1. Mai 1989 - P. Erich Rommerskirch
in Marburg

Ein Mann, 'der fast ein Jahrhundert überschaute'. In diesem Bewußtsein lebte er. So redete er von sich selbst.

P. Erich Rommerskirch wurde am 12. Februar 1904 in Trebnitz geboren, einer schlesischen Kleinstadt, die östlich der Oder liegt, als Sohn Dr. Joseph Rommerskirchs, des Chefarztes im Krankenhaus der Schwestern des hl. Karl Borromäus, und seiner Ehefrau Anna, die von einem Landgut aus dem schlesischen Kleinwaltersdorf bei Bolkenhain stammte. Sein Großvater war Kalkulatorvorsteher der Finanzverwaltung der Diözese Breslau, d.h. er stand an der Spitze der Finanzverwaltung dieser Diözese. Als erster in Trebnitz konnte sich damals Chefarzt Dr. Rommerskirch ein Auto anschaffen.

Ab 1910 besuchte Erich Rommerskirch vier Jahre die katholische Grundschule der Stadt Trebnitz, wo er schon früh manches lernte, was er oft zitierte, z.B. 'Lerne leiden, ohne zu klagen!' oder den Ausspruch Kaiser Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers: 'Ich habe keine Zeit, müde zu sein!' Übrigens erzählte der Vater von P. Rommerskirch gern, daß er Kaiser Wilhelm II. habe die Hand geben dürfen.
Ab 1914 besuchte Erich auf Wunsch seines Vaters zusammen mit seinem älteren Bruder Joseph das katholische Gymnasium in der Oderstadt Glogau. Beide Jungen wohnten in den folgenden Jahren während der Schulzeit im dortigen Bischöflichen Konvikt. P. Rommerskirch erinnerte sich, daß diese Trennung von zu Hause schwer für ihn war.
Inzwischen war der 1. Weltkrieg 1914 ausgebrochen, und die Verpflegung war in dem Konvikt, jedenfalls im schlimmen Jahr 1917, wo viele Kartoffeln schon auf dem Feld verdarben, recht schlecht. Da gab es nur Kohlrüben früh, mittags und abends.
Zudem traf Familie Rommerskirch in diesem Jahr ein schweres Unglick, denn Vater Rommerskirch starb plötzlich an einem akuten Gallenleiden, das auch durch eine Operation nicht mehr geheilt werden konnte.

Nun zog Mutter Rommerskirch mit den beiden Jungen nach Patschkau, Kreis Neisse, in Oberschlesien. Die Jungen besuchten jetzt das dortige Gymnasium. Hier wurde Prof. Johann Blaschke, der Bruder des Breslauer Domkapellmeisters, Religionslehrer, der zugleich Förderer des neuen katholischen Jungenbundes 'Neudeutschland' war. Erich Rommerskirch trat bald diesem Bund bei. Durch diesen Bund lernte er den Jesuitenorden kennen.

Als er im Jahre 1923 in Patschkau sein Abitur gemacht hatte, zog ihn das Ideal der radikalen Christusnachfolge dieses Ordens so sehr an, daß er ihm beitreten wollte. Da aber die Jesuiten bis 1917 durch alte katholikenfeindliche Gesetze aus der Kulturkampfzeit verboten waren, konnte er das nicht in Deutschland tun. Deshalb mußte er in s'Heerenberg in Holland in das Noviziat des Ordens eintreten. Besonders beeindruckt wurde er von der vornehmen, frommen Art seines Novizenmeisters P. Paul Sträter. Ebenfalls in Holland, im Ignatiuskolleg Valkenburg, absolvierte er die philosophischen und theologischen Studien seines Ordens. Sie sollten ihm unvergeßlich bleiben. Gern erzählte er von den hervorragenden Professoren und der herrlichen holländischen Heide.

Unterbrochen wurden diese Studien 1928 für vier Jahre, in denen er jungen Mitbrüdern im neuen Noviziat im schlesischen Mittelsteine, Krs. Glatz, Latein- und Griechischunterricht gab. Dieser Tätigkeit schlossen sich zwei Jahre an, in denen er in der schlesischen Hauptstadt Breslau im Internat Kurfürst Franz Ludwig einer Abteilung von Jungen als Präfekt vorstand.

Früh zeigte sich Erich Rommerskichs rednerische und schriftstellerische Begabung. So hat er eine ganze Reihe von Büchern und Artikeln geschrieben, zunächst für junge Menschen, später für Herangereifte. Zu seinen ersten Werken gehörten 'Der Brunnen im Herzen' und 'Christus und der junge Christ'. 1935 wurde P. Rommerskirch in dem holländischen Valkenburg zum Priester geweiht.

Nach Abschluß seiner siebenjährigen Studien kam er 1936 nach der Reichshauptstadt Berlin zu St. Clemens als Präses der Kolpingsfamilie und der dortigen Gruppe 'Neudeutschland'.
1938 absolvierte er in Rottmannshöhe am Starnberger See in Bayern das dritte Probejahr seines Ordens. Es wurde durch mehrfache terroristische Maßnahmen der Nazis unterbrochen, die 1933 an die Regierung gekommen waren.

1939 wurde er in die Jesuitenniederlassung St. Ignatius in die schlesische Hauptstadt Breslau als Lazarettpfarrer und Betreuer der dortigen Jugend versetzt. Inzwischen war ja der 2. Weltkrieg ausgebrochen, und die katholischen Jugendverbände waren durch die Nazis gewaltsam aufgehoben worden. So nahm sich P. Rommerskirch also liebevoll der verwundeten Soldaten und vieler führerloser Jugendlicher an. Das sollte ihm vielfache Bedrohung und Verhöre durch die nationalsozialistische geheime Staatspolizei einbringen. Trotzdem erinnerte er sich gern an die vielfachen Gruppenstunden, Gottesdienste und großen Feiern mit der dortigen Jugend, zu deren Mitgliedern er zum Teil bis in die letzten Tage noch als inzwischen betagten Müttern und Vätern guten Kontakt pflegte.

Aber die Bedrohung durch die Geheime Staatspolizei in Breslau wurde 1944 so groß, daß es die Ordensobern von P. Rommerskirch als für ihn und seine Arbeit besserhielten, daß er in die Jesuitenniederlassung in Dresden, heute in der DDR gelegen, übersiedelte. Hier mußte er leider die fürchterlichen Terrorangriffe der angloamerikanischen Flieger am 12. und 13. Februar 1945 erleben, bei denen der größte Teil der schönen Stadt der Künste in Schutt und Asche sank. Schrecklich waren die Erlebnisse, die er dabei hatte.
Mit dem Flüchtlingsstrom mancher überlebender Dresdner landete er im Pfarrhaus Kißlegg im Allgäu. Hier erlebte er den Einmarsch der Franzosen und das Ende des 2. Weltkrieges. Schon nach einigen Monaten riefen die Ordensobern P. Rommerskirch in das zerstörte München zu besonderer Predigttätigkeit. Doch bald sollte er ein neues Arbeitsfeld im badischen Karlsruhe als Religionslehrer an einem Gymnasium und Betreuer des neuerstandenen katholischen Neudeutschen Jungenbundes finden.

1961 beriefen ihn die Ordensobern nach Marburg an der Lahn. Hier sollte er die erste Jesuitenniederlassung in der langen Geschichte des Ordens mit einer neuen Pfarrei in einem Neubaugebiet am Richtsberg begründen. Wo jetzt in der Großseelheimer Straße 10 die Liebfrauenkirche und das Pfarrhaus mit der Jesuitenniederlassung stehen, waren damals nur Wald und Wiese zu sehen. Hier und in der Umgebung wurde in den letzten dreißig Jahren viel gebaut. An dieser Stelle also sollte P. Rommerskirch eine Pfarrei und eine Jesuitenniederlassung aus dem Boden stampfen und aufbauen, und er hat es vorbildlich getan. Er hat sich Tag und Nacht abgerackert. So stand 1964 das Wohnhaus und 1965 die Kirche 'Unserer lieben Frau von der Heimsuchung'. Ihr erster Pfarrer wurde P. Heinrich Kreutz. Da ihn aber bald ein Herzinfarkt an seiner Amtsausübung hinderte, wurde P. Rommerskirch der zweite Pfarrer mit all den Sorgen, die Bauen und Bauschulden mit sich bringen. Es entstand eine blühende Pfarrei, in der sich P. Rommerskirch besonders der Ärmsten der Armen annahm im sogenannten 'Krekel', der heute nicht mehr steht.

1970 wurde P. Rommerskirch durch einen jüngeren Mitbruder, P. Siegel, als Pfarrer abgelöst. Jetzt widmete er sich im gesamten Gebiet der Diözese Fulda bis 1984 der Seelsorge der Senioren. Zugleich war er sehr aktives Mitglied in der Christlich-Jüdischen-Gesellschaft, die ihm bis heute ein freundliches Andenken bewahrt.

Die vielfachen Umbrüche in Staat und Kirche nach dem 2. Weltkrieg, die viele Späne fliegen ließen, auch in Marburg, hat P. Rommerskirch sehr schmerzlich empfunden. Doch noch täglich feierte er die hl. Geheimnisse der Eucharistie, betete das Stundengebet der Kirche, spendete das Sakrament der Buße, hielt noch manche ganz das Herz treffende Ansprache und erfreute die Mitbrüder mit seinem Humor, etwa mit dem Satz: 'Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist!'

Der Herr holte ihn nach kurzem Krankenlager heim am 1. Mai 1989, dem ersten Tag des Ehrenmonats seiner himmlischen Mutter.

P. Kurt Michel SJ


    Pater Erich Rommerskirch SJ
    An meinem Geburtstag, 12. Februar 1976, in Xanten

    Nun ist es Zeit zu danken.

    Zu danken für der Kindheit Garten,
          die dunklen Eiben,
          des Knaben Vogelnest,
          für den Birnbaum und die Kirschen.

    Zu danken für die treue, stille Mutterliebe,
          sie war immer da und stets bereit,
       für den ernsten Vater,
       für seine scheue, schwere Hand,
       für die Autofahrten an seiner Seite
          über das damals noch so stille Land.

    Dank für 900 Bücher, die ich gelesen.
    Wieviel beglückte Stunden schenkten sie
    und taten immer neue Tore auf zu neuer Kunde.

    Kameraden, Freunde, Spielgefährten
    waren alle Jahre da.
    Freundschaft ward geschenkt,
    immer neu,
    jahrzehntelang.

    Freundschaft ward mir viel geschenkt
          von Männern, ehrlich, echt und gut,
          von Frauen in still verhaltner Liebe,
          da ja mein Herz versiegelt war.

    Dank für die Kinder, wie sehr hab' ich sie geliebt,
             ihr Lachen, ihre Augen, ihren
             Charme
             und daß sie sich mir vertraut.

    Dank, daß DU mir das Wort gegeben,
       den Schatz der deutschen Sprache.
    Wie war's ganz überraschend
          immer neu und wunderbar
          mit meinem Wort,
          mit meiner Rede
          anzurühren, aufzutun und Echo zu sein
          von DIR.

    Danken will ich, daß ich schreiben konnte,
             das Glück des gut geformten Satzes
             und manchmal
             das Wunder des geschenkten
             Verses.

    Wie soll ich danken
          für die Berge und das Meer,
          für den Flug über Wolken
          und die Welt der großen Städte.

    Nun ist es Zeit zu danken,
          daß DU mich in DEINEN Dienst gerufen,
          nicht für Geld und Ruhm,
          nicht für Titel und Kontobuch
          Ich durfte werken, denken, schaffen,
          leiden
          für DEIN ewiges Reich.
          Da war nichts leer und nichts vergeblich
          und die schwerste Stunde ging in die
          Vollendung ein.

    Nun will ich endlich einmal danken
          für alles Schwere, Dunkle, Unbegriffne,
          für die Rätsel meines Lebens,
             die versiegelt sind in DIR.

    Jetzt will ich danken,
          hier ist nicht mehr lange Zeit,
          der Tod ist stumm,
          doch Dank singt
          DIR, MEIN GOTT,
          in Ewigkeit.

    Dieser Text sollte - nach P. Rommerskirchs Wunsch - erst nach seinem Tode bekannt werden.)

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