P. Georg Goerisch SJ
3. Juli 1977 in Köln

An den Beginn des Nachrufes auf P. Goerisch möchte ich einige Sätze aus einem Brief hinstellen, den er im Juli 1957 schrieb: "Macht die Arbeit Ihnen Freude. Es kommt ja immer wieder darauf an, wie wir alles zur Ehre Gottes tun, und der Erfolg oder Nichterfolg ist im Grunde ohne Bedeutung. Bei Gott kommt es auf die innere Haltung an, die Absicht und den echten Eifer. Aber auch dies mag uns Menschen mitunter schwerfallen, aber das Schwerste ist doch, mit sich selbst viel Geduld zu haben."
Es will mir vorkommen, daß durch diese Gedanken mancher ein ganz anderes Bild von P. Goerisch bekäme. Manche werden sagen, so kenne ich den Pater überhaupt noch gar nicht.

In jungen Jahren bereits zog die Familie Goerisch von Köln-Nippes nach Köln-Königsforst, wo der Vater, der eine Stellung bei der Post hatte, sich ein eigenes Haus gebaut hatte. Nach dem Wenigen, das P. Goerisch aus seiner Jugendzeit erzählte, wird klar, daß die Familie einen guten Zusammenhalt hatte und der eine dem anderen half. Im allgemeinen genügte sie sich selbst und suchte nicht viel Verbindung. Der kleine Georg hatte eine gewisse Scheu vor der Öffentlichkeit. Ein wenig hat dazu beigetragen der Druck in der Nazizeit, unter dem sie als gute katholische Familie litten. Fast alle scheinen musisch begabt gewesen zu sein, pflegten die Hausmusik und verbrachten die Abende miteinander.

Neun Jahre hindurch besuchte Georg das Städtische Realgymnasium in Köln-Deutz und machte dort 1934 das Abitur. Bald danach trat er in das Noviziat in 's Heerenberg ein. Er hat sich selbst wenig über diese Jahre des Noviziates wie auch der ersten philosophischen Studien in Pullach bei München geäußert. Er war tief fromm und bereit zu Opfern. Aber das Ordensleben muß ihm nicht leicht geworden sein. Es fehlte ihm noch die rechte Gelassenheit und der Mittelweg zwischen einer sanguinischen Ausgelassenheit mit viel Reden und Sprüchen, die vieles und viele ganz ernst zu nehmen schien, und einem cholerischen Ungestüm, das ihn geradewegs auf sein Ziel zugehen ließ, ohne sich viel um andere zu kümmern. Wo die Stärke eines Menschen liegt, da befindet sich auch oft der Ursprung der Fehler. Das sollte sich bei P. Goerisch zeigen, und daraus sollte er in Zukunft lernen. Um ihn zu diesem inneren Ausgleich zu bringen, nahm ihn der Herrgott in eine harte Lebensschule, wie es die späteren Jahre zeigen. Bis er dann in einer friedvollen Vollendung sein Amen zum Willen des Vaters sprach.

Seine philosophischen Studien, die er 1937 in Pullach begann, wurden durch seine Einziehung zum Militär unterbrochen. 1939-1942 war er Soldat, wurde dann aber am 13.2.42 wegen Krankheit (Magen) als völlig untauglich vom Dienst in der Wehrmacht ausgemustert. Weil er während seines Militärdienstes seine philsophischen Studien beenden konnte, wurde er nach seiner Entlassung nach einem kurzen Studium der Theologie in Frankfurt am 7.3.1943 in Limburg zum Priester geweiht. Nach seiner Priesterweihe wirkte er bis zum Ende des Krieges segensvoll als Kaplan in Elz bei Limburg; gern und beglückt hat er von dieser Zeit erzählt. Das wird bestätigt durch den Pfarrer, mit dem er sich gut verstand. Gern sprach er von seinem Wirken bei den Kindern. Die Gemeinde sah ihn, als er vor Vollendung der theologischen Studien nach Büren abberufen wurde, ungern scheiden, hatten doch viele seine große Hilfsbereitschaft erfahren. Noch lange hat man sich in Elz seiner voll Dankbarkeit erinnert.

Er blieb dann von 1946-1947 in der Theologie in Büren, wo er 1947 sich einer Magenoperation unterziehen mußte. Im Jahre 1948 beendete er dann seine theologischen Studien in Büren und begann das Studium der Altphilologie in Marburg. Auch dort, wie vorher in Büren, übernahm er gerne Aushilfen, um seelsorgerlich tätig zu sein. Mit großem Eifer widmet er sich den Katholiken in einer nahegelegenen Diasporagemeinde. Ebenso suchten Studenten und Studentinnen gerne seinen priesterlichen Rat und vertrauten sich seiner Führung an.

Mit großem Fleiß und fast pedantischer Gründlichkeit widmete er sich dem Studium und schaffte in normaler Zeit das Staatsexamen. Anschließend bestand er nach einem Jahr in Frankfurt das Referendarexamen. Wenn er später nach kurzer Zeit an der St. Ansgar-Schule in Hamburg und nach mehreren Versuchen an Kölner Schulen die Unterrichtstätigkeit schon bald aufgeben mußte, lag das nicht an seiner wissenschaftlichen Qualifikation, sondern daran, daß Nervenkraft und pädagogische Begabung für eine solche harte Aufgabe nicht ausreichten. Sein tiefer Glaube und seine echte Frömmigkeit halfen ihm, in den späteren Jahren über die Schwierigkeiten hinwegzukommen. Und im priesterlichen Dienst half er vielen Menschen, die ihm über das Grab hinaus in Dankbarkeit ihr Gedenken schenken.

Seine letzten Jahre verbrachte er im Waldkrankenhaus der Stadt Köln in Windeck-Rosbach, wo er den Patienten unermüdlich zur Verfügung stand und auch in den benachbarten Pfarreien gerne aushalf, auch den Unterricht für die Kinder übernahm. Er scheint es dort fertiggebracht zu haben, was ich im Anfang zitierte, das "Schwerste ist doch, mit sich selbst viel Geduld zu haben". Ich meine, er habe das in der Tat gezeigt, als er in seiner Todeskrankheit, deren Schwere er klar geahnt zu haben scheint, wie selbstverständlich den Willen Gottes annahm und alles mit Hingabe in Seine Hände legte. Wenn der Ernst seines Zustandes auch klar war, so gaben die Ärzte doch bis zum Schluß noch Hoffnung, so daß eigentlich das Ende am Abend des 3. Juli unerwartet kam. Daß man im Leben nicht achtlos an P. Goerisch, seinem Priestertum und seinem priesterlichen Wirken vorbeigegangen war, zeigt die überaus und wider Erwarten große Teilnahme am Totenamt und als wir ihn auf Melaten zur letzten Ruhe begleiteten.

R.i.p.

P. Hermann Tophinke SJ

Mitteilungen aus der Provinz, Nr.5, September 1977, S. 71f