P. Friedrich Kempf SJ
* 25. Juni 1908    29. Mai 2002
Eintritt 1932 - Priesterweihe 1938 - Letzte Gelübde 1948

Friedrich Kempf, am 25. Juni 1908 in Wiesbaden geboren, stammt aus einer Lehrerfamilie. Sein Vater, aus Schloßborn (Taunus) stammend, brachte es zum Mittelschulrektor; sein Großvater mütterlicherseits war Lehrer in Eibingen (Rheingau) gewesen. Man war zuhause zu vier Brüdern, von denen Friedrich der zweite war; außer ihm sein älterer Bruder Wilhelm, der spätere Limburger Bischof, dessen Einfluss und Rat für ihn immer sehr entscheidend war, ein weiterer Bruder Josef, der Arzt wurde, schließlich ein Bruder Werner, der 1944 im 2. Weltkrieg fiel. Zu den entscheidenden und für das Leben prägenden Jugenderlebnissen gehören für ihn die Ferien in Eibingen bei seinem Großvater mütterlicherseits. Die Atmosphäre des dortigen Benediktinerinnenkonvents, nicht zuletzt seine strenge Gregorianische Liturgie, und generell die katholische Landschaft des Rheingaus sind sowohl für ihn wie für seinen Bruder Wilhelm entscheidend für den Priesterberuf geworden.

Dieser Gedanke und auch die Erwägung, in einen Orden einzutreten, beschäftigte ihn schon auf dem Gymnasium. Dennoch kam es erst auf einem Umweg dazu. Zunächst entschloss er sich, nach dem Abitur (1927) Geschichte und Germanistik zu studieren, und zwar in Marburg, wo er seinen Doktorvater Prof. Stengl kennenlernte, für zwei Semester (1928/29) auch in Berlin. Die Berliner Zwischenphase, für das Studium weniger entscheidend als die Marburger Jahre, war für ihn nicht unwesentlich für seine Ordensberufung. Im Seminar von Prof. Brackmann war man, wie er berichtet, "sympathisch, wenn man katholisch war". Inmitten der allgemeinen geistig-politischen Krise bestand eine Empfänglichkeit für den Katholizismus und speziell seine Staatslehre. Sein Studium schloss er 1932 in Marburg bei Prof. Stengl durch die Promotion über das Rommersdorfer Briefbuch ab, eine Arbeit, die sich durch die paläographische und gleichzeitig textgeschichtliche Analyse später als wichtige Voraussetzung für die Arbeit am Register Innozenz III. erwies.

Inzwischen war aber bei Friedrich bereits die Entscheidung zum Eintritt in den Jesuitenorden gefallen. Der Gedanke dazu schälte sich bei ihm, noch ohne persönlichen Kontakt mit Jesuiten, vor allem durch den Einfluss seines Bruders Wilhelm heraus, der als Germaniker in Rom und dann in Sankt Georgen unter jesuitischen Lehrern und Leitern studierte. In seiner Erinnerung ist noch ein Erlebnis im Jahre 1930 haften geblieben, bei dem er eindeutig Klarheit über seine Berufung erhielt. Es war in der elterlichen Wohnung in Wiesbaden mit Blick auf den Taunus. Er hatte damals das Gefühl einer sonst nie gespürten Evidenz: Wenn du nicht in die Gesellschaft Jesu eintrittst, ist dein ganzes Leben verpfuscht! Es war ein Erlebnis, das in seinem ganzen Leben präsent blieb; Berufskrisen und Zweifel hatte er nachher nicht mehr.
Zuerst sprach er mit seinem Bruder darüber. Dieser riet ihm, zunächst sein Geschichtsstudium mit dem Doktorat abzuschließen, was er tat. Jedoch nahm er nun Verbindung mit den Jesuiten in Sankt Georgen auf. Insbesondere sprach er mit P. Wilhelm Klein, der ihn zwei Stunden lang examinierte. Bei der Frage: "Warum wollen Sie in die Gesellschaft Jesu eintreten?" habe er ehrlich erwidert: "Das weiß ich nicht". Darauf P. Klein: "Das kann ich gut verstehen; damals war ich bei P. Ledochowski in der Klemme, als er mich fragte, Sie wollen Jesuit werden - kennen Sie denn die Regel Benedikts? Kennen Sie die Franziskus-Regel? - Darauf erwiderte ich: Wenn jemand ein Mädchen heiratet, braucht er auch nicht erst alle Mädchen der Welt zu kennen". Aber, so P. Klein, er solle dies nicht im Examen bei P. Kösters sagen, sondern auf die Frage, weshalb er eintreten wolle, erwidern: "Um des eigenen Seelenheiles willen und dessen der andern". Dies tat er denn auch, worauf P. Kösters "optime" erwiderte!

So trat er im Mai 1932 ins Noviziat in 's-Heerenberg ein. Es folgten die Ausbildungsjahre in Philosophie in Pullach (1933-35) und Theologie in Valkenburg (1935-39). Bereits das erste Jahr in Valkenburg brachte die Weichenstellung für Studium und Lehre der Kirchengeschichte, und speziell in Rom, und zwar - wie es so häufig geschieht - im Dienst eines Projektes, das in dieser Form nicht zustande kam. Damals besuchte P. Joseph Grisar von der Kirchenhistorischen Fakultät der Gregoriana den jetzigen Provinzial P. Klein und fragte nach einem Mitbruder, der an dem von ihm projektierten Handbuch der Kirchengeschichte mitarbeiten könne. P. Klein verwies ihn auf den Scholastiker Kempf, mit dem er dann sprach. Projekte dieser Art wurden ja damals noch viel einfacher konzipiert als sie sich dann in der Ausführung herausstellten. Das Terziat in Florenz (1939/40) bereitete dann bereits den Aufenthalt in Rom vor, das nun für 40 Jahre P. Kempfs Heimat sein sollte.

Obgleich in der Theologie, zumal im Zusammenhang des Projektes von P. Gisar, zeitweise der Gedanke der Spezialisierung in SJ-Geschichte, also in Neuzeit, bestand, kristallisierte sich angesichts des Bedarfs der kirchenhistorischen Fakultät der Gregoriana und auch seiner eigenen Vorbildung ziemlich schnell Paläographie und Diplomatik als das Spezialgebiet von P. Kempf heraus. Für diese Fächer übernahm er, nachdem er die Archivschule des Vatikans besucht hatte, seit 1942 die Vorlesungen. Wissenschaftlich und für den inhaltlichen Schwerpunkt seiner historischen Arbeit sollte für ihn die Arbeit über das Register Innozenz III. (1198-1216) schicksalsweisend sein, wenngleich der damals von ihm gehegte Plan einer kritischen Edition des ganzen Registers, welches drei Migne-Bände (PL 214-16) füllt, sich als undurchführbar, bzw. als vollständige Lebensaufgabe erwies. Aber das Thema "Innozenz III." begleitete ihn von nun an durch sein Leben und ließ ihn nicht mehr los.

Die Großen Köpfe der kirchenhistorischen Fakultät waren damals Grisar, Leturia (der P. Kempf für allerhand Arbeiten zu gewinnen suchte, freilich nicht selten auch die Schwierigkeiten unterschätzte und mit dem sich zeitweise auch starke Spannungen ergaben), schließlich Leiber. Auf Vorschlag Leibers übernahm P. Kempf ab 1948/49 auch den frei gewordenen Lehrstuhl für die mittelalterliche Kirchengeschichte (d.h. für die Zeit von 700 bis 1300) an der Fakultät. Entscheidend war dabei für ihn der Wunsch, über die Hilfswissenschaften hinaus stärker an die inhaltlichen historischen Probleme heranzukommen. Dieser neuen Akzentsetzung entspricht die 1954 veröffentlichte große Arbeit über "Papsttum und Kaisertum bei Innozenz III.". Für die politische päpstliche Doktrin des 12. und 13. Jahrhunderts, bisher nur unter der vereinfachten Fragestellung der "dualistischen" oder "monistischen" (bzw. "hierokratischen") Doktrin angegangen, entwickelte er hier und in zahlreichen Aufsätzen neue, differenzierte Perspektiven.

Aber die römische Tätigkeit von P. Kempf ging keineswegs in den eigenen Forschungen und der Lehre auf. Wenig bekannt und doch wichtig ist nach dem Krieg ein Einsatz von ihm und P. Kirschbaum, der ihm in deutschen Historikerkreisen aller Richtungen große Anerkennung verschaffte. Es ging um die Rückgabe der deutschen historischen Institute in Rom, die nach Wünschen von alliierter Seite internationalisiert werden sollten. P. Kempf und P. Kirschbaum setzten sich jahrelang und schließlich mit Erfolg für ihre Rückgabe ein (Curtius: "Die zwei Jesuiten haben vor den deutschen historischen Instituten wie zwei Paladine gestanden"). - Für das Herdersche "Handbuch der Kirchengeschichte", mit dem Namen von Hubert Jedin verbunden, gehört P. Kempf zu den geistigen Vätern. Er war es vor allem, der in den 50er Jahren das Projekt von Grisar, der mit dem Herder-Verlag in Kontakt war und an eine nur von den römischen Professoren herausgegebene Kirchengeschichte dachte (jenes Projekt, um dessentwillen Grisar ihn ja noch als Scholastiker angesprochen hatte), im Sinne eines von Kirchenhistorikern des ganzen deutschen Sprachbereichs verfassten Werks erweiterte. - Und schließlich gehört in diesen Rahmen die führende Mitarbeit an der seit 1963 von der kirchenhistorischen Fakultät herausgehobenen Zeitschrift für Papstgeschichte ("Archivum Historiae Pontificiae"). Ihre Initiative geht auf P. Leturia (1955) zurück, zu dessen Zeit sich das Projekt freilich aus Mangel an verfügbaren Kräften noch nicht verwirklichen ließ. Ab 1963 waren es besonders P. Kempf und P. Burkhart Schneider, die das Unternehmen vorantrieben und vor allem in den ersten Bänden zahlreiche Beiträge und Rezessionen lieferten.

Obwohl gelegentlich seelsorgliche Tätigkeiten (durch Beichthören, Predigten, spirituelle Betreuung, Exerzitien, Konvertitenunterricht) nicht fehlten, sah P. Kempf doch in Forschung und Lehre seine eigentliche apostolische Aufgabe. Auch war er im allgemeinen ein ortsfester Mann. Sein Reisehorizont erstreckte sich nicht über Italien, Deutschland und Österreich hinaus (nur einmal kam er 1957 nach Frankreich). Die Teilnahme an den Mittelalter-Kongressen in Spoleto und hin und wieder der eine oder andere Vortrag in Deutschland aus seinem Spezialgebiet; darin erschöpfte sich im wesentlichen seine Aktivität über die Gregoriana hinaus. Wichtig waren freilich für ihn seit 1949 die gemeinsam mit seinem Bruder, jetzt Bischof von Limburg, in Deutschland verbrachten Ferien; aus dem Beisammensein mit ihm schöpfte er neue Kraft und Impulse.

Einen nicht unwesentlichen Einschnitt, auch in wissenschaftlicher Hinsicht, d.h. in Akzentsetzungen, Interessen und Bewertungen, bildete für P. Kempf das II. Vaticanum, das er in seiner römischen Resonanz und vor allem in häufigem Kontakt mit seinem Bruder erlebte. Es wurde auch für ihn und seine Sicht der Kirchengeschichte ein Schlüsselerlebnis. Es trug einmal dazu bei, dass sein Interessenschwerpunkt beim mittelalterlichen Papsttum sich etwas verlagerte: Vom Verhältnis zur weltlichen Gewalt zu den (im heutigen Sinne) "innerkirchlichen" Aspekten der Primatsentwicklung, damit auch stärker auf die frühere Zeit, in welcher die Voraussetzungen dieser Entwicklung geschaffen wurden. Dies wiederum bedingte eine stärker kritische (wenngleich immer sehr behutsam-differenzierende) Sicht der Entwicklung des mittelalterlichen Papsttums und nicht zuletzt Innozenz III. selbst. In diesen Rahmen gehören bereits seine Beiträge zu Band III/1 des Herderschen "Handbuchs der Kirchengeschichte" von 1966, welche einerseits die ottonisch-frühsalische Zeit, andererseits die gregorianische Reform selbst und die damit zusammenhängende "innere Wende des christlichen Abendlandes" behandeln. Sie beanspruchten freilich insgesamt fünf Jahre wissenschaftliche Arbeitskraft und warfen ihn zunächst ganz aus seinem wissenschaftlichen Plan heraus. In ihrer Gründlichkeit und gleichzeitig weiten historischen Perspektive gehören sie jedoch zu den reifsten Leistungen innerhalb dieses Gesamtwerkes.

Eine mittelalterliche Geschichte des Papsttums: Dies blieb sein großes wissenschaftliches Projekt und Fernziel, das er jedoch nicht, bzw. nur in Bruchstücken verwirklichen konnte. Eine sehr reife Leistung wurde noch der Aufsatz über "Primatiale und episkopal-synodale Struktur der Kirche vor der gregorianischen Reform" im "Archivum Historiae Pontificiae" von 1978. Er bildet bis jetzt die beste Darstellung der Primatsentwicklung im abendländischen Frühmittelalter von der Völkerwanderung bis zur gregorianischen Reform. Er zeigt die neuen, auch wesentlich durch das II. Vaticanum beeinflussten Fragen und Interessenschwerpunkte an: Das Problem der Kontinuität in der Kirche durch Verfall und Funktionswandel der "Zwischenstrukturen" zwischen Einzelbischof und Papst (Patriarchate, Metropolitanverbände, Reichs- und Provinzkonzilien), die im Laufe der Zeit nur noch entweder in Bindung an Rom oder an die Reichskirche funktionierten. Ein weiterführender Aufsatz für die Zeit bis auf Innozenz III. schloss sich 1980 an. Die zunehmende Erblindung sollte leider nicht mehr zulassen, dass diese Forschungen in einem reifen Alterswerk gipfelten.

1978 wurde P. Kempf im Alter von 70 Jahren, wie an der Gregoriana üblich, emeritiert. Noch einige Jahre hielt er Seminare. Dann siedelte er, schon wegen der Nähe seines Bruders, der freilich im folgenden Jahr starb, 1981 nach Sankt Georgen um. Die Festschrift, die 1983 zu seinem 75. Geburtstag erschien ("Aus Kirche und Reich. Studien zu Theologie, Politik und Recht im Mittelalter"), eine private Initiative von Prof. Hubert Mordek und eine freudige Überraschung für ihn, der erst bei Überreichung von dem Werk erfuhr, bildete eine letzte bedeutende Ehrung.

Seit 1984 nahm seine Sehkraft rapide ab. Den Prozess vermochte keine augenärztliche Kunst zu stoppen. Er führte schnell zum Verlust der Lesefähigkeit, so dass er schon Ende 1984 alles vorgelesen bekommen musste, und dann bis zur Mitte der 90er Jahre zur völligen Erblindung. In alledem bildete P. Kempf ein Geschenk für die Kommunität von Sankt Georgen und ein Vorbild von Altersweisheit und -reife. Er hatte immer ein gesundes und treffendes Urteil über Personen und Sachfragen. Was ihn vor allem charakterisierte, war unbestechliche Gerechtigkeit in seinen Bewertungen von Personen, Entscheidungen, Sachverhalten, und dies auch Mitbrüdern gegenüber, die er schätzte und die ihm nahestanden. Auch ihnen gegenüber hat er gegebenenfalls nicht mit Kritik zurückgehalten. Theologisch-kirchlich stand er voll auf der Basis der Erneuerung des II. Vaticanums und hatte vor allem einen wachen Blick für ungelöste Probleme und drohende Immunisierungen, sei es in der Kirche oder im Orden. Seine Blindheit und auch zunehmende physische Behinderung glich er durch eine Lebenskultur aus, zu der vor allem das Hören gehörte: Das Anhören guter Rundfunksendungen und guter Musik, vor allem von Mozart, den er am meisten schätzte. Für viele Mitbrüder ist vor allem ein typisches Bild von P. Kempf in lebendiger Erinnerung, die an das Ohr gespannte Hand. Das Nicht-mehr-sehen-können war von einer Wachheit des Hörens, des Aufmerkens auf andere begleitet.

P. Kempf war zeitlebens ein Mensch gepflegter Kommunikation. Aus der römischen Zeit, aber auch noch für Besucher von außerhalb in Sankt Georgen, ist seine "Tee-Kultur" bekannt. Der Verfasser dieses Nachrufs hat mit ihm unzählige abendliche "Leserunden" bei immer gastlich zur Verfügung stehendem Wein (häufig Cahors, aus der Heimat Papst Johannes XXII.), oft bis zu zwei oder dreimal in der Woche, verbracht. Lesestoff waren historische Werke und Artikel, z.T. die von P. Kempf immer sehr aufmerksam verfolgten Veröffentlichungen des Verfassers, aber auch theologische Produktionen anderer Mitbrüder, andere Artikel, nicht zuletzt gute Literatur; daran schlossen sich sehr kritische Kommentare seinerseits, gepflegte und anregende Gespräche und auch sehr interessante persönliche Erzählungen P. Kempfs von Mitbrüdern und anderen Personen an. Das Interesse von P. Kempf, hier und auch sonst, war immer sehr weitgespannt: An Mitbrüdern, ihrer Arbeit und allem, was sie interessierte, an Geschichte, Theologie, Literatur und Musik. Geistig wach bis zuletzt, blieb er offen für alle Neuerungen. Alle Enge und Kleinkariertheit war ihm fremd; aber er hatte ein starkes Gespür dafür, wo geistliches Format und innere Größe war. Dabei stand er voll in der Kommunität und nahm an all ihren Veranstaltungen teil. - Und schließlich ist er vor allem als ein im wahren Sinne des Wortes "vornehmer" Mitbruder in Erinnerung geblieben. Er hatte für alle Interesse, drängte sich dabei nie auf. Und nicht zuletzt: Er klagte nie, er stellte nie Forderungen, er war immer nur dankbar für alles. - Eng verbunden blieb er auch mit seiner Familie, an der er reges Interesse nahm und die ihm zeitlebens viel bedeutete.

Zu der Erblindung kam eine steigende Alterslähmung hinzu. Anfang der 90er Jahre konnte er, noch nicht völlig der Sehkraft beraubt, noch Spaziergänge, zumindest in den Park, unternehmen. Mehr und mehr war er auf gewohnte Gänge eingeschränkt; und selbst diese boten Risiken, die vom Haus kaum mehr verantwortet werden konnten. Er hatte seine fest einprogrammierten Wege, aber eine unvorhergesehene Richtungsänderung konnte dazu führen, dass er sich plötzlich verirrte, in einem leerstehenden Zimmer umherirrte, in der Meinung, es sei das seinige, und doch nicht zurechtkam. Schließlich musste er sein Domizil in der Krankenabteilung des Hauses nehmen. Im September 1997 wurde klar, dass seine Hinfälligkeit und Hilfsbedürftigkeit die Kapazität der Krankenschwester überforderte und eine Übersiedlung ins Altersheim nach Münster erforderlich machte. Geistig war er dabei durchaus noch wach und mit sehr klarem Langzeitgedächtnis; erschwerend kam hinzu, dass seine ganzen Kontakte und menschlichen Beziehungen in Frankfurt und Umgebung lagen. Schließlich begab sich P. Löser, damals Rektor der Kommunität, nach Rücksprache mit dem Provinzial zu P. Kempf und suchte ihm eingehend die Gründe für die Übersiedlung nach Münster nahezubringen. P. Kempf zeigte sich bei dieser letzten Entscheidung der Obern als vorbildlicher Jesuit alten Stils: "Pater Rektor, diese ganze Vorrede hätten Sie sich sparen können - die Entscheidung des Provinzials ist getroffen - ich gehe". Am 17. Oktober wurde er mit dem Wagen nach Münster gebracht.

Noch viereinhalb Jahre sollte er dort verbringen, hin und wieder Besuch empfangend, noch an vielem Anteil nehmend. Ein erster gesundheitlicher Einbruch erfolgte im März 2001. P. Rektor Abel informierte seine Familie, die noch vollständig erschien und von ihm einen großen Abschied feierte. Dennoch konnte der Schreiber dieser Zeilen noch - zum letzten Mal - am 24. Juli bei Rotwein mit ihm eine "Lesestunde" halten. Aber ab September konnte er nicht mehr bei Tisch erscheinen. Eine weitere Verschlechterung trat im November ein. P. Kempf empfing nun die Krankensalbung, wurde von da an immer müder und war nur noch zu bestimmten Zeiten voll ansprechbar. Bei dem Umzug von Haus Sentmaring nach Köln-Mülheim, für ihn am 26. April 2002, war er bereits schwerkrank. Selber stellte er sich bewusst auf das Sterben ein. Noch an einzelnen Tagen konnte er die Krankenkommunion empfangen, zuletzt noch am Vorabend seines Todes, der ihn am 29. Mai 2002, etwas weniger als einen Monat vor Vollendung des 94. Lebensjahres, ereilte.

P. Kempf ist als ein Mitbruder von uns geschieden (oder besser: In der Ewigkeit ein bleibendes Geschenk für uns), dessen Lebensaufgabe die Geschichte ist, der jedoch mit der Beschäftigung mit der Geschichte eine Haltung der menschlichen und geistlichen Gelassenheit verbindet, die davon lebt, dass auch in allen Irrungen der Menschen Gott der Herr der Geschichte und gerade der Geschichte Seiner Kirche bleibt.

Nach dem Requiem am 10. Juni 2002 in der Hauskapelle des Caritas-Altenzentrums, Köln-Mülheim, begleiteten wir ihn zu seiner Grabstätte auf dem Friedhof Melaten, Köln

R.i.p.

P. Klaus Schatz SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 23-28