P. Franz Joseph Schroll SJ
25. Mai 1990 in Köln

Um dem Chronisten die Arbeit zu erleichtern, sei nachfolgend einiges zusammengestellt, das für mein Leben auf diesem Planeten mit entscheidend war.

Mein Vater war ein Bayer aus der Umgebung von Straubing, meine Mutter kam von der Sieg. In Köln-Kalk haben sie sich kennengelernt. Dort wurde ich am 9. Mai 1914 geboren, verlebte als ältestes von fünf Geschwistern eine zwar nicht leichte, aber doch glückliche Jugend. Daran hatte meine Mutter großen Anteil. Am 7. März 1933 schloß ich die Schule mit dem Abitur an einer Oberrealschule ab. Ich wäre lieber auf ein Humanistisches Gymnasium gegangen, aber meiner Mutter war das zu gefährlich, weil ich dann Fahrschüler hätte werden müssen; und die hatten damals nicht gerade den besten Ruf.

Im Frühjahr 1932 hatte ich über meinen Religionslehrer Kontakt zu den Jesuiten aufgenommen. Aber für P. Vorspel war ich nicht interessant, da ich weder dem ND noch der MC angehörte. Er reichte mich an P. Konrad Kirch weiter. Schließlich wurde ich von ihm, P. Haag, P. Ansgar Holtschneider und P. Honert examiniert. Ich weiß nur noch, daß man mir nachher auf dem "Armsünderbänkchen" neben der Pforte in der Stolzestraße eine Tasse schlechten Kaffees anbot.

Am 26. April 1933 begann in 's-Heerenberg das Noviziat. Novizenmeister war P. Heinrich Schmitz, der uns mit seinen gelegentlichen Eskapaden schon einiges abverlangte und nach eineinhalb Jahren durch P. Flosdorf abgelöst wurde. Der beschäftigte sich aber weniger mit den Zweitjährigen, da es da doch nichts mehr zu "verderben" gäbe. In der Ablegung der Ersten Gelübde sah ich die Konsequenz der Stabilisierung auf dem Weg der Einbindung in die Gesellschaft Jesu, zu der ich mich nun einmal entschlossen hatte. Latein mußte aufpoliert, Griechisch ganz nachgeholt werden. Erst dann ging es im September 1936 in die Philosophie nach Pullach. Den stärksten Einfluß dort übte P. Rast auf mich aus, der zwar kein brillanter Wissenschaftler, aber ein spiritueller und gütiger Mensch war. Im April 1939 mußte ich dann früher als vorgesehen das Philosophicum machen, weil P. Haspecker in Sankt Georgen zum Militär eingezogen wurde und man daher einen neuen Sekretär des Rektors der Hochschule brauchte. Dieses Zwischenspiel ging aber bereits am 2. Dezember 1939 zu Ende.

Die Zurückstellung vom Wehrdienst wurde durch die Einberufung zur Sanitäts-Ersatzabteilung 9 in Kassel aufgehoben. Nach einem Schnellkurs von vier Wochen Grundausbildung kam die Versetzung zur Sanitätskompanie 2/81 der 1. Panzerdivision nach Arnsberg. über Haan (Rheinland) und Treis (Mosel) ging es nach der Erstürmung von Sedan bis Boulogne sur mer und anschließend zur Schweizer Grenze bei Belfort. Nach der Zurückverlegung in den Raum Orléans konnte ich den fälligen Urlaub in Sankt Georgen verbringen. Dort erhielt ich dann die lakonische Mitteilung: "Sie haben sich bis auf weiteres an Ihrem Urlaubsort aufzuhalten. Näherer Befehl folgt." Die Freude war aber nur von kurzer Dauer; denn schon nach zwei Tagen erhielt ich die Aufforderung, mich in Allenstein zu melden. Die Division war inzwischen nach Ostpreußen verlegt worden. Den Winter über lagen wir in Privatquartieren, zuletzt in Groß-Lehmkendorf, 5 km von Heiligelinde entfernt. So bot sich die Gelegenheit, sonntags dorthin zu gehen und mich von P. Wilimsky seelisch und von Br. Neumann, dem Koch, körperlich etwas aufmöbeln zu lassen. Der Rußlandfeldzug führte die Division zunächst nach Leningrad, dann zurück in den Mittelabschnitt, durch die Pripjetsümpfe bis nach Kalinin an der Wolga. Dort erreichte mich 1941, nicht ganz unerwartet, der Marschbefehl zurück zur Ersatzabteilung. Nach einer abenteuerlichen Fahrt kam ich vier Tage später in Kassel an und wurde bereits am folgenden Tag entlassen mit dem Vermerk im Wehrpaß: "Ersatzreserve II nicht zu verwenden."

Inzwischen residierte P. Theodor Wulf als Provinzial in der Volksgartenstraße in Köln. Als ich mich bei ihm vorstellte, meinte er trocken: "Sehen Sie zu, daß Sie nach Sankt Georgen kommen und setzen Sie Ihr Studium fort." Schon während des Interstizes hatte ich vorsorglich Kirchengeschichte und Einleitungswissenschaften belegt, die entsprechenden Examina gemacht, so daß wenigstens formal ein Minimum an theologischen Fächern vorhanden war. Wir waren vier, die das Ziel hatten, möglichst bald die Priesterweihe zu empfangen: P. Bibo, P. Eriksen, P. Kolle und ich. P. Rektor Schütt hatte zwar Verständnis, ohne aber so recht an einen kurzfristigen Erfolg zu glauben. Aber wir erledigten das erste und zweite Bandexamen (so hieß das damals) in der Moral, das Jurisdiktionsexamen und die Fundamentaltheologie bei dem unschlagbaren P. Prümm. "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", "Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, die Theologie macht Fortschritte", so begründete er Ungereimtheiten in seinen dynamischen Vorlesungen, auf die wir ihn festlegen wollten. Im Mai 1942 war es dann soweit. Nach der Subdiakonats- und Diakonatsweihe in Limburg erhielten wir am 25. Mai 1942 durch Bischof Antonius von Limburg in der damaligen Alumnenkapelle von Sankt Georgen die Priesterweihe, an der meine Eltern und meine Schwester teilnehmen konnten. Bedingung war allerdings, daß die Heimatprimiz erst im August stattfinden durfte. Dabei erlaubte die Polizei sogar die feierliche Abholung am Elternhaus, obwohl mein Vater als "rabenschwarz" bekannt war. Die Primizpredigt hielt P. Elbern. Er blieb dabei stecken, ein kleiner Betriebsunfall.

Wegen des Priestermangels in den Diözesen wurden wir als Kapläne eingesetzt. Ich kam 1942 aus unerfindlichen Gründen nach Bliesheim (Bez. Köln), obwohl mir wegen der Nähe zu Sankt Georgen eine Stelle im Raum Frankfurt lieber gewesen wäre. Ich fand einen Pastor vor, gegen den in bezug auf Autorität meine Oberen geradezu Waisenkinder waren. Aber trotz allem, die nachfolgenden drei Jahre waren im Rückblick die schönsten meiner priesterlichen Tätigkeit. Darüber ließe sich manches sagen.

Im August 1945 überbrachte mir P. Erich Mattele die Aufforderung von P. Provinzial Flosdorf, die Studien mit Beginn des Wintersemesters in Pullach fortzusetzen. Es dozierten u.a. P. Karl Rahner, P. Lieske, P. Josef de Vries, P. Rabeneck, P. Hartle. Dort hatte ich sehr bald, obwohl vorgewarnt, mein erstes theologisches Kontingenzerlebnis. Bei einer seiner gefürchteten Repetitionen erklärte P. Lieske: "Reverende Pater, repetitio non est improvisatio." Hinterher mußte er sich aber davon überzeugen lassen, daß ich nicht nur improvisieren konnte. Wegen der anständigen Examina sollte ich nach dem Punkte-Examen weiter studieren, und zwar, so hatte der Provinzial nach Anhörung seines Konsults beschlossen, Dogmatik. Mein Hinweis auf meine, wie mir schien, nicht ausreichenden Kenntnisse der klassischen Sprachen führte dazu, daß die Destination in Kirchenrecht umfunktioniert wurde. Das lag mir auch entschieden mehr.

Nach Beendigung der Terziats 1949 (es war das erste nach dem Zweiten Weltkrieg in Münster, die äußeren Verhältnisse waren noch reichlich primitiv, aber der Instruktor, P. Karl Wehner, war Erste Wahl) fuhr ich mit P. Soballa und P. Röttges nach Rom. P. Rektor Buuck hatte mir vorher erklärt, daß man mich nach drei Jahren in Sankt Georgen mit einer brauchbaren Promotion zurückerwarte. Das ganze war eine Schinderei. Die "Förderung" durch meinen Doktorvater (P. Bertrams) hatte ich mir doch etwas anders vorgestellt. P. Haspecker, der damals im Bibelinstitut studierte und naturgemäß mehr als drei Jahre brauchte, tippte dann die Doktorarbeit.

Wie befohlen, kam ich im Sommer 1952 nach Sankt Georgen zurück in der Hoffnung, in Ruhe Vorlesungen vorbereiten zu können. Aber da warteten bereits über 120 Alumnen (1.-4. Semester) auf einen Subregens. Außerdem mußte der Wiederaufbau vorangetrieben werden. P. Buuck meinte, ich könnte dabei die Belange des Bauherrn vertreten. Was blieb mir anders übrig, als mich zusätzlich noch mit Bauplänen, Verhandlungen mit Architekten und den Herren der Firma Holzmann zu beschäftigen. Der Bau der Alumnenkapelle, die Wiederherstellung des Dachgeschosses im Alumnat, die Einschieferung der Dächer des Querbaus und des Lindenhauses, der Bau des sogenannten Hochhauses und des Refektors bis zu den Fensterbrüstungen fiel in diese Zeit. Das Drängen des Bischofs von Limburg, für das Priesterseminar einen von der Person des Rektors getrennten Regens zu ernennen, trug mit dazu bei, daß P. Jeggle die weitere Baubetreuung übernahm, so daß ich mich als Regens ganz den Alumnen widmen konnte. Die folgenden Jahre waren so reich an Erfahrungen, daß sie eigentlich ein eigenes Kapitel verdienten.

Bei dem traditionellen Semesterausflug mit den Aachener Alumnen nach Bad Orb erschien beim Abendessen der dortige Ortspfarrer und fragte mich: "Sind Sie der Regens von Sankt Georgen? Im Rundfunk wurde soeben durchgegeben, daß Sie zum Rektor des Collegium Germanicum in Rom ernannt worden sind." Ich dachte, mich trifft der Schlag. Von den Oberen war nicht eine Spur einer Andeutung gemacht worden, daß da etwas im Busch war. Bischof Dr. Kempf von Limburg war auch nicht gerade begeistert, aber als Altgermaniker fiel es ihm wohl leichter, die Entscheidung der Oberen zu akzeptieren. 1959 begann die neue Aufgabe in Rom. Im Germanicum traf ich Verhältnisse an, die mir total fremd waren. Die Diskretion verbietet es, näher darauf einzugehen.

Nach drei Jahren war diese Episode zu Ende. P. Arnou, der Delegat des Generals für das Germanicum, eröffnete mir ohne Vorwarnung, daß mit dem neuen Schuljahr P. Buuck das Amt des Rektors übernehmen würde. Er war damals Provinzial und in nicht geringem Maße schockiert ob dieser, auch für ihn unerwarteten, Entwicklung. Wohin sollte ich gehen? Natürlich nach Sankt Georgen. Dort wurde ich im September 1962 zum Rektor ernannt und blieb bis zum September 1967. Da kam P. Provinzial Ostermann auf den Einfall, mich abzulösen (um dem damaligen Regionalassistenten Schönenberger, mit dem ich mich bei seinem ersten Besuch in Sankt Georgen ziemlich angelegt hatte, einen Gefallen zu tun) und zum Provinzökonomen zu machen. Meine Einwände halfen nichts. Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als in meine Heimatstadt zurückzukehren, ohne eine Ahnung zu haben, was so ein Provinzökonom alles wissen und tun sollte.

Heute weiß ich das, obwohl es immer wieder noch etwas Neues gibt. Manchmal kann man nur das Schlimmste verhüten, wenn ein neu ernannter Oberer meint, er wüßte alles besser. Aber im allgemeinen kann ich die Zusammenarbeit zwischen der Provinzverwaltung und den Häusern doch positiv beurteilen. Insofern haben sich gewisse Anfangsbefürchtungen nicht erfüllt. Das wird wohl auch so bleiben.

Heute schreiben wir den 1. Juli 1986. Ob es für die nächsten Jahre noch etwas hinzuzufügen gibt, wird sich zeigen. Ich danke allen Mitbrüdern, die mich im Laufe meines Ordenslebens angeregt haben, in welcher Weise auch immer.

Sollten dem Chronisten diese Ausführungen zu lang oder zu uninteressant erscheinen, dann mag er herausstreichen, was er will. Mich berührt das nicht mehr. In einer anderen, besseren Welt können wir uns dann gelegentlich darüber unterhalten.

P. Franz Joseph Schroll SJ

 

Soweit der autobiographische Bericht von P. Schroll. Es war sein ausgesprochener Wunsch, noch einige Jahre das Amt des Provinzökonomen zu versehen. Aber bereits im vergangenen Jahr erlitt er mehrere Schwächeanfälle, die eine ernste Krankheit anzeigten, die er selbst jedoch kaum wahrhaben wollte.

Im März dieses Jahres mußte er sich zur stationären Behandlung ins St. Franziskus-Hospital begeben, wo die Ärzte einen bösartigen Karzinom diagnostizierten. Zwischenzeitlich konnte er nochmals für ein paar Tage das Krankenhaus verlassen. Sein zweiter Aufenthalt jedoch sollte gleichzeitig sein letzter werden. Am 25. Mai 1990 rief der Herr ihn heim in seinen Frieden.

P. Schroll ist den meisten Mitbrüdern bekannt als ein nüchterner und in seiner Amtsführung äußerst korrekter Mann. In seinen Reaktionen konnte er zuweilen manchem sogar schroff und abweisend erscheinen. Aber dies war nur eine Seite von P. Schroll. Es ist bezeichnend für seinen von ihm selbst verfaßten Lebenslauf, daß er die drei Kaplansjahre in Bliesheim als die schönsten seines Priesterlebens bezeichnete. Daß der Orden ihn während seines ganzen Ordenslebens mit Führungsaufgaben betreute, zeugt von dem großen Vertrauen, das er bei seinen Oberen genoß. Er hat diese Aufgaben sicher auch mit großer Klugheit und einem hohen Maß an Verantwortungsgefühl wahrgenommen. Aber es ist ihm zu glauben, wenn er sich selbst eher als Seelsorger fühlte. Wer ihn persönlicher kennenlernen durfte, der konnte bei P. Schroll ein hohes Maß an Sensibilität spüren, das sonst unter seiner herben Schale verborgen blieb. Dann war er nicht nur ein kluger Berater, sondern auch ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Freund. Seine Güte und Hilfsbereitschaft haben viele Mitbrüder und Freunde außerhalb des Ordens erfahren.

Die Gesellschaft Jesu hat P. Schroll für lange Jahre selbstlosen Dienstes in wichtigen Führungsaufgaben zu danken. Darüber hinaus wird er vielen als Priester, Mitbruder und Freund unvergessen bleiben.

R.i.p.

P. Alfons Höfer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1990 - Oktober, S. 139-142