Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Alexander Foitzik

Eine Option für die Armen

 

Aus: Herder Korresponden, 7/2007, S. 325-327

 

Welche Rolle würde wohl die "Option für die Armen" spielen in den Beratungen des lateinamerikanischen Episkopates, der sich in der zweiten Maihälfte im brasilianischen Marienwallfahrtsort Aparecida versammelt hatte? Wie viel Platz würde sie schließlich im Schlussdokument der V. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe einnehmen können? Wie lässt sich diese "Option für die Armen" vor den aktuellen Herausforderungen, der konkreten sozialen, politischen und gesellschaftlichen Situation Lateinamerikas ausbuchstabieren? So haben die zahlreich in Aparecida akkreditierten Journalisten aus der ganzen Welt die Bischöfe immer wieder gefragt. Und auch mancher der am weltkirchlichen Geschehen Interessierten hierzulande wartete gespannt: Wie geht man jetzt, zwanzig beziehungsweise dreißig Jahre später, um mit dem Erbe der II. und III. Generalversammlung in Medellín (1968) und Puebla (1979)?

Was wird aus jener in der "Option für die Armen" zur Formel gewordenen eindrucksvollen Bekehrung der lateinamerikanischen Kirche, ihrer - wie es seinerzeit hieß - "Inkarnation" in die lateinamerikanische Wirklichkeit mit all dem Elend, Unrecht, der Repression unter denen die große Mehrheit der Bevölkerung zu leiden hatte. Werden die Bischöfe auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu der Grundentscheidung stehen, den Armen in der Kirche und der kirchlichen Arbeit einen bevorzugten Platz einzuräumen?

"Lateinamerikanische Bischöfe haben die 'Option für die Armen' eindrucksvoll bestätigt", hieß es schließlich in den ersten Meldungen noch vor Abschluss der Generalversammlung aus dem brasilianischen Wallfahrtsort. Zufrieden mit seinen Amtsbrüdern zeigte sich beispielsweise auch hier der österreich-brasilianische "Indianerbischof" Erwin Kräutler, Bischof in der Amazonasregion von Xingú. Auch der für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat zuständige Weihbischof Franz Grave, zu Gast in Aparecida, sieht die Option für die Armen durch die Versammlung deutlich gestärkt, besonders weil die lateinamerikanischen Bischöfe die Rechte der indianischen und afroamerikanischen Völker herausgestellt hätten.

 

Die Option für die Armen und die Evangelisierung hängen eng zusammen

So hatte der aus Brasilien stammende Präfekt der vatikanischen Kleruskongregation, Claudio Hummes, die "Option für die Armen" in Bezug gesetzt zum zentralen Thema von Aparecida, der Neu-Evangelisierung des bislang so selbstverständlich als "katholisch" apostrophierten Subkontinents. Mission und die Option für die Armen hingen eng zusammen, erklärte der Kurienkardinal in seinem Aufruf zu neuem missionarischen Elan auf allen Ebenen der Kirche.

Ausdrücklich hatte auch der Papst schon in seiner Rede zur Eröffnung der Generalversammlung von der "Option für die Armen" gesprochen und sie christologisch begründet: Die Begegnung mit Gott sei in sich selbst und als solche eine Begegnung mit den Brüdern; ein Akt der Sammlung, der Vereinigung, der Verantwortung für den anderen und für die anderen. "In diesem Sinn ist die 'Option für die Armen' implizit schon drin im christologischen Glauben an diesen Gott, der für uns arm geworden ist, um uns mit seiner Armut zu bereichern." Mit der Rede des Papstes in Aparecida sei die "Option für die Armen" endgültig in die offizielle Theologie aufgenommen worden, freute sich der deutsch-brasilianische Theologe Paulo Suess.

 


326

Benedikt XVI. verband sein Bekenntnis zur Option für die Armen mit einer Mahnung - ein schon aus seiner Enzyklika "Deus caritas est" bekanntes Motiv: "Die politische Arbeit ist nicht unmittelbare Kompetenz der Kirche", unterstrich er jetzt von neuem. Wenn die Kirche anfangen würde, sich direkt in ein politisches Subjekt zu verwandeln, dann würde sie damit nicht mehr, sondern weniger tun für die Armen und die Gerechtigkeit. Sie verlöre ihre Unabhängigkeit und ihre moralische Autorität, wenn sie sich mit einem einzigen politischen Weg und mit Meinungen über die man streiten kann, identifiziere. Die Kirche sei Anwältin der Gerechtigkeit und der Armen, eben weil sie sich nicht mit den Politikern identifiziere, noch mit den Interessen der Parteien.

 

Es geht um einen grundlegenden Perspektivwechsel

Ist die "Option für die Armen" auch aus dem fortdauernden Ringen der lateinamerikanischen Kirche mit ihrer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit entstanden und zu verstehen - sie ist längst nicht mehr ihr "Sondergut", nicht allein ihr zentrales pastorales Kriterium. In Meddelín ging es doch zunächst darum, die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, vornehmlich die Kirchenkonstitution und die Pastoralkonstitution, in die Situation der lateinamerikanischen Länder umzusetzen.

Die Option für die Armen durchzieht schon die Bibel, vom Profeten Amos bis zum barmherzigen Samariter; sie gehört zur unaufgebbaren Sendung der Kirche. In seiner Enzyklika "Sollicitudo rei socialis" aus dem Jahr 1987 hat Johannes Paul II. die "Option für die Armen" aufgenommen und in der sozialethischen Tradition der Kirche verankert sowie festgeschrieben, dass diese Option sich nicht auf die individuelle Hilfe für die Armen beschränken darf, sondern dass es ebenso notwendig ist, die Strukturen zu verändern, die sich auf die Armen negativ auswirken.

So findet sich die "Option für die Armen" auch in dem so viel diskutierten Wirtschaftshirtenbrief der US-amerikanischen Bischöfe. Auch das vor zehn Jahren veröffentlichte gemeinsame Wort der beiden großen Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland hat die "Option für die Armen" selbstverständlich aufgenommen, als Gerechtigkeitskriterium neben der Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit: "In der Perspektive einer christlichen Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt" (Nr.107).

Nimmt man die viel beschworene "Lerngemeinschaft Weltkirche" ernst, darf die Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe durchaus zum Anlass genommen werden, danach zu fragen, wie es denn bei uns bestellt ist um die "Option für die Armen". Zumal diese Diskussion heute deutlich gelassener geführt werden kann, als zu Zeiten, da es noch darum ging, welches die angemessenen Gesellschaftstheorien sind, um die jesuanische Praxis des Teilens, der Solidarität und der Herrschaftskritik in heutige Verhältnisse umzusetzen.

Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen der gesellschaftlichen und kirchlichen Situation in Lateinamerika und in Deutschland. Aber beide Ortskirchen stehen vor der Aufgabe einer weitgehenden pastoralen Neuorientierung: Im Fall Lateinamerikas fordert beispielsweise das rasche Wachsen der Pfingstkirchen heraus. In Deutschland zwingt in nahezu allen Diözesen der dreifache Mangel an Priestern, Gläubigen und Geld zu weitgehenden personellen und organisatorischen Umstrukturierungen, die eine Auseinandersetzung über Ziel und Formen der Pastoral streng genommen unumgänglich machen.

Wer sind aber überhaupt die Armen, die wir nach dem Wort Jesu, immer bei uns haben werden? Und wie sinnvoll ist es von Armen zu sprechen? Nicht zuletzt bei der Diskussion der verschiedenen Armutsberichte in Deutschland wurde immer wieder versucht, die "relativ" Armen bei uns gegen die "absolut" Armen der Dritten Welt auszuspielen, mussten sich gerade kirchliche Gruppen und Organisationen vorwerfen lassen, mit ihrem Engagement für die hiesigen Armen die Lage "wirklicher" Armut anderswo zu trivialisieren.

Geht es also um das "Prekariat", die "Abgehängten", die "Modernisierungsverlierer"? Um die neue "Unterschicht" in Deutschland, deren hoffnungslose Lebenslagen vor etwa einem halben Jahr die Schlagzeilen beherrschten? Jene, die für sich die Hoffnung aufgegeben haben, an ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage je etwas ändern zu können, für sich selbst nicht und auch nicht für ihre Kinder, jene die schlicht die Regie über das eigene Leben verloren haben.

Der deutsche Caritasverband hat im Rahmen seiner jüngsten Satzungs- und Organisationsreform das "untere Drittel" der Gesellschaft als diejenigen benannt, für die man künftig Sorge und Anwaltschaft übernehmen wolle. Gerade die Caritasverbände begründen dabei ihre Kirchlichkeit mit der Option, in der Anwaltschaft für die Armen. Und gerade die Caritas musste sich bislang auch immer wieder vorhalten lassen, die Besitzstandswahrer und die Bremser bei den unausweichlichen Reformprozessen zu schützen, mit ihrem Dienst auch Hängemattenmentalitäten und Sozialmissbrauch zu fördern. Gleichermaßen aber musste sie sich auch gegen politische Vereinnahmungsversuche verwahren.

Wie sehr ist auch die Kirche herausgefordert, wenn der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auch in Deutschland dokumentiert? Wie lässt sich die "Option für die Ar-

 


327

men" positionieren innerhalb der gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzung über die verschiedenen Gerechtigkeitskonzepte, wenn "Verteilungsgerechtigkeit" gegen "Beteiligungsgerechtigkeit" und "Chancengleichheit" gegen "Befähigungsgerechtigkeit" stehen?

Ließen sich aber nicht auch in Deutschland die inflationären Appelle zur Neuevangelisierung in der Verbindung mit der "Option für die Armen" klarer und unmissverständlicher inhaltlich füllen? Schließlich soll es doch nicht um Restauration alter Kirchenbilder, nicht um schiere Rekrutierung gehen, sondern um unsere Sendung, damit alle, auch die Ausgegrenzten, Zukurzgekommenen und Marginalisierten ein "Leben in Fülle" haben.

"In unseren Breiten ist die Kirche meist zu stark an der bürgerlichen Mittelschicht orientiert, an deren Lebensgefühl, an deren Bedürfnissen", mahnte zum Abschied der Limburger Bischof Franz Kamphaus. "Evangelizare pauperibus" - "den Armen das Evangelium verkündigen" - lautete sein bischöflicher Wahlspruch. Manche Teile der Bevölkerung würden de facto exkommuniziert, aus dem kirchlichen und gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhang ausgeschlossen. Arme wie Hartz IV-Empfänger seien höchstens ein Fall für die Caritas. Und wer wollte bestreiten, dass die Sorge für sozial Schwache häufig allein der verbandlichen Caritas überlassen wird? Deren professionellen Standards, deren Fachlichkeit kann der Laie sowieso nicht genügen. Müssen wir uns also zuletzt grundlegend fragen, ob wir die Armen und ihre Realität überhaupt kennen, sehen und hören - so wie dies die lateinamerikanischen Bischöfe einst in Medellín taten?

 

Der Choral und der Schrei der Armen

In der Hinführung zum Wirtschafts- und Sozialwort fanden sich dazu bemerkenswerte Sätze: Die Kirchen hätten in dem der eigentlichen Abfassung des gemeinsamen Wortes vorangegangenen Konsultationsprozess vor allem eines gelernt: "Es gibt innerhalb der Kirche zwar eine hohe Sensibilität für ihren Dienst an der Gesellschaft und eine Fülle beeindruckender Aktivitäten, aber auch nicht wenige Gemeinden und Christen, die in besorgniserregender Weise selbstbezogen sind und den Vorgängen in der Gesellschaft zu wenig Aufmerksamkeit schenken" (Nr 46). Dass das Eintreten für Solidarität und Gerechtigkeit unabdingbar zur Bezeugung des Evangeliums gehöre und im Gottesdienst nicht nur der Choral, sondern auch der Schrei der Armen seinen Platz haben müsse, dass Mystik, also Gottesbegegnung, und Politik, also Dienst an der Gesellschaft zusammengehören, das alles sei im Konsultationsprozess nachdrücklich hervorgetreten.

Im offiziellen Pressebericht zur Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 1997 wurde mit Blick auf das Wirtschafts- und Sozialwort die Selbstkritik noch schärfer formuliert: "Es geht um eine Art neuer Bekehrung unserer Gemeinden und von uns selbst zur Diakonie."

Wie weit aber sind wir mit diesem Bekehrungsprozess geraten? Boshaft könnte man sagen, der Kirche ist nun eben in den letzten Jahren etwas dazwischen gekommen. Wer hatte schon vor zehn Jahren mit dieser Finanzkrise rechnen können. Nun gilt es also zunächst das eigene Haus zu bestellen: pastorale Umstrukturierung, Konzentration auf das Kerngeschäft, welche Gemeinde behält noch ihren eigenen Pfarrer, wo finden die Gottesdienste in der Seelsorgeeinheit XY statt?

Wo heute über die rechte Feier der Liturgie gestritten und diskutiert wird, geht es um die Schönheit des Gottesdienstes, um mangelndes ästhetisches Gespür und grassierende Stillosigkeit, schamlose Experimentierfreude. Die Sorge um den Choral scheint derzeit deutlich ausgeprägter als die Aufmerksamkeit für den Schrei der Armen (vgl. ds. Heft, 362 ff.).

Dennoch würde man Diözesen und Gemeinden nicht gerecht, beließe man es bei solcher Negativbilanz. So hat man in den meisten Diözesen bei all den Sparmaßnahmen beispielsweise versucht, mit Blick auf die Armen im Süden die "Weltkirchen-Töpfe" zu schonen, stellen die treuen Spender den kirchlichen Werken immer noch enorme Summen für deren Dienst an den Armen zur Verfügung. Nach wie vor sind viele Ehrenamtliche in ihren Gemeinden gerade im diakonischen Bereich engagiert, in Besuchsdiensten, Hospizgruppen, Telefonseelsorge. Immer wieder bestätigen Umfragen, dass wo die Kirche in der Gesellschaft noch über hohes Ansehen oder Vertrauen verfügt, dies mit ihrer diakonischen Präsenz begründet wird; so rangiert meist auch die kirchliche Caritas deutlich vor der Kirche als ganzer. Ganz unverdient wird dieses Image nicht sein. Für einen Gutteil der Kirchensteuerzahler rechtfertigt vor allem das soziale Engagement der Kirche den Beitrag.

Von außen oftmals noch höher geschätzt als in den eigenen Reihen kümmern sich gerade kirchliche Gruppen um Migranten, junge und alte, üben aber auch die Bischöfe beispielsweise Anwaltschaft für die so genannten Illegalen im Land und treten damit für die Würde auch derer ein, die quasi rechtlos sind. Es ließe sich fortfahren mit den vielen kirchlichen Arbeitsloseninitiativen, dem Engagement in der Jugendhilfe. So haben sich einige Bistümer trotz des verordneten "Downsizings" beispielsweise bewusst für den Erhalt der eigenen Kindertagesstätten entschieden.

Einiges von dem geschieht selbstredend eingebunden in öffentliche, staatliche Strukturen, refinanziert durch öffentliche Kassen und mit hohem bürokratischen Aufwand. Vieles geschieht auch selbstverständlich, unreflektiert, weil es immer so war, weil Kirche eben so etwas macht. Eine Neuverständigung auf die "Option der Kirche in Deutschland für die Armen" würde nicht nur Klarheit und Transparenz nach innen wie nach außen schaffen. Sie könnte wahrscheinlich auch für einige zumindest zum Bekehrungserlebnis werden, durchaus auch eine bescheidene missionarischen Wirkung entfalten.

 

Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'