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Theodor Hanf {*}

Zusammenhalt bewiesen

Die Koexistenz der libanesischen Religionsgemeinschaften
steht vor einer Probe

 

From: Herder Korrespondenz, 2006/9, S. 441-445

 

    Die Mehrheit der Libanesen war zweifellos nicht damit einverstanden, dass Hizbullah den Libanon dem jüngsten Krieg aussetzte. Der Krieg selbst aber hat zu einer starken nationalen Solidarisierung geführt. Ungeachtet ihrer religiös-ethnischen Verschiedenheit hat die libanesische Gesellschaft bemerkenswerten Zusammenhalt bewiesen.

 

Neun von zehn Staaten der Welt haben Gesellschaften, die aus unterschiedlichen Volks-, Sprach- oder Religionsgruppen bestehen. Anhänger des ethnischen Nationalismus sind überzeugt, in solchen Staaten sei demokratische Stabilität nicht möglich. Nicht zuletzt in Israel mit seiner ethnisch-religiösen Staatsidee, entstanden aus Jahrhunderte langen Erfahrungen der Diskriminierung und Verfolgung in Europa, ist die Meinung weit verbreitet, der Libanon mit seinen achtzehn Religionsgemeinschaften sei ein künstlicher Staat, der auf Dauer nicht überleben könne.

In Syrien, Libanons anderem Nachbarland, wird ähnlich gedacht: Der Libanon gehöre eigentlich zu Syrien, mit dem es Sprache, Geschichte und Mehrheitsreligion teile. Die Geschichte des Libanon belegt, dass die Koexistenz der libanesischen Religionsgemeinschaften stets stärker von außen als von innen bedroht worden ist. Das ist auch heute wieder der Fall.

 

Alle libanesischen Religionsgemeinschaften setzten auf Hilfe der Nachbarstaaten

In den Libanonkriegen zwischen 1975 und 1990 gab es Bürgerkriege - Kriege zwischen den Libanesen. Aber sie waren Epiphänomene der Ersatzkriege um Palästina, die auf libanesischem Boden ausgetragen wurden. Alle großen libanesischen Religionsgemeinschaften gaben der Versuchung nach, ihre innerstaatliche Position mit der Hilfe der Nachbarstaaten zu verbessern: Sunniten sahen die Palästinenser als ihre Verbündeten, Christen zunächst Syrien, dann Israel. Sie mussten die bittere Erfahrung machen, dass die jeweiligen Verbündeten in erster Linie im eigenen, jedoch nicht im Interesse ihrer libanesischen Klientel handelten. Eine Ausnahme bildete die Schiiten. Sie fanden auswärtige Alliierte erst spät, dafür jedoch dauerhafter: Syrien und den nachrevolutionären Iran.

 

Die Koexistenz der libanesischen Religionsgemeinschaften hat eine lange und komplexe Geschichte. Über mehr als ein Jahrtausend hinweg haben sich Gruppen, die sich anfangs in der religiösen Lehre unterschieden, durch das Überwiegen von Heiraten innerhalb der Gruppe weitgehend "ethnifiziert": sie sind zu religiös definierten Volksgruppen geworden. Bis in die jüngste Vergangenheit waren Mischehen selbst zwischen christlichen oder muslimischen Gemeinschaften selten, und interreligiöse Ehen sind es bis heute.

Die Gemeinschaften des Libanon sind durch unterschiedliche politische und soziale Erfahrungen geprägt worden, und sie erfuhren ihre Politisierung zu unterschiedlichen Zeiten und Umständen. Wer wie die Maroniten und die Drusen im zentralen Libanongebirge siedelte, dem Zufluchtsort der "Nonkonformisten aller Zeiten und Religionen" (Habib Kurani), der erfuhr bereits seit Jahrhunderten die Vorzüge relativer Selbständigkeit innerhalb des Osmanischen Reiches.

Im 19. Jahrhundert erlangte der "Kleine Libanon", der das gesamte Gebirge und einen Teil der Küste umfasste, internationale Anerkennung seiner Autonomie. Hier entstand eine unabhängige Bauernschaft. Eine moderne Infrastruktur wurde geschaffen. Es gab einen Rechtsstaat, ein politisches System mit einem nach Religionsproporz gewählten Parlament und einer diesem verantwortlichen Exekutive - die erste Demokratie des Vorderen Orients. Wer in den Küstenstädten Beirut, Tripoli und Saida wohnte, vor allem Sunniten und Griechisch-Orthodoxe, unterstand direkter osmanischer Herrschaft. Die Schiiten lebten überwiegend im Süden des heutigen Landes und in der östlichen Bekaa-Ebene. In ihrer großen Mehrheit waren sie von Großgrundbesitzern abhängige Landarbeiter. Unter osmanischer Herrschaft waren die Schiiten keine anerkannte Religionsgruppe.

1920 wurde der Kleine Libanon mit den Küstenstädten, dem Süden und der Bekaa zum "Großen Libanon" zusammengeschlossen. Zwischen Zentrum und Peripherie des neuen Staates unter französischer Mandatsherrschaft gab es große Unterschiede in Infrastruktur, Bildungsstandard und dem Grad der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie waren gleichzeitig Unterschiede zwischen den Religionsgemeinschaften. Die Sunniten der großen Städte, insbesondere Tripolis, die vom Handel mit dem arabischen Hinterland lebten, fanden sich mit dem neuen Libanon erst nach ein bis zwei Jahrzehnten ab, die Maroniten begrüßten ihn seit seiner Gründung.

Als sich während des Zweiten Weltkrieges die Chance bot, die französische Herrschaft zu beenden, schlossen Maroniten und Sunniten im "Nationalpakt" von 1943 einen "historischen Kompromiss". Die Macht wurde zwischen den Religionsgemeinschaften geteilt, und zwar im Proporz zwischen ihnen nach den Volkszählungsdaten von 1932. Maroniten und Sun-

 


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niten erhielten den Löwenanteil - die ersteren das Amt des Staatspräsidenten, die letzteren das des Ministerpräsidenten; die Parlamentssitze wurden im Verhältnis 6:5 auf Christen und Muslime verteilt.

 

Eine komplexe Verknüpfung von sozialen Schichten und Religionsgemeinschaften

Die Veränderungen im sozialen Gefüge der Religionsgemeinschaften waren Folge der Wirtschaftsentwicklung. Um Beirut und im Norden des Landes entstanden Industrien. Die traditionelle Landwirtschaft hingegen stagnierte oder transformierte sich zum kapitalintensiven Agro-Business. Viele Bauern gaben ihre Kleinbetriebe auf, und noch mehr Landarbeiter wurden arbeitslos. Bereits in den fünfziger Jahren zogen zahlreiche Maroniten in die neu entstehenden östlichen und nördlichen Vorstädte Beiruts, ab den sechziger Jahren folgten ihnen Schiiten in neue südliche Vorstädte. Die maronitischen Migranten, durchweg gut gebildet, wurden Facharbeiter, die Schiiten überwiegend Hilfsarbeiter in Industrie und Dienstleistungsgewerben.

Eine komplexe Verknüpfung von sozialen Schichten und Religionsgemeinschaften entstand. Die Oberschicht bestand überdurchschnittlich aus Sunniten und Griechisch-Orthodoxen, alten städtischen Gemeinschaften, deren Grundbesitz durch den Bauboom um ein Vielfaches an Wert gewann. In der Mittelschicht dominierten Maroniten mit Kleinbesitz in den immer stärker urbanisierten Dörfern des zentralen Gebirges und mit einem Bildungsstand, der sie in der modernen Wirtschaft wettbewerbsfähig machte. In der Unterschicht waren die Schiiten als Verspätete der Modernisierung weit überrepräsentiert.

 

Die traditionellen schiitischen Großgrundbesitzer verloren dabei jedoch ihre bisherige politische Klientel, die Landarbeiter. Das städtische schiitische Proletariat wandte sich den Parteien der Linken zu, die grundlegende Veränderungen im libanesichen System forderten. In den Vorkriegsjahren aber entstand auch eine neue religiös-politische Bewegung unter den Schiiten, die bald mit der Linken konkurrieren sollte. Imam Mussa Sadr, einem charismatischen Geistlichen, gelang es, seiner erst 1926 anerkannten Gemeinschaft eine der anderen Gemeinschaften vergleichbare Struktur zu geben: den Obersten Schiitischen Rat. Unabhängig davon gründete er die "Bewegung der Enterbten", die sich gleichzeitig gegen soziale Ungerechtigkeiten, gegen die Großgrundbesitzer - und gegen die Linke stellte.

Sadr war Realist. Im Gegensatz zur Linken stellte er keineswegs das libanesische Proporzsystem in Frage, sondern strebte für die Schiiten einen größeren Anteil an der Macht und ihren Früchten an. 1978 wurde er auf einer Zwischenlandung in Tripolis entführt und wahrscheinlich ermordet. Für seine Anhänger eine geradezu mythische Figur, verschwand er zu einer für die Schiiten besonders dramatischen Zeit.

Seit dem Ende der sechziger Jahre führte die palästinensiche Bewegung vom Libanon aus einen Kleinkrieg gegen Israel. Schiitische Dörfer im Grenzgebiet hatten die Hauptlast der israelischen Repressalien zu tragen. Als 1975 der Krieg zwischen den Palästinensern und christlichen Milizen begann, verlief die Front zwischen den östlichen und südlichen Vorstädten Beiruts, maronitischen und schiitischen Arme-Leute-Vierteln. Kampfhandlungen an der südlichen Grenze des Libanon, insbesondere die israelitischen Invasionen von 1978 und 1982, zwangen Hunderttausende Schiiten zur Flucht in die südlichen Vorstädte.

 

Die Einstellungen der Schiiten sowohl zu den Palästinensern wie zu den Israelis waren zwiespältig. Dem Anliegen der Palästinenser, in ihre Heimat zurückzukehren, standen sie positiv gegenüber. Die Schiiten der Linken sahen in ihnen Waffenbrüder. Andererseits litt keine libanesische Gemeinschaft so sehr unter den Folgen der palästinensischen Waffengänge wie die schiitische. Ihre Heimatgebiete wurden immer wieder verheert, niemand musste so häufig fliehen. Und in den südlichen Vororten standen sie unter der Kontrolle der palästinensischen Organisationen. Als israelische Truppen 1982 den gesamten libanesischen Süden besetzten, bis nach Beirut vorrückten und die PLO vertrieben, wurden sie zunächst von nicht wenigen Schiiten mit Erleichterung begrüßt. Dies änderte sich, als die israelische Armee sich auf eine langfristige Besetzung einrichtete. Sie musste erfahren, dass keine Besatzungsmacht auf Dauer beliebt bleiben kann. Der Kleinkrieg gegen sie begann.

Zu diesem Zeitpunkt gewannen die libanesischen Schiiten zum ersten Mal in ihrer Geschichte auswärtige Verbündete: den 1979 siegreichen khomeinistischen Iran und Syrien. Dem neuen Iran bot sich im Libanon die Chance, seine Ideologie der islamischen Revolution zu exportieren und seinem proklamierten Kampf gegen die USA und Israel einige Realität zu verleihen. Syrien hingegen sah eine Gelegenheit, einen funktionalen Ersatz für die aus dem Libanon vertriebenen palästinensischen Organisationen zu finden: Stellvertreter für militärischen Druck auf Israel, vom Libanon aus und ohne jede Gefahr für Syrien selbst.

Die israelische Invasion von 1982 beschleunigte die politische Mobilisierung unter den Schiiten. Die schiitische Linke hatte mit den palästinensichen Organisationen ihre wichtigste Stütze verloren. Die Amal-Miliz, aus der "Bewegung der Entrechteten" hervorgegangen, erhielt syrische Waffen in ihrem Kampf gegen die libanesische Regierung, welche mit Israel über einen Friedensvertrag verhandelte. Vielen erschien Amal freilich als zu säkular.

 


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Unter iranischem Einfluss entstand die Hizbullah. Iranische "Revolutionswächter" bildeten ihre Milizionäre aus. Die ersten programmatischen Erklärungen sprachen vom Heiligen Krieg gegen Israel bis zur Befreiung Jerusalems, als langfristiges Ziel wurde die Errichtung einer islamischen Republik im Libanon angegeben. Ihre ersten spektakulären Schläge führte Hizbullah gegen die amerikanischen und französischen Truppen, die 1982 ins Land gekommen waren, um den Abzug der PLO aus Beirut zu überwachen und die libanesiche Regierung zu unterstützen. Sie führten dazu, dass die Regierung Reagan 1984 ihre früheren Versprechungen brach und die amerikanischen Einheiten fluchtartig abzog: der erste große Erfolg der Hizbullah. Weitere folgten bald.

In Kämpfen zwischen den rivalisierenden schiitischen Milizen setzte sich Amal zwar in Teilen des libanesischen Südens durch, in den südlichen Vorstädten Beiruts aber siegte Hizbullah. Nur der Einmarsch syrischer Truppen bewahrte Amal vor einer vollständigen Niederlage. Ab 1986 rivalisierten beide Bewegungen um Erfolge im Guerillakrieg gegen die Besatzungstruppen in der verbleibenden israelischen "Sicherheitszone".

 

Ein neuer Pakt zwischen den Religionsgemeinschaften nach dem Bürgerkrieg

1984 war das Jahr, in dem die Konflikte eindeutig Bürgerkriegscharakter annahmen. Im Kampf gegen den libanesich-israelischen Friedensvertrag stellte sich Amal gegen die von den USA unterstützte Regierung. Die schiitischen Einheiten der libanesischen Armee liefen zu Amal über. Schließlich kündigte das Parlament den Friedensvertrag. Amal bekämpfte in den Lagern Sabra und Chatila monatelang wieder erstarkende palästinensische Milizen. Hizbullah aber war nie Bürgerkriegspartei, kämpfte nie gegen Regierungstruppen, christliche Milizen und auch nicht gegen Palästinenser, sondern ausschließlich gegen die israelische Armee und deren libanesische Helfer.

Der Bürgerkrieg ging 1989 zu Ende. Alle Kriegsparteien waren erschöpft, die Wirtschaft stand vor dem Zusammenbruch. Im saudi-arabischen Ta'if beschloss das libanesiche Parlament einen neuen Pakt zwischen den Religionsgemeinschaften. Das "Zusammenleben" wurde zum obersten Gesetz erklärt. Die Verteilung der höchsten Staatsämter - maronitischer Präsident, sunnitischer Ministerpräsident und schiitischer Parlamentspräsident - blieb erhalten, das Machtverhältnis zwischen ihnen aber wurde geändert.

Die Exekutivgewalt liegt nicht mehr beim Präsidenten, sondern beim paritätisch zusammengesetzten Kabinett. Auch die Parlamentssitze sind nunmehr paritätisch auf Muslime und Christen verteilt. Im Ta'if-Abkommen aber wurde auch die weitere Stationierung syrischer Truppen festgelegt - und damit die de-facto Oberherrschaft Syriens im Libanon.

Für eineinhalb Jahrzehnte wurde das Land de jure nach der Ta'if-Verfassung, de facto vom syrischen und vom pro-syrischen libanesischen Geheimdienst gelenkt. Christen stellten weiter den Präsidenten und die Hälfte der Minister, waren aber faktisch ohne Einfluss. Ihre wichtigsten Repräsentanten waren im Exil oder im Gefängnis. Der maronitische Patriarch wurde zum einzigen Sprecher aller, die sich nicht mit der syrischen Herrschaft abfinden wollten. Die Sunniten gewannen mit Unterstützung Saudi-Arabiens an wirtschaftlicher Macht.

 

Mit dem sozialen Aufstieg der Schiiten gewann Hizbullah militärisch an Macht

Vor allem die Schiiten aber erfuhren in den syrischen Jahren einen bemerkenswerten wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg. Amal wurde unter dem Parlamentspräsidenten Berri zu einer machtvollen Patronagemaschine. Im Öffentlichen Dienst erhöhte sich der Anteil der Schiiten dramatisch. Berri verwaltete auch die staatliche "Kasse für den Süden" zur Förderung von Infrastrukturmaßnahmen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es keine signifikanten Unterschiede in der sozialen Schichtung der Religionsgemeinschaften mehr. Nur noch zehn Prozent der Schiiten sahen sich als zur Unterschicht gehörig.

Die andere Seite des schiitischen Aufstiegs aber war der Zugewinn an militärischer Macht für Hizbullah. 1990 waren alle Milizen entwaffnet und aufgelöst worden - mit Ausnahme der Hizbullah. Sie wurde nicht als Miliz klassifiziert, sondern als "nationaler Widerstand". Sie erhielt iranische und syrische Waffen. Iranische Subventionen, aber auch Spenden schiitischer Auswanderer in Afrika ermöglichten den Aufbau eines umfassenden sozialen Dienstes mit Krankenhäusern und Schulen. Hizbullah erwarb sich schnell den - gerechtfertigten - Ruf einer korruptionsfreien Organisation. 1992 nahm sie zum ersten Mal an Parlamentswahlen teil. Syrien sorgte dafür, dass Amal und Hizbullah Wahlallianzen eingingen, die ihnen starke Blöcke im Parlament sicherten.

 

Hizbullahs ideologische Position milderte sich: ein islamischer Staat ist zwar weiterhin grundsätzliches Ziel, aber nur, wenn alle anderen libanesischen Gemeinschaften damit einverstanden wären - womit kaum zu rechnen ist. Unverändert aber blieb Hizbullahs Gegnerschaft zu Israel. In den neunziger Jahren stiegen die Verluste der israelischen Besatzungsarmee ständig an. 2000 entschloss sich schließlich die Regierung Barak, sie abzuziehen. Nicht nur für Hizbullah, sondern für alle Libanesen war dies ein Sieg des Widerstandes - der erste militärische Erfolg, den Araber gegen Israel erzielt hatten.

Einen Grund zum Abrüsten sah Hizbullah darin keineswegs. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte der Süden israelische Invasionen erlebt. Mehrere Male mussten Hunderttausende die Flucht ergreifen. Die Angst, dies könne sich wiederholen, war - und ist weiterhin - eine wichtige Triebkraft für die Entschlossenheit, bewaffnet zu bleiben, zumal niemand glaubt, die reguläre libanesiche Armee könne die Grenze verteidigen.

 


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Seit 2000 baute Hizbullah das auf, was sie als Abschreckungskapazität ansieht: Kurz- und Mittelstreckenraketen, die den Norden Israels bedrohen. Geliefert wurden sie von Iran und Syrien - für beide Staaten ein Mittel, ohne Gefahr für sich selbst Israel unter Druck zu setzen.

 

Die Wahlen von 2005 polarisierten die Religionsgemeinschaften

Der "Beiruter Frühling" von 2005 kam für Hizbullah wie für Amal unerwartet. Syrien hatte das libanesische Parlament gezwungen, die Amtszeit des prosyrischen Staatspräsidenten Emile Lahoud zu verlängern. Drei drusische Minister traten aus Protest zurück, auf einen von ihnen wurde ein Attentat verübt. Nunmehr begann der Drusenführer Walid Jumblat so zu sprechen, wie dies bisher nur der Patriarch gewagt hatte. Die Ermordung Rafiq Hariris führte zu einer Massenmobilisierung der Sunniten, wie es sie seit dem Tode Gamal Abdel Nassers nicht mehr gegeben hatte: Maroniten, Drusen und Sunniten manifestierten für einen Abzug der syrischen Truppen. Wer für Syrien auf die Straße ging, wenn auch mit sichtlich geringerer Begeisterung, waren hauptsächlich Schiiten.

 

Nach dem syrischen Abzug führten die ersten freien Wahlen im Sommer 2005 zu einem Ergebnis, das die Religionsgemeinschaften stark polarisierte. In Beirut, im Süden des Gebirges und im Norden siegte die Allianz des Beiruter Frühlings, die sunnitischen Anhänger Hariris, die Drusen Jumblats und mit ihnen verbündete Maroniten. Im Süden und in der Bekaa erhielten die gemeinsamen Listen von Amal und Hizbullah alle Sitze. Im christlichen Kerngebiet setzte sich die Freie Patriotische Bewegung des aus dem Exil zurückgekehrten Generals Aoun voll durch.

Im Frühjahr 2006 begann der "Nationale Dialog" zwischen den wichtigsten politischen Gruppen. Er kam in zwei Fragen zu keinem Konsens: Der Ablösung des Präsidenten Lahoud - und der militärischen Sonderstellung der Hizbullah. Erstere wurde von Aoun blockiert, der ihr nur zustimmen wollte, würde er selbst gewählt - wozu die Hariri-Allianz nicht bereit ist. Letztere stößt auf das Veto Hizbullahs, die sich auf das Verfassungsprinzip beruft, wichtige Fragen könnten nur im Konsens entschieden werden. Ihr wurde von der Mehrheit entgegengehalten, Hizbullah nehme sich damit das Recht, auch ohne einen Konsens einen Konflikt mit Israel auszulösen.

 

Genau dies geschah im Juli 2006. Wahrscheinlich kalkulierte Hizbullah falsch, als sie israelische Soldaten entführte, um sie - wie bereits mehrfach in der Vergangenheit - gegen eigene Gefangene auszutauschen. Wie bekannt, reagierte Israel mit einer von den Libanesen völlig unerwarteten Härte. Mit der Begründung, die libanesiche Regierung habe es versäumt, die Hizbullah zu entwaffnen, wurden nicht nur die Stellungen dieser Partei angegriffen, sondern auch die zivile Infrastruktur und Industrie des Libanon zerschlagen. Israel ist es selbst in einem mehr als einmonatigen Krieg nicht gelungen, Hizbullah zu entwaffnen.

Die Mehrheit der Libanesen war zweifellos nicht damit einverstanden, dass Hizbullah den Libanon diesem Krieg aussetzte. Wie dieser Krieg seitens Israels geführt wurde, hat freilich zunächst zu einer starken nationalen Solidarisierung geführt. Unter dem Vorsitz des Patriarchen versammlten sich die religiösen Oberhäupter aller Gemeinschaften und verurteilten die israelischen Bombardierungen. Hunderttausende von aus dem Süden und den südlichen Vorstädten Beiruts vertriebenen Schiiten fanden in christlichen, sunnitischen und drusischen Gebieten Aufnahme.

 

Schwerwiegender noch als Hizbullah hat sich die israelische Regierung verrechnet. Keines ihrer proklamierten Kriegsziele wurde erreicht. Die frühere "Sicherheitszone" konnte nicht vollständig besetzt werden: in den Korridoren zwischen den von Israel vor 2000 angelegten Minenfeldern hatten sich die Kämpfer der Hizbullah verschanzt und fügten den israelischen Truppen schwere Verluste zu. Die entführten Soldaten wurden nicht befreit. Das Raketenarsenal der Hizbullah ist nicht erschöpft, der Norden Israels weiterhin bedroht.

Die Annahme, durch den Bombenkrieg seien die Libanesen gegen Hizbullah aufzubringen, hat sich als völlig irrig erwiesen. Im Gegenteil: Bis auf weiteres ist die Mehrheit der Libanesen stolz auf die militärischen Erfolge dieser Partei und sieht sie zum zweiten Mal nach 2000 als Sieger. Es mag sein, dass sich nach einigen Wochen oder Monaten viele Libanesen und besonders die in erster Linie geschädigten Schiiten fragen werden, ob dieser Sieg die Verluste wert war. Vorerst aber ist Hassan Nasrallah nicht nur ein arabischer und muslimischer, sondern auch ein libanesischer Held.

 

Sunniten, Christen und Drusen ließen sich nicht gegen die Schiiten aufbringen. Die Hizbullah hat begriffen, wie schwierig ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einheimischen sein kann: Schon am Tage nach dem Waffenstillstand begann die Rückwanderung der Flüchtlinge in ihre zerstörten Dorfer und Stadtviertel. Jedem Geschädigten wurde finanzielle Entschädigung zugesichert, und Hizbullah hat bisher ihre Versprechen immer gehalten. Wer befürchtet hatte, aufgrund der Flüchtlingswelle werde ein ganzes Schuljahr ausfallen - angesichts des Bildungshungers der Libanesen ein bedrohliches Szenario -, sieht sich getäuscht: Im September werden Schulen und Universitäten wieder unterrichten.

Ungeachtet ihrer religiös-ethnischen Verschiedenheit hat die libanesische Gesellschaft bemerkenswerten Zusammenhalt bewiesen. Gleichwohl steht die Koexistenz der Religionsgemeinschaften erneut vor der Probe. Das zentrale Problem des "Nationalen Dialogs" bleibt nicht nur ungelöst, sondern stellt sich verschärft wieder. Darf eine Gruppe Risiken für die gesamte Nation eingehen? Wird sich Hizbullah in Zukunft für syrische oder iranische Interessen instrumentalisieren lassen?

 


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Soll der Libanon weiterhin das einzige Schlachtfeld arabischer oder muslimischer Kriege gegen Israel bleiben, oder wird Hizbullah libanesischen Interessen den Vorrang geben?

Der soeben beendete Krieg könnte nicht der letzte bleiben. Er hat zwar gelehrt, dass kriegstechnische Überlegenheit keinen Sieg garantiert. Wird Israel - und noch wichtiger, werden die USA - daraus den Schluss ziehen, ein "Neuer Mittlerer Osten" könne nicht mit Gewalt geschaffen werden? Bis sich diese Einsicht durchsetzt, ist zu befürchten, dass dem Libanon, einem demokratischen Staat, der die Möglichkeit friedlicher Koexistenz zwischen unterschiedlichen Religions- und Volksgruppen erneut bewiesen hat, weitere Lasten aufgebürdet werden - zum Schaden demokratischer Entwicklung in der ganzen Region.

 

    {*} Theodor Hanf lehrt Politikwissenschaft in Freiburg und an der American University of Beirut. Er ist Autor von Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon, Baden-Baden 1990; zusammen mit Nawaf Salam, Herausgeber von Lebanon in Limbo, Baden-Baden 2003.

 

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