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Georg Evers {*}

Hoffnungsvolles Signal

Der Brief Benedikts XVI. an die chinesischen Katholiken

 

Aus: Herder Korrespondenz, 8/2007, S. 408 - 413

 

    Der lange erwartete Brief des Papstes an die chinesischen Katholiken wurde vor einigen Wochen veröffentlicht. Er enthält sich jeder Polemik und lotet die Spielräume für die katholische Kirche in der Volksrepublik China aus. Aber noch ist keine Lösung in den zwischen Rom und Beijing strittigen Fragen in Sicht.

 

Außerhalb der VR China hat der Brief Benedikts XVI. vom 29. Juni an die Katholiken in China sowohl in der kirchlichen als auch in der säkularen Presse große Beachtung gefunden. Die Reaktionen in der VR China selber sind dagegen wesentlich spärlicher ausgefallen. Dort war der Papstbrief nur kurze Zeit im Internet erreichbar, bis er von staatlichen Behörden blockiert wurde. Seitens der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung wurde eine Veröffentlichung abgelehnt. Staatlicherseits gab es nur einen kurzen Kommentar von einem Sprecher des chinesischen Außenministeriums, der vorsichtig Zustimmung zur Gesprächseinladung seitens des Vatikans signalisierte, ansonsten aber bei der floskelhaften Wiederholung der bekannten alten Forderungen blieb.

Die Berichterstattung ausländischer Medien über die Religionspolitik in der VR China kann leicht den Eindruck vermitteln, als ob in China die Religionen immer noch verfolgt und unterdrückt würden. Die Einseitigkeit, die manche politischen und auch kirchlichen Stellen im Hinblick auf die religiöse Situation in China an den Tag legen, wird dann wieder von den Religionsbehörden und den religiösen Organisationen im Lande beklagt, die ihrerseits darauf hinweisen, dass die von der Verfassung garantierte Religionsfreiheit auch tatsächlich ausgeübt und praktiziert werden kann.

Generell verzeichnen alle Religionsgemeinschaften in China ein ständiges Wachstum. Die statistischen Angaben seitens der staatlichen Religionsbehörde sind nicht genau und tendieren dahin, die Zahl der Anhänger von Religionsgemeinschaften herunterzurechnen. Ausländische Stellen mögen die gegenteilige Tendenz haben, aber es ist doch wohl inzwischen übereinstimmende Meinung unter Chinas Beobachtern, dass die Zahl der Religionsangehörigen bis zu dreimal höher liegt als offiziell angegeben wird.

Nach einer Umfrage, die von der Ostchinesischen Universität in Shanghai unter 4500 Personen durchgeführt wurde und deren Ergebnis auch von "China Daily", der offiziösen englischsprachigen Tageszeitung, im Februar 2007 veröffentlicht wurde, entfallen auf die vom Staat anerkannten Religionen Buddhismus, Daoismus, katholische und protestantische Kirche und Islam 67 Prozent der religiös Gläubigen, während die eigentlich nicht anerkannten traditionellen chinesischen Religionen fast ein Drittel der sich als religiös verstehenden Chinesen zu Mitgliedern haben. Auffallend ist auch, dass der Anteil der 16- bis 39-Jährigen, die sich als religiös verstehen, mit 62 Prozent erstaunlich hoch liegt.

Die staatliche Religionsbehörde (SARA) legt großen Wert darauf, die internationalen Verbindungen der in China offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften herauszustellen. Das umso mehr, als sie sich an einer Reihe von internationalen Kongressen

 


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und Veranstaltungen organisatorisch und inhaltlich beteiligt. Im Jahr 2006 hat beispielsweise die Buddhistische Vereinigung Chinas zusammen mit der vom Staat gegründeten Chinesischen Religions- und Kulturvereinigung das Erste Buddhistische Weltforum in Hangzhou und Zhoushan ausgerichtet, an dem Vertreter aus 37 Ländern teilnahmen. Die Chinesische Daoistische Gesellschaft organisierte im April 2007 eine internationale Konferenz über das Daodejing, die wiederum von vielen ausländischen Teilnehmern besucht wurde.

Fast 10.000 chinesische Muslime hatten 2006 die Gelegenheit, zur Hadsch nach Mekka zu reisen. Der Chinesische Christenrat, die offizielle Vertretung der Protestanten in der VR China, hat 2006 eine Bibelausstellung in drei amerikanischen Großstädten ausgerichtet. Dieselbe Bibelausstellung wurde auch beim Evangelischen Kirchentag in Köln im Juni dieses Jahres gezeigt.

Es gibt allerdings auch immer wieder Berichte über Aktionen der Polizei und anderer staatlicher Stellen, bei denen die Behörden mit Verhaftungen und Zerstörungen von Gebäuden gegen religiöse Aktivitäten, die ohne offizielle Zustimmung stattfanden, vorgegangen sind. Besonders betroffen sind immer wieder Katholiken und Protestanten, die sich der Zusammenarbeit mit den Behörden verweigern. Kurz vor der Veröffentlichung des Papstbriefes an die chinesischen Katholiken machte die Ankündigung, dass die Behörden das Marienheiligtum in Tianjiajing in der Provinz Henan zu sprengen beabsichtigten, wieder einmal deutlich, dass die Verantwortlichen für die Religionspolitik in der VR China nicht unbedingt eine einheitliche Linie verfolgen.

 

Vatikanische China-Konferenz im Vorfeld des Papstbriefs

Hintergrund der Initiative, eine besondere Konferenz zu China im Vatikan im Januar 2007 abzuhalten, war die Stagnation in den Gesprächen zwischen dem Vatikan und der Regierung in Beijing, die 2006 nach den Bischofsweihen in Anhui, Kunming und Yuzhou, bei denen drei Bischöfe ohne Zustimmung des Papstes geweiht worden waren, eingetreten war. Um aus diesem Engpass herauszukommen und neue Wege für eine Verständigung zu finden, fand vom 18. bis 20. Januar im Vatikan ein Treffen statt, bei dem 20 kirchliche Vertreter aus Taiwan, Hongkong und Macau mit Vertretern vatikanischer Dikasterien zusammenkamen.

Die ranghöchsten Vertreter bei diesem Treffen, das unter der Leitung von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone stand, waren auf vatikanischer Seite die Kardinäle Ivan Dias von der Propaganda. William Levada von der Glaubenskongregation und Julian Herranz vom Päpstlichen Rat für juristische Texte, sowie Erzbischof Claudio Maria Celli als ausgewiesener Chinafachmann. Als Vertreter chinesischer Kirchen waren Kardinal Paul Shan aus Taiwan, Kardinal Joseph Zen und Bischof John Tong aus Hongkong eingeladen. Das Treffen hatte den Zweck, dem Papst und vatikanischen Stellen umfassende Informationen zu vermitteln, um ein besseres Verständnis der Lage der katholischen Kirche im Hinblick auf eine langfristige Strategie zu einer Normalisierung der Situation zu gewinnen.

Am Ende wurde angekündigt, dass Benedikt XVI. sich mit einem Hirtenbrief an die Katholiken in der VR China wenden werde. Zugleich wurde im offiziellen Pressekommuniqué der Wunsch geäußert, "in einem respektvollen und konstruktiven Dialog die Missverständnisse aus der Vergangenheit abzubauen" und sich um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Beijing bemühen zu wollen, um "zusammen für das Wohl des chinesischen Volkes und den Frieden in der Welt arbeiten zu können."

Die Reaktionen auf das Treffen in Rom waren sowohl aus Kreisen der offiziellen Kirche aber auch aus dem Untergrund im allgemeinen positiv. Der versöhnliche Ton der Presseerklärung wurde von chinesischen Regierungsstellen begrüßt und als Zeichen gesehen, dass in Rom ernsthaft an einer Lösung der bestehenden Probleme gearbeitet werde. Über den Termin der Veröffentlichung des Papstbriefes und noch mehr über seinen potentiellen Inhalt gab es danach viele Spekulationen.

Am Pfingstsonntag, den 27. Mai, hat Benedikt XVI. den Brief an die Katholiken in China unterzeichnet und zur Übersetzung in verschiedene Sprachen freigegeben. Zehn Tage vor der offiziellen Veröffentlichung wurde der Text vorab den chinesischen Behörden zur Kenntnis gebracht. Nur drei Tage vor der Veröffentlichung wurden Bischöfe, Priester und Laienvertreter der "offiziellen" Kirche zu einem zweitägigen Treffen vom 27. bis 28. Juni nach Beijing eingeladen.

Nach Aussagen des Stellvertretenden Vorsitzenden der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung, Liu Bainian, galt das Treffen in Beijing allein der Vorbereitung des 50-jährigen Jubiläums der Gründung der Patriotischen Vereinigung im Jahr 1957. Liu Bainian, der gegenwärtig so etwas wie die Rolle eines offiziellen Sprechers für die Katholische Kirche in China ausübt, wandte sich gegen Spekulationen, dass das Treffen sich auch mit dem bevorstehenden Papstbrief befasst hätte. Allerdings war der bevorstehende Brief des Papstes dann doch Gesprächsgegenstand. Vertreter der Vereinigten Front Abteilung und der staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten (SARA) wiesen die Teilnehmer an, den Brief des Papstes, ganz gleich wie der Inhalt auch sein möge, mit Ruhe aufzunehmen.

Der Grundton des Papstbriefes an die Katholiken Chinas, der am 29. Juni 2007 zusammen mit einer "Erklärenden Note" auf

 


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Italienisch, Englisch und Chinesisch (in langen und vereinfachten Zeichen) veröffentlicht wurde, ist das Bemühen, alles zu tun, um zu einer Verbesserung des gegenseitigen Verhältnisses zu kommen und alle polemischen Äußerungen zu vermeiden, die diesem Ziel entgegenstehen könnten. Im Bewusstsein seiner Sendung als "Nachfolger Petri" und "universaler Hirte der Kirche" möchte der Papst auf einige besorgniserregende Entwicklungen des kirchlichen Lebens in China eingehen und grundlegende Weisungen für die Aufgabe der Evangelisierung geben.

Im Blicke auf die gegenwärtige Situation der Kirche in China im Zeitalter der Globalisierung hebt der Brief Benedikts XVI. zwei Aspekte heraus. Auf der einen Seite gebe es in der chinesischen Gesellschaft ein starkes Interesse an der spirituellen und transzendenten Dimension der menschlichen Existenz, das sich in der Suche nach Spiritualität und Religion in Sonderheit für das Christentum zeige. Dem entgegen stehe, ausgelöst durch die wirtschaftliche Entwicklung, ein gegenläufiger Trend, der sich in Materialismus und Hedonismus äußere.

Die Kirche in China wird aufgerufen, Formen einer "neuen Evangelisierung" zu entwickeln, um das Evangelium den Chinesen von heute nahezubringen. Im ersten, theologischen Hauptteil des Briefes lobt der Papst ausdrücklich die Treue und das Glaubenszeugnis der chinesischen Christen in den schwierigen Zeiten der Verfolgung. Er äußert die Hoffnung, dass sich das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und der VR China durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen normalisieren werde. Die Kirche habe keinerlei politische Ziele und sei auf kein politisches System festgelegt. Die Katholiken in China verfolgten daher keineswegs das Ziel, die politischen Verhältnisse im Lande zu verändern. Ein andauernder Konflikt mit den legitimen zivilen Autoritäten schade beiden Seiten und könne keine Lösung bringen.

 


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Vielmehr sollten die Katholiken als gute Bürger aktiv zum Wohl des Gemeinwesens beitragen. Mit Blick auf die Kirche wird die Aufgabe der Bischöfe herausgestellt, in Gemeinschaft mit dem Papst die Einheit der Weltkirche in spiritueller Weise zu garantieren. Gegenwärtig sei in der Kirche Chinas die Einheit durch innere Spannungen und Streitigkeiten bedroht, die Fragen der Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen und die offizielle Anerkennung kirchlicher Einrichtungen und Personen seitens des Staates beträfen.

Eindeutig wird die Eigenständigkeit der Kirche herausgestellt und werden die Versuche von Gruppen außerhalb der Kirche, sich über die Bischöfe zu stellen und Weisungen in kirchlichen Fragen zu geben, verurteilt. Mit großer Bestimmtheit wird festgehalten, dass die von der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung in ihren Statuten vertretenen "Prinzipien von Unabhängigkeit und Autonomie, von Selbstverwaltung und demokratischer Verwaltung der Kirche" mit der kirchlichen Lehre unvereinbar seien. Die Fußnote, in der sich der Beleg für diese Aussage findet, ist die einzige Stelle, an der die Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung namentlich erwähnt wird.

Bei der Behandlung der delikaten Frage der offiziellen Anerkennung religiöser Einrichtungen und Handlungen durch die staatlichen Stellen zeigt der Papst großes Fingerspitzengefühl: Die mit der Anerkennung seitens des Staates verbundenen Auflagen zwängen die Katholiken oft Haltungen einzunehmen und Verpflichtungen einzugehen, die ihr Gewissen belasteten. Der Heilige Stuhl lege in dieser schwierigen Frage, die stark von den örtlichen Gegebenheiten bestimmt sei, die Entscheidung in die Hand des jeweiligen Ortsbischofs. Bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kirche solle alles getan werden, gegenseitige Beschuldigungen und Verurteilungen zu vermeiden. Eindringlich ergeht hier ein Mahnung an alle Katholiken und vor allem an kirchliche Führungspersonen in China, sich um Versöhnung und innere Einheit zu bemühen.

Sehr hilfreich und schon lange erwartet sind die klaren Aussagen zum kirchenrechtlichen Status von Bischöfen, deren Weihe ohne Zustimmung des Papstes erfolgte. Generell wird festgehalten, dass deren Weihe zwar "unerlaubt", aber gültig sei. Begrüßt wird, dass die große Mehrzahl dieser Bischöfe inzwischen sich um eine Legitimierung ihrer Weihe und Einheit mit dem Papst bemüht hätten. Diese Bischöfe werden vorsichtig ermahnt, ihre Anerkennung seitens des Papstes gegenüber den Gläubigen und der Gesellschaft auch entsprechend öffentlich kenntlich zu machen.

Ausdrücklich wird erlaubt, mit diesen in die Einheit der Kirche zurückgekehrten Bischöfen liturgische Gemeinschaft zu halten. Bei den wenigen Bischöfen, die weiterhin ohne päpstliche Anerkennung seien, müsse darauf geachtet werden, ob sie grundlegende Lehren der Kirche in Frage stellten oder nicht, um im Einzelfall über den Umgang mit ihnen zu entscheiden. Im Hinblick auf die gegenwärtig ausschließlich aus staatlich offiziell anerkannten Bischöfen bestehende Chinesische Bischofskonferenz wird festgehalten, dass diese, solange nicht auch die Untergrundbischöfe Mitglieder seien sowie einige den kirchlichen Lehren widersprechende Statuten nicht geändert würden, vom Apostolischen Stuhl nicht anerkannt werden könne.

 

Die bisherigen Sondervollmachten werden aufgehoben

Die nachfolgenden pastoralen Leitlinien enthalten Aussagen über die Verantwortung der Bischöfe und suchen die Stellung der Bischöfe zu stärken, indem das Prinzip "nichts ohne den Bischof" als Leitlinie in Erinnerung gerufen wird. Um bestehende Unklarheiten zu beseitigen, wird eindeutig festgehalten, dass einer sakramentalen Gemeinschaft zwischen Bischöfen und Priestern aus der offiziellen und der Untergrundkirche nichts mehr im Wege stehe und konsequenterweise die Laien in allen Kirchen die Sakramente empfangen könnten.

Bei den Schlussfolgerungen ist die Aufhebung aller bisherigen Sondervollmachten und pastoralen Weisungen von größter Bedeutung. Bei den hier gemeinten Dokumenten geht es beispielsweise um die vom damaligen Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung, Agnelo Rossi, 1981 erlassenen Sondervollmachten für Bischofsweihen und die "Acht Punkte", die Kardinal Jozef Tomko als Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung 1988 veröffentlicht hatte und in denen die Sakramentengemeinschaft mit Priestern aus der offiziellen Kirche verboten wurde.

Die Aufhebung dieser Richtlinien und Sondervollmachten sollte dazu beitragen, die bestehenden Spaltungen zu überwinden und die innere Einheit der Katholiken in China zu stärken. Um die Anliegen der Katholiken Chinas stärker in das Interesse der Gesamtkirche zu bringen, empfiehlt der Papst am Ende des Briefes die Abhaltung eines weltweiten speziellen Gebetstages für die Kirche in China, der jährlich am 24. Mai, dem Gedenktag "Unserer Lieben Frau - Hilfe der Christen", die am Wallfahrtsort Sheshan bei Shanghai verehrt wird, gehalten werden soll.

Die erste offizielle Reaktion des chinesischen Außenministeriums nach dem Erscheinen des Briefes war knapp gehalten. Begrüßt wurde, dass seitens des Vatikans der Wunsch nach Dialog und Aufnahme diplomatischer Beziehungen geäußert werde. Der Sprecher des Ministeriums, Qin Gang, drückte die Hoffnung aus, dass die vatikanische Seite konkrete Maßnahmen ergreifen und keine neuen Barrieren errichten möge. Aber dann folgte doch nur die etwas hilflos wirkende Wiederholung der stereotyp immer wieder gleichen zwei Forderungen, die man schon als eine Art "Mantra" ansehen muss, nämlich: Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Taiwan und keine Einmischung in innere Angelegenheiten Chinas.

Der stellvertretende Vorsitzende der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung, Liu Bainian, erklärte direkt nach der Veröffentlichung des Papstbriefes, dass seine Organi-

 


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sation die Verbreitung des Briefes nicht übernehmen werde. Schließlich könnten sich die Interessierten den Text aus dem Internet herunterladen. Aber gerade dies scheinen die staatlichen Aufsichtsbehörden verhindern zu wollen, da sie Betreiber katholischer Web-Seiten anwiesen, den Text von ihren Seiten zu entfernen. Auch die Webseite des Vatikans war in der VR China nicht mehr erreichbar.

Nach der ersten Lektüre des Briefes äußerte sich Liu Bainian dann vorsichtig positiv zum Tenor des Briefes, der deutlich mache, dass der Papst Liebe und Achtung für die Kirche in China zeige und sich damit wesentlich von anderen Texten unterscheide, die in der Vergangenheit aus Rom gekommen seien. In einem späteren Interview mit UCAN, der katholischen Nachrichtenorganisation in Asien, schlägt Liu Bainian allerdings deutlich schärfere und ablehnende Töne an. Herausfordernd trotzig erklärt er, dass die Praxis, "Bischöfe selbst zu wählen und zu weihen", auch in Zukunft solange fortgesetzt werde, bis es zu einem Abkommen zwischen dem Vatikan und Beijing gekommen sei.

 

Die künftige Rolle der Patriotischen Vereinigung

Dass es sich bei dieser Ankündigung nicht um eine leere Drohung handelte, wurde deutlich, als am 16. Juli 2007 von einer Versammlung von 50 Priestern, 20 Nonnen und 30 Laien der Priester Joseph Li Shan zum Bischof von Beijing als Nachfolger von Bischof Fu Tieshan gewählt wurde. Die Wahl muss noch von der Chinesischen Bischofskonferenz gebilligt werden, was aber nur eine Formalität darstellt. Bedeutsamer wird sein, wie seitens des Vatikan diese Herausforderung so kurz nach dem Brief des Papstes gewichtet werden wird.

Mit Blick auf die Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung (CCPA), deren Prinzipien einer "unabhängigen, autonomen und sich selbst demokratisch verwaltenden Kirche" im Brief des Papstes ausdrücklich als "unvereinbar mit der katholischen Kirche" zurückgewiesen worden waren, hält Liu Bainian daran fest, dass die Patriotische Vereinigung ihre historische Aufgabe noch nicht erfüllt habe. Sie stelle sich keineswegs über die Bischöfe, denn die Verwaltung der Sakramente bleibe ausschließliche Aufgabe der Bischöfe und Priester. Einzige Aufgabe der Patriotischen Vereinigung sei es, als Mittler zwischen Kirche und Staat zu wirken. Dadurch trage sie dazu bei, dass die Regierung die katholische Kirche besser verstehen könne.

Diese Erklärung über die Aufgabe der Patriotischen Vereinigung ist mit der Rolle, die sie tatsächlich in der katholischen Kirche Chinas gespielt hat und spielt, nicht zu vereinbaren. Schließlich haben ihre Vertreter, nicht zuletzt Liu Bainian selber, immer wieder Druck auf Bischöfe ausgeübt, bestimmte Kandidaten gegen ihren Willen zu Bischöfen zu weihen und auch sonst in kirchliche Aufgaben direktiv eingegriffen. Für die Patriotische Vereinigung kommt die Veröffentlichung des Papstbriefes zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, befindet sie sich doch mitten in der Vorbereitung der Jubiläumsfeiern zu ihrem 50-jährigen Bestehen.

Die klare Verurteilung ihrer Grundprinzipien einer "unabhängigen, autonomen Kirche in Selbstverwaltung und mit demokratischer Verwaltung" stellt das Selbstverständnis dieser Organisation grundsätzlich in Frage. Es muss den Verantwortlichen in der Patriotischen Vereinigung spätestens jetzt deutlich sein, dass bei einer eventuellen Verständigung zwischen Rom und Beijing für sie in Zukunft kein Platz sein kann.

Schon lange ist der Posten des Vorsitzenden der chinesischen Bischofskonferenz vakant, den bis zu seinem Tod Bischof Fu Tieshan von Beijing neben seiner Funktion als Präsidenten der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung stellvertretend innehatte. Es ist bedauerlich, dass die katholische Kirche in China damit gegenwärtig keine profilierten Bischöfe in Führungspositionen hat. Sie hat im Zeitraum eines Jahres drei bedeutende Bischöfe durch den Tod verloren. Am 20. April 2007 starb Michael Fu Tieshan im Alter von 76 Jahren, der am 21. Dezember 1979 als erster Bischof nach dem Ende der Kulturrevolution (1966-1976) ohne Zustimmung des Papstes zum Bischof von Beijing geweiht worden war.

Wegen seiner politischen Funktionen als stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Komitees des Volkskongresses des chinesischen Parlaments und der Chinesischen Vereinigung für internationale Verständigung wurde er vielfach kritisiert. Nach seinem Tod wurde Bischof Fu mit einem Staatsbegräbnis geehrt, bei dem die höchsten Persönlichkeiten des Staates, angefangen von Präsident Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jibao anwesend waren und ihn als patriotischen religiösen Führer und engen Freund der kommunistischen Partei Chinas würdigten.

Fu Tieshan war keine starke Persönlichkeit und auf weite Strecken ein williges Werkzeug in der Hand der Machthaber, die ihn dahin manipulierten, Positionen und Erklärungen abzugeben, die ganz auf der Parteilinie lagen. Auf der Habenseite bleibt der Beitrag, den er für den Aufbau der Diözese Beijing mit Schwerpunkt auf die Priesterausbildung geleistet hat.

Von anderem Kaliber war Bischof Li Duan von Xian, der am 25. Mai 2006 gestorben ist. Wegen seines klaren Bekenntnisses zur Einheit mit dem Papst und seiner Standfestigkeit im Eintreten für katholische Prinzipien galt er den Behörden als unbequeme Persönlichkeit. 1987 wurde er zum Bischof der Diözese Xian geweiht. Sein Hauptanliegen war die Ausbildung der Priester, für die er ein Großes und ein Kleines Seminar baute, die Schwesternausbildung und sehr gezielt auch die Ausbildung von Laien in verschiedenen Disziplinen. So hat er viele Studenten nach Deutschland geschickt, die mit Stipendien des Katholischen Akademischen Ausländerdienstes (KAAD) hier ihre Ausbildung erhielten.

Geschickt hat es Bischof Li Duan verstanden, in seiner Diözese mit der Gründung eines Sozialzentrums Projekte katholischer Sozialarbeit wie kleine Kliniken und Ambulanzen zu initiie-

 


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ren. Li Duan gehörte zu den vier Bischöfen, die im September 2005 vom Papst zur Bischofssynode nach Rom eingeladen wurden.

Am 12. Mai 2007 starb in Wuhan Bischof Bernardin Dong Guanggjing im Alter von 90 Jahren, der 1958 einer von den beiden ersten Priestern war, die gegen den ausdrücklichen Willen des damaligen Papstes Pius XII. zu Bischöfen geweiht wurden. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Religionsstellen hat Bischof Dong nicht davor bewahrt, während der Kulturrevolution verfolgt zu werden. Für zehn Jahre wurde er zur Zwangsarbeit verurteilt. Mit dem Beginn der Reformpolitik unter Deng Xiaoping konnte Bischof Dong in sein Bistum Wuhan wieder zurückkehren. 1984 wurde er von Johannes Paul II. wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen.

Erste Stimmen aus der Untergrundkirche begrüßten den Papstbrief. Einige äußerten sich auch positiv zur Abschaffung aller bisherigen Sonderregelungen und Anordnungen, weil damit Klarheit und die Möglichkeit eines Neuanfangs gegeben sei. Kardinal Joseph Zen von Hongkong sprach von einer "bewundernswerten Ausgeglichenheit zwischen Klarheit in den Prinzipien und der Höflichkeit des Ausdrucks", die den Papstbrief auszeichneten. Jeroom Heyndrickx, langjähriger Leiter der Verbiest-Stiftung in Löwen, nennt den Papstbrief ein "historisches Dokument", das entscheidend zur Klärung der innerkirchlichen Situation in der katholischen Kirche in China beitrage und wichtige Anstöße für eine Normalisierung der Beziehungen zur chinesischen Regierung gebe.

Der Papstbrief an die chinesischen Katholiken ist von ganz besonderer Art und kann wohl ohne Übertreibung als ein historisches Dokument für die Katholische Kirche in China bezeichnet werden. Anders als bisherige Erklärungen aus Rom vermeidet der Papst jede Anklage gegen die kommunistische Partei oder die Regierung Chinas. Im Gegenteil, der Papst erkennt an, dass sich die Situation im Hinblick auf die Religionsfreiheit in den letzten Jahren verbessert habe. Die Klarheit der Analyse der bestehenden kirchlichen Verhältnisse, die sich in diesem Brief findet, bleibt trotz des Aufzeigens der negativen und aus der kirchlichen Lehrtradition inakzeptablen Punkte, geprägt von einem Geist des Dialogs.

Die Aufhebung aller bisherigen Weisungen im Hinblick auf die Anerkennung von illegitimen Bischofsweihen und auf die Sakramenten- und Kirchengemeinschaft schafft klare Verhältnisse. Es wird abzuwarten sein, wie Bischöfe, Priester und Gläubige aus der "Untergrundkirche" darauf reagieren werden. Für sie ist die jetzt getroffene klare Weisung jedenfalls ein harter Brocken, da sie in der Vergangenheit in der großen Mehrzahl jede liturgische Gemeinschaft mit staatlich anerkannten Bischöfen und Priestern aus theologischen und kanonischen Gründen gemieden haben. Die vom Papst jetzt gegebenen Weisungen sollten dazu beitragen, die innere Einheit unter den Katholiken in China zu stärken. In aller Klarheit hält der Papst daran fest, dass es nur eine katholische Kirche in China gibt und dass nur die Gesamtheit aller Bischöfe, ganz gleich ob staatlicherseits offiziell anerkannt oder nicht, eine chinesische Bischofskonferenz bilden könne.

 

    Georg Evers (geb. 1936), promovierte bei Karl Rahner über Theologie der Religionen. Von 1979-2001 war er Asienreferent im Missionswissenschaftlichen Institut Missio (Aachen). In dieser Eigenschaft unternahm er zahlreiche Reisen in asiatische Länger und wirkte bei wichtigen theologischen Konferenzen im Rahmen der Vereinigung Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) mit. Zahlreiche Veröffentlichungen zum interreligiösen Dialog und zur Theologie der Mission.

 

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