P. Rudolf Steinwede SJ
27. Oktober 1987 in Köln

Als ich P. Steinwede kennenlernte, war er gezeichnet von schwerer Krankheit. Reden fiel ihm schwer, über jede Antwort auf eine Frage dachte er lange nach, bis er sie aussprach. Ein Gespräch mit ihm war mühsam. Seine Freunde sagen, er habe nie viel geredet; es habe ihm nicht gelegen, Reden zu halten - zündend zu formulieren schon gar nicht. Aber in manchen Augenblicken blitzte Sprachgewandtheit, Belesenheit auf, wurde deutlich, daß er Situationen leicht erfaßte und durchschaute. Er war sowohl theologisch als auch im Tagesgeschehen auf dem laufenden. Seine Krankheit hinderte ihn, das zu zeigen und im Gespräch einzubringen. Bestimmt litt er darunter.
Sein 'Bildungsweg' verlief nicht einfach, er mußte sich vieles erarbeiten.

Eines von vier Kindern einer Reichsbahnschaffnerfamilie war er, geboren am 2. August 1917 in Hildesheim. Da gab's kein Geld für Oberschule oder gar Studium. Ein Jesuitenpater aus Hannover - vermutlich P. Hermann Grünewald - hat dann dafür gesorgt, daß er in die Untersekunda des Josephinums in Hildesheim, eines Realgymnasiums, kam. Dort begegnete er auch dem Rund Neudeutschland, der später sein Hauptarbeitsfeld werden sollte. Führer des Fähnleins 'Wikinger' war er.

Bevor diese 'Karriere' weiterging, trat Rudolf Steinwede am 22. April 1936 in 's-Heeren-berg in die Gesellschaft Jesu ein, absolvierte als Novize den Reichsarbeitsdienst. 1938 begann er die Philosophie in Pullach bei München. Ostern 1940 wurde er zum Sanitätsdienst eingezogen und gehörte als Sanitätsunteroffizier zu einem Lazarettzug. Zwei Jahre später wurde er als 'n.z.v.' (nicht zu verwenden) wieder entlassen. Es folgte eine Zeit als Krankenpfleger in Frankfurt, Studium in Sankt Georgen, Umzug nach Trier zum Weiterstudium. Dort wurde er am 27. August 1944 zum Priester geweiht und anschließend im Kreise Wolfenbüttel als Seelsorger für die Evakuierten eingesetzt. Ende 1945 mußte P. Steinwede nach Büren 'einrücken', um seine Theologie zu beenden. 1948 wurde er ins Aloisiuskolleg nach Godesberg als Internatserzieher geschickt, "aber ich kam mit einem dreiviertel Jahr davon", wie er sagte. 1949-1950 weilte er zehn Monate in Wepion (Belgien) für das dritte Probejahr (Terziat).

Die 'Katholischen Missionen'/Bonn holten ihn und teilten ihm Afrika und den Nahen Osten zu. Hier in Bonn begegnete er nun wieder dem Bund Neudeutschland. Der Obere des Hauses ernannte ihn zum Gruppenkaplan der Gruppe am Beethovengymnasium. Und weil tagsüber Jugendseelsorger, nachts Zeitschriftenredakteur zu sein, auf die Dauer nicht geht, war er ab 1953 'nur' noch ND-Kaplan. Vier Jahre später zog er nach Köln und kombinierte wieder beides. Er gab verschiedene ND-Zeitschriften, Werkhefte, Gruppenleiterhilfen heraus und war selbstverständlich Gruppenkaplan. 1966 wählte ihn der Bund Neudeutschland zum Bundeskanzler.

Damit begann P. Steinwedes schwerste Zeit. In den nächsten fünf bis sechs Jahren vollzog sich weltweit der Umbruch der Wertvorstellungen. Die Auswirkungen auf den ND waren verheerend: Der Hochschulring schrumpfte von 200 Gruppen auf fast Null; die Jungengemeinschaft verlor mehr als ein Drittel ihrer Gruppen und zwischen ihr und dem Männerring tat sich ein Graben auf, der schier unüberbrückbar schien. (Nebenbei gesagt: die katholische Kirche in der Bundesrepublik verlor in diesen Jahren 40% ihrer Gottesdienstbesucher, die evangelische Kirche wurde noch schwerer getroffen). In diesem Chaos gelang es P. Steinwede, Entwicklungen einzuleiten, deren Ergebnisse heute noch tragen.

Die Koedukation wurde mit dem Heliand-Mädchenkreis diskutiert und unter dem Namen KSJ (Katholische Studierende Jugend) eingeführt. Die Professionalisierung der bislang rein ehrenamtlichen Leitung wurde beschlossen und aus dem Nichts finanziert. Die (damals neuen) Ideen der Gruppendynamik und Gruppenpädagogik wurden in die Erziehungsziele und -methoden des Verbandes aufgenommen. Ein Prozeß wurde angestoßen, der zur Formulierung der inhaltlichen Ziele der neu entstandenen KSJ führen sollte. Es gibt im ND wie im Orden Leute, die behaupten, P. Steinwede hätte dies verhindern müssen. Es gibt andere, die meinen, er habe die richtigen Entscheidungen gebremst. Beiden kann man sagen, ohne seine Anstöße und sein Bremsen gäbe es heute keine KSJ mehr.

Ich glaube, daß P. Steinwede dies alles nicht so gesehen oder gar vorausgesehen hat. Er fand sich in einem Strudel von Bewegungen und hat erkannt, daß auch im ND Veränderungen eingeführt werden mußten. Er hat diese Erkenntnis nicht geliebt, aber sich nach dem Pauluswort verhalten: 'Prüft alles, das Gute übernehmt!' Oft mag er selbst nicht mehr genau überblickt haben, wo alles hinführen würde. Aber er hatte den Mut, sich auf die Notwendigkeiten einzulassen, die Klugheit, den Mittelweg zu finden, die Kraft, ihn durchzuhalten und das Vertrauen, von Gott hierbei Hilfe zu bekommen. Als er 1972 sein Amt dem Nachfolger übergab, war die KSJ einigermaßen gefestigt, er selber krank, seine Kräfte aufgezehrt.

Von 1973-1979 übertrugen ihm die Oberen die Leitung der Residenz in Essen. Daneben übernahm er die Aufgabe des Geistlichen Assistenten der 'Einigung katholischer Studenten an Fachhochschulen' (EKSF). Im Jahre 1980 durfte er eine Sabbatszeit als Hausgeistlicher in Ebersbach verbringen.

Noch 16 Jahre lang litt er, arbeitete er in der Altenseelsorge im Alten-Pflegeheim in Köln-Kalk, im Altenheim Ägidienberg und im Altenheim Köln-Mühlheim, bis er für uns überraschend - vier Tage nach einem kleinen operativen Eingriff am 27. Oktober 1987 im Hildegardiskrankenhaus in Köln starb.

Ich, der ich sozusagen sein Erbe bin, erlebe täglich, was er geschaffen hat. Und ich bin ihm dankbar dafür. P. Steinwede handelte nicht spektakulär, aber solide und mutig. Gerade so bleibt er für viele und für mich ein Vorbild.

R.i.p.

P. Lutz Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1988 - Februar, S. 11f