P. Adolf Degener SJ
* 3. August 1911 in Buer in Westfalen
28. Mai 1997 in Münster

P. Adolf Degener wurde am 3. August 1911 als drittes Kind von acht Geschwistern in Gelsenkirchen-Buer geboren. Sein Vater Adolf und seine Mutter Klara, geb. Vollmert, betrieben eine Gastwirtschaft, die von beiden Eltern die ganze Arbeitskraft verlangte. So kam es, daß keines der Kinder im elterlichen Hause aufwuchs. Auch Adolf wurde schon mit sechs Jahren zur Einschulung nach Essen in die Obhut von Tante Alwine Hemrich gegeben. 1920 begann er seine Gymnasialzeit in Köln auf dem Schillergymnasium. Diesmal wurde er seinem Onkel, Pfarrer Aloys Peitz, anvertraut. Als dieser nach Esch versetzt wurde, mußte Adolf jeden Tag von Esch nach Longerich zu Fuß laufen, um dort mit dem Zug nach Köln zu fahren. Wegen der Ruhrbesetzung wurde schließlich die Eisenbahnstrecke nach Köln stillgelegt, so daß der Junge nun von Esch nach Bocklemünd zur Straßenbahnendhaltestelle laufen mußte. Dies bedeutete einen täglichen Schulweg von über zehn Kilometern.

Den gleichen Weg ging ein Junge aus der Nachbarschaft, der mit Adolf das gleiche Gymnasium besuchte. Sie wurden Freunde und diese Freundschaft hielt ein ganzes Leben lang. Als P. Degener wußte, daß er nicht mehr lange zu leben hatte, besuchte er seinen Freund in Dormagen und die beiden nahmen bewußt voneinander Abschied. Doch die Freunde mußten sich bereits während der Schulzeit trennen. Da der Schulweg für Adolf auf Dauer zu beschwerlich wurde, wechselte er 1923 die Schule und kam nach Werl ins Bischöfliche Konvikt. Das enge Leben in einem Internat war für den Freiheit liebenden Adolf eine harte Zeit. Dennoch blieb er fünf Jahre dort. Ostern 1928 wechselte er erneut die Schule und kam ins "Karl-Humann-Gymnasium" in Essen. Hier machte er schließlich am 10. März 1931 sein Abitur. Damit hatte das Wanderleben für den Heranwachsenden seinen Abschluß gefunden. P. Degener erinnerte sich später noch seines Heimwehs, das ihn in diesen Jahren immer wieder schmerzte.

Der junge Abiturient hätte nun gern ein Medizinstudium begonnen. Aber der Vater konnte die notwendigen Kosten dafür nicht aufbringen. So entschied sich Adolf für die zweite Alternative, die er für sich sah: Er wollte Priester werden, und zwar in der Gesellschaft Jesu. Am 15. April 1931 trat er in das Noviziat in s'-Heerenberg ein. 1933 wurde er in die Philosophie nach Valkenburg destiniert. 1936 ging er als Präfekt an das Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Dort sollte er zum erstenmal die beginnende Diktatur des Dritten Reiches erleben. 1939 wurde das Internat des Aloisiuskollegs durch die Nationalsozialisten geschlossen und die Jesuiten mußten die Schule verlassen. P. Degener kam zunächst nach St. Georgen in Frankfurt, begann aber noch im gleichen Jahr seine theologischen Studien in Valkenburg. Dort wurde er am 30. April 1941 zum Priester geweiht.

Seine priesterliche Tätigkeit konnte er aber nicht beginnen, denn im Januar 1942 erhielt der einen Stellungsbefehl zur Wehrmacht. Er sollte aber nicht lange Soldat bleiben. Noch im gleichen Jahr wurde er auf Grund des Geheimbefehls Hitlers in die Heimat entlassen. Seine Oberen schickten ihn sofort in die Pfarrseelsorge, um ihn damit dem weiteren Zugriff der Nazis zu entziehen. Nun konnte er seinen priesterlichen Dienst ausüben. Seine erste Stelle war in Duisburg-Wahnheimerort. Als Kaplan begann er mit großer Begeisterung zu predigen, die Sakramente zu spenden und vor allem den vom Krieg heimgesuchten Menschen in seelischer und materieller Not beizustehen. Die Bombennächte verbrachte er meist in einem "Einmannloch", das er sich im kleinen Garten neben dem Pfarrhaus gegraben hatte. So konnte er unmittelbar nach der Entwarnung dort sein, wo die verwundeten Menschen ihn am dringlichsten brauchten.

Von dieser Zeit hat P. Degener mit Begeisterung erzählt. Sie war geprägt von dem Mut, dem totalitären Regime zu widerstehen und gleichzeitig den notleidenden Menschen beizustehen. Hier hat er gelernt, was Seelsorge bedeutet. Die Verkündigung des Glaubens war seit dieser Zeit für ihn immer an den alltäglichen Sorgen der Menschen orientiert. Bis ins hohe Alter hat P. Degener sich dieses Engagement für die Menschen bewahrt. Die Pfarrgemeinde St. Ursula in Hürth-Kalscheuren bei Köln, wo er später fast bis zu seinem Tod als Pfarrvikar arbeitete, hat ihm dies in einer zu Herzen gehenden Abschiedsfeier bestätigt. Nicht zuletzt für Kinder war er ein Anziehungspunkt. Immer wieder fand er den Weg zum Kindergarten. Die Kindergottesdienste, die Vorbereitung auf die Erstkommunion und Beichte waren für ihn eine vorrangige Aufgaben, die er sich nicht nehmen ließ. Als er, bereits von seiner schweren Krankheit geschwächt, von seiner Verpflichtung als Pfarrverweser in Kalscheuren befreit wurde, fand er immer noch den Weg zu den kranken und alten Menschen seiner früheren Gemeinde.

Wer P. Degener begegnete, erlebte immer einen nüchternen und sachlichen Mann. Gefühle zeigte er selten. Um so erstaunlicher war eine Fähigkeit und Neigung, die man auf den ersten Blick bei ihm nicht vermutete, seine musische Begabung. Er liebte die Musik und spielte selbst Geige. Während seiner Gymnasialzeit war er Mitglied im Schulorchester. Später hatte er wohl keine Zeit mehr, um in Übung zu bleiben. Aber die Liebe zur klassischen Musik blieb ihm. Zudem malte er gern. In seinem Nachlaß fanden sich viele Bilder, die er selbst angefertigt hatte. Viele Motive fand er auf seiner geliebten Ferieninsel Texel.

Mit dem Ende des Krieges war die Zeit der "untergetauchten" Jesuiten zu Ende. Jetzt konnte der Orden seine Mitbrüder wieder sammeln und sie in den Aufgaben einsetzen, die dem Orden gestellt waren. So wurde auch P. Degener in Duisburg-Wahnheimerort abgelöst. Zuerst besuchte er seine Eltern in Buer, bevor er nach Köln umzog, um dort die Stelle des Kaplans in der Jesuitenpfarrei St. Robert Bellarmin zu übernehmen. Da er aber seine Theologie noch nicht abgeschlossen hatte, mußte er noch einige Monate in Büren studieren, um dort im Oktober 1946 sein Abschlußexamen zu machen. Dann kehrte er wieder nach Köln zurück. Mit dem Jahr 1947 begann er in Rheine die Tätigkeit, die sein ganzes priesterliches Leben prägen sollte: dreißig Jahre lang war er Volksmissionar. Er gehörte bis 1977 zur Turme der Volksmissionare, auch wenn er seinen Standort in den kommenden Jahren noch öfter wechseln mußte. Von 1948 bis 1949 gehörte er zur Kommunität in Hannover, 1959 wurde er nach Essen versetzt, wo er von 1968 bis 1974 das Amt des Superiors wahrnahm.

Über die gemeinsamen Jahre als Volksmissionar berichtet P. Ernst Schellhoff: "Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren ein religiöser Aufbruch. Das zeigte sich auch darin, daß die Volksmissionen Hochkonjunktur hatten. Auch in unserer Provinz waren bis zu 15 Mitbrüder in dieser Arbeit eingesetzt. Adolf Degener gehörte zu den ersten Missionaren. Diese Arbeit war, wenn ich so sagen soll, ihm auf den Leib zugeschnitten. Es ging um die Grundgegebenheiten und Grundtatsachen unseres christlichen Lebens im Geist der Exerzitien des heiligen Ignatius. Seine Predigten zeichneten sich durch Klarheit, Nüchternheit und Verständlichkeit aus. Jedes falsche Pathos war ihm fremd. So kam er vor allem bei den Männern gut an. In den ersten Jahren hielten wir noch getrennte Missionen - eine Woche für Frauen, eine Woche für die Männer. In den Morgenpredigten wurden die zehn Gebote behandelt, nachmittags und abends die eigentlichen Missionsthemen, unter denen die sogenannte "Standespredigt" über Ehe und Familie eine besondere Bedeutung hatte. Die Probleme waren damals die gleichen wie heute.

Rückblickend kann man dankbar feststellen, daß in den Gemeinden etwas in Bewegung geriet. Das zeigte sich auch in dem starken Beichtkonflux. Es hat doch mancher durch die Missionen den Weg zum Glauben und zur Kirche zurückgefunden.

Schwierigkeiten bereitete dem guten Adolf der Terminkalender. Man mußte ihm hin und wieder einen kleinen Wink geben, und ihn daran erinnern, daß er nachmittags die Predigt hatte. Er ließ auch zu Hause Briefe von Pfarrern tagelang ungelesen liegen. So kam es mitunter vor, daß am späten Samstagabend jemand anrief und fragte: "Wo bleibt Pater Degener? Morgen beginnt doch eine religiöse Woche und der Prediger ist nicht gekommen." Oft habe ich für ihn die Termine mit Pfarrern abgesprochen. Aber trotz dieser kleinen Schwäche gilt: Man wußte, was man an Adolf hatte. Er war ein Mann ohne Falsch, der klar und offen seine Meinung sagte, der hinter dem stand, was er predigte."

Die Zeit der Volksmissionen veränderte sich. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil beschritt die Kirche neue Wege der Pastoral. Volksmissionen im alten Stil fanden kaum noch statt. So konnte P. Degener in der Diözese Essen 1973 mit der Ausbildung von Religionslehrern eine zusätzliche Aufgabe übernehmen. Dabei kam ihm seine reiche Erfahrung in der Pfarrseelsorge und in den Voksmissionen zugute. Hierbei verdient zusätzlich besondere Erwähnung, daß P. Degener immer die neueste theologische und pastorale Fachliteratur kannte. Bis gegen Ende seines Lebens war er immer auf dem laufenden. Er las und studierte kontinuierlich die neuesten Veröffentlichungen auf dem theologischen Zeitschriften- und Büchermarkt.

1977 wurde P. Degener als Beichtseelsorger nach Koblenz destiniert. Aber die stabilitas loci lag ihm nicht. Er wurde daher noch im gleichen Jahr nach Köln für Exerzitien und Vortragsarbeit ins Canisushaus nach Köln versetzt. In Koblenz aber behielt er während dieser Zeit ein Zimmer, weil er gleichzeitig von der Ostpriesterhilfe als Prediger gewonnen wurde. Von Koblenz aus war er schneller in Königstein, von wo die Einsätze der Prediger geplant und koordiniert wurden. Die Situation der Kirche in den Ostblockländern war jetzt sein Anliegen. Von Norddeutschland bis Süddeutschland war die Turme der Prediger unterwegs, um über die Lage der Kirche in den kommunistischen Ländern zu informieren und gleichzeitig Geld für den Unterhalt von Priestern und Gemeinden im Osten zu sammeln. Als ich 1986 Provinzial wurde, sagte er mir, daß ihm mittlerweile die ständigen Reisen und das "Leben aus dem Koffer" zu anstrengend würden. Gerne ging er deswegen auf den Vorschlag ein, die Aufgabe eines Pfarrvikars in Kalscheuren anzunehmen, die vor ihm P. Antonius Hüren innehatte.

Mit seiner Glaubwürdigkeit, seinem Verständnis und seinem unermüdlichen Eifer gewann er bald die Zuneigung der ganzen Gemeinde. Er war ein hervorragender Prediger, ein eifriger und verständnisvoller Seelsorger. Als 1994 ein neuer Pfarrverband in Hürth errichtet wurde, hatte das zur Folge, daß P. Degener nur noch als Subsidiar tätig sein konnte. Zu Beginn des Jahres 1997 zeigte sich, daß ihm die Krankheit, um die er bereits lange wußte, mehr und mehr seine Kraft raubte. Als er schließlich nach einer gründlichen Untersuchung vom Arzt erfuhr, daß keine Aussicht auf Heilung bestünde, reagierte er mit den Worten: "Ich habe lange genug gearbeitet. Jetzt habe ich noch etwas Zeit, mich mehr dem Gebet zu widmen, das bei der Arbeit manchmal zu kurz kam". So bereitete er sich auf den Tod vor, der ihn am 28. Mai 1997 von seinem Leiden befreite. Der Herr aber, dem er sein ganzes Leben geweiht hat, läßt ihn nun teilhaben an seiner Vollendung.

R.i.p.

P. Alfons Höfer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1998 - März, S. 47-50