P. Josef Schmitz SJ
22. April 1983 in Köln

Mitbrüder, die den alten Pater nur als Spiritual in Münster und Köln gekannt haben, ahnen wohl kaum etwas von seinem wechselreichen Leben; denn P. Schmitz sprach fast nie über sich selbst. Aber in seinen Tagebüchern aus dem ersten Weltkrieg und in späteren Aufzeichnungen berichtet er ausführlich und kritisch über seine Jugend und seine Erlebnisse im Orden (Wörtliche Zitate daraus sind hier durch Anführungszeichen kenntlich gemacht.)

Josef Peter Maria wurde geboren am 7. Mai 1889 in Lechenich Krs. Bergheim (heute Erftkreis) "als drittes von acht Kindern" des angesehenen Arztes Dr. Schmitz und seiner Frau, einer geborenen Bendermacher. Die Eltern wollten ihn nach Feldkirch zur Stella matutina schicken. Aber ein Verwandter der Mutter, P. Justin Bendermacher SJ (ein Missionar der Sioux-Indianer in USA, 7.2.1906 in Exaten), machte auf das eben begonnene Aloisiuskolleg in Sittard aufmerksam. So kam Josef nach Sittard und gehörte dort zu der Klasse, die als erste bis zur Prima-Reife geführt wurde. Aus dieser Zeit notiert er u.a.: "Schon früh in der MC - später Spielführer und Großministrant". Das Abitur sollte er an einem Kölner Gymnasium machen; aber kein Kölner Direktor wollte den Schüler aus der Auslandsschule der Jesuiten aufnehmen. Nur der Direktor des staatlichen Gymnasiums in Münstereifel hatte keine Bedenken. Das noch vorliegende Abitur-Zeugnis vom 22. März 1910 vermerkt seine Befreiung von der mündlichen Prüfung. Nach dem Abitur studierte Josef zwei Semester in Innsbruck und ein Semester in Bonn Philosophie und hörte auch Vorlesungen über Psychatrie und christliche Gesellschaftslehre. "Nach mehrfacher Besprechung mit meinem Kongregations-Präses von Sittard, P. Jakob Schmitz", entschloß er sich zum Eintritt in die Gesellschaft.

Am 31. Oktober 1911 begann er das Noviziat in 's-Heerenberg bei P. Joh. B. Müller und im Herbst 1913 die Philosophie in Valkenburg. Anfang Mai 1915 wurden alle Valkenburger Scholastiker ("etwa 80 bis 90") kurzfristig zum Sanitätsdienst nach Koblenz einberufen und von dort sofort - ohne Ausbildung - mit ebensoviel Schwestern zum großen Seuchenlazarett nach Jaroslau in Galizien geschickt. ("Graf Solms, der Bezirksdelegierte vom Roten Kreuz, sagte daher bei der ersten Inspektion über die Unsrigen: Ich habe eine Hose angefordert und einen Frack bekommen.") - Über die nächsten beiden Jahre (Mai 1915 bis Juni 1917) führte Fr. Schmitz eine Art Tagebuch (zwei Hefte mit 154 eng beschriebenen Seiten), in denen er mit großen Unterbrechungen besonders ausführlich die oft wochenlangen Transporte von einem Kriegsschauplatz zum anderen und die Zwischenstationen beschrieb. Es folgt ein kurzer Bericht über seinen Einsatz im Operationszimmer während der blutigen Schlacht vor Verdun und über die anderthalb Jahre im Etappen-Lazarett Rethel. Bei einem Besuch des Kaisers dort erklärte der Armeearzt Sr. M.: "Hier pflegen Jesuiten".

Die weiteren Jahre bis zum Ende des Krieges erwähnt Fr. Schmitz nur in folgender Zusammenstellung aller Einsätze: Jaroslau (Galizien), Seuchenlazarett ab Mai 1915, Wolkwysk - 100 km östlich von Bialostok (Nordrußland) ab Oktober 1915, Kevevara in Serbien ab Januar 1916, Piennes vor Verdun (Schlacht um Fort Vaux!) ab Mitte 1916, Rethel a.d. Aisne, ab Herbst 1916 und Verviers (Belgien) ab Frühjahr 1918.

1919 bis 1923 studierte Fr. Schmitz Theologie in Valkenburg, empfing dort 1921 die Priesterweihe und machte 1923/24 sein Terziat in Exaten unter P. Sierp. Dann arbeitete er in der Seelsorge an folgenden Orten: vier Jahre im Brüderkrankenhaus zu Koblenz (mit vielen Nebenaufgaben); drei Jahre als Operarius in Essen, wo P. Sup. Beiker ihn die ersten Exerzitien und Triduen geben ließ und ihn zu Fastenpredigten in Essen, Bochum, Oberhausen und Recklinghausen und zur Beichthilfe bei den Volksmissionen sandte. Es folgten drei weitere Jahre mit ähnlichen Arbeiten von Dortmund aus und dann schwierige Jahre (1934 bis 1937) der ersten Nazizeit im Städtischen Krankenhaus Köln-Deutz, wo er zu ständiger Präsenz verpflichtet war.

Ab 1937 war P. Schmitz Operarius im Canisiushaus - mit Monatsvorträgen in Schwesternklöstern und vielen Exerzitienkursen; u.a. in den von uns betreuten Exerzitienhäusern zu Niederkassel und Bergheim (Haus Bethlehem). - "Aber Osterdienstag 1941, 10 Uhr, erschien die Gestapo im Canisiushaus und erklärte: Bis 13 Uhr müssen alle aus dem Haus sein! Nur persönliche Sachen dürfen mitgenommen werden." P. Schmitz fand Unterkunft im Kinderheim der Borromäerinnen (Köln, Klapperhof). Nach sechs Wochen wurde er in die Residenz Dortmund versetzt, wo P. Sup. Claßen die Patres nach zwei Monaten vorsichtshalber ausquartierte in die Pfarrhäuser der Stadt. Aber schon nach wenigen Wochen mußte unser Pater den ihm zugewiesenen Platz im Pfarrhaus Hl. Geist für einen von Paderborn angestellten Kaplan räumen. Nun sollte er Hausgeistlicher im Mutterhaus der Caritas-Schwestern in Bredenscheid werden; doch diese Stelle war soeben besetzt worden mit einem Redemptoristen, dessen Kloster kurz vorher von der Gestapo aufgehoben worden war.

Die Caritas-Schwestern vermittelten P. Schmitz schließlich eine Bleibe in ihrem Altenheim, das in einem alten Bauernhaus bei Hattingen notdürftig eingerichtet war. "Das war das vierte Domicilium bis August 1941." Trotzdem führte er in diesen und in den folgenden Monaten die lange vorher zugesagten Exerzitien in den Häusern der Schwestern U.L. Frau (Mutterhaus Mülhausen) durch. Von Hattingen aus konnte er 1942 noch manchen Einladungen zu Schwesternexerzitien entsprechen, bis er ab Januar 1942 wieder als Seelsorger im Maria-Hilf-Krankenhaus in Mönchengladbach festgelegt war. Als dann im September 1944 das Krankenhaus durch mehrere Bombentreffer unbrauchbar geworden war und nur noch im Tiefbunker einige Kranke lagen, für deren Betreuung mehrere ausgebombte Priester zur Verfügung standen, "fühlte ich mich mehr oder weniger überflüssig". Darum ging er "im Einverständnis des P. Provinzials" gern auf die Bitten der Borromäerinnen in Köln ein, Teile ihres längst ausgelagerten Kinderheims von einer Unterkunft bei Jülich nach Schloß Niesen bei Peckelsheim, Krs. Warburg, zu begleiten.

Hier offenbarte der nunmehr Fünfundfünfzigjähre ganz unvermutete Talente - durch geschicktes Verhandeln mit der NSDAP in Warburg (die das Schloß für gefangene polnische Offiziere beschlagnahmen wollte) und mit den Bauern der Umgegend (die in den ersten Monaten für die Ernährung der Kinder sorgen mußten) und später mit der Besatzungsmacht. Im Schloß hatte P. Schmitz schnell mit Hilfe des Dorfpfarrers eine Kapelle und mit Hilfe einer Lehrerin aus Köln eine regelrechte Schule für die Heimkinder eingerichtet - noch bevor die amerikanischen Panzer am Karfreitag 1945 "die Befreiung" brachten. Sobald es möglich war, nahm P. Schmitz die Verbindung mit Köln auf. P. Socius Claßen schrieb ihm: "Die Dächer, die sich über den Häuptern der Unsrigen wölben, sind zu klein, um alle aufzunehmen. Bleiben Sie einstweilen, wo Sie sind". So blieb er noch drei Jahre in Niesen, sehr geachtet von Klerus und Volk. Er sorgte für seine Schloßgemeinde, half den Pfarrern und hielt die monatlichen Vorträge beim Dekanatskonveniat.

1948 bis 1954 steht im Katalog: Operarius (Köln-Mülheim, Dreikönigenkrankenhaus); d.h. dort wohnte er, vertrat aber nur gelegentlich den dortigen Krankenhausseelsorger und konnte im übrigen seine alte Arbeit für die Kölner Schwesternhäuser wieder aufnehmen. - Von 1954 bis 1965 war P. Schmitz Spiritual in Haus Sentmaring, Münster; und von 1965 bis drei Tage vor seinem Tod (am 22. April 1983 im Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld) Hausbeichtvater im Canisiushaus. Als solcher wurde er auch von fremden Priestern oft in Anspruch genommen.

Das war das Leben unseres stillen P. Josef Schmitz - in seinen besten Jahren eine Illustration zu den Worten der Regel: Nostrae vocationis est diversa loca peragrare... Man darf wohl sagen: P. Schmitz war ein frommer Priester und ein Mensch mit viel Herz. "Er strahlte Güte aus", sagte mir ein Priester, der zeitweilig öfter bei ihm gebeichtet hatte. Dasselbe haben schon früh die Ordensschwestern gespürt, die immer wieder um seine Exerzitien baten. Auch unsere Mitbrüder haben ihn gern als Beichtvater gewählt.

Manche Veränderungen in Kirche und Orden nach dem zweiten Vatikanum konnte er nicht begreifen. Er hat wohl sehr darunter gelitten, aber von sich aus nie darüber geredet. Nur wenn er von einem ihm Vertrauten darauf angesprochen wurde, hat er sich schon mal kritisch dazu geäußert. Aber das alles konnte seiner begnadeten Gottverbundenheit und seiner in den Exerzitien gelernten und zeitlebens gepflegten Christusfreundschaft keinen Abbruch tun.

R.i.p.

P. Hermann Deitmer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1983 - Juli, S.56f