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Kurt Hübner {*}

Wissenschaftstheorie - Mythos - Offenbarung:

Die Geschichte einer Entdeckung

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 6/2007, S. 17-19

 

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Wissenschaftstheorie im engeren Sinne des Wortes ist eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandene, eigene philosophische Disziplin. Ihr Ursprung hängt mit dem scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug der empirischen und technischen Wissenschaften zusammen, der die Welt in einen Wandel versetzte, wie es ihn in dieser Form und Geschwindigkeit niemals zuvor gegeben hat. Und doch konnte, all dieser Erfolge ungeachtet, das mit der Philosophie seit der Antike in die Welt gekommene intellektuelle Gewissen, jedes Gegebene oder Erkannte auf seine geistigen Grundlagen hin zu befragen, damit nicht zum Schweigen gebracht werden. Freilich, alle echte Erkenntnis sollte nun den sogenannten Erfahrungswissenschaften vorbehalten sein - aber was ist, worauf beruhte deren Erfahrung? Das war die grundlegende Frage, aus der sich nun die Theorie der Wissenschaften entwickelte.

Diese Erfahrung, so meinte man zunächst, sei uns ursprünglich durch die Sinne gegeben. Also musste sie letztlich auf sinnliche Erfahrung zurückzuführen sein, oder, anders ausgedrückt: Alle Sätze wissenschaftlicher Erfahrung und auf sie gestützter Erklärung mussten letztlich ihre Beglaubigung in sogenannten Basissätzen (ursprünglich "Protokollsätze" genannt) haben, die einzelne Sinneserfahrungen und Beobachtungen (eben protokollarisch) beschrieben. Aber die durch die Sinnesfelder gegebene Erfahrung war nur die eine Stütze; die andere bestand darin, diese Erfahrungen in exakte logische Zusammenhänge miteinander zu bringen. Aus diesem Grunde bediente sich der schließlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Philosophie weitgehend beherrschende logische Positivismus, einer formalen Logik, die weit über die klassische Logik hinausgeht und in einer bestimmten, formalen Zeichensprache ausgedrückt wird. Man musste also diese Zeichensprache beherrschen, wenn man Texte, die einen wissenschaftlichen Sachverhalt sowohl in seiner streng empirischen wie streng formallogischen Gestalt zum Ausdruck bringen sollten, überhaupt lesen zu können. Hier dienten als Vorbild die in mathematisch-logischer Sprache abgefassten Texte der Physik, die als Ideal exakter und allein wahrer wissenschaftlich-empirischer Erkenntnis galten.

Der Glaube des logischen Positivismus, in den Basissätzen die entscheidende Grundlage für empirische Verifikationen oder Falsifikationen gefunden zu haben, wurde jedoch schon 1934 von K. Popper erschüttert, als er darauf hinwies, dass des niemals absolute Verifikationen wissenschaftlich-empirischer Aussagen gibt, weil deren Überprüfung stets theoretische Annahmen vorausgehen, die nicht im selben Kontext überprüft werden können. So werden z.B. Naturgesetze als All-Sätze formuliert wie "Alle Körper unterliegen dem Fallgesetz". Dass jedoch wirklich alle Körper dem Fallgesetz unterliegen, lässt sich nicht nachprüfen, sondern das wird a priori angenommen. Aber wenn auch Popper wissenschaftstheoretisch absolute empirische Verifikationen bestritt, so glaubte er doch unverändert an absolute wissenschaftliche Falsifikationen. Denn eben weil Naturgesetze All-Sätze sind, genügt nach Popper schon eine einzige Abweichung, um solche Sätze zu widerlegen.

Später zeigte sich aber, dass generell Basissätze, sie mögen verifizierend oder falsifizierend sein, mehr oder weniger zahlreiche, a priori gesetzte, theoretische Voraussetzungen haben, so dass Poppers Versuch, wenigstens bei Falsifikationen absolute wissenschaftliche Gewissheit zu erlangen, als gescheitert betrachtet werden musste. Bei diesen Voraussetzungen handelt es sich genauer um eine Reihe apriorischer Festsetzungen: Z.B. Festsetzungen über die Geltung und das Funktionieren der bei der Bildung von Basissätzen verwendeten Messinstrumente; Festsetzungen darüber, wie aus einzelnen Basissätzen durch Induktion zur Formulierung von Naturgesetzen fortgeschritten wird, weil ja Induktion, als eine quase unendliche Extrapolation, alle Erfahrung überfliegt; Festsetzungen bei der Herstellung einer axiomatischen Ordnung, wodurch Gruppen von Naturgesetzen, die ihrerseits in der schon angezeigten Weise auf Festsetzungen beruhen, zu umfassenden Theorien zusammengefasst werden; und nicht zuletzt Festsetzungen, um nur diese noch zu nennen, mit denen an Hand von gemachten Experimenten über die Annahme oder Verwerfung von Theorien entschieden wird. Wird doch dabei darüber mitentschieden, wie man es mit den einzelnen oder dem gesamten Netz von Festsetzungen hält, die jeweils zu Verifikationen oder Falsifikationen im gegebenen Fall geführt haben. Zusammengefasst: Es gibt im Bereich der exakten empirischen Wissenschaften überhaupt keine absoluten, allein durch Erfahrung und formale Logik bestimmte Verifikationen oder Falsifikationen.

Gleichwohl wäre es ein Irrtum zu meinen, die bezeichneten Festsetzungen beraubten wissenschaftliche Theorien letztlich ihres empirischen Gehaltes. Weit entfernt, diesen zu opfern, dienen sie vielmehr im Gegenteil dazu, ihn überhaupt erst sichtbar zu machen. Dies sei an einem einfachen Beispiel erläutert: Geht man wie Newton von der Festsetzung aus, dass der Weltraum euklidisch ist, dann ergibt sich empirisch, dass in ihm Gravitationskräfte wirken; und geht man wie Einstein von der Festsetzung aus, dass es sich bei ihm um einen gekrümmten Raum handelt, dann ergibt sich empirisch, dass in ihm keine Gravitationskräfte wirken. Es ist also weder eine empirische Tatsache, dass der Weltraum euklidisch ist und in ihm Gravitationskräfte wirken, noch dass er gekrümmt ist und keine solche Kräfte in ihm wirken, sondern empirisch sind allein metatheoretische Sätze der Art: Wenn die und die apriorischen Festsetzungen gemacht werden, dann hat das die und die empirischen Folgen. Nicht also in der Theorie, sondern erst in der ihr zugeordneten Metatheorie erscheint die Realität.

Gibt es nun ein Kriterium dafür, welche apriorischen Festsetzungen man unter anderen möglichen für geeigneter halten kann, die Wirklichkeit im rechten Licht zu sehen? Zum Beispiel kann es doch sein, dass eine Theorie den ihr zugeordneten Gegenstandsbereich einfacher oder umfassender oder sowohl einfacher wie umfassender erklärt. Aber abgesehen davon, dass, wenn man sich aus diesem Grunde für eine bestimmte Theorie entscheidet, dabei die metaphysische Vorstellung zugrunde liegt, die Natur sei nach dem Kriterium der Einfachheit konstruiert, wäre doch damit über die Wahrheitsfrage nichts entschieden, weil eine Theorie auch dann falsch eine kann, wenn sie alles in ihrem Umkreis Auftretende befriedigend erklärt, weil nach den Gesetzen der Logik auch aus Falschem Wahres folgen kann (nur niemals aus Wahrem Falsches).

Hier erwies sich nun die Wissenschaftsgeschichte als ein unerlässliches Hilfsmittel, die Begründungsfrage des apriorischen Teils jeder Theorie zu untersuchen. Es zeigte sich nämlich, dass bei der Begründung von Theorien nicht nur Vorstellungen ihres engeren, wissenschaftlichen Rahmens eine entscheidende Rolle spielten, sondern auch solche aus dem kulturhistorischen Umfeld.

Das war vor allem dann der Fall, wenn Paradigmenwechsel stattfanden, also Wandlungen in den allgemeinen theoretischen Grundlagen einer zu einer gegebenen Zeit vorliegenden Menge miteinander zusammenhängender Theorien. Beispiele hierfür bieten der Übergang vom Ptolemäischen zum Kopernikanischen Weltbild, von der Aristotelischen zur Newtonschen Physik, und wieder von dieser zur Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Es ist schierer positivistischer Aberglaube zu meinen, dies alles sei nur die Folge immer weiter vordringender, rein empirischer Erkenntnis gewesen.

Der wissenschaftliche Fortschritt besteht nämlich nicht allein darin, dass sich der Erfahrungsreichtum ständig erweitert, sondern auch darin, dass sich die apriorischen Festsetzungen und Rahmenbedingungen, kurz, die einzelnen Bausteine des Erfahrungssystems "Wissenschaft" wandeln, und zwar keineswegs nur unter dem Druck neuer empirischer Erkenntnisse.

Und doch liegt andererseits diesem nicht nur ständig wachsenden, sondern sich auch in der angezeigten Weise immer wieder in seinen apriorischen Entwürfen und Rahmenbedingungen bis zum radikalen Paradigmenwechsel wandelnden Wesen "Wissenschaft" eine fundamentale Auffassung von Wirklichkeit zugrunde, die sich niemals verändert hat, weil sie zur Definition des Phänomens "Wissenschaft" selbst gehört, wie es spätestens seit dem 17. Jahrhundert existiert. Eine solche apriorische, grundlegende und allgemeine Auffassung von Wirklichkeit nennt man Ontologie, d.h., Allgemeine Lehre vom Sein.

 

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Zu der Zeit, als die allgemeine Begründungsproblematik der empirischen Wissenschaften zutage trat, entfaltete sich in Europa eine ausgedehnte Mythos-Forschung, die zweifellos ebenfalls mit dem technisch-wissenschaftlichen Zeitalter zusammenhing. Es sei gefragt: War der Mythos nicht eine paradigmatische Alternative zur wissenschaftlichen Ontologie und in welchem Verhältnis stand er zu ihr? Es zeigte sich in der Tat, dass er ebenfalls wie diese ein Erfahrungssystem darstellt, und dass man die Punkte aufzählen kann, die ihn einerseits als ein solches kennzeichnen und andererseits den analogen Zusammenhang zwischen der mythischen und der wissenschaftlichen Ontologie erkennbar machen. Es sind hauptsächlich die folgenden:

  1. Für den Mythos bilden im Gegensatz zur Naturwissenschaft das Ideelle und das Materielle eine unlösliche Einheit. Alles Ideelle nimmt sogleich eine materielle Gestalt an.
  2. Was in der Naturwissenschaft die Naturgesetze sind, sind im Mythos die Archaí, also Ursprungsgeschichten. In ihnen wird jeder regelmäßige, sich stets wiederholende Ablauf im Naturgeschehen auf ein ursprüngliches, nicht datierbares Urereignis zurückgeführt.
  3. Der Mythos unterscheidet nicht, wie die Naturwissenschaft, den allgemeinen Begriff von dem ihn repräsentierenden Gegenstand.

Diese kurze Skizze der dem Mythos zugrunde liegenden Ontologie mag auf den ersten Blick den Eindruck des ganz im Geiste der wissenschaftlichen Ontologie erzogenen Menschen nur noch bekräftigen, der Mythos beziehe sich auf eine Art Märchenwelt. Ein solcher Eindruck beruht aber auf dem bornierten Vorurteil, es sei bewiesen, dass die wissenschaftliche Ontologie mit der Wirklichkeit übereinstimme, also wahr, diejenige des Mythos aber ein bloßes Phantasiegebilde, also falsch sei. Dieses zu behaupten ist längst zur Denkgewohnheit geworden, so dass nicht einmal mehr die Frage gestellt wird, wie das zu beweisen ist. Für einen solchen Beweis gäbe es aber nur folgende Möglichkeiten: Man weist erstens nach, dass es eine empirische Widerlegung der mythischen Ontologie gibt, oder zweitens eine rationale Widerlegung, oder drittens eine praktische Widerlegung.

Zum ersten: Es gibt ebenso wenig eine empirische Widerlegung der mythischen Ontologie wie es eine empirische Begründung der wissenschaftlichen Ontologie gibt. Handelt es sich doch bei beiden um apriorische Festsetzungsrahmen, Erfahrungssysteme, innerhalb welcher, wie bereits angedeutet, alle Erfahrung interpretiert wird. Zum zweiten: Eine rationale Widerlegung der mythischen Ontologie könnte doch nur darin bestehen, dass man sie entweder als der Vernunft widersprechend oder

 


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als nicht widerspruchsfrei ansähe. Aber wie will man beurteilen, was der Vernunft widerspricht? Wo hat man jenen für sich bestehenden Maßstab, genannt Vernunft, an dem gemessen man eine Antwort auf diese Frage geben könnte, es sei denn, man unterwirft sich der trügerischen Idee von Hegels Weltgeist? Was aber die Widerspruchsfreiheit betrifft, so wird man vergeblich der mythischen Ontologie einen Verstoß gegen eine solche nachzuweisen suchen. Ihre fundamentale Wirklichkeitsbeschreibung ist einfach eine nur andere als diejenige der wissenschaftlichen Ontologie. Nun zum dritten: Die praktische Widerlegung besteht hauptsächlich in dem Hinweis darauf, dass erst die Wissenschaft bestimmte Zwecke zu erfüllen vermochte, die sich die Menschen seit je gesetzt haben, die aber eben erst im wissenschaftlichen Zeitalter, insbesondere auf dem Gebiete der Technik, verwirklicht werden konnten. Diese Auffassung übersieht nicht nur, dass die meisten durch die Wissenschaft erfüllten Zwecke überhaupt erst durch sie geweckt wurden, sondern auch und vor allem, dass sich substantiell die im Umkreis des Mythos gesetzten Zwecke aus dem numinosen Umgang mit den Göttern ergaben.

Die ganze Praxis des täglichen Lebens, der Umgang der Menschen miteinander, alles Tun und Handeln in der Polis wie im Kult war durch den Mythos bestimmt. Der Umgang mit der Natur, der ohne Rücksicht hierauf sich nur aus bloßen Zwecken der Sterblichen ergibt, stand im Verdachte der Hybris. Woher nähme man nun den Maßstab, wollte man die menschlichen Zwecksetzungen einer wissenschaftlich-technischen Welt als denjenigen einer mythischen überlegen beurteilen? Will man den Verdacht der Hybris, in dem die technisch-wissenschaftliche Welt steht, zurückweisen, muss man auch den ganzen mythischen Zusammenhang zurückweisen, in dem er seine Wurzel hat, also auch die mythische Ontologie - aber eben dies ist, wie gezeigt, weder empirisch noch mit Hinweis auf Vernunft oder Rationalität möglich.

Der wissenschaftstheoretische Vergleich zwischen der wissenschaftlichen und mythischen Ontologie lässt sich nun verallgemeinern: Ontologien der bezeichneten Art sind prinzipiell gleichberechtigt. Das nenne ich das erste Toleranzprinzip, weil es noch ein weiteres gibt, worauf ich später zurückkomme. Eben wegen dieses Toleranzprinzips bleibt aber die Frage nicht zu beantworten, warum die eine Ontologie die andere abgelöst hat. Es gibt ja wie gezeigt weder empirische noch rationale praktische Gründe dafür. Was immer wir historisch erklären mögen, es wird immer innerhalb eines der großen Erfahrungssysteme erklärt werden. Der Übergang von einem solchen Erfahrungssystem zu einem anderen bleibt unerklärbar. In dieser Hinsicht kann man sagen: Geschichte geschieht einfach. Damit entfallen auch alle so geläufigen Versuche, den Mythos im Lichte der Wissenschaft als einen aus Furcht und Unwissenheit entsprungenen Anthropomorphismus hinzustellen.

Bisher haben sich die vorliegenden Ausführungen ausschließlich im Bereiche der Wissenschaftstheorie bewegt. Ist doch die Erkenntnis von der Gleichberechtigung des wissenschaftlichen mit dem mythischen Erfahrungssystem wie gesagt selbst eine wissenschaftstheoretische, weil sie auf einem Vergleich der wissenschaftlichen mit der mythischen Ontologie beruht. Man darf aber nicht übersehen, dass ein solcher sich aus der Theorie der Wissenschaften ergebender Vergleich nur in der Außenbetrachtung des Mythos möglich ist. Nur in dieser stellt er sich als ein Erfahrungssystem unter anderen möglichen dar. Geht man aber von der Außenbetrachtung zur Innenbetrachtung über, versetzt man sich in einen innerhalb des Mythos lebenden Menschen, dann hat dieser es in seinem Verständnis mit numinosen Erfahrungen zu tun, die nicht ihm Rahmen eines vom Menschen a priori gesetzten Entwurfes die Bedingung ihrer Möglichkeit haben, wie es ein Erfahrungssystem ist, sondern in denen auf die eine oder andere Weise ein Numinoses erscheint, also etwas Absolutes.

Das klassische Beispiel dafür ist die Epiphanie, die Erscheinung eines Gottes, die im griechischen Mythos eine solche Rolle spielt. Indem er erscheint, tritt er aus der Verborgenheit in die Unverborgenheit heraus. Deswegen bestand für die Griechen Wahrheit nicht in der Übereinstimmung eines vom Subjekt im Rahmen eines a priori gesetzten Erfahrungssystems Gedachten mit der Wirklichkeit, sondern sie bestand in jener Unverborgenheit, griechisch a-letheia, in der das eigentlich Wirkliche, das Objekt als ein Gott, sich dem Subjekt von sich aus offenbart. Erkenntnis des Gottes ist also absolute, weil durch ihn allein gesetzte Erkenntnis. Geht man also von dem wissenschaftstheoretischen Vergleich zwischen dem wissenschaftlichen und dem mythischen Erfahrungssystem zur Innenbetrachtung eines mythischen Erfahrungssystems über, dann verlässt man endgültig die dem wissenschaftlichen Denken zugrunde liegende Idee eines mehr oder weniger beliebigen Rahmens von apriorischen Festsetzungen, also eines vom Menschen letztlich selbst entworfenen Erfahrungssystems, und es eröffnet sich die Dimension absoluter Erfahrung.

Damit zeigt sich ein Widerspruch zwischen dem wissenschaftstheoretischen Toleranzprinzip einerseits, demzufolge es nur eine relative, nämlich auf eine bestimmte, a priori gesetzte Ontologie bezogene Erfahrung gibt, und der genuin mythischen Erfahrung andererseits, die keinen solchen vom Menschen gesetzten Bezugsrahmen kennt und folglich eine absolute Bedeutung beansprucht. Dieser Widerspruch löst sich indessen auf, wenn man die Grenzen erkennt, die dem bezeichneten Toleranzprinzip gesetzt sind.

Wenn es nämlich behauptet, dass man die Wirklichkeit gleichberechtigt einmal unter dem Gesichtspunkt dieser, ein andermal unter dem Gesichtspunkt jener Ontologie betrachten kann, weil sie alle gleichberechtigt sind, so besagt das doch, dass man sie einmal unter dem Aspekt dieser, dann wieder jener Ontologie betrachten kann, dass also die Wirklichkeit einen aspektischen Charakter hat. Aber der Satz "Die Wirklichkeit hat einen aspektischen Charakter" ist ja, als eine allgemeinste Aussage über die Wirklichkeit, selbst ein ontologischer Grundsatz! Und folglich hat auch er, wie alle ontologischen, also von Menschen erdachten Sätze, keine notwendige Geltung, sondern gehört zum Bereich jener apriorischen Festsetzungen, die unser ganzes Dasein leiten, sobald wir uns innerhalb des wissenschaftstheoretischen Bereiches bewegen.

 

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Als sich nun in der beschriebenen Weise herausgestellt hatte, dass das Mythische im Zuge einer wissenschaftstheoretischen Selbstkritik des wissenschaftlichen Denkens (Toleranzprinzipien) in einem neuen, bisher ungeahnten Licht erschien, wurde schließlich auch eine Neuaufnahme des alten Streites zwischen dem wissenschaftlichen Denken und der Offenbarung unvermeidlich, der seit der Aufklärung nach weitverbreiteter Meinung bereits zugunsten des wissenschaftlichen Denkens für entschieden gehalten wurde. Und dies um so mehr, als die Theologie selbst in den Bann solchen aufklärerischen Denkens geraten war und ihre führenden Köpfe - ich nenne nur Bultmann und Tillich - unter dem Schlagwort "Entmythologisierung" dazu übergingen, die Theologie von allen mythischen und damit kurzerhand für überholt betrachteten Elementen zu reinigen.

So hat im Lichte der wissenschaftstheoretischen interpretierten Mythos-Forschung der christliche Kult der Eucharistie, wo der Wein in das Blut Christi und das Brot in seinen Leib verwandelt werden, eine mythische Form. Auch ist dabei die weitgehende formale Verwandtschaft mit antiken Theoxenien offensichtlich, bei denen der Gott anwesend war und die göttliche Speisung genossen wurde. Weiterhin ist die Eucharistie eine mythische Arché, ein Ursprungsereignis also, das ständig identisch wiederholt wird, in diesem Fall das Ursprungsereignis des letzten Abendmahls. Mythisch ist ferner sowohl die Idee der Erbsünde wie die Idee der Erlösung von der Erbsünde. Dies spricht Paulus in voller Klarheit aus, wenn er sagt: "Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen Rechtfertigung gekommen." (Röm 5, 18).

Man kann daher allgemein sagen: Wann immer und wie immer sich Gott oder Göttliches in der Welt zeigt und für den Menschen sinnlich erfahrbar wird, da geschieht dies in der Form des Mythischen. Die mythische Welt lebt also in der christlichen Offenbarung, wenn auch in neuer Deutung und in neuem Gewande, weiter fort, und der vorchristliche Mythos erweist sich so als eine Vorstufe des christlichen. Insofern gibt es keinen christlichen Glauben ohne Mythos, wenn auch, wie der griechische Mythos zeigt, einen Mythos ohne Glauben. In all dem liegt, dass die christliche Offenbarung sich gleichsam der Sprache und der Form des Mythischen bedient.

Und doch ist sie andererseits etwas fundamental vom Mythos Verschiedenes. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass sich im Mythos alles innerweltlich abspielt, der christliche Gott aber als Weltschöpfer etwas absolut Transzendentes, ein deus absconditus ist und nur soweit er mit dem Menschen kommuniziert, also auf die eine oder andere Art in der Welt zur Erscheinung kommt, in der bezeichneten Weise mythische Formen annimmt. Damit erhält aber christlich alles Mythische, wie es sich innerhalb der Erscheinungswelt, generell unter dem Begriff des Numinosen zusammengefasst, zeigt, einen gegenüber dem genuin Mythischen verschiedenen Sinn. So unterscheiden sich schon die Engel, bei aller formalen Ähnlichkeit mit den mythischen Göttern von diesen dadurch, dass sie zugleich innerweltliche Vermittler der absoluten Transzendenz des einen Gottes oder von ihm gleichursprünglich wie Adam abgefallene Dämonen sind. (Man denke an die Schlange, die Adam und Eva verführte.) Engel und Dämonen dieser Art sind dem Mythos unbekannt. Insbesondere stellt das dem Mythos so vertraute Numinose in der Natur als Zeichen eines Gottes - der heilige Hain, der Témenos, mag hier als Beispiel gelten - im Lichte der Offenbarung ein Numen, ein Zeichen des Schöpfergottes dar. So schreibt Paulus: "Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken (...)" (Römer 1,20). So kann mythisches Welt- und Naturerleben durchaus in Kraft bleiben und erhält doch einen ganz anderen und dem Mythos gegenüber neuen Sinn, indem es zum Abglanz des einen, transzendenten Schöpfergottes wird.

 

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Blicken wir zurück. Erst führte die Selbstkritik der exakten empirischen Wissenschaften als Wissenschaftstheorie zu der Erkenntnis, dass sie auf einer Ontologie beruhen, die dazu dient, wissenschaftlich empirische Erkenntnis zu organisieren. Man kann sie auch ihr Koordinatensystem nennen, in das alles eingeordnet wird, das aber selbst keiner empirischen Begründung unterliegt. Dann führte die neuere Mythos-Forschung zu der Einsicht, dass auch mythisches Denken wie das wissenschaftlich-empirische auf einer Ontologie beruht. Daraus folgte das, was ich das Erste Toleranzprinzip nannte, demzufolge alle Ontologien, weil in diesem Sinne selbst Grundlage aller Begründung und daher nicht selbst begründbar, erkenntnistheoretisch gleichberechtigt sind. Wie sich aber zeigte, beruht dieses Toleranzprinzip auf dem Grundsatz des aspektischen Charakters der Wirklichkeit, der selbst ein ontologischer ist und daher ebenfalls zum Bereich jener apriorischen Festsetzungen gehört, die unser ganzes Dasein leiten, soweit dieses sich innerhalb des wissenschaftstheorerischen Bereiches bewegt. Nun entspringen aber diese verschiedenen möglichen Ontologien, man könnte sie auch allgemeine Formen von Wirklichkeitsvorstellungen nennen, dem menschlichen Denken, oder anders ausgedrückt, der Subjektivität. Wie aber, wenn es Ontologien gibt wie diejenigen des Mythos oder der christlichen Religion, die nur aus der Sicht der Wissenschaftstheorie, also aus einem ihnen fremden Standpunkt, diesen Ursprung in der menschlichen Subjektivität haben, sich selbst aber, sei es in der mythischen oder der christlichen Form, als göttliche Offenbarung, also als etwas Absolutes, verstehen? Wollte man eine solche absolute Offenbarung mit der Begründung zurückweisen, dass es eine absolute Erkenntnis nicht gibt oder geben kann, so behauptete man damit zugleich, dass es nur eine relative, durch das Subjekt in der einen oder anderen Weise gesetzte geben kann - aber wäre das nicht eine contradictio in adjecto? Würde damit nicht gesagt, es sei absolut gewiss, dass es keine absolut gewisse Erkenntnis geben kann? Eine absolute Erkenntnis als Offenbarung kann man freilich nicht wie eine wissenschaftliche setzen oder begründen, sondern man kann sie nur glauben oder nicht glauben. So kamen wir zum zweiten Toleranzprinzip, demzufolge absolute Erfahrungen im Prinzip toleriert werden müssen, womit gesagt ist, dass es Grenzen dieser Toleranz gibt. Diese Grenze aber ist insbesondere die Rationalität als formale

 

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Logik. Ob wissenschaftliche oder mythische Ontologie, ob christliche Offenbarung - alles muss den allgemeinen Regeln der formalen Logik entsprechen, was nichts anderes heißt als: Es muss widerspruchsfrei gedacht werden können, denn eine in sich widersprüchliche Aussage ist gar keine Aussage.

Alles was bisher gesagt worden ist, war nur eine Selbstanalyse menschlicher Vernunft, deren Ergebnis wie folgt zusammengefasst werden kann: Vernunft besteht in dem fundamentalen Vermögen, auf der Grundlage logischen Denkens Ontologien zu bilden und sich Offenbarungen zu öffnen. Ontologien entspringen der Subjektivität und haben nur eine historisch-relative Bedeutung; Offenbarungen dagegen sind Botschaften der Gottheit und haben eine absolute Bedeutung. Insofern ist das Vermögen der Vernunft, sich Offenbarungen zu öffnen, das Vermögen zu glauben. Der Glaube selbst aber, da nicht der Vernunft entsprungen, ist Gnade. Das bedeutet nicht, dass Ontologie und Offenbarung vollständig voneinander getrennt sind. Ontologien wurden im Laufe der Geschichte von der Offenbarung inspiriert, die Offenbarung im Zuge ihrer Auslegung von Ontologien. An ihrem fundamentalen Unterschied ändert das nichts.

Damit komme ich, wenn auch auf verschiedenem Wege, zu demselben Ergebnis wie der Kardinal Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI. Er unterscheidet zwei Formen der Vernunft, die dennoch eine unlösliche Einheit bilden. Die eine betrifft das Denken des Subjekts und betätigt sich stets in einem geschichtlichen Zusammenhang; die andere betrifft das Begreifen der ewigen Offenbarung. Aber - so der damalige Kardinal: "Die Vernunft wird in ihrer Relativität ohne den absoluten Glauben nicht heil, der Glaube wird ohne die Vernunft in ihren jeweils unvermeidlich historisch bedingten Erscheinungen nicht menschlich." Damit hat Ratzinger die eigentliche Tiefe der Aufklärung erfasst, die man nicht erkannte, weil man sich mit einem rudimentären Vernunftbegriff begnügte, nämlich demjenigen, der nur die Bildung von Ontologien betrifft, aber das Vermögen, die Offenbarung zu erlangen, unberücksichtigt lässt.

 

    {*} Prof. Dr. Kurt Hübner, emerit. Professor für Philosophie an der Universität Kiel

 

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