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Wolfgang Schonecke {*}

Keine simplen Konzepte

Was kann der Westen zur Entwicklung Afrikas beitragen?

 

Aus: Herder Korrespondenz, 9/2007, S. 458-462

 

    Das Bild, das die Medien von Afrika zeichnen, ist höchst widersprüchlich. Was kann Afrika wirklich vorwärts bringen? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Letztlich liegt es an den Afrikanern, ihre Möglichkeiten zu nutzen. Der Westen aber sollte Afrika zuerst einmal weniger ausbeuten.

 

Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm gab es ein kurzlebiges und leider irreführendes Medieninteresse an Afrika. Eine "Spiegel"-Serie über Afrika erweckte den Eindruck, dass seit der Unabhängigkeit so ziemlich alles in Afrika schief gelaufen ist. Die von Bob Geldof redigierte "Bild"-Zeitung mit dem blutigen Baby auf der Titelseite machte glauben, dass Afrikas Probleme mit Geld und etwas mehr Hilfe leicht zu lösen sind. Beides entspricht nicht der Wirklichkeit.

Das Ghana beispielsweise, das als erstes afrikanisches Land vor fünfzig Jahren unabhängig wurde, ist nicht das Ghana von heute. Aus einer Militärdiktatur ist eine respektable Demokratie mit wirklicher Pressefreiheit geworden (vgl. HK, Dezember 2006, 641 ff.). Die Wirtschaft wächst, zumindest in den Statistiken der Weltbank, auch wenn die Armen wenig davon merken. Internetcafés ermöglichen den Zugang zu Information, auch vom letzten Dorf aus telefoniert die Großmutter per Handy mit ihrem Enkel in England. Ein Bauboom lässt Städte explosionsartig wachsen. Ähnliches lässt sich mit Abstrichen von anderen Ländern Afrikas sagen. Kriege, Hunger und Aids sind die eine Seite der Wirklichkeit. Die andere Seite sind echte Entwicklungssprünge in Bildung, Kommunikation, Transportwesen und vor allem im Denken der Menschen.

Diese positiven Entwicklungen haben allerdings wenig zu tun mit Entwicklungspolitik. Die Gleichung "mehr Hilfe - mehr Entwicklung" stimmt nicht, manchmal scheint das Gegenteil der Fall. Tansania unter Julius Nyerere erhielt mehr Hilfe als die meisten anderen Länder und stand am Ende seines sozialistischen "Ujamaa"-Experiments am Rand des Ruins. Die rapide wirtschaftliche Entwicklung der asiatischen "Tigerstaaten" ist kein Resultat von Entwicklungshilfe. Positive Entwicklungen sind oft ungeplante Nebenprodukte anderer Prozesse. Weder die Handy-Revolution noch die Erfindung von Plastikcontainern, die Millionen afrikanischer Frauen das Wasserholen leichter machen, haben irgendetwas mit Entwicklungsprojekten zu tun.

Die Entwicklung von Völkern ist ein ebenso komplexer Prozess wie die von Menschen. Patentrezepte gibt es nicht. Bestenfalls lässt sich aus den positiven und negativen Erfahrungen der Vergangenheit herausfiltern, was Entwicklung fördert oder was hemmt.

 

Gerade in Afrika funktioniert der Denkansatz der Moderne schlecht

Das Denken über Entwicklungszusammenarbeit braucht einen Paradigmenwechsel. In der Praxis basiert sie noch auf dem Fortschrittsglauben der Moderne: der Überzeugung, dass mit Wissenschaft, Technik und genügend Geld alles machbar ist. Ein mechanistisches-materialistisches Welt- und Menschenbild sieht Entwicklung in erster Linie als Transfer von Know-how und Kapital. Religionen, Kulturen und Wertesysteme der Völker sind dabei archaische Relikte oder amüsante Folklore. Das Aidsproblem will man lösen mit Informationskampagnen und Kondomen. Gegen Hunger kämpft man mit Gentechnologie und Traktoren, gegen Krankheit mit Impfungen und Pillen, gegen Unwissenheit mit Büchern und seit kurzem mit 100-Dollar-Laptopcomputern.

 


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So segensreich all das sein kann, unbewusst ausgeblendet bleiben die Empfänger dieser Wohltaten. Die Menschen, ihre Eigenarten, ihre Geschichte, ihre geistigen Welten werden zur Fußnote. Auf die Frage, was er denn von den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten halte, soll der erste amerikanische Verwalter des Irak im Interview gesagt haben, religiöse Querelen interessierten ihn in keiner Weise, er sei da, um Wasser- und Stromversorgung wieder instand zu setzen. Die Resultate solcher Denkweisen sind hinreichend bekannt.

Die wichtigste Einsicht ist, dass man Menschen nicht entwickeln kann so wie man Maschinen, Software oder Baupläne entwickelt. Menschen, Individuen wie Gemeinschaften und Völker, entwickeln sich selber, aus ihrer eigenen Dynamik. Sinnvoll ist nur, Bedingungen und Anreize zu schaffen, die Entwicklung ermöglichen und fördern und hinderliche Faktoren zu eliminieren. Die katholische Soziallehre hat immer betont: "Ursprung, Träger und Ziel aller sozialen Institutionen (auch der Entwicklung) ist und muss die menschliche Person sein" (Gaudium et Spes 25).

Gerade in Afrika funktioniert der Denkansatz der Moderne schlecht. Er übersieht, dass für Afrikaner Beziehungen und Gemeinschaft wichtig sind und ignoriert ihre Werte und Ziele. Nur wenn die heutigen Objekte (und manchmal Opfer) unserer Projektplanung eigenständige, verantwortliche Subjekte ihrer Entwicklung werden, kann unser Apparat aus Experten, Technik und Geld unterstützend sinnvoll sein.

Wer von den Menschen und ihren Werten und Bedürfnissen her denkt, wird die enormen Unterschiede zwischen Ländern und Regionen, Kulturen und Traditionen wahrnehmen und erkennen, wie naiv es ist, theoretische Entwicklungsziele und Strategien zu definieren und dann flächendeckend auf alle Länder anzuwenden. Das Einheitsformular für Projekte verfälscht den Blick auf die Komplexität und Diversität der Wirklichkeit.

Eine erste Forderung wäre also, Entwicklungszusammenarbeit nicht primär als technische und finanzielle Aufgabe, sondern als eine sokratische "Hebammenfunktion" zu sehen, durch die bestehende Potentiale behutsam ans Licht zu holen sind. Wo der Mensch nicht Akteur seiner eigenen Entwicklung ist, führt alle noch so gut gemeinte Hilfe zu Entmündigung, Entfremdung und zu Korruption, dem genauen Gegenteil von Entwicklung. Das ist nichts Neues. Seit langem reden alle von "Hilfe zur Selbsthilfe", praktiziert wird es von den wenigsten.

Auch fünfzig Jahre nach der Entkolonisierung bleiben die kolonialen Strukturen in Afrika wirksam. Vereinfacht diente das koloniale System drei Zielen: der politischen Kontrolle mit Hilfe lokaler Autoritäten, der Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften und der Erschließung neuer Märkte. Initiatoren und Hauptakteure waren meist Handelsgesellschaften, die dann den Staatsapparat zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzten.

Immer noch aber ist dieses koloniale Schema im Wesentlichen wirksam und verhindert Entwicklung: Seit den achtziger Jahren bestimmen beispielsweise die westlichen Industriestaaten über die "Strategischen Anpassungsprogramme" (SAPs) der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds die Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik fast aller Entwicklungsländer. Das bedeutete Orientierung der Wirtschaft auf Exporte zur Schuldentilgung, Marktöffnung für ausländische Waren durch Abbau der Zölle und dadurch oft den Bankrott lokaler Industrien. SAPs waren vielleicht nötig zur Sanierung der Staatsfinanzen. Eine eigenständige Entwicklung der Landwirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen in neuen Industrien haben sie verhindert.

Ähnliches lässt sich vorhersagen für die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPAs), die die Europäische Union mit allen Mitteln vor Ende 2007 mit 77 afrikanischen-karibischen-pazifischen (AKP) Staaten unterzeichnen will. Diese Freihandelsabkommen werden Europa mehr nützen als Afrika. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fasst zusammen: "Das multilaterale Handelssystem bedarf einer radikalen Veränderung. Den status quo zu erhalten, verdammt die armen Länder zu weiterer De-industrialisierung, ungleichem Wachstum und Armut" (Aileen Kwa, Dialogue on Globalisation, Friedrich-Ebert-Stiftung, Occasional Papers 32,4).

Auch Chinas jüngstes Engagement in Afrika verfolgt ähnliche Ziele: Zugang zu Afrikas Rohstoffen und zu Märkten für chinesische Billigprodukte. Afrikanische Produzenten und Händler bleiben dabei auf der Strecke (vgl. HK, Februar 2007, 10 ff.).

Die forcierte Freihandelspolitik der Industriestaaten ist eine Fortführung des kolonialen Schemas. Sie behindert die Entwicklung von einheimischer Landwirtschaft, Kleinindustrie sowie Unternehmen und ermöglicht gleichzeitig multinationalen Konzernen den Zugriff auf die natürlichen Reichtümer der Länder des Südens, wie Energie, Bodenschätze, Land und Meer, ohne dass die lokale Bevölkerung davon profitiert. In Nigeria, Niger, Äthiopien formiert sich zunehmend der gewaltsame Widerstand gegen diese Form von Ausbeutung. Die Weltwirtschaft ist zum Nutzen der Global Player organisiert, nicht zum Vorteil der Entwicklungsländer, wo die Mehrheit der Menschheit lebt.

Mehr als von Entwicklungshilfe und Projekten würde Afrika von gerechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen profitieren. Dazu gehört zunächst eine feinere Dosierung der Liberalisierung. Liberalisierung zwischen ungleichen Partnern begünstigt den Stärkeren. Die Entwicklungs-Enzyklika Pauls VI. "Populorum Progressio" hat diese Problematik schon vor 40

 


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Jahren präzise formuliert: "Im Handel zwischen hoch entwickelten und unterentwickelten Wirtschaften sind die Bedingungen zu unterschiedlich und der Grad wirklicher Freiheit zu ungleich. Damit internationaler Handel menschlich und moralisch ist, verlangt die soziale Gerechtigkeit, dass zuerst unter den Partnern eine gewisse Chancengleichheit geschaffen wird" (Nr. 61).

Wichtigstes Gebot ist es, Handelsabkommen so zu gestalten, dass sie die Entwicklungsländer und nicht die Interessen von multinationalen Konzernen begünstigen. Alle Industrieländer und alle Schwellenländer haben ihre Industrien geschützt, bis sie auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig waren. Afrika muss das gleiche Recht haben.

 

Mit kleinen Projekten lokalen Eigeninitiativen unbürokratisch helfen

Zu den gerechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gehört es ebenso, die Landwirtschaft vor subventionierten Agrarexporten aus EU und USA zu schützen: Das Dumping von subventionierten Agrarprodukten seitens der EU und der USA ist ein zum Himmel schreiendes Unrecht und zerstört die Existenzgrundlagen der kleinbäuerlichen Betriebe, von denen 70 Prozent aller Afrikaner leben. Daher die Forderung nach "Ernährungssouveränität", die besagt, dass jedes Land ein Recht hat, seine eigene Nahrungsmittelproduktion zu schützen und selbst zu bestimmen, welche Agrarprodukte importiert werden. Wenn die Industrieländer ihre Landwirtschaft durch Subventionen schützen, dürfen arme Länder ihre Landwirtschaft durch angemessene Importzölle schützen.

Ebenso gilt es, das Schuldenmanagement neu zu strukturieren: Schuldenerlasse sind begrüßenswert, lösen aber das Schuldenproblem nicht, das ein Entwicklungshindernis bleibt. Neue Kredite, vor allem aus China, treiben entschuldete Länder sehr schnell in eine neue Schuldenkrise. Die internationale Schuldenkampagne fordert seit Jahren zu Recht ein internationales Insolvenzrecht, um beide, Schuldner und Gläubiger, zur Verantwortung zu ziehen.

Zu den unverzichtbaren Rahmenbedingungen zählt ebenso eine stärkere Regulierung und Besteuerung von Finanztransaktionen: Spekulanten können mit Devisenspekulation ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben. Da der Großteil aller Transaktionen nicht produktive, sondern spekulative Ziele hat, wäre es sinnvoll, die internationalen Finanzströme durch eine "Devisentransaktionsabgabe" zu besteuern und diese Steuer für Entwicklungsziele einzusetzen, beispielsweise um die negativen Effekte des Klimawandels in Afrika abzufedern. Ebenso bedarf es einer schärferen Kontrolle des internationalen Waffenhandels: Solange jeder Warlord ungeniert jede Menge Waffen und Munition kaufen kann, werden bewaffnete Konflikte in Afrika die Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols verhindern. Ohne Frieden und interne Sicherheit aber bleiben alle Entwicklungsanstrengungen prekär. Dringend notwendig ist ein effektives internationales Rüstungsexportabkommen.

Nicht zuletzt müssen die internationalen Institutionen neu konzipiert werden: Weltbank, Währungsfonds und Welthandelsorganisation haben in ihrer eigentlichen Aufgabe, Motoren einer weltweiten Entwicklung zu sein, versagt und befinden sich in einer Legitimationskrise. Dennoch braucht die Welt dringend effiziente globale Institutionen zur Bewältigung der globalen Probleme. Um im Dienst der Entwicklung zu stehen, müssten diese Institutionen im Rahmen der UNO reformiert, in ihrer Zusammensetzung demokratisiert und auf die Millenniumsziele und globalen Umweltschutz hin orientiert werden. Davon würde nicht nur Afrika, sondern auch der Rest der Welt profitieren.

Unser Wirtschaftssystem begünstigt die Stärkeren, eigene Interessen auf Kosten der Schwächeren durchzusetzen. Erst die "Option für die Armen" in den globalen Rahmenbedingungen kann den Freiraum schaffen, in dem die Menschen des Südens ihre eigene Zukunft gestalten können.

Es gibt Katastrophen, in denen massive Hilfe Not tut. Es gibt sicher sinnvolle Strukturen und Institutionen, die größere Summen für ihre Arbeit brauchen. Bildung und Ausbildung ist und bleibt die vielleicht wichtigste Entwicklungspriorität und ist nicht billig. Aber die wirksamste Hilfe für die Armen Afrikas besteht oft darin, kleinen, aus eigener Kraft gestarteten lokalen Initiativen über die nächste Hürde hinwegzuhelfen:

Eigeninitiative als Grundsatz heißt, nur Gruppen zu unterstützen, die bereits aus eigenen Kräften konkrete Schritte gemacht haben und nicht die zahllosen, oft von cleveren Politikern und arbeitslosen Akademikern gegründeten Nichtregierungsorganisationen, die außer sich selbst nicht viel anderes entwickeln. Neben überhöhten Gehältern sind unglaubwürdige Nichtregierungsorganisationen zu erkennen an der weit verbreiteten Unsitte des "per diem", eines Tagessatzes für die Teilnahme an Seminaren und Aktivitäten. Menschen, die nur gegen Bezahlung Zeit für die Gemeinschaft haben, werden kaum Entwicklung in Gang setzen.

"Small is beautiful" war der viel zitierte und selten praktizierte Entwicklungsklassiker von Ernst Friedrich Schumacher von 1973 betitelt. So manches gut begonnene Projekt ist mit zuviel Geld kaputt gemacht worden. "Geld ist wie Mist. Auf einem Haufen stinkt es. Auf dem Acker verteilt, bewirkt es Wachstum", dieser Spruch gilt auch für Entwicklung. Wo große Summen gegeben werden, da ist der Wurm der Korruption nicht weit weg.

"Lokal handeln, global denken", lautet ein anderes Schlagwort. Projekte, die nicht lokal verwurzelt und von Gemeinschaften vor Ort getragen sind, haben im Allgemeinen wenig Wirkung. Das Subsidiaritätsprinzip wäre auch hier angebracht: so viel wie möglich an der Basis und nur so viel wie nötig in höhere Strukturen investieren.

Unbürokratisch: Entwicklungsorganisationen ersticken im Wust unserer krebsartig wachsenden Bürokratien. Projektan-

 


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träge zu stellen, wird immer aufwendiger. Ein EU-Antrag beschäftigt einen gut qualifizierten Fachmann mindestens einen Monat. Und meist müssen ein halbes Dutzend Anträge geschrieben werden, um ein Projekt zu realisieren. So wie Ärzte Daten in Computer füttern statt Patienten zu untersuchen, so brauchen Entwicklungsorganisationen viel Zeit und Energie für Anträge, Abrechnungen und Berichte. Ob damit Korruption und Missbrauch eingedämmt werden, ist eher fraglich. Wissen doch die Beschäftigten in der Entwicklungsindustrie sehr schnell und genau, was ihre Geldgeber gerne über die neuesten Modethemen hören wollen. Bürokratie vergrößert die Diskrepanz zwischen Projektantrag und Projektwirklichkeit. Weniger wäre mehr.

Herausragendes Beispiel, wie sich Menschen mit eigenen Kräften aus der Armutsfalle befreien, sind die Grameen Banken des Nobelpreisträgers Mohammed Yunus, der von den Fähigkeiten der Armen, vor allem der Frauen, überzeugt ist. Der Input von außen ist dabei gering, das System unkompliziert. Der Erfolg kommt vom eigenen Engagement.

Nachdem Jahrzehnte lang Religion als Entwicklungsfaktor ignoriert oder als Entwicklungshindernis verachtet wurde, zwingt das Erwachen der Weltreligionen zur Wiederentdeckung des Entwicklungspotentials der "faith communities". Kirchliche Entwicklungshilfe ist oft effizienter als staatliche, weil ein gemeinsamer Glaube Motor und Motivierung für Gemeinschaften werden kann, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

So manches Projekt ist an der Arroganz und Ignoranz westlicher Entwicklungsexperten gescheitert, die oft wenig Gespür für die meist religiös geprägten Kulturen anderer Kontinente haben. Von Fleischfabriken für Nomaden, die ihre Kühe ebenso wenig verkaufen, wie sie ihre Kinder verkaufen würden, bis zu den sprichwörtlichen russischen Schneepflügen für den tropischen Urwald, Afrika ist voll von "Weißen Elefanten": Projekten, die scheiterten, weil Experten es nicht für nötig hielten, sich erst einmal mit den Einheimischen an einen Tisch zu setzen. Echte Entwicklung passiert eben erst, wenn die lokale Bevölkerung die eigenen Bedürfnisse formuliert und Lösungen selbst plant und durchführt. Expertise kann helfen, aber nur als punktueller Beitrag. "Ownership" ist seit Jahren ein entwicklungspolitisches Schlüsselwort. Aber die Demut und die Zeit, sich wochen- und monatelang mit Analphabeten auf eine Matte zu setzen, haben die wenigsten.

Zeit ist, was westliche Entwicklungshelfer am meisten brauchen und am wenigsten haben. In unseren Bürokratien gibt es für alles Zeitpläne, was wann zu passieren hat. Afrikas Uhren

 


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aber ticken anders. Vor allem ländliche Bevölkerungen haben ihre eigenen Zeit- und Lebensrhythmen. Sie nehmen sich Zeit, bevor sie Europäern, die ja bisher nur kamen, um ihnen etwas wegzunehmen, Vertrauen schenken. Und ohne menschliche Beziehungen des Vertrauens geht in Afrika gar nichts. Um effizient zu sein, müssen Projekte zeitlich offen und flexibel sein, da sich weder Vertrauensbildung noch Verständnisprozesse im Voraus fixieren lassen.

Was kann Afrika wirklich vorwärts bringen? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, ein simples Konzept, eher eine lange Liste von Ungereimtheiten, die - schrittweise korrigiert - die Chancen für einen Sprung nach vorne erhöhen. Zeichen dafür gibt es. Eine junge, besser ausgebildete, besser informierte Generation fordert die alten verkrusteten und korrupten Eliten Afrikas heraus. Terrorismus und Migrationsströme erhöhen den Druck auf die reichen Länder, endlich die Armutskluft ernsthaft in Angriff zu nehmen. Hohe Rohstoffpreise lassen Milliarden in die Staatskassen vieler Länder fließen, die, im Lande investiert statt im Ausland deponiert, einen Entwicklungsschub bewirken könnten.

Es gibt neue Chancen. Letztlich liegt es an den Afrikanern, ob sie die Möglichkeiten nutzen. Was der Westen beitragen kann, ist, Afrika weniger auszubeuten und Bedingungen und Anreize zu schaffen, die Zukunft eigenständig und verantwortungsvoll zu gestalten.

 

    {*} Wolfgang Schonecke (geb. 1938) gehört dem Orden der Afrikamissionare (Weiße Väter) an. Von 1965 bis 1982 arbeitete er in der Pastoral in Uganda. Von 1982 bis 1992 übernahm er Leitungsaufgaben für seinen Orden. Von 1994 bis 2001 leitete er die Pastoralabteilung bei der ostafrikanischen Bischofskonferenz (AMECEA). Seit 2001 ist er Leiter des Netzwerks Afrika Deutschland in Bonn (www.netzwerkafrika.de).

 

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