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Michael Sievernich SJ

Multikulturalismus am Ende

English Version

 

Aus: Stimmen der Zeit, Heft 1, 2006

 

In der jüngeren Vergangenheit bildete der Multikulturalismus eine Facette jenes politischen Zeitgeistes, der sich an weltoffener Toleranz nicht übertreffen lassen wollte, allerdings um den Preis der Geringschätzung oder gar Diskreditierung der eingenen kulturellen und religiösen Tradition. Daß Menschen unterschiedlicher soziokultureller Prägung in der Gesellschaft friedlich zusammenleben (müssen), ist eine Selbstverständlichkeit, die in einer Stadt wie Frankfurt am Main mit 25 Prozent Ausländeranteil auch selbstverständlich gelebt wird. Wenn der Multikulturalismus jedoch normativ die Gleichheit aller vertretenen Kulturen behauptet, die keiner hegemonialen "Leitkultur" eingeordnet werden dürften, dann stellt dieser prinzipielle Relativismus nicht nur Grundwerte der europäischen Kernkultur zur Disposition, sondern behindert auch nötige Assimilationsprozesse. Das faktische Nebeneinander wird derart mit konkurrierenden Geltungsansprüchen aufgeladen, daß die ideologische Versteinerung der Differenz die Bildung von Parallelgesellschaften begünstigt und wechselseitig flexible Synthesen von Eigenem und Fremdem behindert. Dieser Prozeß trifft weniger diejenigen, die durch Sprachkenntnis, Bildung, Fleiß oder unternehmerischen Erfolg zu kulturellen Grenzgängern wurden und sich integrieren können, sondern vor allem jene, die Mangel an Bildung und Ausbildung, an Arbeit und Initiative, an Sprachvermögen und Erfolg in ihren Ghettos festhält und der Verführung durch Gewaltbereitschaft und Haß auf die umgebende Kultur aussetzt.

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts scheint der Multikulturalismus seinen Zenit überschritten zu haben und einer neuen kulturellen Nachdenklichkeit Platz zu machen. Dazu nötigen Ereignisse, welche bisherige multikulturelle Konzepte fragwürdig erscheinen lassen. Vorläufiger Endpunkt dieser Entwicklungen waren die Ausbrüche von Gewalt in den Trabantenstädten von Paris und anderer französischer Städte, als jugendliche Gewalttäter nicht nur Tausende von Autos ihrer Nachbarn abfackelten, sondern auch ihre eigenen Schulen, Sozialeinrichtungen und Läden mit vorgefertigten Brandsätzen in Flammen aufgehen ließen. Dabei wurde offenbar, daß gesetzliche Maßnahmen wie Notstandsverordnungen und polizeiliche wie Patrouillen und Verhaftungen zwar mit Mühe die äußerliche Ordnung wieder herstellen können, ohne indes die Probleme jenes angestauten Hasses zu lösen, den der französische Philosoph André Glucksmann auf den grassierenden Nihilismus zurückführt, der sich auch im Nein zur Europäischen Verfassung niederschlage.

Daß in Frankreich nach demographischen Schätzungen etwa vier Millionen Muslime meist nordafrikanischer Herkunft leben und acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, geht auf die koloniale Vergangenheit des Landes zurück. In Deutschland, wo man mit etwa vier Prozent muslimer Bevölkerung rechnet, stellt sich die Lage historisch anders da. Vor 50 Jahren, im Dezember 1955, schloß die Bundesrepublik Deutschland den ersten Anwerbevertrag mit Italien, um den Arbeitskräftemangel zu beheben. Bis zum Anwerbestopp 1973 folgten weitere Verträge mit Griechenland, Spanien, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und dem ehemaligen Jugoslawien. Diese Einwanderung ging nicht auf koloniales Erbe zurück, sondern folgte der Arbeitsmarktlage und markiert den Beginn moderner Arbeitsimigration. Es war, nach einem Wort von Georg Simmel, nicht der Fremde, der heute kommt und morgen geht, sondern der Fremde, "der heute kommt und morgen bleibt". Daß dieses Bleiben zum Teil gelingen konnte, geht nicht zuletzt auf das Bemühen der katholischen Kirche zurück, die einen erheblichen Anteil an der Integration der ausländischen "Gastarbeiter" vor allem aus Italien, Spanien, Jugoslawien und Portugal leistete. Da es in der Kirche keine Ausländer gibt, stellte sie Seelsorger zur Verfügung, organisierte karitative Hilfestellung und gründete muttersprachliche Gemeinden, die oft bis heute existieren.

Die europäische Kernkultur, an der bei aller Vielfalt die Länder dieses Kontinents teilhaben, ist selbst aus einer Pluralität zusammengewachsen und umfaßt die Botschaft der vier Hügel: das Erbe des Judentums (Sinai), das christliche Evangelium vom Heil in Christus (Golgota), das griechische Denken (Areopag) und das römische Recht (Kapitol). Dieses Amalgam kultureller und religiöser Traditionen bildet - nach langen und leidvollen Erfahrungen - jene Kernkultur, in der Personwürde und Menschenrechte durch die Herrschaft des für alle geltenden Rechts geschützt werden, aber auch die Prinzipien eines gedeihlichen Miteinanders formuliert wurden: von der Monogamie, die durch Konsens der Partner zustandekommt, bis zur dialogischen Konvivenz der Religionen und zur toleranten Anerkennung des Anderen, soweit dessen Kultur mit dem Recht und den basalen Grundwerten kompatibel ist.

Zum europäischen Orientierungswissen gehört die Einsicht, daß der fremde Andere nicht nur ein besonderes Schutzrecht genießt (Ex 22,20), sondern aufgrund der schöpfungsmäßigen Einheit des Menschengeschlechtes die gleiche Würde besitzt. Durch die Anerkennung des Anderen als ebenbürtigem Geschöpf bleibt zwar die Differenz zwischen Griechen und Juden, Sklaven und Freien, Männern und Frauen bestehen, wird aber zugleich "in Christus" überstiegen (Gal 3,28). Der beste Beitrag zur interkulturellen und interreligiösen Integration dürfte darin bestehen, daß die Europäer aus ihrer Ecke herauskommen und mit dem christlichen Kern ihrer eigenen Kultur wieder ernst machen. Nur wer Position bezieht, kann tolerant sein. Nur wer in seiner Kultur verwurzelt ist, kann den Anderen interkulturell anerkennen. Nur wer die religiöse Gleich-Gültigkeit hinter sich läßt, vermag die religiöse Dimension der Kultur richtig einzuschätzen.

 

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