P. Fritz Fuhrmann SJ
18. November 1986 in Daun

In seiner umsichtigen und mitbrüderlichen Art hatte P. Fuhrmann dafür Sorge getragen, ausführliche Lebensdaten zu hinterlassen. Diese sollen nun hier folgen:

"Geboren am Dreifaltigkeitssonntag, 29. Mai 1904, als Sohn des Volksschullehrers Josef Fuhrmann in Bad Kreuznach. Mein Vater machte später in Berlin sein Examen als Diplom-Handelslehrer und war an der städt. Berufs-Handelsschule tätig, auch als Leiter. Ihm zuliebe machte ich als Sekundaner einen Buchhaltungskursus mit, obwohl ich mir dachte, wenn du Priester bist, brauchst du das Zeug doch nicht.

Nach dem Abitur 1923 trat ich mit 14-tägiger Verspätung in 's-Heerenberg ins Noviziat ein. Entschlossen dazu hatte ich mich schon zwei Jahre früher, befestigt wurde der Entschluß in den 5-tägigen 'Führerexerzitien', gehalten von den PP. Hoffmann/Esch auf Hoch-Elten. Eine ganze Anzahl der 'Führer' traf ich später im Noviziat. Da ich mit der Neu-Deutschen Gruppe auf Fahrt war, hatte mich die Postkarte des P. Novizenmeisters Sträter nicht rechtzeitig erreicht. Mein Vater schickte daher ein Telegramm nach 's-Heerenberg: "Fritz auf Fahrt, Aufenthalt unbekannt." Nun, es war der Hunsrück.

Wegen des 'passiven Widerstandes' gegen die Ruhrbesetzung der Franzosen konnte ich nur einen Rucksack und einen kleinen Karton mitbringen. Nach Emmerich kam ich zu Fuß von Kreuznach nach Bingen, von dort mit dem Schiff bis Bonn. Mit der Rheinuferbahn nach Köln. Zug bis Duisburg in der engl. Besatzungszone. Dann wieder mit der Elektrischen durchs Ruhrgebiet bis zur belg. Zone; von dort mit dem Zug bis Emmerich. Ich brauchte drei Tage und P. Sträter begrüßte mich: "ich glaubte, sie kämen schon gar nicht mehr."

Dann eigene Kandidatur bei P. Hartmann, der mir allein Exerzitien mit ganz kurzen Punkten der langen Betrachtungen gab. So habe ich es nie bereut, zu spät gekommen zu sein.

Zu Beginn des 2. Jahres war ich Generalpräfekt und wurde zu meiner Überraschung als zweitjähriger Novize nach Valkenburg in die Philosophie geschickt.

So passierte im ersten Jahr das erste Rencontre mit R.P. Rektor Lauer anläßlich des Pflichtbesuches: "Ich dispensiere sie vom Fasten!" ich: "brauche ich nicht!" Lauter R.P. Lauer: "Ich dispensiere..." Das können Sie nicht, P. Rektor". Der Kopf wurde rot, er holte tief Luft, sah mich entgeistert ob solcher Sturheit und Kühnheit an und wollte... Daher sagte ich schnell: "Ich bin ja noch nicht 21 Jahre alt". Befreiendes Lachen: "Sie Küken, gehen Sie!"

Im ersten Jahr erhielt ich während der Visite des R.P. Provinzial eine feurige Predigt über die Missionen und wurde für Japan destiniert. Mit Eifer wurde nebenher Japanisch studiert, zumal in den Hebräisch-Stunden des P. Mayer. Im japanischen Seminar mit P. Gemmel fleißig die chinesisch-asiatische Philosophie (Konfutse-Laotse) studiert.

Während dieser Jahre 'wurde in Tokyo die vom Erdbeben 1923 zerstörte Universität neu aufgebaut. Wir Philosophen machten einen Pressefeldzug. Diese Organisation, sie brachte allerhand ein, sollte mir später teuer zu stehen kommen. Nicht nur, daß der 'Rabenvater' im dritten Jahr Examen mich besonders liebevoll vornahm. Nach dem Studium war die Philosophenaktion Anlaß, mich zum Missionsprokurator zu machen.

Nach einem Jahr Theologie in Valkenburg kam ich nach Milltown Park in Dublin. Dort hatte ich als Lehrer den großen Theologen P. Finlay. Es war eine schöne Zeit bei den geistlichen irischen Mitbrüdern. Vor allem empfanden wir Deutsche es wohltuend, nach den vielen Vorlesungen und dem Treiben der Professoren hier Zeit zum eigenen Studium zu erhalten. Die alten Theologen waren in reichem Maße vorhanden. Im 4. Jahr war ich nebenbei Kaplan in der Nuntiatur für die dort weilenden deutschen Brüder.

Nach dem Abschlußexamen nach Köln zurückgekehrt, erhielt ich von R.P. Provinzial Lauer als Destination: Universität Tokyo. Studium in München: Pressewesen für die nationalökonomische Fakultät; das fehlte nämlich in Japan bisher. Missionskunde als Helfer von P. Laures und Germanistik als Helfer für P. H. Müller. Also jeder sollte einen Sozius haben. Der Kampf um den angehenden Hochschulprofessor wurde schnell beendet, als ich am Ignatiustag 1931 einen kurzen Brief von R.P. Lauer erhielt: "Gegen seinen Willen habe P. Bitter bei R.P. Visitator Ersin durchgesetzt, daß ich vorerst für zwei Jahre die Missionsprokur übernehmen solle". Als Missionsprokurator arbeitete ich viel mit P. Schütz und dem Päpstlichen Werk der Glaubensverbreitung in Aachen zusammen, vor allem auch in der 'Christi-Reich'-Bewegung. Die Jugend half mir, Missions-Sonntage und Missionsfeiern in den Pfarreien im Rheinland, Schlesien und Bayern, zu halten. So kam Japan besonders auch dank der Großherzigkeit der Aachener Zentrale auf seine Kosten.

Da 1937 der Druck der Nationalsozialisten so groß wurde, daß ein Arbeiten für die Missionen immer schwieriger wurde, andererseits die Devisengesetze jede Geldüberweisung nach Japan unmöglich machten, sollte ich über Japan nach USA, um dort Dollarhilfe zu sammeln. Das Unternehmen verschob sich, nicht ohne Mithilfe von P. Bitter, um ein Jahr. In der Zwischenzeit vertrat ich den erkrankten Spiritual P. Plappert im Priesterseminar in Trier. 1938 im Mai fuhr ich mit dem Schiff von Genua nach Yokohama. Diese Reise sollte mir neues Material liefern für die weitere Missionswerbung. Ich hatte auch gute Fotos und Berichte von den Zwischenstationen Colombo, Manila, Schanghai, Honkong usw. Zur Ausnutzung kam es nicht, da nach meiner Rückkehr aus USA der Krieg ausbrach.

In Japan besuchte ich den großen Missionsdistrikt Hiroshima mit Br. Schwake als Führer. In Kobe fuhren wir abends vor dem großen nächtlichen Erdrutsch ab, der unsere Schule schwer beschädigte. Ein Taifun in Tokyo und einige kleine Erdbeben ließen mich Japan auch von einer anderen Seite sehen. Beeindruckt war ich vor allem von der großen Einsamkeit der Missionare auf Einzelposten und der großen Armut.

In den Vereinigten Staaten suchte ich daher Dollarhilfe zu erhalten, nicht ganz ohne Erfolg. Über Honolulu kam ich nach San Franzisco, wo aber wenig Liebe für Japan war, da die fleißigen und bedürfnislosen Japaner in Californien eine ernstzunehmende Konkurrenz der Obstpflanzler usw. geworden waren. In Portland, Spokane, St. Louis, Chicago halfen mir die deutschstämmigen Patres sehr. Die Universität Spokane wollte mich als Deutschprofessor anstellen, wofür R. P. Wulf den röm. Dr. theol. schickte, der aber beinahe im Papierkorb eines unserer Häuser in Boston landete, wo ihn P. Bitter ehrfürchtig herauskramte und mir zuschickte. Juni 1939 kehrte ich für eine kurze Erholung nach Köln zurück, da meine Weltrundkarte ablief. Die ganze Fahrt um die Welt hatte 1938/39 rund RM 1.000.- gekostet. Sie war mir als Studienfahrt dankenswerterweise von der Zentrale des Päpstlichen Werkes in Aachen gezahlt worden, zuzüglich RM 1.000.- für Reisespesen usw. Das meiste davon ließ ich in Japan zurück. In USA verkaufte ich meine Pullmann 1.Kl. Bahnfahrkarte San Franzisco-New York, damit ich im Anfang etwas Geld für die Elektrische hatte. Später fuhr ich dann die billige Touristenklasse nach New York mit halbem Fahrpreis als Kleriker. Das so Ersparte ging ebenfalls nach Japan, d.h. auf P. Bitter's Konto in New York.

Im September 1939 sollte ich nach Canada fahren. Der Ausbruch des Krieges machte es unmöglich. Zunächst gab ich Religiöse Wochen, dann wurde ich Oktober 1941 Superior der Residenz in Aachen. Einige Wochen vorher war ich gemustert und mit einem Kaplan als erste Geistliche eingezogen worden. Am Abend vor der Abfahrt nach Tapiau in Ostpreußen wurde ich auf's Wehrkommando gerufen und man gab mir den Wehrpaß zurück und zog den Marschbefehl ein. Das war meine kurze Anfangsgastrolle beim Militär, bis ich 1944 Lazarettpfarrer im Kloster Lokkum wurde.

Juli 1941 wurde die Residenz Aachen von der Gestapo aufgehoben, ich wurde aus Rheinland und Westfalen ausgewiesen. In Stolzenau an der Weser wurde ich Kreisvikar bis September 1945. Stolzenau war eine seelsorgliche Nebenstelle von Syke bei Bremen. Die neuerstandenen Munitions- und Kampfstoff-Fabriken hatten als Bauleute und Ingenieure viele Katholiken in den Kreis Nienburg gebracht. So fehlte es nicht an Arbeit. Mit Rucksack und Fahrrad war man ständig unterwegs. Umfasste doch mein Seelsorgebezirk Bad Rehburg am Steinhuder Meer mit seinen fünf Lungenheilstätten bis Warmsen am Uchter Moor. Und von Schlüsselburg bis Liebenau, Steyerberg sämtliche Dörfer. An Sonn- und Festtagen war der Gottesdienst an drei auseinanderliegenden Orten in evangelischen Kirchen, Pfarrsälen etc. In Stolzenau hatte ich ein sehr verwahrlostes kleines Haus, in dem eine Kapelle eingerichtet war, selbst als 'Pfarrhaus' herrichten müssen.

Mit Beendigung des Krieges Juli 1945 erhielt ich Nachricht von R.P. Provinzial Flosdorf, daß ich die Provinzprokur übernehmen solle. Als ich ihm mitteilte, daß ich als meine erste Aufgabe den Wiederaufbau der zerstörten Häuser ansähe, erhielt ich zur Antwort: 'Ich litte nicht an Minderwertigkeitskomplexen'.

Zunächst galt es, Sankt Georgen zu retten, das man unverständlicher weise gegen RM verkaufen wollte, um damit die Schulden am Collegium Canisianum in Holland zu decken. Dank dem Einsatz der zahlreichen Brüder gelang es, den Bau bald zu entschutten und mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Unterdessen baute unter großen Schwierigkeiten R.P. Rektor Deitmer in Münster Haus Sentmaring auf. Bei der Währungsreform war dieses Haus als einziges fast fertig. Dann folgten im Laufe der Jahre die übrigen Häuser. Es war oft schwer, die Mittel aufzubringen und ohne Mithilfe von A.R.P. General und ausländischer Helfer wäre der Aufbau nicht so schnell und billig vorangeschritten.

In der Notzeit kam das 'Caritashilfswerk' den Häusern und unseren Freunden sehr zu statten. Es brachte aber auch für die Provinzverwaltung viel Schriftverkehr mit dem Ausland und den Verteilerstellen.

Mit der Währungsreform kamen die großen Geldsorgen für den Unterhalt der Scholastiker. Um alle Gelder sogleich in den Nutzen der Arca-Häuser zu bringen, waren die Bestände auf diese verteilt mit der Auflage, in der ersten Zeit davon zu leben.

In Eringerfeld kaufte man als erstes nach der Währungsreform ein teures Pferd, während die Provinzverwaltung in Köln nicht einmal das Geld für die Freimarken hatte.

In den folgenden Jahren ging der Wiederaufbau in der Provinz rüstig voran. Besonders in Sankt Georgen. Der Verkauf der Hausgrundstücke in Saarlouis, der Grundstücke in Aachen, Kurbrunnenstraße und Münster, Königstraße mußte dazu helfen.

Im Gegensatz zu dem ersten Aufbau nach 1918 wurden nur vorsichtig Bank-Darlehen aufgenommen, die damals die Provinz an den Rand des Bankrottes gebracht hatten. Als nämlich der 'Juliusturm' der angehäuften Millionen, der allerdings durch Kriegsanleihe und Inflation hart angeschlagen und bei der schlechten Vermögensverwaltung durch den Unternehmungsgeist der Provinziäle aufgebraucht war, gab man in derselben Großzügigkeit das zu teuren Zinsen geliehene Geld aus. Erfolg - es erschien ein Visitator und es gab 'Veränderungen'.

Nach dem 2. Weltkrieg half uns aber neben dem vorsichtigen Vorgehen von Provinzial und Verwaltung, daß bis 1960 keine Depression mit wirtschaftlichem Rückschlag eintrat wie 1928/31.

So konnte der Wiederaufbau und Ausbau weitergehen. Sehr günstig erwies sich auch das Entgegenkommen der Erzdiözese Köln betreffs St. Peter und des Bistum's Essen betreffs des Ignatiushauses. Nach jahrelangen mühseligen Verhandlungen und Bemühungen kamen zudem die Verfahren der Rückerstattung und Wiedergutmachung zum Zuge und brachten den Häusern und der Provinz beträchtliche Mittel, die für Entschuldung und weiteren Ausbau verwandt wurden.

Nach Aufhebung des Urteils im Devisenprozeß gegen P. von Nell von 1943 wurden uns auch die gezahlten Strafen 10:2 umgestellt zurückgezahlt. Ferner wurden die wegen Einengung bzw. Aberkennung der Gemeinnützigkeit auferlegten Steuern wieder zurückgegeben. Die NSDAP hatte den Orden die 'Ausschließlichkeit' im Sinne der Gemeinnützigkeitsverordnung aberkannt wegen der geübten 'Selbstheiligung', die eher als eigennützig denn gemeinnützig galt."

Im Herbst 1967 wurde P. Fuhrmann im Alter von 63 Jahren als Provinzökonom abgelöst, in einem Alter, in dem heute die meisten Menschen in den Ruhestand treten. Er hingegen wollte und konnte es auch nicht, sondern strebte danach, 'den Menschen zu helfen', wie es in unseren Konstitutionen heißt. So wurde er 1968 Mitarbeiter in der Frauengemeinschaft des Erzbistums Köln und 1969 Referent für die religiöse Weiterbildung im Seelsorgereferat, vor allem in der Landseelsorge. Landauf landab war er mit dem Auto unterwegs zu den Menschen, um ihnen Anregung und Hilfe anzubieten. Zehn Jahre später wechselte er in das Referat Männerseelsorge über und hielt im Haus 'Marienhof' zahlreiche Kurse, besonders für Senioren.

Diesen Aufgaben widmete er sich mit seinem ganzen Herzen und tat alles, um den Menschen zu helfen. Den Fragen, denen er sich gegenübergestellt sah, wich er nicht aus. Er arbeitete die einschlägige Literatur eingehend durch, um den durch die nachkonziliare Unruhe entstandenen Problemen und Schwierigkeiten zu begegnen und Antworten zu geben. In seiner ausgleichenden und väterlichen Art konnte er so vielen helfen - ein echter Seelsorger.

Und das blieb er auch fast bis zur letzten Stunde. Als er am 10. Dezember 1985 durch Kardinal Höffner von seinen Aufgaben in der Erzdiözese Köln entpflichtet wurde, hielt es den inzwischen 81-Jährigen nicht mehr in Köln.

Am 1. Februar 1986 wurde er zum Hausgeistlichen im Seniorenhaus 'Regina Protmann' in Daun/Eifel ernannt. Dort hat er sich als verständnisvoller Begleiter der Hausbewohner ausgesprochen wohlgefühlt. Bis in seine letzten Tage bewahrte er eine erstaunliche Offenheit und geistige Beweglichkeit. Von ihm läßt sich sagen, er habe die Zeit seines Lebens 'ausgekauft' (vgl. Eph 5,16), als der Herr ihn am 18. November 1986 im 83. Lebensjahr, im 64. Jahr seines Ordenslebens und im 57. Jahr seines Priestertums zu sich rief.

R.i.p.

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1987 - Februar, S. 4-7