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Alois Koch SJ

Johann Adam Schall von Bell (1592-1666)

Mathematiker, Astronom und Missionar in China {*}

 

I. Vorbemerkung

Die Neuzeit ist nicht nur gekennzeichnet durch die Entdeckung der Neuen Welt, sondern vielleicht noch in einer tieferen Weise durch die Entdeckung des Fernen Ostens und durch die Begegnung mit den asiatischen Hochkulturen und Religionen in Indien, vor allem aber in Japan und China. Wohl der erste Europäer, der die Notwendigkeit einer gründlichen Auseinandersetzung des Christentums mit dem asiatischen Denken am eigenen Leibe erlebte, war der hl. Franz Xaver. Während seines zweijährigen Aufenthaltes in Japan (1549-1551) begegnete er zum ersten Mal in seiner Missionstätigkeit einem hochgebildeten Volk, bei dessen Missionierung das Rezitieren des Katechismus und Massentaufen offensichtlich nicht mehr genügten. Und es ging ihm auf, daß der Schlüssel zur Bekehrung Japans in China zu finden sei. Doch China war ein verschlossenes Land. Franz starb 1552 bei seinem Versuch, nach China zu gelangen, einsam und verlassen auf der Insel Sancian vor Kanton. Erst Matteo Ricci sollte es fünfzig Jahre später gelingen, sich in Peking niederzulassen. Ricci war es auch, der die Grundlagen der China-Mission legte. Vor allem war er der Mann der Optionen, d.h. der Weichenstellungen für die Zukunft. Diese Optionen Ricci's sind grundlegend für das Verstehen des Mannes, dessen 400. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird: Johann Adam Schall von Bell, geboren zu Köln am 1. Mai 1592, ausgebildet in seiner Heimatstadt und in Rom. In seiner Person werden die mit diesen Optionen verbundenen Probleme der Missionsarbeit in China deutlich, aber auch die inneren Kämpfe und Auseinandersetzungen, die wir unter dem Stichwort "Ritenstreit" kennen. Damit ist der Gang meiner Überlegungen vorgegeben.

 

II. Die missionarischen Optionen der Jesuiten in der China-Mission

Die erste Option Ricci's, die auch für das Wirken von Adam Schall gelten sollte, war die Option "Vom Bonzen zum Gelehrten". Sobald Ricci merkte, was für eine mentalitätsmäßige und religiöse Kluft zwischen dem einfachen Volk und der herrschenden Schicht der Mandarine bestand, war für ihn klar, daß er nicht die Rolle eines nichtgeachteten Bonzen übernehmen könne, sondern nur die eines Gelehrten. Erwarteten die Chinesen von einem Bonzen religiöse und magische Praktiken, so von einem Gelehrten und Literaten intellektuelle Bereicherung.

Schall's Wirken und Einfluß in China ist auf dem Hintergrund dieser Option zu sehen. Seine Ausbildung als Mathematiker und Astronom befähigte ihn, der europäischen Astronomie und Mathematik in China zum Durchbruch zu verhelfen. Doch der Weg nach Peking öffnete sich ihm zunächst nicht als Mathematiker und Astronom, sondern - es klingt wie ein Witz - als einem "militärischen Sachverständigen". Der Grund dürfte einmal darin liegen, daß Schall ein äußerst geschickter Handwerker war, der vom Instrumentenbau und auch vom Kanonengießen etwas verstand; zum anderen half Schall 1622 tatkräftig bei der Verteidigung Macau's gegen die Holländer. Möglicherweise betätigte er sich bei der Verteidigung als Kononier; auch soll er mit einem Säbel in der Hand einen holländischen Offizier gefangen genommen haben. Gegen Ende der Ming-Dynastie wird Schall Kanonen zur Verteidigung Pekings gießen; aber auch die neuen Herren, die Mandschu, bedienen sich immer wieder dieser Kenntnisse und Fertigkeiten des Mannes aus dem Westen.

Von ungleich größerer Bedeutung ist aber die Reform des chinesichen Kalenders, die zu Schall's Lebensarbeit wird. Die Veröffentlichung des Kalenders galt im kaiserlichen China als die wichtigste Regierungshandlung des Jahres. Nach chinesischer Auffassung mußte sich nämlich das staatliche und bürgerliche Leben im Einklang mit dem Naturgeschehen vollziehen, mit den Vorgängen am Himmel und auf der Erde, mit der Bewegung der Sonne, des Mondes, der Planeten usw. Nur ein fehlerfreier Kalender erfüllte diesen Zweck. Ein solch fehlerfreier Kalender war konfuzianisches Ideal: er war die Voraussetzung für Ruhe und Ordnung im Land.

Schall schuf zunächst - zusammen mit seinem Mitbruder Rho - die Voraussetzungen der Kalenderreform, und zwar durch die Einbürgerung der mathematisch-astronomischen Wissenschaft Europas. Sie mußte erst übersetzt und vermittelt werden, etwa die Kenntnis und der Gebrauch von Logarithmentafeln. Schall und Rho brauchten für diese Arbeit sieben Jahre, bis sie dem Kaiser 150 Bändchen der mathematisch-astronomischen Enzyklopädie überreichen konnten. Doch erst nach dem Sturz der Ming-Dynastie konnte die eigentliche Kalenderreform durchgeführt werden. Die neuen Herren, die nicht Sklaven der Tradition waren, gaben Schall eine Stellung, die unter der früheren Dynastie undenkbar gewesen wäre. Wegen der Genauigkeit bei der Bestimmung der Sonnenfinsternis am 1. September 1644 ernannte der Kaiser Schall zum Direktor des Astronomischen Amtes. Gegen große Bedenken mußte Schall sein Amt übernehmen, auch auf Geheiß seiner Oberen. Dieses Amt behielt Schall bis zum Prozeß im Jahre 1665.

Die Tätigkeit als Mathematiker und Astronom war jedoch für Schall kein Selbstzweck. Sie stand für ihn klar im Dienst der Mission, d.h. der Verkündigung des christlichen Glaubens - nicht nur durch die Jesuiten in Peking, sondern auch aller Missionare in China: "Alles, was wir in diesem Reich tun, hat seine Arbeit und der Eifer, mit dem er unsere Sache in Peking vertritt, möglich gemacht", so urteilt sein Oberer P. Furtado. Und in einem Brief des P. Brancati an den Ordensgeneral heißt es: "Nächst der göttlichen Hilfe ist es das P. Adam erwiesene Wohlwollen, an dem wir alle Anteil haben."

Die zweite Option Ricci's und seiner Nachfolger kann man mit dem Satz kennzeichnen: Für Konfuzius gegen die Volksreligion". Die chinesische Volksreligion war ein Gemisch aus Buddhismus und Taoismus, von Götter- und Geisterglauben, von Zauberei und Magie. Die "aufgeklärte" Weltanschauung der Gebildeten war offiziell an den chinesischen Klassikern, vor allem an Konfuzius orientiert. Sie war jedoch mehr eine Philosphie und Ethik als eine Religion. Ricci und seine Nachfolger knüpften jedenfalls bewußt an den Konfuzius der Gelehrten an, zumal die Bonzen als ungebildet galten und gesellschaftlich nicht angesehen waren. Man war der Überzeugung, daß in den klassischen Schriften Chinas der Glaube an den einen Gott enthalten sei. Buddhismus und Taoismus bekämpfte man dagegen als Aberglauben und Götzendienst. Diese Option ist nach wie vor umstritten. Hätte man nicht besser an diese religiösen Kräfte im Volk angeknüpft, zumal bei ihnen weit mehr an Erlösungssehnsucht vorhanden war als in der elitären moralistischen Philosophie des Konfuzius, die eine Erlösungsbedürftigkeit überhaupt, schon gar in einem christlichen Sinn nicht kannte, ja weit von sich wies?

In Ricci's Schrift "Die wahre Lehre über Gott", die in die klassische chinesische Literatur eingegangen ist, ist von den eigentlich christlichen Mysterien nicht die Rede. Allerdings will sie kein Kompendium der christlichen Lehre sein, sondern "christliche Philosophie" in Auseinandersetzung mit chinesischem Denken. Die "neue Lehre" wird deshalb als die wahre Erfüllung der besten Traditionen Chinas hingestellt; ja, das Christentum ist die Wiederherstellung des echten Konfuzianismus. Die Religion des "Herrn des Himmels" sollte mit dem chinesichen Denken harmonisch versöhnbar sein.

Doch dieser Versuch, christliche Offenbarung mehr oder weniger bruchlos auf die Weisheit des alten Chinas aufzubauen, unterschätzte die Tiefe des Grabens zwischen christlichem und konfuzianischem Denken. Die Mehrzahl der Jesuitenmissionare sah bei Konfuzius den Glauben an einen persönlichen Gott ausgesprochen. In Wirklichkeit hat der "Himmel" des Konfuzius aber nichts mit einem persönlichen Gott und die "Ehrfurcht vor dem Himmel" nichts mit Anbetung und Dienst eines persönlichen Gottes zu tun. Die Grundidee des Konfuzianismus ist christlich kaum integrierbar. Nicht Personalität, wie im Christentum, sondern kosmische Einswerdung und Einfügung ist hier das Zentralprinzip. Nicht die persönliche Beziehung zu einem persönlichen, welt-transzendenten Gott ist die Mitte, sondern Einfügung in das große Ganze des Kosmos, in Himmel und Erde, und zwar durch die Erfüllung der nächstliegenden diesseitigen Pflichten. - Uns ist das heute klar. Doch die Männer, die damals das Wagnis auf sich nahmen, China zu verstehen und zu bekehren, hatten nicht die Erkenntnismöglichkeiten wie wir heute. Unsere Erkenntnisse und Urteile beruhen allerdings zu einem guten Teil auf den Erfahrungen, ja auf dem Scheitern der Männer von damals.

Die dritte Option Ricci's, die vor allem im Wirken von Adam Schall zum klaren Ausdruck kommt, ist gekennzeichnet durch den Satz: "Mission von oben nach unten". Die Wandlung "vom Bonzen zum Gelehrten" und die Entscheidung, bei der chinesischen Philosophie und nicht bei der Volksreligion anzuknüpfen, hängen eng zusammen mit der elitären Missionskonzeption Ricci's, aber auch seiner Nachfolger in Peking. Man wollte über und durch den Stand der Literaten und durch den aus diesem gewonnenen Beamtenstand der Mandarine das Volk für Christus gewinnen. Das bedeutete zunächst den Verzicht auf Augenblickserfolge und Massenbekehrungen, um stattdessen das Vertrauen der Mandarine, ja des Kaisers selbst zu gewinnen.

Auch für Schall war die Methode der Missionierung "von oben nach unten" eine Selbstverständlichkeit. In der Tat waren die Christen aus den Beamten- und Literaturkreisen ausgezeichnete Helfer der Missionare. Darüberhinaus hegte man die Hoffnung, den Kaiser selbst zu bekehren oder ihn doch wenigstens günstig zu stimmen, um dem christlichen Glauben in China ein weites Tor zu öffnen. In den Jahren vor dem Umsturz von 1644 war allerdings eine Beeinflussung des Kaisers nur indirekt möglich: durch Mittelspersonen und durch das gedruckte Wort. Es waren vor allem christlich gewordene Frauen in der kaiserlichen Umgebung, auf die man große Hoffnungen setzte. Aber auch diese konnte man nur über Palast-Eunuchen, die Christen geworden waren, erreichen. Trotzdem stieg die Zahl der christlichen Frauen im Kaiserpalast 1640 auf etwa 50 an. Der Kuriosität halber sei erwähnt, daß in dem genannten Jahr der Vizeprovinzial Furtado eine der Palastdamen zur Vorsteherin der frommen Gemeinde ernannte - Gemeindeleitung also durch eine Frau schon vor 350 Jahren!

Schall's Hoffnungen, den missionarischen Durchbruch zu erzielen, gründeten vor allem auf dem jungen Mandschu-Kaiser Shun-chi, der 1651 die Regierungsgeschäfte übernahm, kaum 13 Jahre alt. Schall war es gewesen, der ihn durch sein mutiges Eintreten gegenüber dem Regenten Amawang den Thron, wenn nicht sogar das Leben gerettet hatte. Mit dem Regierungsantritt des jungen Kaisers beginnt der wichtigste Abschnitt im Leben von Adam Schall. Er stand im 59. Lebensjahr und befand sich auf der Höhe seiner Schaffenskraft.

Der Knabe auf dem Kaiserthron war der unumschränkte Herrscher des größten Reiches der Erde. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Schall und dem Kaiser sind einzigartig in der in der chinesischen Geschichte. Schall allein hatte den Mut und die Autorität, dem Kaiser den Weg zu weisen, den er betreten müsse. Jederzeit hatte er Zutritt zum Kaiserpalast und konnte Eingaben überreichen. Als väterlicher Mahner, Ratgeber und Freund hat er das Zutrauen des jungen Kaisers erwidert. "Ma-fa = ehrwürdiger Vater" wurde er vom Kaiser genannt. Das Mandschu-Wort schließt bedeutungsmäßig ein die Liebe und das Zutrauen eines Sohnes zu seinem Vater, eines Schülers gegenüber seinem Meister.

Ohne Frage dachte Schall an eine Bekehrung des Kaisers zum Christentum. Dabei ist er bestrebt, auf der natürlichen Religion und Sittlichkeit als Grundlage das Christentum aufzubauen. Er bekennt später gegenüber seinen Kritikern: "Weder vor dem Kaiser noch vor einem anderen habe ich mich jemals des Evangeliums geschämt. Ich habe jede Gelegenheit ausgenützt." Freilich blieb ihm der ersehnte Erfolg versagt. Doch der Einfluß Schall's auf den Kaiser war für die christliche Mission von unschätzbarem Nutzen. Wie sehr er geschätzt war, ersehen wir aus den Ehrungen, die ihm zuteil wurden. Die bedeutendste war die Verleihung des Titels "Hoher Würdenträger der kaiserlichen Bankette". Mit diesem Titel war Schall den obersten Würdenträgern und den kaiserlichen Prinzen gleichgestellt und Mandarin der ersten Klasse. Als Abzeichen trug er einen roten Edelstein als Knopf seines Mandarinenhutes und ein Brustschild mit dem Bild eines Kranichs mit offenen Flügeln. Die Ehrungen entsprachen der einflußreichen Stellung, die Schall am Kaiserhof innehatte. In der Geschichte Chinas findet sich kein Beispiel, daß ein Ausländer auch nur annähernd eine derartige Rolle spielte.

Schall liebte seinen leichtsinnigen, leidenschaftlichen jungen Kaiser und suchte einen guten Menschen und dann einen Christen aus ihm zu machen. Beides ist ihm nicht gelungen, und er war tief darüber betrübt. Sein Schmerz über das wenig rühmliche Ende des jungen Kaisers läßt sich noch aus seinen Lebenserinnerungen herauslesen. Doch erwies er seinem "Sohn" und dem chinesischen Reich einen letzten großen Dienst. Kurz vor seinem Tod ernannte Shan-chih, bewogen vor allem durch den Rat Schall's, den noch nicht siebenjährigen Sohn einer Nebenfrau zum Nachfolger. Der Erwählte sollte unter dem Regierungsnamen Kang-hsi der größte Herrscher Chinas werden.

 

III. Um Schall's Ehre und Amt - ordensinterne Querelen

Die letzten Lebensjahre Schall's sind gekennzeichnet nicht nur durch seine herausgehobene Stellung am Kaiserhof, die der Mission in ganz China zugute kam, sondern auch durch Auseinandersetzungen um seine Person und um seinen guten Namen. Die Verdächtigungen und Angriffe kamen jedoch zunächst nicht von außen, sondern von eigenen Mitbrüdern. Wie weit die sprichwörtliche "invidia clericalis" die Ursache des Streits gewesen ist, sei einmal dahingestellt. Sicher waren die Anklagen genährt durch das cholerische Temperament Schall's, durch seine beißende Ironie und seinen Sarkasmus, mit dem er den Mitbrüdern begegnen konnte. Offen und ehrlich (so interpretierte er selber seine Herkunftsbezeichnung "Germanus"!) hielt er nie mit seiner Meinung zurück, auch wenn man sie nicht hören wollte. Ja, er war wohl nicht ganz unbeteiligt bzw. unschuldig an der Abschiebung zweier Jesuiten aus Peking durch die chinesischen Behörden. Kein Wunder, daß die Eigenständigkeit, ja eine gewisse Selbstherrlichkeit ihm als "Ungehorsam" ausgelegt wurde. Wenn er den ironischen Ausspruch tat, außer Gott und dem heiligen Ignatius habe er keine Oberen, dann kann man sich die Irritationen erklären, aber auch die Fehlschlüsse, Schall erkenne weder den Papst noch seine gegenwärtigen Vorgesetzten als Obere an. Elf Verfehlungen werden angeführt und die Forderung erhoben, Schall als unverbesserlich und widerspenstisch aus dem Orden zu entlassen. Einige Jahre später wird sich ein P. Diestel sogar zu der Äußerung versteigen, Schall verdiene aus 24 Grunden verbrannt zu werden.

Der schwerwiegendste Anklagepunkt war der, daß Schall für den Inhalt des Kalenders verantwortlich gemacht wurde. Dabei ging es nicht um die wissenschaftlichen, d.h. um die mathematisch-astronomischen Daten, die in diesem Kalender enthalten waren, sondern um bedenkliche Inhalte, etwa um die Aufzählung von guten und bösen Geistern, die die einzelnen Tage zu passenden und nichtpassenden Tagen machten - etwa für Verrichtugnen wie Reisen, Bauen, Säen, Heiraten u.ä. Auch Wahrsagerei war mit diesem Volks-Kalender verbunden. Nun hatte Schall schon bei seiner Amtsübernahme dargelegt, was er jetzt aus gegebenem Anlaß wiederholte, daß er sich nur mit dem wissenschaftlichen Teil des Kalenders befasse und nichts mit der Wahl der günstigen und ungünstigen Tage zu tun habe. Von ihm als dem Direktor des Astronomischen Amtes werde nur beglaubigt, daß die seit alters her gebräuchlichen Angaben getreu wiedergegeben seien. Für den Inhalt des Beiwerkes sei er nicht verantwortlich. Das gelte auch für die Opferhandlungen: für jene, die opfern wollten, werde nach wie vor die Kennzeichnung der Tage vorgenommen, die seit alters her als "passend" gelten.

Die Auseinandersetzungen, die bis in die Christengemeinde von Peking hineingetragen wurden, werden in Briefen, Gutachten und Verteidigungsschriften geführt, zunächst nur in China selbst. Doch weitete sich der Streit bis nach Europa bzw. Rom aus, indem man sich vom Ordensgeneral eine Entscheidung wünschte. Nachdem die Ordensoberen in China die Vorwürfe mehrmals als haltlos und ungerechtfertigt zurückgewiesen hatten, erfolgte 1664 die endgültige Entscheidung und damit die Rehabilitierung Schall's. Das Gutachten von vier Professoren des Römischen Kollegs für den Ordensgeneral Oliva kommt zu der Auffassung, daß das "abergläubisch anmutende Beiwerk" des Kalenders nicht in Schall's Verantwortung falle. Das Fazit, das gezogen wird, lautet: "Es besteht keine Schwierigkeit, daß der Pater wie bisher weiterarbeitet und das Amt verwaltet, das von so großer Bedeutung ist für das Ansehen, den Schutz und die Ausbreitung der christlichen Religion in jenem Reich." Der Papst, den man vorsichtshalber noch einschaltete, gab dann die definitive Entscheidung: die Annahme des Amtes sei erlaubt; und da daraus große Vorteile für die Verbreitung des Glaubens unter den Heiden entspringen, gebe er die etwa notwendigen Dispensen und befehle, die Würde anzunehmen.

 

IV. Zum Tode verurteilt

Während in Rom der leidige Streit mit der Rehabilitierung von Schall endete, spielte sich zur selben Zeit in Peking ein anderer Kampf ab, in dem es nur noch vordergründig um den Kalender, ja nicht einmal mehr um Schall ging, sondern um die Existenz der China-Mission überhaupt. Die Auseinandersetzung kündigte sich schon in den letzten Regierungsjahren Shun-chihs an, in denen sich dieser immer mehr dem Einfluß Schall's entzog; under der Regentschaft für den unmündigen Nachfolger kam es dann in den Provinzen schon da und dort zu Ausschreitungen gegen die Christen. Die treibende Kraft ist Yang-Kuang-hsien. Er veröffentlichte eine Anklageschrift "Widerlegung der schädlichen Lehre". Das Christentum stehe der chinesischen Sitte feindlich gegenüber; es verweigere dem Kaiser und den Eltern die schuldige Ehrfurcht; es mißachte die Ahnenverehrung, die Ehe und die Freundschaft; es störe die fünf Beziehungen unter den Menschen und die Harmonie im Weltall. Schließlich würden die Missionare, vor allem Schall, die Beamten verderben und zum Aufruhr verführen.

Als in einer Verteidigungsschrift ("Ursprung und Ausbreitung des göttlichen Gesetzes"), die 1664 erschien und deren Verfasser in der Hauptsache die Patres Buglio und Magalhaes waren, eine Widerlegung erfolgte, brach der Kampf offen aus, zumal in dieser Schrift kühne und den chinesichen Stolz schwer verletzende Sätze standen: das Christentum sei die älteste und vollkommenste Religion; sie sei in des Menschen Herz geschrieben, den ersten Menschen verkündet und später auf zwei Tafeln aufgezeichnet worden; auch China sei ursprünglich christlich gewesen, wie sich aus den ältesten Büchern nachweisen lasse; es seien christliche Missionare nach China gekommen, Zeuge dafür sei die Inschrift von Singanfu; die Weisheit Chinas sei nur ein schwaches Licht gegenüber dem hellen Glanz der christlichen Lehre.

Aus dieser Schrift wird in dem nun folgenden Prozeß in der Hauptsache die Anklage begründet, und alle an der Abfassung und Verbreitung der Schrift Beteiligten werden vor Gericht gestellt. Schall gehörte dazu, obwohl er am 20. April 1664 einen Schlaganfall erlitten hatte, der ihn des Gebrauchs der rechten Hand und der Sprache beraubte. Die Anklage lautete auf Hochverrat, Predigt einer verwerflichen Religion und Verbreitung falscher astronomischer Lehren. Im Mittelpunkt stand der gelähmte Schall. Waren die Angeklagten zunächst noch frei, werden sie bald Gefangene und eingekerkert. Ende Dezember verkündete der Kultusminister das Ergebnis der richterlichen Untersuchungen. Schall wird u.a. folgender Verbrechen für schuldig befunden: Er lehrt, Christus, ein gekreuzigter Verbrecher, sei Herr des Himmels und der Erde; er habe jährlich 200 bis 300 Chinesen getauft und ihnen heilige Gegenstände und den christlichen Festkalender gegeben; der Kaiser Shun-chih habe, als er die falschen Sekten verurteilte, das Christentum nicht, wie Schall frech behaupte, ausgenommen; er lehre, daß der Himmel nur der Sitz Gottes, nicht Gott selbst sei; entgegen der alten Sitte verbiete er, die Vorfahren durch Verbrennen von Papier, durch Wein- und Fleischspenden zu ehren. Deshalb solle Schall all seiner Titel und Würden verlustig gehen und dem Justizministerium zur Bestrafung übergeben werden.

Vor der endgültigen Verkündigung des Todesurteils gegen Schall wurde noch über die dritte Anklage, die Verbreitung falscher astronomischer Lehren, verhandelt. Der sicherste Beweis einer Schuld Schall's könne bei der Sonnenfinsternis am 16. Januar 1665 erbracht werden: der Himmel selber solle entscheiden. Wir kennen den Ablauf der Ereignisse aus der Schilderung Verbiest's, der die Berechnungen und Beobachtungen durchführte. Diese Berechnungen erwiesen sich allein als richtig. Freilich kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, als ob derartige Verfahren in die Nähe eines Gottesurteils über die wahre oder falsche Religion gerieten.

Das Todesurteil bedurfte noch der Zustimmung der Regenten. Diese Zustimmung wurde nicht erteilt. Die Gründe dafür waren wohl diese: Wie konnte man die christliche Religion als gemeingefährlich verurteilen, wenn sie doch durch das Lob von Kaiser Shun-chih ausgezeichnet worden war? Konnte man Schall als Verräter verdammen, der nur auf kaiserlichen Befehl hin sein Amt angenommen und bei allen wichtigen Entscheidungen in Sachen Religion die kaiserliche Erlaubnis eingeholt hatte? Schließlich: Wird möglicherweise der designierte Kaiser Kang-hsi sie einmal zur Rechenschaft ziehen? Der Knabe stand ja unter dem Einfluß seiner Grußmutter, und diese hatte einst Schall zu ihrem "Vater" erwählt; und sie war Schall, wie jeder wußte, auch jetzt noch sehr gewogen.

So begann der Prozeß im Kultusministerium von neuem, doch nur noch wegen der Verbreitung falscher astronomischer Lehren. Die Regenten suchten sich zu sichern, indem sie den Kronrat über die Frage der europäischen Astronomie entscheiden lassen wollten. Die Elite des chinesisch-mandschurischen Volkes saß also über die europäische Wissenschaft und ihren Vertreter Schall zu Gericht und verurteilte die europäische Astronomie fast einhellig als minderwertig. Die Regenten bestätigten sofort das Urteil, das dann Mitte April endgültig verkündet wurde. Schall wird statt zur Erdrosselung zur Enthauptung mit dem Schwert verurteilt. Die Regenten verschärfen noch das Urteil: Schall soll bei lebendigem Leib zerstückelt werden.

Nun folgte eine dramatische Wende. Schon am 13. April war ein Komet am Himmel erschienen. Am 16. April sprach der Himmel eine ganz deutliche Sprache. Um 11.00 Uhr morgens, zur Stunde da man dem Kaiser und seiner Großmutter das Todesurteil gegen Schall überreichte, erschütterte ein Erdbeben den Kaiserpalast und die Hauptstadt. Zugleich raste ein verheerender Sturm über die Stadt. Am selben Tag folgten noch drei weitere Beben, ebenso an den drei folgenden Tagen. Nach der Überzeugung aller war es eine Strafe des Himmels. Alle Beteiligten wußten, weshalb der Himmel grollte und strafte. Die durch die ungerechtfertigten Todesurteile gestörte Weltordnung mußte wiederhergestellt werden. Als dann noch einige Tage später ein Brand im Kaiserpalast ausbrach, war das das endgültige Signal zunächst für eine Milderung der Todesstrafe, dann für die Begnadigung Schall's, auch wenn sich in Peking der Haß der Gegner in Kirchenverwüstungen austobte. Erwähnenswert ist noch der 21. Juli 1665. An diesem Tag bekannte Schall vor seinen Mitbrüdern in ergreifender Weise seine Fehler und bat sie um Verzeihung. Ein von ihm diktiertes und mit gelähmter Hand unterschriebenes Schuldbekenntnis zeugt davon. Ein Jahr später, am 15. August 1666, stirbt Schall im Kreis seiner Mitbrüder.

Hinzuzufügen ist noch, daß ein Jahr später der junge Kaiser Kang-hsi die Regierungsgeschäfte in die Hand nimmt und die Regenten ablöst. Eine der ersten wichtigen Entscheidungen ist der Wechsel im astronomischen Amt. Verbiest wird zum neuen Direktor berufen. Am 8. Dezember 1669 findet schließlich die vom Kaiser angeordnete Leichenfeier für den in seinen Ehren und Würden rehabilitierten P. Tang-Jo-wang. Die vom Kaiser selbst verfaßte "Kundgebung" schließt mit den Worten: "Nimm hin diese kleine Belohnung für die immerwährende Treue, mit der du deiner vergessend dich ganz dem öffentlichen Wohl geweiht hast." Über 20 Jahre später wird derselbe Kaiser - nicht zuletzt mit Rücksicht auf den Freund und Lehrer seines Vaters - das Freiheitsedikt vom 22. März 1692 erlassen, das dem Christentum in China den Status einer staatlich anerkannten Religion verlieh und dieselben Rechte wie den Buddhisten und Taoisten zugestand.

 

V. Der Streit um die chinesichen Riten

Schon bei der zweiten Option Ricci's für die Missionsarbeit in China ("Für Konfuzius gegen die Volksreligion") sind wir einem Problem begegnet, das auch bei den Auseinandersetzungen um Schall eine immer größere Bedeutung gewann. Es geht um die Beurteilung der sogenannten chinesischen Riten. Ich denke, daß es jetzt die Zeit ist, über das zu sprechen, was man mit dem Begriff "Ritenstreit" bezeichnet. Diese Auseinandersetzung wurde schicksalhaft für die ganze China-Mission. Sie beginnt allerdings schon zu Lebzeiten Ricci's.

Jede chinesische Familie hatte ihre "Ahnentäfelchen" mit den Namen der verstorbenen Familienangehörigen. Ihnen wurden Akte der Verehrung erwiesen in Formen, wie sie in Europa nur im eigentlich religiösen Kult gebräuchlich waren; Proskynese, Kerzen, Weihrauch, Opfer von Speisen. Kein Chinese konnte, wenn er sich nicht von seiner Familie trennen wollte, sich diesen Formen der Verehrung entziehen. In derartigen Feiern kam die Identität der Großfamilie zum Ausdruck und die Verbundenheit mit den Ahnen. Was auf Familienebene die Ahnenverehrung war, war auf nationaler Ebene die Konfuzius-Verehrung. Vor dem Bild des Konfuzius fanden ähnliche Zeremonien statt. Sie betrafen jedoch vor allem die Gelehrtenschicht bzw. die Anwärter der "Prüfungen". Die hierarchische Ordnung des alten China bis zur Abschaffung dieses Prüfungssystems im Jahre 1905 beruhte auf einem stufenweisen System von Literatur-Examina, durch die man sich für jeweils höhere Stellen qualifizierte. Zum Prüfungsritual gehörten die Zeremonien der Konfuziusverehrung unbedingt dazu.

Die eigentliche Streitfrage war nun diese: Handelte es sich bei diesen Riten um einen religiösen Kult, also um Götzendienst und Aberglauben? Oder handelte es sich nur um bürgerliche Pietäts- und Ehrenbezeigungen, wenn auch in Formen, gegen die sich europäisches Empfinden sträubte? Wurden die Ahnen bzw. Konfuzius als überirdische Wesen verehrt, oder war es nur ein ziviler Ehrfurchtsakt vor einem großen Mann der Geschichte? Aus den äußeren Formen der Verehrung allein ließ sich keine Sicherheit gewinnen. Gerade die Jesuiten neigten zu der Überzeugung, daß äußere Zeichen immer nur das bedeuten, was die gesellschaftlichen Konventionen in sie hineinlegen. Bedauerlich bzw. fatal war es nur, daß man sich bei der Beurteilung der Riten auf die Meinung von wenigen, zudem christlich gewordenen Literaten verließ.

Wie aber verstanden die Chinesen selbst diese Riten? Der Streit wäre wohl schnell zu Ende gewesen, wenn es darauf eine eindeutige Antwort gegeben hätte. Selbstverständlich wurde auch von den Jesuiten nicht geleugnet, daß zumal die Zeremonien der Ahnenverehrung im breiten Volk weitgehend so verstanden wurden, als seien die Geister der Vorfahren in den Ahnentäfelchen präsent, nähmen die Opfer entgegen und erwiesen den Lebenden ihre Huld. Auf der anderen Seite konnte ebensowenig geleugnet werden, daß sich bei den Gebildeten längst eine "aufgeklärte" bzw. "entmythologisierte" Interpretation der Riten durchgesetzt hatte. Sie interpretierten diese Riten als reine Gedenkfeiern und als Ausdruck der kindlichen Pietät bzw. - bei der Konfuziusverehrung - als Ausdruck des Dankes des chinesischen Volkes für die von Konfuzius empfangene Lehre. Im übrigen ist gerade die scharfe Unterscheidung zwischen "religiösen" und "rein bürgerlichen" Pietätsakten typisch abendländisch, dem Glauben an einen transzendenten Gott erwachsen und chinesischem Denken, für das Religion die Einordnung in das kosmische Ganze war, in dieser Präzisierung fremd.

Die Entscheidung der Jesuiten lief, entsprechend ihrer Option, zunächst die Elite des Landes zu gewinnen, darauf hinaus, sich an deren Interpretation zu halten und (mit gewissen Einschränkungen) die Riten der Ahnen- und Konfuziusverehrung zu tolerieren, obwohl schon Ricci diese Tolerierung nur als vorläufig betrachtete. Andererseits hätte ein Nein zu den Riten das Christentum in China von Anfang an ins gesellschaftliche Abseits gedrängt; es hätte vor allem die Hoffnung zunichte gemacht, mit Hilfe der führenden Schichten das Volk zu gewinnen. Konnte man von den Christen ein Opfer verlangen, das sie zu Fremden in ihrer Familie und im Staat machte, wenn nicht sicher und eindeutig das Verbotene Götzendienst oder Aberglaube war? Nach intensiven Diskussionen setzte sich unter den Jesuitenmissionaren die tolerante Haltung durch. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, daß eine Schrift von Langobardo auf Weisung des Vizeprovinzials Furtado verbrannt wurde. In dieser Schrift versuchte Langobardo die These zu widerlegen, wonach die Chinesen etwas gekannt haben, "was mit (den Begriffen) Gott, Engel und vernunftbegabter Seele zu tun hatte".

Die Situation änderte sich mit der Ankunft anderer Missionare, vor allem aus dem Dominikaner- und Franziskanerorden. Nun war das Problem bzw. der Streit nicht mehr auf den Jesuitenorden zu begrenzen. Sahen die Jesuiten, die schon 50 Jahre im Land waren, in den Mendikanten meist nur die Ignoranten, die nicht in der Lage waren, das Problem zu erkennen, und die auf jeden Fall Verwirrung stiften und selbst bei bestem Willen zunächst allerhand chinesisches Porzellan zerschlagen würden, so empfanden diese das Vorgehen der Jesuiten als das Zuschlagen der Türen von innen.

Im Hintergrund der Auseinandersetzung stand aber die Frage: Soll die Annahme des Christentums in erster Linie unter dem Vorzeichen des radikalen Bruches mit der heidnischen Vergangenheit stehen (so die Angehörigen der Bettelorden), oder mehr positiv unter dem Vorzeichen der Vollendung der früheren Werte? Betonten die Mendikanten den Skandal des Kreuzes, "für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit" (1 Kor 1,23), so folgten die Jesuiten dem Paulus der Areopagrede, der den Athenern den unbekannten Gott verkündete, den sie bereits verehrten, ohne ihn zu kennen (Apg 17).

Die Gegensätze wurden vor allem in zwei Fragen deutlich: einmal in der Stellung des Kreuzes Christi in der missionarischen Verkündigung; zum anderen in der Einschärfung der Kirchengebote. Was diesen letzten Punkt betrifft, so schärften die Jesuiten die Verpflichtung zum Sonntagsgottesdienst und die anderen Kirchengebote meist nicht als strenge Verpflichtungen ein. Die Gründe dafür lagen einfach darin, daß in China der Sonntag unbekannt war. Andererseits mußte man in der Seelsorge an Frauen in besonderer Weise Rücksicht nehmen auf die vorgefundene Sozialstruktur.

Es ist hier nicht möglich, das ganze Hin und Her von Verhandlungen, von römischen Entscheidungen und Gegen-Entscheidungen, von der Überlagerung sehr verschiedener Konflikte zu verfolgen, etwa die Frage des Missions-Patronates seitens der verschiedenen europäischen Mächte. Hinzu kam, daß die Kontrahenten sich in ihren Emotionen steigerten und damit auch die Unversöhnlichkeit der Parteien mehr und mehr wuchs. Schließlich entschied Papst Clemens XI. 1704 gegen die Jesuiten und verbot die Riten. Diese durchaus vertretbare Entscheidung des Papstes war verbunden mit der unglückseligen Entsendung eines Legaten nach China, dem jegliche Rücksichtnahme auf chinesisches Empfinden abging. Die päpstliche Gesandtschaft wurde zu einer Katastrophe, da sich der Kaiser Kang-hsi brüskiert fühlen mußte. Er war erbittert darüber, daß sich eine ausländische Autorität in eine Angelegenheit einmischte, die nur ein Chinese sachgemäß beurteilen könne; vor allem aber war Kang-hsi darüber verärgert, daß seine eigene Erklärung der Riten in Rom nicht ernst genommen worden war. Man habe ihm zudem einen inkompetenten Ignoranten als Gesandten geschickt, der sich auf angebliche "Experten" stützte, die von vier chinesischen Schriftzeichen, die ihnen vorgelegt wurden, gerade eines deuten konnten.

Der Ritenstreit kam erst an sein Ende, als Benedikt XIV. im Jahre 1742 jede Hoffnung der Jesuiten auf eine Revision des römischen Urteils zunichte machte und für alle Zukunft von allen China-Missionaren einen Eid verlangte, sich an das Riten-Verbot zu halten. Erst in diesem Jahrhundert (1936 - 39) wurden diese Verbote aufgehoben. Die Begründung der päpstlichen Kongregation "de Propaganda Fide" lautete, die christliche Mission dürfe in keiner Weise versuchen, die Völker dazu zu bringen, "ihre Riten, Gebräuche und Sitten zu ändern, sofern diese nicht ganz klar und eindeutig gegen Glauben und Sitten sind" - pikanterweise ein Zitat aus der Instruktion der "Propaganda" von 1659! Damals standen jedoch die Propaganda-Missionare in der Ritenfrage auf der Gegenseite.

Ich wies schon darauf hin, daß die Alternative "religiöse Verehrung" oder "bürgerlich-familiäre Pietätsbezeugung" in dieser Schärfe typisch abendländisch ist und chinesischem Denken völlig fremd war. Sowohl für das einfache Volk wie für die Intellektuellen war die Ahnenverehrung "religiös" und "profan" zugleich. Sie war Ausdruck einer Weltanschauung, in der nicht der Bezug zu einem transzendenten Gott, sondern die Einordnung in das kosmische Ganze entscheidend war, wo es also nicht um Welt-Transzendenz, sondern um Welt-Immanenz ging. Hier liegt der entscheidende Unterschied im Denken.

Damit wird aber deutlich: Der Versuch der Jesuiten (von Ricci angefangen bis zu Schall und seinen Nachfolgern), das Christentum mehr oder weniger bruchlos auf die chinesische Kultur aufzupflanzen, scheiterte in erster Linie aus inneren Gründen, und zwar schon vor dem römischen Riten-Verbot. In den intellektuellen Kreisen Chinas war die Ablehnung des Christentums als eine dem eigenen Denken "fremde" Religion schon zur Zeit Schall's klar ausgeprägt, unabhängig von der Ritenfrage. Gerade die Intellektuellen waren nicht bereit, von den Jesuiten etwas anderes als Astronomie und technische Fertigkeiten anzunehmen. Die Gestalt Schall's und sein Schicksal ist eine Bestätigung dieser Auffassung.

Der Versuch der Jesuiten, das Christentum in China einzubürgern, ist anerkennenswert, ja bewunderungswürdig. Aber die Möglichkeit, die Gegensätze im Denken, in der Mentalität, in der Weltanschauung zu erkennen und zu überwinden, war noch nicht gegeben. Der "Schlüssel" zur Bekehrung, den Franz Xaver in China zu finden hoffte, konnte noch nicht gefunden werden, obwohl sich die Jesuiten darum bemühten, ja alle Kräfte einsetzten. Das unterschied sie von den Mendikanten, die sich im Besitz des richtigen Schlüssels wähnten. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, sich nicht mit dem mitgebrachten Schlüssel zu begnügen.

 

VI. Das "innere Gesetz der Liebe" als Motivation für Schall und sein Wirken

Nach diesem Exkurs über den Ritenstreit möchte ich wieder zu Adam Schall zurückkehren. Wenn man die Höhen und Tiefen seines Wirkens sich vor Augen hält, dann fragt man unwillkürlich nach einem Erklärungsgrund, nach der Triebfeder, nach der Motivation seines Handelns. Dies ist übrigens nicht erst eine Frage, die wir heute stellen. Schon um 1600, in der Begegnung mit Ricci, schreibt ein chinesischer Literat: "Ich kapiere nicht, wozu er eigentlich hierhergekommen ist. Schon dreimal habe ich ihn getroffen, und ich weiß immer noch nicht, was er hier machen will. Ich denke, wenn er seine eigenen Lehren an die Stelle der Lehren des Laotse und des Konfuzius setzen wollte, wäre dies doch der Gipfel der Dummheit. Das kann es doch nicht sein!"

Was ist die letzte Motivation Schall's? Es ist m.E. nicht ein persönliches oder kollektives Herrschenwollen, wie immer wieder unterstellt und wie es auch in der Anklage gegen Schall behauptet wird. Das ist ein Erklärungsschema, das bei Schall und seinen Mitbrüdern in keiner Weise greift. Es ging ihnen nicht um das Aufrichten einer "jesuitischen Weltherrschaft". Wir finden vielmehr bei Schall eine eindeutig religiöse Motivation vor. Diese hängt eng zusammen mit der Gestalt des Ordensgründers Ignatius von Loyola und mit der Spiritualität der Exerzitien. Ignatius geht es dort um die Verfügbarkeit des Christen für den rufenden Christus. Diese Verfügbarkeit hat zur Konsequenz, "den Seelen zu helfen", immer und überall da, wo es die größere Ehre Gottes verlangt. Ausdruck für diese innere Einstellung ist ein scheinbar paradoxes Wort: "contemplativus in actione" - mitten in der Tätigkeit, mitten in jeder Art der Arbeit gottverbunden zu leben. Das konkretisiert sich in der persönlichen Verfügbarkeit für die Sache Christi, im Einsatz aller verfügbaren Mittel, in der Berücksichtigung aller natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Zu Beginn der Satzungen des Jesuitenordens spricht Ignatius vom "inneren Gesetz der Liebe, das der heilige Geist in die Herzen zu schreiben und einzuprägen pflegt". Dieses "Gesetz der Liebe" zum Herrn und zu den Menschen soll die einzelnen Glieder der Gemeinschaft bei ihrem jeweiligen Dienst in der Kirche beseelen; dieses Gesetz macht erfinderisch. Ich bin sicher: Johann Adam Schall von Bell war von diesem inneren Gesetz der Liebe beseelt. Damit erwies er sich als ein würdiger Sohn des Ignatius.

 

{*} Vortrag in Leipzig am 16. November 1992

 

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