Pater Hermann Deitmer SJ
25. Februar 1991

Pater Hermann Deitmer wurde am 16. September 1900 in Fürstenberg, Kreis Büren/Westf. als Sohn der Eheleute Anton Deitmer und Elisabeth geb. Petrasch geboren. Zusammen mit drei Brüdern und einer Schwester wuchs er in Fürstenberg heran, wo sein Vater Oberförster war. Um eine höhere Schule besuchen zu können, wurde er zusammen mit einem seiner Brüder 1910 zu einem Onkel nach Münster/Westf. geschickt. Dort besuchte er bis 1918 das städtische humanistische Gymnasium. Als er in Oberprima war, wurde er im Juni 1918 zum Wehrdienst einberufen, so daß er den Besuch des Gymnasiums mit dem "Notabitur" abschloß. Bis zum Dezember 1918 wurde er im Artillerie-Regiment 22 als Soldat ausgebildet. Am 21. April 1919 trat er in s`Heerenberg ins Noviziat ein.

Im Dezember 1921 begann er in Valkenburg das Studium der Philosophie, das er 1924 abschloß. Nach zwei Jahren Praefektur im Aloisiuskolleg in Godesberg und einem Jahr am Gymnasium am Lietzensee, Berlin-Charlottenburg, studierte er in Valkenburg Theologie. Am 28. August 1930 wurde er zum Priester geweiht. Seine seelsorgerische Tätigkeit begann er 1931 in Köln als Mitarbeiter von Pater Josef Spieker, der begonnen hatte, in der Stadt Köln eine offene Männerseelsörge aufzubauen. Gemeinsam hielten sie in über 30 Pfarreien monatlich Männervorträge mit anschließender Diskussion.

1932/33 machte Pater Deitmer sein Tertiat bei Pater Walter Sierp in Münster. Um sich auf seine erste Destination als Seelsorger bei der Katholischen Schulorganisation vorzubereiten, kam er nach dem Tertiat nach Düsseldorf zu Pater Schröteler. Aber schon im Herbst 1933 wurde diese Schulorganisation vom NS-Staat aufgehoben. Pater Deitmer sollte nun in Berlin das Studium der Moraltheologie aufnehmen. Während der zwei Semester, in denen er Jura und Psychologie studierte, wohnte er in der Pfarrerwohnung des Hedwigskrankenhauses und half in der Krankenhausseelsorge. Sehr bald schon geriet Pater Deitmer in Konflikt mit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Am 27. Juni 1934 wurde er zur Gestapo Berlin, Alexanderplatz, vorgeladen. Die Begründung zur Vorladung lautete: "Hermann Deitmer steht in dem dringenden Verdacht, von der Kanzel den nationalsozialistischen Staat beleidigt zu haben." Am 27. Juli 1934 wurde ihm telefonisch mitgeteilt, daß er zu einer erneuten Vernehmung abgeholt würde. Bei dieser Vernehmung wurde ihm nach einem kurzen Wortwechsel der schon fertige "Schutzhaftbefehl" überreicht. Nach zwölf Tagen "Schutzhaft" bei einer Sonderabteilung der Gestapo im Gefängnis am Alexanderplatz wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Intervention des Apostolischen Nuntius und eine Amnestie aller schwebenden Verfahren (wegen Überfüllung der Gefängnisse und Gerichte) bewirkten seine Freilassung. Die Destination Pater Deitmers wurde in "Männerseelsorge" geändert und er kam zu Pater Anton Schmitt in die "Geschäftsstelle für Marianische Männerkongregationen" nach Bonn. 1935 und 1936 erhielt er erneut eine Vorladung zur Gestapo, die ihm wegen einer Predigtoktav, die er in der Kirche Groß-St. Martin in Köln gehalten hatte, Äußerungen gegen den NS-Staat vorwarf. Nachdem er seine Manuskripte vorgelegt hatte, begnügte sich die Bonner Gestapo mit einer "Verwarnung".

Als die Geschäftsstelle der Marianischen Männerkongregationen 1936 von Bonn nach Frankfurt, im Trutz, zur "MC-Beratungstelle" verlegt wurde, übernahm er deren Leitung. Monatliche Abendvorträge mit Aussprache in den Pfarr-Männergruppen und die Redaktion der Monatszeitschriften "Heerbann Mariens" und "Praesidesbrief", in denen er Vortrags-Material für die Praesides veröffentlichte, waren seine vordringlichen Aufgaben. Auch in Frankfurt kam es zu Konflikten mit der Gestapo. Wegen eines Artikels in der Zeitschrift "Heerbann Mariens", der Monatsschrift für die Marianischen Männerkongregationen, wurden dem Verlag und ihm 1937 "beleidigende Anspielungen auf den Führer" vorgeworfen. Trotz Protestes kam es 1938 durch die Reichschrifttumskammer, Berlin, ohne Angabe von Gründen zum Verbot des "Heerbann Mariens". Im Herbst 1939 begann Pater Deitmer in der "MC-Beratungsstelle" einen monatlichen "Feldseelsorgerbrief" herauszubringen, in dem Predigtskizzen ehemaliger und aktiver Wehrmachtspfarrern abgedruckt waren. Schon sehr bald wurde auch diese Publikation verboten.

Anfang September 1940 wurde die "MC-Beratungstelle für die deutschen Männerkongregationen" von der Gestapo geschlossen. Die zwei gut eingerichteten Büros samt Möbeln und Büromaschinen wurden entschädigungslos enteignet. Pater Deitmer wurde durch die Gestapo jede Tätigkeit, die "über den Rahmen einer Einzelpfarrei hinausgeht", verboten. Dieser folgenschwere Eingriff in sein priesterliches Wirken traf ihn sehr schwer. Für ein Jahr wurde er im August 1940 Kaplan in St. Marien in Essen-Holsterhausen und danach vier Jahre in St. Elisabeth in Köln Höhenberg. Über diese Jahre berichtete Pater Deitmer in einer Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum der Gemeinde Köln-Höhenberg. (Entn.: "75 Jahre Gemeinde und Chor - St. Elisabeth - Köln Höhenberg"):

"Trotz der damaligen wirren Zeit traf ich in Höhenberg eine gut funktionierende Gemeinde an. Die politischen Verhältnisse spielten aber doch eine große Rolle - imsbesondere in der Jugendarbeit. Man durfte z.B. keinen Religionsunterricht in der Schule erteilen. Da kamen dann die letzten Klassen und auch die schon Entlassenen ins Pfarrhaus. Die Mädchen erschienen in großer Zahl - eine Gruppe für die jüngeren und eine weitere für die älteren. Von den Jungen erschien keiner im Pfarrhaus. Sie wären sonst mit der HJ in Konflikt gekommen.

Heimlich aber fanden Treffs im Keller der Meßdienersakristei statt. Ich habe viele Erinnerungen an diese Zeit. Sie wurde geprägt durch die immer stärker werdenden Bombenangriffe. Jede Nacht hatten wir Bombenalarm. Viele Häuser wurden zerstört und ganze Familien ausgelöscht. Ich war oft eher an den Bombenstellen als das Rote Kreuz und habe tödlich Getroffene mit der hl. Ölung versorgt. Zweimal hatte ich Massenbeerdigungen auf dem Mülheimer Friedhof. 1944 wurden die Luftangriffe immer häufiger und stärker; die meisten Häuser waren getroffen. Ich mußte mehrmals die zerbombte Sakristei verlassen und wohnte zeitweise bei einer Nachbar-Familie. Die Pfarrei entvölkerte sich fast vollständig. Pfarrer und Kaplan waren schon weg, die Kirche hatte einen Volltreffer bekommen. Kleine Gottesdienste waren nur noch in der Sakristei möglich. Schließlich war ein Pfarrbetrieb in Höhenberg nicht mehr nötig. So wurde ich auf Veranlassung des Generalvikars vom Provinzial in die Diözese Hildesheim geschickt, wo ich von Fallersleben aus die in ganz evangelischen Dörfern untergebrachten Flüchtlinge aus dem Aachener und Stolberger Raum seelsorgerisch zu betreuen hatte. An deren Stelle traten dann im Frühjahr 1945 die vor den Russen flüchtenden Schwarzmeerdeutschen aus der Ukraine."

Im Herbst 1945 kam Pater Deitmer auf Wunsch von Weihbischof Roleff, dem langjährigen Diözesanpraeses der Männerkongregationen, nach Münster, um dort die Männerseelsorge aufzubauen. Zugleich wurde er zum Rektor von Haus Sentmaring ernannt. Neben der seelsorgerischen Aufgabe hatte er auch den äußeren Wiederaufbau von Haus Sentmaring zu leiten. Im Februar 1948 ernannte Pater General ihn als Nachfolger von Pater Wilhelm Flosdorf zum Provinzial der Niederdeutschen Ordensprovinz. Über diese drei Jahre als Provinzial hat Pater Deitmer in seinem Lebenslauf nur den Zeitabschnitt genannt, in dem er die Provinz leitete. Wenn man Mitbrüder fragte, die ihn in dieser Zeit erlebt hatten, hörte man meist nur zwei Anekdoten: Einmal, er habe Destinationen bei zufälligen Begegnungen im Treppenhaus ausgesprochen, und zum anderen, bei Reisen durch die Provinz habe er die Post am Steuer seines Autos gelesen, bis sein Sozius sich weigerte, weiter mit ihm zu fahren, wenn er das Lesen am Steuer des Wagens nicht unterließ. Wenn man sich aber die Lage der Provinz - drei Jahre nach Kriegsende - in Erinnerung ruft, und an die Entschlußfreudigkeit, die Absicht, allen zu helfen, ist das Entstehen solcher Legenden leicht erklärbar. Der Wiederaufbau der Provinz, den Pater Flosdorf begonnen hatte, mußte fortgeführt werden. Die Verfolgung durch die Nazis wie auch die Katastrophen des Krieges hatten die Provinz hart getroffen. Die Häuser, die durch die Bombenangriffe zerstört oder von der Gestapo aufgelöst waren, mußten wieder aufgebaut werden. Neben diesem äußeren Wiederaufbau ging es vor allem darum, die Seelsorgsarbeiten unter ganz anderen gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Situationen neu aufzubauen. Die Seelsorgsarbeiten, die in den nächsten Jahrzehnten die Provinz prägten, haben ihre Begründungen in Entscheidungen, die in den Jahren, in denen Pater Deitmer die Provinz leitete, getroffen werden mußten.

Nach seiner Ablösung als Provinzial zog Pater Deitmer 1951 nach Bonn, wo er 1953 auch Superior wurde. Er übernahm die Seelsorge am Gefängnis und arbeitete als Männerseelsorger. Ab 1953 hielt er Priester-Rekollektionen im Raum Bonn. 1961 wurde Pater Deitmer Vice-Superior der neuen Niederlassung an St. Peter in Köln und nach 1973 dort Minister. Seine Tätigkeiten umschrieb er selbst in seinem Lebenslauf als die eines "Operarius". Dahinter verbarg sich ein vielfältiger Einsatz in der Seelsorge der Stadt und der Diözese Köln. In vielen Pfarreien des Bistums und der Stadt Köln wirkte er als Prediger und Vortragsredner und gab in mehreren Dekanaten Priester-Rekollektionen. Daneben gab er Exerzitien für Priester, Ordensschwestern und Laien. In den Jahren, in denen Prälat Schnitzler in St. Aposteln eine Art Theologiekurs für Laienbrüder durchführte, hielt er in diesem "Apostelstift" die Vorlesungen zur Moraltheologie.

Eine besondere Liebe entwickelte er für den Schriftenstand in St. Peter, den er für die Besucher vor allem in der Zeit des Konzils mit guter theologischer Literatur versorgte.

Mit der Zeit stellten sich gesundheitliche Beschwerden ein. 1961 mußte er sich einer Magenresektion unterziehen und ein Jahr später einer Operation am Zwölffingerdarm und an der Prostata. Zur Regulierung seines Kreislaufes erhielt er einen Herzschrittmacher. Vor allem aber ließ in den letzten Jahren seine Hörfähigkeit nach. Dies war eigentlich die einzige Erkrankung, über die er klagte. "Nichts mehr Sehen zu können, kann man ertragen, aber nichts mehr zu hören, ist furchtbar schwer." Mit der nachlassenden Hörfähigkeit mußte Pater Deitmer dann auch immer mehr seine seelsorgerischen Tätigkeiten einschränken. Eine Wohltäterin Pater Deitmers und des Ordens, Frau Kartharina Blaszczyk, hatte ihm viele Jahrzehnte als Sekretärin geholfen, und sie kümmerte sich um ihn vor allem in den letzten Jahren seines Lebens. Zu der Schwerhörigkeit kamen dann immer mehr weitere altersbedingte Beschwerden, so daß er in der Residenz St. Peter nicht mehr ständig wohnen konnte. Frau Blaszczyk nahm ihn in ihren Haushalt auf und versorgte ihn sicher besser, als es im Altersheim möglich gewesen wäre.

Es ist nicht leicht, über die äußeren Daten hinaus etwas über die Persönlichkeit von Pater Deitmer zu sagen. Er wirkte nach außen hin sehr nüchtern, sachlich und was ihn selbst anging, auch verschlossen. Daß er unter Umständen etwas herb wirkte, hat ihm vielleicht den Spitznamen "der eiserne Hermann" eingetragen. Aber so herb er sein konnte, er war er immer für den Mitbruder da. Man konnte sich bei ihm sicher fühlen. Er versuchte die Ordensregeln und die Consuetudines der Gesellschaft streng einzuhalten, und das erwartete er auch als Oberer von den Mitbrüdern. Was ihn selbst persönlich bewegte und interessierte, war kaum auszumachen. Mitbrüder, die viele Jahre mit ihm zusammen lebten, wußten davon wenig. Daß er ein leidenschaftlicher Autofahrer war, ist bekannt. Sehr gerne bot er sich immer wieder als Fahrer an, wenn es galt, Gäste zu betreuen. Als er schon im hohen Alter wegen seiner Schwerhörigkeit den Führerschein abgeben musste, ist ihm sehr schwer gefallen.

Zu seiner Familie hatte er ein sehr treues Verhältnis. Seine "Sippe" traf sich regelmäßig. Er selbst kümmerte sich um das Familienarchiv Deitmer-Gerlach. Viele Jahre arbeitete er, oft bis spät in die Nacht hinein, für die Familienforschung. Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Studien veröffentlichte er in mehreren Bänden bei der "Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde e.V." unter dem Titel: "Die Kölner Generalvikariatsprotokolle als personengeschichtliche Quelle".

Eine weitere kaum bekannte Arbeit waren seine "Vogel-Beobachtungen", die er über vierzig Jahre machte und schriftlich festhielt. Er hat sie dann als Mannskript niedergeschrieben unter dem Titel: "Gelegentliche Vogelbeobachtungen 1920-1950 (Westdeutschland)". "Aufgezeichnet und geordnet von Pater Hermann Deitmer SJ. Geordnet nach den Vogelfamilien in den 12 Bänden von Naumann." Diese Liebe zur Vogelwelt teilte er mit seinem Onkel Weihbischof Dr. Josef Deitmer. Dieser Onkel war der erste Bischof von Groß-Berlin im Bistum Breslau und verbrachte seine Ferien immer im Forsthaus seines Bruders in Fürstenberg. Er führte wohl seinen Neffen in die Ornithologie ein.

Gemeinsam mit den Mitbrüdern konnte Pater Deitmer im September 1990 in St. Peter seinen 90. Geburtstag und sein sechzigjähriges Priesterjubiläum feiern. Am Morgen des 25. Februars 1991 verstarb er in Bonn.

R.i.p.

P. Josef Jäger SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1991- Juli, S. 191ff