P. Franz Biesenbach SJ
4. März 1985 in Essen

Ein Glück, daß es Jesuiten gibt, wie Franz Biesenbach einer war. Sie wirken dem Eindruck entgegen, es sei einer Jesuit in dem Maß, als er eine großartige 'Persönlichkeit' darstelle. Eben das war Franz Biesenbach durchaus nicht. Um so mehr war sein Leben transparent auf den hin, dem einer als Jesuit zugesellt ist. Das gilt auch von dem Mitbruder, der für die Berufsentscheidung von Franz Biesenbach maßgeblich war (die älteren Mitbrüder kennen ihn noch) P. Nikolaus Geier SJ, Gefängnisseelsorger in Köln und Minister in der Stolzestraße, gest. 12.01.1934. Er hat Franz Biesenbach sehr beeindruckt.

Ich bin froh, daß ich diesen Nachruf schreiben darf. Auf diese Weise kann ich ein wenig den Dank abstatten, den ich ihm schulde. Ich verdanke ihm wirklich sehr viel - mehr als er selbst und die Mitbrüder es ahnten. ("Du ahnst es nicht", war bei ihm ein geflügeltes Wort.) Vielleicht kann es im Laufe des Berichts sichtbar werden.

Schon einige Stunden vor dem Eintritt ins Noviziat am 26.04.35 kamen wir in nähere Verbindung - auf dem Kölner Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig stießen wir Trierer - zu viert - auf eine Fünfergruppe, die verdächtig nach Noviziatseintritt aussah. Schwarze Hüte, dunkle Mäntel, dazu ein entsprechender Gesichtsausdruck "Fahren Sie auch nach 's-Heerenberg?", damit nahm von der Kölner Gruppe Erich Mattele den Kontakt zu uns auf. Wir stellten einander vor: Peter Knein, Willi Schunk, Rainer Rendenbach usw. usw. Und eben Franz Biesenbach. Bei der gemeinsamen Zugfahrt begannen bereits zaghaft die Frozzeleien zwischen Kölnern und Trierern, die im Verlauf des Noviziates und der Studien nie mehr abreißen sollten. Über die im Noviziat uns erwartende 'spoliatio' bereits von unseren MC-Praesides P. Schuh und P. Peus informiert, leerten wir unsere Geldbeutel schon gemeinsam im Speisewagen.

So waren wir bei der Ankunft im Noviziat von P. Flosdorf bereits eine Gruppe, die allen Separatiobestimmungen der Noviziatsordnung gegenüber standhielt. Die Tatsache, daß P. Flosdorf Kölner war, hat das Kräfteverhältnis Kölner - Trierer nur geringfügig gestört. Jedenfalls haben wir einander viel gegeben. Franz Biesenbach war nie mein offizieller 'Angelus', aber zeitlebens habe ich von ihm die besten 'eleemosynae spirituales' bekommen, meist in der karrikierenden Nachahmung meiner Unarten. Es gab dazu reichlich Gelegenheit, denn fast die ganzen Studienjahre waren wir zusammen: Pullach, Frankfurt, Büren. Es war auch kaum ein Tag, wo wir nicht gemeinsam studiert hätten. An Studienstoff fehlte es uns nie. Neben Philosophie und Theologie waren es noch hundert andere 'Stoffe', die wir gemeinsam behandelten - nicht immer mit bestem Gewissen, aber - rückblickend - zu unserem beiderseitigen großen Nutzen. Manches Mal auch zum Skandalizieren ängstlicher Mitbrüder.

Doch nun zu den Lebensdaten. Der äußere Lebensgang bewegt sich im wesentlichen zwischen den Städten Köln, wo er am 2.06.1915 geboren wurde, und Essen, wo er am 4.03.1985 starb. Der Eintrittstag war, wie bereits gesagt, der 26.04.1935 - nach dem Abitur auf dem Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln. Vor Ende des Noviziates rückte er mit neun Mitnovizen nach Sachsen in den Reichsarbeitsdienst ein (1.04.1937). Er kam in einen weltverlorenen Ort, nach Külso bei Halle. Im November 1937 begann die Philosophie in Pullach; am 27.04.1938 legte er die Ersten Gelübde ab. Bei Kriegsausbruch wurde er Soldat in München, machte den Frankreichfeldzug mit und konnte im W.S. 1940/41 beim Studienurlaub in Pullach die Philosophie abschließen. Erneuter Kriegseinsatz im Westen und im November 1941 Entlassung aus der Wehrmacht auf Grund des Führererlasses gegen die Jesuiten. Theologie in Sankt Georgen und am 9.11.1942 Priesterweihe in der Kapelle des Mainzer Priesterseminars durch Bischof Albert Stohr. Anschließend seelsorglicher Einsatz in Essen.

Frau Dorothea Hoffmann, Essen, hat die Eindrücke, die sie von P. Biesenbach hatte, kurz skizziert: "Er wohnte im Hedwig-Dransfeld-Haus bei H.H. Prälat Böhler unter dem 'Tarnmantel Organist und Chorleiter' und wirkte von 1943 - 1945 als Kaplan an St. Peter. In dieser Zeit erlebte Essen die schwersten Luftangriffe, die er dort alle miterlebte. Nach jedem Angriff half er beim Aufräumen und Wiederinstandsetzen, vor allem den Schwestern im Kloster an der Blücherstraße. Durch Luftminen wurde er mehrmals unter dem Kirchengebäude durch die Räume geschleudert, wobei er sich Rippenbrüche zuzog, die er nicht bemerkte. Erst bei einer Röntgenuntersuchung 1971 im Krupp-Krankenhaus stellte man die gewesenen Brüche fest. Sehr mitgenommen haben ihn immer die Beerdigungen der bei Angriffen ums Leben gekommenen Menschen; er mußte zu Fuß zu den einzelnen Friedhöfen gehen, wobei nicht selten wieder Vollalarm kam."

Bei den schweren Fliegerangriffen, die seine Heimatstadt Köln in diesen Jahren erlebte, verlor Franz seine von ihm hochgeschätzten Eltern. Der Vater wurde in der Angriffsnacht von Peter und Paul 1943 getötet, die Mutter starb wenige Tage später an Verbrennungen, die sie bei diesem Angriff erlitten hat - während das Begräbnisamt für den Vater gefeiert wurde. Franz hat selten von diesem grauenvollen Sterben seiner Eltern gesprochen, wie es ihm überhaupt sehr schwer fiel, seine Gefühle direkt zu äußern. Um so dankbarer war er, wenn er merkte, daß einer die mehr indirekten Signale seiner inneren Empfindungen wahrnahm. Umgekehrt schmerzte es ihn sehr, wenn man ihm seine mangelnde Mitteilsamkeit als Härte und Gefühlskälte auslegte.

Nach dem Krieg brachte er von November 1945 bis Juli 1947 in Büren seine Theologie zum Abschluß. Es folgte das Terziat bei P. Wehner in Münster. 1949 kam er wieder nach Essen - als Kaplan an St. Ignatius. Hier berichtet wieder Frau Dorothea Hoffmann: "Ich lernte ihn durch einen gemeinsamen Freund im November 1949 kennen, als er zum Religionsunterricht in unsere Schule kam. Alle Kinder und das Kollegium liebten ihn sehr, weil er so humorvoll sein konnte und eben ein echter kölscher Junge war. Neben seinen Aufgaben als Kaplan war er noch Gaukurat der DPSG und von allen gut gelitten. Hatte er junge Leute um sich, war bei ihm immer etwas los. Das Anliegen der Jugend lag ihm sehr am Herzen, wie auch später bei seinen ND-ern in Köln. Er war sehr kameradschaftlich und verständnisvoll und versuchte immer, mit den Jungen eine Basis zu finden, auf der sie sich trafen. In der Schule fiel es ihm schwer, seine Gutmütigkeit abzulegen und auch einmal Strenge walten zu lassen. Als er 1956 Essen verließ, haben viele ihm Tränen nachgeweint.

In Köln erwarteten ihn neue Aufgaben. Er arbeitete im ND als Gaukaplan und als Minister im Haus. Er war sehr rührig und gewissenhaft und bemühte sich besonders um den 'Turm' als ND-Heim. Oft kontrollierte er die Räume dort und auch die nicht gerade ehrenwerte Umgebung. Jahrelang hat er nachts Telefonseelsorge gemacht, obwohl er große Einschlaf- und auch Schlafschwierigkeiten hatte. Während seiner Ministerzeit wurde das Canisiushaus renoviert und umgebaut und neu mit Möbeln bestückt. Als er 1969 eine fünfwöchige Vertretung im Landeskrankenhaus in Brauweiler machte, mußte er die dort herrschenden Mißstände aus nächster Nähe erleben. Er litt sehr darunter, dort nicht eingreifen zu können und seine Machtlosigkeit erfahren zu müssen. Das führte zu seiner ersten Krankheitsphase (Zyklothymie), die mit einem fünfwöchigen Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik in Essen gebessert wurde. Am 30.04.1971 erlitt er den ersten Herzinfarkt in Köln, sagte niemanden von den argen Schmerzen und fuhr noch allein ins Hildegardiskrankenhaus. Ab da war er mehrmals bis 1977 im Kruppschen Krankenhaus in Essen, um sein schweres Herzleiden behandeln zu lassen. 1974 wurde er Hausgeistlicher im Altenheim Karl-Josef-Haus. Dort besuchte er regelmäßig die alten Leute, sprach ihnen Mut und Hoffnung zu und erfreute sie und die Schwestern mit Gottesdiensten und Predigten, die von allen geschätzt wurden. Im Dezember 1980 kam eine erneute Phase der Zyklothymie langsam zum Durchbruch. Er mußte sein Amt aufgeben, sehr zum Leidwesen der alten Leute. Am 8. Oktober 1982 hoffte er in Essen Betreuung und Erholung zu finden. Leider aber verschlechterte sich sein Zustand immer mehr. In der Kruppschen Klinik, wo er Hilfe erwartete, starb er am 4.03.1985 ruhig und gottergeben".

Soweit der Bericht von Frau Dorothea Hoffmann über den äußeren Lebensgang von P. Biesenbach. Was hat sich dahinter abgespielt an Bewegungen und Erfahrungen, an Schmerzen und Tröstungen? Da er sehr wenig über sich persönlich sprach und Gefühle und Empfindungen meist scheu verbarg, kommt man an sein inneres Wesen nur schwer heran - und nur indirekt. Auch die, die ihn gut kannten, kommen über Vermutungen nicht hinaus. Ich glaube, daß er in seinem innersten Kern ein gesundes Selbstgefühl und ein ungebrochenes Glaubensbewußtsein hatte. Sonst hätte er die Härten seines Weges schwerlich durchstehen können. Denn daß er einen sehr schweren Weg zu gehen hatte, ist unverkennbar. Wahrscheinlich war ihm schon die Schule ein Kreuz. Was es ihm wohl erleichterte, waren die guten menschlichen, Beziehungen, die er schon in diesen Jahren hatte. Mit den Kölner Jesuiten war er sehr vertraut, und vor allem hatte er in seinem Klassenkameraden Peter Nettekoven, dem späteren Generalvikar und Weihbischof, einen unübertrefflichen Freund, der bis zu seinem Tod unvergleichlich treu zu ihm stand. Die Tatsache dieser Freundschaft zeigt wie kaum etwas anderes, welche Werte in Franz Biesenbach lagen. Einen guten Ausgleich in seiner Gymnasialzeit brachte ihm wohl auch seine Freude an der Musik. Er spielte ausgezeichnet Orgel und Klavier (Beethoven-Sonaten) und war Stammgast im Kölner Opernhaus.

Das Noviziat war für ihn wahrscheinlich eine sehr sonnige Zeit. Hier waren keine intellektuellen Leistungen gefragt; hier kam es auf die gesamtmenschlichen Dinge an, die er da auch voll zur Geltung brachte. Ich erinnere mich z.B. daran, daß ihm das Krankenexperiment sehr viel bedeutete. Auch im Kommunitätsleben konnte er sich voll entfalten, nicht zuletzt durch seinen Kölschen Humor und auch durch sein Orgel- und Klavierspiel. Allerdings entscheidend für diese Zeit und darüber hinaus für sein ganzes späteres Leben in der Gesellschaft waren die Wertschätzung und Zuwendung, die sein Novizenmeister P. Flosdorf ihm schenkte. Es war eine echte und tiefe Freundschaft zwischen beiden, die bis zum Tode hielt. Auch sie sagt viel über die inneren Werte von Franz Biesenbach.

Was soll man zu seinen Studienjahren sagen? Sie waren für ihn eine grausame Angelegenheit. Zum Glück waren sie durch die damaligen Zeitereignisse reichlich oft unterbrochen (Reichsarbeitsdienst, Kriegseinsatz) und lag vor dem längsten Studienabschnitt eine dreijährige erfolgreiche Kaplanstätigkeit. Dennoch haben die Studien in der Art, wie sie bei uns betrieben wurden, sein Selbstgefühl tief verwundet. Die darin praktizierte Abstraktionsstufe war für ihn einfach nicht zu schaffen; er erlebte permanent sein Versagen. Im gemeinsamen Studieren war es für mich ein bleibender Gewinn, daß ich bei jedem Schritt gedrängt war, jeweils zum Existentiellen und Konkreten durchzustoßen; aber das reichte nicht, seine Verwundung zu heilen. Die Studien haben ihn scheu und ängstlich gemacht; die Frische und Offenheit seiner ersten Ordensjahre hat er nie mehr wiedergefunden. Da, wo er seine menschlichen Gaben zur Geltung bringen konnte, also bei Jugendlichen, bei Kindern und alten Leuten, lebte er auf und war allseits beliebt und offenherzig; wo er einer Kommunität gegenüberstand, von der er nicht wußte, wie sie ihn einschätzte, floh er in eine frozzelnde Umgangsform oder in schweigende Reserviertheit. Wie sehr er zuweilen in Depressionen geriet, hat er kaum jemand mitgeteilt. Sehr selten hat er Mitbrüdern, die ihm etwas näher standen, ein wenig von dem erkennen lassen, was er an innerer Not erlebte.

Frau Hoffmann hebt in ihrem Bericht zur Charakteristik noch zwei Eigenschaften von P. Biesenbach hervor: seine Bescheidenheit und seine Treue. Natürlich kann man in beidem auch den Ausdruck seiner Not finden - in seiner Bescheidenheit die Unsicherheit und in seiner Treue das ängstliche Festhalten an Menschen, von denen er sich angenommen wußte; aber sind nicht alle unsere christlichen Tugenden zutiefst verwurzelt in unserer Armut. Sie sind ja nicht Leistungen, sondern Gaben, - Gaben, für die wir um so besser disponiert sind, je mehr wir in Wahrheit leer sind von aller eigenen Herrlichkeit. Gerade wo ich diese Zeilen schreibe, kommt mir der Provinzbrief in die Hand, wo P. Sievernich den Nachruf für P. Schuh schreibt. Wie schon erwähnt, war P. Schuh der MC-Praeses von P. Biesenbach. P. Sievernich schließt seinen Bericht über P. Schuh, indem er aus einer seiner Predigten zitiert:

"Du bist ohne Bedingungen geliebt, Du glücklicher Mensch, Du kannst die Liebe Gottes nie verdienen, durch keine noch so gewaltige Leistung. Du kannst sie aber auch nicht verhindern, durch keine noch so schlechte Tat". Ich weiß nicht, wie P. Schuh und P. Biesenbach in den letzten Jahren zueinander standen, wo sie doch beide in Köln wirkten. Das eben aufgeführte Zitat bringt sie jedenfalls in eine tiefe innere Nähe zueinander. Was der eine großartig formuliert hat, hat der andere mit seiner ganzen Existenz gelebt. Die 'Leistung', die P. Biesenbach in seinem Leben vollbracht hat, ist die, daß er, Gott durch seine eigene Person hindurch hat wirken lassen. Was das im einzelnen war, das ist uns nur bruchstückhaft erkennbar. Jedenfalls wurde sein Leben ganz transparent auf Den hin, dem er in der Gesellschaft Jesu zugesellt sein durfte.

R.i.p.

P. Georg Mühlenbrock SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1985 - Oktober, S. 108ff