Bruder Wilhelm Westermeyer SJ
3.Juni 1973 in Köln

Mit 25 Jahren kam der junge Wilhelm Westermeyer im Jahre 1932 zu uns nach 's Heerenberg, um sich als Postulant mit dem Leben eines jungen Jesuitenbruders bekanntzumachen. Aus seiner Heimat, dem kleinen Dörfchen Rulle bei Osnabrück, brachte er all die Dinge mit, die nun einmal Voraussetzung für eine echte Berufung zum Ordensstand sind. Aufgewachsen in einer Familie, die es mit dem Christsein sehr ernst nahm, fühlte er es immer deutlicher, daß er mit einer Weltanschauung konfrontiert wurde, die seinem Glauben eine große Gefahr bedeutete. Ein genügsames Leben in harter Arbeit hatte ihm eine Gesundheit geschenkt, mit der er sich froh daran machte, in großer Selbstlosigkeit die Lasten Gottes zu tragen.

Wie wir aus späterer Zeit wissen, liebte er den Garten mit einer großen Hingabe. Er selbst erzählte, daß ihn während des Noviziats seine Mutter wissen ließ, er möge doch heim kommen; der Garten sei noch genauso, wie er ihn verlassen habe. Bei aller Liebe und Anhänglichkeit an seine Mutter und seine Familie und seiner Vorliebe für das schöne Hausgärtchen - man kannte wohl seinen schwachen Punkt - dachte er nicht daran, seinem einmal gefaßten Entschluß untreu zu werden.

In 's Heerenberg finden wir ihn dann auch zuerst als Gehilfe des Gärtners in dem großen Gemüse- und Blumengarten mit dem schönen Gewächshaus. Um ihn aber nicht allzu einseitig werden zu lassen, machte man ihn auch mit den Pflichten und Künsten eines Refektoriers bekannt.

In den zwei Noviziatsjahren hatte Wilhelm nicht nur die Gesellschaft mehr kennen und auch schätzen gelernt, auch der Orden wußte, daß er ihn ihm einen selbstlosen und hilfsbereiten Mitarbeiter gewonnen hatte. Nach seinen Ersten Gelübden wurde er ins Ignatiuskolleg nach Valkenburg (Holland) versetzt, wo sich die jungen Priesterstudenten an der Fakultät für Philosophie und Theologie auf ihr Priestertum vorbereiteten. Es waren über 300 Mitbrüder, die dort und in der dazugehörigen Villa Aalbeek lebten. Unter der Sorge des alterfahrenen Br. Donner wurde er in die Krankenpflege eingeführt. In Valkenburg und Aalbeek erfuhren kranke und alte Mitbrüder seine opferbereite Hilfe. Um ihm Fachkenntnisse und eine größere Sicherheit zu geben, ließ man ihn im Brüderkrankenhaus in Trier von 1936-38 eine Ausbildung durchmachen, die er mit dem Krankenpfleger-Examen abschloß. Danach kehrte er wieder nach Valkenburg zurück, wo er bis zu der Auflösung des Kollegs durch die Gestapo im Jahre 1942 verblieb.

In den Jahren 1942 bis 1945 tat er dann Krankenpflegerdienste im Vinzenzkrankenhaus in Paderborn, wo man ihn wegen seiner Zuverlässigkeit sehr schätzte. Unterbrochen wurde dieser Dienst durch seine Einberufung zum Militär, aus dem er aber nach einer viermonatigen Ausbildung (Marienburg und Thorn) aufgrund des bekannten Führererlasses wieder entlassen wurde.

Als im Jahre 1945 mit den anderen auch die alten und kranken Mitbrüder wieder in unsere Häuser zurückkehrten, richtete man das Haus in Köln zu ihrer Pflege ein. Es war für Br. Westermeyer nicht gerade leicht, in der schweren Nachkriegszeit für die Alten und Kranken die zu ihrer Pflege nötigen Dinge zusammenzubringen. Zusammen mit dem Koch, Br. Brachtendorf, machte er aus wenigem viel und aus Schlechtem Besseres, so daß eigentlich auf der Krankenstation immer eine gute Stimmung herrschte. Mit der Zeit stellte sich jedoch heraus, daß in dem Kölner Haus nicht alle Voraussetzungen geschaffen werden konnten, die nun einmal für solche Dienste erforderlich sind. Auf dem Grund von Haus Sentmaring in Münster wurde ein Neubau errichtet, der den pflegebedürftigen Mitbrüdern ein Heim werden sollte. 1961 brach Br. Westermeyer mit seinen Schutzbefohlenen nach Münster auf.

Das Pflegeheim in Haus Sentmarirg wurde und blieb nun für eine ganze Reihe von Jahren das Reich von Br. Westermeyer. Mit großer Hingabe nahm er sich der Alten an, die sich selbst meist nicht mehr helfen konnten. Die Arbeit war gewiß nicht immer leicht für ihn. Und er selbst nahm auch sein Leben und seine Pflichten nicht immer ganz leicht. Unverdrossen mühte er sich ab und verstand es auch, seiner Ansicht Geltung zu verschaffen, wenn er glaubte, es sei für seine Kranken notwendig. Litt er auch selbst und war er müde von seinen Arbeiten, man merkte aber immer, daß er bereit war zu einem herzlichen Lachen und daß er kein Spielverderber war. Die feste Überzeugung, daß sein Mühen und sein Arbeiten schließlich Gott und dessen Ehre galten, gaben ihm Kräfte, die oft bis zum äußersten gingen. Gedanken, die sich in seinen Aufzeichnungen finden, wie: "Herr, ich bin nichts, aber ich bin Dein! Heilige mich! Selbstlos sein!" ließen ihn Mühen tragen, über die Andersdenkende nur den Kopf schütteln konnten.

Vielleicht konnte man ihn manchmal stur nennen, vielleicht hätte er manchmal auch auf eine andere Art dasselbe erreicht, ohne sich so abzuquälen. Wann können wir andere richtig beurteilen? Man konnte manchmal nur staunen, mit welcher Geduld und mit welcher Liebe er sich um die großen und kleinen Leiden seiner Mitbrüder kümmerte, und wie er ihnen Linderung zu verschaffen suchte.

Schon in seiner ersten Kölner Zeit legte es ihm der Hausarzt dringend nahe, auch selbst einmal für eine Erholung zu sorgen, die die Kraft und die Freude zur Arbeit wieder erneuere und stärke. Er, der sonst keinerlei Ansprüche stellte, ging jedes Jahr gern nach Sankt Blasien, wo er sich im Kreise seiner Mitbrüder wohlfühlte und zu neuer Arbeit erholte. Br. Westermeyer schien gesund zu sein. Er fühlte sich kräftig, aber er wußte auch, daß es vielleicht einmal schnell mit ihm zu Ende gehen würde. So kam denn auch 1968 der erste Herzinfarkt, dem bald ein weiterer folgte und sein Leben in große Gefahr brachte. Den Ärzten gelang es, ihn wieder soweit herzustellen, daß er nach Köln übersiedeln konnte. Aus seiner früheren Tätigkeit hatte er dort unter den Ärzten und Schwestern in den Krankenhäusern viele Bekannte und Freunde, die sich über seine Wiederkehr sehr freuten. In seiner Sprache und in seinem Lachen war es noch der alte Westermeyer, aber bald merkte man, wie sehr seine Kräfte gelitten hatten. Er machte sich keinen Hehl daraus, daß er einmal plötzlich abberufen werden konnte. Sein Vater und seine Brüder waren unerwartet an Herzinfarkt gestorben. Wenn auch mit verminderter Kraft, so war er doch unermüdlich tätig. Eine Freude war es für ihn, wenn Sakristeien und Kapellen, die ihm anvertraut waren, in Sauberkeit blitzten und mit reichem Blumenschmuck versehen waren. Ohne ein Wort zu verlieren, sorgte er für Ordnung und stand jederzeit als Helfer bereit.

Er hatte bereits seine Sommerpläne fertig, die Zeit für seine Exerzitien festgelegt und die Bitte geäußert, seine Schwester besuchen zu können. Als er an seinem Sterbetag zu einem Spaziergang aufbrach, gab er noch einen Brief auf, mit dem er seine Schwester über den bevorstehenden Besuch benachrichtigte. Über sein Sterben waren nicht viele Einzelheiten zu erfahren. Etwa eine Stunde vor seinem Tod sah ihn noch jemand in den Anlagen am Aachener Weiher stehen und den Spaziergängern und spielenden Kindern zuschauen. Ungefähr die Hälfte des Heimweges hatte er wieder zurückgelegt, als er tot zusammenbrach. Man rief den Arzt und einen Notarztwagen. Es konnte aber nur der Tod festgestellt werden.

Als wir vor der Begräbnismesse am Freitag, dem 8. Juni 1973, seine Angehörigen erwarteten, unter denen auch seine Schwester sein sollte, kamen nur einige von ihnen an. Diese brachten die Nachricht mit, daß ein anderer Wagen, in dem auch seine Schwester war, verunglückt sei. Die Schwester mußte mit Rippenbrüchen ins Krankenhaus gebracht werden. Sie konnte somit nicht an der Beerdigung ihres einzigen überlebenden Bruders teilnehmen. Mit den Verwandten begleiteten viele Kölner Mitbrüder und Brüder aus anderen Häusern Br. Westermeyer auf dem Friedhof Melaten zu seiner letzten Ruhestätte.

P. Hermann Tophinke SJ

R.i.p.

Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 5, Juni 1973, S.44f