Josef Ortscheid SJ

P. Hans Weyer SJ
* 24. Januar 1930     31. Januar 2007
Eintritt 1949 - Priesterweihe 1962 - Letzte Gelübde 1965

P. Hans Weyer hat bei uns Mitbrüdern gerne von seinem Elternhaus, dessen starken Prägungen und von seinen fünf Geschwistern erzählt. Geboren wurde er am 24. Januar 1930 in Denklingen im Bergischen Land. Sein Vater, Leiter des Katasteramtes, wurde mehrfach strafversetzt wegen seiner unbeugsamen Haltung den Nazis gegenüber. Deshalb sind Dülken, Einbeck und Warendorf weitere Lebensstationen; sie hatten ihn mit dem Kölsch-katholischen, mit der niederrheinischen Mentalität, dem Leben in der Diaspora und mit dem westfälischen Katholizismus vertraut gemacht. Die vielen Umzüge und der Feind von außen schweißten die Familie Weyer eng zusammen, und das blieb unter den Geschwistern immer so. Durch die zum katholischen Glauben konvertierte Mutter blieb die Familie religiösen Fragen gegenüber besonders aufgeschlossen und hellwach. Lebenslang ärgerte der tiefe Graben zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche unseren Pater Weyer. Er konnte in heiligem Zorn nach vorne preschen. So sprach er z.B. einmal in einem ökumenischen Gottesdienst, gemeinsam mit einer evangelischen Pastorin vor dem leeren Altartisch die Einsetzungsworte Jesu. Er hatte den Skandal der Trennung unter uns Christen anschaulich machen wollen. Während das von der betenden Gemeinde als ermutigendes Zeichen empfunden wurde, war bei Hans selbst sein Erschrecken über die eigene leidenschaftliche Risikobereitschaft zu spüren.

Musik hat im Hause Weyer eine große Rolle gespielt. Lange Zeit spielte Hans Akkordeon und vor allem sehr gut Cello. Gesang und Musik waren ein Teil seines Lebens, weit über den Beruf des Musiklehrers hinaus. Nahm er sich später das Akkordeon zur Brust, ging es immer lustig-volkstümlich zu. Dann triumphierte der Schelm in ihm, und etwas Jungenhaftes gewann die Oberhand. Auch das hatte Familientradition. Als der Vater 1956 mit der Familie nach Bad Godesberg kam, um Hans im Interstiz zu besuchen, drehte er Ehrenrunden auf unserem Gelände: mit Hans in der Kutte, auf dem einen Trittbrett des Autos stehend, ein Bruder auf der anderen Seite. Die erwachsenen Söhne krallten sich mit der einen Hand an der Dachrinne fest, ließen die andere voll Übermut schweben. Der Stolz auf den Vater am Steuer war von klein auf ungebrochen; dessen Stolz auf die Söhne auch.

Der Vater hatte Hans 1942 anvertraut, dass er Zeuge von Judenerschießungen in Polen geworden sei. Hans bezeichnete dieses Gespräch als den Schlüssel zu seinem Denken und seinem späteren Mut, Dinge beim Namen zu nennen. Wie viel wortlose Übereinstimmung mag es geschaffen haben, dass der Vater von der Front auf Heimaturlaub gekommen war und Hans ihn zum Grab des jüngsten Bruders Peter führen musste, der mit zweieinhalb Jahren gestorben war. Es waren auch leidvolle Erfahrungen, als Hans' Schwester Annemarie mit 44 Jahren als Ordensschwester starb; Bruder Otto mit 59 Jahren in Bad Godesberg plötzlich tot in seinen Armen lag und Bruder Gerhard 63-jährig einem Krebsleiden erlag. Sich-Behaupten, Kampfgeist, Auseinandersetzungen und Stolz haben Hans Weyers Leben geprägt, und zwar so sehr, dass sein gelegentliches Übers-Ziel-Hinausschießen hier seinen Ursprung haben könnte.

Dem Eintritt ins Noviziat mit 19 Jahren folgten Juniorat, Philosophiestudium in Pullach (1952 bis 955) und vier Jahre Interstiz als Präfekt im Aloisiuskolleg. Wenn er von der Länge seines Interstizes redete, mischte sich Bitteres in seinen Tonfall. Während des Theologiestudiums in St. Georgen (1960 bis 1963) empfing er die Priesterweihe. Nach dem Tertiat begann eine erfüllte Zeit für P. Weyer im Bürener Kolleg (1964 - 1969): als Lehrer in den Fächern Religion, Philosophie und Musik, gleichzeitig als ND- und Heliand-Stadt- und Regionalkaplan. Viele Freundschaften aus dieser Zeit pflegte er bis er starb. Von 1969 bis 1995 unterrichtete Hans im Aloisiuskolleg dieselben Fächer. Seine Schüler verdankten seinem engagierten Unterricht Herausforderung und Hinführung zu eigenem Denken, Rhetorik und die Kunst zu argumentieren. Unkonventionell, manchmal sprunghaft, konnte er provozieren oder aber sich selbst ereifern. Auch im Gottesdienst war er stets er selbst. Er ließ viel Nähe zu und begleitete unzählige ehemalige Schüler weiter auf ihrem Lebensweg. Seinen unerschütterlichen Glauben gab es nicht ohne lebenspraktische Konsequenzen. Seiner forschen Aufgeschlossenheit für Zeitfragen, für Politisches und alles Neue setzte er selbst oft die Verteidigung traditioneller Formen und Werte gegenüber, die er persönlich auch eher verkörperte, aber eben dialektisch.

Wenn sich Hans Weyer seiner Brüche und Diskontinuitäten im Leben und in den Freundschaften bewusst wurde, dann schmerzte ihn das. Ein Freund schrieb im Hirschberg: "Es gab in seinem Ordensleben auch Zeiten der Einsamkeit und des Alleingelassenseins sowie der Rat- und Tatenlosigkeit. Ich weiß, dass er unter kirchlichen und menschlichen Strukturen litt und versuchte, diese im Vertrauen auf den guten Geist Gottes zu verändern, letztlich diese aber treu ertrug." Dann warf Hans sich lieber nach vorne in eine neue Aufgabe.

Hans Weyer war ein heiterer Christ. Er lachte viel und brachte andere zum Lachen. Aber sein Humor war eigen. Ein "Weyerwitz" geht so: Seine Frage "Warum heißt das Bundeshaus 'Bundeshaus'?" Das beantwortete er selbst: "Weil es viereckig ist! Wenn es rund wäre, müsste es ja 'rundes Haus' heißen."

Sein Engagement im Bund Neudeutschland, zu dem er schon als Jugendlicher gehört hatte, prägte sein Leben und das vieler Menschen, denen Hans von 1994 bis 2001 als KMF-Kaplan verbunden war, ebenso als Burgkaplan der Neuerburg, als Seelsorger auf Pfingsttreffen und bei ND-Reisen. Viele Jahre schrieb er das "Geistliche Wort" für den Hirschberg. Darin hatte er Übung erworben als Mitarbeiter an Predigtreihen und Gottesdienstgestaltungsmodellen.

Hans, der sich 1995 nach schwersten Herzoperationen als "Grenzgänger des Todes" bezeichnet hatte, schonte sich kurze Zeit später als Pfarrer in St. Wendel in Frankfurt so wenig wie er es auch früher gehalten hatte. Er lebte wie auf der Überholspur des Lebens, sah die Arbeit und sprang hinein: sowohl von Koblenz aus, wo er zwei Jahre als Beichtseelsorger wirkte, wie seit 2001 von Trier aus, als er den deutschsprachigen Raum für die Gebetsmeinungen des hl. Vaters erschließen wollte. Wie immer entwarf er fieberhaft 1000 Ideen, wie man mehr aus dem Anliegen machen könnte. Er packte das an, gewann Künstler, er diskutierte seine Ideen noch vor einem Jahr leidenschaftlich. Telefon und Computer kamen nicht zur Ruhe. Dabei hatte er 2001 nach schweren Leber- und Darmkrebsoperationen gesagt: "Ich muss mit dem leben, was der Herrgott mir noch gibt."

Die Umsiedlung von Trier nach Köln im November 2006 hatte sein Bruder Hermann für Hans übernommen. Die Kräfte schwanden. In den letzten Wochen konnte P. Weyer nicht mehr selbst zum Essen kommen. Zunehmende Mattigkeit überfiel ihn während alltäglicher Verrichtungen. In der Sterbensnacht sprach P. Abel noch etwa eine Stunde mit ihm. P. Weyer empfing die Krankensalbung ganz bewusst. Beim gemeinsamen Gebet und Sprechen wurde Hans immer ruhiger. Auf die leise Frage: "Hör mal, Hans, Du verstehst mich doch, oder?" antwortete P. Weyer mit Nachdruck: "Natürlich!" "Natürlich" - das war sein Abschied von uns. Natürlich war für ihn, dass er wenige Minuten später sein Leben dem Schöpfer anvertraute. Es war der 31. Januar 2007.

P. Weyer wurde auf dem Friedhof Melaten in Köln beigesetzt.

R.i.p.

P. Theo Schneider SJ

Jesuiten/Nachrufe 2007, S. 44 ff.