P. Franz Xaver Schiefer SJ
11. Dezember 1980 in Köln

"Leider lassen die starken Gleichgewichtsstörungen und der mangelnde Blutkreislauf ein Wohlbefinden nicht aufkommen und können den Druck, der auf mir lastet, nicht verhindern, und so muß ich ehrlich gestehen, daß ich mich trotz der großen Sorge von Schw. Oberin und der lb. Sorge der guten Schwestern bisher noch fühle wie geborgen in einem Käfig, einem goldenen Käfig zwar mit kostbaren Diamanten versehen, aber doch wie in einem Käfig. Daran ist nicht nur das Heim und seine Ordnung, sondern auch der Wille Gottes anzusehen, der alles so in seiner erbarmungsvollen Güte gefügt hat, die ich anbete und der ich mich immer unterwerfen will, aber ich möchte doch auch ehrlich von meinem Empfinden Rechenschaft geben".
Diese Sätze schrieb P. Schiefer in seinen letzten Lebenstagen; diese Worte charakterisieren ihn. Sie stehen am Ende der Notizen, mit denen er immer wieder vor Gott und vor sich selbst Rechenschaft zu geben suchte. In einer Vielzahl von Aufzeichnungen werden Erinnerungen geweckt, Menschen skizziert, Schicksale erahnbar. Bis ins hohe Alter notierte er sich seine Tage, die seltenen Ereignisse ebenso wie die Alltäglichkeiten. Er berichtet von Begegnungen, erhaltenen und geschriebenen Briefen, von Wallfahrten, Ausflügen und Einkäufen. Zuweilen fühlt man sich an einen Buchhalter erinnert.

Mit großer Sorgfalt und Akribie verzeichnete er über all die Jahre hinweg die verschiedenen Meßintentionen, die Missionen, Predigten und Einkehrtage. Er nennt die Zeiten und Orte, die Seelenzahl, den Namen des Pfarrers. Diese Übung verdankte er einer Rekreation, die der alte Missionar P. Aschenbrenner in Valkenburg gegeben hatte. Ja, er machte sich sogar planmäßig an "Biographische Aufzeichnungen aus meinem Leben und meiner Tätigkeit, begonnen am Dienstag, den 25. Oktober 1977 im Alter von 81 Jahren und 10 Monaten, 19 Tagen".

P. Schiefer war waschechter Kölner; dort kam er am 6. Dezember 1895 auf die Welt. Die Familie wohnte damals in der Rheinaustr. 3a, neben der Wohnung des damaligen Oberbürgermeisters Wallraf. An ihn und die Konzerte im großen Park des Oberbürgermeisters erinnerte sich der sehr musikalische P. Schiefer später gern.

Getauft wurde er in der alten Schifferkirche Maria Lyskirchen. Seine Primiz, bei der ihm Dechant Tepper von St. Peter assistierte, feierte er später in der Cäcilienkirche. Der Vater war nämlich inzwischen Verwalter des Bürgerhospitals geworden. Der kleine Franz besuchte bis zum 4. Schuljahr die Volksschule bei St. Severin "im Ferculum". Dann wechselte er auf das Gymnasium "Kaiser-Wilhelm" in der Heinrichstrasse. Er hatte dort sehr gute Lehrer. "Zunächst lag mir die lateinische Sprache sehr, und so war ich in den unteren Klassen fast immer an erster Stelle. Dann hatte ich mehr Freude an den Aufgaben in der Mathematik und setzte meinen Stolz ein, Aufgaben zu lösen, wenn meine Mitschüler sie nicht hatten lösen können. Leider verleidete mir der Mathematiklehrer diese Freude". Die Kölner Jugendzeit prägte ihn; der Rheinländer schlug auch später immer wieder durch. Und als er nach einem langen Leben in verschiedensten Regionen Deutschlands in seine Vaterstadt zurückkehrte - er war damals 81 Jahre - erwanderte er sich in vielen kleinen Schritten, in Besuchen von Kirchen, in Gängen zu interessanten Orten usw. diese Stadt neu, die in der Zwischenzeit durch Bomben, Zerstörung und Wiederaufbau so sehr ihr Aussehen verändert hatte.

"Als 1914 der Krieg ausbrach, meldete ich mich bei verschiedenen Waffengattungen. Als keine Kriegsfreiwilligen mehr angenommen wurden, bat ich nach dem Kriegsabitur um die Aufnahme in die Gesellschaft Jesu. Der Provinzial Joye gab mir durch seinen Socius P. de Chastonay die Aufnahmeerlaubnis ins Noviziat nach 's-Heerenberg. Ich meldete mich an beim damaligen Novizenmeister P. J.B. Müller. Es war der Vormittag des 2. November 1914, als ich in 's-Heerenberg mit der Kleinbahn von Emmerich ankam". Dort fand er bereits eine Reihe ihm guter Bekannter vor, so die Carissimi Weisweiler und Gummersbach.

Die Großen Exerzitien lagen bereits hinter den Erstjährigen und auch die großen Ferien waren vergangen, da geschah es: "Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Augenblick. Ich putzte gerade meine Schuhe, da sagte der Novizenmeister: Putzen Sie gut Ihre Schuhe, es geht auf die Reise in die Karpathen". Dieses Wort bedeutete den Beginn des Krankenpflegedienstes. Am folgenden Tag hatte sich die Gruppe in Koblenz zu stellen, wo sie in die Schar der Krankenpfleger des Malteserordens eingegliedert wurde, "dem der Orden der Gesellschaft Jesu für den Fall eines Krieges 80 Ordensmitglieder zu stellen versprochen hatte". P. Schiefer wurde dem Kriegslazarett 51 zugeteilt, mit dem er in den unterschiedlichsten Gegenden Europas eingesetzt wurde. Es war alles in allem eine sehr harte Zeit; die Arbeit, meist an Seuchekranken, war sehr beschwerlich. Doch brachten diese Monate auch manches Interessante und nicht ungefährliche Erlebnisse.

"Auf diesen Reisen haben wir sehr viel gesehen. Morgens war in einem Abteil hl. Messe. Wir kletterten von Abteil zu Abteil dorthin. Es ist erstaunlich, daß kein größerer Unfall passierte. Nur einmal ist ein Mitbruder, Gott sei Dank raste der Zug nicht schnell, als er zur hl. Messe in ein anderes Abteil umstieg, aus dem Zug gestürzt, da er sich an grünen Zweigen festhielt, mit denen manche Wagen geschmückt waren. Aber dann kam das Verbot des von Abteil zu Abteil während der Fahrt Umsteigens. Da dem Mitbruder, der glücklich gefallen war, nichts passiert war, holte er den Zug auf der nächsten Station ein, die nicht weit entfernt war (Josef Schmitz)". In dieser Zeit zog sich P. Schiefer auch die Malaria zu. Das Ende des Krieges erlebte er im belgischen Verviers. "Soldatenräte wurden gebildet, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So erhielten wir als Novizen der Gesellschaft Jesu den Fahrschein nach Haus".

Zunächst mußten die alten "Kriegsteilnehmer" ihr Noviziat ordnungsgemäß abschließen. Vielen fehlte ja noch das kanonische Jahr. Kaum war diese Zeit vorüber, da kam die Anordnung des Provinzials P. Kösters: Abreise in die Philosophie nach Valkenburg! An die drei Jahre Philosophie schlossen sich unmittelbar die vier Jahre Theologie an. Und gleich ging es weiter ins Tertiat nach Exaten zu P. W. Sierp. Lakonisch merkt P. Schiefer an: "Große Exerzitien während eines bösen Heuschnupfens". Die Visite von P. Provinzial Bley gab die entscheidende Richtung für das Leben: "Sie werden Volksmissionar!"

Die priesterliche Tätigkeit von P. Schiefer gliedert sich in zwei große Abschnitte: Volksmission als Wandertätigkeit und Gemeindearbeit. Zunächst von September 1927 bis Ende Januar 1945 das rastlose Mühen als Volksmissionar; er selber zählte genau 17 Jahre und 5 Monate. Er gehörte in dieser Zeit dem Trierer Haus an, dem er vom 3. September 1936 bis zum 15. August 1942 auch als Superior vorstand. Nach den eigenen Aufzeichnungen hielt er in diesen 17 Jahren 409 Missionswochen. Es ging dabei quer durch Deutschland, durch Großstädte ebenso wie durch kleine Orte. Und für jedes stellte er am Schluß eine kleine Statistik zusammen. Für 1941 sieht es etwa so aus: Beichten 8500, Missionen 25, Exerzitien 2, Predigtvorträge 12. Häufig ist P. Heinrich Graf sein Begleiter; ausdrücklich lobt er die gute Zusammenarbeit mit ihm.

Die letzte Mission hielt er in Heydebreck/Oberschlesien im Januar 1945. Dort blieb er, obwohl die Front heranrückte, um in Labant noch allen Leuten der Umgebung Gelegenheit zur Beichte zu geben. Da keine Eisenbahn mehr ging, zog er in der Nacht mit dem Koffer auf einem Schlitten nach Ratibor, von dort reiste er in einer größeren Irrfahrt nach Troppau. Als aber auch da der Kanonendonner herandröhnte, fuhr er mit einem der letzten Züge über Jägerndorf nach Glatz, von dort nach Görlitz. "Ich saß mit einem Soldaten auf einer Kanone. In den Waggons war kein Platz mehr. Der Soldat breitete seine Zeltplane über uns, es war eisig alt." Dann fand er einen Anschluß nach Dresden und erwischte dort einen Zug nach Erfurt, wo er gute Bekannte hatte, so den Propst Joseph Freusberg, den späteren Bischof. Dieser bat ihn, doch in dieser Gegend zu bleiben und in der ärgsten Not zu helfen. Der bischöfliche Kommissar Plettenberg schloß sich diesem Drängen an.

So ergab sich der zweite Abschnitt seines Wirkens: am 2. Februar 1945 trat er die Stelle eines Pfarrvikars in Zella-Mehlis an. Was zunächst nach einem Provisorium aussah, sollte bis zum 4. Januar 1974 dauern. An diesem Tag nämlich wurde er "ordnungsgemäß aus der DDR ausgebürgert". Zella-Mehlis wurde seine große Liebe. Was er vorfand, waren wenige ortsansäßige Katholiken, sehr viele Evakuierte und noch mehr Flüchtlinge. Und wie er früher durch viele Städte gekommen war, so ging er nun in diesem kleinen Bereich von Ort zu Ort, von Haus zu Haus. Hauptaufgabe war zunächst, die vielen in 7 Dörfern und in Oberhof Wohnenden aufzusuchen und Möglichkeiten für den Gottesdienst zu schaffen. An Sonntagen wurden in Zella vier hl. Messen gefeiert und eine in Oberhof. Langsam gewann er an Boden. In den zur Pfarrvikarie gehörenden Gemeinden wurden die Leute gesammelt, Gruppen gebildet und in den ersten Wochentagen mit Gottesdienst und mit Unterricht für die Kinder versorgt.

Im Jahr 1950, in dem er sein 25jähriges Priesterjubiläum feierte, sollte er durch P. Karl-Heinz Brungs abgelöst werden. P. Schiefer wurde nach Göttingen destiniert. Aber ein Unglücksfall, ein Sturz mit dem Motorrad, setzte dem mit großen Eifer begonnenen Werk von P. Brungs ein jähes Ende. So kehrte P. Schiefer, kaum daß er sich in Göttingen etwas umgesehen hatte, auf Anweisung der Obern wieder nach Zella-Mehlis zurück. Er hatte damals weder ein Auto - das bekam er später - noch konnte er Radfahren. "Das war das erste, was angeschafft wurde: ein Fahrrad. Meine Meßdiener haben es mir beigebracht, und nach einigen Stürzen war ich froh, dieses Hilfsmittel benutzen zu können". Eine große Erleichterung brachte später ein Moped, das zudem eine Sehenswürdigkeit war. Und wenn ihm die Leute auch nachriefen: "Wer sein Moped liebt, der schiebt", so brachte es doch neue Möglichkeiten - und er lernte immer besser damit umzugehen.

Eine Hauptsorge dieser Zeit war ihm die würdige und feierliche Gestaltung des Gottesdienstes. Er, der im Scholastikat Cantuspräfekt gewesen war, sammelte das Liedgut der Flüchtlinge und Evakuierten, um es der ganzen Gemeinde zugänglich zu machen. Besondere Festtage wurden die Erstkommuniontage und die Firmungen. "Wie früher bei den Volksmissionen habe ich immer großen Wert gelegt auf eine gut eingeübte Meßdienerschar. Zwei große Fahnen und sechs kleine wurden angeschafft und ein schönes Vortragskreuz. Eine große Sakristei bot genügend Platz zum Ankleiden. Die Zeit war ausgefüllt mit der Vorbereitung der Sonn- und Festtage, Unterricht der Kinder gruppenweise, am Abend Glaubensstunden und besondere Vorträge. Sehr wichtig war der Elternkreis, zunächst der Kreis der jungen Familien. Die Arbeit mit der Jugend hat mich immer jugendfrisch erhalten. An den Sonntagen wurden Spaziergänge gemacht, in den Ferien Tagesausflüge." Es war eine segensreiche Arbeit. Der spätere Briefwechsel und die jährlichen Besuche in Zella-Mehlis bis ganz zuletzt unterstreichen dies.

Doch die Kräfte ließen nach. Jüngere mußten nachrücken. Am 4. Januar 1974 verließ er Zella-Mehlis und trat am 11. Februar eine neue Stelle am Marienheim in Wuppertal. Von diesem Haus schied er zum 1. Oktober 1977, da die Obern eine leichtere Tätigkeit für besser hielten. So wurde die Altenstation der Schwestern im Herz-Jesu-Heim in Köln seine letzte Stelle. Am Sonntag, dem 2. Oktober 1977, feierte er mit den Schwestern das erste hl. Opfer, "um Gottes Segen auf meine neue Tätigkeit zu erflehen". Obwohl er zunehmend schwerer hörte, die Gespräche mit ihm sich immer schwieriger gestalteten und er zittriger und schwächer wurde, empfand er sich eingeengt. Mit großer Treue versah er indes seinen Dienst und zelebrierte täglich mit Andacht die hl. Messe. Einmal im Monat besuchte er die Mitbrüder in der Stolzestrasse.

Im Spätherbst 1980 konnte er nicht mehr, sodaß seine leibliche Schwester P. Provinzial bat, ihn von seiner Aufgabe zu befreien und einen Nachfolger zu schicken. Er wollte nur mehr einfach da sein. In sein Notizheft schrieb er: "Ich habe zwar kein Grund, mich zu beklagen, aber ich kann nichts anderes sagen, als daß ich mich fühle wie ein Vogel in einem goldenen Käfig. Das ist keine Klage, da es jetzt so der Wille Gottes ist, aber eine ehrlich ausgesprochene Empfindung, die so lange anhält, wie Gott will, dessen Name gepriesen sei in Ewigkeit". Dies waren seine letzten Sätze. Am 11. Dezember 1980 rief ihn der Herr zu sich. Möge ER an ihm das Wort des Psalmisten erfüllt haben: "Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen das Netz ist zerrissen und wir sind frei" (Ps. 124,7).

Gleichsam eine Zusammenfassung dieses langen Lebens gab der Fuldaer Domdechant Josef Plettenberg in einem Beileidschreiben an P. Provinzial: "P. Franz Xaver Schiefer gehörte zu den Menschen, die sich nie selbst gesucht haben; ihm ging es stets um die Sache. Er hatte ein weites und warmes Herz für alle, die ihm begegneten. Damit verband er eine kompromißlose Aufrichtigkeit ohne Menschenfurcht und diplomatische Rücksicht. Er sprach und tat, wozu er sich in seinem Gewissen verpflichtet fühlte. Bei all dem war er geprägt von einer demütigen Haltung, die bis zum Eingeständnis eigen Schwächen ging".

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1981 - Februar, S. 5-8