerseits eine missionarisch-evangelistische Außenwirkung entfalten. Als ein Beispiel für diesen Regelkreis kann das Konzept der amerikanischen Saddleback-Church dienen, nach dem am Glauben interessierte Menschen eine evangelistische Basiskatechese angeboten wird, die zur Taufe und Integration in die Gemeinde führt; weitere innergemeindliche Katechese soll zu qualitativem geistlichen Wachstum und dann zu qualifizierter Mitarbeit führen. Und schließlich sollen Mitarbeiter befähigt und motiviert werden, Nichtchristen in ihrer Umgebung auf den Glauben anzusprechen und ihnen

 


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das Evangelium zu bezeugen - womit der Kreis sich wieder schließt.

In der Gestaltung von Gemeinde als Ziel der Evangelisation sind Evangelikale erstaunlich flexibel, aber nicht beliebig. Sie nehmen Maß an den Merkmalen neutestamentlicher Gemeinde. Die Aussagen des Neuen Testaments zu den Gemeinden der apostolischen Zeit sehen sie keineswegs als widersprüchlich, sondern als komplementär und damit als nachgestaltungsfähig an. Auf dieser Grundlage ist es ihr Ziel, Gemeinde nach dem Neuen Testament zu gestalten. Weit weniger fühlen sie sich dagegen der Tradition und traditionellen Formen der Kirche verpflichtet. Das macht sie flexibel. Ihre handlungsleitende Kirchentheorie ist für sie dabei im Grunde nichts als eine Konkretion kritischer Kontextualisierung: Kontextuale Bedürfnisse und Möglichkeiten werden jeweils am Kriterium der Heiligen Schrift und ihres Gemeindebildes geprüft. Und das, was neutestamentliche Gemeinde ausmacht, wird unter kritischer Beachtung der jeweiligen kulturellen Kontexte angemessen in aktuelle Formen umgesetzt. So entstehen vom biblischen Evangelium und neutestamentlichen Gemeindebild bestimmte und zugleich kulturell relevante, zeitgenössische Gemeinden. Kontextualisation, so verstanden, ist dann auch nicht das Entwerfen von 'Wahrheit' vom Kontext her; sondern das Wahrnehmen von Kontexten, ihren Herausforderungen und Möglichkeiten, das Überprüfen ihrer Akzeptabilität und Ergänzungsbedürftigkeit an den Kriterien der Heiligen Schrift und das Anwenden des so Erkannten in kulturell relevanter Weise.

 

IV. Die Evangelikalen sind eine Herausforderung als Gottesdienstbewegung

Zweifellos sind traditionelle Gottesdienste nach dem Messtypus mit ihrer Formvollendetheit und tiefen Symbolik auf katholischer und anglikanischer wie (in etwas abgeschwächter Form) auf lutherischer Seite ein Festival für alle Sinne und eine Oase für spirituelle Nachdenklichkeit. Allerdings sind sie selbst unter den jeweiligen Kirchenmitgliedern nur für eine Minderheit so attraktiv, dass sie diese zur regelmäßigen Teilnahme am Gottesdienst der Kirchengemeinde motivieren. Innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland sind es - je nach Landeskirche - 2 bis 4 % der protestantischen Kirchenmitglieder, die den Gottesdienst mit einer gewissen Regelmäßigkeit besuchen. Gottesdienste sind zu Zielgruppenveranstaltungen für Liebhaber traditionsreicher Formen, würdiger Gesänge, gepflegter Orgelmusik und nachdenklicher Ansprachen geworden. Wer so sozialisiert ist und einem entsprechenden Milieu entstammt, wird sich keine andere Liturgie vorstellen können - mancher wünscht sie sich gar nach alter Väter Weise auf Latein.

Die Differenz zum Alltag der Menschen ist allerdings groß. Keiner sonst trägt heute Kleider und praktiziert Riten, die auf das kaiserliche Hofzeremoniell des spätrömischen Reiches zurückgehen, oder spricht in einer formvollendeten Formelsprache, deren Wurzeln mehr als 1500 Jahre zurückreichen. Kunstvolle dissonante (und zum guten Schluss sich doch noch auflösende) Orgelpräludien in Ehren! Aber welcher Zeitgenosse zwischen fünfzehn und fünfzig lebt heute im Alltag mit solcher Musik? Muss das im Gottesdienst so sein? Wer in dieser Single-Gesellschaft verlässt sein Appartement, um in eine Kirche zu gehen, in die man schweigend - unangesprochen - hineingeht und ebenso schweigend wieder heraus kommt? Wenn er sonst sein Wohnstudio verlässt, tut er es, um sich mit Menschen zu treffen und mit ihnen eine gute Zeit zu haben. Ist eben das aber für den Gottesdienst undenkbar?

Evangelikale sehen das anders. Sie würden sicher anerkennen, dass die heutige Liturgie eine erstaunliche Kontinuität zu liturgischen Strukturen und Formen des 5. Jahrhunderts aufweist - bei allen Unterschieden im Einzelnen. Sie würden aber bezweifeln, ob man sich so einen Gottesdienst in einem Fischerhaus in Kapernaum des 1. Jahrhunderts oder in einer Hauskirche in Ephesus mit Aquila, Priscilla und Paulus vorstellen muss. Zweifellos würden sie Wert darauf legen, dass die Elemente, die damals im Neuen Testament konstitutiv für das gottesdienstliche Leben waren, auch heute nicht fehlen: das Zusammenkommen im Namen Jesu; das Lesen, Rezitieren und Auslegen der Schrift; das Beten, Singen und Bekennen der Gemeinde; das Taufen der Bekehrten und die Feier des Herrenmahls; das Praktizieren des allgemeinen Priestertums, indem man sich entsprechend der Ordnungen Gottes gegenseitig mit den Begabungen dient, die Gottes Geist gegeben hat; und nicht zuletzt das persönliche Pflegen von Gemeinschaft bis hin zum gemeinsamen Essen und zur gegenseitigen Hilfe, wo jemand sie braucht. Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit. Evangelikale wären aber überzeugt: Diese Elemente lassen sich in aller apostolischen Schlichtheit so leben, dass solche Gottesdienste mit jedermann ansprechenden kulturellen, sprachlichen, musikalischen oder darstellenden Möglichkeiten in die jeweilige Zeitgenossenschaft mit ihren Menschen und Milieus hinein kommunizieren. Was nicht heißen muss, dass solche Gottesdienste um der kulturell relevanten Zeitgenossenschaft willen auf Zeichen der Verbundenheit mit der Kirche aller Zeiten verzichten müssten!

In dieser Weise haben Evangelikale auf allen Kontinenten sehr unterschiedliche Gottesdienstformen ausgeprägt, denen es aber offensichtlich gelingt, erstaunlich viele Menschen in den verschiedenen Kulturen, Milieus und konfessionellen Ausprägungen anzusprechen. Sie machen dabei sicher nicht alles richtig. Sie haben gottesdienstlich viel experimentiert, haben an soziologischen Gruppierungsmerkmalen orientierte Zielgruppengottesdienste entwickelt - und dabei übersehen, dass im Gottesdienst nach dem Neuen Testament nicht eine Zielgruppe, sondern die ganze Gemeinde zusammen kommt. Sie haben Gottesdienstkonzepte für Entkirchlichte ('Seeker-Services') als Grundform des sonntäglichen Gottesdienstes entwickelt - und dabei nicht bedacht, dass Gottesdienst zunächst einmal die Versammlung des Gottesvolkes ist. Manche haben in pneumatischem Eifer unter Berufung auf den Ersten Korintherbrief enthusiastische Gottesdienste bar jeder Ordnung gefördert und dabei nicht wahrgenommen, dass sie damit eben das erneut kreieren, was der Apostel den Korinthern mit guten Gründen ausreden will. Und natürlich gibt es auch unter den Evangelikalen Traditionalisten, die standhaft an Formen von früher festhalten, mit denen sie aufgewachsen sind, auch wenn sie mit ihren Gottesdiensten immer weniger Menschen erreichen. Sie halten dann allerdings in der Regel nicht an den Formen des 5., sondern eher des 19. Jahrhunderts fest. Das Typische für Evangelikale ist das alles aber eher nicht.

Das Typische kann man vielleicht - cum grano salis - so formulieren: Es gibt Kirchen, die gestatten sich im Umgang mit der Bibel und den Inhalten der Theologie ein erstaunliches Maß an Liberalität - sind aber zugleich strikt konservativ und traditionell in der Gestaltung ihres gottesdienstlichen Lebens. Und es gibt Gemeinden, die halten standhaft und - wenn man so will - 'konservativ' an biblischen Inhalten in Lehre und Ethos fest - sind aber zugleich erstaunlich modern (oder gar: postmodern) in ihren gemeindlich-gottesdienstlichen Ausdrucksformen. Zu letzterer Gruppe gehören tendenziell die Evangelikalen. Und sie verbinden dies mit einer starken, missionarisch motivierten Zuwendung zu den Menschen ihrer Zeit. Da mag dann auch der eine und andere Choral erklingen, begleitet von E-Piano, Bass und Saxophon; aber ebenso haben eingängige Anbetungslieder im Soft-Pop- bzw. Rock-Stil ihren Platz, begleitet von einer Band mit Flügel, E-Gitarre, Bass, Querflöte und Schlagzeug - einem Stil, in dem inzwischen selbst wesentliche liturgische Elemente des Messtypus komponiert sind, die von Jung und Alt begeistert mitgesungen werden (ohne dass dieser weltweit verbreitete christliche Musikstil schon Eingang in die gängigen Darstellungen der Kirchenmusik gefunden hätte).

Bloße Fundamentalismusvorwürfe und Abschiebungen in die Extremistenecke werden evangelikalen Christen sicher nicht gerecht. Sie erklären vor allem nicht das Wachstum der Evangelikalen weltweit und ihre Fähigkeit, entkirchlichte Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, Christen zu einer biblischen Mündigkeit zu verhelfen und Jung und Alt in relativ modern wirkenden Gemeinden und Gottesdiensten zu integrieren. Dazu müsste man schon stärker nach den positiven Herausforderungen fragen, die evangelikale Christen für ihre Mitchristen darstellen. Ihre Bibelbetonung, ihre Evangelisationsausrichtung und ihre gottesdienstliche Flexibilität erklären sicher noch nicht alles, was Evangelikale ausmacht. Mit diesen für sie zentralen Punkten stellen sie sich aber gern dem interkonfessionellen Dialog.

 

    {*} Prof. Dr. Helge Stadelmann, Rektor der Freien Theologischen Akademie Gießen, Abteilungsleiter Praktische Theologie

 

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