Bruno Schüller SJ

P. Bruno Schüller SJ
* 9. November 1925     30. Oktober 2007
Eintritt 1946 - Priesterweihe 1956 - Letzte Gelübde 1964

Am Donnerstag, dem 8. November 2007, am Tag vor seinem 82. Geburtstag, ist Pater Bruno Schüller S.J. auf der Jesuitengrabstätte des Friedhofs Melaten zu Köln in einer schlichten Feier bestattet worden. Zugegen waren sein Bruder mit seiner Frau, eine Verwandte, ein be- kanntes Ehepaar aus Frankfurt, zwei Fachkollegen wie ein Zwölferkreis von Jesuiten aus Aachen, Essen, Frankfurt-Sankt Georgen, Hamburg und Köln.

Das feierliche Requiem wie die Exsequien wurden am Tage zuvor, dem 7. November, in Münster in Westfalen in der Petrikirche gefeiert, der Kirche des ehemaligen Jesuitenkollegs, deren Eigentümer heute das Gymnasium Paulinum ist und die der Katholischen Studentengemeinde als Gottesdienstraum dient. Musikalisch gestaltet wurde die Feier durch den Domorganisten wie die Choralschola des Domes, die das Proprium wie Ordinarium des Requiems in lateinischer Sprache sang samt dem "Dies irae", das endet in der vertrauensvollen Anrufung Jesu, in dessen "Gesellschaft" Pater Schüller 61 Jahre in großer Treue auf die ihm gemäße Weise gelebt hat. Sein Sarg stand auf der Grabplatte des Pater Moritz von Büren S.J., der am 7. November (!) 1661 verstorben und in der Petrikirche beigesetzt worden ist. Ihm verdankt die Gesellschaft Jesu das Kolleg in Büren, das er 1640 (vor seinem Ordenseintritt 1644) aus seinem Erbe als Freiherr stiftete. Mit der Erfahrung eines Präsidenten des Reichskammergerichts in Speyer (1629-44) hat er sein Erbe rechtlich so abgesichert, daß dieses heute als "Haus Bürenscher Fonds" noch besteht und -verwaltet vom Regierungspräsidenten von Detmold- Gewinn ausschüttet zugunsten des Mauritius-Gymnasium in Büren wie anderer pädagogischer Einrichtungen im Paderborner Raum. Am Kolleg in Büren, einer Barockanlage mit einer für das nördliche Deutschland einzigartigen Kirche, hat Pater Schüller 1952 bis 1953 als Erzieher während seines Interstitzes gewirkt.

Etwa 200 Trauergäste bekundeten ihre Verbundenheit mit Pater Schüller wie ihren Dank ihm gegenüber durch die Mitfeier der Totenmesse, darunter Familienangehörige, Münsteraner Bekannte wie Mitglieder der Westfälischen Wilhelms-Universität, vor allem ehemalige Kollegen der Katholisch-Theologischen Fakultät; auch die meisten seiner ehemaligen Doktoranden waren anwesend.

Dompropst Josef Alfers konzelebrierte in Vertretung des Bischofs von Münster wie der Mitglieder des "Domconveniats", dem Pater Schüller menschlich wie spirituell-theologisch sehr verbunden war und das sich zusammensetzt aus Mitgliedern der Bistumsleitung, des Domkapitels, einigen Theologieprofessoren wie anderen im Umkreis des Doms tätigen Priestern. Wenn Pater Schüller in diesem "erlesenen" Kreis ganz arglos und wie selbstverständlich bei theologisch-biblischen Gesprächen über weite Passagen hin das Neue Testament in seinen verschiedenen Schriften in griechischer Sprache par coeur zitierte, so erstaunte und verwirrte, um nicht zu sagen, düpierte dies seine Gesprächspartner, zumal die Exegeten, nicht selten, da ihnen eine solche intima cognitio des Wortes Gottes, zumal in der Ursprache, in solcher Art nicht gegeben war. Der Bischof von Aachen, Dr. Heinrich Mussinghoff, der Pater Schüller aus der gemeinsamen Zeit im Domconveniat sehr verbunden war, würdigte in seinem Kondolenzschreiben diese Vertrautheit mit der Hl. Schrift bei Pater Schüller in besonderer Weise.

Die Jesuiten waren vertreten durch Pater Friedrich Abel S.J., den letzten Rektor, wie Pater Stefan Siegel S.J. und Pater Hans Wirtz S.J., zwei Ministri des in der Sicht von Pater Schüller leider 2002 aufgelösten Hauses Sentmaring, das das Tertiat, Altenheim wie Noviziat der Norddeutschen Provinz und ein von Jesuiten geleitetes Jugendzentrum der KSJ im ND beherbergte. Im Haus Sentmaring hatte Pater Schüller von 1957 bis 1958 sein Tertiat unter dem Instruktor Pater Otto Pies S.J. absolviert. Wenn Pater Schüller auch in seiner münsteraner Zeit privat in der Innenstadt wohnte, so war das Haus Sentmaring der bevorzugte Ort seiner Feier der Heiligen Messe. Den Mitbrüdern dieser Residenz war er in jesuitischer Freundschaft verbunden und fehlte so gut wie nie bei wichtigen Festen oder Gedenktagen der Kommunität wie bei den Beerdigungen von Mitbrüdern auf dem hauseigenen Sentmaringer Friedhof. Gerne wäre auch er im Park von Sentmaring bestattet worden, in dem 162 Mitbrüder ihre letzte Ruhestatt gefunden haben, was aber nicht mehr möglich war. Dieser Friedhof ist der einzige Zeuge jesuitischer Präsenz an diesem Ort, der hoffentlich auch in Zukunft ein Stätte lebendigen Gedenkens im Orden bleiben wird. Vom Haus Sentmaring, auch vom in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts errichteten Noviziatsgebäude, das eine glänzende Zukunft für die damalige Westprovinz eröffnen sollte, steht heute kein Stein mehr auf dem anderen.

Pater Schüller ist am Dienstag, dem 30. Oktober, in der Raphaelsklinik in Münster gestorben und wurde in der Totenkapelle der dort wirkenden Clemensschwestern aufgebahrt. Diese Klinik war ihm vertraut durch längere krankheitsbedingte Aufenthalte wie aus mehrmaliger Kurzzeitpflege. Da er in direkter Nachbarschaft zur Klinik in einem Priesterhaus der Lamberti-Gemeinde neben der Clemenskirche wohnte, hatten in seinen gesunden Tagen die Ordensschwestern ihn des öfteren herbeigerufen, um Totkranken und Sterbenden das Sakrament der "Krankensalbung" zu spenden, was Pater Schüller bereitwilligst getan hat.

Zwei Jahre vor seinem Tod nach dem fünften Schlaganfall musste P. Schüller zuerst am 30.8.2005 in ein Caritas-Pflegeheim umziehen und dann am 18. Juli 2006 in die Deutsche-Krankenversicherung-Residenz am Tibusplatz. Pater Schüller war 1995 kurz nach seiner Emeritierung von einem Schlaganfall heimgesucht worden. Frau Dr. phil. Brita Püschel, Dozentin für Anglistik an der Universität Münster, war für ihn eine unschätzbare Helferin wie einfühlsame und umsichtige Begleiterin. Über Pater Wilhelm Köster S.J. (Schweden) hatte P. Schüller Frau Püschel kennengelernt und mit ihr in Münster die Wohnung an der Clemenskirche geteilt.

Der Tod war für Pater Schüller eine Befreiung aus der Enge und dem Zwang, aus den Bindungen des irdischen Lebens in die Freiheit Gottes hinein: aus jenen schmerzhaften Bindungen, durch die er in seinem Körper in den letzten zwei Jahren ans Bett gefesselt war; aus der Tragik einer immer mehr versagenden Sprache wie eines verstummenden Mundes - für ihn, einen Meister der Sprache; aus den Bindungen immer trauriger blickender Augen, gebrochen zwar im Tode, doch in beseligender Freiheit die Herrlichkeit Gottes anschauend; aus jenen Kämpfen, in denen er Tag für Tag -umfangen von gelegentlicher Verzweiflung- seine Leidensbereitschaft wie Geduld erneuern und erringen musste und wollte. Sein immer wieder ausgesprochenes oder still bekundetes: "Ich füge mich." wurde im Tode aufgehoben, gewandelt in die Dimension göttlicher Befreiung.

Pater Schüller begann seine wissenschaftliche Laufbahn 1958 mit einem Promotionsstudium in Moraltheologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, das er bei Pater Josef Fuchs S.J. mit der Dissertation "Die Herrschaft Christi und das weltliche Recht. Die christologische Rechtsbegründung in der neueren protestantischen Theologie", Rom: Anal. Greg. 1963, abschloß. Im Hinblick auf diese Promotion absolvierte er von 1960 bis 1961 an der Universität Münster ein Spezialstudium, vor allem das der Exegese an der Evangelischen-Theologischen Fakultät. Mit dem WS 1961/62 begann er seine Lehrtätigkeit im Fach "Moraltheologie" an der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen wie an der Theol. Fakultät S.J. in Frankfurt am Main. Am 4. März 1965 wurde er vom Bischof von Limburg, Dr. Wilhelm Kempf, zum ordentlichen Professor der Moraltheologie an der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen ernannt, am 20. Juni 1966 zum außerordentlichen Professor für Moraltheologie an der Theol. Fakultät S.J. in Frankfurt. Die Monographie "Gesetz und Freiheit-eine moraltheologische Untersuchung", Düsseldorf: Patmos 1966, dürfte seine Habilitationsschrift gewesen sein. Seit dem WS 1968/69 war Pater Schüller Ordinarius für Moraltheologie in der Kath.-Theol. Abteilung der Ruhr-Universität Bochum, wobei er seine Lehrtätigkeit in Frankfurt-St. Georgen drei Jahre lang fortsetzte. Im SS 1971 lehrte er vertretungsweise Moraltheologie an der Universität Regensburg, deren Ruf vom 22. Juni 1971 auf einen Lehrstuhl für systematische Theologie er nicht annahm. Im SS 1973 hatte er eine Gastprofessur an der Gregoriana in Rom. Mit Wirkung vom 1. November 1974 erhielt er einen Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität nach Münster in Westfalen und vertrat bis zu seiner Emeritierung am 1. März 1991 das Fach Moraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät. Die Georgetown-Universität in Washington hätte im November 1976 Pater Schüller für eine Forschungsprofessur in Kath. Moraltheologie am Kennedy-Institut gewinnen wollen in einer Zeit des aufbrechenden Diskurses im Feld der Bioethik. Doch er hielt Münster und seiner Universität die Treue und lehnte diesen Ruf nach langer Überlegung und Erfahrung an Ort und Stelle (Gastvorlesungen) ab, weil er u.a. die Freiheit eines deutschen Universitätsprofessors kostbarer einschätzte als mögliche gesellschaftliche Verpflichtungen in den USA den Geldgebern des Instituts gegenüber. Als besondere Anerkennung seiner Leistungen ist die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Lund (Schweden) am 25. Mai 1984 zu nennen. Seine Fähigkeit zur Differenzierung und Begriffspräzisierung hat Pater Schüller in seiner vielfältigen Tätigkeit als Mitglied der Ethikkommission der Universität Münster ausweisen können, einer Tätigkeit, die für ihn von großer Bedeutung war. Gleiches gilt auch für die internationale "Societas Ethica". Seit dem 19. März 1986 war er Mitglied der "Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften".

Aus den zahlreichen Publikationen von Pater Schüller ist die Monographie "Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Katholischen Moraltheologie" (Düsseldorf, Patmos 1973, überarb. und erw. 3. Aufl. 1987) hervorzuheben. Sie gilt als eines der Standardwerke heutiger moraltheologischer Fragestellungen. "Eine gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift und ihrer neueren Exegese, der Klassiker der philosophischen Ethik wie der Moraltheologie sowie die Rezeption der einschlägigen angelsächsischen Autoren befähigte ihn zu einer konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit der neuscholastischen Tradition katholischer Moraltheologie. Dabei zeichnete er sich durch eine bemerkenswerte Präzision der Sprache wie der Argumentation aus. Er ebnete auf diese Weise den Weg zu einem fruchtbaren Dialog der Moraltheologie mit der Moralphilosophie, der analytischen Ethik und den verschiedenen Ansätzen in der theologischen Ethik." ( Würdigung der Hochschule Sankt Georgen-Frankfurt am Main). Die letzten Doktoranden von Pater Schüller versichern, er habe bei seiner Emeritierung mehrere druckfertige Manuskripte, u. a. über die Willensfreiheit, besessen. All diese Schriften hat er offensichtlich dem Altpapier übergeben. Ein wissenschaftlicher Nachlaß ist nicht vorhanden.

Pater Schüller wurde am 9. November 1925 in Rhens am Rhein bei Koblenz geboren. Sein Vater war bei der Bahn als Drehscheibenwärter tätig und Leiter der Raiffeisenkasse. Weil unbelastet vom Nationalsozialismus machte ihn die französische Besatzungsmacht für zwei Jahre zum Bürgermeister und "belohnte" ihn mehrmals mit einer Gefängnsistrafe, wenn er die geforderten Lebensmittel bei der Bevölkerung nicht erzwang. Seine Mutter besorgte den Haushalt. Pater Schüller hatte eine Schwester und drei Brüder. Daß er begeisterter Fußballspieler war, ließe sich nicht so leicht vermuten, schon eher, dass er -Literatur verschlingend- auf den Höhen des Rheins einsam seine Wege ging. Pater Schüller besuchte das humanistische Gymnasium in Koblenz und wurde nach einem Notabitur 1944 zur Kriegsmarine eingezogen als Fähnrich zur See auf einem Zerstörer. Tod, Vernichtung, Untergang auf See waren für ihn prägende Erfahrungen. Nach der Entlassung aus englischer Gefangenschaft in Braunschweig machte er am 16. Juli 1946 sein ordentliches Abitur am damaligen Kaiserin-Augusta-Gymnasium, dem heutigen Görres-Gymnasium. Am 3. September 1946 begann er sein Noviziat auf Burg Eringerfeld beim Novizenmeister Pater Johannes Häcker S.J.. Am 8. September 1948 legte er die ersten Gelübde ab. 1948 bis 1952 studierte er Philosophie am Berchmanskolleg in Pullach (1949 ein Semester unterbrochen wegen TBC). Nach dem Interstitz in Büren folgte die Theologie in Frankfurt-Sankt Georgen von 1953 bis 1957. Am 30. Juli 1956, im "Ignatiusjahr", empfing er durch Nuntius Aloysius Muench im Frankfurter Dom die Priesterweihe. Es schloß sich an das Tertiat in Münster (1957-1958) wie ein Seelsorgspraktikum in Stockholm. Am 2. Februar 1964 legte er die Profeßgelübde ab.

Daß der Mensch menschlich werde, seiner Rolle als "Ebenbild" Gottes genüge, dem galten Pater Schüllers moraltheologischen Überlegungen und Bemühungen ("Der menschliche Mensch-Aufsätze zur Metaethik und zur Sprache der Moral", Düsseldorf: Patmos 1982). Die verworrene, oft komplizierte, allzumenschliche Welt bedrückte ihn. Immer wieder verwies er auf den Satz des Apostels Paulus im Philipperbrief: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! - Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus." (2,13) - oder auf den Satz des "Indiculus", der sich dem Denken des Hl. Augustinus verdankt (DS 248): "So groß nämlich ist gegenüber allen Menschen Gottes Güte, dass er zu unserem Verdienst, zu unserer Leistung macht, was sein Geschenk ist; und für das, was er uns geschenkt hat, wird er uns ewigen Lohn zukommen lassen" - "Tanta enim est erga omnes homines bonitas Dei, ut nostra velit esse merita, quae sunt ipsius dona, et pro his, quae largitus est, aeterna praemia sit donaturus."

Für Pater Schüller möge in der "Societas Jesu" im Himmel das ewige Vollendung werden , was er allabendlich im Gebet erhofft und erfahren hatte: "Deine Treue und Güte geleiten mich. Bei dir bin ich geborgen alle Tage meines Lebens."

R.i.p.

Hans-Theodor Mehring SJ

 

"Ein wissenschaftliche Würdigung ist erstellt worden von
Joachim Hagel O. Praem., Salzburg:
Prof. P. Dr. Dr. h.c. Bruno Schüller SJ
* 9. November 1924     30. Oktober 2007
in memoriam

in: Salzburger Theologische Zeitschrift
(2008) 150-165."