P. Rolf-Dietrich Pfahl SJ
* 19. Dezember 1939 22. August 2018
Eintritt 1960 - Priesterweihe 1969 - Letzte Gelübde 1977

"Meine Lebensbereiche waren immer sowohl großstädtisch als auch ländlich", so beschrieb Rolf Pfahl, als er im März 2010 seine letzte Stelle als Seniorenseelsorger im sauerländischen Lüdenscheid antrat, den inneren und äußeren Spannungsbogen, der sein Leben bestimmte. Rolf-Dietrich Pfahl, am 19. Dezember 1939 in der Buch- und Messestadt Leipzig als Sohn des Begründers des Hermann Pfahl-Verlags geboren, blieb bei allen Wechseln und Versetzungen im Herzen und auch im äußeren Habitus "eine Mischung aus einem Technokraten und einem ländlichen Großfamilienvater". Vielseitig begabt war er ehrgeizig/selbstbewusst und angewiesen auf Anerkennung und Zuneigung in einem.

Er stammte aus einer konfessionsverschiedenen Familie: der Vater Hermann (*1891 1965) aus Leipzig, Gründer und Inhaber des Hermann-Pfahl Verlags in Leipzig, zuletzt in Baden-Baden, evangelisch, die Mutter Anneliese geb. Heimbach (*1916 1962) aus Köln, katholisch. Der Vater hatte sich zum Verlagschef hochgearbeitet (Atlanten und populärwissenschaftliche Literatur), die eine Generation jüngere Mutter brachte kölnische Tradition und bürgerliches Bewusstsein in die Familie. Rolf wuchs mit dem älteren Bruder Hans-Joachim (1938 - 1978) und der jüngeren Schwester Christa Maria (1946 - 2017) auf. Die Familie wurde 1943 in Leipzig ausgebombt und zog nach Laupheim, heute die zweitgrößte Stadt des Landkreises Biberach und Mittelzentrum in der Region Donau-Iller. Heimat wurde ihm aber das naheliegende Mietingen, ein Dorf mit Feldbau, Viehzucht und selbstbewussten Bauern.

Die Kinder- und Jugendjahre wurden durch Krieg, Umzüge und die berufsbedingte Reisetätigkeit des Vaters bestimmt. Rolf beschrieb die Ehe der Eltern als "recht unglücklich", was auf die Kinder 'durchfärbte'. Deshalb besuchten sie später verschiedene Internate. Rolf kam bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach Mietingen zurück, wo er bei einer befreundeten Bauernfamilie die verschiedenen Arbeiten schätzen lernte und überall mitmachte. In Mietingen feierte er am 20. Juli 1969 auch seine Primiz.

Anfang 1957 zog die Familie nach Baden-Baden. Dort besuchte Rolf an einem neusprachlich-mathematischen Gymnasium das letzte Schuljahr und machte da sein Abitur. "Das Jahr in Baden-Baden habe ich in einer weniger guten Erinnerung. Die Schule war - für mich erstmals - eine reine Jungenschule, die Mädchen im benachbarten Lyzeum waren für meine Klassenkameraden keine Kameradinnen, sondern eine Art 'höhere Wesen', das Klima der Stadt geprägt durch die Ausrichtung auf die vielen prominenten Kurgäste. Ich machte auch den Fehler, das Abitur als Primus zu absolvieren, hatte die Abiturrede zu halten." Rolf Pfahl war begabt, wusste dies - und ließ es einen auch merken. "Durch eine gute praktische Veranlagung, die mein älterer Bruder so nicht besaß, lernte ich, durch Leistung meinen Platz zu gewinnen und akzeptiert zu werden."

Für den Vater und in der Familie war unausgesprochen klar, dass Rolf eines Tages den Verlag übernehmen würde. Schon als Schüler machte er Praktika und wurde auf Geschäftsreisen mitgenommen. Da für ihn die Berufsentscheidung aber noch nicht klar war, einigte man sich auf den Kompromiss: zuerst 'Jurastudium'. Drei Semester hörte er in Tübingen, das vierte in Münster. Er trat einer katholischen Studentenverbindung bei und engagierte sich in der kath. Hochschulgemeinde.

"Durch die Begegnung mit vielen Nichtchristen, die mir moralisch sehr imponierten, wurde mir dabei der Reichtum des christlichen Glaubens neu bewusst. ... In Münster kam bei einem Adventstriduum zum ersten Mal der Gedanke in mir hoch, Priester zu werden". Er fand einen guten Begleiter, der ihn bei der Suche unterstützte. "Bei den Jesuiten hatte ich dann bei einem Informationsbesuch meine persönliche Berufungserfahrung". Es war die Begegnung mit dem am 1. Juli 1960 verstorbenen Tertiatsinstruktor P. Otto Pies.

Am 26. April 1960 begann er auf dem Jakobsberg unter dem Novizenmeister Günter Soballa das Noviziat. Im Dezember 1960 wurde das neue Noviziat Peter-Faber-Kolleg in Berlin-Kladow bezogen. Ab Herbst 1962 studierte er Philosophie in Pullach. Nach dem Lizentiat arbeitete er für ein Jahr als Sekretär und Chauffeur des Provinzials Soballa in der Neuen Kantstraße 1 in Berlin, wo er den Titel "Frater Provinzial" nicht wirklich ungern hörte. Im Herbst 1966 begann er die vier Jahre Theologie in Sankt Georgen, "für mich eine recht schöne Zeit, da wir auch in der Gemeinschaft neue Wege versuchten, z.B. Strukturierung des Großkonvents in Gruppen". Am 13. Juli 1969 wurde er in der St. Canisiuskirche in Berlin durch Bischof Hans Martensen SJ zum Priester geweiht. Schon vor dem Gradusexamen wurde er beauftragt, in Sozialethik zu promovieren, um dann an einem für Berlin geplanten Institut zu dozieren. Da er bei P. Bruno Schüller studieren wollte, zog er nach Bochum um und arbeitete halbtags in der Hochschulgemeinde mit. Während der Promotion erwies sich, dass das für Westberlin geplante Institut nicht zustande kommen werde. Deshalb sollte er Studentenpfarrer in Göttingen werden. Die Dissertation "Haftung ohne Verschulden als sittliche Pflicht", erschienen als Band 2 der Moraltheologischen Studien bei Patmos, Düsseldorf 1974, wurde von P. von Nell-Breuning befürwortet und nach dem Wechsel von Bruno Schüller SJ nach Münster von P. Hans Rotter SJ, Innsbruck betreut. In Innsbruck wurde P. Pfahl auch promoviert.

Göttingen hatte zuvor drei Jahre lang nur nebenamtliche Studentenpfarrer. Ein kurz vor Rolf Pfahl zum hauptamtlichen Seelsorger destinierter Mitbruder reiste schon nach einer Woche wieder ab. Das Haus in der Kurzen Straße war heruntergekommen. Bei der Planung des Programms für das WS 73/74 wurde Rolf gesagt, Gottesdienste würden nicht aufgenommen, weil diese das Image der KSG verfälschten. "So trat ich zum Sommersemester 73 in Göttingen an, wo ich zunächst auf Ablehnung bis zur Feindseligkeit stieß, wo ich aber allmählich eine sehr lebendige Gemeinde aufbaute mit viel innerem Pioniergeist. Ich erfuhr in dieser Zeit, dass ich angenommen, nicht nur gebraucht wurde." Die Jahre bis zum 1. Januar 1981 wurden für ihn eine gute, er nannte sie "glückliche" Zeit. Freilich begannen damals schon die späteren Probleme: übermäßiges Rauchen und Alkohol, um die inneren und äußeren Schwierigkeiten und manchen Frust zu bewältigen.

Im Wissen um sein Organisationstalent bürdete man ihm zum Herbst 1977 das Rektorat am Canisius-Kolleg in Berlin auf. Diese Aufgabe wurde von P. Provinzial Bernward Brenninkmeyer mit dem Auftrag verbunden, den dringend benötigten Erweiterungs- und Neubau der Schule zu bewerkstelligen und das dafür notwendige Kapital zu akquirieren. "Als ich mich den Mitbrüdern in Berlin vorstellte und von meinem Auftrag berichtete, in drei Jahren das Kolleg weitgehend zu erweitern und zu erneuern, wurde ich schlichtweg ausgelacht; man hatte das seit 20 Jahren zu oft gehört". Bei seinem Amtsantritt hatte das Kolleg eine Baufonds-Rücklage von einer halben Million DM. Er gewann durch Verhandlungen mit Kardinal Alfred Bengsch, durch den Verkauf des Grundstücks von P. Tanner in Kladow (der sog. Tannerei), durch Umwidmung eines Teils des Vermögens des Alfred-Delp-Haus e.V., dessen Geschäftsführer er seit 1979 war, und durch Sammel- und Bettelaktionen bei Freunden und Eltern ca. 17 Millionen DM. Der Neubau - der erste der später so genannten 'Pfahlbauten' (Alfred-Delp-Haus, Peter Faber Kolleg, Sankt Georgen) - wurde im September 1980 eingeweiht. "In Berlin setzte sich die Flucht in den Alkohol fort. ... Ich erinnere mich, dass ich beim Einweihungsfest innerlich völlig kalt blieb, obwohl ich groß gefeiert wurde - ich spürte, dass das Lob meiner Leistung galt, nicht mir selbst."

Am 1. Dezember 1980 ernannte ihn P. General Pedro Arrupe zum Nachfolger von P. Johannes Günter Gerhartz als Provinzial der Norddeutschen Provinz in Köln. Er stellte sich dieser Berufung im Gehorsam; seine Einwände hatte man zwar in Köln und Rom angehört, aber nicht als gravierend eingeschätzt. Seine Amtszeit dauerte vom 1. Januar 1981 bis zum 31. Juli 1986. Er trug innerlich schwer an der Verantwortung für die damals ca. 520 Mitbrüder und die 35 Niederlassungen in vier Staaten. Dies bedeutet, dass er praktisch ständig unterwegs war: zu Visiten bei Mitbrüdern, zu Konferenzen, zu sonstigen Terminen. "Ich erfuhr mich in der Provinz als überraschend gut angenommen, aber auch die Einsamkeit, die mit dem Amt verbunden ist". Die Alkoholkrankheit plagte ihn periodisch weiterhin, der Verbrauch von Mentholzigaretten blieb hoch.

Warum er nach dem Dienst in Köln zum Rektor in Frankfurt Sankt Georgen berufen wurde, ist wenig einsichtig. Durch die bleibende Herausforderung und die für ihn immer schwerer zu ertragenden Belastungen geriet er noch tiefer in die Alkoholkrankheit. In Sankt Georgen gelang es ihm, überfällige Strukturänderungen sowie bauliche Veränderungen in Bewegung zu bringen. Es mehrten sich aber auch die Zeiten der Krankheit. Dass er sich und den Mitbrüdern seine Sucht offen eingestand und versuchte, durch therapeutische Hilfen abstinent zu leben, beeindruckte viele.

1990 versetzt man ihn als Cityseelsorger und Kirchenrektor nach St. Alfons in Aachen. In dieser Tätigkeit wurde er geschätzt. Er gab Gebetskurse und Exerzitien. 'Nebenher' hatte er allerdings auch die Renovierung der Kirche zu betreuen. Im Kampf gegen den Alkohol gab es Teilerfolge durch monatelange Trockenheit, aber keinen Sieg.

Ab 1998 leitete er bis zum Erreichen der Altersgrenze das Exerzitienreferat im Bistum Essen und setzte dort mit geistlichen Vorträgen und 'Exerzitien im Alltag' deutliche Akzente. Viele wandten sich an ihn mit der Bitte um geistliche Begleitung. "Dem Teufel macht es höllischen Spaß, die Menschen in ihrer Vergangenheit festzuhalten und sie dadurch mit großem Erfolg davon abzuhalten, das Heute zu leben und zu gestalten", schrieb er einmal. Christus aber lädt uns ein, "jedes Tun, jeden Tag, jedes Jahr, jeden Abschnitt meines Lebens ihm zurückzugeben und in seine Sorge zu übergeben; mit Dank für alles, was mir gelungen ist, mit der Bitte um Vergebung, wo ich versagt habe, vor allem, dass er ergänzt und heilt, wo ich andern nicht gerecht geworden bin".

Als 2010 Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, geistlicher Übergriffe und körperlicher Gewalt - zuerst am Canisius-Kolleg - öffentlich bekannt wurden, übernahm er für seine Versäumnisse während seiner Zeit als Rektor am Kolleg und für seine Fehlentscheidungen als Provinzial Verantwortung und bat die Opfer um Vergebung. Er bemühte sich, und mancher Schritt wäre ihm besser gelungen, manche Entscheidung wäre konsequenter getroffen worden, hätten die Mitbrüder vor Ort - und vor allem die Altschüler unter ihnen - genauer hingeschaut, sich ein unvoreingenommenes Urteil gebildet und wären initiativ geworden. Die späteren, so sicheren Urteile nicht Betroffener haben einen schalen Beigeschmack.

Auf eigenen Wunsch ging er 2011 als Seelsorger ins Sauerland und verstärkte dort das Pastoralteam in Lüdenscheid. Gerade älteren Menschen konnte er vermitteln, dass der Abend des Lebens eine wichtige Zeit des Reifens ist und dass wir vor Gott nie unnütz sind. Für ihn wurden es erfüllte Jahres, in denen er Pastor und Begleiter sein und zeigen konnte, dass Seelsorge zuallererst Begegnung ist.

Im Juni 2018 wurde ein maligner, sehr aggressiver Hirntumor diagnostiziert, der trotz operativen Eingriffs nicht mehr einzudämmen war. Am frühen Morgen des 22. August 2018, dem Fest Maria Königin, starb Rolf-Dietrich Pfahl im Hospiz in Lüdenscheid. Er war ein verantwortungsbewusster und treuer Gefährte des kreuztragenden Herrn.

Sein Andenken sei zum Segen!

Karl Heinz Fischer SJ

Jesuiten-Nachrufe 2018, S. 42-45
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