P. Wilhelm Bönner SJ
31. Oktober 1971

P. Wilhelm Bönner ist 84 Jahre alt geworden. Bis in seine letzten Lebenstage hinein war er ein gestandener Mann, der in keiner Weise einen geschwächten Eindruck machte. Knapp drei Wochen vor seinem Tode packte es ihn; sein Herz war überaus schwach geworden. Er mußte ins Krankenhaus und wurde nicht lange nach seiner Einlieferung vom Superior des Canisiushauses, P. Pöppinghaus, mit den Sterbesakramenten versehen. Dann hatte er nur noch einen Wunsch: zu sterben. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen; wollte einfach nicht weiterleben, und alle, die ihn kannten, wünschten ihm, daß Gott ihm diesen letzten Willen erfüllen möge. Man konnte sich eben nicht vorstellen, daß dieser starke, vitale Mann, den seine jüngeren Mitbrüder scherzhaft Pater Vitalis nannten, langsam dahinsiechen würde. Der liebe Gott tat ihm am Vorabend von Allerheiligen den Gefallen und rief ihn heim. P. Bönner war nicht irgendein Jesuit. Er war in unserer Ordensprovinz den allermeisten bekannt. Viele hatten bei ihm Exerzitien gemacht. Ich glaube, daß es sicher 10 Jahre lang eine Selbstverständlichkeit war, daß er in Frankfurt die Weiheexerzitien gab. Er hatte unter seinen Mitbrüdern sehr viele Freunde und nannte gewöhnlich den Jesuitenorden den besten Männerklub, den es überhaupt auf Erden gebe. Bischofsvikar Teusch, dem er im Karl-Joseph-Haus, wo er seine letzten Jahre verbrachte, häufig begegnete, sagte er, daß er sich im Orden sehr glücklich gefühlt habe und daß er Gott für die 65 Jahre, die er im Orden verbringen durfte, sehr dankbar sei. Das war ihm wirklich aus der Seele gesprochen. Und doch war sein Leben im Orden nicht immer ganz ohne Schwierigkeiten.

P. Bönner wurde am 6. Mai 1888 in Köln-Ehrenfeld geboren. Er stammte aus einer angesehenen Kölner Familie. Einer seiner Brüder war längere Zeit Beigeordneter der Stadt Köln. Gern erzählte er über das weltoffene Elternhaus. Seine Schulergebnisse waren nicht immer glänzend. In der Rekreation sagte er, daß er auf der Quinta sitzengeblieben sei, weil er zuviel Karl May gelesen habe. Er war schon als Quintaner begeisterungsfähig. 1907 trat er in das Noviziat zu Exaeten ein und begann dort 1909 das Juniorat. Von 1909-1912 absolvierte er die Philosophie in Valkenburg und studierte 1912-1914 Biologie in Löwen und später in Kopenhagen, wo er mit P. Friedrich Muckermann zusammenlebte, mit dem er befreundet war. 1914 begann er in Valkenburg die Theologie. 1915-1918 war er im Kriegslazarett 51 tätig. 1918-21 vollendete er seine Theologie in Valkenburg.

Dann setzte eine umfangreiche apostolische Tätigkeit ein. Vielleicht darf man aber vorher noch bemerken, daß der Ausbildungsgang von P. Bönner nicht ganz ohne Hindernisse war. Er konnte darüber ganz ungehemmt erzählen, daß ihm die Priesterweihe und die Letzten Gelübde aufgeschoben worden seien. Das hat ihn aber keineswegs deprimiert. Ebenso wenig schaffte er das Punkteexamen. Auch darunter hat er nie gelitten. Er hatte immer ein gesundes Selbstbewußtsein und ein ganz normales Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft Jesu. Seine apostolische Arbeit begann er 1920 bei der "Rurag"("Reise- und Rede-AG", so nannte man die bekannte Rednerturme) in Düsseldorf, der er bis 1935 mit Ausnahme des Terziats treu blieb, also so lange, wie diese Tätigkeit überhaupt von den Nazis geduldet wurde. Gern erzählte er von diesen Reisen, die ihn jährlich durch 100 Orte Deutschlands führten. Er hatte sich dabei auf naturwissenschaftliche Themen spezialisiert. Mit dieser Vortragstätigkeit für die große Masse war zugleich auch Priester- und Schwesternseelsorge verbunden.

1935 wurde für ihn der Boden in Deutschland zu heiß, und er ging nach Ägypten, wo er an einem deutschen Mädchen-Gymnasium unterrichtete. Diese drei Jahre in Ägypten waren für ihn eine bleibende Erinnerung, die er auch in seinen Vorträgen verarbeitet hat. Er konnte in ausgezeichneter Weise die mohammedanische und christliche Frömmigkeit einander gegenüberstellen und dabei die Werte des Christlichen in ganz besonderer Weise herausstellen. Besonders eindrucksvoll schilderte er die in der Optik so bedeutsam erscheinende mohammedanische Frömmigkeit, hinter der sich aber oft ein Sumpf von Unmoral verbirgt.
Die Zeit in Ägypten hat er benutzt, um auch andere Länder des Vorderen Orients kennenzulernen. Wilhelm Bönner war kein Mann, der in einem Kloster eingeschlossen lebte. Ihn kennzeichnete immer eine gesunde, liberale Weltoffenheit. 1938-1940 gab er Priestervorträge in Dortmund und 1940-1945 war er in Duisburg und Dinslaken. In Duisburg hatte er eine Wohnung in der Nähe der Abtei und wurde bestens von den Klemensschwestern mit allem versorgt. Seine Mitbrüder, die im Duisburger Raum wohnten, wurden dabei reichlich mitbedacht. Es ging ihnen damals der Tabak nicht aus, dank der guten Beziehungen des P. Bönner zu seiner Betreuerin, einer alten Klemensschwester. P. Bönner war damals eigentlich das menschliche Zentrum der dortigen Statio, bei dem alle aus- und eingingen. Neben ihm wohnte in der Kaplanei P. Hörder, der auch viel zur Unterhaltung der Konveniats beitrug. P. Bönner konnte in seiner menschlichen und geistlichen Betreuung seinen jüngeren Mitbrüdern manches über das Leben im Jesuitenorden mit auf den Weg geben. Er war wirklich kein Geheimniskrämer und erzählte einem ganz offenherzig von seinem Leben und seinen menschlichen Beziehungen. Seine Priestervorträge regten an und auf. Bei ihren Zusammenkünften besprachen die Priester immer wieder die Themen seiner Vorträge. Freilich hat er diese Vorträge auch sehr gut vorbereitet. Er hatte alles schriftlich fixiert. Seine Mitbrüder haben ihn oft gebeten, diese Vorträge herauszugeben. Dazu war er aber nicht zu bewegen. Er trug seinen Stoff mit großem Enthusiasmus, aber auch gewöhnlich mit geschlossenen Augen vor.

1945-47 hielt er Priestervorträge im Raum Köln und hatte dort ein ebenso gutes Echo unter den Priestern wie vorher in Dortmund und Duisburg. 1947 berief man ihn nach Büren, um dort Homiletik zu geben, und 1948-50 war er Studienpräfekt des Juniorates in Pullach. Er gab Geschichte. Zwar hatte er nie Geschichte studiert und war seinen Schülern immer nur um eine Vorlesung voraus, aber er wußte die Dinge so plastisch und mit einer solchen Leidenschaft zu schildern, daß alle von P. Vitalis begeistert waren. Außerdem gab er ihnen eine Einführung in Beredsamkeit. 1950-52 war er Exerzitienmeister in Pützchen. Seine Priesterexerzitien waren sehr geschätzt. 1952-58 finden wir ihn wieder in Köln, wo er wiederum in die Priesterseelsorge einsteigt und bis zum Schluß immer vollen Erfolg hat. 1958-63 ist er in Trier Domprediger und hält zugleich Priestervorträge. Auch als Domprediger machte er sich einen guten Namen. Jedoch war ihm diese Tätigkeit vielleicht nicht so auf den Leib geschnitten wie seine Konferenztätigkeit bei Priestern und Schwestern. Immerhin hat er 5 Jahre diese Tätigkeit in Trier ausgeübt. 1963-68 ist er in Sankt Georgen/Frankfurt als Operarius tätig. Man hatte auch wohl daran gedacht, daß seine jüngeren Mitbrüder mehr zu ihm gehen würden als zum Spiritual. Auch von Frankfurt aus hält er Priester- und Schwesternvorträge.

Im Jahre 1967 wurde P. Bönner zum ersten Mal ernsthaft krank. Während eines Exerzitienkurses für Schwestern in Großkönigsdorf erlitt er einen Herzinfarkt und verbrachte einige Zeit im St. Franziskushospital in Köln-Ehrenfeld. Aber bald hat er sich wieder erholt und setzt seine Tätigkeit fort. Kurz vor dem Herzinfarkt hatte er immer noch monatlich seine 40 Vorträge gehalten und war stolz darauf, daß er das im Alter von 80 Jahren noch machen könne. Auch nach dem Herzinfarkt hat er noch Schwesternvorträge gehalten. Freilich hat er die Zahl der Vorträge doch stark verkürzt. Er verspürte doch nicht mehr die nötige Kraft dazu.

1968 kam P. Bönner wiederum nach Köln und wurde Hausgeistlicher im Karl-Joseph-Haus in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofes. Bis kurz vor seinem Tode war er immer noch der stets heitere, wohlwollende vitale Bönner. Einer seiner Verwandten besuchte ihn drei Wochen vor seinem Tod und er erzählte den Verwandten noch voller Stolz, daß er noch gesundheitlich ganz obenauf sei und körperlich noch mitmachen könne. Dann überfiel ihn kurze Zeit darauf eine so starke Herzschwäche, daß sein Lebenswille gebrochen war.

Seine Mitbrüder und Freunde verlieren in ihm einen Mann, der die Gesellschaft Jesu trotz aller Schwierigkeiten, die er selbst erlebt hat, immer geliebt hat und die anderen durch sein Beispiel und sein Wort ermuntert hat, weiter an die Gesellschaft Jesu und ihre Aufgabe zu glauben. Auf dem Krankenlager sagte er noch kurz vor seinem Tod zu P. Superior: "Ich bin dankbar für mein ganzes Leben, vor allem den Eltern; die Familie war die entscheidende Grundlage für alles. Dem Orden verdanke ich eine tiefe Erkenntnis Jesu Christi, er hat mir eine erfüllende Arbeit ermöglicht. Jetzt will ich sterben. Ich sterbe gern."

R.i.p.

Aus der Provinz, 1971, S. 264-266