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Tahsin Görgün {*}

Der Mensch als Geschöpf
und Stellvertreter des Schöpfers

Schöpfung aus klassisch-islamischer Sicht

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 6/2006, S. 10-

 

Die Frage nach der Schöpfung wird meistens als eine kosmologische oder naturgeschichtliche Frage erörtert, die in ihrer Grundstruktur sowohl in den christlichen als auch in den islamischen Darstellungen keine wesentlichen Unterschiede aufweist. Statt diese noch einmal zu erörtern - was an und für sich wichtig ist -, werde ich hier versuchen, diese Frage aus einer ethischen Perspektive zu stellen, die für die klassische islamische Betrachtungsweise der Schöpfung maßgebend war und immer noch, wenn nicht systematisch wie früher, aber doch als allgemeine Kultur, maßgebend ist. Ich werde in diesem Beitrag versuchen, einige Aspekte dieses Konzeptes der Schöpfung vorzustellen:

1. Der Begriff "Schöpfung" ist wie links, rechts, oben, größer, schöner usw. ein relationaler Begriff. Andere Beispiele für solche Begriffe sind etwa Wissen, Macht, Herrschaft oder Liebe. Diese alle Wörter sind nicht für sich alleine sinnvoll, sondern setzen immer eine Relation voraus. Wissen, dass ..., Macht über ..., Herrschaft über ..., Liebe zu ... . Das besagt, dass er zu einer Klasse von Wörtern gehört, die zusammen ein semantisches Feld ausmachen und nur als Teil dieses Feldes etwas bedeuten. Diese anderen Wörter sind Schöpfer und Geschöpf. Ohne an Schöpfer zu denken, kann man nicht von der Schöpfung reden, und auch nicht ohne das Geschöpf. Auch Schöpfer ist ein solcher Begriff: Ohne Geschöpf und Schöpfung kann auch von Schöpfer nicht gesprochen werden. Was soll überhaupt dies bedeuten?

Es ist gewöhnlich die erste Frage, wenn man irgendwie über Gott sprechen will, ob und wie mit einer Sprache, die nur bedingt ist und in einer Bedingtheit über das Bedingte zu reden erlaubt, über etwas zu sprechen ist, das in jeder Hinsicht "absolut" ist. Wie kann man über das Absolute in einer Form reden, die nicht absolut ist?

Wir können die Frage noch schärfer formulieren: Entweder hat das Wort "absolut" keinen Sinn, der irgendwie uns bekannt ist (dann reden wir Unsinn, wenn wir dieses Wort gebrauchen), oder Gott ist etwas, worüber wir sprechen können, das heißt, dass er nicht "absolut" ist, weil gerade die menschliche Sprache immer nur begrenzt, abgegrenzt, definiert, das heißt der Absolutheit entgegen läuft. Zur Sprache bringen heißt "definieren" und eo ipso zur Verfügung zu stellen. Was zur Verfügung steht, ist nicht "absolut". Wir können uns kurz fassen: Die Sprache ist - allein genommen - nicht der geeignete Weg zur Schöpfung, die wenigstens in einer Hinsicht (also in Bezug auf den Schöpfer) über die Möglichkeiten der Sprache hinaus geht und in der Sprache nicht voll erschließbar zu sein scheint.

2. Wenn wir zuerst die Sprache beiseite lassen - um dann auf sie auf einer anderen Ebene später zurückzukommen -, dann bleibt uns nur der Weg übrig, über einen nicht-sprachlichen

 


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Weg einen Zugang zu suchen, der uns zu dem führt, was wir Schöpfung nennen. Wenn wir nicht-sprachlich über das zu reden versuchen, was wir in der Sprache Schöpfung nennen, da stellt sich die Frage, ob die Frage nach der Schöpfung, dem Schöpfer und Geschöpf nicht eine Frage ist, die nur die Folge einer Sprache bzw. der Sprechweise ist. Die Frage nach der Unterscheidung des Geschöpfes von dem Schöpfer wird nicht mehr sinnvoll, wenn man nur das betrachtet, was ist oder was es gibt.

3. Es ist allerdings eine ganz allgemeine Erfahrung des Menschen, dass es Unterschiede und Unterscheidungen gibt. Ich unterscheide wenigstens zwischen mir und der Außenwelt oder "ich und nicht-ich". Auch die Unterscheidungen zwischen den Dingen um mich herum sind unumgänglich und des Lebens wichtig. Das bedeutet, dass wir, wenn wir uns nicht auf die Sprache verlassen, doch irgenwie Unterscheidungen treffen müssen, ohne die das Leben nicht möglich und die in diesem Sinne des Lebens wichtig sind. Die Unterschiede sind aus dieser Perspektive nicht eine Folge der Sprache: im Gegenteil sind die sprachlichen Unterschiede Folge der Unterscheidungen, die des Lebens wichtig sind. Das besagt, dass die Unterscheidungen nur dann einen fundamentalen Sinn erhalten, wenn und insofern sie des Lebens wichtig sind. Die Unterscheidung des Schöpfers von Geschöpfen und der Schöpfung scheint aus dieser Perspektive verständlich zu sein. Das besagt, dass wir die Frage nach der Schöpfung nicht unbedingt aus dem Gottesbegriff heraus stellen müssen, sondern, wir können - sogar sollen - sie aus der Perspektive der Existenz oder des Lebens des Menschen stellen.

4. Die Frage nach der Schöpfung kann also nicht unbedingt als eine theologische Frage, sondern als eine existenzielle Frage des Menschen gestellt werden. Denn diese Frage ist nicht dadurch aus der Welt zu schaffen, dass man einfach eine Theologie, eine Lehre von Gott, entwickelt und dadurch diese Frage beantwortet. Welche Konsequenzen diese Haltung mit sich bringt, wissen wir mittlerweile zu gut. Diese Frage kann demnach erst dann in ihrem vollen Sinne verstanden werden, wenn festgestellt wird, wie der Mensch mit einer Unterscheidung konfrontiert wird, die lebenswichtig ist.

Wir können hier gleich anfangen, danach zu fragen, was mit "des Lebens wichtig" gemeint ist. Es ist ja eindeutig, dass das, was wir hier mit Leben meinen, nicht mit "Lebendigsein" oder "Lebewesen" gleichzusetzen ist. Natürlich ist Lebendigsein überhaupt die Voraussetzung fürs Leben. Aber das "menschliche" Leben ist mehr als Lebendigsein. Wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir nur die Medizin, die sich darum kümmert, dass und wie wir am Leben bleiben (Gesundheit und Krankheit), sonst nichts. Der Mensch ist zwar ein Lebewesen, aber nicht nur; man sagte deshalb vom Menschen, dass er "animal rationale" sei, wobei "rationale" meistens durch "Logik" oder "Sprache" ersetzbar wäre. Später hat man dazu auch "faber" hinzugefügt, um eine Phase in der Geschichte der Menschheit zu bezeichnen, die der modernen Technik entspricht oder sie zum Ausdruck bringt. Kurz bedeutet dies, dass der Mensch ein Lebewesen ist, das spricht, denkt und verfügt.

Die Frage danach, was des Lebens wichtig ist, wird nicht allein dadurch beantwortet, wie der Mensch am Leben zu erhalten ist; denn der Tod ist auch - im ersten Blick paradoxerweise - des Lebens wichtig. Was wäre eine Welt, wo Geburt, aber kein Tod anzutreffen wäre? Oder Geburt, Altern, aber kein Tod? Des Lebens wichtig ist also nicht in einem Sinne zu verstehen, der nur das Leben im biologischen Sinne betrifft. Die Frage betrifft den Kern von etwas, was das Menschsein genannt wird.

Wir können hier oder woanders darüber spekulieren, ob der Mensch eine Essenz hat, oder eine Natur, oder eine Geschichte. Es steht auf jeden Fall außer Frage, dass der Mensch ohne Geschichte überhaupt nicht denkbar ist. Es wäre aber voreilig, die Geschichtlichkeit des Menschen, die zwar im ersten Blick gegen die Natur des Menschen spricht, dagegen zu missbrauchen, dass es so etwas wie die Menschlichkeit nicht gebe. Und diese besteht nicht ausschließlich darin, zu sprechen, zu denken und zu verfügen. Sprechen, Denken und Verfügen können an und für sich keine letzten Ziele des Menschen sein. Der Mensch spricht nicht, um zu sprechen, oder denkt nicht, um zu denken, oder verfügt über die Dinge nicht, um über sie zu verfügen. Das können wir kurz so zusammenfassen: Weder Literatur und Gespräch noch die Philosophie und noch die Wissenschaften und die Technik sind Selbstzweck. Der Mensch wäre nur für diese Dinge zu schade!

5. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass das Sprechen, das Denken und das Verfügen die Voraussetzungen für das Wesen darstellen, das Gattung Mensch heißt, und das sind wir. Die Gattung Mensch ist ohne diese Eigenschaften überhaupt nicht denkbar. Aber die Gattung Mensch geht in diesen Eigenschaften nicht auf. Selbst diese Eigenschaften sind intentional und immer in Kontexten wirklich, die zur Entscheidung zwingen. Wie Gazzali einmal formuliert hat, "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt". Die Freiheit ist aber nicht frei von allem sein, sondern unter den aktuellen Möglichkeiten auswählen können, was nur über die Sorge im Leben und auch ums Leben sinnvoll erfolgen kann. Die Freiheit und die Verantwortung sind die beiden Kategorien, die erlauben, das Sprechen, Denken und das Verfügen sinnvoll zu verwirklichen. Die Freiheit und die Verantwortung sind die beiden Voraussetzungen, die nur in der Sorge um sich zu begründen sind.

Diese Feststellung besagt, dass wir die Frage nach der Schöpfung über die Menschen sinnvoll stellen können und dass sie letztendlich eine fundamental ethische Frage ist. Diese Frage können wir also als die Frage nach dem Wesen des Menschen stellen, das sich als Sorge um sich herausstellt. Diese Sorge wiederum hat ihre Mitte im Leben des Menschen, das nur aus dem Horizont des Todes seinen eigentlichen Sinn erlangt.

6. Wir müssen also nach etwas suchen oder Ausschau halten, das der Gattung Mensch eigen ist und dem Genannten höher steht. Es soll also im Menschen und durch die Menschen geschehen. Die klassische Antwort darauf liegt darin, dass es der vollkommene Mensch ist, der ein Leben führt, das ethisch verantwortbar ist. Ethische Haltung als höchstes Ziel des menschlichen Lebens!

Das Leben (al-hayat) wird meistens als Abkürzung von al-hayat ad-dunya (das weltliche Leben, das Leben in dieser Welt oder diesseitige Leben) gebraucht. Auch die Welt wird nicht im Sinne des Globus, sondern als Abkürzung von al-hayat ad-dunya verwendet. Somit treffen die beiden Begriffe "Welt" und "Leben" zusammen und werden füreinander gebraucht. Das hat selbstverständlich mit dem Konzept der Schöpfung zu tun, das auf den Menschen bezogen ist. Diese Welt oder dieses Leben ist nicht etwas, das unmittelbar von Gott geschaffen wurde, sondern Werk der Menschen; sie sind insofern auf Gott bezogen, als sie durch die Kraft, die Gott den Menschen als Kompetenz gegeben hat, erzeugt wird. Gott ist auch aus dieser Perspektive die letzte Instanz, von der alles abhängig ist.

7. Gerade in diesem Kontext gewinnt die Frage nach der Schöpfung einen Sinn: Der Mensch als Sprechender, Denkender und Verfügender bringt etwas hervor, das vorher noch nicht war. Jede Tätigkeit des Menschen ist Etwas Neues: Die Sätze sind neu, die Vorstellungen, alle Handlungen und alles, was ein Mensch überhaupt tut, ist neu. Wenn wir nur daran denken, dass der Stuhl, auf dem wir sitzen, der Tisch, an dem wir sitzen, der Raum und das Gebäude, wo wir uns jetzt aufhalten und die Stadt, der Staat, die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Universität usw. Erzeugnisse des Menschen sind, können wir leicht sehen und einsehen, dass wir in einer Welt leben, die von uns "geschaffen" worden ist. Wenn wir von Schöpfung reden, reden wir also nicht von etwas, das - wenigstens aus unserer Sicht - einmalig ist, sondern reden wir von einem Prozess, der "über die Menschen weiter" reicht. Der Mensch ist selbst "Schöpfer" und in diesem Sinne "Stellvertreter Gottes auf der Erde". Gerade hier fängt die Frage nach der Unterscheidung des Schöpfers von den Geschöpfen und von der Schöpfung an. Der Mensch ist "Geschöpf", das in einem Sinne schaffen kann. Das heißt wieder, dass wir von der Schöpfung als dem eigenen Werk reden können und in diesem Sinne wissen, was Schöpfung ist. Der Mensch kann von sich selbst als Schöpfer reden, aber ob er auch sich selbst geschaffen hat? Und was es mit dem Tod auf sich habe? Gerade an diesem Punkt gewinnt die Frage eine Dimension, die ihr ihren eigentlichen Sinn gibt.

8. Im Koran wird sehr oft betont, dass Gott nichts tut, was ungerecht ist. Es gibt aber in der Welt vieles, was von Menschen als ungerecht erfahren und selbst von Gott als ungerecht bezeichnet wird. Gott ist zwar Schöpfer aller Dinge (Koran 13/16), aber das, was als ungerecht bezeichnet wird, wird nicht Gott zugeschrieben, sondern den Menschen. Gott tut nichts, was ungerecht wäre; Ungerechtigkeit (Zulm) ist Handlung oder die Eigenschaft der Handlungen der Menschen oder ihrer Folgen. Ungerechtigkeit ist Folge der Handlungen der Menschen zueinander (Beispiele dafür: Koran 3/182; 8/51; 22/10; 41/46) 50/29). Der Mensch ist das eigentliche Subjekt der Ungerechtigkeit, die nicht nur auf andere Menschen und andere Lebewesen bezogen ist, sondern den Menschen als Subjekt: Der Mensch kann gegen sich selbst ungerecht sein und sich sich selbst gegenüber ungerecht verhalten (Dies wird wörtlich im Koran an 18 Stellen wiederholt; sinngemäß sehr oft. Beispiele: 2/231; 3/117; 3/182; 8/51; 12/79).

9. Dafür wären gerade die ersten sieben Verse der 95. Sure, die zu den ersten offenbarten Versen gehören, ein gutes Beispiel. Diese Verse sind nicht die einzigen, sondern sind es die meisten Verse des Korans, die die Frage der Schöpfung aus dieser Perspektive darstellen. Auch die klassische Tradition, besonders die Mystik, hat den Sinn der Frage nach der Schöpfung oft aus einer humanen Perspektive erörtert. Die Verse lauten:

1. Lies (rezitiere, trag vor!) im Namen deines Herrn, Der erschuf; 2. Erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. 3. Lies! Denn dein Herr ist der Allgütige (oder Gnädige); 4. Der (den Menschen) lehrte durch die Feder; 5. Den Menschen lehrte, was er nicht wußte. 6. Keineswegs! Wahrlich, der Mensch ist widerspenstig (oder aufsässig). 7. Weil er sich unabhängig wähnt. 8. Wahrlich, zu deinem Herrn ist die Rückkehr.

Der erste Vers ist ein Imperativ. Er ist eine Aufforderung. Eine Äußerung im Imperativ wird zu dem Äußerungstypus gerechnet, die man sowohl in der klassischen islamischen wie in der modernen Sprachphilosophie "performativ" nennt. Es sind Äußerungen, die ihre Bedeutung durch ihre Äußerung verwirklichen und zugleich als Eingriff in das Leben gelten. Durch ihre Äußerung werden Handlungen vollzogen, die Grund für andere Handlungen sein können. Dieser Vers fordert den Angesprochenen zu etwas, was wir als "lesen" übersetzen. Diese Übersetzung ist insofern richtig, dass es dabei auch ums Lesen geht. Bei dem "Qira`a" handelt es sich um etwas mehr als um das bloße Lesen. Es ist ein Vorlesen, Vortragen, vielleicht auch lautes Lesen. Es ist zwar die Übersetzung nicht falsch, da es sich um etwas handelt, das man als Entziffern von Zeichen bezeichnen kann. Jedes Lesen ist ein Entziffern. Hier geht es auch um Entziffern. Was in erster Linie zu entziffern ist, wird in den folgenden Versen genannt: Das, was zu entziffern ist, ist etwas, was den Menschen am nächsten betrifft, er selbst. Der zweite Vers hat so den Menschen zum Gegenstand. Die Angesprochenen werden aufgefordert, sich über Menschen Gedanken zu machen, d.h., über sich selbst. Dabei wird noch in dem ersten Vers ausdrücklich gesagt, dass das Lesen im Namen Gottes geschehen soll. Der Vers lautet "mit dem Namen deines Herren, der erschuf". Hier haben wir Wörter, die in einer Äußerung vorkommen, die die Angesprochenen zum Handeln auffordert. Es sind "dein Herr", "derjenige der erschuf", und "mit Namen". Das letzte Wort, also "mit Namen", weist darauf hin, dass man nicht mit Gott, sondern nur mit seinem Namen unmittelbar in Kontakt steht. Hier können wir gleich fragen, was dieses Wort an sich habe. Nämlich der Name. Was ist ein Name? Was machen wir mit Namen? Mit Namen reden wir über Gegenstände, die nicht sichtbar sind. Die Namen ermöglichen uns über die Gegenstände zu sprechen, die zwar in einem oder anderem Sinne existieren, aber nicht sichtbar sind. Die Sprache besteht hauptsächlich aus Namen. Mit Hilfe der Namen bringen wir das, was wir sehen, hören - kurz: erfahren -, zur

 


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Sprache. Die Sprache ist, könnte man sagen, eine zweite Ebene der Existenz der Dinge. Mit Namen werden Dinge erst zum Gegenstand der Erfahrung. Die klassische Sprechweise nennt dies Existenz in der Sprache (wugud fi al-lisan). Diese ist allerdings nicht die ursprüngliche, sondern eine sekundäre Seinsweise, die höchstens als Ausdruck dessen gilt, was in der Vorstellung oder im Geiste des Menschen existiert (wugud fi al-azhan - das geistige Sein).

Wenn man daran denkt, dass die ersten Angesprochenen meistens Götzendiener waren, die ihre Götzen in Form verschiedener Materialien auch um die Kaaba gestellt hatten und sie anbeteten, wird die Bedeutung des Wortes "mit Namen" ersichtlich. Dass man nicht mit Gott, sondern mit seinem Namen etwas anfangen kann oder soll, ist zugleich ein Hinweis darauf, dass es sich bei Gott nicht um etwas Materielles oder durch die fünf Sinne Erfahrbares handelt, sondern um etwas Erhobenes, um Transzendentelles, mit dem man nur über die Wörter in eine Verbindung treten kann, die vertieft und in einer anderen Dimension fortgesetzt werden kann.

Dann haben wir ein zweites Wort, "dein Herr" (rabbika). Das Wort "Rabb", das im allgemeinen als "Herr" übersetzt wird, bedeutet Verschiedenes. Das Wesentliche dabei ist erstens, dass es sich dabei um ein Verhältnis handelt, das man kurz als Eigentumsverhältnis nennen kann. Nämlich ist Herr (Rabb) derjenige, der über etwas frei verfügen kann. Und dann kommt die zweite Bedeutung hinzu, dass damit etwas zum Ausdruck gebracht wird, das dieser freien Verfügung entspricht. Herr (Rabb) ist derjenige, der nicht nur über etwas, in diesem Falle über den Menschen, frei verfügen kann, sondern schon frei verfügt hat. In diesem Sinne heißen die Erzieher "murrabbi", weil sie über die Kinder verfügen. Das dritte Wort, nämlich "derjenige, der erschuf", ist unmittelbar mit dem Wort "Herr" verbunden. Auch erschaffen ist ja ein Wort, das etwas zum Ausdruck bringt, das der Mensch selbst nicht beobachtet hat. Es gibt eine Eigenschaft des Herrn an, die zugleich auf die Welt und auf den Menschen bezogen ist. Nämlich Er ist derjenige, der alles erschuf, und alles sind Seine Geschöpfe. Sowie alle Wörter hier relationale Wörter sind, sind ihre Gegenstände auch solche, die nur in Relationen existieren. Dies alles wird in Bezug gesetzt darauf, dass der Mensch zum Herren zurückzukehren hat. Die Rückkehr zu Gott, die in Form des Todes geschieht, ist zugleich eine eindeutige Absage an die Idee, dass der Mensch "allmächtig" und unabhängig ist. Die Abhängigkeit des Menschen von der Umwelt und den Mitmenschen und allesamt von der Gnade Gottes ist sowohl durch die Begriffe "Herr", "Schöpfung", "Gnade" sowie die "Rückkehr zu Gott" zum Bewusstsein gebracht. Diese Rückkehr ist das letzte Fundament, das die Verantwortung des Menschen trägt.

Hier können wir zusammenfassend sagen, dass die Schöpfung und ein Begriff davon nur mit der Gattung Mensch und über den Menschen einen Sinn erhält, der wiederum nur dann einen Sinn hat, wenn er zu dem einen Gott zurückzukehren hat. Dies weist auf die Verantwortung hin, die ohne die Freiheit überhaupt nicht sinnvoll ist. Die Frage nach der Schöpfung ist also keine genuin epistemologische, sondern letztendlich eine ethisch-existenzielle Frage.

 

    {*} Prof. Dr. Tahsin Görgün, Zentrum für Islamwissenschaftliche Studien, Istambul, Stiftungsgastprofessor für Islamische Religion, Frankfurt am Main

 

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