P. Peter Vollmer SJ
* 20. Februar 1886 in Geisenheim
7. September 1965 in Nörvenich

Im Nachlaß von P. Vollmer fand sich ein curriculum vitae, das er selbst, angeregt durch eine Bemerkung in den "Mitteilungen" (18, S. 261 f) verfaßt hat. Er fügt hinzu: "Wenn mir jemand die Ehre eines Nachrufes schenkt, findet er hier eine genaue Unterlage". Diese ist so genau, daß wir hier diesen Lebenslauf nur abzudrucken brauchen.

Mein Lebenslauf

Geboren zu Geisenheim am Rhein am 20. Februar 1886 als das 9. von 10 Kindern in einer treukatholischen Weinbergsfamilie, besuchte ich zuerst die Volksschule meiner Heimat. Mit 9 Jahren kam ich auf die dortige Realschule. Für diejenigen Schüler, die weiter studieren sollten, zu denen auch ich gehörte, wurde in einem besonderen Kurs bis Untertertia Lateinunterricht gegeben. Da ich zu Hause zu Feld- und Weinbergsarbeiten wenig herangezogen wurde, hatte ich nach Erledigung der Schularbeiten viel freie Zeit, die ich zusammen mit meinen Kameraden hauptsächlich am Rhein verbrachte, der uns Jungen durch die vorbeifahrenden Schiffe, durch die Einladungen und Ausladungen der Frachtschiffe und großen Kähne u.a.m. viel Freude und Abwechslung bot.

Mit 12 Jahren verließ ich die Heimat, um auf dem Gymnasium des bischöflichen Konvikts in Hadamar v. Limburg an der Lahn meine Studien fortzusetzen. Dort traf ich Caspar Nink, der im gleichen Jahr dorthin kam, und so haben wir in enger Verbundenheit 6 Jahre bis 1904 gemeinsam verlebt. Dank meinem guten Gedächtnis gehörte ich stets zu den Besten der Klasse, erhielt auch in der Oberprima das Kaiserprämium, wie ich vermute wohl weniger wegen meiner Leistungen als wegen meines guten Betragens, das den Lehrern nie Anlaß zur Klage gab. Allerdings waren auch meine Leistungen gut; denn ich wurde beim Abitur von der mündlichen Prüfung befreit.

Danach reifte in mir der Gedanke, die theol. Studien in Rom zu machen. Durch Vermittlung meines Vetters, Prälaten Dr. Lorenz Werthmann, des Gründers und 1. Vorsitzenden des deutschen Caritasverbandes, erhielt ich die Aufnahme ins Germanikum.

Da in Rom das Studienjahr erst Anfang November begann, bezog ich für das Sommersemester 1904 die Universität Freiburg im Brsg. Ich wohnte im Hinterhaus der Belfortstr. 20, wo mein ältester Bruder Johann die dortige Caritasdruckerei leitete. Das Vorderhaus hatte Prälat Werthmann inne, dessen reiche organisatorische Tätigkeit ich schon damals beobachten konnte. In Verbindung mit dem damaligen Bischof von Cremona, Bonomelli, nahm er sich der ausgewanderten italienischen Arbeiter an, gründete für sie eine eigene Wochenzeitung "La Patria", nahm in sein Haus 2 geistliche Herren, die ihre Landsleute zu betreuen hatten. Dort war auch eine Hauskapelle eingerichtet.

Am 18. Oktober verließ ich meine Heimat, um 4 Jahre in der "Ewigen Stadt" zuzubringen. Es waren glückliche und heilige Jahre. Da das Studium mir keine Schwierigkeiten bereitete, konnte ich mir in Muße das Rom der Kunst, der heiligen Stätten und der großen Feierlichkeiten vorab in St. Peter zu Nutzen machen. Davon zehrte ich mein Leben lang. Öfters sah ich den damaligen Hl. Vater, den hl. Pius X., erstmalig schon kurz nach meiner Ankunft in Rom Ende Oktober beim Requiem für den damals verstorbenen König von Sachsen, dann nicht lange nachher am 8. Dezember beim 50jährigen Jubiläum der Dogmatisierung der unbefleckten Empfängnis, im folgenden Jahr beim Eucharistischen Weltkongreß und ferner im Laufe der Jahre bei Selig- und Heiligsprechungen. Zweimal hatte das Germanikum Privataudienz. In seinen Ansprachen, die einfach und schlicht waren, betonte er stets die priesterliche Heiligkeit. Einmal hatte ich das Glück, ihn in unmittelbarer Nähe zu sehen, als unser Diözesanbischof (Limburg) nach üblichem Brauch seine beiden Alumnen zur Privataudienz mitnahm. Mit den Worten: "Orate pro me et pro sancta Ecclesia", entließ er uns.

In der damaligen liberalen Zeit durfte in Rom kein Religionsunterricht in der Schule erteilt werden, ähnlich wie bei uns in der nationalsozialistischen Ära. Geistliche und andere Hilfskräfte unterrichteten die Kinder in der Kirche und anderen Räumlichkeiten. So nahmen auch wir uns der ragazzi (Knaben) in der nächsten Nähe des Kollegs an und sammelten sie jeden Samstag in unserer Kirche und den angrenzenden Räumen zum katechetischen Unterricht. Wir hatten eine eigene scuola catechistica eingerichtet mit verschiedenen Klassen, den Altersstufen entsprechend. Drei Jahre war auch ich dort maestro (Lehrer).

Im Laufe des 3. Jahres der Philosophie fühlte ich von Zeit zu Zeit stark die Hinneigung zum Ordensstand und speziell zur Gesellschaft Jesu. Ich besprach mich darüber mit dem damaligen deutschen Assistenten, dem späteren General P. Ledóchowski, der uns nach den großen Ferien im Oktober 1907 die Jahresexerzitien gab. Er hörte mich ruhig an und sagte am Schluß in seiner sicheren und klaren Art: "Sie haben Beruf. Treten Sie sofort ein!" Dieser Bescheid wurde mir ein fester Halt für mein ganzes Ordensleben. Ich nahm nun das Wort "sofort" nicht buchstäblich, sondern blieb noch ein Jahr in Rom fürs 1. Jahr Theologie.

Am 30. September 1908 trat ich in den Orden ein mit Päpstlicher Dispens, die mir der Hl. Pius X. schriftlich mit den Worten: 'perlibenter in Domino' erteilte. In Exaten begann ich mein Noviziat unter dem unvergeßlichen P. Joh. Bapt. Müller. Es dauerte nur ein Jahr. Am Schluß desselben gab mir der damalige Provinzial P. Thill meine Destination fürs Lehrfach in Feldkirch. Er sagte mir: "Setzen Sie in Innsbruck Ihr Theologiestudium fort und belegen nebenher die Fächer, in denen Sie ausgebildet werden sollen. Letzteres erfahren Sie in Feldkirch. Deshalb reisen Sie über Feldkirch".

Am 10. September 1909 verließ ich das stille Exaten. Als ich in Feldkirch ankam, war die Freude groß. Denn dort fehlte ein Scholastiker. Mit Erlaubnis von P. Provinzial, die man telegraphisch einholte, behielt man mich zurück, und aus den ein oder zwei Tagen, die ich bleiben sollte, wurden 4 Jahre mit dem Resultat, daß meine Gesundheit erschüttert, die Bestimmung fürs Lehrfach unmöglich war. Die Arbeiten - Schule und nebenher auch für ein halbes Jahr 2. Präfektur bei den Großen des 2. Pensionates - überstiegen meine nun einmal nicht starken Kräfte. Als ich nach dem 3. Schuljahr in den Ferien zur Erholung im Jordanbad weilte und dort den Kurgeistlichen seines Amtes walten sah, kam mir der Gedanke: Ähnlich wird auch dein späteres Leben verlaufen oder als Lehrer auf der deutschen Abteilung Feldkirch mit etwa der Hälfte der normalen Stundenzahl. Letzteres war Illusion, da kein Rektor der Stella einen solchen Pater nehmen würde. So blieb mir das erstere übrig, und es wurde in der Tat für den größten Teil meines Priesterlebens meine Aufgabe.

Von 1913 bis 1917 war ich in Valkenburg zum Studium der Theologie. Dort wurde ich auch am 27. August 1916 zum Priester geweiht. Dankbar bin ich dem damaligen Rektor P. de Chastonay, daß er mich für ein 4. Jahr dort beließ. Denn ich hatte kein Anrecht darauf, da ich schon in Rom ein Jahr Theologie gemacht hatte.

August 1917 wurde ich als Militärkrankenwärter ins Reservelazarett nach Cochem (Mosel) eingezogen. Neben der Führung der Krankenblätter hatte ich den vaterländischen Unterricht zu leiten, eine Einrichtung, die am Schluß des Krieges getroffen wurde, um die Stimmung der Soldaten zu heben. Meine Aufgabe bestand darin, durch Vorträge, Verteilung von Druckschriften und Flugblättern auf die Soldaten günstig einzuwirken. Außerdem mußte ich für die 7. Kriegsanleihe werben. Seit Pfingsten 1918 war ich auch Lazaretthilfsgeistlicher. Nach der Demobilisierung vom 30.11.18 machte ich in Exaten unter P. Thill mein Tertiat, 1918/19.

Meine erste Tätigkeit nach demselben war als Hausgeistlicher auf Schloß Hohenthurm b. Halle a. d. Saale, bei der Gräflichen Familie Wuthenau. Die Frau Gräfin geb. Chotek, war eine Schwester der Gemahlin des Erzherzogsthronfolgers Franz Ferdinand von Österreich. Dort blieb ich 4 Monate bis zum 20.11.19.

Bei dem Bestreben, Scholastiker, die durch die Kriegsverhältnisse über die Zeit in den Kollegien festgehalten wurden, durch Patres zu ersetzen, kam ich in die Präfektur zuerst nach Sittard und im folgenden Jahr nach Feldkirch. Hier erteilte ich auch einige Stunden Unterricht.

Der 30.9.21 führte mich nach Exaten, um dort als Sozius von P. Duhr zu arbeiten. Haus und Beschäftigung entsprach ganz meinen Neigungen. Aber es entsprach nicht dem Willen Gottes. Denn kaum hatte ich mich etwas eingearbeitet, erhielt ich die Weisung, als Sozius von P. Kipp, der in Essen Jugendseelsorger war, nach Haus Baldeney nach Essen zu gehen, um dort erholungsbedürftige Jungen zu betreuen. So verließ ich Exaten, das mir wenigstens die große Freude brachte, P. Eberschweiler in seinen letzten Lebenswochen gesehen und näher kennengelernt zu haben. Gesundheitlich war ich der neuen Aufgabe nicht gewachsen. Deshalb war ich froh, als mir der damalige Superior P. Sädler von 's Heerenberg eine Hausgeistlichenstelle in einem Schwesternhaus in Holland mitbrachte.

Am 13.1.22 kam ich an meinem neuen Bestimmungsort Heemstede bei Haarlem an. Dort hatte die neugegründete Holländische Provinz der Franziskanerinnen von Salzkotten ein neues Noviziat errichtet. Am 1.5.23 machte ich die Übersiedlung des Noviziates nach Aerdenhout, ebenfalls bei Haarlem gelegen, mit.

Mitte Juni 1925 ging ich als Hausgeistlicher nach Gut Gewekenhorst bei Wiedenbrück, das damals unser Eigentum war. Zu meiner Zeit - August 1927 - ging das Gut in die Hände der Franziskanerinnen von Nonnenwerth über, deren damalige Generaloberin eine Schwester von Frau Geweckenhorst war.

Am 6.7.28 wurde ich Nachfolger von P. Will als Minister auf Hochelten. Abgesehen von einem halben Jahr, 20.3.31 bis 15.9.31, in dem ich Confessarius und Operarius in Dortmund war, bekleidete ich diese Stelle bis Weihnachten 1934. Nebenher gab ich auch einige Exerzitienkurse, Triduen und Sonntagsaushilfen. Einmal betreute ich seelsorglich die Pfarrgemeinde Hochelten über ein halbes Jahr bis zur Einführung des neuen Pfarrers. Diesen Posten vertauschte ich Ende Dezember 1934 nach dem Weggang der spanischen Mitbrüder mit dem gleichen Amt in Aalbeck.

Am 15.10.35 schied ich von dort, um nach einem 2 1/2 monatigen Aufenthalt im Erholungs- und Altersheim der Augustinerinnen in Much (Siegkreis) als Nachfolger von P. Paffrath den Seelsorgsposten auf Gut Rosenkranz bei Paderborn zu übernehmen, einem 400 Morgen großen Gut, das Eigentum der Vinzentinerinnen von Paderborn ist. Es war die längste Stelle meines Lebens, denn dort blieb ich 13 Jahre weniger einen Monat vom 31.12.35 bis 30.11.48. Eine Reihe von Jahren gab ich von dort aus auch liturgischen Unterricht im Noviziat des Mutterhauses. Zweimal war ich auch in dieser Zeit Leiter der Statio Paderbornensis.

Nach einem 3 1/2 monatigen Verbleib auf Hochelten siedelte ich am 19.3.49 nach Nörvenich bei Düren, Kloster Maria Hilf, über, einem von Borromäerinnen geleiteten Altersheim, das mein gegenwärtiger Aufenthalt ist.

Der Rückblick auf mein verflossenes Leben erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit gegen Gott den Herrn, der mich bei meiner schwachen und wenig leistungsfähigen Gesundheit gnädig und gütig geführt hat. Ihm vertraue ich den Rest meines Lebens an.

Soweit P. Vollmer selbst. Es bleibt kaum noch etwas hinzuzufügen. Von Nörvenich kam P. Vollmer nur selten nach Köln ins Canisiushaus, so daß er fast allen fremd blieb. Nach seinem Tode am 7. September 1965 wurde seine Leiche nach Köln überführt und in der Jesuitengruft in Melaten beigesetzt.

R.i.p.

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu
Ostern 1966, 21. Band, Heft 1, Nummer 128, S. 81-85