P. Alois Schuh SJ
7. Februar 1984 in Köln

Im eher protestantisch geprägten Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, in dem P. Schuh von 1947 bis 1960 als Religions- und Lateinlehrer tätig war, hatte er bei den Schülern den Spitznamen 'Schluffen'. In diesem liebevoll-ironischen Spitznamen flossen zwei Erfahrungen derer zusammen, die seinen Unterricht genießen und ihn als herausragende Gestalt des Lehrerkollegiums erleben konnten: Er war bei den Schülern beliebt, weil er, jeden autoritären Gehabes abhold, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen vermochte, die sich im Schulalltag wohltuend abhob. In einem solchen Klima gab es kaum disziplinäre Probleme, und die Lernmotivation wuchs. Vielleicht war der unkonventionelle und vertrauensvolle Umgang mit den Menschen das Wichtigste, was seine Schüler von ihm gelernt haben. - Unter den Lehrern ragte er nicht nur deshalb hervor, weil er keine ordentliche Beamtenlaufbahn hinter sich oder vor sich hatte, sondern vor allem auch deshalb, weil er den ganzen Stil nicht mitmachte, freiheitlich dachte, auf der Seite der Schüler stand, nonkonformistisch dachte und handelte. Ohne Verklärung im Nachhinein: der 'Schluffen' war für viele ein Lichtblick im grauen Schulalltag. - Aus welchen Quellen sich die pädagogische Ader P. Schuhs speiste, später auch seine Gabe zu predigen, wird aus seiner Biographie deutlich, selbst wenn deren Rekonstruktion sich im wesentlichen nur auf die dürren Daten seines Personalbogens und eine autobiographische Predigt aus Anlaß seines 80. Geburtstages stützen kann.

Alois Schuh wurde am 10. Februar 1900 als ältestes von 13 Kindern in Trier geboren. Nicht gerade humorlos charakterisierte er sich selbst öfter als Angehörigen des '00-Jahrgangs'. Seine Eltern waren einfache und fromme Leute, die ihren Kindern eine gut katholische Erziehung angedeihen ließen. Mit 14 wurde Alois Mitglied der Marianischen Kongregation, in der er gute und liebenswürdige Priester kennenlernte; unvergeßlich beeindruckt hatte ihn dort P. Conrath. 1918 machte er Abitur, wurde im letzten Kriegsjahr noch eingezogen und gleich an die Westfront geschickt und als Ausbilder am Maschinengewehr eingesetzt.

In dieser halbjährigen Militärzeit muß sich der schon vorher gereifte Entschluß, ins Noviziat der Jesuiten einzutreten, gefestigt haben; denn gleich nach dem Krieg, am 10. Dezember 1918 trat er in 's-Heerenberg ins Noviziat ein. Seine Grundinspiration, fürs Reich Gottes zu arbeiten, schien ihm am ehesten in der Gesellschaft Jesu mit ihrer apostolischen Zielsetzung zu verwirklichen zu sein. Wegen seiner Liebe zur Musik hätte ihn auch der Benediktinerorden gereizt, aber Musik war ihm zu wenig.

Nach dem Noviziat folgten 1920 bis 1923 die Jahre der Philosophie in Valkenburg (Holland). Diese Jahre scheinen für ihn eine weniger große Bedeutung gehabt zu haben als die folgende Zeit des Interstiz. Er kam zunächst für ein Jahr in die ND-Arbeit zu P. Esch in Köln; dessen frommer Stil ihm aber weniger behagte als die wilden Fahrten mit den Nerother Wandervögeln. Von 1924 bis 1927 arbeitete er in Bad Godesberg in der ND-Gruppe von P. Heselhaus mit, dessen Art ihm offensichtlich viel bedeutet hat. Danach ging es zum vierjährigen Theologiestudium wieder nach Valkenburg (1927 bis 1931). Wie üblich, empfing er nach dem dritten Jahr der Theologie am 27. August 1930 die Priesterweihe. An das Theologiestudium schloß sich gleich das Terziat im Haus Sentmaring in Münster an (1931/32).

Nach Abschluß seiner Ausbildung übernahm er in Köln die Jugendarbeit der MC mit der sonntäglichen Aufgabe der Predigt in der Kölner Kirche Mariä Himmelfahrt (die ehemalige Jesuitenkirche). Zur Jugendgruppe, die P. Schuh in der bewegten Zeit zu Beginn der 30er Jahre betreute, gehörte auch ein Heinrich Böll, der sich daran später erinnert: "Eine schöne Stimme hatte er schon damals, und damals schon strahlte er aus, was unter Christen so selten ist: eine Pax christiana. Ein Spee'scher Jesuit - im Gegensatz zu manchem groben Beichterzwinger, die wir Höllenwinker nannten. Er, der Schuh, entsprach so gar nicht dem Klischee 'jesuitisch'; oder war gerade das - daß er nicht dem Klischee entsprach - das Jesuitische an ihm?"

Nachdem das Kölner Canisiushaus, in dem P. Schuh wohnte, von der Gestapo beschlagnahmt worden war, wirkte er 1941/42 als Kaplan in St. Pantaleon bei Pfarrer Dieffenbach, bis Kirche und Pfarrhaus in Trümmer sanken. Von 1942 bis 1944 arbeitete er, einer Einladung des Caritasverbandes folgend, als Schriftsteller (Artikel, Predigten) und Seelsorger in Freiburg/Breisgau (Werthmannhaus). Ende 1944 kehrte er ins schon zerstörte Köln zurück und war bis zum Ende des Krieges Subsidiar beim Kölner Stadtdechanten Robert Grosche (1888-1967) an St. Mariä Himmelfahrt. Der Begegnung mit dem großen ökumenischen Theologen Grosche verdankt er seine Erfahrung, die sein künftiges Leben und Predigen prägen sollte. P. Schuh berichtet selbst von einem der theologischen Nachtgespräche im Keller während eines Bombenangriffs: "Eines Nachts fragte mich Dr. Grosche, wie es seine Art war, indem er einen mit einer Frage völlig überfiel: Sagen Sie mal Pater, was ist der Kern des Christentums, der christlichen Botschaft? Ich war überrascht und zögerte. Er gab mir selbst die Antwort: 'Du Mensch magst leben wie immer, beten, nicht beten, in die Kirche gehen, nicht in die Kirche gehen, Du bist dennoch von Gott geliebt. Das ist der Kern der frohen Botschaft.' Ich war anders herangewachsen, ich war in einer mehr pharisäischen Deutung des Christentums aufgewachsen. Ich war völlig überrascht. Aber ich dachte nach und sagte mir: er hat recht. Und seither weiß ich, was ich zu predigen habe."

Gleich nach dem Krieg wirkte P. Schuh seelsorglich in der Pfarrei St. Maria Königin in Köln-Marienburg und arbeitete am Werkheft 'Chrysologus' mit, bis er 1947 die Stelle eines Religionslehrers am Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium antrat und bis 1960 innehatte.

Neben dem entscheidenden Impuls Grosches war P. Schuh geistig angeregt und geprägt von der Philosophie Martin Heideggers, die er über Jahre intensiv privat studierte, aber auch und vor allem von der Theologie Karl Rahners, die er während einer Krankheit in sich aufnahm.

Die letzte und wohl wichtigste Epoche des Lebens von P. Schuh, der seit der Ablegung seiner Letzten Gelübde am 2. Februar 1936 Profeß der Gesellschaft Jesu war, war seine fast 25-jährige Tätigkeit als Pfarrer an der Kölner Innenstadtkirche St. Peter (1960 bis 1984). In dieser Zeit predigte er sich seine Gemeinde aus Köln und Umgebung zusammen. Meist hielt er lange Predigten, bis zu einer halben Stunde konnten sie dauern. Genau dies hat seine Zuhörer jedoch nicht abgeschreckt; im Gegenteil: Sein Ruf lockte viele an, die Frommen und die weniger Frommen, die Skeptiker und die Neugierigen, die Gläubigen und die Zweifler, manchmal auch die Atheisten.

Was hat seine Predigten so anziehend gemacht? Nicht daß er ein Christentum zu ermäßigten Preisen gepredigt hätte, billige Kritik geübt oder Konflikte provoziert hätte. Er hat ganz einfach (aus der Erfahrung der Bombennächte mit Grosche heraus) von der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen gesprochen, ohne deren angefochtenen Glauben und die Nöte auszuklammern. Das war sein vielfach variiertes Leitmotiv. Ob er einen Paulusbrief auslegte oder mit dem atheistischen Philosophen 'vor der Krippe' ins Gespräch trat, ob er Zeitprobleme ansprach oder Kindern, die er besonders mochte, das Evangelium erläuterte, immer kam er auf 'sein' Thema zurück und wiederholte stets: Du Mensch bist geliebt.

Nonkonformistisch und darum im täglichen Umgang sicher nicht immer einfach blieb P. Schuh bis in sein Alter. In seinen letzten Lebensjahren plagten ihn die Beschwernisse des Alters; aber er hielt an seiner 11-Uhr-Messe mit 'seiner' Gemeinde fest, auch wenn er zunehmend nur noch die Kraft hatte, ältere Predigten (die über Jahre vervielfältigt und verschickt wurden) verkürzt vorzutragen. Aus Gründen des Alters und der Krankheit entband ihn der Provinzial Ende 1983 von seinen Amtspflichten als Pfarrverweser; die Bekanntgabe dieser Entscheidung im Januar 1984 führte zu Aufregung und Reaktionen, die von Argwohn und Verdächtigungen nicht frei waren. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt verstarb P. Schuh am 7. Februar 1984, kurz vor seinem 84. Geburtstag.

Auch wenn man die Stimme des Predigers nicht mehr hören kann, wird man bei der Lektüre seiner Predigten die Wärme und Schlichtheit, den Freimut und oft aufblitzenden Humor bemerken. Vor allem aber wird man immer wieder auf den Kern stoßen, den P. Schuh einmal so formuliert hat: "Du bist ohne Bedingungen geliebt, Du glücklicher Mensch - laß Dich lieben, laß Dir das sagen, glaube der Liebe und vertraue ihr. Atme unter dieser befreienden Botschaft. Sei froh, Du kannst die Liebe Gottes nie verdienen, durch keine noch so gewaltige Leistung. Du kannst sie aber auch nicht verhindern, durch keine noch so schlechte Tat."

R.i.p.

P. Michael Sievernich SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1985 - Juli, S. 82ff