P. Heinrich Ostermann SJ
11. November 1973 in Köln

P. Heinrich Ostermann wurde am 1. Mai 1912 in Münster/Westf. als letzter von fünf Söhnen geboren. Noch bevor er sein zweites Lebensjahr vollendet hatte, starb sein Vater im April 1914. Etwa ein Jahr später fiel der älteste Bruder in Polen. Die anderen Brüder wurden in den folgenden Jahren nach und nach gleichfalls eingezogen. Ungeachtet dieser die Familie hart treffenden Schläge und der materiellen Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre verlebte er durch die Fürsorge seiner geliebten Mutter - sie war ursprünglich reformierten Bekenntnisses und noch vor seiner Geburt konvertiert - eine unbeschwerte Jugend. Dazu trug vor allem auch das außergewöhnlich gute Verhältnis zu seinen Brüdern bei, das er später auf deren Kinder übertrug. Er wurde für die meisten Familienangehörigen und die heranwachsenden Familien der folgenden Generation zum verläßlichsten Freund und Ratgeber.

Obwohl ein guter Schüler, dem das Lernen leichtfiel, dachte er später nicht gern an seine Schulzeit auf dem Ratsgymnasium in Münster zurück. Der ihn oft bedrückende pedantische Schulbetrieb und die geistige Enge mancher Lehrer standen seiner Selbständigkeit und seinen musischen Neigungen zu sehr im Wege. Bemerkenswert an jenen Jahren war ein starkes Interesse an kunstgeschichtlichen Fragen. Er schrieb zahlreiche Aufsätze, vor allem über die Sakralbauten seiner Heimatstadt Münster. Dazu machte er mit recht primitiven Mitteln bemerkenswerte Photographien, die er selbst entwickelte und vergrößerte. In seinem Elternhaus herrschte eine großzügige, weltoffene Atmosphäre, die, vermittelt durch seine erwachsenen Brüder, einen großen Freundeskreis anzog. Er empfing von daher viele Anregungen auf den verschiedensten Gebieten. Bei seinem silbernen Priesterjubiläum erzählte P. Ostermann, daß er einmal mit einem geistlichen Freund zusammensaß und diesen gefragt habe, was ihn zum Priestertum geführt habe. "Beide waren wir uns einig", so erzählte er weiter, "daß es nicht die Schule und nicht die Religionslehrer waren. Wir mußten zugeben, daß wir als Religionslehrer ehrenwerte, gute Priester hatten, aber nicht sie hatten uns entscheidend beeinflußt. Die Liebe zur Kirche hatten wir von Hause mitbekommen, von Vater und Mutter. Unsere Eltern wissen zu wenig um ihren ungeheuren religiösen Einfluß auf ihre Kinder. Sie meinen fälschlich, es sei Aufgabe von Priestern und Religionslehrern, den Glauben im Herzen der Kinder zu begründen; und es ist doch Aufgabe der Eltern, die ihre Kinder lieben, ihnen auch die Liebe zu Gott, zu Christus und zur Kirche vermitteln."

Ursprünglich wollte P. Ostermann Weltpriester werden. Er hatte sich schon in der Diözese Münster angemeldet. Dann kam er auf die Idee, sich die verschiedenen Orden anzusehen. Dabei leitete ihn der Grundsatz, zu dem Orden zu gehen, der die gründlichste Ausbildung hatte. Er besuchte die verschiedenen Ordensniederlassungen in Münster und entschied sich dann rasch und bestimmt für die Gesellschaft Jesu, und zwar gegen den Rat seines Religionslehrers, der die Eigenständigkeit und Dynamik des jungen Mannes nicht als die geeigneten Voraussetzungen für ein Ordensleben ansah.

1931 trat P. Ostermann in den Orden ein, und seine Ausbildung vom Noviziat über die Philosophie, das Interstiz in Godesberg und die Theologie in Valkenburg währte zehn Jahre. Nachdem er 1940 zum Priester geweiht worden war, wurde er 1941 mit 15 anderen Mitbrüdern zur Wehrmacht nach Guben zu den Sanitätern eingezogen. Diese Militärzeit dauerte allerdings nur neun Tage; denn dann wurden alle Jesuiten aufgrund des Geheimerlasses von Hitler entlassen.

Unmittelbar danach kam P. Ostermann als Kaplan in eine Pfarre nach Duisburg-Hamborn. Es war eine der ärmsten Pfarreien der Diözese Münster. Sie zählte über 5000 Christen, es waren Berg- und Hüttenarbeiter. Akademiker gab es überhaupt nicht. Die Gegend war berüchtigt wegen der früheren Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Die soziale Frage wurde hier anschaulich demonstriert. Diese ersten seelsorgerlichen Erfahrungen bestimmten entscheidend sein ganzes späteres priesterliches Leben. Der Pfarrer auf dem "Ostacker" war der heutige Weihbischof von Münster, Heinrich Baaken. Über diese Zeit erzählte P. Ostermann selbst: "Pfarrer Baaken kannte alle Pfarrkinder mit Vor- und Zunamen. Er hatte alle Adressen mit Straße und Hausnummer im Kopf. Wir machten um die Wette Hausbesuche und fühlten uns besonders glücklich, wenn wir von morgens bis abends bei den Leuten waren."

1943 wurde P. Ostermann von P. Provinzial Klein nach Dortmund gesandt, um von dort aus als Volksmissionar Religiöse Wochen zu halten. In den Diözesen Münster, Osnabrück, Paderborn und Hildesheim lernte er den Katholizismus in den damals noch geschlossenen katholischen Gebieten, in Dörfern, Mittelstädten und Großstädten kennen.

Da er seine Studien noch nicht endgültig abgeschlossen hatte - das Schlußexamen, die sogen. "Punkte", noch nicht gemacht hatte - bereitete er sich in dieser Zeit von Dortmund aus privat auf die "Punkte" vor und fuhr dann nach Frankfurt, um sein Examen abzulegen. Die Vorbereitung auf das "Punkteexamen" war bei der seelsorglichen Tätigkeit kaum möglich, und P. Ostermann hat sie nach eigenen Angaben wohl auch etwas leichtgenommen, so daß er die Punkte nicht bestand und als Koadiutor in die Gesellschaft endgültig aufgenommen wurde und seine Letzten Gelübde ablegte.

Nach dem Krieg begann dann P. Ostermann Ende 1945 im Canisiushaus in Köln sein Tertiat. P. Bönner hielt in dieser Zeit in verschiedenen Dekanaten in Köln Priesterrekollektionen. Bei einer solchen Rekollektio bat ihn ein Dechant, dafür zu sorgen, daß der Orden einen Pater freistelle für die Männerseelsorge. Vor allem sollte dieser Pater sich um die Betriebe kümmern, in denen die kommunistischen Betriebsräte immer mehr die Oberhand gewannen. Dieser Dechant schrieb nach dem Tode von P. Ostermann: "Nach einer Rekollektio sagte mir P. Bönner, der P. Provinzial wolle einen Jesuitenpater für die Männerseelsorge freistellen. Er bat mich, sofort an den Provinzial zu schreiben." So begann P. Ostermann seine seelsorgliche Tätigkeit in der Männerarbeit in Köln. Zu dem Beginn dieser Arbeit schrieb P. Ostermann einmal selbst:
"Mein Provinzial stellte mir frei, in die Männerseelsorge nach Essen, Dortmund oder Köln zu gehen, und ich wählte Köln. Ich habe es nie bereut. Obwohl ich Westfale bin, in Münster geboren wurde und auch in Münster die Schule besuchte, habe ich Köln lieben gelernt. Köln ist eine geschichtsmächtige Stadt, die aber nicht an einem Punkt der Geschichte stehengeblieben ist, sondern weiter Geschichte macht durch ihre Universität, durch ihre Großindustrie, den Handel usw. und voller Zukunft ist. Köln assimiliert schnell die zahllosen Menschen, die hier Wohnung nehmen." So wurde P. Ostermann Stadt-Männerseelsorger von Köln.
Das Katholische Männerwerk existierte zunächst in den Pfarren. P. Ostermann hielt Abendvorträge und Einkehrtage. Am 2. Sonntag jeden Monats kamen im Souterrain des Canisiushauses, einem der wenigen erhaltenen Kölner Säle, die Obmänner zusammen. Z.T. war der Besuch ausgezeichnet. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Kriegsgeneration wollte ein neues Deutschland aus einem neuen Geist schaffen. Männer aus allen Schichten boten ihre Mitarbeit an. Bei einem offenen Exerzitienkurs im Waisenhaus von St. Josef in Köln-Kalk sagte P. Ostermann: "Ich warte auf den ersten Mann, der so viele Leute aus seinem Betrieb zusammenbringt, daß wir einen Einkehrtag halten können."

So kam es zur Gründung der katholischen Betriebsmännerwerke, die dann gleichsam wie Pilze aus dem Boden schossen. Damals kamen allein aus den Betriebsmännerwerken im Jahr über 2000 Männer zu Einkehrtagen im Canisiushaus zusammen.

1948 gründete P. Ostermann mit den Laien-Mitarbeitern für die Mitglieder der Betriebsgruppen das "Soziale Seminar". Es begann ganz primitiv an vier Stellen der Stadt Köln. Die elementarsten Grundsätze der katholischen Soziallehre wurden durchgearbeitet. Das Werk dehnte sich dann immer mehr aus. Auch der Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit von P. Ostermann lag in dieser Zeit. Viele seiner Vorträge wurden in verschiedenen Zeitschriften publiziert, und eine ganze Reihe dieser Vorträge faßte er später in Büchern zusammen. So entstanden "Einfaches Leben", "Die Zukunft des Laien in der Kirche", "Die großen Religionen und das Christentum", "Großstadt zwischen Abfall und Bekehrung".

Im Laufe der Zeit wurden die Räume des Canisiushauses zu eng, so daß P. Ostermann begann, ein eigenes Haus zu planen. Er fand schließlich ein Grundstück in der Jabachstraße, gegenüber der noch in Trümmern liegenden Kirche St. Peter. Er rief die Männer zu Spenden auf und bettelte weitgehend selbst das Geld für die Finanzierung zum Aufbau des "Hauses der Begegnung" in der Wirtschaft zusammen, und bevor noch die Kirche St. Peter wieder errichtet war, stand das Haus der Begegnung als ein Zentrum der Männer- und Bildungsarbeit in der Stadt Köln. Der Gedanke von P. Ostermann war, das Haus der Begegnung mit der Kirche St. Peter zu einem Zentrum zusammenzufassen. Schließlich übernahm dann auch der Orden die Pfarre St. Peter, und in dieser Kombination wurden das Haus der Begegnung und St. Peter immer mehr zu einem Schwerpunkt der Bildungsarbeit der späteren "Akademie für Erwachsenenbildung Köln im Haus der Begegnung", der Nachfolgerin des "Sozialen Seminars". Die Arbeit in der Männerseelsorge der Stadt Köln strahlte weit über die Grenzen der Stadt und auch der Diözese hinaus.

Zwei Grundsätze waren für den Aufbau dieser Arbeit für P. Ostermann vor allem bestimmend: Ein möglichst großes Engagement und eine gute Zusammenarbeit mit den Laien.

Wenn irgendjemand mit neuen Ideen oder Anregungen zu ihm kam, dann pflegte er zu sagen: "Ideen hat jeder Bierkutscher, sie müssen aber verwirklicht werden. Ich bin bereit, das mit Ihnen zu tun, aber Sie müssen die Initiative dafür übernehmen."

So gelang es ihm, einen sehr großen Mitarbeiterstab von engagierten Laien zu finden, die die Arbeit mittrugen und zum Teil selbstverantwortlich leiteten. Ein zweites Anliegen in seiner Arbeit war, die Mitbrüder in der Provinz in die Bildungsarbeit mit einzubeziehen. Viele unserer Patres, vor allem der Professoren von Sankt Georgen, waren immer wieder bereit, diese Arbeit mitzutragen.

Am 6. Januar 1966 wurde P. Ostermann von P. General zum Provinzial der Niederdeutschen Provinz ernannt. Schweren Herzens verließ er die ihm lieb gewordene Arbeit als Männerseelsorger in Köln, um die Leitung der Provinz zu übernehmen. Der Beginn seines Provinzialates lag genau zwischen der ersten und zweiten Hälfte der Generalkongregation. In dem ersten halben Jahr seines Provinzialates versuchte er, alle Häuser der Provinz zu besuchen und alle Mitbrüder kennenzulernen. Außerdem versuchte er, sich in die ersten Ergebnisse des ersten Teils der Generalkongregation einzuarbeiten, um dann im Herbst 1966 an dem zweiten Teil teilnehmen zu können.

Nach Ende der Generalkongregation hatte er sich vorgenommen, alle Häuser in der Provinz zu besuchen, um sie über die Ergebnisse der Generalkongregation zu informieren. Ohne Rücksicht auf seine Gesundheit begann er die vielen Reisen durch die Provinz, doch dies führte dazu, daß er am 2. Dezember 1966 mit einem Herzinfarkt in das Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Auf die Bitte von P. General hin behielt er die Leitung der Provinz bei, und nach einigen Monaten der Genesung nahm er sein Amt wieder auf. Bei der Arbeit als Provinzial behielt er aber den Kontakt zu seiner früheren Arbeit im Haus der Begegnung und zur Männerseelsorge.

Trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustandes besuchte er dann noch die Mitbrüder in Japan. Er machte einen Besuch in Prag und kümmerte sich vor allem auch um die Mitbrüder der kroatischen Provinz Jugoslawiens. Nach Beendigung seines Provinzialates Anfang 1972 kam P. Ostermann zu der Arbeit im Haus der Begegnung zurück. Er übernahm wieder die Leitung der Akademie für Erwachsenenbildung und nahm seine alte seelsorgliche Tätigkeit wieder auf. Seine Energie und Tatkraft galten bis zum letzten Augenblick der Aufgabe, die sein priesterliches Wirken bestimmte: dem Katholischen Männerwerk und der Akademie für Erwachsenenbildung im Haus der Begegnung. Er hatte einige Monate vor seinem Tod begonnen, regelmäßig in der Samstagabendmesse um 18 Uhr in St. Peter eine thematische Predigt zu halten. Das Thema der letzten Predigtreihe lautete: "Sprechen wir von der Liebe!" Am Abend vor seinem Tod hielt er aus dieser Reihe eine ausführliche Predigt über "Die Nächstenliebe". Die dritte Predigt mit dem Thema "Gottesliebe" hatte er bereits schriftlich ausgearbeitet.

Nach der Hl. Messe am 10. November 1973, die er zusammen mit P. Jäger feierte, fühlte er sich noch sehr wohl. Am nächsten Tag wollte er mit 50 Männern aus der Stadt Köln zu einer Großveranstaltung in der Paulskirche nach Frankfurt fahren. Als P. Jäger am nächsten Morgen nachsehen wollte, ob er auch pünktlich wach geworden sei, fand er ihn tot im Sessel vor.

Wahrscheinlich hatte P. Ostermann - wie es in den letzten Monaten häufiger der Fall war - gegen 5 Uhr in der Nacht Herzbeschwerden und war aufgestanden, um sein Medikament zu nehmen. Die Tatsache, daß er nicht versucht hat, einen der Mitbrüder zu rufen, zeigt, daß das Herzversagen sehr plötzlich eingetreten ist und er einen sehr schnellen Tod erlitten hat, wie er ihn immer gewünscht und geahnt hatte.

Mit der Frage des Todes hat er sich in den letzten Monaten sehr intensiv beschäftigt. Im Kirchenfunk des WDR hatte er in der Woche nach Ostern 1973 Ansprachen gehalten, die alle unter dem Thema standen "Der Tod im Lichte des Ostergeheimnisses".

An ein Zitat aus diesen Predigten knüpfte auch die Predigt von P. Provinzial Gerhartz an, die er in der Totenhalle vor der Beerdigung von P. Ostermann hielt. Die Bedeutung, die P. Ostermann für die Männerseelsorge und die Erwachsenenbildung in der Erzdiözese Köln und weit darüber hinaus in der Bundesrepublik hatte, wurde in den vielen ausführlichen Beileidsschreiben deutlich.

Alle, die je mit ihm zu tun hatten, werden ihm ein gutes Andenken bewahren, und seine Ideen, Pläne, Anregungen und Anstöße haben in dem Werk, das er hinterlassen hat, weiterhin Zukunft.

R.i.p.

P. Josef Jäger SJ

Aus der Provinz, Nr. 2 - März 1974, S. 15ff