P. Franz Mattelé SJ
* 3.06.1908    7.03.2004
Eintritt 1928 - Priesterweihe 1939 - Letzte Gelübde 1948

Nur knapp hat P. Franz X. Mattelé die Vollendung seines 96. Lebensjahres verfehlt, nur wenige Wochen war er bettlägerig, auch in den letzten Tagen war ihm völlig klar, dass die irdische Lebensreise zu Ende ging und "der liebe Gott angerufen hatte". Von einigen Verwirrungen und Vergesslichkeiten abgesehen war unser Mitbruder bis zuletzt der ganze Franz Mattelé: mit Gott fest verbunden, voll apostolischen Eifers, munter im Umgang, aber auch kräftig aufbrausend und zornig wie eh und je. Stolz war er auf seine Heimatstadt Aachen und ihren Herrscher Karl den Großen. Geboren wurde er 1908 in einer soliden und religiösen Bäckerfamilie. Der Geschäftsbetrieb band auch die Kinder in die Arbeit ein und brachte ihnen in allen Anforderungen eine bodenständige Lebenspraxis. Da Franz das einzige der fünf Kinder war, der auf Fürsprache eines Onkels das Gymnasium besuchte, revanchierte er sich bei den Eltern mit Nachhilfestunden, mit denen er den Familienetat entlasten wollte. So blieb für Neudeutsche Gruppen keine Zeit, alle Freizeit gehörte dem Sport und hier nach Kräften dem Fußball. Jesuiten konnte man in Aachen in den zwanziger Jahren auch auf andere Weise begegnen: in der Untersekunda machte er Exerzitien bei P. Ludwig Esch, in der Oberstufe bei P. Schildgen. Hier wurde der Wunsch zum Priestertum geweckt, als Vertretungslehrer hatte er in der Oberprima P. Rodewyck; hier wurde die Idee wach, ins Noviziat der Gesellschaft zu gehen, wie er selbst schreibt. So machte er sich im Frühjahr 1928 auf den Weg nach 's-Heerenberg zum Novizenmeister Heinrich Schmitz. "Wenn es klappt, bleibe ich, sonst gehe ich wieder". Er blieb.

Währen der Philosophie kam eine schwere Bewährungsprobe. Er bekam so starke Kopfschmerzen, dass er meistens nur eine Stunde am Tag studieren konnte. Das Studium wurde durch ein zweijähriges Praktikum in Godesberg unterbrochen, danach konnte er sein Studium abschließen und es folgte ein drittes Interstizjahr bei den Neudeutschen Gruppen in Köln in der Stolzestraße. Die Theologie studierte er ungestört von 1936-40 im holländischen Valkenburg. Kurz vor Kriegsbeginn wurde er zum Priester geweiht und schloss seine Studien im Sommer 1940 mit dem Punkteexamen erfolgreich ab. Im ersten Jahr seines Priestertums arbeitete er in der Jesuitenpfarrei St. Ignatius in Frankfurt/Main, es folgte die Einberufung zur Wehrmacht mit einem Jahr Einsatz als Sanitäter an der Front in Südrussland. Der bekannte Geheimbefehl des Führers brachte ihn zurück in die Pfarrarbeit nach Trier. Als hier im Herbst 1944 die Front näher kam, rief der Generalvikar die jüngeren Priester in der Stadt auf, die evakuierten Frauen und Kinder nach Thüringen zu begleiten. In Absprache mit dem Provinzial P. Flosdorf meldete sich Franz Mattelé und machte sich mit dem Fahrrad und einigen Koffern auf den Weg nach Erfurt. Mit diesem Aufbruch begann das, was die Substanz seiner Lebensarbeit wurde: Seelsorge in der Diaspora, der er sich mit ganzem Herzen verschrieb. 1945 gingen die Evakuierten in die Heimat zurück, es kamen die vertriebenen Schlesier, bettelarm und heimatlos. Zwanzig Ortschaften im Kreis Sondershausen waren das Arbeitsfeld für unseren Franz, keine Kirche, bittere Not, doch Menschen, die treu an Gott festhielten.

Die Mitbrüder in Berlin halfen kräftig, schickten Kleider und Care-Pakete, und von schlesischen Schulschwestern konnte sich P. Mattelé zwei Schwestern holen, die ihn in der Gemeindearbeit lange überlebten. 1950 schickte die Niederdeutsche Provinz Ablösung. P. Mattelé rang lange mit dem Provinzial, er wollte gern in die Exerzitienarbeit, doch der sagte: zunächst einmal Göttingen. Hier hatten die Patres neben der Hochschulgemeinde eine Stadtpfarrei, zu Beginn riesengroß, dazu Religionsunterricht in zwei Gymnasien, und für unseren Helden kam speziell dazu der Außenbezirk mit 16 Ortschaften! Die Arbeit war abgesicherter als im Osten, aber eine Riesenfülle. Das habe ich selbst 12 Jahre später erlebt und gesehen, wenn auch in gemilderter Form: die Pfarrei war inzwischen geteilt, viele Menschen in den Dörfern Arbeit suchend und abgewandert. Acht Jahre lang hatte P. Mattelé gesundheitlich alles hergegeben, so dass er für einige Jahre zu leichteren Anforderungen in eine Residenz nach Essen kam. Hier wurde er der P. Minister, machte Aushilfen und hielt Schwesternvorträge. Als ihn der Provinzial Ostermann 1966, Franz war 58 Jahre alt, fragte: "Wie soll es weitergehen?" kam die uns in Gesprächen oft überlieferte Antwort: "Man kann nur mit dem Pulver schießen, das man hat und das ist: Pfarrseelsorge in der Diaspora". Nach ganz kurzer Zeit hatte er die ansehnliche Pfarrei Hl. Familie in Kirchohsen-Emmerthal bei Hameln an der Weser bis zu seinem 70. Geburtstag. Noch einmal ging Franz mit xaverischem Elan an die Arbeit, mit Geschick und Erfolg, die Verbindung blieb bis zu seinem Tode, und am Begräbnistage waren die Vertreter der Pfarrei mit einem VW-Bus zur Stelle.

Wieder einige ruhige Jahre in der Residenz Saarlouis zum Atemholen, dann ging es zur großen Freude unseres Veterans noch einmal los, in ein großes Altenheim in Daun in der Eifel, wo der plötzliche Tod seines Vorgängers Fritz Fuhrmann ihm für weitere zwölf Jahre die Tore geöffnet hatte. Wie es losging und bis zu seinem 90. Geburtstag auch durchging, brauche ich nach den vorausgegangenen Schilderungen wohl nicht auszuführen. Von Daun kam am 15. März 2004 der zweite VW-Bus mit den Spitzen des Hauses. Als er 90 geworden war, entschieden die Oberen: Nun ist es aber endgültig genug, die Straße nach Münster wurde freigemacht. Kleine Spaziergänge, Besuche in den Kirchen der Stadt, Musik hören, Lesen füllten nun seine Tage. Ohne Begleitung machte er sich im Herbst 2000 per Bahn zum Fest "50 Jahre Jesuiten in Göttingen" auf den Weg und machte sich dort zu einem der Stargäste. Auf dem Rückweg holten ihn die Emmerthaler für einige Tage zu sich. Erst mit dem Umzug nach Köln im April 2002 wurden die Kreise enger, die Kräfte ließen nach. Herr Diakon Gruyters, mit einer ehemaligen Seelsorgehelferin aus Göttingen verheiratet, hat noch wunderschöne Autotouren gemacht, die bis nach Aachen, Hochelten und Maria Laach reichten. Am 12. Januar 2004 musste er ins Krankenhaus, alles sah zunächst nach einem Wiederkommen aus, so war es auch für wenige Tage noch einmal im Februar, doch dann wurde es ihm und allen Ärzten sehr rasch klar, dass das Ende eines langen und bewegten Lebens erreicht war. In der Nacht vom 6. auf den 7. März hat er im Evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk von dieser Erde Abschied genommen.

Das Totenamt war am 15. März in der Hauskapelle unseres Caritas-Heimes und die Beerdigung mittags auf dem Friedhof Melaten. Die Familie war kräftig vertreten, unter anderem waren Vettern und Cousinen aus seiner Generation gekommen, die heute im Kreis Eupen leben. Der Zusammenhalt in der Familie Mattelé wird durch große Familientreffen immer wieder neu besiegelt.

R.i.p.

P. Fritz Abel SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 20f