P. Adolf Heinen SJ
29. Januar 1975 in Münster

Adolf Heinen wurde geboren in Köln am 19. August 1897 als ältestes von 5 Kindern des Sonderschulrektors Adolf Heinen und seiner Frau Maria Lejeune. Der Vater war zeitlebens stolz darauf, ein Patenkind des Gesellenvaters Adolf Kolping zu sein, der ein Hausfreund der großelterlichen Kölner Handwerkerfamilie Heinen war. Die Mutter stammte aus einer wallonischen Familie in Malmedy. So erklärt sich die eigenartige Mischung von Kölner Humor und wallonischem Temperament im Charakter unseres Paters. Daran scheint auch die betont strenge Erziehung im elterlichen Hause nicht viel geändert zu haben. Adolf trat gleich nach dem Abitur am damals katholischen Apostelgymnasium im Frühjahr 1916, also mit 18 1/2 Jahren, in das Noviziat zu sHeerenberg ein. Aber schon 4 Monate später wurde er zum Heeresdienst einberufen und verbrachte nach kurzer Ausbildung 2 Jahre an der Westfront. Dort wurde er auf Veranlassung des Divisionspfarrers bei der 9. Landwehr-Division (P. Kronseder S.J.) bald abkommandiert als Küster und Kutscher beim "überetatsmäßigen freiwilligen Feldgeistlichen" P. Jos. Kruchen S.J. Von den zwei erlebnisreichen Jahren mit P. Kruchen und seinen Nachfolgern zeugt ein eigenes Photoalbum, das in der Familie Heinen aufbewahrt wird.

Nach Ende des Krieges kehrte der Novize nach sHeerenberg zurück (am 24.12.19181), um dort das inzwischen vom allgemeinen Kirchenrecht vorgeschriebene "kanonische Jahr" im Noviziat zu verbringen. Seine ersten Gelübde legte er schon im 1. Philosophiejahr (1920) in Valkenburg ab. 1922/23 finden wir ihn für ein Jahr bei der Schriftleitung unserer Missionszeitschrift "Die katholischen Missionen" (KM) in Bonn, wo er nach Ausweis seines Studienbuches auch Universitätsvorlesungen über Neuere Kirchengeschichte, Völkerkunde und Kunstgeschichte hörte. Es folgten 4 Jahre Theologie in Valkenburg mit der Priesterweihe am 27. 8. 1926 und das Terziat (1927/28) in Salamanca.

Über die nun folgende Hauptarbeit im Leben des P. Heinen berichtet sachkundig der spätere langjährige Schriftleiter der KM, P. Josef Albert Otto: "Nach der Philosophie machte Frater Heinen sein Interstiz bei den KM in Bonn. Mit dem Artikel 'Afrika den Afrikanern' erschien sein Name erstmals in der Zeitschrift (1922, S. 42ff). Mit missionarischem Spürsinn schrieb er damals, was Jahrzehnte später Wirklichkeit wurde: 'Jeder vorurteilsfreie Beurteiler muß sich beim Lesen solcher Missionsberichte sagen, daß über kurz oder lang einmal ein Tag kommen wird, wo Afrika der Bevormundung seitens Europas entraten kann. Das Land hat noch eine große Zukunft.' Seine meisten Veröffentlichungen galten damals der Indianerfrage und den Indianermissionen in den USA, vor allem die achtteilige Artikelserie 'Des Schwarzrocks Leid und Freude' (KM 1923/24). Frater Heinen hatte in dem einen Interstizjahr gezeigt, daß er weltmissionarische Themen schriftstellerisch zu meistern verstand.

Nach dem Terziat in Spanien kehrte P. Heinen mit großen Plänen im Sommer 1928 zu den KM nach Bonn zurück. Zunächst widmete er sich wieder seinem alten Lieblingsthema: den Indianern. Als Frucht seiner Studien erschien 1930 sein Werk ' Unter den Rothäuten Kanadas. Geschichte der Huronenmission und ihrer Blutzeugen, der acht heiligen Missionare aus der Gesellschaft Jesu' (Saarbrücker Druckerei und Verlag). Es war eine fleißige Arbeit, die sich meist auf erste Quellen (Jahresberichte und Briefe der Missionare) stützte. Eine Übersetzung des Buches erschien 1932 in Spanien mit dem Titel 'Los Pieles Rojas del Canada'. Als 'Mitredakteur' mit P. Arens trat P. Heinen 1930 in die Schriftleitung der KM ein und zeichnete 1931 als ' Hauptschriftleiter'. ('Sohn des Multi' nannten ihn scherzhaft die Mitbrüder nach dem Titel einer Erzählung ('Aus fernen Landen') von P. Arens.) Als 1932 L. Schwann/Düsseldorf den Verlag der KM übernahm, konnte der neue Chef hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Die ersten Bände waren nach Gehalt und Gestalt vielversprechend.

Doch mit dem Beginn der Naziherrschaft, die ausgesprochen missionsfeindlich war, wurde die Redaktionsarbeit von Jahr zu Jahr schwieriger. Es galt, die KM durch die beengenden Bestimmungen für die kirchliche Presse geschickt hindurchzusteuern, ohne sich etwas zu vergeben. Jedes Thema, jeder Satz mußte genau überlegt werden, um sich nicht in den Schlingen der Bestimmungen zu verstricken. Selbst in der Wahl der Bilder war der Schriftleiter nicht frei. An Rügen von den Nazi-Pressestellen hat es nicht gefehlt. So konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Auflage der KM langsam absackte und dadurch ihre wirtschaftliche Existenz gefährdet war. Die Zeitumstände machten jede großzügige Werbeaktion um neue Leser unmöglich. Sie hätte das Nazi-Regime nur noch mehr aufmerksam gemacht auf die KM. So blieb P. Heinen nichts anderes übrig, als Format und Umfang der Hefte immer mehr zu verringern, um trotz der sinkenden Bezieherzahl den Abonnementspreis halten zu können.

Es war eine schwere Zeit für den Schriftleiter, als Kapitän auf einem sinkenden Schiff zu kämpfen. Als dann das Torpedo aus dem Propagandaministerium im August 1938 das Schiff tödlich traf, hatte P. Heinen wenige Monate zuvor das Kommando als Schriftleiter abgegeben. "Er war aber seit etwa einem Jahr auch Hausminister. Als solcher hatte er noch drei unruhige Jahre bis zum bitteren Ende des Hauses in Bonn durchzustehen: Im Juli 1941 wurde das Haus von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) beschlagnahmt; die Patres und Brüder wurden ausgewiesen. Ein Augenzeugenbericht darüber wahrscheinlich von der Hand des P. Heinen - findet sich in "Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu", Band 16, Nr. 110, S. 27 ff.: (Die Prozedur war damals fast immer dieselbe in unseren westdeutschen Häusern.) "Am 22. Juli 1941, vormittags 9.40 Uhr, erschienen 5 oder 6 Beamte der Gestapo in unserem Hause in Bonn. Sie ließen zunächst RP. Superior Heinrich Schmitz und P. Minister, Ad. Heinen in das Sprechzimmer, kommen.

Ein Kriminalrat (es war derselbe, der zweieinhalb Wochen vorher an der Spitze einer 'Luftschutz-Kontrollkommission' sich bereits das ganze Haus und alle Zimmer angeschaut hatte) eröffnete ihnen, daß unser Haus im Namen des Reichs-Sicherheitshauptamtes (Berlin) geschlossen und mitsamt dem lebenden und toten Inventar beschlagnahmt sei. Alles Geld sei abzugeben, Kassenkonten und Telephon seien gesperrt, die Bewohner des Hauses seien aus Rheinland und Westfalen ausgewiesen. Der Gottesdienst an der Kirche werde von der Münsterkirche aus weiterbesorgt; eine Unterbrechung des Gottesdienstes sei nicht beabsichtigt. Jeder Verkehr mit der Außenwelt sei verboten; für alle Unruhe, die entstände, seien wir verantwortlich. Die Insassen des Hauses hätten binnen zwei Stunden das Haus und die Stadt Bonn zu verlassen. Ihre persönliche Habe könnten sie mitnehmen. Als Zufluchtsort wurde Frankfurt a. /M. vorgeschlagen. - RP. Superior legte in aller Form Einspruch ein gegen diese Gewaltmaßnahme... Auf die Frage nach dem Grund der Ausweisung wurde gesagt, das würden wir später erfahren...

Darauf wurde den zusammengerufenen Hausgenossen von dem Beamten dasselbe mitgeteilt und dazu erklärt, daß um 12 Uhr das Mittagessen gestattet sei, damit es nicht heiße, die Gestapo habe sie hungrig auf die Straße geworfen... Zwei Beamte begleiteten den P. Minister auf sein Zimmer... Hier hatte er seine Kontobücher auf den 22. Juli 1941 abzuschließen, Kassensturz zu machen und alle Beträge zu übergeben. In der Barkasse waren etwa 1.500 RM, auf der Sparkasse etwa 4.000 RM und auf dem Postscheckkonto etwa 600 RM... Aus der Barkasse bewilligte der Kriminalrat für jeden Insassen des Hauses 30 RM und für RP. Superior und P. Minister je 50 RM. Später entschloß er sich, weitere 500 RM für besondere Bedürfnisse der Ausgewiesenen zu bewilligen...

Um 12 Uhr war das Mittagessen. Etwa um 13 Uhr wurden die PP. Kettenmeyer, Merx, Rüberg und die Brüder Crames, Hannappel, Kirch, Kox, Schlickum und Schöppner durch Autobus nach Beuel befördert, wo die Beamten sie nicht aus dem Auge ließen, bis sie den Schnellzug nach Frankfurt bestiegen hatten. RP.Superior und P. Minister durften noch bis etwa 17 Uhr bleiben. Gegen 15.30 Uhr kam Herr Dechant Hinsenkamp, von der Gestapo bestellt, um Kirche und Sakristei mit Inventar zu übernehmen. ..." (Die vor dem 22. Juli aus dem Hause abgemeldeten PP. Brüning, Fröbes, Krapoll, J. A. Otto und Strasser waren in die Ausweisung nicht einbegriffen und konnten an ihren neuen Wohnorten verbleiben.)

Für P. Heinen folgten 4 Jahre Seelsorge als Kaplan im stillen Amöneburg. Als er 1945 nach Bonn zurückkehrte, fand er ein Trümmerfeld vor. Unser Haus war im Oktober 1944 durch mehrere Bombenvolltreffer bis in den Grund zerstört worden. Für den wieder eingestellten Hausminister galt es nun zunächst, eine Notunterkunft für die Schriftleitung der KM in unserem halbzerstörten Nebenhaus herzurichten und in den Hungerjahren nach dem Krieg das schwierige Ernährungsproblem zu lösen. Ende 1948 mußte er einen längeren Erholungsurlaub in Hochelten einlegen. Sein letzter Beitrag in den endlich wieder zugelassenen KM erschien 1949 (S. 10 ff): "Der Märtyrer von Oriur" (Johannes de Britto).

1950 übernahm er im Canisiushaus, Köln, die Redaktion des "Canisius" und wenig später auch die Seelsorge im Kölner Gefängnis "Klingelpütz". In den 10 Jahren Gefängnisseelsorge erlebte P. Heinen einen neuen Höhepunkt seiner priesterlichen Tätigkeit. Sein gutes Einfühlungsvermögen in fremde Not und sein selbstloser Einsatz sicherten ihm bald das Vertrauen der Häftlinge und - auf die Dauer - auch Hochachtung seitens der Vollzugsbeamten. Nebenher bewährte er sich noch einmal als Minister und Prokurator in unserer neuen Niederlassung an St. Peter, Köln, wo ein nackter Neubau bezugsfertig zu machen und ein Haushalt einzurichten war.

Die kargen Anfangsjahre an St. Peter zusammen mit dem täglichen Dienst im Gefängnis waren wohl zuviel für sein geschwächtes Herz. Mitte März 1964 erlitt er einen schweren Herzinfarkt, dem am nächsten Tag im Krankenhaus noch ein zweiter folgte. - Trotzdem erholte er sich in 5 Monaten soweit, daß er im August 1964 die Hausgeistlichenstelle im Karmel Waldfrieden bei Ulmen (Eifel) übernehmen konnte. Auch mit geschwächter Gesundheit hat er hier noch 9 Jahre segensreich gewirkt (auch als Beichtvater und Prediger an der öffentlichen Klosterkapelle), hochgeschätzt von den Karmelitinnen, den Bewohnern der umliegenden Dörfer und dem Klerus des Dekanates, mit dem er von Anfang an guten Kontakt hatte. Aber fortschreitender Gedächtnisschwund machten ihm schließlich die Wahrnehmung seiner Aufgaben unmöglich.

Im Herbst 1973 siedelte er nach Münster über, wo er in Haus Sentmaring im Kreise mehrerer alter Konnovizen sein letztes Lebensjahr verbrachte. Am 29. Januar 1975 erlöste ihn ein sanfter Tod (durch Herzversagen) von seinem Altersleiden. Auf Wunsch seiner Geschwister wurde sein Leichnam nach Köln übergeführt und in unserer Grabstätte auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Eine erstaunliche Zahl von Leidtragenden (darunter Pfarrer aus dem Eifeldekanat und etwa 20 alte Vollzugsbeamte vom ehemaligen Klingelpütz) gaben ihm die letzte Ehre. - Adolf Heinen hat in einem wechselreichen Leben "den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt"; so hoffen wir, daß Christus ihn in die Herrlichkeit des Vaters eingeführt hat.

R.i.p.

P. Hermann Deitmer SJ

Aus der Provinz Nr. 2 - April 1975, S. 14 ff