P. Klaus Rong SJ
28. November 1984 in Köln

P. Klaus Rong wurde am 24. November 1924 in Aachen geboren. Er selbst hat über seine Jugend und seinen Werdegang zum Priester gegenüber den Mitbrüdern nicht viel erzählt. In einem kurzen Lebenslauf schreibt er:

    "Meine Mutter, die von einem mittleren Bauernhof stammte, schenkte drei Jungen das Leben. Mein Vater begann seine Berufsausbildung bei der Eisenbahn und brachte es bis zum Lokomotivführer.
    Acht Jahre besuchte ich die Volksschule und dann drei Jahre die sogenannte Förderklasse der Mittelschule. 1941 erhielt ich die Mittlere Reife. Damals wollte ich Ingenieur werden und absolvierte eine zweijährige Praktikantenzeit in der Maschinenfabrik Krautz in Aachen. Im Oktober 1942 wurde ich nach Tarnowitz in Oberschlesien einberufen und von dort gleich weitergeleitet zu einer Flugtechnischen Schule nach Krosno in den Karpaten.
    Nach mehrmonatiger Ausbildung als Flugzeugwart kam ich 1943 zur Blindflugschule A 9 Radom. Dort war ich ein Jahr beim Bodenpersonal und wurde anschließend zur Flugzeugführerdoppelschule Grottkau in Oberschlesien versetzt. Hier absolvierte ich einen Teil der Pilotenausbildung; diese wurde im Herbst 1944 eingestellt. Über Magdeburg gelangte ich nach Gardelagen bei Berlin und wurde einer Fallschirmjägereinheit zugeteilt, die bald darauf nach Leuwarden in Holland transportiert wurde. In Holland waren wir bis zur Kapitulation als Pioniere hauptsächlich zur Brückensprengung im Einsatz. Nach der Kapitulation blieb die Einheit zusammen und wurde zum Minenräumen entlang der holländischen Küste von Zuider-See bis Bergen op Zoom eingesetzt. Im März 1945 wurde ein großer Teil der Division ins Entlassungslager Bemerode bei Hannover geschafft. Von dort wurde ich im selben Monat entlassen.
    Die vier Jahre als Soldat hatten meinen Entschluß reifen lassen, Priester und Jesuit zu werden. Darum besuchte ich von 1946 bis 1948 das Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, um das Abitur zu machen."

Am 23. April 1948 trat Pater Rong dann in den Orden ein. Nach dem Noviziat in Eringerfeld studierte er zwei Jahre Philosophie im Berchmanskolleg in Pullach bei München. Vier Jahre war er danach als Präfekt im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg tätig. Die theologischen Studien absolvierte er in St. Georgen in Frankfurt. Am 31. Juli 1959 wurde P. Rong zum Priester geweiht. Nach Ende seines Theologiestudiums ging er für ein Jahr in das Terziat nach Münster. Am 15. August durfte er seine letzten Gelübde ablegen. Seine erste Seelsorgsstelle war Essen. Hier wirkte er von 1961 bis 1963 als Kaplan in der Ignatiuspfarrei. In der Seelsorge war er anfänglich sehr schüchtern. Mitglieder des Pfarrausschusses mußten ihn drängen, Hausbesuche zu machen und von sich aus Kontakte mit den Gemeindemitgliedern aufzunehmen. Nachdem er aber die erste Scheu überwunden hatte, fand er durch seine gewinnende Art bald sehr guten Kontakt zu der ganzen Gemeinde; vor allem durch Jugendarbeit und Religionsunterricht. Die persönlichen Verbindungen zu seiner alten Gemeinde in Essen hat er alle Jahre bis zum Tage vor seinem Tode aufrechterhalten.

Von Essen beriefen ihn die Oberen als Minister an das Kolleg in Büren. Im Herbst 1965 begann er dann die Arbeit, die seine priesterliche Verkündigung wesentlich bestimmen sollte. Er kam nach Köln in die Residenz St. Peter und wurde Religionslehrer an der Kaufmännischen Berufs- und Handelsschule I, Köln. Wie sehr er in seiner Arbeit geschätzt war, zeigt sich darin, daß er viele Jahre gleichzeitig Sprecher des Lehrerkollegiums und Vertrauenslehrer der Schüler war. Später wurde er durch Kardinal Höffner zum Bezirksbeauftragten für Religionslehrer an den Berufsbildenden Schulen ernannt.

Um sich weiter für die Tätigkeit an der Schule zu Qualifizieren, bewarb er sich bei der Industrie- und Handelskammer Bonn als Prüfer für die englische Sprache. Seine Englischkenntnisse vervollkommnete er dadurch, daß er die Sommerferien als Kaplan in einer Pfarrei in Harlem/New York verbrachte. Von 1970 an benutzte er dann noch die Oster-, Herbst und Weihnachtsferien, um in einer Pfarrei in London als Seelsorger auszuhelfen. Dort war er vor allem bei den Kindern als St. Niclas bekannt. Sein langer Bart, den er sich bei einer Israelreise hatte wachsen lassen, hat zu diesem Spitznamen geführt. Auf den Bart angesprochen sagte er immer: "Ich werde ihn solange stehen lassen, bis die Pflege mehr Zeit kostet als das Rasieren."

Für seine Arbeit als Religionslehrer kam P. Rong zu der Überzeugung, daß es gut sei, noch ein weiteres Fach zu unterrichten. Darum begann er 1971 neben der vollen Tätigkeit als Religionslehrer noch das Studium der Anglistik an der Universität Köln. 1977 schloß er dieses Studium mit der 1. Staatsprüfung ab.

Seine Vorliebe für die englische Sprache hat er einmal so begründert: "Durch meine Englischkenntnisse von der Schule her wurde ich in der Kriegsgefangenschaft als Dolmetscher eingesetzt. Ich hatte mündlich zu übersetzen zwischen kanadischen, englischen und jüdischen Offizieren und Unteroffizieren auf der einen und für die Deutschen auf der anderen Seite. Außerdem war ich während meiner Studien viel mit amerikanischen und englischen Mitbrüdern zusammen und vertiefte so meine Sprachkenntnisse. Nach meiner Priesterweihe habe ich auch häufig Seelsorgsaushilfen bei amerikanischen Truppen im Frankfurter Raum gemacht."

Nach dem Staatsexamen unterrichtete P. Rong an der Berufsschule neben dem Fach Religion noch Wirtschafts-Englisch. Dadurch erreichte er einen weiteren Kreis von jungen Menschen, die nicht am Religionsunterricht teilnahmen, denen er aber so als Priester begegnete.

Ein weiterer Schwerpunkt der Seelsorge war für P. Rong die Aufgabe als Kaplan in der Pfarrei St. Peter. Hier sorgte er sich vor allem um die alten Menschen. Besonderen Wert legte er auf seine Predigt in der Sonntagsmesse, die er regelmäßig um 10.00 Uhr feierte. Sein großes Interesse für Exegese ließ ihn oft die Texte der Sonntagsmesse eine ganze Woche lang studieren. Entsprechend war er als guter Prediger bei seinen Gottesdienstbesuchern beliebt. Im Laufe der Jahre baute er eine eigene 'Personalgemeinde' auf. Daraus entwickelte sich ein fester Freundeskreis, der sich jeden Sonntag nach 'seiner Messe' in der Bibliothek der Residenz St. Peter versammelte, um mit ihm über Fragen, die er in der Predigt behandelt hatte, zu diskutieren. Dabei war er immer offen und dankbar für Kritik, aus der er wieder neue Anregungen für seine Verkündigung schöpfte.

Sein theologisches Interesse galt vor allem der hl. Schrift. Er verfolgte alle exegetischen Publikationen und las die Texte des AT grundsätzlich in hebräisch und die des NT in griechisch.

Am 20. September 1982 ernannte ihn P. Provinzial zum Superior der Residenz St. Peter in Köln. Diese Aufgabe machte ihm sehr viel Freude und er pflegte jeden Gast, der ins Haus kam, zu bitten: "Fragen Sie mich doch einmal, wie ich mich als Oberer fühle", um dann antworten zu können: "Ich habe mich in meinem ganzen Ordensleben noch nie so wohl gefühlt wie jetzt:"

Nachdem P. Alois Schuh aus Altersgründen das Amt des Pfarrers an St. Peter aufgab, übernahm P. Rong auf Wunsch des Provinzials am 16. Januar 1984 diese Aufgabe zusätzlich zu seiner Berufsschularbeit.

Am 28. November 1984, vier Tage nach Erreichung seines 60. Lebensjahres, starb P. Rong plötzlich. Für alle, die ihn kannten, kam sein Sterben unerwartet. An den Tagen vorher hatte er scheinbar noch bei voller Gesundheit mit verschiedenen Freundeskreisen seinen Geburtstag gefeiert. Am Morgen des 28. November hatte er wie immer seine Schultasche gepackt und bereitgestellt und ging wie seit vielen Jahren zum Schwimmen in das nahe der Residenz St. Peter gelegene Agrippabad. Er zog wie gewohnt seine Schwimmbahnen. Keiner der 'Frühschwimmer', die ihn alle seit Jahren kannten, bemerkte ein Unwohlsein bei ihm. Auf dem Rückweg zur Residenz brach er plötzlich zusammen. Der nach wenigen Minuten herbeigerufene Notarzt konnte nur noch Tod durch Herzversagen feststellen.

Sein plötzlicher Tod überraschte ihn selbst sicher nicht unvorbereitet. In den Monaten vorher hatte ihn die Frage nach Tod und Auferstehung stark beschäftigt. Für das letzte Haussymposion hatte er die Frage der Auferstehung als Thema vorgeschlagen. In den letzten Predigten in 'seiner' 10.00 Uhr-Messe waren Tod und Auferstehung sein zentrales Thema. In den Wochen vor seinem Tod hatte er regelmäßig eine schwer krebskranke Frau mittwochs besucht. Aus einem Grund, den er selbst auf Befragen nicht angeben konnte, hatte er in dieser Woche den Besuch bereits am Dienstag, dem Vortag seines Sterbens, gemacht.

P. Rong war ein lebensfroher Mann. Meist fand man ihn heiter und zu launischen Bemerkungen aufgelegt. Sein Lachen klingt noch jedem in den Ohren, der öfter mit ihm zu tun hatte. Er liebte es, sich seiner Aachener Mundart zu bedienen, was dann eine besondere Atmosphäre von Vertrautheit und Harmonie schuf. Dabei war er aber alles andere als oberflächlich. Seine Lebensfreude entstammte einer tiefen Dankbarkeit. Sie kommt in einem Satz zum Ausdruck, den er im Unterricht - wie die Mutter eines Schülers erzählte - anläßlich seines 60. Geburtstages gebraucht hatte: "Ich bin froh, daß ich 60 Jahre leben durfte."

Wie er selbst bekannte, ließen die Erlebnisse des Krieges in ihm den Wunsch reifen, Priester und Jesuit zu werden. Was diese Erlebnisse im einzelnen waren, darüber hat er nie gesprochen. Bei seiner Tätigkeit in einem Minenräumkommando hat er erleben müssen, was es heißt, mit jedem Schritt den Tod im Auge zu haben. Seine äußere Robustheit täuschte nicht über seine innere Sensibilität hinweg. So wie er für die Freuden des Lebens empfänglich war, so konnte er auch mitleiden mit den Leiden und Ängsten derer, die zu ihm kamen. Hier wird er am deutlichsten als Priester und Seelsorger sichtbar. Der Glaube an Christus war für ihn die Nachfolge des armen und für die Armen lebenden Christus. Eindrucksvoll fällt dies in die Augen, wenn wir ihn in vielen Jahren als Aushilfspriester in den Armenvierteln New Yorks sehen. Stärker noch wird dies deutlich, wenn wir Armut in einem anderen, tieferen Sinn verstehen: dort wo Menschen jemanden brauchen, wo sie für ihr Leben Orientierung suchen, wo sie nach Glaubensverkündigung fragen, die alle zentralen Fragen des Lebens wirklich trifft. Deswegen hing er wohl, man darf sagen, mit Liebe an seinem Beruf als Lehrer. Er verstand es, die Zuneigung seiner Schüler zu gewinnen. Ohne falsche Anbiederung war er immer einer von ihnen. Er interessierte sich für jeden; nahm teil an den schulischen und beruflichen Sorgen. So hatte er viele junge Menschen wieder zum Glauben an Christus befähigt, die sich von der Kirche nicht mehr angesprochen und verstanden fühlten. Aber auch denen, die nicht wieder zum ausdrücklichen Glauben fanden, blieb er als Freund verbunden. "Wenn sie durch meinen Unterricht gespürt haben, daß wir sie als Menschen ganz ernst nehmen, dann habe ich viel erreicht", pflegte er zu sagen. So brauchte er nie sein Priester- und Jesuitsein hervorzuheben. Er lebte ganz einfach, was er sagte.

Ein wichtiger Wesenszug muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, der ihm oft Widerstand und zuweilen sogar Gegnerschaft einbrachte. Er war ein Mann, der kompromißlos hart sein konnte. Ehrlichkeit heißt das Stichwort. Alle, die seine sonntäglichen Predigten gehört haben, werden dies von ihm in Erinnerung behalten. Seine Predigten waren nicht nur sorgfältig vorbereitet, sie waren immer auch ein Plädoyer für die Ehrlichkeit der Verkündigung. Fromme Fassaden, leeres Ritual, waren ihm fremd. Wo er die Überzeugung gewann, daß jemand für sich selbst Vorteile suchte unter dem Deckmantel eines Amtes oder einer Autorität, konnte er hart werden in seinem Urteil. Sicher ist er hier auch zuweilen ungerecht hart gewesen. Aber wenn wir das auf dem Gesamthintergrund seiner inneren Einstellung sehen, wird dieser Wesenszug verständlich. So wundert es nicht, daß er herzensgut war, wenn er jemanden begegnete, der seine Schwächen kannte und zugab. Diese Angst vor einer falschen oder gar zur Schau getragenen Frömmigkeit machte sein eigenes religiöses Leben äußerst diskret. Nur wenn man mit ihm durch Jahre zusammenlebte, konnte man immer wieder Zeichen echt kindlicher Frömmigkeit erfahren.

Ziel seines Lebens war: in Ehrlichkeit, Dankbarkeit und Freude dem Herrn nachzufolgen.

R.i.p.

P. Josef Jäger SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1985 - Dezember, S. 142 ff