P. Alfred Stump SJ
* 11. Mai 1931    15. August 2002
Eintritt 1951 - Priesterweihe 1962 - Letzte Gelübde 1965

P. Stump wurde am 11. Mai 1931 in Jünkerath in der Eifel geboren. Er hatte noch drei Geschwister. Nach der Schulzeit in Gerolstein und Linz begann er 1951 in Eringerfeld das Noviziat. Nach dem Juniorat in Tisis schloss sich das Philosophiestudium in Pullach an, danach machte er sein Interstiz am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Theologie studierte Alfred Stump in Sankt Georgen, machte 1963/64 sein Tertiat in Münster und absolvierte anschließend bis 1967 ein katechetisches Spezialstudium am Katechetischen Institut in München. Von 1967 bis 1988 war P. Stump am Aloisiuskolleg tätig. Er gab dort Religionsunterricht und war besonders in der außerschulischen Jugendarbeit (ND /KSJ) engagiert. U.a. gelang es ihm, für Schulungen und Wochenendkurse ein ehemaliges Schulhaus in Cassel (etwa 50 km von Bad Godesberg) zu erwerben und mit viel Eigenarbeit einzurichten und zu unterhalten.

Mit Jahresbeginn 1989 begann P. Stump eine neue Aufgabe als Männerseelsorger im Erzbistum Köln. Rastlos war er in Pfarreien, Verbänden und Bildungsstätten unterwegs. Vor allem bot er auch immer wieder Besinnungstage und Gesprächskreise für Männer und Familien in Haus Marienhof, einem Bildungshaus der Erzdiözese im Siebengebirge, an. 1992 beauftragte ihn Kardinal Meisner zusätzlich, das Amt des Präses des Kolping-Bezirksverbands auszuüben.

Alfred Stump war ein Mann der Praxis - seine Stärke lag im konkreten Umgang mit den Menschen. Das hat ihm viele Freunde und Kontakte in seiner geliebten Männer- und Familienseelsorge verschafft, wie sich nicht zuletzt in der großen Anteilnahme bei seiner Beerdigung zeigte. Seine Gesundheit war seit längerem nicht mehr stabil. Er hat wohl auch Raubbau an ihr getrieben. Im Sommer 2002 musste er ins Kölner Hildegardis-Krankenhaus, wo er nach zwei Monaten am Abend des 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt, verstarb. Am 22. August wurde er auf dem Friedhof Melaten beigesetzt. Beim Requiem hielt der frühere Ako-Schüler P. Klaus Mertes die Predigt, die nachstehend wiedergegeben wird.

P. Clemens Maaß SJ

Predigt von P. Klaus Mertes SJ beim Requiem am 22.08.2002:
Ein Freund aus alten Zeiten schrieb mir in diesen Tagen über Alfred Stump: "An Ali (so nannten wir ihn damals liebevoll) habe ich seit meinem vierzigsten Geburtstag regelmäßig gedacht, manchmal begegnete er mir in der Nacht. Im Juni habe ich ihm endlich einen langen Brief geschrieben, mich ausdrücklich bedankt für seinen großen Einfluss auf mein Leben und ihm meine gute Fürsprache zugesagt. Überaus dankbar bin ich für diese Fügung des frühen Briefes. Er war in meinem jungen Leben sicherlich die prägendste Führergestalt überhaupt, prinzipienstark, kantig, wild und aufbrausend, ja leidenschaftlich engagiert. Sein Angebot an uns war: Verpflichtungen eingehen, um eine Gemeinschaft zu erleben, die ganz eindeutig Jesus Christus zum Mittelpunkt hatte. Er hatte viele gute Ideen und führte uns so spielend ein in das große Geheimnis von Kirche überhaupt: Wer Gott nahe sein will, der darf es nicht bei den diffusen Momenten frommer Gegenwartsunternehmungen belassen, nein, er muss seine Suche konkret verbinden mit den Anforderungen seines täglichen Lebens. Ich hätte ihn sehr gerne auf seinem letzten Weg begleitet."

Ja, Alfred Stump hat uns geprägt. "Spielend" hat er uns in den Glauben eingeführt. "Spielend", das heißt für mich auch: absichtslos. Alfred Stump begegnete uns absichtslos. Er war natürlich daran interessiert, dass wir etwas Gutes in den Zeltlagern und Gruppenstunden machten. Er konnte auch gewaltigen Druck ausüben. Putzen in Cassel war für die Leiter eine besondere Qual, wenn es unter seinen Augen stattfand. Wenn wir Leiter "das Volk", wie er liebevoll die Kleineren zu nennen pflegte, allein ließen und unsere eigenen Skatrunden spielten, dann rollten sich seine gewaltigen Augenbrauen über uns zusammen wie die dunklen Wolken einer zornigen Gottheit. Aber trotzdem war er in all dem absichtslos. Sein Verhältnis zu uns war nicht instrumentell. Zu meinem späteren Ordenseintritt gab er mir einen Satz von Antoine de Saint-Exupéry mit auf den Weg. Ich brauchte ihn nicht aufzuschreiben, sondern nahm ihn für mein Leben auswendig mit: "Wenn Du Menschen fischen willst, musst Du Dein Herz in das Netz werfen." Sein Herz in das Netz werfen, das bedeutet: Sich loslassen, da sein für andere, nicht mehr rechnen und strategisch mit Menschen umgehen. Und so war es mit ihm. Wir konnten zu ihm kommen. Immer. Nachts kletterten wir auf den Heiligen Berg zum Ako, in sein Zimmer und überfielen hin. Er hörte uns zu. Stundenlang. Er hörte nicht zu, um den richtigen Augenblick abzupassen, in dem er seine eigene message positionieren konnte, nein, er freute sich mit uns, staunte mit uns, lernte von uns. Er hatte uns sein Herz gegeben, bevor wir anfingen zu sprechen. Er glaubte uns. Was für eine beglückende Erfahrung! Er glaubte an uns. (...)

Alfred war kein Intellektueller. Aber er war ein klarer Kopf. Sein Glaubenssinn war klar, ohne starr zu sein. Er verstand Fragen, und er verstand, warum sie uns wichtig waren. Er suchte mit uns nach Antworten. Er war strenger mit den Antworten als wir und ließ nicht zu, dass wir uns mit schnellen Antworten vorzeitig zufrieden gaben. Alles belehrende Gehabe, aller Klerikalismus war ihm fern, alles Pochen auf Ämtern und Positionen. Er konnte unwirsch werden, wenn sich andere Kleriker in Sonderwelten zurückzogen und aus solchen Höhen herab das gläubige Volk mit ihren Obsessionen belästigten. Er reihte sich nicht ein in die innerkirchlichen Grabenkämpfe und Stellungskriege. Er machte keine "Kirchenpolitik". Es ging ihm auch nicht um den Selbsterhalt von Institutionen, Verbänden und Gremien. Es ging ihm auch nicht darum, Meinung zu machen. Es ging ihm um uns, um die Jugendlichen, später um die Männern und Frauen, denen er in der Männerseelsorge und im Kolpingwerk begegnete. Es ging ihm um die Menschen und um den Glauben. Sein Herz war bei uns. (...)

Dies alles und vieles mehr kann man nicht sein, wenn man es sein will; wenn man es inszeniert, wenn man es absichtsvoll ist, in strategischer Absicht, um etwas zu erreichen. Man kann es nur sein, wenn man es ist. Die Prägung geschieht durch das, was ist; wenn man die Prägung, die durch einen geschieht, eben geschehen lässt. Wenn man es Gott überlässt, durch einen selbst zu prägen. Alfred liebte das in Münster hängende, im Krieg beschädigte Crucifix, an dem der Körper des Gekreuzigten ohne Arme hängt. Darunter steht der Satz: "Ich habe keine anderen Hände als die Euren." Das kann man als Anspruch deuten, so als ob es von mir und meiner Anstrengung abhängt, ob etwas von Gott her in der Welt geschieht oder nicht. Man kann es aber auch anders deuten: Ich tue, was ich kann. Ich lebe, was ich bin. Ich frage und zweifle, wenn es dran ist. Ich liebe, wenn die Liebe da ist. Und ich überlasse es Gott, was er daraus für andere macht. So hat Alfred uns geprägt. Und deswegen danken wir Gott für alles, was er uns durch Alfred geschenkt hat; dass und wie er uns durch Alfred geprägt hat. Es wird in der Rückschau immer sichtbarer werden.

Ich will nicht von Alfred sprechen, ohne auch von seinen Abgründen zu sprechen. Wir halten Gott den ganzen Alfred hin, damit er alles an ihm verwandelt, auch seine Wunden. Wie Gott in der Auferweckung Jesu auch Jesu Wunden verwandelt zu Quellen des Lebens, so wird er es auch mit Alfreds Wunden tun, mit seinen Abgründen. Es steht mir nicht zu, ein letztes Wort über die Wunden in Alfreds Leben zu sagen. Ich erinnere mich aber an Gespräche mit ihm. In meiner Erinnerung stehen Eindrücke und Worte wie: Mangelndes Selbstwertgefühl; das Gefühl, nichts zu können; an anderer Stelle nannte er das Gefühl, wie er kernig formulierte, "Schütze Arsch" zu sein. Selbstzweifel. Hinter allem eine unstillbare Sehnsucht nach Liebe, und eine Verletztheit, die mit dieser Sehnsucht zusammenhing; verletzt vielleicht einfach durch die Liebe selbst, denn ein Mensch, der wie Alfred Menschen liebte und sich auf diese Liebe einließ, lernt auch das Verletzungspotential der Liebe kennen. Wer liebt, wird verletzt. Das ist so.

(...) Er stärkte uns mit seiner Begeisterung für uns, aber unsere Begeisterung für ihn vermochte nicht, ihn in seinen Selbstzweifeln zu stärken. Im Kopf war er ganz klar, aber in seinen Gefühlen durchschritt er dicke Nebel und dunkle Tunnels. Als wir 1985 zum ersten Mal miteinander über seine Alkoholkrankheit sprachen, begann ich zu ahnen, dass der wilde und leidenschaftliche Ali eine andere Seite hatte, nicht weniger leidenschaftlich und wild. Ein Loch, das in seiner Seele bohrte, ein Schmerz, der sich nicht betäuben ließ. Gelegentlich klagte er über andere Menschen und Verhältnisse, in denen er lebte, aber er verfiel nie in die Opferideologie nach dem Motto: "Die anderen sind schuld daran, dass es mir nicht gut geht."

Hat Alfred uns auch mit dieser Seite seines Lebens geprägt? Oder müssen wir diese Seite für uns ausblenden, um nur von seiner hellen, starken Seite geprägt zu sein? Ja, Alfred hat uns auch mit dieser Seite geprägt, und je mehr Gott diese Abgründe annehmen und verwandeln wird, um so mehr werden sie zu Tiefen werden, in denen Schätze für uns gelagert sind. Immer wieder denke ich seit seinem Tod an einen Satz aus dem zweiten Korintherbrief. Sinngemäß lautet er: "Meine Gnade soll dir genügen, denn meine Kraft zeigt sich in Deiner Schwachheit." (...) Gerade in meiner Schwäche, in meiner Krankheit, in meiner Trauer liegt ein Schatz für den Mitmenschen, ein Schatz von Gott her "meine Stärke in Deiner Schwäche". Und schließlich: Wie herrlich muss es sein, wenn Alfreds unstillbare Sehnsucht nun im Himmel bei Gott zur Ruhe kommt; da tritt einer in die himmlischen Wohnungen ein, der noch etwas erwartet, was aussteht; wenn er nun aus den Wassern des Lebens trinken kann; und wenn er nun von Gott erhält, wonach er sich ein Leben lang sehnte. Wir legen den ganzen Alfred in Gottes Hände und bitten ihn, dass er ihn aufnehmen und verwandeln möge für uns, zu unserem Heil und zu seiner Herrlichkeit.

P. Alfred Stump wurde auf dem Friedhof Melaten in Köln beigesetzt.

R.i.p.

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 42ff