P. Valentin Martin SJ
* 13. August 1914 in Oberhausen-Osterfeld
21. Juni 1994 in Köln

P. Valentin Martin wurde am 13. August 1914 in Osterfeld - Rheinland, dem heutigen Oberhausen, als letztes von fünf Kindern geboren. Die Familie stammte ursprünglich aus Martinsthal im Rheingau (heute Eltville). Um bessere Arbeitsmöglichkeiten zu haben, zog sein Vater, von Beruf Maurerpolier, mit seiner Familie ins rheinische Industriegebiet. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Vater von P. Martin am 2. August als Soldat einberufen. Acht Tage später, am 13. August, wurde Valentin geboren. Die Familie mußte eine harte Zeit durchleben. Die Mutter war allein mit den fünf Kindern. Die heranwachsenden Kinder waren unterernährt, und die älteste Schwester wurde von TBC infiziert. Sie starb 1921. Die zweitälteste Schwester folgte ihr 1923. Schließlich starb auch der Bruder, bei dem die Krankheit unmittelbar nach dem Staatsexamen in Philosophie ausbrach und in drei Jahren zum Tod führte. Der Vater erlitt an der Front eine schwere Kopfverwundung, geriet in französische Gefangenschaft und kehrte erst 1920 heim. Kurz nach der Primiz von P. Martin erlitt sein Vater 1940 einen Schlaganfall. Die Mutter pflegte den total Gelähmten bis zu dessen Tod 1944 zu Hause. Die jüngere Schwester trat 1935 bei den Kreuzschwestern in Menzingen ein. Im Rückblick auf diese schwere Zeit schrieb P. Martin in seinem Lebensbericht: "Diese schweren Schicksalsschläge, wie auch die Not der Wirtschaftskrise, haben meine Eltern nur in der Kraft des Glaubens bestanden. Ihnen verdanke ich meine religiöse Haltung und vor allem das große unerschütterliche Gottvertrauen." Trotz der großen Armut ließen die Eltern Valentin und seinen Bruder studieren.

Nach dem Besuch der Volks- und Rektoratschule in Osterfeld von 1920 bis 1929 ging er auf das Gymnasium im benachbarten Bottrop und machte 1933 das Abitur. Im ND lernte er die Gesellschaft Jesu kennen und machte bei P. Grauvogel und P. Esch Exerzitien.

Am 26. April 1933 trat er in den Orden ein. Nach dem Noviziat in s'-Heerenberg - P. Heinrich Schmitz und danach P. Wilhelm Flosdorf waren seine Novizenmeister - folgte von 1935 bis 1938 das Studium der Philosophie in Pullach bei München. Unmittelbar danach schickten die Oberen ihn in die Theologie nach Valkenburg, wo er am 26. Oktober 1940 zum Priester geweiht wurde. Er hatte das Glück, das theologische Abschlußexamen noch ablegen zu können, bevor er am 2. Juni 1942 zum Militär als Sanitäter einberufen wurde. Er selbst sagte von sich, daß er kein "zackiger Soldat" war. Der Gedanke und das Erleben, anderen helfen zu können, haben ihm den Militärdienst erträglich gemacht. Als Sanitätsdienstgrad bei einer Hauptverbandsplatzkompanie kam er, außer nach Rußland, in alle Länder um Deutschland und in Deutschland selbst zum Einsatz. Da bei seiner Einziehung in die deutsche Wehrmacht die große Entlassungsaktion der Jesuiten-Patres vorüber war, hat er den Dienst als Soldat bis zum bitteren Ende durchmachen müssen. Im Juli 1945 kehrte er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Veiden heim.

Pater Provinzial Flosdorf ernannte den Heimgekehrten zum Sozius des Novizenmeisters. Die ersten Novizen waren inzwischen in Köln eingetroffen und P. Hans Häcker war ihr Novizenmeister. Sehr bald wurde das Noviziat nach Münster verlegt und am 1. Februar nach Eringerfeld. Hier übernahm P. Martin auch die Aufgabe des Ministers. In Eringerfeld fehlte in der Zeit unmittelbar nach Ende des Krieges fast alles, was zum Leben notwendig war. Die Einrichtung für das alte Schloß mußte besorgt werden. Vor allem aber galt es, für die Verpflegung des Hauses zu sorgen. Mit den Novizen zog P. Martin durch die umliegenden Dörfer und bettelte um Lebensmittel. Durch das Mitleid der Bauern war es möglich, die Verpflegung zu sichern. Die Situation besserte sich erst, als die Carepakete aus Amerika ankamen.

Im Oktober 1946 begann P. Martin in Köln sein Tertiat. Tertiarier-Meister war P. Wilhelm Sierp. Es war das letzte und 25. Tertiat das P. Sierp hielt.

Nach dem Tertiat wurde P. Martin als Mitarbeiter in der Lehrerseelsorge P. Tritz zugeteilt. Diese Seelsorgsarbeit wurde von Essen und dann von Dortmund aus gemacht. Man versuchte, den Raum des Niederrheins und des Münsterlandes zu erfassen. In das Arbeitsgebiet kamen noch die PP. Bicheroux und Zander. Die Tätigkeit wurde noch erweitert durch die Priesterrekollektionen und Vorträge bei Schwestern.

Am 15. Februar 1950 wurde P. Martin Superior in Dortmund. Damit begann für ihn eine 32 Jahre andauernde Aufgabe als Superior. Er selbst war gerade 32 Jahre alt; die anderen Mitbrüder waren 50 Jahre alt und älter. Er hielt sich für die Aufgaben des Superiors als völlig ungeeignet. Aber die Mitbrüder und die Oberen schätzten ihn wegen seiner klugen, mitbrüderlichen und geistlichen Amtsführung. P. Mario von Galli, der oft in Köln zu Gast war, zog ihn mit dem Scherzwort auf: "als du geboren wurdest, hat dir die Hebamme einen Zettel auf den Po geklebt: 'immer Superior'." In Dortmund versuchte P. Martin, den ND neu aufzubauen. Es gelang ihm, 4 Gruppen zu gründen. Soweit es ihm die Zeit erlaubte, gab er auch noch Exerzitien. Mit dem Wechsel im Amt des Superiors war für ihn immer auch ein Ortswechsel verbunden. So wurde er am 1. September 1953 zum Superior in Göttingen ernannt und zugleich auch zum Pfarrer berufen. Er war nie in der Pfarrseelsorge tätig gewesen. Trotz aller Bedenken, die er anfänglich gehabt hatte, wurden diese Jahre zur schönsten Zeit seines priesterlichen Lebens, wie er später sagte. In diesen Jahren wurde St. Michael wieder selbständige Pfarrei, es wurde in Geismar die Kirche gebaut, die Teilung der Pfarrei in die Wege geleitet und die Renovierung der Michaeliskirche begonnen. Als er 1965 zum Superior in Koblenz ernannt wurde, fiel ihm der Abschied von Göttingen sehr schwer.

In Koblenz war es seine Aufgabe, mit in den Beichtstuhl zu gehen, Schwesternvorträge zu geben und Priesterrekollektionen zu halten. Außerdem betreute er die Gruppen der Männer-MC in Koblenz.

Am 1. September 1971 ging er nach Frankfurt, wo er wieder das Amt des Superiors übernahm. 1972 wurde er zum Pfarrer an St. Ignatius in der Elsheimerstraße ernannt. Die Aufgaben des Pfarrers waren ihm von Göttingen her bekannt. Aber es bestand jetzt eine ganz andere seelsorgliche Situation. Er selbst war nicht mehr der jüngste Pater in der Residenz sondern einer der ältesten. Die Seelsorge war im Umbruch. Die Zahl der Gemeindemitglieder ging zurück und - für ihn erschreckend - wurde die Kirche leerer und leerer. In der Gemeinschaft der jüngeren Mitbrüder fühlte er sich sehr wohl. Durch sie war ihm der Übergang der Kirche in die nachkonziliare Phase der Kirche sehr erleichtert.

In der Frankfurter Zeit begannen für ihn auch manche körperlichen Beschwerden. Als Folge einer Divertikulose stellte sich eine Darm- und Magenfistel ein, die operiert werden mußte. Da sich weitere Komplikationen einstellten, schwebte er über Wochen zwischen Leben und Tod. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus mußte er noch 7 Monate einen Anus praeter tragen, was ihm besonders schwerfiel. Mit seinem Zucker, der 1962 nach einer Virusgrippe zum Ausbruch kam, mußte er sich alle weiteren Jahre abfinden. Wer nichts davon wußte, hat es kaum bemerkt. Er selbst sagte dazu: "solange ich arbeiten kann, soll es mich nicht stören."

Am 29. Dezember 1977 wurde P. Martin noch einmal Superior im Canisiushaus in Köln. Von seinem Vorgänger übernahm er die geistliche Leitung der Marianischen Kongregation für Kaufleute. Am 1. Oktober 1978 wurde er im Seelsorgeamt des Erzbistums Köln Referent für die Altenseelsorge, die ihm sehr viel Freude bereitete. Sein Wunsch war es, von dem Amt des Superiors vorzeitig entpflichtet zu werden. Er hoffte, im Canisiushaus ohne die Belastung des Superiorenamtes zu bleiben. P. Provinzial aber bat ihn, in die Residenz St. Peter in der Jabachstraße umzusiedeln. Von der Jabachstraße aus nahm er die Arbeit im Referat Altenseelsorge wahr. Nachdem er schon mehrere kleine Schlaganfälle erlitten hatte, traf ihn im März 1984 erneut ein Schlaganfall, als er als geistlicher Begleiter eine Gruppe von Behinderten auf einer Pilgerfahrt nach Israel begleitete. Er wurde mit einem Flugzeug schnellstens nach Köln gebracht, wo er sich aber bald wieder erholte. Von der Altenseelsorge wechselte er nun in das Referat Männerseelsorge. Vor allem hielt er im Marienhof, dem Bildungshaus des Männerwerks im Siebengebirge, Besinnungswochen für Pensionäre. Bis 1993 hat er mit großer Freude diese Seelsorgsarbeit wahrgenommen. Als am 26. Dezember 1991 die Residenz St. Peter aufgelöst wurde, zog er mit den anderen Mitbrüdern aus St. Peter wieder in das Canisiushaus um.

Inzwischen aber machte ihm das Alter immer mehr zu schaffen. Eine Arthrose wurde so schmerzhaft, daß sie ihn sehr stark behinderte. Als er im September 1993 eine Besinnungswoche im Marienhof gehalten hatte, schrieb er in seinen Lebensbericht: "Dies war mein letzter Kurs, es geht nicht mehr."

Am 20. Juni 1994 klagte er vormittags über Atembeschwerden. Sein Arzt verordnete ihm ein Medikament, das seine Beschwerden erleichterte. Am Abend sagte er einem Mitbruder, mit dem er immer konzelebrierte, er wolle sich am nächsten Morgen ausschlafen. Er solle sich keine Sorgen machen, wenn er zur üblichen Zeit nicht kommen würde. P. Superior sah am 21. Juni 1994 morgens nach ihm. P. Martin lag, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, tot auf seinem Bett. Er hatte sich bereits rasiert und gewaschen. Wahrscheinlich wollte er sich noch etwas erholen. Nach Aussage des Arztes ist er gegen 7.00 Uhr gestorben.

Auch der letzte Ruf des Herrn in die Ewigkeit traf ihn nicht unvorbereitet. Das Gottvertrauen, von dem er in seinem Lebensrückblick spricht, begleitete ihn bis in die letzte Stunde seines Lebens.

R.i.p.

P. Josef Jäger SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1994 - Oktober, S. 186-189