P. Wilhelm Gemmel SJ
* 6. August 1904 in Saarlouis
† 31. Oktober 1974 in Köln

Man hielt ihn allgemein für einen geborenen Cölner (so schrieb man uns seinerzeit). Aber das war unser Wilhelm nicht. Sein Geburtsort ist Saarlouis, dieses kleine, feine Städtchen, das, auf Befehl Ludwigs XIV. erbaut und von Vauban gegen den östlichen Nachbarn befestigt, erst 1815 nach dem Sturz des Korsen aus dem französischen Staatsverband ausschied.

Wilhelm Gemmel wurde am 6. August 1904 geboren. Aber schon im nächsten Jahr siedelten seine Eltern nach Cöln um. Er erlernte unsere Muttersprache so gut, daß er wohl am besten von uns allen die "Köllsche Verzällcher" vorlesen konnte und in unserem Kölsch Hännesche Thiater eine entscheidende Rolle mitspielte.
Sein Vater Karl, der aus einer Beamtenfamilie im Hunsrück stammt, wurde selbst Beamter der Stadt Cöln. Wilhelms Mutter Elisabeth war die Tochter eines Wirts in Heusweiler bei Saarbrücken.

In dem Stadtteil Ehrenfeld besuchte Wilhelm nicht die Volksschule sondern gleich die Vorschule und die neun Klassen des Schiller-Gymnasiums. In der Zeit seiner Berufsfindung geschahen einige für ihn bedeutsame Dinge in unserem Vaterland. Im Jahre 1917, also noch während des Ersten Weltkrieges, wurde das Jesuitengesetz aufgehoben, und unsere Patres, die schon immer die Gegend unsicher gemacht hatten, konnten sich nun frei hervorwagen. Die Novemberrevolution 1918 bescherte uns nicht nur die Arbeiter- und Soldatenräte, sondern gab auch den Gymnasiasten das Recht, sich zu Vereinigungen zusammenzuschließen. Sofort wurde dies im katholischen Raum genutzt. Auf Ignatius 1919 veröffentlichte P. Ludwig Esch in der "Kölnischen Volkszeitung" einen Aufruf zur Gründung eines Verbandes der katholischen Schüler höherer Lehranstalten, wie der Titel damals etwas umständlich hieß. Wilhelm war von Anfang bei allem mit dabei. Wir arbeiteten einträchtig mit unseren Religionslehrern zusammen, wir kamen in Berührung mit hervorragenden Patres und Jugendführern, wie P. Nikolaus Geier, Gustav Grauvogel, Georg Habrich, Ludwig Esch, Johannes Lauer, und vor allem, die Grenzen der Schulen wurden - für uns erstmalig - überschritten.

Die Jungen lernten sich kennen und überlegten miteinander, wie man aus den Trümmern etwas Neues wiederaufbauen könne. Schiller, Dreikönige, Kaiser-Wilhelm, Aposteln, Kreuzgasse, Nippes, und wie die Gymnasien alle hießen, waren sich bald einig, daß sie sich dem neuen Verband Neudeutschland anschließen würden. Wilhelm erlebte wie die andern, daß im Dezember 1919 Hunderte von Jungen aus ganz Deutschland in das besetzte Rheinland kamen zur Gründungsversammlung; im folgenden Jahr war er mit rund hundert Jungen auf dem Weg nach Fulda zur ersten Verbandstagung. Doch was seinem Leben wahrscheinlich die entscheidende Wendung gab, waren die Ferien neudeutscher Führer (das Wort "Führer" war damals noch nicht mit dem Fluch der Menschheit belastet) auf unserer Villa Aalbeek. Die ausgehungerten Jungen lernten an den vollgedeckten Tischen Hollands die Gastfreundschaft unserer Patres kennen, nahmen Ende August an der Priesterweihe und den Primizmessen vieler junger Jesuiten teil, kamen mit vielen Patres und Scholastikern ins Gespräch und steckten auf der Villa die Köpfe zusammen, daß den Reden auch die Taten folgen möchten.

Um Ostern des Jahres waren drei Kölner nach 's Heerenberg in Bewegung geraten, und für das Jahr 1921 war einiges zu erwarten. Man tuschelte sich zu: "Gehst du mit? Kommst du nach? Wieviel Prozent?" In der Tat, aus diesem Ferienkurs gingen acht Mann ins Noviziat. Obschon noch nicht alle am endgültigen Ziel angelangt sind, setzen wir ihre Namen hierher. Wir wählen die abc-liche Reihenfolge, um niemanden zurückzusetzen: Beumer, Gemmel, Huthmacher, Kirschbaum, Lutterbeck, Jos. Schäfer, Träm und Wegmann. Für Gemmel wurde auch bedeutsam, daß innerhalb der Kölner Gruppen eine Marianische Kongregation entstand, geleitet von P. Esch. Am 1.3.1920 wurde er in dem Kapellchen der Schwestern in der Schwalbengasse gleich bei der Gründung der MC aufgenommen. Im Jahr darauf wurde er deren Präfekt. Die Gottesmutter hat ihn sichtlich auf seinem Weg begleitet, der auch für ihn über Golgotha gehen würde.

Waren im Jahre 1921 gleich sechs Kölner ins Noviziat gezogen, - Arm in Arm, versteht sich, - so brachte Gemmel 1922 deren drei mit, Jachert und Peter Quirl, und noch einen weiteren, der aber nach den ersten Tagen die Rückreise antrat. Die Novizen hatten als Magister den P. Paul Sträter, der erst ein paar Wochen zuvor aus der Jugendarbeit in Düsseldorf herübergekommen war. Er verstand junge Menschen wie nur einer. Es war ein Glück für Gemmel selbst, für seine Mitbrüder und für viele andere, daß er im Orden seine musikalischen Fähigkeiten nicht begraben mußte. Er war schon immer ein begeisterter Cellospieler gewesen, jetzt fand er viele Gelegenheit, in Chor und Orchester und als Einzelspieler sein Können zu bestätigen. Vor allem wurde er Meister im Gregorianischen Choral. Freilich mußte ausgerechnet ihm das Pech widerfahren, daß ihn in einer Unterrichtsstunde P. Sträter fragte, was denn wohl die Musik sei, die dem Menschen am besten eingeht. Und siehe, der arme Wurm antwortete: "Die Militärmusik!" Das Gebrüll drang bis zu uns nach Valkenburg, wo wir bereits über philosophischen Thesen schwitzten.

Über die Valkenburger Zeit ist nicht viel zu berichten. Nur das eine sei für kommende Jahrhunderte bezeugt, daß wir uns nicht wie in einer Kaserne fühlten, daß wir im Umgang mit vielen Menschen, auch aus anderen Nationen, bald merkten, daß die eigenen Kirchtürme gar nicht so übergroße Schatten werfen. Im August 1933 empfing er in der Kapelle des Ignatiuskollegs die hl. Priesterweihe. Es scheint, es waren ihrer 25. Unser Bischof Roß war gerade aus Japan zu einem Besuch in der Heimat und spendete den Mitbrüdern die Weihen.

Gleich an die Theologie schloß sich für P. Gemmel das Terziat in Münster an. Während P. Walter Sierp Vizeprovinzial war, fungierte als Instruktor P. Heinrich Schmitz. Dieser Jahrgang umfaßte 36 Mann. Das waren noch Zeiten!

Zwischen Philosophie und Theologie schoben sich bei P. Gemmel drei Jahre Tätigkeit als Erzieher im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Es traf sich, daß er dort seinen Novizenmeister wieder traf, der nun sein Rektor war. Er war von 1927 bis 1930 Präfekt der Externen und Musikpräfekt. Nach der Unterbrechung durch Theologie und Terziat kam er wieder nach Godesberg. Nunmehr wurde er Spiritual der Jungen und übernahm MC und ND. Die erste Zeit, die P. Gemmel am Kolleg wirkte, war eine Zeit hoffnungsvollen Aufbaus. Man begann in drangvoller Enge in der Augustastraße, erlebte aber auch den Ankauf eines großen Grundstücks auf der Wacholderhöhe von-der-Heydt, die Grundsteinlegung und die Vollendung des Neubaus auf dem Heiligen Berg. P. Sträter drängte aber auch auf den inneren Aufbau. Es war die große Zeit in der Jugendarbeit des P. Gemmel. Er ließ seine Jungen nicht über Probleme alt und grau werden, sondern schickte sie zum Einsatz in die Häuser der Armen und, obschon weit vom Schuß, zum Einsatz für die Mission. Die Losung: 'Do it yourself' war damals noch nicht bekannt, aber man holte sich keine Schwielen vom stundenlangen Sitzen vor Schallplatten und Fernseher: man griff selbst zur Klampfe und zur Blockflöte und wanderte und zeltete. Die zweite Godesberger Zeit waren Jahre eines von außen erzwungenen Abbaus.

Als P. Gemmel vom Terziat her wieder nach Godesberg kam, waren die ersten zwei der "Tausend Jahre" bereits verstrichen, und man wußte, woher der Wind blies und wohin er wehte. Ein ausgedienter Eisenbahnwagen, das Heim seiner Neudeutschen, ging während einer Nacht in Flammen auf. Auf dem hohen Sockel des Kollegs zur Elisabethstraße hin erschien in riesigen Lettern der Text: "PX verrecke. Die Pfaffen müssen verschwinden." Man wendete sich und wand sich, um am Leben zu bleiben, aber auch ohne sein Gewissen zu verraten. ND wurde verboten, die MC konnte in aller Stille noch weiterbestehen. Dann kam zum Fest des großen Jugendapostels Don Bosco, 31.1.1939, die banale Mitteilung ins Haus, für das Aloisiuskolleg bestehe kein Bedürfnis und die Jesuiten hätten zu Ostern ihre Arbeit unter der Jugend einzustellen. Am 12. März war eine ergreifende Abschiedsfeier im Kolleg: die Mitbrüder insgesamt, die Lehrer und Freunde, die Schüler von ehemals und damals und die Eltern, sie alle nahmen blutenden Herzens ihr Schicksal hin. Wir haben kein schriftliches Zeugnis aus der Hand des Paters über jenen Tag. Aber jeder, der ihn an der Arbeit gesehen hat, weiß, was er in einer solchen Stunde empfunden hat.

Nun war P. Gemmel für andere Beschäftigung frei, und man machte ihn zum Sozius des Provinzials, des P. Theo Wulf. Es ist kein Geheimnis, daß er für diese Arbeit keinerlei Voraussetzungen hatte, und da auch der Arbeitsstil eines Theo Wulf und eines Wilhelm Gemmel zueinander paßten wie die Faust aufs Auge, schien es eine annehmbare Lösung zu sein, daß er im April 1941 zum Sanitätsdienst eingezogen wurde. Spätestens damals wird er seinen Irrtum in Sachen Militärmusik erkannt haben. Im Mai des folgenden Jahres kehrte er aus Rußland zurück, aus dem Heere als wehrunwürdig ausgestoßen. Nach dem Geheimbefehl des Gefreiten des Ersten Weltkrieges waren die Jesuiten "n. z. v.", nicht zu verwenden.

Darin hatte sich allerdings Hitler getäuscht. Wir hatten eine ausgezeichnete Verwendung für ihn in Mönchengladbach. Er wirkte im Verein nach P. Flosdorf und mit P. Brinkmann mit großem Erfolg an der dortigen Rosenkranzkirche. Man rühmte seine Predigten, bewunderte seinen Eifer und freute sich über die Gestaltung der Pfarrfeste. In weitem Umkreis waren eine ziemliche Anzahl von Mitbrüdern untergebracht. Als P. Flosdorf das Provinzialat übernahm, wurden alle, die zwischen Düsseldorf und der holländischen Grenze arbeiteten, zur "Statio" Mönchengladbach-Rheydt zusammengefaßt. Wir hingen wie die Kletten aneinander, besuchten uns viel und kamen jeden Monat zu einem Treffen zusammen, bald hier, bald dort. Mir ist das Wassenberger Konveniat besonders im Gedächtnis geblieben. Es war am 27. Mai 1943, drei Tage nach dem Fest Maria de la Strada. P. Hähner, Kaplan in Wassenberg, war unser Gastgeber, P. Gemmel hielt uns den "Hausunterricht". Er sprach über Maria am Wege und gab durch Thema und Inhalt seines Vortrags zu erkennen, an wessen Hand er auf allen Wegen und Umwegen zurechtgekommen war.

Die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs versanken in einem Tohuwabohu. Zum 8.10.1945 hatte die Militärbehörde die gleichzeitige, wenn auch zunächst nur symbolische Eröffnung der drei Höheren Schulen in Bad Godesberg angeordnet. Jetzt begann für P. Gemmel seine dritte, diesmal siebenjährige Arbeitszeit im Kolleg. Er war Religionslehrer, leitete die MC, von 1946 bis 1950 auch den ND. Und doch sollte nicht Godesberg die Hauptstätte seines Schaffens werden, sondern Frankfurt am Main. Von 1952 bis 1953 war er Spiritual der Alumnen in Sankt Georgen, dann für fünf Jahre Kaplan an unserer Kirche St. Ignatius und von 1958 bis zu seiner Abberufung im Jahre 1970 Religionslehrer in Frankfurt. Hier möchte ich P. Rodewyk das Wort lassen: "... Später traf ich ihn dann in Frankfurt wieder, wo er zuerst einige Jahre im Trutz Kaplan gewesen war, jetzt aber sich in der Hauptsache der Konvertitenarbeit widmete. Er hatte meist Kurse von 50 Leuten. Um die einzelnen kümmerte er sich sehr und blieb auch nach der Konversion mit ihnen in Verbindung, so daß sich seine Korrespondenz allmählich über die ganze Welt erstreckte. Die Konvertitenkurse waren meist abends." Und weiter: "Morgens unterrichtete er in zwei Schulen. Das eine war ein großes Mädchengymnasium, die Elisabethenschule, das andere die Anna-Schmidt-Schule, eine Privatschule, die auf dem Montessorisystem aufbaute. Die Mädchen hatten ihn sehr gern und kannten bald seine Eigenarten. Dementsprechend wußten sie ihn zu behandeln und mit dem ernstesten Gesicht von der Welt aufzuziehen... In der Rekreation hatte er das Bedürfnis, alles zu erzählen, was er erlebt hatte, so daß die Kommunität bald alle seine Schülerinnen kannte und immer wieder vorsichtig darauf anspielte, bis alles vor Vergnügen jubelte... Lange Zeit hat er in St. Ignatius den Choral geleitet, auch noch als ein sehr tüchtiger neuer Organist kam, der aber von Choral nichts verstand. Seine Erholung war die Musik. Zusammen mit Berufsmusikern pflegte er ein Streichquartett, in dem er das Cello spielte. Er konnte was!"

Ergänzend berichtet P. Wennemer, der in der Mönchengladbacher Zeit, im benachbarten Helenabrunn, eine engere Freundschaft mit ihm geschlossen hatte: "Ich erwähne hier die jährlichen Wallfahrten nach Rom, an denen auch Protestanten teilnahmen. Er verstand es, diese Rombesuche in jeder Hinsicht, auch durch In-Kontakt-Bringen der Gruppe mit bedeutenden und kenntnisreichen Persönlichkeiten, erfolgreich und fruchtbar zu machen... Eine Grenze wurde der Tätigkeit in der Konvertitenarbeit durch die nachkonziliare Entwicklung gesetzt; jedenfalls hatte sie nicht mehr zahlenmäßig das frühere Ausmaß. In den letzten Jahren nahm wohl auch wegen des steigenden Alters und sich einstellender Beschwerden der Elan bei der Unterrichtstätigkeit ab. Dahingehende Enttäuschungen haben ihm oft Kummer bereitet. In diesen letzten Jahren setzte auch eine steigende Sorge für seine Gesundheit ein. Früher machten wir jeden Monat wenigstens einmal einen Tagesausflug in den Taunus... Erwähnen will ich noch seine Begeisterung für Musikabende... Soviel ich weiß, traf man sich einmal im Monat im gastlichen Haus von Brenninkmeyer in Königstein zu einem Hauskonzert."

Als P. Gemmel 65 Jahre alt wurde und von Frankfurt wegkam, brachte "Der Sonntag" sehr ehrenvolle Beiträge über ihn. "Man kommt schlechterdings nicht an der bedauerlichen Tatsache vorbei, daß die Kurse zur Einführung in die katholische Glaubenslehre, die P. Gemmel seit 17 Jahren veranstaltete, eingestellt werden mußten. Es meldeten sich zuletzt kaum noch Interessenten. P. Gemmel wurde per Ende August von Frankfurt abberufen. - Auch der Besucher nimmt ein bißchen wehmütig Abschied von den hübschen Räumen, die P. Gemmel vor einigen Jahren für den Unterricht, aber auch als Heim für die Konvertiten einrichtete. Sie haben sich hier wohlgefühlt... Man fragt nach dem Grund für das schwindende Interesse an den Kursen und für den Rückgang der Konversionen überhaupt. P. Gemmel sieht die Ursache vorwiegend in einem falsch verstandenen Ökumenismus: Ich bin sehr für Wiedervereinigung; aber wir sind doch noch nicht eins, und ich glaube, daß wir in naher Zukunft auch noch nicht damit rechnen können. Eine Kluft, die sich vor 450 Jahren aufgetan hat, kann nicht in wenigen Jahren geschlossen werden. Anders zu denken wäre eine glatte Utopie. Wir brauchen viel Geduld. ... Während der letzten 17 Jahre konnte P. Gemmel 676 Menschen in die katholische Kirche aufnehmen... Ich habe immer die anderen gesucht. In diese Worte faßte P. Gemmel das Fazit seiner gesamten Arbeit."

Das Jahr 1970 ist das Jahr der großen Wende in seinem Leben. Als ich im März d. J. für ein paar Tage bei meinen Mitbrüdern in Saarlouis weilte und ihn nach sehr langer Zeit wiedersah, war ich erschüttert: er war ein gebrochener Mann. Wie es dazu gekommen, und wie es weitergehen würde, hat mir P. Tophinke anvertraut. Als er von Frankfurt Abschied nehmen mußte, dachte man zunächst an Krankenhausseelsorge in Köln-Ehrenfeld. Früher, als Socius Provincialis, hatte er dort mit großem Erfolg Vorträge für die Schülerinnen gehalten. Aber die fortschreitende Verkalkung ließ ihn nicht lange auf diesem Posten bleiben. Im Jahre 1972 ging er auf den Vorschlag ein, nach Saarlouis zu gehen. Aber es war ein einziger Kreuzweg, wie P. Lillig, sein dortiger Oberer, schreibt. "Eine echte und ernste Erschwernis fürs Beichthören war seine Schwerhörigkeit. Nach einem dreiwöchigen Versuch im Beichtstuhl zog er um in die Sakristei. Aber seine eigentliche und wesentliche Schwierigkeit beim Beichthören war dadurch nicht behoben." Zu mir sagte P. Gemmel: "Ich bin ein Großstadtmensch. Mit Schrecken denke ich daran, daß ich hier einmal begraben werden sollte." Nun, er wurde nicht in seiner Geburtsstadt begraben, sondern in seinem geliebten Köln.

P. Provinzial hatte ihm die Erlaubnis gegeben, sich selber etwas Passendes auszusuchen. So kam er nach Horrem, ein kleiner Ort an der Bahnstrecke von Köln nach Aachen, für einen Kölner wahrhaft keine Großstadt. Aber dort haben die Salvatorianerinnen ihr Provinzialat und eine Mädchenschule. Die Schwestern umgaben ihn mit großer Liebe. Aber niemand konnte verhindern, daß sein Fall allgemach ein Pflegefall wurde. Hildegardiskrankenhaus, noch einmal Horrem, dann Annahospital in Lindenthal, und schließlich das Ende. P. Tophinke in seinem Bericht: "Am 30.10. fand ich ihn schwach; er kam gerade vom Röntgenzimmer, klagte aber nicht: es ging ihm gut, meinte er. Am Morgen des 31.10. kam die Schwester zu ihm; er erklärte, daß er einigermaßen gut geschlafen habe, sich auch wohlfühle. Die Schwester bat dann den Pfleger, ihn zu versorgen, aber ihn im Bett zu lassen, weil er müde zu sein schiene. Während der Pfleger sich um ihn mühte, zeigte sich still der Todeskampf, der fast unbemerkt eingesetzt hatte. Der Pfleger rief die Schwester herbei. Während der Zeit trat still und schmerzlos der Tod ein, den der Pater lange gefürchtet zu haben scheint. Man gab ihm die Krankensalbung und benachrichtigte uns." Man begrub ihn auf dem Friedhof Melaten, wo über einem Toreingang die Worte stehen: "Ossium Agrippinensium Sacer Locus".

Wir haben hier in Hamburg eine Gedächtnisausstellung der Werke des Künstlers Caspar Friedrich David gehabt. Eines der vielen bemerkenswerten Bilder in Farbe ist betitelt: "Der Wanderer über dem Nebelmeer". Da steht er auf schroffem Fels, und höher geht es nicht. Wie er da hinaufgekommen ist, kann niemand sagen; hat er doch keinerlei Ausrüstung bei sich. Aber er steht nun einmal da und ist anscheinend am Ziel. Die Schründe zu seinen Füßen sind von Wolken und Nebel barmherzig zugedeckt. Um ihn ist das vielfarbige Leuchten des Himmels. Sein Antlitz ist uns abgewandt. Aber wir vermuten, daß auf dem Gesicht des Sinnenden der Widerschein des Lichtes aufstrahlt. Sinnbild des ewigen Lichtes aus den Tiefen göttlichen Erbarmens.

R. i. p.

P. Heinrich Huthmacher SJ

Mitteilungen aus der Provinz, Nr.8, Dezember 1974, 84-87