Gerhard Podskalsky

P. Gerhard Podskalsky SJ
* 16. März 1937     6. Februar 2013
Ordenseintritt 1956 - Priesterweihe 1966 - Letzte Gelübde 1979

Kurz vor Vollendung seines 76. Lebensjahres starb nach längerer Krankheit der international hoch angesehene Byzantinist, Slavist und Theologe, Professor Dr. phil. Gerhard Podskalsky SJ, am 6. Februar im Evangelischen Krankenhaus zu Köln-Kalk. Nach seiner Emeritierung in Frankfurt wohnte der gebürtige Saarbrückener ab 2009 vor allem wegen der Nierentransplantation im März 201 in der Seniorenkommunität "Friedrich Spee" des Jesuitenordens in Köln-Mülheim. Zuvor lebte und wirkte Podskalsky 34 Jahre in Frankfurt am Main, wo er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen seit Ende 1975 eine Gastprofessur, doch von 1981 bis 2005 den ganz auf ihn zugeschnittenen Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte, Byzantinische und Slavische Theologie innegehabt hatte. So bot er seit 1976 regelmäßig hier, aber oft auch am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom, Vorlesungen und Seminare zur Alten Kirchengeschichte und zur Theologie des Christlichen Ostens an. Gleichwohl fühlte er sich in all diesen Jahren auch der priesterlichen Seelsorge verpflichtet. Er übernahm es daher gern, an Wochenenden in benachbarten Gemeinden aushilfsweise die Messe zu lesen und zu predigen.

Sein Abitur machte Podskalsky 1956 am Staatlichen Ludwigsgymnasium Saarbrücken. Schon während der Schulzeit in der katholischen Jugendarbeit der Pfarrei St. Albert engagiert, trat er im Juni 1956 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu zu Eringerfeld ein. Bald darauf nahm er die ordensüblichen Studien auf: 1958 bis 1961 studierte er in Pullach bei München Philosophie. Danach absolvierte er ein pädagogisches Praktikum in Bonn/Bad Godesberg. Anschließend studierte er Theologie von 1963 bis1967 in Frankfurt/St. Georgen. Beide Studienabschnitte schloss er mit dem Lizenziat ab. In Frankfurt auch wurde Podskalsky am 27.8.1966 von Bischof Hans L. Martensen SJ zum Priester geweiht.

Die sich anschließenden Studienjahre an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, in denen er sich speziell den Studiengängen Byzantinistik, Slavistik, aber auch Ökumenische Theologie widmete, schloss Podskalsky am 15.7.1971 mit der Promotion im Hauptfach Byzantinistik (bei Prof. Hans-Georg Beck) ab. Seine für das Verständnis der politischen Ideologie der Byzantiner wichtige Dissertation "Byzantinische Reichseschatologie. Die Periodisierung der Weltgeschichte in den vier Großreichen (Daniel 2 und 7) und dem tausendjährigen Friedensreiche (Apok. 20). Eine motivgeschichtliche Untersuchung" erschien in München 1972. Hier auch, am Fachbereich "Altertumskunde und Kulturwissenschaften" der LMU, hat sich Podskalsky 1975, noch begleitet von Hans-Georg Beck, mit der grundlegenden Arbeit "Theologie und Philosophie in Byzanz. Der Streit um die theologische Methodik in der spätbyzantinischen Geistesgeschichte (14./15. Jh.), seine systematischen Grundlagen und seine historische Entwicklung" (München 1977) habilitiert. Damit erwarb er die Venia (Lehrbefähigung) für das Fach Byzantinistik.

Bestens vorbereitet und ausgewiesen, nahm nun Podskalsky sein Lebensthema in Angriff, das planvoll und konsequent darauf abzielte, mit Hilfe der Ausarbeitung dreier einschlägiger Handbücher daran mitzuwirken, "dem Einfluss und Wandel byzantinischen Geisteslebens in einem anderen, weil neuen kulturellen Umfeld nachzugehen" bzw. "die Besonderheiten der orthodoxen Kulturländer Ost- und Südosteuropas aus ihren Wurzeln und Anfängen heraus genauer zu erfassen." Ausgehend von der Überzeugung, man müsse "von der Idee Abschied nehmen, dass orthodoxe Theologie - abgesehen vom Inhalt des Symbolums von Nikaia-Konstantinopel und den Definitionen der ersten sieben Konzilien - eine quasi zeitlose, unveränderte und unveränderliche Einheit darstellt", beschrieb er den geeigneten methodischen Ansatz für sein Vorhaben so: "Man kommt (...) der Realität viel näher, wenn man das theologische Originalschrifttum der einzelnen Nationalkirchen (Patriarchate) in seiner vorscholastischen Form nach Gattungen getrennt und geordnet - diachronisch aufarbeitet und darstellt, möglichst unter Einbeziehung der Inedita." Dies sei zwar "ein mühseliges Verfahren, das aber nicht nur die Besonderheit der jeweiligen Nationalkirche, sondern auch die wechselseitigen Beziehungen mit den Nachbarkirchen (z.B. der "Slavia Orthodoxa") deutlich hervortreten lässt." Dabei sei die Frage ziemlich unerheblich, "ob die so erkannten, für die nationale Identität unverzichtbaren Einzelzüge in der entsprechenden Theologie der Gegenwart gerade klar bewusst oder aktuell sind. Auch weithin unbekannte Zufälligkeiten können nämlich charakteristisch sein"

Dieser Linie folgend, verfasste Podskalsky seine drei bahnbrechenden und zugleich grundlegenden Handbücher:
1. "Christentum und theologische Literatur in der Kiever Rus' (988-1237)", München 1982.
2. "Griechische Theologie in der Zeit der Türkenzeit (1453-1821). Die Orthodoxie im Spannungsfeld der nachreformatorischen Konfessionen des Westens", München 1988.
3. "Bulgarische und serbische theologische Literatur des Mittelalters (864-1459)", München 2000.

In zahlreichen Artikeln, Miszellen und etlichen Vorträgen im In- und Ausland hat Podskalsky Themen und Einzelaspekte dieser und anderer Werke anfangs vorbereitend umkreist, später dann vertieft, erweitert und ergänzt. Das zeigt sein online gestelltes Schriftenverzeichnis, das natürlich auch die zahlreichen Rezensionen ausweist, in denen er sich - immer kritisch und unbestechlich in seinem Urteil - mit dem aktuellen Diskurs der Forschung auseinandersetzte. Das Gleiche gilt für seine Vorträge, bei denen er sich wiederholt auch zu aktuellen Kontroversen äußerte: Hierbei gründete sich sein eigener, dezidiert westlicher Standpunkt stets auf die Wertschätzung der Philosophie, der Scholastik und des Humanismus.

Daher krönt auch die konzise Abhandlung "Von Photios zu Bessarion. Der Vorrang humanistisch geprägter Theologie in Byzanz und deren bleibende Bedeutung" (Wiesbaden 2003) die Reihe seiner Monographien. Inwieweit sich die in diesem Band angesprochene Thematik nach wie vor als höchst aktuell erweist, hatte Podskalsky schon zuvor in seinem Beitrag "Probleme der Vermittlung zwischen östlicher und westlicher Kultur" (1996) knapp und bündig auf den Punkt gebracht.

Rückblickend kann man es nur bewundern, dass und wie es Podskalsky gelungen ist, ein für die Kirchen- und Geistesgeschichte Ost- und Südosteuropas so zentrales Forschungsfeld umfassend auszuleuchten. Die breite Rezeption seiner Arbeiten, abzulesen an den vielen Übersetzungen seiner Monographien, ist kein Zufall; vielmehr beweist sie, dass die von ihm ausgebrachte Saat reiche Früchte trägt. Hierfür dankbar, werden wir dem hochgelehrten, kritischen, doch gänzlich uneitlen und humorvollen Menschen, Kollegen und Ordensbruder stets ein ehrendes Andenken bewahren.

Pater Podskalsky wurde beigesetzt auf dem Friedhof in Köln Melaten.

R.i.p.

Prof. Dr. Günter Prinzing (Mainz)

Jesuiten/Nachrufe 2013, S. 20 f.